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Zum Buch

Zwölf Jahre nach dem Tod und der Vergewaltigung eines Mädchens wird eine Zeitkapsel in Reykjavík gehoben. Darin enthalten: 10 Jahre alte Briefe von Schülern, die beschreiben, wie sie sich Island im Jahre 2016 vorstellen. Darunter findet sich noch etwas anderes: eine unheimliche Botschaft, die akribisch genau die Initialen von zukünftigen Mordopfern auflistet. Kurz danach werden zwei abgetrennte Hände in einem Hot Tub treibend gefunden. Doch noch hat keiner eine Vermisstenanzeige bei der Polizei gestellt. Schon bald taucht eine Leiche auf, dicht gefolgt von einer zweiten, und es ist klar, dass die Botschaft aus der Zeitkapsel ernst zu nehmen ist.

Ein Fall für Kommissar Huldar, der sich beweisen muss: Von seinen Leitungsaufgaben entbunden, wird er von den meisten seiner früheren Untergebenen gemieden, die Beziehung zur Kinderpsychologin Freyja ist ebenfalls ruiniert, was er zu reparieren hofft, indem er sie in die jetzigen Ermittlungen miteinbezieht ...

Zur Autorin

YRSA SIGURDARDÓTTIR, geboren 1963, ist eine vielfach ausgezeichnete Bestsellerautorin, deren Spannungsromane in über 30 Ländern erscheinen. Sie zählt zu den »besten Kriminalautoren der Welt« (Times Literary Supplement). Sigurdardóttir lebt mit ihrem Mann und zwei Kindern in Reykjavík. Sie debütierte 2005 mit »Das letzte Ritual«, einer Folge von Kriminalromanen um die Rechtsanwältin Dóra Gudmundsdóttir. »SOG« ist nach »DNA« der zweite Roman um die Psychologin Freyja und Kommissar Huldar von der Kripo Reykjavík.

Yrsa Sigurdardóttir

SOG

Thriller

Aus dem Isländischen
von Tina Flecken

Dieses Buch ist Mjása und Pilla gewidmet.

Yrsa

PROLOG, SEPTEMBER 2004

Die Schule warf einen eiskalten Schatten auf den menschenleeren Schulhof. In einiger Entfernung wurden die wenigen Passanten noch von der Sonne gewärmt, doch sobald sie in den Schatten traten, wickelten sie ihre Jacken und Mäntel fester um sich und beschleunigten ihren Schritt. Eigentlich war es windstill, nur auf dem Schulhof wehte eine frische Brise und brachte die Schaukeln in der Ecke in Bewegung. Sie schwangen leicht vor und zurück, als säßen unsichtbare Kinder darauf und würden sich langweilen. Wie Vaka. Wobei die Langeweile nicht so schlimm war wie die Kälte, die ihr in die Wangen stach. Die Zehen waren eiskalt, sie war völlig durchgefroren und saß bibbernd auf den Stufen der kalten Treppe. Der neue Anorak ging ihr nicht bis über den Po, und sie bereute es, nicht auf ihre Mutter gehört und sich für den längeren entschieden zu haben. Aber der war nur in Dunkelblau da gewesen und der kürzere in Rot. Vaka rückte den Schulranzen auf dem Rücken zurecht und überlegte, ob sie nicht lieber in die Sonne gehen sollte. Da könnte sie sich zumindest ein bisschen aufwärmen, solange sie noch warten musste. Doch der Schatten nahm fast den ganzen Schulhof ein, und wenn sie aus ihm herausträte, würde ihr Vater sie womöglich nicht sehen und wieder fahren. Nein, dann lieber frieren.

Ein Auto in derselben Farbe wie das ihres Vaters kam angefahren, aber dann erkannte sie, dass es ein ganz anderer Wagen und ein ganz anderer Mann waren, und wurde wieder trübsinnig. Hatte er sie vergessen? Es war der erste Tag in der neuen Schule, und er hatte vielleicht gedacht, sie würde zu Fuß nach Hause gehen, so wie früher. Zum hundertsten Mal spürte sie eine schmerzliche Sehnsucht nach ihrem alten Zuhause. Das Einzige, was an dem neuen Ort besser war, war ihr Zimmer; das war größer und schöner als das in der alten Wohnung. Alles andere hatte sich verschlechtert, auch die Schule und vor allem ihre Mitschüler. Vaka kannte niemanden, und niemand kannte sie. In ihrer alten Klasse hatte sie gewusst, wie alle hießen, und sogar die Namen der Haustiere der Mädchen gewusst. Jetzt schwirrte ihr der Kopf vor lauter neuen Gesichtern, die sie sich nicht merken konnte. Es war wie bei Memory – da gewann sie auch nur, wenn Mama sie gewinnen ließ.

Vaka zog die Nase hoch. Wann würde ihrem Vater einfallen, dass er sie abholen musste? Sie drehte sich um und blickte an dem Schulgebäude nach oben, in der Hoffnung, jemanden in den Fenstern zu sehen, aber die waren genauso dunkel wie der kalte Schatten, und nichts rührte sich. Eine Windböe fuhr ihr übers Gesicht, und sie erschauerte. Sie stand auf und ging die Treppe hinauf zum Eingang. Irgendein Erwachsener musste doch noch in der Schule sein. Jemand, der sie hereinlassen würde, damit sie zu Hause anrufen konnte. Aber die Tür war fest verschlossen. Anklopfen würde bei dem dicken Holz nichts bringen. Vaka ließ die Hand sinken und starrte die hohe Tür an, als würde sie davon aufgehen. Doch nichts geschah, und sie beschloss, sich wieder zu setzen. Hoffentlich war die Treppe nicht mehr so kalt wie vorhin.

Als sie sich umdrehte, war die Kälte plötzlich vergessen. Auf der untersten Stufe stand ein Mädchen aus ihrer neuen Klasse. Vaka hatte sie gar nicht kommen hören. Vielleicht hatte sie sich angeschlichen, aber warum hätte sie das tun sollen? Vaka würde sie ja nicht gleich beißen. Sie kannten sich überhaupt nicht, obwohl Vaka sich gut an das Mädchen erinnern konnte. Kein Wunder, denn an einer Hand fehlten ihm zwei Finger. Der kleine Finger und der Ringfinger. Sie hatte alleine in der ersten Reihe gesessen und war sehr schüchtern gewesen. Erst hatte Vaka gedacht, es sei auch ihr erster Tag in der neuen Schule, aber der Lehrer hatte sie nicht vorgestellt, deshalb hatte sie mit dieser Vermutung wohl falschgelegen. Als sie im Unterricht Gruppenarbeit machen sollten, hatte das Mädchen kein Wort gesagt, auch mit den anderen Kindern hatte es nicht gesprochen. In der Pause hatte sie abseits gesessen und vor sich hin gestarrt, so wie Vaka vorhin auf der Treppe. Sie hatte keine Miene verzogen, noch nicht einmal, als zwei Jungen sie mit einer Zeile aus einem Kinderreim aufgezogen hatten. Vakas Großmutter hatte den Reim früher auch manchmal aufgesagt: »Kleiner Finger, kleiner Finger, wo bist du? Ringfinger, Ringfinger, wo bist du?« Vaka fand das vorhin total gemein, aber die anderen hatten sich nicht darum gekümmert. Am Ende hatte sie woandershin geschaut und sich nicht getraut, sich einzumischen. Sie war ja die Neue.

»Es ist schon abgeschlossen.« Das Mädchen lächelte vorsichtig, wurde aber sofort wieder ernst. Vielleicht hatte Vaka sich auch nur verguckt, aber ein Bild von einem hübschen Gesicht blieb in ihrem Kopf haften. »Sie schließen nach der Schule immer ab.«

»Oh.« Vaka blieb unschlüssig auf der obersten Stufe stehen und wusste nicht, was sie sagen sollte. Sie hatte sich schon immer schwer damit getan, andere Kinder kennenzulernen oder mit Fremden zu reden, und der ganze Tag heute war vorbeigegangen, ohne dass jemand versucht hatte, sie aus ihrem Schneckenhaus zu locken. »Ich wollte nur fragen, ob ich mal telefonieren kann.«

»Vielleicht kannst du vom Kiosk aus telefonieren. Der ist direkt da drüben.« Das Mädchen zeigte zum anderen Ende der Straße. Sie trug Fäustlinge, um ihre missgestaltete Hand zu verstecken.

Vaka schluckte und antwortete verlegen: »Ich hab kein Geld dabei.« Mama sollte ihr eigentlich jeden Freitag Taschengeld geben, vergaß es aber immer. Meistens war das nicht so schlimm, aber manchmal eben doch. So wie jetzt. Genauso schlimm, wie dass Papa vergessen hatte, sie abzuholen. Erwachsene waren immer so unzuverlässig.

»Ach so.« Das Mädchen schaute sie mitfühlend an. »Ich auch nicht.« Sie öffnete den Mund, als wollte sie noch etwas sagen, ließ es dann aber bleiben und presste die Lippen aufeinander. Im Gegensatz zu Vaka, die in ihren neuen Anorak noch hineinwachsen musste, war die Jacke des Mädchens schon viel zu klein; die Ärmel waren zu kurz, und der Reißverschluss schien nicht mehr richtig zuzugehen. Sie hatte keine Mütze auf, und ihre ungekämmten Haare wurden vom Wind durcheinandergeweht. Obwohl es trocken war, trug sie alte, ausgeblichene Gummistiefel. Nur ihre hübschen bunten Handschuhe waren relativ neu und sauber.

»Ist schon okay. Ich warte einfach noch ein bisschen.« Vaka bemühte sich zu lächeln, doch es misslang ihr. Sie wollte nicht weiter in dieser Ungewissheit ausharren. Ihr war kalt, und sie hatte Hunger. Wenn ihr Vater pünktlich gekommen wäre, würde sie jetzt in der neuen Küche sitzen und Toastbrot essen. Vaka hatte den Geschmack von geschmolzener Butter und Marmelade auf der Zunge, wodurch der Hunger noch größer wurde.

Das Mädchen stand unten an der Treppe und fragte zögernd: »Soll ich mit dir warten?« Sie schaute Vaka dabei nicht an, sondern hatte den Kopf abgewandt und starrte auf den leeren Schulhof. »Kann ich ruhig machen, wenn du willst.«

Vaka hatte nicht sofort eine Antwort parat. Was wäre besser? Alleine dazusitzen und zu frieren oder zusammen mit einem Mädchen hierzubleiben, dessen Namen sie nicht kannte, und nicht zu wissen, worüber man reden sollte. Und auch wenn sie erst acht Jahre alt war, wusste sie doch, dass es auf manche Fragen nur eine richtige Antwort gab: »Ja, gerne. Wenn du Lust hast.« Als das Mädchen sich schnell zu ihr drehte und breit lächelte, fügte sie hinzu: »Aber wenn mein Papa mich holen kommt, muss ich sofort gehen.«

Das Lächeln verschwand, und das Gesicht des Mädchens wurde wieder ausdruckslos. »Ja, klar.«

Vaka versuchte, die Situation zu retten, denn sie erinnerte sich an die Hänseleien der Jungen, und wie einsam das Mädchen gewirkt hatte. »Vielleicht kann er dich ja auch nach Hause fahren.« Sofort bereute sie ihre Worte, denn sie hatte ihre Eltern oft darüber reden hören, wie teuer das Benzin sei. Vaka wollte ihren Vater nicht bitten, einen Umweg zu machen, denn sie hatten nicht mehr viel Geld, seit sie das neue Haus gekauft hatten. Deshalb war ihr Anorak zu groß, und ihre neuen Schuhe hatten reichlich Zehenfreiheit. »Wohnst du weit weg?«

»Nein. Ich wohne direkt dahinter.« Das Mädchen zeigte auf die Schule und meinte vermutlich die Häuserreihe, die Vaka in der Pause gesehen hatte, als sie die Rückseite des Schulhofs inspiziert hatte. Zwischen den Häusern und der Schule stand ein hoher Zaun, hinter dem sich jede Menge Müll angesammelt hatte: verblichene und zerrissene Verpackungen, Papierreste, Plastiktüten und welkes Laub. Vaka hatte sich vor dem Abfall geekelt, doch da dies eine der wenigen Stellen auf dem Schulgrundstück war, an denen man den hämischen Singsang der Jungen nicht hören konnte, war sie trotzdem zu dem Zaun gegangen und hatte hindurchgespäht, an dem Müll vorbei.

Den gedämpften Lärm der spielenden Kinder in den Ohren, hatte sie den Blick über die Häuser und Gärten schweifen lassen, dankbar, dass ihre Eltern nicht hier eins gekauft hatten. Die Häuser sahen genauso schäbig und verdreckt aus wie der Zaun, schlecht gestrichen und mit Gärten wie Urwälder. An einer Stelle ragte ein rostiger Grill aus dem hohen Unkraut heraus, und wenn Vaka nicht alles täuschte, wucherte es bereits durch einen kleinen Spalt in der Abdeckung. Vor den schmutzigen Fenstern hingen dazu passende schiefe, fleckige Vorhänge. Einige Fenster waren mit Decken zugehängt, andere mit Zeitungen und Pappe. Vaka fand die Häuser so unheimlich, dass sie sich von dem Zaun abwandte und zurück zu den anderen Kindern ging, die so taten, als wäre sie Luft.

Einen Vorteil hatte dieses Viertel immerhin. Es lag nah bei der Schule. Vielleicht konnte sie ja bei dem Mädchen telefonieren? Man wäre in ein paar Minuten bei ihr, und falls Papa in der Zwischenzeit kommen würde, wäre er noch in der Nähe. Vaka nahm all ihren Mut zusammen und sagte: »Meinst du, ich könnte mal bei dir telefonieren?«

Vaka erschrak, als sie das entsetzte Gesicht des Mädchens sah. »Bei mir?« Das Mädchen schluckte und wich Vakas Blick aus. Sie starrte auf ihre Handschuhe und nestelte an ihrer lädierten Hand herum. »Sollen wir nicht lieber hier warten? Dein Papa kommt bestimmt gleich.«

»Hm.« Vaka rückte den Ranzen auf ihrem Rücken zurecht. Er schien mit jeder Minute, die sie wartete, schwerer zu werden. »Aber wenn ich bei euch telefonieren darf, kannst du nachher mit zu uns zum Spielen kommen.« Vaka nahm an, dass sich das Mädchen darüber freuen würde, nicht zu Hause sein zu müssen, wenn sich ihr Zimmer in einem dieser Häuser befand. Vielleicht hatte sie sich deshalb so erschrocken. Vielleicht wollte sie nicht, dass Vaka sah, wo sie wohnte. Hastig fügte Vaka hinzu, es sei ihr piepegal, wie es bei ihr zu Hause aussähe.

Das Mädchen schien unsicher zu sein, was sie darauf antworten sollte. »Na gut, aber nur, wenn du dich beeilst. Und wenn wir danach zu dir zum Spielen gehen. Und du musst ganz leise sein. Mein Papa schläft bestimmt.«

Vaka nickte zufrieden, sowohl über die Antwort als auch darüber, dass sie eine Klassenkameradin kennengelernt hatte. Sie hatte zwar gehofft, sich mit den anderen Mädchen anzufreunden, vor allem mit denen, die am nettesten und beliebtesten wirkten, aber die hatten sie ignoriert und brauchten anscheinend keine neuen Freundinnen. Vielleicht war dieses Mädchen das Beste, was sie kriegen konnte, und vielleicht war sie ja ganz nett, auch wenn ihr zwei Finger fehlten. Sie war zumindest nicht unfreundlich. Doch als sie losgingen, kamen Vaka Zweifel. Sie hatte die heruntergekommenen Häuser wieder vor Augen, und plötzlich wollte sie lieber keins davon betreten. Sie hätte besser auf der kalten Treppe gewartet. Aber nun war es zu spät. Sie hatten den Schulhof bereits verlassen, waren unterwegs zu dem kleinen Wohngebiet, immerhin liefen sie jetzt in der Sonne.

Doch Vaka wurde trotzdem nicht warm. Sie fror nur noch mehr.

Fieberhaft suchte sie nach einem Vorwand, um umzukehren, ohne das Mädchen zu verletzen. Ihre neue Freundin schwieg den ganzen Weg über, als wäre sie sich genauso bewusst darüber wie Vaka, dass jeder Schritt sie dem Ziel näherbrachte. Sie hatten kein Wort miteinander gewechselt, als sie endlich auf den gesprungenen Platten des Gehwegs vor einem der Häuser stehen blieben, die Vaka am Morgen betrachtet hatte. Verstohlen musterte Vaka die Fassade. So weit sie sehen konnte, handelte es sich um das baufälligste Haus in der ganzen Straße.

Es hatte zwei Etagen und war mit rostigen Wellblechplatten verkleidet, die bestimmt seit Jahren nicht mehr gestrichen worden waren. Der Vorgarten war im selben Zustand wie die Hintergärten, die Vaka am Morgen gesehen hatte. Zwischen Löwenzahn, Sternmiere und krüppeligen Büschen lag ein verrostetes Dreirad. Die Fensterscheiben hatten Risse, und niemand hatte sich bemüht, sie auf der Straßenseite mit hübschen Gardinen zu kaschieren. Zu allem Überfluss war auch noch die Haustür schief. Das war ein schlimmer Ort.

Vaka versuchte verzweifelt, sich etwas einfallen zu lassen, damit sie umkehren konnten, aber es war zu spät. Das Mädchen schaute sie mit finsterer Miene an und sagte: »Komm mit, hier wohne ich. Sei leise und beeil dich. Danach gehen wir zu dir nach Hause zum Spielen, ja?« Freudige Erwartung blitzte in ihren trostlosen Augen auf, und Vaka nickte automatisch.

Sie folgte dem Mädchen ins Haus. Es war, als wäre ihr Schulranzen voller Steine, und ihre Brust wurde eng. Jeder Schritt kostete sie große Überwindung, und sie fühlte sich, wie wenn man etwas machte, von dem man wusste, dass es übel ausgehen würde. Wie damals, als sie bei einer Party ihrer Eltern den Tisch decken wollte, zu viele Teller auf einmal getragen hatte und ihr alle aus der Hand gerutscht waren. Schon in dem Moment, als sie den Tellerstapel hochgehoben hatte, hatte sie gewusst, dass er zu schwer war. Aber sie hatte trotzdem weitergemacht. Und jeder einzelne Teller war zerbrochen. Jetzt fühlte sie sich genauso.

Das Mädchen stand vor der Tür, die Hand auf der Klinke. »Komm, denk dran, du musst dich beeilen.« Sie flüsterte fast, als befände sich im Haus ein Ungeheuer, das sie nicht reizen dürften.

Vaka nickte verzagt und machte den letzten Schritt zur Tür. Dann trat sie ins Haus. Aus der Sonne in die Dunkelheit. Der Geruch von Zigaretten und etwas Saurem schlug ihr entgegen, und sie rümpfte die Nase. Das Mädchen zog hinter ihnen die Tür zu, und die Dunkelheit wurde noch schwärzer. Was vielleicht auch besser war, weil die Unordnung, die in diesem Haus herrschte, dadurch nicht so auffiel, und das Mädchen Vakas erschrockenen Gesichtsausdruck nicht sehen konnte.

»Das Telefon ist oben. Komm mit!«, wisperte das Mädchen kaum hörbar und mit flackerndem Blick. Als Vaka nicht sofort reagierte, winkte sie ungeduldig. Sie hatte den Anorak ausgezogen, aber nur einen Handschuh.

Vaka löste den Blick von dem anderen Handschuh, der die fehlenden Finger verbarg, und trat vorsichtig über die Türschwelle aus dem Flur. Im selben Moment knarrte im Obergeschoss eine Bodendiele. Der Kopf des Mädchens zuckte zurück, als sie nach oben schaute. Ihr Gesicht war vor Angst verzerrt.

Vaka versteifte sich und spürte, wie ihre Augenlider anfingen zu brennen, als müsste sie gleich in Tränen ausbrechen. Was machte sie hier? Ein leises Stöhnen entfuhr ihr, und trotz der Stille im Haus wirkte es kraftlos. Das war ein schrecklicher Fehler. Schlimmer als die Teller. Panik überkam sie, sodass sie keinen klaren Gedanken mehr fassen konnte. Bis auf den, dass sie noch nicht einmal wusste, wie das Mädchen hieß.

– – –

Vermisst wird Vaka Orradóttir. Vaka ist acht Jahre alt, hat schulterlange, dunkelblonde Haare, ist schlank und zierlich. Sie trägt einen roten Anorak, eine rote Mütze, Jeans und rosafarbene Turnschuhe. Vaka wurde zuletzt heute um fünfzehn Uhr gesehen, als sie ihre Schule in Hafnarfjörður verließ. Die Polizei geht davon aus, dass sie sich noch in der Stadt aufhält. Wer Vaka gesehen hat, wird gebeten, die Polizei in Hafnarfjörður unter der Rufnummer 5253300 zu kontaktieren.

2016

1. KAPITEL

Huldar knallte einen Stapel Kopien, die er in der Schule bekommen hatte, auf seinen Schreibtisch. Bis auf diverse halbvolle Kaffeetassen, die sich dort angesammelt hatten, war der Tisch fast leer. Inzwischen bekam er nur noch Aufgaben übertragen, für die sich seine Kollegen zu schade waren. Wie diese Sache mit der Schule. Über die würden sie sich im Kommissariat bestimmt wieder lustig machen, genau wie über ihn – den Vorgesetzten, der in Ungnade gefallen und abgesetzt worden war. Er saß jetzt am äußersten Ende des Großraumbüros, von wo aus er sein altes Einzelbüro kaum noch sehen konnte.

Er vermied es so gut wie möglich, in diese Richtung zu schauen. Im Grunde war es ihm egal, dass er im Ansehen seiner Vorgesetzten gesunken war, viel schlimmer fand er, dass seine ehemaligen Mitarbeiter ihn behandelten, als wäre sein Absturz ansteckend. Er hatte gedacht, das Verhältnis zu den Kollegen würde wieder genauso sein wie vor seiner Beförderung, aber da hatte er sich getäuscht. Ihr Schweigen, wenn er ins Büro kam, und ihr Flüstern, sobald er wieder ging, waren so unerträglich, dass er sich sogar manchmal wünschte, er würde die Abteilung noch leiten.

Diese Momente währten jedoch nie lange, weil ihm früher oder später wieder einfiel, wie beschissen er sich in dieser Position gefühlt hatte. Ständig Formulare, Berichte, Meetings, der ganze sinnlose Papierkram – wenn ihm vorher jemand erzählt hätte, worin diese Arbeit bestand, hätte er die Beförderung niemals angenommen. Doch leider hatte es nicht viele Erklärungen gegeben, sondern lediglich einen Satz, bestehend aus vier Worten: Wollen Sie Abteilungsleiter werden? Die Polizeidirektion hatte es eilig gehabt, weil eine Reihe von Skandalen dazu geführt hatte, dass die meisten Abteilungsleiter abtreten mussten, und die Wahl war auf Huldar gefallen, völlig willkürlich. Da die Polizeiarbeit nicht auf Universitätsabschlüssen oder anderen Kenntnissen beruht, die man normalerweise für eine Führungsposition vorweisen muss, berief man sich auf das Naheliegende: das Alter oder die Berufszugehörigkeit. Dabei musste man lediglich Zahlen abgleichen, allerdings vermutete Huldar, dass seine Vorgesetzten nach dem Chaos im Zuge der Skandale als zusätzliches Kriterium noch die Körpergröße hinzugezogen hatten. Er war sich nämlich ganz sicher, dass sein Kopf aus der Gruppe herausgeragt hatte, als sie sich nach einem neuen Chef umgeschaut hatten. Er hätte sich wohl besser hingesetzt oder geduckt. Dann hätte er jetzt noch denselben Job wie vorher und befände sich im mittleren Bereich der Hierarchie. Nicht auf der untersten Stufe.

Aber Huldar machte niemandem Vorwürfe. Er hätte den Job ja ablehnen können. Er war auch nicht sauer, dass er degradiert worden war. Es wäre nie gut gegangen, wenn er weiter in vorderster Reihe gestanden hätte. Er hatte eine Mordermittlung dermaßen vermasselt, dass ihm das so leicht keiner nachmachen würde. Als er einer seiner Schwestern die Sache erklären wollte, war ihm als Vergleich nur ein Chirurg eingefallen, der mit gezücktem Messer in den OP rannte, um eine Notoperation zu machen, dabei ausrutschte und dem Patienten den Kopf abschnitt.

Das Schlimmste war, dass er Freyja, die ehemalige Leiterin des Kinderhauses, mit ins Verderben gerissen hatte. Die Verantwortlichen beim Jugendamt konnten es ihr nicht durchgehen lassen, dass sie im Kinderhaus einen Mann erschossen hatte, weshalb sie dort nur noch als normale Psychologin angestellt war.

Im Grunde konnten sie beide dankbar sein, dass sie sich keinen neuen Job suchen mussten.

Dankbarkeit schien Freyja jedoch fernzuliegen. Wenn sie sich nach dem verhängnisvollen Ereignis im Kinderhaus überhaupt mal begegnet waren, hatte sie ihn kaum eines Blickes gewürdigt. Sie war stinksauer, und zwar auf ihn. Huldar runzelte die Stirn, als er daran dachte. Er hatte gehofft, dass Freyja und er trotz des unrühmlichen Anfangs, des holprigen Zwischenspiels und der desaströsen Schlussszene zusammenkämen. Aber er war selbst schuld; ihre erste Begegnung hatte den Ton gesetzt, und es war ein Wunder, dass es ihm überhaupt gelungen war, Freyja wieder näherzukommen, obwohl ihre Bekanntschaft dann ja auch nur von kurzer Dauer gewesen war. Gebrandmarkt von seinen bisherigen Erfahrungen mit Frauen, hatte er sich bei ihrem ersten Kennenlernen als Tischler ausgegeben und unter Vorspiegelung falscher Tatsachen die Nacht mit ihr verbracht. Seine Erfahrung war nämlich die, dass die wenigsten Frauen auf Polizisten standen. Zu allem Überfluss hatte er sich auch noch mit seinem Zweitnamen, Jónas, vorgestellt. Als sie sich dann im Zusammenhang mit dem Mordfall, der später ihre beiden Karrieren jäh beenden sollte, wiederbegegnet waren, war alles aufgeflogen. Der Tischler Jónas war gezwungen gewesen, sich als Kommissar Huldar zu outen.

Doch was einmal passiert war, konnte sich ja durchaus wiederholen. Vielleicht bekam er eine zweite Chance. Der Gedanke stimmte ihn zuversichtlich.

Er lächelte dem jungen Polizisten zu, der ihm gegenübersaß. Der Kollege erwiderte sein Lächeln unsicher und starrte dann weiter auf den Computerbildschirm. Da konnte es nichts Besonderes zu sehen geben, denn er war erst so kurz bei der Kripo, dass er in der Hackordnung sogar noch unter Huldar stand.

»Viel zu tun?« Huldar bemühte sich, nicht ironisch zu klingen, denn der Knabe war furchtbar empfindlich. Er würde sich noch ein dickeres Fell zulegen müssen, aber es war nicht Huldars Aufgabe, dafür Sorge zu tragen. Er musste sich um andere Dinge kümmern als um einen verklemmten Möchtegernpolizisten.

»Ja. Nee.« Die Stirn über dem Bildschirm wurde feuerrot.

»Was denn jetzt? Ja oder nein?«

»Nein. Nicht besonders viel. Aber trotzdem genug.«

»Du weißt doch, dass es gewissermaßen positiv ist, wenn wir nicht viel zu tun haben. Zumindest in den Augen der Bürger.« Huldar setzte sich und zog die Papiere heran. Je früher er diesen Quatsch abhakte, desto besser. Er verkniff sich ein Seufzen, als er den kindlichen, handgeschriebenen Text auf der ersten Seite überflog. Im Jahr 2016 werden Autos überflüssig sein. Stattdessen gibt es kleine Hubschrauber, die mit Solarbatterien betrieben werden. Krebs und alle anderen schlimmen Krankheiten sind heilbar. Man wird mindestens hundertdreißig Jahre alt. Island ist immer noch das beste Land der Welt! Elín, 9 C. Neben dem Namen waren zwei Herzchen und zwei Smileys gemalt. Er konnte sich nicht erinnern, im Kontext der Arbeit schon mal einen Smiley gesehen zu haben.

»Würdest du den Dienstwagen gegen einen solarbetriebenen Hubschrauber eintauschen?« Huldar schob zwei Lamellen der Jalousie auseinander und schaute hinaus. Das gräuliche Winterlicht würde wohl kaum ausreichen, um einen solchen Hubschrauber zu starten, geschweige denn, ihn in der Luft zu halten.

»Äh, was?« Seiner Stimme nach zu urteilen, schien der junge Kollege das für eine Testfrage zu halten.

»Ach, nichts.« Huldar war zu müde, um ihm die Sache zu erklären. Er war am Abend zuvor mit ein paar Kumpels in der Kneipe gewesen und zu spät ins Bett gegangen, ein paar Bier zu viel intus. Der Junge hatte offenbar noch nichts von dem Fall gehört, den Huldar übernommen hatte, oder er war zu dämlich, um zwei und zwei zusammenzuzählen.

»Steht uns ein Hubschrauber zur Verfügung?«

»Klar.« Huldar bereute seine vorschnelle Antwort sofort und korrigierte sich. »Nein. Wir haben keinen Hubschrauber. Ich lese mir gerade durch, wie sich Schulkinder vor zehn Jahren unsere Gegenwart vorgestellt haben. Ein Kind schreibt, wir würden uns mit solarbetriebenen Hubschraubern fortbewegen. Bestimmt nicht das Dümmste von dem, was ich noch durchackern muss.«

Der junge Kollege rollte auf seinem Stuhl ein Stück zur Seite, damit er Huldars Gesicht sehen konnte. Er hieß Guðlaugur und wurde im Kommissariat immer nur Gulli genannt, obwohl er ständig versuchte, den Spitznamen wieder loszuwerden. Wahrscheinlich würde man ihn so lange Gulli nennen, bis er sich innerhalb des Teams bewiesen hatte. Falls das jemals geschehen würde. In diesem Job schaffte es nicht jeder, sich durchzubeißen.

»Warum machst du das?«

»In einem der Aufsätze ist man auf fragwürdige Vorhersagen gestoßen, der Schulleiter hat uns kontaktiert.« Huldar gab Gulli die Kopie des Hubschrauber-Aufsatzes. »Die Schule hatte damals eine amerikanische Partnerschule, und es gab ein Projekt, bei dem man eine Zeitkapsel mit Aufsätzen auf dem Schulgelände vergraben hat. Zehn Jahre später wurde sie wieder ausgegraben und die Zukunftsvisionen der Kinder aus den beiden Ländern miteinander verglichen. Alle Neuntklässler sollten damals aufschreiben, wie sie sich Island in zehn Jahren vorstellen, anschließend wurden die Blätter in die Hülse gesteckt. So weit, so gut, doch einer der isländischen Schüler nutzte die Gelegenheit und sagte Morde vorher. Ich muss diesen Schüler ausfindig machen, damit psychologisch untersucht werden kann, ob er heute als Erwachsener womöglich gefährlich ist. Ich bezweifle es zwar, aber wir müssen es überprüfen.«

»Wen will er denn ermorden?«

»Nicht nur einen. Er nennt sechs Personen. Allerdings nicht ihre Namen, sondern nur ihre Initialen. In zwei Fällen auch nur einen Buchstaben.« Huldar suchte in dem Stapel nach dem betreffenden Aufsatz. In der Schule hatte man ihm von allen Aufsätzen Kopien ausgehändigt, von diesem jedoch das Original. Die Schulsekretärin hatte ihm das Blatt mit angewiderter Miene übergeben und erleichtert gewirkt, dass die Sache nun nicht mehr ihr Problem war.

Guðlaugur verfolgte gespannt, wie er den Stapel durchblätterte. Huldar musste sich eingestehen, dass es ein gutes Gefühl war, dass sich ein Kollege für seine Arbeit interessierte. Das war schon lange nicht mehr passiert. Nur blöd, dass der Fall so banal war.

»Warum sprecht ihr nicht einfach mit diesem Schüler? Es kann doch nicht so kompliziert sein, ihn zu finden.«

»Der Aufsatz ist anonym.«

»Und was sollst du jetzt machen? Herausfinden, wessen Name aus der neunten Klasse in dieser Zeitkapsel fehlt? Die Handschrift mit alten Schulaufsätzen vergleichen?«

»So was in der Richtung. Es gibt einen Aufsatz mehr als damals Schüler in der neunten Klasse waren. Der Betreffende hat vermutlich zwei Aufsätze abgegeben. Ich muss den Mordaufsatz also mit den anderen Aufsätzen in der Hülse abgleichen. Leider schreiben die Kinder alle ziemlich unleserlich. Zumindest die Jungs.«

»Ist es ein Junge?«

»Ja. Oder ein Mädchen, das mit links geschrieben hat.«

»Fingerabdrücke?«

Huldar lachte. »Ja, klar. Ich krieg bestimmt die Erlaubnis, die Fingerabdrücke von fünfundsechzig Aufsätzen von Schulkindern ins Labor zu schicken.« Er nahm den Hubschrauber-Aufsatz wieder an sich und legte ihn zu den anderen. »Dafür bräuchte ich mindestens eine Leiche. Am besten alle sechs.« Er zog den mysteriösen Aufsatz heraus und las ihn noch einmal leise. Im Jahr 2016 werden folgende Menschen getötet: K, SG, BT, JJ, VL und I. Niemand wird sie vermissen. Am allerwenigsten ich. Ich kann es kaum erwarten. Darunter standen weder Smileys noch Herzchen.

»Du glaubst also, dass diese Leute alle noch leben?«

»Höchstwahrscheinlich, aber da ich nur die Initialen oder sogar nur einen Buchstaben ihrer Namen kenne, ist das natürlich nicht hundertprozentig sicher.« Huldar reichte Guðlaugur den Aufsatz. »Die Schulsekretärin behauptet zumindest, dass niemand mit diesen Initialen in den letzten zehn Jahren ermordet wurde. Allerdings sei ein Mann, dessen Name mit K beginnt, 2013 getötet worden, aber der Mörder wurde verurteilt und war weder Schüler an der Schule noch im richtigen Alter. Ich muss das natürlich überprüfen, aber selbst die Sekretärin sollte in der Lage sein, die wenigen Mordopfer der letzten Jahre hierzulande zu recherchieren.«

Guðlaugur schwieg, während er den Aufsatz las. Dann hob er den Kopf und schaute Huldar mit unergründlicher Miene an. Seine Gesichtszüge waren weich, Nase und Wangen voller Sommersprossen, und kein Anflug von Bartstoppeln, obwohl es schon ziemlich spät am Tag war. Er musste Ende zwanzig sein, kaum älter als der namenlose Aufsatzschreiber heute. »Da gibt’s einen Wikipedia-Eintrag.« Guðlaugur wurde schon wieder rot und wirkte dadurch noch jünger. »Über alle isländischen Morde.«

Huldar hob die Augenbrauen. »Hast du den etwa geschrieben?«

»Nein. Nur so ’n Tipp. Wenn du die Namen damit abgleichst, sparst du dir Zeit.«

Huldar bereute es, unfreundlich zu dem jungen Mann gewesen zu sein. Vielleicht sollte er sich mit ihm anfreunden, ein paar Verbündete am Arbeitsplatz konnte er gut gebrauchen. Doch Huldar bekam keine Gelegenheit, seinen guten Vorsatz in die Tat umzusetzen, denn er sah Erla aus dem Augenwinkel auf sie zustürmen, im Anorak. Er hoffte inständig, dass sie ihn nicht mit nach draußen schleppen wollte, er war gerade erst reingekommen, und das angekündigte Unwetter hatte bereits seine Klauen ausgestreckt. Aber er hatte Pech.

– – –

Es war das fünfundvierzigste Tief, das in diesem Winter über das Land zog. Die Tiefs schienen immer heftiger zu werden, stürmischer und wütender. Es war, als führten die Wettergötter eine Gewaltbeziehung mit Island – sie genossen es, das Land zu peitschen, und waren nicht zu bändigen. Wie um diese Gedanken wegzufegen, klatschte ein Windstoß ein nasses Laubblatt in Huldars Gesicht. Es klebte an seiner Wange, schleimig und kalt. Als er sich mit steifen Fingern durchs Gesicht fuhr, blieb das Blatt an seiner Hand kleben. Er schüttelte sie kräftig, bis das Blatt in den Garten davonstob.

»Hast du was gefunden?« Erla kämpfte neben ihm mit dem Gleichgewicht. Der lange, schwarze Polizei-Anorak wirkte wie ein Segel, und Erla drehte sich mit der Seite dem Wind entgegen. Verständlicherweise wollte sie nicht direkt vor seinen Augen umkippen. Seit er degradiert worden war und sie seinen Job übernommen hatte, war ihr Verhältnis angespannt und verkrampft. Dabei hatte er die Teamleitung nur so kurz innegehabt, dass er kaum wusste, was er daran vermissen sollte. Die Unsicherheit ging vor allem von Erla aus, denn ihm war die Veränderung völlig egal, und er machte sie kein bisschen dafür verantwortlich. Irgendwer musste den Job ja machen, warum also nicht sie? Sie hatte zwar für seinen Geschmack eine etwas zu derbe Ausdrucksweise und gab sich ruppiger als nötig, aber vielleicht hatte man sich ja genau deshalb für sie entschieden. Innerhalb der Polizei bestand zudem ein gewisser Druck, Frauen zu fördern, und mit Erla bekam man quasi zwei in einem: eine Frau, die sich wie ein Chauvi verhielt.

»Nein. Hier ist nichts. Nichts Ungewöhnliches zumindest. Scheint ein ganz normaler Garten mit dem üblichen Kram zu sein.« Er nickte in Richtung des lädierten Trampolins, das am äußersten Ende des Gartens am Zaun festgezurrt war. Es schien schon eine Weile her zu sein, seit Kinder darauf gesprungen waren, denn es hatte keine Sprungmatte mehr, und nur das Stahlgerüst und ein paar Federn waren noch übrig. Huldar klopfte gegen den rostigen Grill auf der Terrasse und sparte es sich, Erla auf den Hot Tub hinzuweisen, ein ganz normaler, aus Holz, ziemlich verwittert, darin hatte sicher schon länger niemand mehr gebadet. Das war auch nicht nötig. Jeder konnte sehen, wie gewöhnlich der Garten war. »Ob das ein Scherz war?«

»Ein Scherz?« Erla ließ den Blick durch den Garten schweifen und vermied es, Huldar in die Augen zu schauen. Unter ihrer Kapuze hervor beobachtete sie, wie Guðlaugur mit einem Stock in einem kahlen Busch herumstocherte und nach etwas suchte, von dem sie alle nicht wussten, was es eigentlich sein sollte. Welke Blätter wie jenes, das Huldar ins Gesicht geflogen war, wirbelten hoch. Erla drehte sich wieder zu ihm, blickte jedoch auf sein Kinn, statt in seine Augen. »Was soll das denn für ’n scheiß Humor sein?«

Huldar zuckte mit den Achseln. »Keine Ahnung.« Es war schwer, es witzig zu finden, in dieses Wetter hinausgelockt zu werden, deshalb waren sie dem Absender des Briefs alles andere als freundlich gesinnt. Auf dem Weg hatte Erla den Männern ausführlich von dem Schreiben erzählt, das gegen Mittag eingegangen und an sie adressiert gewesen war. Darin stand, dass sich in diesem Garten etwas polizeilich Relevantes befinde. Der Brief war anonym, und es gab keine näheren Hinweise, die ihnen die Suche erleichterte. »Sollen wir es nicht gut sein lassen?«

Endlich erwiderte Erla seinen Blick, und Huldar merkte, dass er besser den Mund gehalten hätte. »Nein. Schwingt eure Ärsche und sucht weiter.«

»Okay, schon gut.« Huldar zwang sich zu einem Lächeln, das jedoch schnell wieder verschwand, und sah Erla hinterher. Sie schwankte im Wind, offenbar fest entschlossen, sich nicht unterkriegen zu lassen. Er wandte sich wieder der Terrasse zu und schaute sich nach möglichen Verstecken um. Es hätte die Arbeit erheblich erleichtert, wenn sie gewusst hätten, wonach sie suchen mussten.

Vom Hot Tub drang Lärm zu ihm, und Huldar sah, wie sich die schwere Abdeckung ein Stück hob, dann runterknallte und wieder aufflog. Durch das Stürmen des Windes hörte er die Halterung knarren, mit der die Abdeckung unten gehalten wurde. Außen am Hot Tub befand sich eine Luke, die er vorhin noch nicht aufgemacht hatte, also ging er dorthin, verfolgt von den wachsamen Blicken des Hausbesitzers in der oberen Etage des Hauses. Der Mann, er hieß Benedikt, war ihnen gegenüber ziemlich unfreundlich gewesen, zumal er nicht richtig begriff, was eigentlich los war. Nichts deutete darauf hin, dass er etwas mit der Sache zu tun hatte, und seine Verwunderung wirkte authentisch. Da Erla nichts über ihn gesagt hatte, wusste Huldar nicht, wer der Mann war. Er sah aus, als wäre er kürzlich in Rente gegangen, und seinem Auftreten nach zu urteilen, war er ein typischer Profilneurotiker, der es gewohnt war, dass man auf ihn hörte. Einer von denen, die sich nicht damit abfinden konnten, dass ihre große Zeit vorbei war.

Huldar winkte dem Mann lächelnd zu. Zum Dank erntete er nur eine Grimasse und ein paar undeutliche Gesten, die vermutlich bedeuteten, dass er den Hot Tub in Ruhe lassen sollte. Da der Mann wohl kaum damit rechnete, dass Huldar sich hineinschwingen wollte, sorgte er sich wahrscheinlich um die Abdeckung, falls Huldar sich an der Halterung zu schaffen machen würde. Aber das war nicht Huldars Absicht, und er nickte dem Mann kurz zu, in der Hoffnung, dass die Botschaft bei ihm ankam.

Hinter der Luke befanden sich eine Pumpe und mehrere Leitungen. Huldar leuchtete mit einer kleinen Taschenlampe hinein, sah aber nur Staub. Als er genauer in die Luke schaute, um sich zu vergewissern, dass sich hinter dem Wirrwarr von Leitungen nichts verbarg, stieß er sich den Kopf an, und die Holzverkleidung knarrte. Was für eine frustrierende Angelegenheit. Wenn er den Absender des anonymen Briefs in die Finger bekäme, müsste er sich beherrschen, ihm nicht eine ebensolche Beule zu verpassen wie die, die sich gerade an seinem Scheitel bildete. Ein Schlag an der richtigen Stelle konnte bestimmt nicht schaden. Sein Ansehen bei der Polizei war ohnehin schon ruiniert.

Huldar schloss die Luke und richtete sich auf. Er massierte seinen schmerzenden Hinterkopf und ließ den Blick durch den dämmerigen Garten schweifen. Sie hatten ihn intensiv durchgekämmt, besser als den Vorgarten. Hoffentlich kam Erla nicht auf die Schnapsidee, noch einmal von vorne anzufangen. Der Mann hatte die ganze Zeit am Fenster gestanden und in regelmäßigen Abständen gebrüllt, sie sollten auf die Bepflanzung aufpassen. Ziemlich lächerlich angesichts der Jahreszeit. Die wenigen Pflanzen, die man sah, waren kahl und verwelkt.

Huldar strich sich die Haare zurück. Der Wind reagierte prompt und blies sie ihm wieder in die Stirn. Genauso sinnlos wie alles andere an dieser Aktion. Wo sollte er als Nächstes suchen? Er wanderte durch den Garten und versuchte, geeignete Verstecke aufzuspüren. Erla und der junge Kollege irrten genauso planlos umher. Guðlaugur immer noch mit erhobenem Stock. Schließlich lehnte Huldar sich an den Hot Tub und genoss die Wärme des Dampfes, der durch den Spalt in der Abdeckung hinausdrang.

In diesem Garten war nichts zu holen.

Der Brief war ein schlechter Scherz. Es sei denn, jemand war ihnen zuvorgekommen und hatte entfernt, wonach sie suchten. Vielleicht hatten Eltern bei ihrem pubertierenden Nachwuchs Drogen gefunden und wollten sie der Polizei zukommen lassen, ohne dass ihr Kind Schwierigkeiten bekommen würde. Womöglich war ihnen der Jugendliche gefolgt und hatte sich den Stoff wiedergeholt, bevor sie hergekommen waren. Abwegig. Sehr abwegig. Es wäre für Eltern viel leichter, den Stoff ins Klo zu spülen, als so ein Theater zu veranstalten.

Plötzlich legte sich der Wind, und der heiße Dampf stieg neben Huldar nach oben, bis er schließlich sein Gesicht umspielte. Die dicken Schwaden trugen einen Geruch mit sich, der Huldar bekannt vorkam. Der eisenartige Geruch von Blut. Er zuckte zusammen und löste die Abdeckung. Oben wurde das Klopfen gegen die Fensterscheibe lauter.

Huldar brauchte einen Moment, bis er kapierte, was in dem Hot Tub schwamm. Nachdem sein Gehirn die merkwürdige Botschaft verarbeitet hatte, wich er instinktiv einen Schritt zurück und ließ die schwere Abdeckung fallen. Augenblicklich nutzte der Wind die Gelegenheit und warf sich mit Wucht dagegen, sodass die Scharniere nachgaben. Die Abdeckung baumelte nur noch an einer Halterung und knallte auf die Terrasse. Huldar blickte nach oben, um die Reaktion des Hauseigentümers sehen zu können. Sein Gesichtsausdruck war nicht mehr wütend, sondern erstaunt.

Erstaunt und angeekelt.

Hastig griff Huldar nach der Abdeckung und versuchte, sie im Kampf gegen den Wind wieder an ihren Platz zu bugsieren. Er rief nach Erla und Guðlaugur und bat sie, ihm zu helfen. Da erfasste ein Windstoß die Abdeckung, und Huldar meinte, seine Oberarmmuskeln stünden in Flammen. Dennoch konnte er den Blick nicht von dem abwenden, was in dem Hot Tub schwamm. Er vermisste den kleinen, unbedeutenden Schulfall. In dem rot gefärbten Wasser schwammen zwei abgeschnittene Hände.