Julie Johnston

Fast wie ein Zufall

Aus dem kanadischen Englischen von Dieter Fuchs

Die kanadische Originalausgabe erschien 2007 unter dem Titel As if by Accident bei Key Porters Books, Toronto.

Wir danken dem Canada Council for the Arts für die großzügig gewährte Förderung bei der Übersetzung dieses Buches.

ISBN 978-3-8251-6149-1 (epub)

Erschienen 2017 im Verlag Urachhaus

www.urachhaus.com

© 2017 Verlag Freies Geistesleben & Urachhaus GmbH, Stuttgart

© 2007 Julie Johnston

Umschlaggestaltung: Rothfos & Gabler, Hamburg

Umschlagfoto: gettyimages/Mary Doherty Photography

Gesamtherstellung: CPI books GmbH, Leck

E-Book-Herstellung: Zeilenwert GmbH 2017

Inhalt

Teil I  Val

1

2

3

4

5

6

Teil II  Gus

7

8

9

10

11

12

Teil III  Val und Gus

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Impressum

Teil I Val

1

Es ist Ende Dezember – der siebenundzwanzigste, um genau zu sein. Val fährt nachdenklich auf dem Highway 7, besorgt wegen der Straßenverhältnisse, aber auch im Wissen, dass sie gerade etwas völlig Idiotisches macht und genauso wenig anhalten und umdrehen kann, wie der Anlass ihrer Reise zu ändern ist. Val hat niemandem gesagt, wohin sie fährt. Nicht Millie, mit der sie den Weihnachtstag verbracht hat und die dann nur sechs bis acht Mal auf dem Handy angerufen hätte, um sicherzugehen, dass sie nicht verloren gegangen war. Niemandem bei Dobbs & Kendall, dem Verlag, in dem sie als leitende (und einzige) Lektorin für Literatur arbeitet. Und schon gar nicht ihrer Freundin Denise, die ihr zum wiederholten Mal gesagt hätte: Nimm dir einen Anwalt und lass den die Sache klären. Einen Anwalt hat sie genommen. Sie hat nur seinen Rat nicht befolgt.

Der Himmel ist jetzt ganz dunkel. Schneeflocken klatschen wie fette Motten gegen die Windschutzscheibe. Um nicht mehr an das vor ihr Liegende zu denken, versucht sie, sich auf das Romanmanuskript in ihrer Tasche zu konzentrieren, das sie in Falkirk, dem Ziel ihrer Reise, lesen will. Sie fragt sich mittlerweile, ob es wirklich so gut ist wie geglaubt. Sie hat es mitgenommen, um ihren Eindruck zu überprüfen.

Wenn sie sich nur entspannen könnte. Sie merkt, wie der Wagen leicht schlingert. Atme, sagt sie zu sich selbst. Sie schaltet das Radio an und stößt bei der Sendersuche auf tausendmal gehörte Weihnachtssongs, stampfenden Rock und dann eine Gesprächsrunde, in der ein Priester Ratschläge zu Ehefragen gibt. Irgendwie lächerlich, denkt sie und dreht es wieder ab. Etwas kam ihr aber doch bekannt vor in den zwanzig Sekunden, die sie mitverfolgt hat. Bevor sie wieder anschalten kann, spritzen ihr drei entgegenkommende Autos der Reihe nach Matsch auf die Windschutzscheibe. Einen Moment lang ist es, als würde sie blind fliegen. Vielleicht tut sie das ja auch seit Monaten. Als die Scheibe freigewischt ist, schaltet sie das Radio wieder an. Die Sendung ist zu Ende, jetzt laufen Nachrichten und eine Zusammenfassung der neuesten politischen Skandale.

Der Gesprächsschnipsel von gerade eben lässt sie nicht los. Diese Stimme. Einmal hat sie ein Buch von einem ganz jungen Priester lektoriert. Wobei sie damals selbst noch ganz jung war. Wie lange das her ist. Im Kopf subtrahiert sie die Jahre, anstatt sich aufs Fahren zu konzentrieren. Und dann sieht sie es. O mein Gott!

Da ist etwas auf der Straße, fast in der Mitte, eine Schachtel. Sie fährt langsamer, merkt, dass es nur ein Pappkarton ist – sie kommt locker dran vorbei, genau wie jemand auf der Gegenfahrbahn das könnte. Es wäre trotzdem besser, anzuhalten. Sie bremst und stoppt auf dem Seitenstreifen, da braust der hinter ihr fahrende LKW an dem Karton vorbei, wirbelt ihn hoch in die Luft und hinüber in den Graben auf der anderen Straßenseite. Val kann kaum atmen. Es wäre ihre Pflicht gewesen, diesen Karton wegzuräumen.

»Nicht mehr nötig«, sagt sie laut zu sich selbst. »Alles in Ordnung.« Sie zwingt sich dazu, tief ein- und auszuatmen. Bald darauf ist sie in der Lage, ihr Auto wieder auf den Highway zu steuern und Gas zu geben.

Sie würde gerne weiterkommen, die Sache endlich hinter sich bringen, aber während sie das denkt, verdrängen die Ereignisse an jenem Tag im letzten Sommer alles andere. Ein Teil ihrer Strafe ist, die Sache immer wieder vor ihrem geistigen Auge abspielen zu müssen.

Es war ein heißer Tag, fast schon unerträglich, auf jeden Fall viel zu heiß für Juli. Die Hitze setzte ihr zu, ließ sie manchmal panisch werden vor Angst, sie würde sich nie wieder abkühlen. Es lag am Alter, das wusste sie. Bei jedem Wetter konnte sie von Zimmer- zu Siedetemperatur wechseln. Sie waren in den Norden eingeladen worden, sie und Ed, hinauf in Robert Kendalls Sommer-Cottage.

Auf ihrem inneren Bildschirm sieht Val sich selbst dabei zu, wie sie vor dem Frühstück die gemeinsame Tasche packt, Badeanzüge, Handtücher, Sachen zum Wechseln und für die Nacht. Ed wollte nicht fahren. »Buchgelaber!«, knurrte er. »Warum sollte jemand deswegen hundertachtzig Kilometer weit fahren? Man könnte zu Hause bleiben und sich da genauso langweilen.« Was für sie klang, als meine er, mit ihr.

So niederträchtig war er nicht immer gewesen. Als sie ihn vor elf Jahren geheiratet hatte, war er interessiert, zuvorkommend und stolz auf sie gewesen. Ihm gefiel, was sie war, wenngleich sich das offenbar abgenützt hatte: eine gebildete, belesene Ehefrau, in deren Arbeitswelt er nicht vorkam, eine Ehefrau, die ihn anfänglich auf wundersame Weise bezaubert hatte.

Sie trug die Reisetasche nach unten. Ed war schon vor ihr runtergegangen, um den Kaffee aufzusetzen. Sie inhalierte sein süchtig machendes Aroma. Sie würde einen Toast dazu essen, und wenn sie dann immer noch Hunger hätte, was zweifellos der Fall sein würde, gäbe es Trauben. Nur ein paar.

Nach ihrer gegenseitigen Entdeckung hatte Ed mehr von ihr erwartet – dass sie ihn mit der Intelligenz, die ihr einen Studienabschluss in gleich mehreren Fächern ermöglicht hatte, viel besser verstehen würde, dass sie sofort erkennen würde, was seine Stimmungen zu bedeuten hatten, warum er es manchmal nicht für nötig erachtete, ihre Fragen zu beantworten oder ihr seine Gedanken mitzuteilen. Wenn sie beim Nachdenken über die elf Ehejahre versuchte, das Jahr, den Monat, den Tag zu bestimmen, an dem sie die ausgefransten Ränder ihrer Beziehung erstmals bemerkt hatte, war sie dazu nicht in der Lage. Ihre verlegerische Kompetenz erstreckte sich nicht auf die Dekonstruktion ihrer Ehe. Trotzdem hörte sie nicht auf damit.

Beim Frühstück unternahmen sie nicht einmal mehr den Versuch eines Gesprächs. Er war hinter dem Sportteil der Zeitung verschwunden. Sie betrachtete die Schlagzeilen, ohne sie wirklich zu lesen, während sie auch noch die letzten Krümel ihres Toasts verzehrte.

Sie kannte Ed Fennel noch nicht lange, als sie beschlossen zu heiraten, gerade mal ein paar Monate. Sie erzählte ihrer Tante Millie von ihm.

»Ed Fenchel!«

»Fennel.«

»Aber doch so ähnlich wie das Gemüse?«

»Ähm, ja«, sagte sie betreten.

Tante Millie, die einzige Verwandte aus der Generation ihrer Mutter, betrachtete diese Beziehung voller Zweifel und wollte Genaueres wissen.

Ed Fennel betrieb eine gutgehende Schreinerei, die sich auf maßgeschneiderte Kücheneinrichtungen spezialisiert hatte. Er war weiß, nordischer Abstammung, keiner besonderen Religion angehörig, bislang unverheiratet, politisch eher konservativ und zehn Jahre älter als Val. Sie lernten sich kennen, als Val das Haus ihrer Freunde Denise und Dan Levy hütete, die verreisen mussten, während bei ihnen renoviert wurde.

Als Val eines Tages nach der Arbeit in das zentral gelegene Haus kam, fand sie dort Ed, den Küchen-Bauer, vor, der gerade einem jungen Klempnerlehrling den Marsch blies. »Das ist doch Pfusch! Siehst du das nicht?« Die Klempnerarbeiten hätten schon in der vergangenen Woche erledigt sein sollen, und jetzt machten sie alles viel zu schnell. »Was bringen die euch heutzutage bei?«, hörte sie ihn brüllen. »Scheiße fließt nicht den Berg hinauf, Lohn gibt’s immer freitags, und das war’s? Meine Güte!« Etwas belämmert sah er dann zu Val auf, zu ihrer Aktentasche voller Papiere und den Ordnern, die sie an die Brust gepresst hielt. Damals arbeitete sie noch für Mercy Publishing, was sie langsam unruhig werden ließ, schließlich war sie achtunddreißig. Sie wollte ihren Horizont erweitern.

»Ich bin die Freundin von Denise«, sagte sie. »Ich soll hier nach dem Rechten sehen, während …« Mit vorgestrecktem Hals ließ sie den Blick über die Unordnung rechts und links gleiten. Plötzlich war sie sich ihrer eulenartigen Brille bewusst. Ihre blonden Haare wollten einfach nicht hinter den Ohren bleiben. Ed holte Luft und klappte den Mund zu. Der Lehrling ließ sich wieder nach hinten sinken, um keuchend und dengelnd die Arbeit unter dem Spülbecken fortzusetzen.

»Wo will sie denn die Arbeitsfläche hinhaben – neben der Spüle oder hier drüben beim Herd?«, fragte Ed.

Sie spürte seine Augen auf sich, als sie die Aktenmappe abstellte und ihr dünnes Jackett auszog. Sie fühlte sich unbedeutend in ihrem einfach geschnittenen grünlichen Kleid – wie ein einsamer, langer Grashalm. Sie fand die Liste mit Anweisungen, die Denise da gelassen hatte. Gemeinsam studierten sie das Blatt, die Köpfe nah beieinander. Ed richtete sich auf. Als sie ihn ansah, fühlte sie sich trotz ihrer ernsten Brille bewundert. Später sagte ihr Ed, ihre feinsinnigen Gesichtszüge und zarten Lippen hätten auf ihn gewirkt, als seien sie gemalt oder geschnitzt.

Am nächsten Tag arbeitete sie von Denises Wohnung aus. Ed kam und ging und verfolgte den Fortschritt der Arbeiten. Gegen vier wagte sie sich durch Staub und Schmutz hindurch in die Küche, um den Wasserkessel an der mittlerweile funktionierenden Spüle zu füllen. Der Klempner und ein Hilfsschreiner packten bereits zusammen. Ed steckte halb in einem Küchenschrank und schraubte Sachen fest. Er kam heraus und wischte sich mit dem Handrücken den Schweiß von der Stirn.

Sie mochte seine dichten, schwarzen Haare, wie sie sich wellten, wie sie mit Grau und Sägemehl durchzogen waren. Und sein Lächeln, langsam, mit Fältchen um die Augen. Während er aus der Brusttasche seines Hemds irgendwelche Zettel herausholte, nutzte sie die Gelegenheit, um kurz seine Schultern zu betrachten, die schwarzen Haare an den Handgelenken, seine Arme. Sie erfüllten sie mit einer geradezu peinlichen Begierde. Schnell wanderte ihr Blick weiter. Sie war erregt durch ihn, durch seine schmalen Hüften. Sie fühlte sich wie eine Elektrode, auf die ein Funke übersprang.

Ziemlich eng aneinandergedrängt saßen sie an Denises Esstisch, auf dem sich der Inhalt der alten Küchenschränke stapelte, tranken Tee und sprachen über exotische Packungen und unbekannte Mischungen. Er las vor, was auf den Etiketten stand: »Garam Marsala, Arborio-Reis, Wasabi-Pulver. Das klingt tödlich, was immer es auch sein mag«, sagte er.

Val wollte ihn aufklären, ließ es dann aber sein.

In den Tagen danach öffnete sie Denises Haustüre immer ganz erwartungsvoll. Sie freute sich darauf, mit Ed über die problematische Installation von Drehtischen oder Ausziehflächen sowie über das beste Platzmanagement zu reden – Themen, an die sie zuvor noch nie einen Gedanken verschwendet hatte. Sie spürte in sich den Wunsch aufkeimen, selbst eine praktische, moderne Küche zu besitzen. Schließlich fingen beide an, von sich selbst zu erzählen, verhalten zunächst und ohne dass einer dem anderen seine zunehmende Einsamkeit eingestehen wollte.

Ed Fennel war anders als alle Männer, mit denen sie sich bislang getroffen hatte. Er ging aufmerksam einen Schritt voraus, um ihr die Tür aufzumachen, führte sie an den Bordstein und bot ihr den Arm zum Überqueren der Straße. Diese Galanterien machten sie anfänglich nervös, denn sie fragte sich, ob sie dafür auch wirklich damenhaft genug war. Er war eher von der stillen Sorte, keiner, der aufgeregt plapperte. Er lächelte mehr mit den Augen als mit den Lippen. Manchmal machte er den Eindruck, als sei er in Gedanken sehr weit weg.

Das Restaurant, in das er sie bei ihrer ersten Verabredung führte, war nicht besonders schick, hatte aber gutes Essen, gemütlich, dachte Val, als zu ihrer Überraschung Hackbraten auf der Karte stand. Der Film war dann eher eine unglückliche Wahl für zwei Leute, die sich so gut wie nicht kannten – mit komplizierter Handlung mit ganz viel heißem und schlüpfrigem Sex, der in überraschender Deutlichkeit gezeigt wurde. Hinterher gingen sie in eine Kaffeebar. Ed beugte sich über den Tisch zu ihr. Es war laut in dem Laden. »Sie arbeiten also für einen Verlag«, sagte er, nachdem sie den Film durchgekaut hatten.

Sie nickte.

»Und was machen Sie da? Bücher schreiben?«

Sie hatte gedacht, er würde einen Witz machen.

Am Vorabend dieses einen Tages im Juli, an dem sie nach Norden zu Robert Kendalls Cottage fahren sollten, rief der Kunde an, dessen Küche Ed gerade machte, und klagte über Probleme. »Du musst schon mal ohne mich losfahren«, ließ Ed am nächsten Morgen hinter seiner Zeitung verlauten. »Ich muss bei diesem Typen die Küche fertig machen. Keine Ahnung, wann ich dort wegkomme. Es ist nur eine Kleinigkeit, aber ich weiß eben nicht, wie schnell es geht und wann ich wirklich los kann.«

Über die Jahre hatte Ed sich verändert. Vielleicht war es aber auch Val, die sich verändert hatte. Sie waren mittlerweile beide sehr empfindlich. Schon der Anflug eines abfälligen Tons oder eines inakzeptablen Gesichtsausdrucks reichte, um beim einen wie dem anderen das Blut in Wallung zu bringen. Manchmal fragte sich Val, ob der einzige Zweck ihrer Heirat vielleicht der gewesen war, dass keiner von beiden beim Heimkommen eine leere Wohnung vorfand. Und in letzter Zeit, gerade nach einer weiteren sinnlosen und erbitterten Streiterei, verspürte sie immer wieder den Wunsch, er würde überhaupt nicht nach Hause kommen.

»Wenn du zu spät losfährst, verpasst du das Abendessen«, sagte sie.

»Ich besorg mir unterwegs etwas.«

Ist eh mehr nach seinem Geschmack, dachte sie. Mehr als nur einmal hatte er Robert als »kleine Tunte, die gerne kocht« bezeichnet.

»Wenn du magst, warte ich auf dich und wir fahren zusammen«, sagte sie, ohne es wirklich zu meinen.

»Klar.« Er schwieg für einen Moment. »Damit du nicht selbst fahren musst.«

Val drehte sich weg, um ihre Enttäuschung zu verbergen, öffnete den Geschirrspüler und fing an, die Sachen vom Vorabend auszuräumen.

»Ach was«, sagte er. »Fahr ruhig voraus. Für dich gibt’s da mehr zu tun als für mich.« Ed konnte schwimmen, hatte aber keine rechte Freude daran.

Val stieß den angehaltenen Atem aus, nahm den letzten Teller aus dem Geschirrspüler und füllte ihn erneut, während Ed den letzten Schluck aus seiner Kaffeetasse nahm. Sie kratzte an einem scharfen Messer herum.

»Pass bloß auf. Sonst schneidest du dich noch«, sagte er. Ed war sehr auf Sicherheit bedacht, was wohl damit zu tun hatte, dass er bei der Arbeit mit potenziell gefährlichen Werkzeugen herumhantieren musste.

»Vermutlich kommst du gar nicht«, murmelte sie. Sie sah ihn nicht an dabei, spürte aber, wie die Wut in ihr aufstieg. Sie wischte das Messer mit einem Küchenhandtuch ab und steckte es sorgfältig in den Messerblock.

»Soll ich jetzt kommen oder nicht?«

»Natürlich sollst du.«

»In Ordnung. Ich habe gesagt, ich komme, also komme ich auch. Damit du ja nur zufrieden bist.« Er stapfte (trampelte käme der Wahrheit vermutlich näher) die Treppe hinauf.

In letzter Zeit hatte sie sich des Öfteren gefragt, ob sie wohl die Komplikationen einer Scheidung ertragen würde. Er redet nicht mehr mit mir, Euer Ehren. Er lebt in seiner eigenen Welt. Er ist vorhersehbar. Meine Freunde langweilen ihn, er interessiert sich weder für mich noch für meine Arbeit, und er will mit mir auch nirgends mehr hingehen. Er betrachtet mich nur als einen warmen Körper, mit dem er ins Bett gehen kann.

Schlägt er Sie? Betrügt er Sie? Behandelt er Sie abfällig?

Ganz bestimmt nicht. Sonst wäre ich schon lange gegangen.

Worin besteht also das Problem?

Er hat überhaupt keine Phantasie.

Scheidung bewilligt.

Ihr eigener Vater hatte sich einfach aus dem Staub gemacht. Eines Morgens, mit vielleicht vier, war sie aus ihrem Zimmer, in dem sie gespielt hatte, nach unten gegangen und hatte gesehen, wie er einen Karton mit Büchern zu seinem Auto trug. Seine Koffer standen fertig gepackt da. Im Flur saß ihre Mutter weinend am Boden und hatte den Kopf auf einen Stuhl gelegt, als sollte er gleich von der Guillotine abgehackt werden. Als Val die unterste Treppenstufe erreicht hatte, kam er zurück ins Haus, hob sie hoch, drückte sie fest an sich, ohne Kuss, setzte sie wieder ab und sagte »Tschüssi«.

Sie war es gewohnt, dass er wegging und dann ein oder zwei Wochen später wiederkam. Er hatte irgendwie mit Kühlschränken zu tun und musste viel herumreisen. Ihre Mutter gab kurze, japsende Laute von sich.

»Halts Maul, Lizzie. Du wirst schon über mich hinwegkommen.« Er tätschelte die kleine Valerie kurz am Kinn, nahm seine Sachen und ging zur Tür hinaus. Keine zwei Sekunden später war er wieder da. Er hatte seinen Autoschlüssel vergessen. Und dann fuhr er weg und ward nie wieder gesehen.

Als sich die Tür hinter ihm schloss, war es so, als würde man ein Buch zuklappen, das man nur halb gelesen hat. Viele Fragen blieben unbeantwortet. Würde das Leben weitergehen? Würde es sich überhaupt lohnen, dass es weiterginge? Kein fröhliches Pfeifen mehr, wenn er für sich und Valerie einen kleinen Snack zubereitete und dabei die Küche hinterließ, als sei ein Hurrikan durchmarschiert, keine Schulterritte mehr, bei denen ihre Hände von seinen nach hinten gegelten Haaren ganz fettig wurden, kein Kitzeln mehr, kein kreischendes Gelächter, keine Autofahrten mit heruntergelassenem Verdeck, im Gesicht ihrer Mutter ein Lächeln und Haarsträhnen, die um ihre verschlossenen Lippen spielten.

Verzweifelt legte ihre Mutter sich ins Bett. Val bettelte, sie solle aufstehen, ihm nachgehen, ihn zurückbringen. »Hast du eine Vorstellung davon, wie viele Frauen es in Toronto gibt?«, fragte ihre Mutter.

»Nein«, antwortete die vierjährige Val.

»Er könnte bei einer von Tausenden sein.«

Vals Mund stand offen. Tausend waren mehr als hundert, und nicht einmal diese hundert konnte sie sich vorstellen.

Sie zog die Decken von ihrem Bett und kampierte vor dem Schlafzimmer ihrer Mutter, um sich für den Fall, dass sie weggehen wollte, einfach an ihr festzuhalten. Sie würde sie überallhin mitschleppen müssen. Als ihre Mutter auf die Toilette musste, schlang sich Val wie eine Boa Constrictor um ihre Beine. Sie heulte. Ihre Mutter redete auf sie ein. Schlussendlich gab ihre Mutter ihr eine Ohrfeige und ließ das schreiende Kind vor der Toilette zurück.

Val nahm ihren verletzten Stolz und ihre Angst vor dem Verlassenwerden mit nach draußen, wo sie sich mit ihrem Hund Bix unter der hinteren Veranda verkroch. Irgendwann hörte sie, wie ihre Mutter nach ihr rief und dann auch eine Nachbarin mit einstimmte. Aber sie klammerte sich an Bix und versprach ihm ein Leben voller Marshmallows und Metzgerknochen und Nickerchen auf den Möbeln, während sie ihm ihrer beider Zweisamkeit im Haus über ihnen ausmalte. Zumindest der Hund würde bleiben, dachte sie, den zumindest konnte sie anbinden. Ein Wespennest unter der Veranda trieb sie schließlich am Spätnachmittag wieder hinaus ins Freie, als seine Bewohner zurück in ihre papierartige Behausung drängten.

Die Nachbarn mussten telefonisch über ihr Auftauchen informiert werden, die Polizei, Tante Millie.

Von Zeit zu Zeit erhob sich ihre Mutter, um sicherzustellen, dass Val genug zu essen hatte, und um die nötigsten Dinge zu erledigen. Tante Millie sprang ihr bei, so oft sie konnte. Als alleinstehende Lehrerin verbrachte sie sämtliche Schulferien damit, auf Vals Mutter einzureden und sie anzuflehen, doch endlich ihr Leben in den Griff zu bekommen. Aber Liz Hudson hatte sich irgendeine Krankheit zugezogen. Sie kaufte und wälzte Selbstmedikationsbücher, pharmakologische Kompendien und medizinische Lehrschriften, in denen sie ihre vielen unterschiedlichen Symptome ankreuzte und versuchte, sich über sie klar zu werden. Stunde um Stunde verbrachte sie damit. Fast hätte sie eine Apotheke aufmachen oder sich sogar als Ärztin betätigen können. Als Val dann ihr Studium begann, hatte ihre Mutter sich für Krebs entschieden und war innerhalb eines Jahres daran gestorben.

Das Geld wurde damals nicht knapp, es war das Erbe von Großvater Hudson und reichte immerhin für Vals Studium. Als sie und Tante Millie dann nach Mutters Tod ihren Schreibtisch ausräumten, fanden sie ein Foto ihres jungen Vaters, der vor Selbstvertrauen in die Kamera strahlte, obwohl ein Teil seines Haarschopfs nicht in dem Helm aus Pomade bleiben wollte. Harry McDaid stand in der Handschrift ihrer Mutter auf der Rückseite, dazu ein Datum – das Jahr von Vals Geburt. Ihre Mutter hatte weder den Namen ihres Vaters angenommen noch ihn an Val weitergegeben. »Der Grund dafür ist, wenn du es denn unbedingt wissen musst«, sagte ihr Millie, während sie das Bild in zwei Hälften zerriss und in den Papierkorb warf, »dass er sie nie geheiratet hat.«

Val nahm trotzdem die beiden Hälften aus dem Papierkorb, als Millie hinausging und Tee machte. Ohne sie zusammenzukleben, stellte sie die beiden zu anderen Souvenirs, die ihr Vater ihr geschenkt hatte: einen Stoff-Panda von der Canadian National Exhibition, einen Becher von den Niagara-Fällen und einen rosa Kuli aus einem Hotel im Stadtteil Mississauga. Jahrelang behielt sie diese Dinge als eine Art Schrein zu seinem Andenken.

Am Tag der Hochzeit verspürte Val erstmals eine morgendliche Übelkeit. Tante Millie hatte auf sie eingeredet, denn sie wusste nicht, was mit ihr los war, und fand, die ganze Hochzeit sei ein Fehler und sollte unbedingt abgeblasen werden. Ganz offensichtlich würde sich hier die Geschichte wiederholen, erklärte sie Val. »Deine Mutter hat sich Hals über Kopf auf einen Mann eingelassen, und was aus ihr geworden ist, wissen wir ja. Noch ist es nicht zu spät!«

»Doch, das ist es«, sagte Val und verschwand käseweiß im WC des hinteren Kirchenteils.

Nach ihrer Hochzeitsreise, und nachdem sich die Übelkeit der ersten Wochen gelegt hatte, erwachte sie regelmäßig mit einem Gefühl der Euphorie. Voller Bewunderung betrachtete sie Ed, den Vater ihres Kindes, den Schöpfer ihres neu gefundenen Deliriums. Sie fühlte sich stark, lebendig, bewundert, wie eine Frau, die ganz plötzlich in ihrem natürlichen, ihrem eigentlichen Zustand wiedergeboren worden war. Ihr Leben war vollkommen. Abends bat sie Ed, mit ihr einen Spaziergang zu machen. Sobald sie dann zügig voranschritten, sprach sie über Dinge wie Stillen, Windelentwöhnung (dazu kaum Ideen von Ed), die Kindergartenfrage sowie darüber, welche Farbe das Kinderzimmer haben sollte. Hand in Hand marschierten sie, während sie unermüdlich redete und er weitgehend schwieg.

»Freust du dich denn nicht über das Baby?«, fragte sie ihn an einem eiskalten Abend. Der Mond stand füllig am Winterhimmel und leuchtete durch die Äste, als sei er hinter Gittern.

»Ob ich mich freue?« Das schien etwas zu sein, worüber er noch nie nachgedacht hatte.

Sie blieb mitten auf der Straße stehen, um beim Licht des eingesperrten Mondes sein Gesicht zu betrachten.

»Natürlich freue ich mich«, sagte er. »Ich hab mich nur noch nie als Vater gesehen. Da muss ich mich erst dran gewöhnen.«

Gegen Ende des dritten Monats hielt sie es nicht mehr aus und erzählte allen, was los war. Ihre Arbeitskollegen wollten für sie eine Babyparty ausrichten. Tante Millie schien Ed zu vergeben, dass er im Grunde nicht mehr als ein Schreiner war, der andere Schreiner beschäftigte (ihren Freundinnen hatte sie erzählt, er sei Architekt).

Aber eine Woche danach wachte Val an einem verschneiten Morgen mit starken Schmerzen auf. Ihr Unterleib fühlt sich an, als würde er von einem Schraubstock zerquetscht. Die Innenseiten ihrer Schenkel waren klebrig. Voller Panik griff sie nach Ed, um ihn zu wecken. Sie konnte nicht sprechen.

Ed fegte den Schnee von den Scheiben seines Lieferwagens und brachte sie ins Krankenhaus, wo sie eine schmerzhafte, blutige, herzzerreißende Fehlgeburt erlitt. Sie lag rücklings auf einem Krankenhausbett und weinte so sehr, dass ihr die Tränen bis in die Ohren liefen. Sie kam sich vor wie ein leerer Sack, verschrumpelt, ausgeweidet – ihres Herzens, ihrer Seele, jeder Hoffnung beraubt.

»Wie konnte das passieren?«, fragte Ed die Ärztin.

»Aus vielerlei Gründen. Eine fötale Missbildung. So geht die Natur mit Fehlern um. Das passiert nun mal.«

Val griff nach Eds Hand. Er war bleich und sah ganz betreten aus, fast als sei er schuld daran.

»Mein Rat wäre«, sagte die Ärztin sanft, »drei Monate zu warten und es dann noch einmal zu probieren.« Sie ließ sie zurück und eilte zu einer anderen Patientin, deren perfekt geratenes Baby gerade seine Lungen testete.

Zu Hause legte Val sich ins Bett und trauerte. Vergeblich versuchte sie, das kleine Wesen, das drei Monate lang in ihr gelebt hatte, aus ihrem Kopf zu entfernen. Der Junge hatte Form angenommen, eine vollkommene Form. Sie träumte von ihm. In ihrer Vorstellung blieb er am Leben, ein lispelnder Knirps mit wachen Augen, ein Wunderkind, das die Arme nach ihr ausstreckte. Sie war gerade neununddreißig geworden.

An diesem Julimorgen erledigte Val also ein paar Dinge, bevor sie sich auf den Weg zu Robert Kendalls Ferienhaus machte. Sie sprengte kurz den Rasen und brachte den Müll zur Tonne in der Garage. Auf dem Weg aus der Stadt hielt sie an einem Einkaufszentrum und suchte eine gute Flasche Wein aus, fand sie dann aber zu teuer und stellte sie zurück, nur um daraufhin noch einmal hineinzugehen und sie trotzdem zu holen. In einem Feinkostladen kaufte sie sich ein Sandwich für unterwegs, und um halb zwei befand sie sich bereits weit draußen auf dem Highway 11 und fuhr zügig Richtung Norden.

Ihr Wagen war unglaublich bequem. Ed hatte die kaputte Klimaanlage wieder zum Laufen gebracht. Eigentlich war es idiotisch, mit zwei Autos zu fahren, aber so hatte es sich jetzt eben ergeben. Genauso idiotisch wäre es gewesen, den geplanten Nachmittag und das Abendessen zu versäumen. Wie sie sich eingestehen musste, blieb Ed einfach gern für sich, er war noch nie besonders mitteilsam gewesen. Bei den gemeinsamen Mahlzeiten beschränkte er sich aufs Essen, während Val versuchte, ihn in ein Gespräch zu verwickeln. Sie erzählte von ihrer Arbeit, ihren Enttäuschungen, ihren Erfolgen. Zwar nickte er und sagte bisweilen »Mh-hm«, aber sie wusste, dass er im Grunde gar nicht zuhörte. Manchmal fragte sie: »Und wie war dein Tag?«

Dann sah er von seinem Teller auf, fuhr sich mit der Zunge über einen Zahn und sah sie kurz an, als müsse er die Frage erst in seine eigene Sprache übersetzen. »Lang«, sagte er schließlich. Sie fragte, wo er gerade arbeitete, wie das Haus aussah, wie die Leute dort waren. »In den Beaches«, sagte er dann. Oder: »Im Annex.« Nie ein Detail. Die Häuser, in denen er arbeitete, waren »ganz normal«, und die Leute, die ihn beauftragt hatten, waren »so la la«. Vielleicht hätte sie ihn nach Details fragen müssen. Vielleicht hätte sie mehr darauf bestehen müssen, dass er mit ihr redete, teilnahm, seinen Beitrag leistete oder ihr doch zumindest ein bisschen Zugang zu seinem Leben gewährte. Aber sie tat es nicht, denn für zwischenmenschlichen Umgang hatte sie ja immer noch ihre Arbeit.

Für einen Moment wandte sie den Blick von der Straße und suchte in der Handtasche nach einem Kaugummi, dann blickte sie auf und konnte gerade noch vermeiden, dass sie auf die falsche Fahrbahn geriet. So passieren Unfälle, schimpfte sie mit sich selbst. Sie fuhr nicht schneller als erlaubt, zumindest nicht viel.

Sie machte das Radio an und suchte einen passenden Sender, irgendetwas mit klassischer Musik, da sah sie ihn. Auf der Straße, quer über ihre Fahrspur, lag ein langer, dicker Balken, der von der Fahrbahn bis weit über den Seitenstreifen ragte. Es gab gerade nicht viel Verkehr, obwohl bis vor Kurzem ziemlich viel los gewesen war, und sie fuhr langsam genug, um problemlos die Spur wechseln zu können. Sie manövrierte an dem Ding vorbei, genau wie etliche andere Autos, die ihrem Beispiel folgten und auf die andere Straßenseite wechselten. Das war doch gefährlich, dachte sie. Musste von einem Lastwagen gefallen sein. Der Fahrer hätte das doch merken und stoppen müssen, um seinen Balken wieder aufzuladen. Jemand sollte anhalten und ihn von der Straße ziehen. Vielleicht sogar sie.

Mittlerweile war sie schon ein ganzes Stück entfernt. Die Straße machte eine Kurve und der Balken war nicht mehr zu sehen. Anhalten wäre einfach gewesen – direkt vor ihr erblickte sie eine Bucht, in die sie leicht hätte einbiegen können. Nur war sie jetzt wirklich schon sehr weit weg. Sie würde ein ganzes Stück zurückgehen müssen. Und da draußen war es derart heiß. Zwei Autos überholten sie und fuhren an ihr vorbei. Ed hätte angehalten, er war so auf Sicherheit bedacht. Im Radio lief eine Arie aus irgendeiner Verdi-Oper. Verrückt, wie wenig Verkehr es auf einmal gab. Sie summte die Melodie mit, laut und sogar ziemlich gut, wie sie fand, außerdem ganz fröhlich, denn in Wahrheit fand sie es toll, alleine zu fahren und nicht ihren Griesgram von Ehemann dabeizuhaben. Sie kam gut voran.

Der Balken auf der Straße war vergessen.

Val erreichte das Cottage von Robert Kendall gegen halb drei und erklärte, Ed sei durch die Arbeit aufgehalten worden. »Er kommt so um acht«, sagte sie. »Spätestens um neun.« Die anderen Gäste waren schon da oder trafen gerade ein – zwei Autoren, die sie gut kannte, einer davon mit Gattin und sechs Monate altem Baby, die andere Lynnette Appsley, mit deren Romanen Val noch nie etwas hatte anfangen können (zugegebenermaßen genauso wenig wie mit Lynnette selbst), mit der Robert aber schon früher zusammengearbeitet hatte. Gerade versuchte er, sie wieder für seinen Verlag zu gewinnen. Und dann war da noch Marshall Saul, ein ganz alter Freund von Robert. Val vermutete ja irgendwie, dass sie schwul waren, wollte aber kein abschließendes Urteil fällen, nur weil beide allein lebten und die vierzig überschritten hatten.

Um ehrlich zu sein, fand sie Robert in gewisser Hinsicht fast schon sexuell anziehend. Sie mochte seinen eleganten Stil und seine guten Umgangsformen. Seit sechs Jahren arbeitete sie mittlerweile bei ihm, und obwohl sie sich manchmal wünschte, ein größerer Verlag würde sie abwerben (was Robert angesichts ihres nun offenbar unschätzbaren Werts sprachlos zurücklassen würde), hatte sie noch kein einziges Angebot in dieser Richtung erhalten. Wobei ihre Unzufriedenheit auch nie so groß war, dass sie sich selbst nach einer neuen Stelle umgesehen hätte. Bei der momentanen Marktlage – und weil der Staat immer weniger Geld für die Buchverlage übrig hatte –, konnte sich das aber auch schnell ändern. Sie wusste, dass Dobbs & Kendall einer größeren Verlagsgruppe gehörte, der Aksfal Corporation, die alle paar Jahre drohte, den kleinen Verlag zu verkaufen oder sogar einen Schlussstrich zu ziehen und ihn komplett dichtzumachen.

Ein Jahr ums andere gelang es Robert und Val jedoch, sich mit einem kleinen Mitarbeiterstab und dem, was an Fördergeldern aufzutreiben war, irgendwie durchzuschlagen und ein paar ziemlich gute Bücher herauszubringen. Wie sie es sah, schätzte Robert sie wegen ihrer Kompetenz, also ihrer Fähigkeit, das zu erkennen, was das Wesen eines Manuskripts ausmachte, speziell eines Romans – seine Raison d’Être. Er war inzwischen ein guter Freund und sorgte sich um ihr Wohlergehen. Er brachte sie zum Lachen, und das hatte sie in letzter Zeit nicht besonders oft getan.

Im Zimmer, in dem sie und Ed schlafen sollten, schlüpfte sie so schnell wie möglich in ihren Badeanzug. Robert Kendall hatte das großzügig angelegte Ferienhaus von seinen Eltern geerbt. Das Gebäude war von einer ausladenden Veranda umgeben und thronte auf einem Hügel oberhalb des Sees – der an diesem drückend heißen Tag glatt wie ein Teller Consommé aussah. Zusätzliche Schlafmöglichkeiten gab es im Bootshaus sowie in der kleinen Hütte, von wo ein mit jungen Birken gesäumter Plankenweg zum Haupthaus führte. Während sie den Badeanzug über ihre verschwitzten Schenkel streifte, den Bauch einzog und schließlich ihre eher kleinen Brüste bedeckte, überlegte sie, ob Marshall und Robert sich ein Zimmer teilen würden. Wohl kaum. Dafür war Robert viel zu scheu. Für den Gang zum Bootssteg hüllte sie sich in ihr großes Badehandtuch, um so lange wie möglich den neuen Hüftring zu verdecken, den sie sich im Laufe des letzten Jahres zugelegt hatte.

Die anderen lagen auf den Holzplanken oder badeten im See. Neben dem Bootssteg ließen die frischgebackenen Eltern ihr nacktes Baby abwechselnd ins flache Wasser tauchen. Val verspürte ein stechendes Gefühl, nur war es kein Neid, sondern Sehnsucht. Für den Bruchteil einer Sekunde spielte ihr kleiner blonder Knirps, ihr fiktiver Sohn, dem das Älterwerden nichts hatte anhaben können, vor ihr in der Sonne.

Sie ließ das Handtuch fallen und sprang kopfüber ins Wasser, ohne die Temperatur gefühlt zu haben. Der See war angenehm kühl und erfrischend, gerade nach der langen Autofahrt. Als plötzlich Robert neben ihr auftauchte, erschrak sie und musste dann lachen. Sie spürte, wie ihr die Sonne auf den Kopf brannte und feuchte Haarsträhnen ihr Gesicht bedeckten. Sie tauchte unter, um die Haare nach hinten zu streifen. »Herrlich«, sagte sie zu Robert. »Wie schaffst du es nur, montags zur Arbeit zu kommen?« Sie schwammen nebeneinander zum Ufer zurück, ohne Eile, jeder mit gleichmäßigen, kräftigen Zügen. Gleichzeitig erreichten sie die Leiter, und Robert überließ ihr galant den Vortritt. Sie verzichtete, stieß sich mit den Füßen ab und schwamm auf dem Rücken. Vielleicht lag es an einer übertriebenen Eitelkeit, dass ihre Figur ihr solche Sorgen bereitete. Wobei, wie sie sich einzureden versuchte, niemand ernsthaft erwartete, dass man mit neunundvierzig noch so aussah wie mit neunundzwanzig. Sofort fielen ihr aber zwei Frauen ein, bei denen das der Fall war. Anomalien natürlich. Und dann musste sie leider an eine weitere Missbildung denken.

Zum Abendessen gab es marinierten, nur halb durchgegarten Thunfisch vom Grill, dazu lauwarmen Kartoffelsalat und einen französischen Sauvignon Blanc, lauter Dinge, die Ed hätte hinunterwürgen müssen. Nur gut, dass er sich verspätete. Nach Eds Vorstellung bestand ein aufregendes Essen in rotem Fleisch, das keinem speziellen Teil des Rinds zugeordnet werden musste. Marsh achtete darauf, dass ihr Weinglas immer gut gefüllt war. Der Wein schmeckte ihr, und sie trank mehr, als gut für sie gewesen wäre. Sie merkte, dass sie Lynnette nicht mehr ganz so unmöglich fand, was ein schlechtes Zeichen war. Sie erzählte von dem Balken auf der Straße. Alle waren sich einig, dass sie ihn wohl auch liegen lassen hätten. Einen Moment lang saß sie ruhig da, und während sie sich im Baucheinziehen übte, hörte sie mit einem Ohr zu, wie Robert und Lynnette über ein Buch redeten, keinen echten Roman, eher ein nicht fiktives Erinnerungsbuch, eine Art Memoir, das auf der französischsprachigen Insel St. Pierre vor Neufundland spielte, dem Ort ihrer Kindheit.

»Ich habe dort noch Verwandte. Wenn ich über die schreiben würde, würden sie nie wieder ein Wort mit mir sprechen«, meinte Lynnette. Robert sagte, das sei egal.

Der Sonnenuntergang war sehr gediegen, ein mattes Rosa der Wolken durchzog den mandarinfarbenen Horizont. Sie saßen oder standen mit ihren Portweingläsern draußen, bis die Stechmücken unerträglich wurden und sie ins Haus trieben. Val sah auf ihre Uhr – Viertel vor neun. Ed würde bald da sein. Robert schaltete das Außenlicht an, um den Weg vom Parkplatz zum Haus zu beleuchten. Es wurde neun, dann Viertel nach neun. Das Baby war mit einem Babyfon in der Hütte schlafen gelegt worden. Alle lauschten begeistert seinem Atem und verspürten eine besondere Nähe, eine Art verwandtschaftlicher Beziehung, die irgendwie dazu passte, dass sie sich in einem Ferienhaus befanden. Sie saßen in der Dämmerung inmitten gedämpfter Lichter, führten geistreiche Gespräche, hörten im Hintergrund eine Jazzplatte und dann einen Klagelaut im Babyfon. Ivan, der junge Schriftsteller, sagte, er würde nach seinem Sohn sehen. Seine Frau Chris sagte, sie könne auch gehen. Sie verschwanden zu zweit.

Val merkte, wie sie langsam unruhig wurde. Jeden Moment würde ihr Mann eintreffen, müde, vielleicht sogar übellaunig – jedenfalls nicht im Einklang mit dieser harmonischen Gruppe. Sie versuchte sich zu entspannen. Es lag an ihr, für Eds Wohlbefinden zu sorgen. Sie könnten früh zu Bett gehen, was die Situation wohl entschärfen würde. Morgen könnte er sich eine Angel ausborgen oder sie könnten gemeinsam mit Roberts Kanu lospaddeln. Am Nachmittag müssten sie dann irgendwann aufbrechen, vielleicht so gegen vier. Wo zum Teufel steckt er denn? Das war ja lächerlich. Für diese Verspätung gab es keine Entschuldigung. Sie sah erneut auf die Uhr – es war kurz vor zehn.

Um Punkt zehn bat Lynnette Appsley Robert um eine Taschenlampe und wankte hinüber ins Bootshaus, um sich im oberen Stockwerk zur Ruhe zu begeben. Offenbar nächtigte sie nicht zum ersten Mal dort, denn sie freute sich darauf, in den Schlaf gewiegt zu werden – »vom sanften Drängen und Ziehen der Wellen, die das felsenbestückte Ufer streicheln«. Val schloss kurz die Augen, um sie nicht verdrehen zu müssen. Ivan und Chris waren von ihrer Hütte nicht wiedergekommen. Das Babyfon war aus, sie hatten sich schlafen gelegt. Auch Marsh war mittlerweile ins Bett gegangen.

Val schaute erneut auf ihre Uhr. »Du musst nicht aufbleiben«, sagte sie zu Robert. Aber er bestand darauf.

»Wir können ja auch die Nachrichten anschauen«, sagte Robert. Sie gingen ans andere Ende der Veranda und ließen sich in bequemen Sesseln nieder. Robert zappte von einem Programm zum nächsten, bis er auf die Spätnachrichten des Lokalsenders stieß. Wie sie erfuhren, gab es die unterschiedlichsten Gräuel in der Welt – Bombenanschläge, Streiks, Drogenrazzien, Morde, Vergewaltigungen, Waldbrände, Hungersnöte. »Näher bei uns«, fuhr der Nachrichtensprecher dann fort, »kam es unweit von Orillia, Ontario, zu einem Unfall mit einem Todesopfer und vier Verletzten, als auf dem Highway 11 ein Lieferwagen außer Kontrolle geriet und mit einem entgegenkommenden LKW kollidierte. Drei weitere Fahrzeuge kamen von der Fahrbahn ab. Die Provinzpolizei ermittelt noch, wobei der Unfall gemäß Zeugenaussagen wohl durch einen Balken verursacht wurde, der auf der nordwärts führenden Fahrbahn lag. Weitere Details folgen erst, wenn die Angehörigen des Todesopfers benachrichtigt wurden.«

Val spürte ihr Gesicht taub werden. Sie drehte sich zu Robert. Er sah sie ausdruckslos an. »Lass uns keine voreiligen Schlüsse ziehen«, sagte er fast schon streng.

Val konnte weder zustimmen noch widersprechen. Ihre Kehle war wie zugeschnürt. Obwohl ihre Augen weit geöffnet waren, konnte sie nichts erkennen. Stattdessen sah sie einen Balken auf einer Straße liegen, ganz verschwommen wegen der Hitze, wie eine Fata Morgana im flirrenden Sonnenlicht. In ihrem Kopf hörte sie das hohle Klopfen ihres Herzschlags. Sie war sich vollkommen sicher, dass ihr Mann einen Unfall gehabt hatte. Schließlich musste er ja schon längst aus der Stadt losgefahren sein. Und sie wusste, dass ihre Nachlässigkeit den Unfall verursacht hatte.

Robert stand in der Küche und telefonierte mit der Polizei. Sie war ihm nachgegangen und hörte ihn sprechen, ohne ein Wort dessen zu verstehen, was er sagte.

Val saß auf einem Stuhl neben dem Tisch, den hämmernden Kopf in die Hände gestützt und umgeben von Dessertschälchen, Käsetellern, Messern, Löffeln, Kaffeetassen. Sie bekam mit, dass der Geschirrspüler seinen letzten Waschgang beendete. Mit einem Klicken ging das rote Lämpchen aus. Eine Motte knallte gegen die Scheibe, angelockt durch die Küchenlampe. Sie spürte Roberts Hand auf ihrer Schulter. Ihr wurde auf die Beine geholfen.

2

Im Schneegestöber Richtung Osten fahrend, kehrt Val in die Gegenwart zurück. Sie schaut erneut auf die Uhr. Falkirk wird sie vor Einbruch der Dunkelheit erreichen. Sie wird ein Motel finden, sich eine Karte besorgen, irgendwo ein einsames Mahl zu sich nehmen, ein wenig in dem Manuskript lesen und sich am nächsten Morgen auf die Suche nach Dogwood Station machen – wenn es den Ort auf der Karte überhaupt gibt.

Sie hat mehrere Briefe an die Bewohnerin des Hauses in Dogwood Station angefangen, aber keinen einzigen davon fertiggestellt. Ihr Anwalt hat sie mit einem Schreiben ausgestattet, das bislang nicht abgeschickt wurde. Mittlerweile findet sie, dass ein persönliches Treffen die bessere Herangehensweise ist. Schließlich könnte es ja auch eine arme, alte Verwandte sein, die Ed da all die Jahre unterstützt hat, eine Person, die er aus reiner Vergesslichkeit nie erwähnt hat oder über die zu sprechen er einfach nicht für nötig hielt. Ging sie nichts an.

Sie merkt, dass das Schneetreiben noch dichter wird und jetzt stecknadelkopfgroße Körner in horizontaler Richtung gegen die Windschutzscheibe peitschen. Sie sieht fasziniert zu und lässt sich dabei kurz von der Straße ablenken. Je weiter sie nach Nordosten kommt, desto mehr Schnee liegt auf den Feldern, den Bäumen, der Straßenmitte. Ganz offenbar schneit es hier schon eine ganze Weile. Wenn sie einen Wetterbericht gehört hätte, wäre sie jetzt vielleicht umgekehrt. Sie reduziert das Tempo, fährt aber weiter. Beim Gedanken an das, was sie vorhat, bilden sich Schweißtropfen auf ihrer Oberlippe und ihrer Stirn. Sie muss ein Fenster aufmachen.

Robert steuerte Vals Auto den Highway 11 entlang, während sie wie gelähmt im Beifahrersitz kauerte. Die Lichter der entgegenkommenden Fahrzeuge blendeten sie. Bei jedem einzelnen schöpfte sie erneut Hoffnung, setzte sich auf und drehte den Kopf zu dem vorüberfahrenden Wagen. Wie gern hätte sie gerufen: Da ist er! Die Polizei hatte Unrecht!

Marsh fuhr in Roberts Auto, irgendwo hinter ihnen. Er hatte gesagt, er würde den anderen Bescheid geben und sie dann auf der Polizeiwache in Orillia treffen. Val stellte sich vor, wie er mit der Taschenlampe in die Schlafhütte ging und Ivan flüsternd nach draußen bat, damit das Baby nicht aufwachte.

Als Nächstes war das Bootshaus dran. Lynnette Appsley setzte sich auf und zog ganz erschrocken die Decke hoch, um ihren mehr als üppigen Busen zu bedecken. Vielleicht auch nicht erschrocken, sondern eher froh, dass ein Mann in ihr Schlafzimmer kam. Val wusste nicht, mit welchen Worten Marsh die Botschaft überbracht hatte, aber Lynnettes Reaktion war vermutlich furchtbar theatralisch ausgefallen, bevor sie sich dann umdrehte und weiterschlief. Wenn Robert doch nur schneller fahren würde. Ihm musste doch klar sein, dass jede Minute zählte.

Ihre Anwesenheit war erforderlich, so viel wusste sie immerhin. Sie war eine Problemlöserin, jemand mit Ideen. Mit etwas Geschick würde sie einen Weg finden, ihren Mann durch diese Prozedur zu manövrieren.

Noch besteht Hoffnung, pflegte sie ihren Autoren immer zu sagen. Das Unüberwindbare soll erklommen werden. Vor ihnen tauchte ein Lichtstreifen über dem Horizont auf. Orillia.

Im Krankenhaus trat ein grün gekleideter Arzt an Robert und Val heran. Sie stiegen in einen Aufzug und fuhren nicht nach oben, sondern nach unten. Da waren Korridore, eine Tür, Lichter, Stimmen. Diese ganze Szene ist falsch, dachte sie. Trist. Wie oft müssen wir sie noch über uns ergehen lassen? Filme, Fernsehen, Bücher. Sie muss umgeschrieben werden. Oder gestrichen. Dann war plötzlich das Gesicht ihres Mannes vor ihr, die Augen halb geöffnet und ins Leere gerichtet, die Haare an der Stirn festgeklebt. Er hätte einen Haarschnitt vertragen können, dachte sie.

Die Lippen ihres Mannes waren leicht geöffnet, und sie konnte seine glänzenden Zähne sehen. »Er legt großen Wert auf gute Zahnpflege«, sagte sie.

Niemand antwortete.

»Darf ich mich kurz entschuldigen?«, fragte sie, als sei sie ein Kind, das vom Essen aufstehen will. Jemand brachte sie zu einer Tür, öffnete sie, machte das Licht an und fragte: »Werden Sie klarkommen? Soll ich eine Schwester rufen?«

Val lächelte zuversichtlich. Man hatte sie in eine Toilette gebracht. Als die Tür zuging, wusste sie nicht recht, ob sie gleich den Inhalt ihres Magens oder den ihres Darms loswerden würde. Sie lag auf dem Boden und wartete darauf, dass jemand kam und sie neben ihren Mann auf die Bahre legte.

Die Schwester, die Vals Kopf und ihre Schultern vom Boden des Waschraums hochgehoben, sie von den Toten wiedererweckt hatte, stand in einem kleinen Büro tief im Inneren des Krankenhauses neben Vals Stuhl. Robert saß auf einem Stuhl auf der anderen Seite. Neben ihm befand sich eine Plastiktüte mit Dingen aus dem zerstörten Lieferwagen, aus Eds Taschen – Reliquien. Val saß da wie betäubt. Ihr Körper war gefühllos geworden, aber ihr Hirn machte Überstunden. Sie hatte das Gefühl, eine doppelte Ladung Trauer abzubekommen – denn wenn ihr Mann tot war, dann war es ihr blondes Phantomkind auch. Sie konnte sich in diesem Moment sein Gesicht nicht richtig vorstellen. Man bat sie, irgendetwas zu unterschreiben, aber ihre Hand zitterte. Robert nahm ihre Hände, drückte sie und gab ihr den Stift in die rechte Hand. Val ist Linkshänderin. Sie hätte geglaubt, das wisse er.

Gerade mal sieben Wochen nach ihrer ersten Verabredung hatte Ed gefragt, ob sie ihn heiraten wolle. Sie war sofort einverstanden gewesen, ohne auch nur eine Sekunde darüber nachzudenken