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Geri G

Felix, der Kinderdetektiv





BookRix GmbH & Co. KG
80331 München

Kapitel 1

 

 

 

 

 

 

 

 

Felix, der Kinderdetektiv

 

von geri

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Es war Sommer. Genauer gesagt: es waren gerade Sommerferien. Felix saß etwas gelangweilt in seinem Zimmer. Genauer gesagt: er saß an seinem Schreibtisch, seinen Laptop darauf und surfte etwas planlos im Internet herum. „Mal sehen, vielleicht gibt es schon die aktuellen Fußballergebnisse“, flüsterte er vor sich hin. Er klickte mit der angeschlossenen Computermaus auf das Register <Favoriten>, wo er seine Lieblingsseiten abgespeichert hatte und wählte eine der vielen Sportseiten aus. „Verdammt“, grummelte Felix, als er das momentane Spielergebnis seines Lieblingsclubs im Internet sah; seine Mannschaft lag schon zurück und das nach zehn Minuten, und am ersten Spieltag. „Das kann ja eine Saison werden“, prophezeite er.

Felix war ein zwölfjähriger, intelligenter Schüler, der demnächst in die sechste Klasse des humanistischen Philipp-Melanchthon-Gymnasiums kam. Er hatte orangebraunes, kurzes Haar, ein paar Sommersprossen und war stets wissbegierig, was seinen Mitmenschen oft furchtbar auf die Nerven ging. Er stellte viele Fragen, wenn er etwas in Erfahrung bringen wollte, wodurch er für sein Alter schon ein enormes Wissen und Reife an den Tag legte. Vor allem fragte er oft seinem Vater Löcher in den Bauch, der dann ab und zu, besonders nach einem langen Arbeitstag, ziemlich gereizt reagierte und nicht mehr antworten wollte oder konnte. Hatte doch sein Vater ihm beigebracht: „Felix, wenn du etwas wissen willst, immer fragen. Denn es gibt keine blöden Fragen. Trau´ dich! Frag´ mich, deine Lehrer oder deine Mitschüler!“ Genau das tat er und doch stieß er oft mit seinen Fragen auf genervte Antwortgeber, die dann einfach darauf verwiesen, er solle doch lieber in einem Lexikon oder besser im Internet nachschlagen beziehungsweise nachsehen; auch das tat Felix. Aber er hatte dabei schon das Gefühl, dass eine Person eine Sache besser erklären konnte als ein Buch und sogar viel besser als das Internet. Letzten Endes kam unser Felix immer auf die Antwort, eben weil er neugierig und hartnäckig war und sich nie von irgendjemand oder irgendetwas abhalten ließ.

Selbstverständlich war es, wie wohl für die meisten Kinder im 21. Jahrhundert, für ihn kein Problem, mit Computern und deren benutzerfreundlichen Programmen umzugehen. Ihn erstaunten dabei immer wieder die Aussagen von Erwachsenen, die ihre Kinder bewunderten, wenn sie mit Computern umgehen konnten, „weil wir das zu unserer Zeit nie gekonnt hätten. Aber die Kinder heutzutage sind doch gebildeter als wir damals.“ Felix konnte sich bei solchen Unterredungen, die er mitbekam, wenn Verwandte und Bekannte zu Besuch waren, ein Grinsen nicht verkneifen. Er selbst hatte den Eindruck, dass die Kinder oder überhaupt die Menschen immer doofer werden würden. Wahrscheinlich weil sie die meiste Freizeit damit verbringen, stumpfsinnig vor ihrer Computerspiele-Konsole zu hocken und irgendwelche stumpfsinnigen Computerspiele zu spielen, anstatt ein Buch zu lesen oder aktiv Sport zu treiben. „Apropos Computer“, dachte Felix, und schaltete seinen Laptop aus. Sein Vater hat einmal zu ihm gesagt, „moderne Technik ist absolut in Ordnung, aber sie ist da, um vom Menschen benutzt zu werden und nicht um sich von ihr benutzen zu lassen.“ Er hatte damals den Sinn dieses Satzes nicht verstanden und fragte deshalb gleich nach. Sein Vater erklärte es ihm dann auf verständliche Art und Weise: „Sitz´ einfach nicht zu viel vor dem Fernseher oder dem Laptop. Man braucht auch nicht immer das neueste Computerspiel oder den neuesten MP3-Player oder was es sonst noch so alles gibt. Es ist nicht wichtig und man braucht es nicht unbedingt.“ In diesem Punkt musste er seinem Vater Recht geben. Überhaupt hielt er seine Eltern für ganz okay; na ja, als Sohn ist das vermutlich selbstverständlich, ansonsten fand er die meisten Erwachsenen einfach nur zum Kotzen. Sie redeten meistens über Geld und irgendwelche Rechnungen, die schon wieder ins Haus geflogen kamen. In diesen Augenblicken wünschte sich Felix, er würde nie erwachsen werden und immer Kind bleiben. Seine Eltern, Herbert und Ingrid, er und sein zwei Jahre jüngerer Bruder Max bezogen erst vor ein paar Monaten das neue Einfamilienhaus mit Garten, „das es nun abzuzahlen galt.“ Das sagte sein Vater Herbert oft in letzter Zeit und deshalb war auch der diesjährige Sommerurlaub in der Toskana erst einmal gestrichen. Herbert wollte ein schönes, neues Heim für seine Familie schaffen, denn zuvor waren sie nur zur Miete in einer Stadtwohnung, in der es irgendwie immer zu eng war. Felix Vater arbeitete in der Versicherungsbranche als Agent für Betrugsfälle. Von ihm hatte er der Zwölfjährige seine Neugier und Beharrlichkeit geerbt, das Aussehen sowieso, denn auch sein Vater hatte orangebraunes Haar und Sommersprossen, Augen und Nase gingen eher nach der Mutter. Ingrid nahm einen Halbtagsjob in einem Kanzleibüro an, um das monatliche Einkommen der Familie etwas aufzubessern. Sie war dunkelhaarig, schlank und organisierte zudem den Haushalt.

Als Felix sich gerade vom Schreibtisch in seinem Zimmer entfernen wollte, hörte er die Stimme seiner Mutter unten in der Küche. „Essen ist fertig, alle zu Tisch!“ Felix hatte ordentlich Hunger, so dass er die Treppe hinunterhastete und fast gestolpert wäre. Aber glücklicherweise konnte er das Gleichgewicht wieder halten. Er entschied, wieder langsamer zu gehen und im gleichen Moment vernahm er den Duft des Essens, der in seine Nase kroch, und den er nur allzu gut kannte. Es gab sein Lieblingsgericht: Jägerschnitzel. Die ganze Familie versammelte sich am Esstisch an diesem Samstagmittag. Felix und sein Bruder Max saßen sich gegenüber, während ihre Eltern an den jeweiligen Tischenden Platz nahmen. „Freut ihr euch schon aufs nächste Schuljahr?“, fragte Mutter Ingrid ihre beiden Sprösslinge plötzlich während des Essens. „Och, geht so“, antworteten beide fast gleichzeitig. Vater Herbert setzte zunächst zum Sprechen an, ließ es aber dann sein, denn er wollte doch lieber nur essen und weniger über irgendetwas plaudern. Er machte sich wieder einmal Gedanken über das liebe Geld und dass man eigentlich immer zu wenig davon hat. Mutter Ingrid stand auf, nachdem sie ihren Teller leer gegessen hatte, und stellte das Geschirr in den Ausguss. Alle Familienmitglieder räumten nach dem Essen ihre Teller auf und stellten sie zunächst ebenfalls in die Spüle. „Ich räum´ dann später die Teller und das Besteck auf, Schatz“, sagte Herbert. „Wenn du noch deine Einkäufe machen willst, kannst du jetzt fahren. Die Autoschlüssel sind im Wohnzimmer.“ „Danke, Liebling. Das ist nett von dir, dass du den Abwasch für mich erledigst. Ich brauch´ noch ein paar Lebensmittel für nächste Woche.“ Ingrid ging ins Wohnzimmer, um die Schlüssel zu holen, aber sie waren nicht da. „Herbert, ich finde die Schlüssel nicht! Bist du sicher, dass du sie auf den Tisch gelegt hast?“ „Ja, da bin ich sicher!“, rief er aus der Küche. „Schau´ noch mal nach, okay? Vielleicht sind sie runtergefallen! Ich hab´ auch keine Ersatzschlüssel mehr!“ Ingrid stellte das halbe Wohnzimmer auf den Kopf, aber keine Spur von den Autoschlüsseln. Schließlich half die ganze Familie mit. Nur Felix fiel bei der ganzen Sucherei doch etwas auf, nachdem immer noch nichts gefunden wurde. Ein paar schmutzige, eingetrocknete Abdrücke eines Tieres, die Vermutung ging stark in Richtung Katze. Felix verfolgte die Spuren auf dem hellen Parkett, die teilweise durch Teppichböden unterbrochen, in Richtung offene Verandatür führten. „Gestern hat es noch geregnet, draußen war es immer noch etwas nass. Das erklärt schon mal die Tapser auf dem Fußboden“, kombinierte Felix. Er hatte auch schon einen Verdacht, wer die Schlüssel entwendet haben könnte. Die schwarzweiß gefleckte Katze der Faulbiers, ihrer Nachbarn. Während die anderen Drei noch im Haus suchten, verfolgte Felix weiter die Tierabdrücke … Und tatsächlich! Man konnte die Tapser wieder in der Hofeinfahrt der Faulbiers erkennen, geradewegs vor dem Birkenbaum im angrenzenden Garten hörten sie auf. Felix konnte sich erinnern, als die ganze Familie bei den Faulbiers zu Kaffee und Kuchen eingeladen war, dass die Katze, Mimi, gerne Sachen mochte, die glitzerten und klimperten, um sie dann in ihrem Körbchen zu deponieren. „Das muss ich überprüfen“, dachte er sich. Das bedeutete natürlich, dass er bei den Faulbiers klingeln musste und fragen, ob er seinen Verdacht bestätigen konnte. Ihm war nicht ganz wohl bei dieser Angelegenheit, da er die Faulbiers nicht besonders mochte. Sie waren ihm einfach unsympathisch, vor allem Frau Faulbier. Sie war ziemlich groß gewachsen und dünn, schon etwas älter, hatte schwarze Haare und irgendwie ein merkwürdiges Gesicht; wie ein Geier, fand Felix. Besonders die Augen und die Hakennase erinnerten ihn oft an dieses hässliche Federtier. Herr Faulbier war eher dicklich, hatte lichtes Haar und eine Hornbrille auf. Sie waren einmal zu Mamas Geburtstag eingeladen und Felix erinnerte sich, dass Herr Faulbier ordentlich Alkohol getankt hatte, vor allem Bier, was zu seinem Nachnamen ja auch passte. „Nun gut. Ich will das jetzt rausfinden!“ Felix war nun fest entschlossen, an der Haustür zu klingeln. Er tat´s und schon nach ein paar Sekunden öffnete Frau Faulbier. Ihre Hakennase lugte als erstes aus der Tür. Vermutlich hatte sie ihn schon beobachtet, als Felix in der Hofeinfahrt stand. Sie war ohnehin ziemlich neugierig, auf unangenehme und lästige Art. Sie wusste vermutlich über jeden in der Nachbarschaft etwas zu erzählen, obwohl sie das gar nichts anging. „Ja, was gibt´s denn, Felix?“ „Jja. Hallo, Frau Faulbier. Ich wollte sie eigentlich zur Mittagszeit nicht stören, aber wir finden unsere Autoschlüssel nicht und ich habe da eine Vermutung, dass Ihre Katze sie vielleicht mitgenommen hat.“ „Meine Mimi! Nein, das kann nicht sein. Meine Katze tut so- was nicht!“ Sie machte dabei zuerst ein entsetztes Gesicht und legte dann ihre Stirn in Falten. „Wie kommst du denn überhaupt darauf?“ „Na ja. Ich habe Katzenspuren in unserem Wohnzimmer entdeckt, die bis hierher führen.“ „Hhm“, machte Frau Faulbier. „Das könnte auch eine andere Katze gewesen sein, oder? Oder ihr habt diese Schlüssel einfach irgendwo verloren!“ „Ja, mag sein. Aber Sie wissen doch genau wie ich, dass Mimi Sachen gern hat, die klimpern und sie dann in ihr Körbchen legt.“ Sie machte wieder ein nachdenkliches ´Hhm`. „Nein, meine Mimi macht das nicht und entwendet anderer Leute Sachen!“ Sie sagte das so, also ob es sich bei Mimi um ihre Tochter handeln würde. Dass die Faulbiers keine Kinder hatten, wunderte Felix eigentlich kaum. „Na schön. Schauen wir mal nach.“ Frau Faulbier gab nach, kniff dabei ihre Augen zu einem Schlitz zusammen und ließ Felix nicht mehr aus ihrem Blickfeld, als sie ihn hereinbat. Der Zwölfjährige kam sich wie ein Schwerverbrecher vor, der gerade ins Gefängnis gebracht wurde. Es ging durch den Flur und dann nach links ins Wohnzimmer, wo in einer Ecke nah am Vorhang das dunkelrosafarbene, ausgepolsterte Körbchen der Katze stand. Man konnte sich vorstellen, dass das Haustier ziemlich verhätschelt wurde, war es doch eine Art Ersatzkind für die Faulbiers. Mimi war nicht da, auf den ersten Blick konnte man keine Schlüssel entdecken. „Habe ich mich doch getäuscht?“, kam Felix ins Grübeln, der noch immer unter Beobachtung stand; Frau Faulbier direkt hinter ihm. „Na? Nichts da, oder?“, sagte sie in einem triumphierenden Ton, sah sie sich doch in ihrer Meinung bestätigt. Felix aber blieb hartnäckig. Er sah nochmals genauer hin, schob das Körbchen beiseite und sah unter dem Wohnzimmervorhang etwas hervorlugen. Felix zog es hervor. Es waren tatsächlich die Schlüssel mit dem Logo der Automarke. „Hier bitte, das sind unsere Schlüssel!“ Jetzt war der Triumph auf Felix Seite. Frau Faulbier war kurz erschrocken und im gleichen Moment wurde sie verlegen. „Ähm, ja. Da hattest du wohl den richtigen Riecher“, sagte sie. Felix konnte sich ein Schmunzeln nicht verkneifen, als sie Riecher erwähnte und er ihr dabei auf ihre krumme Nase schaute. „Nun gut. Du hast, wonach du gesucht hast. Ich begleite dich noch zur Tür.“ Felix war zufrieden und war auch froh, dieses Haus wieder zu verlassen. Als sie die Haustür öffnete, kam ihnen gerade Herr Faulbier entgegen, der vom Einkaufen zurückkam und zwei gefüllte Tüten mit sich schleppte. Er war etwas erstaunt, als er Felix zur Tür herauskommen sah. „Was ist denn hier los?“, fragte er verdutzt. „Ach, das erzähl´ ich dir später, Georg“, antwortete Frau Faulbier.

Felix konnte es kaum erwarten, die verblüfften Gesichter seiner Familie zu sehen, dass er wieder einmal etwas Verlorengegangenes gefunden hatte. Schon letzten Sommer hatte er den Fußball seines Bruders wiederentdeckt. Zur Belohnung bekam er von seinem Vater ein ferngesteuertes Spielzeug-Geländeauto geschenkt, das er sich schon so lange gewünscht hatte. „Ob er wohl diesmal auch etwas bekommt? Immerhin sind es diesmal die Autoschlüssel und nicht bloß ein Fußball“, dachte er erwartungsfroh so vor sich hin. Allerdings musste die Familie momentan ziemlich sparen, so dass er seine Erwartungen auf ein neues Spielzeug wieder begrub. Er schlich sich über den Garten hinten wieder zurück ins Haus, wo sein Bruder und seine Eltern, der Verzweiflung nahe, immer noch suchten. Felix stellte sich vor ihnen, ein breites Grinsen auf dem Gesicht, und hielt die Schlüssel hinter seinem Rücken versteckt. „Hallo Leute. Sieht mal, was ich hier habe!“ Er zeigte ihnen den Schlüsselbund, dabei hielt er ihn mit Daumen und Zeigefinger hoch, wie ein Magier, der gerade einen Zaubertrick vollführt hatte. „Das gibt´s doch nicht! Ha, der Junge findet einfach alles“, jubelte Vater Herbert. „Wo waren die denn?“, fragte seine Mutter überrascht. „Bei den Nachbarn“, antwortete Felix kurz und trocken. „Wo?“ Sein Bruder und seine Eltern sahen sich gegenseitig verwundert an. Felix erzählte ihnen schließlich die kleine Geschichte und die Familie hörte interessiert zu. „Dass wir die Spuren nicht gesehen haben?“ sagte sein Vater dann etwas verlegen. Denn sie waren immer noch auf dem Parkett zu erkennen, obwohl die Familie schon ein paar Mal darüber hinweggelaufen war. Und sein Vater fügte dann hinzu: „Wir fahren jetzt alle zusammen zum Eis essen und Felix bekommt als Finderlohn eine extra Portion. Na wie wäre das? „Klasse“, jubelten Max und Felix. Auch Mama Ingrid war angetan von der Idee, mal wieder mit der ganzen Familie in die Stadt zu fahren. Der Einkauf und die Wäsche konnten ruhig noch warten.

Zufälligerweise war Felix Schulfreundin Jenny auch gerade in der Eisdiele, als die Vier hineinspazierten. Sie und ihre Freundin hatten ihr Eis bereits aufgegessen und wollten eigentlich das Eiscafé wieder verlassen. Aber Felix sah die beiden und winkte ihnen zu. Sie setzten sich zur Familie und Felix erzählte ihnen gleich die kleine Detektivgeschichte mit den Autoschlüsseln. Jenny hatte langes, blondes Haar und Felix mochte sie sehr, andersrum war es genauso. Aber sie kannten sich noch nicht lange genug, dass ihre Beziehung enger geknüpft gewesen wäre. Zurzeit waren sie einfach noch Schulfreunde. Jenny war mit Ihren Eltern mitten unter dem vorigen Schuljahr hierher gezogen. Sie tat sich noch schwer, gute neue Freunde zu finden. Wirklich gute Freundschaften aufzubauen, war ohnehin ziemlich mühsam.

Wieder zurück im trauten Heim, machte die Familie erst einmal eine Pause, bevor jeder seinen eigenen Interessen nachging. Vater Herbert erledigte endlich den Abwasch und mähte anschließend den Rasen, während Mama Ingrid sich um die Wäsche kümmerte und sich anschließend in ein Buch vertiefte, dass sie schon so lange lesen wollte. Max hatte sich mit ein paar Kumpeln zum Fußball verabredet und Felix mit Jennifer an der alten, verlassenen Villa Eisenburg.

 

Kapitel 2

Kapitel 2

 

 

Jenny war bereits dort, als Felix mit seinem Mountainbike dort ankam. Sie begrüßten sich ein zweites Mal an diesem Tag und schoben ihre Fahrräder seitlich in ein Gestrüpp auf dem Gelände der alten Villa. Felix hatte sich mit ihr dort verabredet, weil er dort eine Art Geheimversteck hatte und von dem bisher keiner etwas wusste. Aber Jennifer vertraute er, er wusste, sie würde sein Versteck nicht verraten. Sie gingen vorsichtig über den verwilderten Garten auf die große, rückseitig gelegene Veranda zu. Überall lagen Glasscherben und allerlei Gerümpel herum. Vor Jahren hatte es hier einmal einen Brand gegeben. Es hieß, die Familie Eisenburg habe das Feuer selbst gelegt, um die Versicherungssumme zu kassieren. Allerdings war das nur ein Gerücht, das in der Versicherungsfirma kursierte, wo Felix Vater arbeitete. Die einst wohlhabende Familie zog nach dem Brand weg. Die Eisenburgs hatten unter der letzten Wirtschaftskrise ziemlich zu leiden, hieß es weiter. Versuche, das Grundstück zu verkaufen schlugen offenbar fehl und so verkam das Gelände mit der Ruinenvilla darauf immer mehr.

Das Betreten dieser Ruine war eigentlich strengstens verboten, die Warnschilder am Zaungatter an der Frontseite des Grundstücks waren deutlich sichtbar angebracht. Aber wie Kinder nun einmal sind, nicht alles zu befolgen, sind auch diese Verbote dazu da, umgangen zu werden; vor allem da derartige Verboteimmer von Erwachsenen kommen. Natürlich war es riskant, diese verfallene Villa zu betreten, konnten doch irgendwelche Teile herunterfallen und die beiden Kinder schwer verletzen, ganz zu schweigen von dem scharfkantigen Zeugs, das noch überall herumlag. Felix allerdings mochte den Ort. Hier konnte er sich zurückziehen, ohne dass irgendjemandmeckerte. Dieser Ort hatte etwas Magisches, Verzaubertes und es warin gewisserWeise sein Reich. Er wusste auch, dass irgendjemand ihn irgendwann beobachten könnte, wie er dieses Gebäudewrack betrat, um ihn dann zu verpfeifen. Der Ärger hinterher würde ziemlich groß werden, vor allem der Stress mit den Eltern. Aber das machte den ganzen Reiz überhaupt erst aus. Jennifer fand den Ort ihrerseits nicht so toll wie Felix. Sie gruselte sich ein wenig, als sie das Haus betrat. Innen war es dunkel. Die Wände schwarz vom Ruß des Feuers. Ein paar Sonnenstrahlen durchdrangen gelegentlich die Schwärze, ihren Weg durch die verbarrikadierten Fenster bahnend. Felix nahm sie an die Hand und führte sie in einen Nebenraum im Erdgeschoß, wo das Sonnenlicht stärker durchdrang. Felix ließ ihre Hand los und beugte sich nach unten, um ein Brett vom alten, noch vorhandenen Fußboden zu lösen. Es ging ganz leicht. Er legte das Brett beiseite und in der Vertiefung blitzte etwas hervor. Jenny war nun sehr gespannt, was ihr Schulfreund nun zu Tage fördern würde. Ihre anfängliche Ängstlichkeit war im Nu verflogen. „Hier sieh mal!“ Felix hob einekleine, silberfarbene Blechkiste hervor. „Meine Schatzkiste. Ich hab´ sie bisher noch keinem gezeigt. Du bist also die erste Person.“ „Wow“, sagte sie freudestrahlend. Was ist denn da drin?“ Felix holte den kleinen, silbernen Truhenschlüssel aus seiner Hosentaschehervor und schloss auf. Zunächst sah man nichts Außergewöhnliches darin. Ein paar Sammelkarten, alte Murmeln, kleine Souvenirs vom letzten Toskana-Urlaub, eine kaputte Steinschleuder und so weiter. Aber ganz unten sah Jenny etwas leuchten. Gelb-golden. Felix holte es hervor und hielt es ins Sonnenlicht. Eine Goldmünze. Jenny hatte noch nie so ein schön leuchtendes Gold gesehen. „Die hat mir mein Großvater geschenkt. Die Münze ist echt. Meine Eltern haben´s in einem Fachgeschäft überprüfen lassen. Zuerst wollte sie mein Vater für mich aufbewahren. Aber ich habe geschworen, selber gut darauf aufzupassen.“ „Wirklich toll, aber wäre es nicht doch besser, die Münze zur Bank zu bringen oder so. Ich meine, dahin, wo sie sicherer aufbewahrt werden kann als hier.“ „Ich weiß nicht. Ich finde, der Ort hier ist genau richtig und wenn du´s nicht weitersagst, bleibt es unser beider Geheimnis.“ „Geht klar. Ich verrat´s nicht!“ Sie setzte dabei ihr bezauberndes Lächeln auf, das Felix so mochte. „Aber besser du versteckst die Münze wieder, bevor uns vielleicht doch noch jemand sieht!“ „Okay.“ Felix legte die Kiste mitsamt Münze und den anderen Utensilien wieder zurück in das Loch im Boden. Das Brett legte er vorsichtig darauf. Beide bahnten sich wieder ihren Weg durch das düstere Erdgeschoß ins Freie. Drinnen wirkte es komischerweise weniger vermüllt als draußen. „Irgendwie war es gruselig da drin“, sagte Jennyoffenherzig, während sie zu ihren Fahrrädern marschierten.

Urplötzlich ertönte eine Jungenstimme hinter Felix und Jennys Rücken, als die beiden gerade ihre Drahtesel aus dem Gestrüpp holten. „Auch das noch!“ Felix stößte einen tiefen Seufzer aus, nachdem er sich umgedreht hatte und das rotbackige Gesicht von Kevin sah, seinem Erzfeind. Kevin, 13, ging in die Parallelklasse an Felix Schule und hatte mehr Unsinn im Sinn als seinen Eltern und Lehrern lieb war. Offenbar hatte dieser rotbackige, ständig schwitzende kleine Dickwanst wenig für den Unterricht übrig, deshalb musste er auch schon einmal eine Ehrenrunde drehen. „Hey, Streichholzkopf! Was hattet ihr auf dem alten Villagelände überhaupt zu suchen, hm?“ „Streichholzkopf!“ Wie Felix diesen Spitznamen hasste, für seine Haarfarbe konnte er nun wirklich nichts. „Das geht dich gar nichts an, Riesenbaby!“, schrie er zurück. Ein kurzes, etwas ängstliches ´Genau` kam von Jenny, die sich etwas hinter Felix stellte. „Ich mach´ euch beiden einen Vorschlag“, sagte darauf der dicke Kevin mit einem hämischen Grinsen auf dem Gesicht. „Ihr gebt mir einfach ein paar Kröten und ich verrat´ nicht, dass ihr auf dem Grundstück wart. „Vergiss es! Außerdem haben wir kein Geld bei uns. Stimmt´s, Jenny?“ Das blonde Mädchen nickte zustimmend mit dem Kopf. „Na, wenn das so ist, muss ich wohl ein bisschen deutlicher werden.“ Kevin fing plötzlich an, auf zwei Fingern zu pfeifen und schon kamen seine beiden Kumpane rechts aus ihrem Versteck. Sie hatten sich hinter einem großen Strauch verschanzt, während ihr Anführer den Jungen und das Mädchen zur Rede stellte. Sie stellten sich demonstrativ hinter Kevin mit verschränkten Armen und setzten einen grimmigen Blick auf. „Jetzt hätte er eine funktionierende Steinschleuder gut gebrauchen können“, schoss es Felix durch den Kopf. Damit hätte ich uns beide gut verteidigen können.“ Felix war ein guter Schütze, er traf sogar noch aus einiger Entfernung recht gut, wo andere schon versagen würden. „Also, was ist jetzt! Irgendetwas werdet ihr schon bei euch haben, was wir gebrauchen können. Eure Bikes sicher nicht, da hab´ ich selber ein Schöneres. Vielleicht habt ihr ja was in der alten Villa versteckt, wer weiß? Los Jungs, packt sie!“ Seine beiden Kumpels, Michi und Stefan, folgten ihm wie zwei Wachhunde auf dem Fuß und hatten blitzartig Felix und Jenny an den Armen gepackt, dass die beiden gar nicht so schnell Widerstand leisten konnten, wie sie gerne wollten. Ihre Fahrräder plumpsten sofort zu Boden, wurden aber nicht großartig beschädigt. Michi drehte sodann Jennys linken Arm auf ihren Rücken und Stefan hielt nun Felix mit beiden Griffeln fest umklammert. Kevin seinerseits setzte einen triumphierenden Blick auf und sagte zunächst nichts, marschierte nur, mit hinter dem Rücken verschränkten Armen an seinen ´Gefangenen` vorbei, hin und her - fast wie ein General einer Armee wirkte er nun. Felix hatte wirklich genug von dem ganzen Theater und fasste all seinen Mut zusammen, um sich aus Stefans Klammergriff zu befreien. Er trat mit ganzer Kraft auf dessen linken Turnschuh, ohne genau zu sehen, ob er ihn treffen würde - aber Felix traf. Stefan schrie unter Schmerz verzerrtem Gesicht auf und hielt seinen Gefangenen nicht mehr fest, sondern nur noch seinen linken Treter. Jenny ihrerseits tat das Gleiche, da die anderen beiden durch Felix Tat abgelenkt waren, und erzielte denselben Effekt. Sie hasteten zu ihren umgestürzten Bikes, als eine kräftige Hand an Felix Schulter den Jungen zurückriss. Kevin hatte schnell reagiert und wollte zumindest einen der beiden nicht davonkommen lassen. Felix seinerseits riss sich blitzartig mit einem Ruck los und boxte seinem Gegner beim Umdrehen in die Magengrube, wobei dieser - sich vor Schmerz krümmend - auf die Knie sackte. „Okay, Jenny. Jetzt aber nix wie weg hier!“, rief er noch beim Aufheben seines Drahtesels. Kevin und seine Kompagnons konnten nur noch mit geballten Fäusten den beiden hinterherdrohen, als die Schmerzen der Fußtritte und des Bauchschlages nachließen.

Nach etwa zwei Kilometern stoppten die beiden ´Flüchtlinge` an einem großen Kastanienbaum in der nahegelegenen Grünanlage. Sie lehnten, ziemlich außer Puste, ihre Fahrräder an die verkrustete,alte Rinde und stemmten zunächst beide Hände auf die Knie. „Gut. Die wären wir erstmal los“, keuchte Jenny. „Was hat dieser Kevin eigentlich für ein Problem?“ Das Mädchen hatte schon auf dem Schulhof mit dem korpulenten Jungen unangenehme Bekanntschaft gemacht. „Keine Ahnung“, kam es von Felix heraus, der immer noch schwer atmete. „Er ist halt einer dieser Typen, die bestimmte Leute von Haus aus nicht leiden können. Bei mir sind´s wohl die roten Haare und die Sommersprossen. Für mich ist er einfach nur ein Idiot!“ „Für mich auch. Und, was machen wir jetzt?“ „Also, was mich angeht, hab´ ich erstmal Durst. Fahren wir zu mir, ich geb´ eine kalte Limonade aus.“ „Das klingt ganz gut, also los!“