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Die Glücksgalaxie





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80331 München

Kapitel 1: Vorgeschichte

 

 

 

 

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Die Glücksgalaxie

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Kapitel 1: Vorgeschichte

 

Vier Millionen Lichtjahre von der Erde entfernt befindet sich die Glücksgalaxie und in ihr der Planet Plantopia. Die Bewohner dieses Planeten gaben der Galaxie diesen Namen, nachdem sie es geschafft hatten, sich enormen Wohlstand zu erarbeiten. Habgier, Neid und das Misstrauen gegenüber fremden Völkern brachten vor langer Zeit Plantopia an den Rand des Untergangs. Doch die Plantopianer dachten um, denn die Probleme in der Gesellschaft, in der Ökologie und in der Ökonomie in jener Zeit verschlimmerten sich zusehends. Durch Umweltzerstörung kam das ökologische Gleichgewicht des Planeten ins Wanken. Naturkatastrophen und Epidemien nahmen zu, starke Temperaturschwankungen und veränderte Jahreszeitenwechsel wurden registriert. Gewalt, Korruption, Armut und Arbeitslosigkeit nahmen ein unerträgliches Ausmaß an. Auf unzähligen Kon-ferenzen im Lauf der nächsten Monate besannen sich die Plantopianer wieder auf die Überlieferungen ihrer Vorfahren: im Einklang mit der Natur zu leben und seine Mitbürger zu respektieren, unabhängig von ihrer Rasse, Herkunft oder Religion. Eine Lösung der Probleme war aber noch in weiter Ferne. Sie mussten die Ideen ihrer Vorfahren in ein modernes Gewand packen, denn nur so konnten Fortschritt und Wohlstand garantiert werden. Die Vorfahren der Plantopianer betrieben regen Handel untereinander, ohne dass sie jemals Geld dafür benötigten. Sie tauschten Waren und Lebensmittel oder halfen sich gegenseitig beim Hausbau. „Konnte dies wirklich funktionieren?“, dachten sich die Plantopianer vor 1600 Jahren. „Eine moderne Gesellschaft ohne Geld?“ Und die einfache Antwort lautete: Ja. Geld wurde nun nicht mehr in den Vordergrund des gesellschaftlichen Handelns gestellt, sondern das Ziel eines jeden Plantopianers war nun, sich selbst zu verbessern und anderen zu helfen. Es dauerte einige Jahrzehnte bis dieses Konzept vollständig umgesetzt werden konnte und in den darauf folgenden Jahrhunderten wurde die Idee einer besseren Welt durch technischen Fortschritt perfektioniert. Sie nannten es schließlich “Den Großen Wechsel”. Große Veränderungen brauchen auch immer einen Namen für die Ge-schichtsbücher. Die Plantopianer der Gegenwart besaßen einen hohen Lebensstandard und betrieben regen Handel mit anderen Planetenvölkern. Es herrschte einige Jahre Frieden in der Glücksgalaxie.

Bis eines Tages ein Finsterling namens Mondragor die Macht durch einen Militärputsch auf dem Nachbarplanet Botók ergriff. Er errichtete eine Diktatur und wollte die Herrschaft über die gesamte Glücksgalaxie erreichen. Vor allem Plantopia stand ganz oben auf seiner Eroberungsliste, denn dort gab es immer noch große Gold- und Diamantvor-kommen. Hinzukommt, dass der Planet Botók seit dessen Machtübernahme durch Ausbeutung und Umweltzerstörung fast unbewohnbar geworden ist, ähnlich der Situation Plantopias in der Vergangen-heit. Die Botókianer brauchten neuen Lebensraum. Doch nach einer verlustreichen Weltraumschlacht musste der Diktator kapitulieren. Er wurde verhaftet, von einem Kriegsgericht verurteilt und ins Exil geschickt.

Im Exilgefängnis traf Mondragor auf einen Mithäftling namens Raro Raraku, einem ehe-maligen, dubiosen Waffenhändler und -schmuggler. Vor seiner Inhaftierung kam jener Raro in den Besitz von digitalen Bauplänen für eine Waffe, mit der man ganze Planetenvölker auf einmal auslöschen kann. Für den Fall, dass beide irgendwann freikommen, versprach er, Mondragor die Daten, die er an einem geheimen Ort versteckt hielt, zu überlassen. Aber nur für ein hübsches Sümmchen als Entlohnung: eine Milliarde Space-Dollar. Der Diktator konnte schließlich mithilfe von Gesinnungsgenossen dem Exil wieder entfliehen und schwor, sich an allen Völkern der Galaxie zu rächen, die am Weltraumkrieg gegen ihn gekämpft hatten. Sein Hauptziel war allerdings immer noch, neue Rohstoffgebiete auszubeuten und ein neues Reich aufzubauen, für sich und seine Gefolgsleute, die den Krieg überlebt hatten. Der Waffenhändler Raraku wurde ebenfalls befreit und schloss sich Mondragors Leuten an. Sie flüchteten mit einem gekaperten Raumschiff zu Raros Geheimversteck, einen abgelegenen Planeten mit Namen Silenzio, auf dem der Diktator sich die Daten der Waffe vom Schmuggler bereits gewaltsam verschaffen konnte. Allerdings hatte Raro die Bauplandaten ver-schlüsselt und so gelang es dem Händler, schließlich sein Geld zu bekommen. Aber bei der Software dieser Daten gab es noch einen Haken. Sie konnten von einem Computer nur gelöscht werden, wenn sie vorher auf ein anderes System kopiert worden sind. Diese Tatsache würde für Mondragor noch zum Problem werden. Im Gegenzug bekam Mondragor nun den Entschlüsselungscode von Raro übermittelt, jedoch konnte er mit den Daten noch wenig anfangen. Er brauchte erst die besten Techniker, die aus dem Bauplan auch die zerstörerische Waffe entwickeln konnten. Material für den Bau der Waffe und Geld konnte er sich jederzeit durch Raubüberfälle verschaffen. Das Heer von Sklaven-arbeitern, das für den Bau auch noch notwendig war, würde er sich auch noch beschaffen können. Die großen Raumtransporter auf den Handelsrouten zwischen den Planeten versprachen fette Beute. Mondragor schaffte es schließlich, einige re-nommierte Wissenschaftler aus der gesamten Galaxie und deren Familien zu entführen. Auf Silenzio gab es einen alten, verlassenen Gebäude-komplex zur Weltraumerkundung, den Raro ihm verraten hatte. Die technische Einrichtung der Station war aber immer noch intakt. Die Wissenschaftler wollten jedoch verhindern, dass der brutale Despot eine solche gigantische Waffe in die Hände bekommt. Sie bewerkstelligten es, die enorme Datenmenge auf sechs verschiedene Speicherwürfel zu kopieren und die digitalen Originaldaten zu löschen. Die Würfel, die eigent-lich einmal dafür gedacht waren, Daten zur Galaxieerforschung aufzunehmen, steckten sie hektisch in sechs intergalaktische Sonden, denn ihr Handeln konnte jederzeit von Mondragors Wach-leuten entdeckt werden. Die Wissenschaftler programmierten schnell die Zielkoordinaten für die Sonden ein und speicherten die Koordinaten ihres Aufenthaltsortes ab, dabei kam es allerdings zu Fehlern. Eine zusätzliche siebte Sonde hatte die Koordinaten der anderen Sonden und Frequenz von deren Sondentarnschilde gespeichert. Dieser siebte Flugkörper erreichte als einziger sein Ziel: Plantopia. Die anderen sechs Flugkörper nahmen Kurs in Richtung Milchstraße, obwohl sie eigentlich befreundete Planetenvölker innerhalb der Glücks-galaxie erreichen sollten. Das siebte Fluggerät sollte zudem noch die Koordinaten des geheimen Aufenthaltsortes der Techniker enthalten, aber diese Daten wurden ebenfalls auf die anderen sechs Würfel verteilt. Die Geschichte nahm jetzt ihren Lauf.

Gulup, ein renommierter Physiker im Dienste des Militärs, hatte einen Vorfahren, der an der Konzeption des „Großen Wechsels“ beteiligt war. Außerdem hatte er in der erfolgreichen Welt-raumschlacht gegen Mondragor und dessen Trup-pen mitgewirkt und sich den Rang eines Generals erworben. Die wichtigsten Persönlichkeiten Plan-topias beschlossen nun in einer Krisenkonferenz, General Gulup solle mit einem kleinen Team die anderen Sonden suchen und die Daten der furchtbaren Waffe sicherstellen. Sie waren sich sicher, dass jemand mit solchen Ahnen und enormen technischem wie militärischem Sachverstand dieser Aufgabe gewachsen war. Auch Mondragor und seine Offiziere waren auf dem Weg zur Milchstraße, da sie die Koordinaten im Computer der Sondenabschussrampe entdeckten. Für diesen Sabotageakt ließ Mondragor jeweils ein Familienmitglied eines Wissenschaftlers hinrichten. Die Wissenschaftler selbst aber würde er noch brauchen. Mehrere dieser Koordinaten zielten nur auf einen Ort: dem dritten Planet eines Sonnensystems in der Milchstraße, namens Erde. Dort würde auch seine Suche beginnen.

Und so kam es, dass eine der sechs Sonden zunächst unbemerkt im nahegelegenen Wald eines Bauernhofes landete. Jede Sonde hatte eine Tarnvorrichtung, so dass das Radar der Erden-bewohner sie eigentlich nicht erfassen konnte. Die Technik der Außerirdischen war derjenigen der Erdenbewohner etwa um 1000 Jahre voraus. Nur die Außerirdischen vom Planet Plantopia kannten die genaue Frequenz des Tarnschildes und so konnten sie die Landungsorte der Sonden genau bestimmen, im Gegensatz zu Mondragor und seinen Leuten, die „nur“ auf die Ortsangaben angewiesen waren. Das plantopianische Bergungsteam hatte damit einen zeitlichen Vorteil gegenüber den Botókianern.

Auf der nördlichen Erdhalbkugel war es gerade Samstagabend, als die Intergalaxis-Sonde in die Atmosphäre eintauchte. Durch heftige Turbolenzen in den oberen Luftschichten landete das Fluggerät einige Kilometer abseits des eingespeicherten Landepunktes. Das Gerät hatte, durch das Energie-feld des Schildes geschützt, die Reise durch das Wurmloch heil überstanden. Auch die anderen Sonden kamen gemäß den Zielkoordinaten zunächst unbeschadet an. Die hochentwickelten Kulturen der Glücksgalaxie hatten Antriebe für Fluggeräte gebaut, die es ihnen ermöglichte, große Entfer-nungen in kurzer Zeit im Weltraum zurückzulegen. Man konnte sogenannte stabile Wurmlöcher erzeugen, die den Raum krümmen und so große Distanzen enorm verringern können. Man kann sich das beispielsweise so vorstellen: man betrachtet den Weg über ein gefaltetes Blatt Papier. Statt auf dem Papier zu bleiben, kann man auch einfach ein Loch ins Papier bohren und damit die darangefaltete andere Seite schneller erreichen.

Die Sonde mit einem Teil der Waffenbaupläne zündete automatisch ihre Bremsdüsen, als sie dem Erdboden näher kam. Sie glitt sanft mit den drei ausgeklappten Landestelzen zwischen den Tannen-bäumen hinab auf den nadelübersäten Waldboden. Es war dunkel und es war ruhig. Es war nur ein leises Summen des Tarnschildes hörbar.

Der nächste Tag. Die Erdenbewohner hatten von alledem nichts mitbekommen und so auch nicht ein Erdling namens Benjamin Vogler. Wir befinden uns in einem kleinen beschaulichen Örtchen irgendwo im Süden Deutschlands, zeitlich gesehen Anfang des 21.Jahrhunderts. Das erste Jahrzehnt des neuen Jahrtausends neigt sich schon wieder dem Ende entgegen und die Menschen auf der Erde haben bereits einige Krisen überstanden: Terroranschläge, Umweltkatastrophen, Hungersnöte, Epidemien und ein großes Finanzchaos. Klingt alles sehr depri-mierend – aber noch deprimierter an diesem Novembersonntag, gegen 12.00 Uhr, war dieser Benjamin, von den meisten seiner Bekannten nur Ben oder Benny genannt. Zu diesem Zeitpunkt konnte er noch nicht ahnen, dass es noch ein aufregender Tag werden würde. Ben war ein groß gewachsener Typ, Anfang 30, mit blonden Haaren und schmalem Gesicht. Er hatte gerade eine durchzechte Nacht hinter sich und einen mords-mäßigen Kater. „Ich musste eine Menge Spaß ge-habt haben letzte Nacht, wär` schön, wenn ich mich daran erinnern könnte! Na ja, vielleicht kommt die Erinnerung an so Manches im Lauf des Tages wieder.“ An eine Sache konnte er sich schon wieder erinnern und zwar an den Alkoholmix, den er immer noch teilweise in sich hatte: eine Mischung aus Bier, Ouzo, Jägermeister und Marillenschnaps. Er hatte von dem ganzen Zeug noch einen komischen Ge-schmack im Mund. „Einfach nur ekelhaft“, dachte er, obwohl es ihm gestern nichts ausmachte. Er wollte sich einfach zulaufen lassen. „Na ja, die Quittung hab´ ich heute dafür bekommen“, sagte er zu sich vorwurfsvoll. Einen wortwörtlich tierischen Kater, verbunden mit ordentlichen Kopfschmerzen. „Erstmal ein Aspirin einwerfen und dann schau´n ma mal“, dachte er. Des Weiteren kam er zu dem Schluss, dass ordentlich Kaffee die Nüchternheit beschleunigen könnte, kombiniert mit an-schließendem Wassertrinken, um den Flüssigkeits-verlust des letzten Abends auszugleichen. Nach zirka einer Stunde fühlte er sich etwas besser, hatte aber immer noch ein ziemliches Übelkeitsgefühl in der Magengegend. „Einfach zum Kotzen“, murmelte er. So allmählich bekam er wieder einen klaren Kopf und er erinnerte sich wieder, warum er sich am gestrigen Abend auf dieser Party voll laufen lassen wollte. Seine Freundin hatte ihn vor einem Monat verlassen und kurze Zeit darauf verlor er auch noch seinen Job in der Werbeagentur. „Aufgrund von Budgetkürzungen müssen wir uns leider personell verkleinern“, hieß es lapidar in dem Kündigungs-schreiben der Agentur. Seine Niedergeschlagenheit verschlimmerte sich. Er schlurfte langsam zum Fenster seiner bescheidenen 40-Quadratmeter-Wohnung, die er kürzlich bezogen hatte, und schaute hinaus. Es war ein wunderschöner, sonniger Herbst-tag im November, um die zehn Grad Außen-temperatur. „Na ja, sagte er vor sich hin, wenigstens etwas Positives: schönes Wetter.“ Er ging zurück in seine kleine Wohnküche und kochte sich noch mal eine Tasse Kaffee. Dann schlenderte er wieder zurück ins Wohnzimmer, um seine Blicke wieder am Fenster in die Ferne schweifen zu lassen. Er nippte immer wieder an seiner Kaffeetasse und ließ in seinem Kopf die letzten Tage und Wochen noch einmal Revue passieren.

Ben hatte sich mal wieder mit seiner Freundin wegen Kleinigkeiten gezankt, dergleichen wie sie in vermutlich jeder Beziehung vorkommen. Sie war erst vor einem halben Jahr zu ihm gezogen. Die Wohnung war sehr geräumig, ideal für zwei Personen. Sie lag zwar mitten in der Stadt, dafür konnte man kleine Einkäufe locker zu Fuß erledigen. Dann hatte seine Freundin plötzlich die Schnauze voll von ihm und sie zog wieder in ihre eigene Wohnung. Ben hatte ebenfalls die Schnauze voll - von Frauen, vom Leben in der Stadt, eigentlich von Allem. Er entschloss sich kurzerhand, weg von der Stadt aufs Land zu entfliehen und hier war er nun in seiner neuen 40-Quadratmeter-Bude. Für seine alte Stadtwohnung musste er noch einen Monat Miete bezahlen. „Prima, obwohl sie jetzt leer stand, darf ich jetzt noch dafür blechen“, dachte er und fügte sogleich einen kritischen Gedanken hinzu: „Selbst Schuld, alter Junge, du wolltest die Kündigungsfrist nicht abwarten und bist sofort aufs Land abgedüst!“ Zwei Kaltmieten Kaution und die Miete für diesen Monat waren sofort fällig. „Tja, momentan bin ich ziemlich pleite, trotz der Abfindung von der Werbeagentur“, grummelte Ben vor sich hin. Dafür war der Ausblick umso schöner. Seine neue Wohnung befand sich rückseitig im ersten Stock eines alten Bauernhauses, mit separatem Eingang, was er sehr schätzte. Die Vermieter, die Heinrichs, waren schon etwas ältere Leute, vermutlich kurz vor der Rente. Ihre zwei erwachsenen Söhne waren schon längst aus dem Haus, wie sie ihm erzählten und so kam es, dass das Bauernhaus zu groß für sie beide wurde und sie deshalb schon lange darüber nachdachten, einen Untermieter zu suchen. Die beiden waren ihm auf Anhieb sympathisch, und so entschloss er sich kurzerhand, die Wohnung im ersten Stock anzunehmen. Selbstverständlich gab es auch noch andere Gründe, dort hinzuziehen. Zum Beispiel war es ruhig, verdammt ruhig. Genau das, was Ben momentan brauchte. Das Gehöft gehörte eigentlich zu einem Dorf, das Dorf aber wiederum war knapp zwei Kilometer entfernt. Die Landstraße führte auch nicht direkt am Bauernhof vorbei, sondern lag in etwa 50 Meter Entfernung. Nur ein holpriger Feldweg schlängelte sich von dieser Land-straße zum Hof. Die Hofeinfahrt hatte kein Tor, nur ein dunkelbrauner Holzlattenzaun links und rechts der Einfahrt grenzte das Grundstück ein wenig ab. Der Feldweg ging direkt in den Innenhof über, der nicht geteert, sondern nur mit Kies bedeckt war. Geradeaus am anderen Ende des Kiesbetts stand das schöne alte Bauernhaus mit den dunkelbraunen, hölzernen Fensterläden und schmucken Ver-zierungen an der ansonsten weißen Fassade. Über der Eingangstür, die mit dicken Holzbalken eingerahmt war, konnte man die Jahreszahl und die Initialen der Heiligen Drei Könige erkennen, die letzten Winter von Ministranten mit Kreide dort angebracht wurden. Rechts des Hauses lag der Stall, in dem vor kurzem noch Milchkühe standen. „Lohnt sich nicht mehr“, erzählte Bauer Heinrich vor ein paar Tagen etwas enttäuscht. Die Milchpreise waren in den letzten Jahren um fast 30 Prozent gefallen. „Ich hab´ alle meine Kühe verkauft und jetzt steht der Stall eben leer. Aber ich und meine Frau haben schon eine neue Idee, wie wir das Gebäude wieder nutzen könnten. Wir verpachten die Dachfläche an eine Solarzellen-Firma. Das Ganze müssen wir aber noch rechtlich abklären.“ „So weit, so gut. Echt positive Einstellung, dachte Benny, diese Leute lassen sich nicht unterkriegen.“ Links des Bauern-hauses stand die Scheune. Ben hatte schon mal einen Blick hineingeworfen, nachdem er ein paar Umzugskisten in den ersten Stock getragen hatte. Es war nichts besonders Aufregendes darin, eingelagertes Heu und ein paar Landmaschinen. Der Einödhof hatte, bezogen auf seine Gebäude-anordnung, die typische umgekehrte U-Form. Jedenfalls, Ben gefiel es hier, denn er hatte wieder einen Bezug zur Natur gefunden, den er seit seiner Kindheit doch irgendwie verloren hatte, als er mit seinen Eltern und Geschwistern noch auf dem Land wohnte.

Ben fühlte sich momentan sehr einsam. Er ließ sich in seinen schwarzen Wohnzimmer-Ledersessel fallen und streckte die Beine weit von sich. Er trank noch immer an seinem Kaffee, obwohl er schon halb kalt war. Er stellte die Tasse auf seinen Wohn-zimmertisch, lehnte sich bequem zurück und schloss für kurze Zeit die Augen. Er war immer noch müde von der gestrigen Nacht. Jetzt fiel ihm plötzlich wieder ein, dass er gestern Abend auf dieser Party ein attraktives, rothaariges Mädchen angesprochen hatte. Sie war ihm gar nicht so unbekannt, da er sie schon öfter in der Stadt mit ihren Freundinnen gesehen hatte. Er hatte sich aber damals nicht getraut, sie anzusprechen. „Mit Alkohol geht´s wohl leichter!“, dachte er sich. Tina war ihr Name und eigentlich wollten sie sich auch bald mal ver-abreden. Jetzt kamen auch wieder einige andere Erinnerungen an den gestrigen Abend zutage. Nachdem er Tina geküsst hatte, standen sie noch eng umschlungen an der Bar und bewegten sich zum Rhythmus eines sanften Liedes. Nachdem die Partyband seines Bruders Basti, “The Criminals”, ihr Konzert im Gasthaussaal beendet hatte, rief er ein Taxi für sich und seine Liebste. Ihre Freundinnen waren vermutlich anderweitig nach Hause gekommen, aber das hatten Ben und Tina, beide schon erheblich angetrunken, nicht mehr so mitbekommen. Sie fuhren zuerst zu Tinas Wohnung. Sie wohnte im zweiten Stock in der Stadt und Ben begleitete sie bis zur Wohnungstür, während das Taxi draußen wartete. Sie tauschten noch ihre Handynummern aus und Tina gab ihm einen Abschiedskuss. „Bis auf das Trinken war es gestern doch ein schöner Abend“, dachte Ben, der seine Augen noch geschlossen hielt. Er riss seine Augen im gleichen Moment wieder auf, als plötzlich sein Handy auf dem Schreibtisch summte. „Eine SMS, vielleicht von ihr?“, dachte er sofort. Er sah auf das Display und tatsächlich. Es war eine Nachricht von seiner neuen Freundin: „Habe gestern vergessen, dir zu sagen, dass ich eine ganze Woche nicht zu Hause bin. Mache eine Städtereise nach Hamburg. LG Tina“. Ben war enttäuscht, denn er hatte sich schon auf das nächste Wochenende mit ihr gefreut – und dann schickte sie ihm diese unpersönliche Kurz-nachricht. „LG Tina. Immer diese Abkürzungen, sie hätte zumindest “Lieben Gruß” ausschreiben können.“ Es war bereits halb zwei durch und er hatte immer noch seinen dunkelgrünen Frottee-Morgen-mantel an. Er stand noch mal auf und blickte wieder aus dem Fenster. Es war wirklich ein schöner Sonntag. Das Sonnenlicht durchflutete regelrecht sein Zimmer. Über die Wohnung konnte er wirklich nicht meckern. Sie hatte sogar einen kleinen Balkon. Ben entschloss sich, die Balkontür einen Spaltbreit offen zu lassen, damit ein bisschen Frischluft in die Wohnung kam. Dann starrte er wieder aus dem Fenster. Dadurch, dass seine Wohnung rückseitig des Bauernhofs lag, hatte Ben einen tollen Ausblick. Die Natur fing hinter dem Haus erst so richtig an. Es gab dort keinerlei Abgrenzung des Grundstücks und er fragte sich, ob den Heinrichs dieser ganze Bereich auch noch gehörte. „Na ja, kann sie heute vielleicht mal fragen“, dachte er so vor sich hin. Da fiel ihm allerdings wieder ein, dass die Heinrichs übers Wochenende zu ihren Söhnen gefahren waren. „Na gut, dann eben ein anderes Mal.“ Ben blickte weiter in die Ferne. Zunächst führte eine Wiese weg vom Haus etwa 50 Meter auf einen kleinen Abhang zu. Ein schmaler Trampelpfad schlängelte sich seitlich ebenfalls in diese Richtung. Ben ging gleich am ersten Tag nach der Wohnungsbesichtigung diesen Weg entlang. Die Umgebung zog ihn sofort in ihren Bann. Er fühlte sich von der Natur hier irgendwie magisch angezogen. Als Ben dort entlangschlenderte und schließlich auf der Anhöhe zum Stehen kam, sah er noch mehr von der schönen Natur. Der schmale Weg endete zwar hier, nicht aber die Wiese. Nach der Anhöhe senkte sich die Landschaft wieder leicht ab und ging schließlich auf einer Distanz von 100 Metern in ein kleines Tal über, an dessen Ende ein prächtiger Wald stand, mit gesunden Tannen- und Fichtenbäumen. Von seiner Wohnung aus konnte Ben die Baumkronen gerade noch erhaschen. Auf der Wiese hinter dem Haus befanden sich rechtsseitig noch ein paar Birkenbäume, die durch einen plötzlich auftretenden, zischenden Wind ziemlich stark gebogen wurden. Mit einer gewissen Verzögerung bewegten sich auch die Baumwipfel des Waldes. „Das Wetter wird doch nicht schlechter werden?“, sinnierte er. Winde waren meistens Vor-boten für ein Gewitter. Ben überfiel augenblicklich wieder diese Melancholie, wie er sie in den letzten Tagen seiner Misserfolge oft verspürt hatte. Er ließ sich wieder zurück in seinen Sessel fallen und schloss nochmals die Augen. „Glück, dachte er, Glück. Könnte ich nicht auch mal ein bisschen Glück haben?“ Plötzlich erzitterte der Erdboden.

 

 

 

Kapitel 2: Begegnung der ko(s)mischen Art

Kapitel 2: Begegnung der ko(s)mischen Art

 

Ben riss die Augen auf, als die Erde für einen kurzen Moment erbebte. Das kleine Beben wurde noch begleitet von einem dumpfen Schlag, als ob gerade ein Helikopter gelandet wäre. Das Geräusch musste von irgendwo hinter dem Haus kommen – hinter der Anhöhe vermutlich. Vor lauter Schreck stieß Ben seinen Kaffeebecher auf den Fußboden. Er zerbrach und der Rest vom kalt gewordenen Kaffee ergoss sich auf Parkett und Teppich. „Schöne Sauerei“, ärgerte sich Ben und im gleichen Atemzug kam ihm der bekannte Spruch in den Sinn: „Scherben bringen Glück!“ Ein wenig Glück könnte er momentan wirklich gebrauchen!

Es hatte allerdings vorhin doch jemand beobachtet, wie die Luke des Raumschiffs aufging, nämlich Förster Guggenmoser. Es war zwar Sonntag, aber er wollte trotzdem das sonnige Wetter ausnutzen, um den Wald auf Schädlinge zu inspizieren, als er in zirka 150 Meter Entfernung eine merkwürdige Öffnung in der Luft stehen sah. Er nahm sein Fernglas und schaute hindurch. „Tatsächlich, eine Art Luke. Etwa ein UFO?“, dachte er. Von einem Moment auf den anderen war das Objekt ver-schwunden. Er nahm sein Fernglas wieder herunter und schaute nochmals ungläubig in die gleiche Richtung. Nichts mehr zu sehen, aber es war so real, keine optische Täuschung. Er zwirbelte an seinem Schnauzbart und dachte nach. „Verdammt, das war ein UFO. Hundertprozentig!“ Aber wem sollte er das erzählen, es würde ihm niemand glauben. Er hatte keinerlei Beweise. Da kam ihm eine Idee: die Boulevardpresse. Denen konnte man jeden Mist verkaufen und vielleicht sogar noch ein bisschen was dabei verdienen. Er ging zurück zu seinem Geländewagen, der am Wegesrand einer Lichtung stand, und fuhr zu sich nach Hause. Er schnappte sich die Gelben Seiten und suchte sich eine Adresse mit Telefonnummer heraus. Dann nahm er den Telefonhörer und wählte die Nummer eines Call-Centers. Es meldete sich eine Frauen-stimme: „Guten Tag, hier ist der Call-Center der BLOB-Zeitung. Was kann ich für Sie tun? ...