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Based on

Star Trek: Deep Space Nine

created by Gene Roddenberry

Ins Deutsche übertragen von

Christian Humberg

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Die deutsche Ausgabe von STAR TREK – DEEP SPACE NINE: OFFENBARUNG Buch 2 wird herausgegeben von Amigo Grafik, Teinacher Straße 72, 71634 Ludwigsburg.

Herausgeber: Andreas Mergenthaler und Hardy Hellstern, Übersetzung: Christian Humberg;

verantwortlicher Redakteur und Lektorat: Markus Rohde; Lektorat: Anika Klüver und Gisela Schell;

redaktionelle Mitarbeit: Christian Humberg; Satz: Amigo Grafik; Cover Artwork: Cliff Nielsen.

Titel der Originalausgabe: STAR TREK – DEEP SPACE NINE: AVATAR Book 2

German translation copyright © 2009 by Amigo Grafik GbR.

Original English language edition copyright © 2007 by CBS Studios Inc. All rights reserved.

© 2009 Paramount Pictures Corporation. All Rights Reserved.

™®© 2009 CBS Studios Inc. STAR TREK and related marks and logos are trademarks of CBS Studios Inc.

This book is published by arrangement with Pocket Books, a Division of Simon & Schuster, Inc., pursuant to an exclusive license from CBS Studios Inc.

ISBN 978-3-942649-81-0 Juni 2010

www.cross-cult.de · www.startrekromane.de

Für Steve, Dianne und Gwen

Für Daheim

Dem Schicksal begegnet man oft auf dem Weg, den man wählte, um ihm zu entgehen.

– Französisches Sprichwort

PROLOG

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Odo saß auf dem kleinen Fels im großen goldenen Ozean, jener unwirtlichen Insel, auf der er ihr Gesicht zum letzten Mal gesehen hatte, und sah dem Glitzern der Wellen zu. In Momenten wie diesem, wenn er auf das lebende Meer hinausblickte, fragte er sich, ob seine Einsamkeit es wert war, sich an ihr festzuklammern. Das Meer war ewig und selbst im Chaos noch wunderschön.

Doch mit der Einsamkeit kamen die Erinnerungen an sein Leben, und sie bestärkten ihn in seinem Tun. Also blieb er auf dem warmen Felsen, auf dem sie zuletzt gestanden und ihn liebevoll angelächelt hatte, während er in der Verbindung aufgegangen war. Er erinnerte sich an das Gefühl, sich über den Ozean, seinen Ozean, hinaus auszudehnen und aus der Erschöpfung und Verzweiflung, die er in den anderen gespürt hatte, Frieden zu machen. Hoffnung und Möglichkeiten – das waren die Eindrücke, die er ihnen vermittelt hatte, und die Erinnerung tat gut. Sie war so schön, so idealistisch, dass ihm nach mehr gelüstete, nach weiteren Bildern vergangener Tage voller Fröhlichkeit und Verwirrung, Freundschaft und Nerys, immer Nerys. Er klammerte sich an diese Bilder, teilte sie, ließ sie jedoch nie los. Sie waren sein wertvollstes Gut – der Beweis, dass sie ihn geliebt hatte.

Nun saß er da, die lockende See vor sich, weil er nachdenken musste. Als Odo konnte er seine Gedanken so sortieren, wie er es immer getan hatte, konnte sie auf lineare Weise begreifbar machen … In der Verbindung gelang ihm das nie. Außerdem half ihm die Odo-Gestalt dabei, den Lauf der Zeit wahrzunehmen. Dinge geschahen, und es würde sich für ihn auszahlen, auf der Hut zu sein.

Seit Ende des Krieges hatte es keinen Frieden in der Verbindung gegeben. Jedes neu eintreffende Mitglied brachte neue Informationen über die Folgen der Niederlage, und die Unruhe stieg. Die Nachricht von der totalen Niederlage des Dominion hatte auf einigen der unterworfenen Welten zu rebellischen Aufständen geführt, und die Vorta waren angewiesen worden, mithilfe der Jem’Hadar die so geschätzte Ordnung wieder herzustellen. Odos Einwurf, Gewalt sei nur eine von vielen Alternativen, war ignoriert worden.

Er sagte sich, dass die Große Verbindung erst am Anfang eines Wandlungsprozesses stand, der unmöglich beschleunigt werden konnte. Und doch frustrierten und irritierten ihn manche Überzeugungen und Vorgehensweisen seiner Artgenossen: Gewalt gegenüber Untertanen, Misstrauen gegenüber Solids, eine Sehnsucht nach Vergeltungsmaßnahmen und die gleichzeitige Angst vor Repressalien. Es fiel der Verbindung leicht, neue Informationen zu analysieren. Nur mit dem Begreifen hatte sie gewaltige Schwierigkeiten.

Das Geräusch fest werdender Flüssigkeit erklang hinter Odo; er blickte einmal mehr hinaus über seine Familie und wappnete sich gegen was auch immer der Grund für Laas’ diesmaligen Besuch sein mochte. Denn es war meistens Laas, der kam, wenn die Verbindung Kontakt zum Solid Odo suchte. Laas hatte einige Zeit auf DS9 verbracht; vielleicht dachten sie, er sei Odo dadurch vertrauter als der Rest von ihnen. Ein Irrglaube, denn Odo scherte sich nicht darum. Auch Laas würde ihn von nichts überzeugen können.

»Es ist beschlossen«, sagte Laas. »Die Vorta werden Soldaten einsetzen, um die Unruhen zu beseitigen.«

Odo nickte seufzend. Es hatte nie wirklich in Frage gestanden. Doch obwohl er wusste, dass er scheitern mochte, würde er nie aufhören, friedliche Lösungen vorzuschlagen. Sicherlich war das einer der Gründe, weswegen man ihm noch immer so viel Widerstand entgegenbrachte: Aufgrund seiner Ansichten schätzten viele Gründer ihn als unzuverlässig und instabil ein und hatten längst aufgehört, ihm zuzuhören.

Laas trat näher, und seine ruhige Stimme mit dem leicht spöttischen Tonfall machte überdeutlich, welche Meinung er vertrat. »Wir glauben nach wie vor nicht, dass dein Plan zu etwas führen kann«, sagte er.

Odo drehte sich um, um Laas anzusehen, und sein Blick verfinsterte sich. »Sprichst du jetzt für die Verbindung, Laas?«

»Für den Großteil.« Der Wechselbalg wich nicht zurück, doch Odo bemerkte, dass er auch nicht weiter vor trat. »Sie sind bereit, abzuwarten … Aber sie denken, dass der Alpha-Quadrant bei der erstbesten Gelegenheit zuschlagen wird. Der Friedensvertrag war unser Todesurteil. Solids sind unfähig, ihre Vorurteile zu überwinden.«

Odo hatte den Satz schon früher gehört, doch er verblüffte ihn nach wie vor. »Als hätten sie vergessen, wer den Krieg angefangen hat«, sagte er verächtlich.

Laas wurde allmählich wütend. »Wir haben keinen Genozid versucht. Wir wollten sie nicht allesamt an einer Krankheit verenden lassen.«

Dieses Argument kam in der Verbindung häufig auf und brachte Missklang in die Einheitlichkeit. Odo schüttelte den Kopf. Es brach ihm das Herz, seinen Standpunkt abermals erklären zu müssen.

Aber wenn ich mich oft genug wiederhole … Er hoffte, schlug vor, diskutierte. Mehr konnte er nicht tun, bis seine Sturheit Früchte zu tragen begann. Irgendwann würden sie seiner ständigen Argumente und ihrer eigenen Furcht überdrüssig werden, das war unvermeidlich. Und dann würden einige der Vernunft ihr Ohr leihen. Die Verbindung war dickköpfig, sie war wütend und verletzt … Aber war sie auch unfähig, sich zu ändern? Er glaubte das nicht.

»Wir sind Splitter der Verbindung, und doch nicht alle gleich. Oder beurteilst du die gesamte Verbindung etwa anhand meiner Taten?«, fragte Odo. »Die Krankheit war das Werk einer Extremistengruppe, sehr wenigen von sehr vielen. Sie geschah nur, weil die Verbindung die Ängste und Vorurteile, die du jenen zuschreibst, erst geschürt hatte. Sie hat Kriege zwischen den Mächten des Alpha-Quadranten angeregt, Lebewesen entführt, terroristische Handlungen vollzogen, Eroberungskämpfe begonnen …«

Laas stutzte. Sein Gesichtsausdruck wechselte von Verachtung zu Mitleid, und das traf Odo noch härter. »Odo, sie haben versucht, die Verbindung zu zerstören! Du bist besessen davon, sie zu verteidigen, aber das ist falsch. Wir sind Eins, Odo. Du bist Eins.«

»‚Wir‘ sind auch Teile der Hundert, Laas«, sagte Odo. »Die Gründer sandten uns einst hinaus, um zu suchen, zu entdecken, zu finden und zu lernen. Sie hofften, wir würden mit Wissen und Erkenntnis zu ihnen zurückkehren. Nun, als ich heimkam, brachte ich die Erkenntnis mit, dass die Solids weder minderwertiges noch feindliches Leben darstellen. Sie sind anders, nichts weiter. Frieden ist möglich.«

Von den eigenen Emotionen überwältigt erhob sich Odo und blickte Laas ins Gesicht. »Das ist das Wissen, das ich der Großen Verbindung brachte. Das, weswegen ich fortgeschickt worden war. Sollte es mir da nicht gestattet sein, die Wahrheit auch zu vertreten?«

»Dein ‚Wissen‘ wird gehört«, sagte Laas. Das Mitleid in seiner Stimme wandelte sich in Resignation. »Du sagst, die Solids verdienen unseren Respekt. Und doch bringst du dies zu einer Zeit vor, in der wir so vieles durch ihre Hände verloren haben … Trotzdem hören wir dir zu, denn wir sind vereint. All dies gewährt dir die Verbindung – du aber plädierst weiterhin ihn ihrem Namen.«

Odo wandte sich ab, weg von Laas und dem goldenen Meer, und blickte zum Himmel hinauf. Laas verließ den Fels und war fort.

Sie würden zuhören. Sie würden begreifen.

Odo sah Sterne – blass und fern in der Dunkelheit – und dachte an Nerys. Er machte sich Sorgen um sie. Sie war der Grund seines Hierseins, dank ihr wusste er vom Irrweg der Verbindung, und nun war sie da draußen und schlug sich mit einer Situation herum, die er angestoßen hatte. Irgendwann würden sich daraus Resultate ergeben, die seiner Sache, ihrer gemeinsamen Sache dienlich waren – aber selbst das konnte sie hart treffen. Nerys war die stärkste Person, der er je begegnet war, allerdings vermochte auch er nicht alle möglichen Folgen seiner Handlungen vorauszusehen.

Schließlich setzte er sich wieder, lehnte sich mit dem Rücken an den Fels und hielt den Blick auf den Himmel gerichtet. Alles, was er tun konnte, war, die Wahrheit zu sagen – und auf Nachricht zu warten.

KAPITEL 1

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Nachdem Ro gegangen war, hatte Kira sich gesetzt und das Buch sowie dessen Übersetzung betrachtet. Sie fühlte sich taub. Ihr war, als habe der Mord an Reyla eine Kette an Katastrophen in Gang gesetzt, als habe der Mörder Chaos und Zerstörung über sie alle gebracht.

Reylas Ermordung, der Angriff der Jem’Hadar – alles während der vergangenen drei Tage. Die Föderation ist mit den Waffen im Anschlag im Anflug. In unserer Zelle sitzt ein Jem’Hadar, der behauptet, von Odo auf eine Friedensmission geschickt worden zu sein … und nun das.

So unglücklich und müde sie auch war, zauberte der Gedanke als kindische Reaktion auf die Rekapitulation der Geschehnisse doch beinahe ein Lächeln auf ihre Züge. Es klang alles so absurd, und die Umstände trugen nur dazu bei.

Ja. Aber es hat Tote gegeben.

Der Gedanke ernüchterte sie sofort. Sie hob die Übersetzung auf und scrollte ein paar Seiten hinab. Dann öffnete sie das Buch erneut und betrachtete die seltsamen Schriftzeichen. Keine Autorenangabe.

Ros Stimme hallte in ihrem Kopf wieder, und sie entsann sich der Sorge auf dem Antlitz des Sicherheitsoffiziers. Colonel, Sie wissen, dass ich nicht zu voreiligem Vertrauen neige. Aber bisher ist alles aus diesem Buch wahr geworden. Alles.

Kira konzentrierte sich auf die Übersetzung, widmete sich dem Text, den Ro ihr gezeigt hatte, und während die Worte vor ihren Augen vorbeiliefen, dachte sie darüber nach, wie glaubwürdig ihre Sicherheitschefin wohl war. Trotz der zwischen ihnen bestehenden Spannungen hatte Ro ihren Fund offengelegt, und ihre Schlussfolgerungen wirkten solide: Istani Reyla hatte ein Buch voller bajoranischer Prophezeiungen von Bajor mitgebracht und es auf der Station versteckt. Vielleicht hatte sie gewusst, dass man es ihr entwenden wollte. Der bisher unidentifizierte Mörder erstach sie, um an ihre Tasche zu kommen und starb zweifellos in dem Irrglauben, sich nun im Besitz des Buches zu befinden. All das legte nahe, wie bedeutsam es war.

Wenn es um ihre neue Sicherheitschefin ging, gab es vieles, worin Kira sich noch nicht sicher war, doch Ros Cleverness stand außer Frage. Genau wie ihre Fähigkeit, zu lesen.

Kira studierte die markierte Passage abermals. Dem Padd zufolge handelte es sich um die letzte vollständig erhaltene Prophezeiung – davor und danach waren Seiten aus dem Buch gerissen worden. Sie fehlten komplett.

… mit der Ankunft des Herolds. Ein Neues Zeitalter für Bajor bricht an, wenn der außerweltliche Wegbereiter geboren wird – eine Zeit voller Wissen und Verständnis, mehr noch, als es die Kinder des Landes je gekannt haben. Der kindliche Wegbereiter wird der zweite Sohn des Abgesandten sein. Ihm singen die Weisen Propheten, und er wird in eine ihn liebende Welt geboren, eine Welt, die bereit zur Einigkeit ist. Vor der Geburt werden Zehntausend Kinder des Landes um seinetwillen sterben. So ist es vorgesehen und es soll nicht mit Verzweiflung betrachtet werden. Die meisten sterben freiwillig und werden im Tempel der Weisen Propheten willkommen sein.

Ohne dieses Opfer derer, die es erbringen wollen, wird der Wegbereiter nicht in eine Welt des Friedens geboren. Vielleicht wird er dann gar nicht geboren, das ist unklar. Zehntausend ist die Zahl, so ist es bestimmt. Zehntausend müssen sterben.

Kira las es erneut, dann schloss sie die Augen. Es gab über tausend Dokumente, die die Vedek-Versammlung und die Ministerkammer als von den Propheten beeinflusst anerkannt hatten, und mindestens die gleiche Menge war abgelehnt worden. Wäre Istani Reyla von der Echtheit dieses Buches überzeugt gewesen, hätte sie es fraglos der Versammlung vorgelegt. Oder wenigstens einem Vedek. Vielleicht hatte Ro einfach zu viel in ein paar vage Vorhersagen hineininterpretiert … und überhaupt war es sicher nicht unmöglich, ein Buch zu fälschen, das aussah, als sei es über zwanzig Jahrtausende alt.

Kira fühlte einen neuen Schmerz nahen. Der Gedanke, dass die so liebenswerte und einfühlsame Reyla wegen einer Fälschung getötet worden sein könnte, bedrückte sie und ließ sie wünschen, der Mörder wäre noch immer am Leben. Damit sie ihn selbst umbringen konnte.

Wenn es wahr wäre … Nein. Sie konnte das nicht hinnehmen. Nicht, ohne es selbst gelesen zu haben. Die Saat des Zweifels war gesät.

Ich sollte zurück ins Bett gehen. Die Station bedurfte nach wie vor einiger Reparaturen, verfügte über keine verlässlichen Verteidigungsmittel, und binnen der nächsten zwanzig bis dreißig Stunden würde die Einsatztruppe der Alliierten vor der Tür stehen, um sich in den Gamma-Quadranten vorzuwagen und nachzusehen, was das Dominion angeblich vorhatte. Niemand auf der Station begrüßte dieses Unterfangen, unabhängig von der Frage, ob sie die Station im Falle eines möglichen Vergeltungsschlages überhaupt rechtzeitig funktionstüchtig bekämen. Die Einsatztruppe war und blieb eine schlechte Idee.

Die Alliierten befürchteten, der Angriff auf die Station sei Teil eines Plans des Dominion gewesen. Jem’Hadar Kitana’klan, der geheimnisvolle Stationsbesucher, behauptete wiederum, die Gründer hätten den Angriff nicht genehmigt. Und ihm wollte Kira glauben … doch Kitana’klan log vielleicht. Die internen Sensoren der Station waren nach wie vor unzuverlässig, die manuell durchgeführten Untersuchungen wenig aussagekräftig – niemand konnte mit Sicherheit sagen, ob sich nicht noch ein ganzes Dutzend der verfluchten Soldaten auf der Station verbarg. Einer war schon mehr, als Kira ertrug.

Sie hatte genug Wahnsinn um die Ohren, um sich nun auch noch mit einer Fälschung zu beschäftigen … und doch konnte sie nicht von ihr lassen. Denn falls Ro tatsächlich recht hatte, wie sie glaubte, befanden sie alle sich auf direktem Weg in eine sehr düstere Zukunft.

Kira seufzte, rief erneut den Anfang der Übersetzung auf und begann zu lesen.

Jake steuerte das Shuttle Venture zurück zur Station und achtete darauf, dass die Strahlung sein Kommen verbarg. Gut möglich, dass er übervorsichtig vorging. Immerhin hatte Nog gesagt, dass es die Zerstörung der Aldebaran unmöglich gemacht hatte, ein Schiff im direkten Umfeld der Station mit den Sensoren zu erfassen. Doch Jake wollte sicher gehen. Niemand sollte ihm folgen können. Laut den Logbüchern der Station war er von DS9 aus zur üblichen Route zur Erde geflogen – falls es jemand nachprüfte. Und sofern Nog die Wahrheit gesagt hatte, bekam nun niemand seine Rückkehr mit.

Oder meine Reise ins Wurmloch, wenn ich gut aufpasse. Und Glück habe. Bisher war sein Glück unglaublich gewesen. Die Bedingungen konnten nicht besser sein. Die Station wurde nach wie vor repariert und auf den neuesten Stand gebracht, und immer mal wieder öffneten Trümmerstücke der Aldebaran das Wurmloch. Wenn die Föderation auftauchte, würde sie die Trümmer untersuchen und beseitigen, und dann war seine Chance vertan. War die Föderation erst da, schaffte er es nicht mehr unbemerkt ins Wurmloch.

Obwohl er sich noch außerhalb der Sensorreichweite befand, sah er DS9 als kleinen Fleck auf seinem Monitor und glaubte sogar, die Wolke aus Zerstörung erkennen zu können, die die Station umgab – eine unsichtbare Aura gefährlicher Energie, gespickt mit großen und demolierten Teilen der Aldebaran.

Es gab mindestens sieben Trümmerstücke, die groß genug für das waren, was er vorhatte, doch nur zwei von ihnen befanden sich auf einem Kurs, der das Wurmloch dazu bringen würde, sich zu öffnen. Jake wollte sich an eines anschleichen und in seiner Deckung ein paar vorsichtige Stupse mit den Schubdüsen vollführen, um es in die richtige Richtung zu drängen. Dank der Strahlung dürfte ihn dabei niemand bemerken. Vielleicht registrierte das klingonische Patrouillenschiff Tcha’voth die Energie, doch die Aufgabe der Klingonen bestand in der Verteidigung der Station vor einem Angriff aus dem Gamma-Quadranten. Im Zweifelsfall würden sie sich dem Urteil der Station anschließen. Die Energiesignatur würde zu schnell wieder verblassen, um von einem getarnten Schiff stammen zu können. Nichts als Trümmer da draußen.

Und dann werde ich ihn finden. Ihn finden und ihn heimbringen.

Der Gedanke allein erfüllte ihn mit Hoffnung. Jake kannte die Prophezeiung nahezu auswendig, und doch tat es gut, sie zu sehen und in Händen zu halten. Er überprüfte die Anzeigen im Cockpit der Venture, griff in seine Tasche und zog das kleine Bündel heraus, das Istani ihm gegeben hatte. Es kam ihm vor, als wäre das eine Million Jahre her, dabei war es vor nicht einmal einer Woche gewesen. Nur Tage nach ihrer Begegnung war die Prylarin getötet worden, und diese Erkenntnis hatte Jake noch immer nicht ganz verdaut. Auch nun konzentrierte er sich lieber auf den uralten Text, den er auspackte. Der ihm sagte, was er zu tun hatte.

Das Pergament unter seinen Fingern fühlte sich wächsern und weich an. Jakes Blick schweifte über die Schriftzeichen der toten Sprache, und in seinem Geist stand der Wortlaut der Übersetzung geschrieben.

Und aus dem Tempel kehrt ein Herold zurück – nicht vergessen und doch in der Zeit verschollen; ein Seher, dem die weisen Propheten singen –, wenn jene Zeit zu Ende geht. Er kommt, um der Geburt der Hoffnung beizuwohnen, des kindlichen Wegbereiters. Den Kindern des Landes schenkt der Herold ein neues Verständnis des Tempels. Geboren im Licht des Krieges, öffnet der Wegbereiter von einer anderen Welt die Augen und blickt auf ein Zeitalter zunehmender Erkenntnis.

Doch sein Weg zu diesem Land liegt im Verborgenen, ist mühsam. Prophezeiungen sind enthüllt und versteckt. Das erste Kind, ein Sohn, betritt den Tempel allein. Mit dem Herold kehrt es zurück, und bald darauf wird der Wegbereiter geboren. Ein neuer Atemzug, und das Land erblüht in Wandel und Klarheit.

Herold. Oder Abgesandter. Und wer sollte der erste Sohn sein, wenn es sich bei dem Wegbereiter um das Baby von Kas und Dad handelte? Istani Reyla hatte Jake die Prophezeiung gegeben, weil sie wusste, dass sie wahr war. Und Jake wusste es auch. Er spürte es, und die Tatsache, dass alles so glatt gelaufen war – der Erwerb der Venture von Quark, die Bereitschaft, mit der alle seine Lüge über den Besuch bei seinem Großvater auf der Erde geglaubt hatten; sogar die Tatsache, dass die Zerstörung der Aldebaran seine Bewegungen verdeckte … Alles passte so gut zusammen, dass es schon beängstigend war. Es suggerierte höhere Mächte, die im Hintergrund wirkten. Mächte, die wollten, dass Jake erfolgreich war.

Bleibt nur Istani Reyla, flüsterte sein Verstand. Wie passt sie ins Bild?

Er wusste es nicht und wollte nicht darüber nachdenken. Momentan gab es ohnehin nichts, was er unternehmen konnte, ohne dafür seine Mission abzubrechen. Er würde Kira alles erzählen, sobald er zurück war, alles über die Prophezeiung und darüber, dass Istani seines Erachtens nach deswegen getötet worden war.

Oder ich sage es Dad. Der wird schon wissen, was zu tun ist.

Da sprach die Hoffnung aus ihm, aber das war schon in Ordnung. Ein wenig Hoffnung hatte er sich verdient, fand er. Und falls er falsch liegen sollte, würde niemand je erfahren müssen, was er versucht hatte. Er konnte sich eine Geschichte ausdenken, laut der das Shuttle mangelhaft gewesen und er bei der Rückkehr zur Station mit einem Trümmerstück ins Wurmloch gezerrt worden sei. Falls sich die Prophezeiung als falsch herausstellen sollte, konnte er sich ausdenken, was immer er wollte.

Aber das ist sie nicht.

Auf dem Monitor wurde die Raumstation allmählich größer. Winzige glitzernde Lichter vor einer unermesslichen Schwärze. Jake verstaute das alte Schriftstück wieder. Er war nervös und aufgeregt. Er würde seinen Vater nach Hause bringen.