Ludwig Ganghofer


Reise zur deutschen Front 1915



Gesamtausgabe

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Neuntes Kapitel



20. März 1915


Erinnert euch an alles, was ich seit drei Monaten an Zerstörungswerken des Krieges geschildert habe, von Audun le Roman bis zum "Friedenspark" von Hollebeke und bis zum toten Dorfe bei Arras – erinnert euch an diese hundert Bilder des Grauens, und dann sagt: "Das alles war nichts, war nur ein ungeschicktes Kinderspiel, nur eine Lehrlingsarbeit des Krieges!" Was ich jetzt sehe, ist sein Meisterwerk im Zerbrechen und Vernichten. Erst diese kleingehämmerte, tote, versunkene Stadt Dixmuiden zeigt mir, was Untergang unter den Stürmen des Krieges bedeutet.

Das schildern? Es ist unmöglich. Ich will keinen Versuch machen, will nur zum Geleit für die Schritte, die mich an diesem endlosen Gemenge von Trümmern und Schutt vorüberführen, Wort für Wort vor mich hinsagen.

In der Ruinengasse, die zum Rathaus leitet, können Menschen über dem Erdboden nicht mehr wohnen. Der letzte Einwohner von Dixmuiden ist längst verschwunden. Unsere Reserven, die hier ausharren müssen, hausen in den gewölbten Kellern. Um in dieser Finsternis ein wenig Licht zu haben, holten die Soldaten aus den zerstörten Häusern die noch unzerbrochenen Spiegel, alle blanken Bleche und polierten Holzflächen heraus und befestigten sie in schräger Stellung vor den Kellerlöchern, als Reflektoren der Himmelshelle. Ein Soldat sagt zu mir: "En bißche Licht, un denn is man ooch widder zufrieden!"

Die Trümmergasse ist leer; nur manchmal sieht man einen Feldgrauen aus einem Kellerloch herausschlüpfen und im anderen verschwinden. Ich frage einen: "Wieviel von den Unseren sind denn noch hier?" Der Soldat – ich glaube, ein Hallenser – sagt lachend: "Genugg, dass mer's aufhalten, die annern!" Ein deutsches Wort! Und nicht nur von Dixmuiden gilt es. Nicht nur vom heißen Boden am Yserkanal. Es gilt von Belfort und vom Wasgenwald bis nach Ostende und Zeebrügge.

Nun kommt, was im Oktober noch ein feines, prunkvolles gotisches Rathaus war. Was es jetzt ist, weiß ich nicht zu sagen. So sinnlos sieht es aus! In dem vom Sparrenwerk des Daches noch übrig gebliebenen Gerippe steckt, wie ein Kinderpfeil in der Binsenscheibe, ein schlankes, prächtiges Türmchen, mit dem Fuß nach oben, mit der Spitze nach unten. Und nicht weit davon ist ein Rätsel der Mechanik zu sehen. Eine große Granate, viele Zentner schwer, die einen Dachfirst zerschlug, ohne zu explodieren, ist über den Rest des Daches heruntergekollert und quer auf einer faustdicken Latte im Gleichgewicht liegen geblieben. Macht eine Detonation der Beschießung das zertrümmerte Gemäuer zittern, so schaukelt die Granate eine Weile und schwebt dann wieder ruhig in der Luft. Das ist so unwahrscheinlich, dass man lange hinsehen muß, bevor man es glauben kann.

Über den Marktplatz geht ein verlassener Schützengraben, mit einem Wall von Pflastersteinen; und eine Schuttstelle, die früher ein hübsches Haus gewesen, ist verwandelt in den gewaltigen Trichter einer deutschen Brummergranate.

Am verwichenen Abend hatte ich mir in Brügge eine Mappe mit Ansichten von Dixmuiden gekauft, wie es früher war. Und nun sitze ich an der linken Ecke des Marktplatzes auf einem Steinhaufen und vergleiche die Bilder von einst mit den Bildern von jetzt. Sie gleichen einander wie Haus und Grab, wie Leben und Tod. Keine Spur von Ähnlichkeit ist mehr vorhanden. Das Heftchen zeigt mir eine wundervolle gotische Kirche. Wo ist sie? Das aberwitzige Ruinengewirre, das hinter den Trümmern des Rathauses von ehemals hervorragt? Ist das die schöne Kirche gewesen? Eine schmerzende Trauer umklammert mein Herz. Und während ich so sitze, stumm, und immer dieses grauenvolle Bild des Untergangs betrachte, ist hoch aus den Lüften herunter das knatternde Geräusch einer Flugmaschine zu hören. Sonst, wenn ich diesen Ton vernahm, suchten meine Augen immer gleich in der Höhe. Was kümmert mich jetzt der Flieger? Immer muß ich zu diesem grauen, unsagbaren Ding hinüberschauen, das eine Kirche und ein Rathaus und die schmucke Front eines städtischen Platzes war. Da sagt einer von den vier Offizieren, die bei mir sind: "Wir müssen weg da! Der Flieger hat eine Schwenkung gemacht, er hat uns gesehen." Wir wandern davon, schräg über den Platz hinüber, und kaum sind wir in der anderen Ecke, da saust es über unseren Köpfen, und hinter uns ist ein brüllender Teufel los. Genau bei dem Steinhaufen, wo wir vor drei Minuten noch gestanden, fährt die schwarze Rauchwolke auseinander.

In der Trümmerallee, durch die wir kommen, ist ein Lazarett in einem ehemaligen Weinkeller eingerichtet. Ein paar Schritte weiter, und ich sehe einen grotesken Gegensatz. Im Hause eines Schlächters, über dessen Ladentür als Handwerkszeichen ein großer Ochsenschädel prangt, hat eine Granate das obere Stockwerk auseinandergerissen und die ganze Einrichtung auf die Straße geschleudert; eine zweispannenlange Mädchenpuppe ist mit dem Spitzenhemdchen am rechten Hornzinken des Ochsenschädels hängen geblieben. Kann auch sein, dass die Soldaten das Püpplein so aufhängten. Dann ist es ein Beweis für den Humor, mit dem unsere Feldgrauen in solcher Umgebung ausharren.

Wieder dröhnt eine Granate. Wir springen durch ein von Schutt übergossenes Gärtchen und kommen zu einem Damm aus Sandsäcken. Der führende Offizier mahnt immer wieder und wieder: "Ducken! Ducken! Ducken!"

Nun sind wir im Schützengraben, beim Wall der Yser, deren Lauf die Stadt von der Vorstadt trennt. Die Stellung ist nicht in den Boden eingeschnitten, sondern geht über die Erdfläche hin, gegen die feindliche Seite durch Gemäuer und feste Brustwehren aus Quadern und Sandsäcken geschützt. So zieht die Stellung durch Häuser und Gärten, durch einen Turm, durch ein Brückentor, durch eine Kapelle. Das ist wieder, wie es im Mittelalter war; genau so muß es ausgesehen haben, wenn im sechzehnten Jahrhundert eine Stadt oder Burg verteidigt wurde. Nur Kostüm und Waffen sind ein bisschen anders.

Ich gucke durch die Scharte eines Stahlschildes und sehe die den blauen Himmel spiegelnde Flut der Yser, sehe die feindliche Stellung, die nur dreißig Meter von uns entfernt ist, sehe die gleichen Steinwehren und Sackmauern wie herüben. Aus den Schlitzen der stählernen Schilde ragen die Gewehrläufe heraus; und schießt da drüben einer, so sieht man einen matten Feuerblitz und ein bisschen Rauch. Über die feindliche Brustwehr starren die Hausruinen empor, und zwischen dem Schuttwerk trauern die Reste einer Wirtschaft mit dem Namen: "Duc de Lorraine". Und immer saust es und dröhnt, immer knallt es. Um besseren Ausblick zu haben, benütze ich den Winkelspiegel, eine längliche Holzröhre, deren oberes Spiegelauge über den Saum des Waldes hinausragt; aber der Apparat pariert nicht recht; während der Benutzung bekam er drei Streifschüsse; der Holzkasten ist zersplittert, der Spiegel blieb unversehrt.

Nun ein Kontrastbild, wie ich es vom Argonnenwald bis Ostende noch nicht gesehen habe. Dicht beim Schützengraben liegt ein hübscher kleiner Garten. Der ist verwandelt in einen freundlichen, mit vielem Grün gezierten Friedhof der deutschen Helden. An die zwanzig, die am Yserdamm die jungen Augen im Kampfe für die Heimat schlossen, liegen da bestattet. Die geschmückten Hügel, die frischen Buchsrabatten und die kleinen Kreuze schimmern schön und friedlich in der Sonne des reinen Frühlingstages. Und zwischen diesem leuchtenden Friedhof und dem Kapellchen, durch das der Schützengraben geht – und unter dem Sausen und Dröhnen der Granaten und bei dem ununterbrochenen Gewehrgeknatter, das ruhelos die bleiernen Todesboten über den stillen Lauf der Yser hin und her wirft, sitzen im Schutze der Kapellenmauer drei Hallenser Reservisten unter freiem Himmel an einem Tisch – und spielen Skat. Die Kartenblätter, obwohl sie so abgegriffen sind, dass man Rot und Grün fast nimmer unterscheiden kann, leuchten in der Sonne wie goldene Täfelchen, und aus den glänzenden Gesichtern der drei Spieler redet gemütliche Ruhe und alles Behagen einer köstlichen Frühlingsstunde. Ich gucke dem Spiel eine Weile zu und frage: "Na, wie wär's denn? Könnt' ich da nicht als Vierter ein bisserl mitspielen?" Die Drei – mein Sprachklang mag ihnen meine süddeutsche Heimat verraten haben, und die Vorstellung, dass ein Bayer Skat spielen möchte, scheint ihnen etwas so unglaublich Komisches zu sein wie der Versuch eines Dromedars, auf der Mandoline zu konzertieren – die Drei legen ihre Kartenblätter fort, gucken zuerst verwundert an mir hinauf und fangen dann so herzlich zu lachen an, dass ihr Gelächter das Knallen der Gewehrschüsse übertönt.

Dieses heitere Lachen begleitet mich und bleibt in mir. Ich hör' es noch immer, obwohl es schon längst erloschen ist im Dröhnen der immer rascher aufeinanderfolgenden Granaten. Schlag auf Schlag. Rauch wirbelt auf, und überall kollern die Mauerbrocken. Die Sache wird ungemütlich, es gibt keinen sicheren Weg mehr, und schließlich müssen wir in einen Keller hinunter. Da kommt – in einem Raum, in dem man nicht aufrecht stehen, aber behaglich sitzen kann – eine seltsam anheimelnde Stunde. Das Talglicht, das man auf die Tischplatte klebte, wirft einen matten Flackerschein durch das Kellerdunkel und läßt den Rotwein in den gastlichen Gläsern funkeln, die klein sind, aber gerne und oft gefüllt werden. Beim Schwatzen und Erzählen vergißt man völlig, dass es da droben über unseren Köpfen immer dröhnt und donnert. Das Gebäude und die Kellermauern zittern. Und plötzlich gibt es auch bei uns herunten einen festen Krach – das Bett, auf dem drei Offiziere saßen, ist zusammengebrochen. Etwas Rotes tröpfelt – der Burgunder. Man lacht über dieses kleine Satyrspiel der Kriegstragödie.

Die Beschießung mindert sich nicht. Ihr Ende ist nicht abzuwarten, wir müssen hinauf und an die Rückfahrt denken. Seit dem Morgen sind ein paar hundert Granaten auf die Trümmerhaufen von Dixmuiden niedergefallen. Sie haben keinen Lebenden beschädigt, nur ein paar Tote aus ihren Gräbern gerissen – drei Granaten fielen in jenen sonnigen Garten mit den kleinen Kreuzen. Sonst ist an den weiten Trümmerstätten nach diesem stundenlangen Kleinklopfen des Schuttes kein Unterschied gegen früher zu gewahren.

Wieder erschüttern mich die Bilder namenloser Vernichtung, während wir flink von Ruine zu Ruine springen und uns bei jedem Sausen in den Lüften hinter einem noch festen Gemäuer zu decken suchen. Und da pfeift es wieder einmal gegen uns her. Hinter der Schuttstätte des Domes springe ich in eine gewölbte Stube, an der die ganze Straßenwand schon herausgerissen ist. Mit einem Husch der Augen gewahre ich zerfetzte Geräte, einen zertrümmerten Schreibtisch, zerschmetterte Bücherkasten, zerknüllte Heiligenbildchen und einen fast tischhohen Wust von Schutt und umhergestreuten Büchern. Hier muß ein Prälat gewohnt haben. An einer weißen Wand, die noch steht, aber schon viele Sprünge hat, ist ein Kruzifix befestigt – das grün bemalte Christusfigürchen, das den linken Arm schon verloren hat, hängt von dem schwarzen Kreuzholze nach vorne heraus, haftet nur noch am Fußnagel und droht mit jedem nächsten Augenblick in den wüsten Schutt herunterzufallen. Ein dumpfes Dröhnen. Staub wirbelt, die Mauern zittern und Mörtel bröselt von den zerrissenen Wänden. Das schwarze Kreuzholz an der Wand ist leer – der kleine grüne Heiland hängt am verknüllten Messing eines leise schaukelnden Kerzenlüsters und fällt – nun liegt er auf meinem Arm, und ich halte ihn fest.

Ein kunstloses, naives Schnitzwerk ohne Handelswert! Und armlos, von Schuttstaub überkrustet, von Steinsplittern und Glasscherben zerkratzt! Ich hab's nicht fertig gebracht, dieses Figürchen hinfallen zu lassen auf den üblen Schutt, es der völligen Vernichtung preiszugeben. Das mißhandelte Holzbild war mir lieb geworden in diesen dröhnenden Sekunden. Ich nahm es mit. Hab' ich mich dadurch der Plünderung schuldig gemacht? Dann bin ich bereit, zehnfachen Ersatz zu bieten. Aber ich gebe meinen kleinen grünen Herrgott von Dixmuiden nimmer her, ich will ihn behalten, so lang ich lebe.

Noch ein bedenklicher Weg durch verwüstete Gassen; ein flinkes Springen von Deckung zu Deckung. Dann dröhnten die Granaten hinter uns, immer ferner. Und immer leiser wurde das Pfeifen der Sprungstücke.

Aus dem Ende einer Trümmerstraße traten wir hinaus auf das freie Feld zwischen der zerstörten Stadt und der nahen Bahnstrecke. Und da sah ich ein Frühlingsbild, dessen Grauen mich schaudern machte und dessen seltsame Schönheit mich doch überwältigte.

Zwischen mächtigen Wasserflächen, die vom lauen Winde gekräuselt waren und von Sonne blitzten, sah ich leichtgebuckelte grüne Wiesen. Ihre zarte Frühlingsfarbe schien tausendfältig überstreut zu sein von kleinen schwarz und weiß gesprenkelten Steinchen, von großen braunroten Knospen der Gänseblümchen und von weißen Herbstzeitlosen. Und je weiter die Wiesen sich in die Ferne dehnten, um so mehr der Herbstzeitlosen schienen da zu blühen; schließlich verschwand das Grün der Wiesen völlig und alle Ferne wurde weiß, gleich einem Schneefeld, das in der Sonne glänzt. Doch manchmal, wenn der Donner einer schweren Granate die Luft erschütterte, flogen die gesprenkelten Steinchen und die weißen Herbstzeitlosen in dichten Schwärmen von der Erde auf und waren Tausende von Kiebitzen und viele Tausende von Möwen. Nur die großen braunroten Knospen der Gänseblümchen blieben unbeweglich auf dem Boden und waren Hunderte von verwesenden Pferden und Rindern. Über ihnen gaukelten die Wolken der unzählbaren Vögel auf und nieder und hin und her. Und wenn das donnernde Rollen verstummte und die sonnige Luft wieder ruhig wurde, sanken die Vogelschwärme zu den Säumen der leuchtenden Wasserflächen und auf die grünen Wiesen hin und bedeckten alles Tote wie mit einem Blütenregen des ewigen Lebens.

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Inhalt



Erster Teil

Erstes Kapitel
Zweites Kapitel
Drittes Kapitel
Viertes Kapitel
Fünftes Kapitel
Sechstes Kapitel
Siebentes Kapitel
Achtes Kapitel
Neuntes Kapitel
Zehntes Kapitel
Elftes Kapitel
Zwölftes Kapitel

Zweiter Teil - Die stählerne Mauer

Erstes Kapitel
Zweites Kapitel
Drittes Kapitel
Viertes Kapitel
Fünftes Kapitel
Sechstes Kapitel
Siebentes Kapitel
Achtes Kapitel
Neuntes Kapitel




Erster Teil

Erstes Kapitel



12. Januar 1915

Ich soll das Gesicht dieser großen Zeit mit eigenen Augen sehen. Die Erwartung brennt in mir wie ein Höhenfeuer.

Gleich am ersten Abend der Reise, in Frankfurt, faßt mich ein starker Eindruck. Hier sieht der mächtige Bahnhof aus wie eine Festungshalle. Ein von Westen kommender Zug schüttet ein paar hundert Offiziere und Mannschaften aus. Meist sind es Leichtverwundete. Ein junger, bildhübscher Offizier, den geschienten, dick verbundenen Arm in der Schlinge, den Waffenrock umgehängt, macht sich vor dem Zug ein bisschen Bewegung und raucht dazu mit Behagen seine Zigarette. Ein Schwerverwundeter wird auf einem Wägelchen rasch vorübergefahren. Ich sehe ein abgezehrtes Leidensgesicht mit sehnsuchtsvollen Augen. Das Gezitter und Gewackel des Wägelchens, auf dem der Brave an mir vorbeigefahren wird, scheint ihm schwere Schmerzen zu verursachen. Ich höre sein leises, ein bisschen unwilliges "Ach!". Dann dreht er langsam das Gesicht auf die andere Seite und schließt die Augen. Das Wägelchen verschwindet im Gewühl der Feldgrauen. Sehr viele von ihnen, Offiziere und Mannschaften, tragen das Eiserne Kreuz. Alle tragen es mit sichtlichem Stolz, jeder scheint sich still innerlich zu freuen, wenn es gesehen wird und einen dankbaren Blick erweckt. Ja! Dankbar müssen wir jedem sein, der dieses Zeichen der deutschen Ehre trägt. Und dass wir der Ausgezeichneten so viele sehen, das muß uns freudig stimmen, muß uns Vertrauen und Ruhe geben. Ein Heer von Helden! Wer, außer Gott, könnte uns besser schützen?

Neben den Verwundeten sind viele, die nur heimkehren, um irgendeinen militärischen Auftrag auszuführen. Ihr Auftreten ist ernst und würdig, ihr Schritt rasch und beschwingt. Überaus wohltuend ist die Fürsorge, die man diese Offiziere den Mannschaften erweisen sieht. Wenn da ein Soldat steht, der etwas ratlos herumsieht und nicht weiß, was er beginnen soll, ist gleich ein Offizier bei ihm und fragt: "Was ist mit Ihnen, woher kommen Sie, wohin wollen Sie, haben Sie einen guten Platz?" Jedes Anliegen findet Hilfe. Ich sehe einen Offizier, der den Arm um einen blassen, müd und schwerfällig vorwärts tappenden Soldaten geschlungen hält und den Schaffner des Schlafwagens anruft: "Haben Sie noch Platz? Der Mann muß ein Bett haben." Die Antwort: "Alles besetzt!" Und der Offizier sagt: "Dann geben Sie dem Mann mein Bett, er muß liegen, muß schlafen können, ich komme schon irgendwo unter."

Früh, vor Tageserwachen, geht die Reise weiter. Ich bin der einzige Zivilist in dieser endlos scheinenden Wagenkette. Das zu wissen, ist unerquicklich. Die Zeit ist so, dass man als Nicht-Soldat immer in Versuchung gerät, sich seines bürgerlichen Rockes zu schämen. Außer mir und vielen hundert Soldaten ist nur noch ein junges Mädel im Zuge. Wahrhaftig, ich bin in großer Sorge um ihr Schicksal. Sie selbst ist vergnügt und plaudert lebhaft. Ihr Kupee ist überfüllt, und ein halbes Dutzend der Feldgrauen steht noch lachend um die Türe herum. Das mindert die Gefahr.

Der Morgen beginnt zu grauen, während der Zug aus der mächtigen Frankfurter Bahnhofshalle hinausrollt. Gleich vielen großen Morgensternen hängen die hochmastigen Streckenlampen in der stahlblauen Luft. Die Häuser gleiten vorüber, mit Hunderten von erleuchteten Fenstern. Am Morgen hat ein erleuchtetes Fenster etwas Widersinniges; bei seinem Anblick hat man unwillkürlich das Gefühl: es ist nicht Morgen, es will Abend werden. Mir rinnt es bei diesem Gedanken heiß durch Seele und Knochen. Nein! In Deutschland geht es nicht einem Abend und nicht der Nacht entgegen; ein Morgen wird kommen, schöner als jeder Morgen, den das deutsche Volk noch jemals erlebte.

Ein Dröhnen und Rauschen. Der Zug gleitet über die eiserne Brücke, und gleich einem wundervollen Silberband, das die Ferne mit der Nähe verknüpft, so glänzt der Mainstrom ins erwachende Land hinaus.

Immer wieder übersetzt der Zug eine Straße und immer seh' ich das gleiche Bild: bei den Schlagbäumen stehen lange Züge von Soldaten, die auf ihrem Wege zum Exerzierplatz einige Minuten aufgehalten sind. Millionenheere stehen draußen im Kampfe, und noch immer wimmelt die ganze Heimat von Feldgrauen. Überall Soldaten, Soldaten, Soldaten! Und jeder von ihnen hat ein gesundes deutsches Herz und zwei kraftvolle Fäuste, jeder von ihnen ist ein Vertrauender, ein Lachender! - Deutschland! Nur die Törichten und Engherzigen können in Sorge geraten um deine Zukunft.

Heller und heller wird der Morgen. Kleine Städte mit lieblichen Silhouetten huschen vorüber und Dörfer, in denen schon die Arbeit des Tages beginnt. Von außen klingt keine Stimme herein in den rauschenden Zug; aber man sieht eine ruhige Heiterkeit in allen Gesichtern.

Gut gepflegte Wälder wechseln mit sauber abgeernteten Fluren, auf denen der milde Winter das Grün schon daumenhoch wachsen ließ. Dann wieder die braunen Spitzdächer zwischen großen Obstgärten, in denen die regelmäßigen Reihen der Apfelbäume mit den kalkweiß angestrichenen Stämmen aussehen wie Nymphenburger Tafelaufsätze.

In der Nähe und in der Ferne mehren sich die hoch emporgestreckten Schornsteine der Industriestätten. So viele sind es, dass man glauben könnte, Gott hätte soeben durch diesen erwachenden Morgen vom Himmel herunter gerufen: "Fleißiges Volk der Deutschen, wo bist du?" Und unzählige riesige Steinfinger fuhren in die Höhe: "Da bin ich!"

Unter dunstigen Schleiern schwingen sich drei mächtige Bogen über blaue Lufträume hinüber: eine Rheinbrücke!

Rhein!

Tausend deutsche Lieder klingen aus diesem Worte, tausend Bilder der Vergangenheit tauchen herauf aus der schimmernden Tiefe dieser einen Silbe. Von allen Zukunftsbildern, die sich mit dem Rhein verweben, seh' ich nur immer dieses Eine mit dem ewigen Eigenschaftsworte: Deutsch!

Der Morgen ist klar geworden, mit einem weißen Himmel, aus dem wie ein winkender Feuerfinger das Mondviertel herausbrennt. Mit hell erwachenden Farben wellt sich die Umgebung von Mainz in die Ferne, eine reizende, liebenswürdig gegliederte Landschaft.

Jetzt fahr' ich über die drei hohen Eisenbogen, die ich vor einer Weile gesehen. Wie eine wohlhabende und ordnungsliebende Hausfrau vor einem befreundeten Gast ihre Laden und Truhen öffnet, so kramt eine große, fleißige deutsche Stadt ihre Straßen, Gassen und Häuserfluchten vor mir aus.

Der Zug taucht in den langen Tunnel hinein, der die alten Festungswerke durchschneidet. Die Finsternis endet, strahlendes Licht, wieder das weite Städtebild und in den Straßen die Menschen, von denen noch keiner einen Geißelschlag des tobenden Krieges zu fühlen bekam. Jeder fühlte nur den Segen der friedlichen Ruhe im Herzen des Deutschen Reiches.

Nebel kämpfen, langgestreckte Wolkenzüge umwürgen die Weinberge und die Waldhöhen, und unter den Dunstfahnen des Himmels mischen sich die langen, braunen Rauchwimpel der Fabrikskamine.

Jetzt ein entzückendes Bild! Die über weite Flurstrecken hinreichenden Krautgärten der Mainzer Vorstadt sind überflattert von einem weißen Möwengewimmel. Dahinter glänzt die lange Silberborte des Rheines mit gleitenden Schiffen in allen Farben.

Ein kleines friedliches Dorf. Viele Frauen und Kinder. Alle lachen und rufen, alle winken mit weißen Tüchern - aus den Fenstern meines Zuges gucken wohl viele, viele Soldatengesichter heraus? Immer aufs neue wiederholt sich dieses Bild der grüßenden Frauen, Mädchen und Kinder, das Bild dieser weißen Flattergrüße. Mir gelten sie nicht. Ich bin ein Überflüssiger, ein Nutzloser, ein Altgewordener ohne Waffe in der Faust!

Nun fliegt an mir ein seltsames Bild vorüber, dessen Symbolik mich tief ergreift: Ein großes umzäuntes Flurgeviert, durchsetzt mit regelmäßigen Reihen kleiner, weiß bemalter Kreuze. Ein Friedhof? Eine Gräberstätte? Ein Garten des Todes? Nein! Es ist ein junger deutscher Weingarten mit sprossenden Reben, dessen blattlose, dem nahen Frühling entgegendürstende Ranken sich emporstrecken über die weißen, kreuzförmigen Stützen.

Jetzt geht ein köstliches Funkeln und goldenes Erblitzen über alle Höhen und Tiefen der schönen deutschen Erde hin.

Du friedsames, du verheißungsreiches, du sonnbeglänztes Land des heimatlichen Bodens! Alle Kräfte meiner Seele grüßen und lieben dich! Komm und nimm, was ich habe, komm und nimm, was ich bin! Dir will ich dienen, mein ganzes Leben soll nichts anderes sein als ein geduldiges Mich-Einfügen in dein Wachsen und Erblühen, nichts anderes als ein Samenkorn auf dem Acker deiner werdenden Größe!

Meine Augen trinken das Bild der friedlichen Landschaft. Schwärme von Wildenten rinnen auf den Altwässern und Kanälen des Rheines umher. Vor Bingen sieht man die Bogen einer neuen Brücke entstehen, die eben gebaut wird. Welch ein Gegensatz: der Gedanke an den Krieg, den wir führen - und das erhebende Bild dieses deutschen Friedensfleißes!

Der rauschende Zug lenkt gegen Südwesten ab, und die Weinberge und das Silberband des Rheines gleiten von mir zurück. Scharf hebt sich noch der zierliche Umriss einer alten Burg vom sonnigen Himmel ab und fängt zu wandern an und verschwindet. Auf Wiedersehen, du deutscher Rhein, du flutende, rauschende Lebensader des Deutschtums!

Die Fahrt geht durch ein enges Flußtal. Auf der einen Seite die Hügelkette mit den Weinbergen, deren Stabgewirre anzusehen ist wie ein endloser Zug von Lanzenreitern, die sich hinter braunen Erdwällen verbergen und nur die Spitzen ihrer Speere gewahren lassen; auf der anderen Seite der mit Dörfern und Städtchen besetzte und mit alten Steinbrücken überspannte Fluß, den die Regenmassen der letzten Wochen braun und reißend gemacht haben. Alle paar hundert Schritte stehen Fischer mit Angelstöcken oder Tauchnetzen, und Buben rennen mit Netztrichtern an langen Stangen. Alle sind sehr vergnügt. Die denken im sicheren Frieden ihrer Heimat wohl gar nicht an den Krieg, den irgendwo da draußen oder da hinten die Völker miteinander führen.

Das enge Tal weitet sich zu schönen Geländen, durchblitzt von Wasserläufen, überwölbt von einem leuchtenden Himmel. Die Welt sieht aus, als möchte der Frühling um drei Monate früher kommen als sonst. Jeder Windhauch trägt mir den Wohlgeruch der bräutlichen Erde entgegen, auf allen sonnseitigen Hängen wuchert das frische Grün - es fehlen in diesem verfrühten Frühlingsbilde nur die Schwärme der Wandervögel. Aber fliegt da nicht der lange feldgraue Wanderzug, in dessen Mitte ich selber mitflattere als brauner Kuckuck? Der Frühling des Deutschtums hat Wandervögel in unzählbarer Menge.

Die Nähe von Metz verrät sich. Jeder Tunnel, jede Brücke, jede Wegübersetzung ist militärisch bewacht. In den Bahnhöfen, in denen Züge sich kreuzen, tauchen Soldaten auf, die aussehen, als hätten sie am Morgen noch in den lehmigen, von Regensumpf erfüllten Schützengräben gelegen. Stiefel, Uniform und Mantel, alles ist erdfarben, und bei manchem dieser Tapferen ist das Band des Eisernen Kreuzes anzusehen, als wär's eine österreichische Auszeichnung: schwarz-gelb.

An der Bahnstrecke tauchen französische Namen auf: Remilly, Courcelles. Hier sieht man zuweilen an den Mauern frisch getünchte Stellen. Da standen französische Aufschriften, die man jetzt überstrich und durch deutsche Klänge ersetzte. Sehr erfreulich ist das! Ein Glück, dass man es endlich lernt, aller unpraktischen Duldung zu vergessen und dieses Inlands-Französische in gutes Deutsch zu verwandeln! Mit der hübschen Landschaft werden sich die deutschen Klänge ganz gut vertragen. Wälder und Fluren, wenn auch augenblicklich ein bisschen überschwemmt, haben jene Linie, die das deutsche Wesen und Volkstum ihnen gab vor vielen Jahrhunderten. Das bisschen französische Herrschaft inzwischen war nur, was der Österreicher ein "Übergangl" nennt.

In einer Station mit französischem Namen guckt aus einem Fenster ein uniformierter Mann heraus, mit französischem Schnurrbart und mit einer spiegelblanken Glatze, die noch viel französischer ist. Seine Frau grüßt mit der Hand nach romanischer Art, so, wie die Italiener auf den Bahnhöfen winken, mit Handflächen und Fingerspitzen nach vorne. Frankreich scheint nimmer weit zu sein. Aber wo ist der Krieg? Ich sehe nur Bilder des Friedens und der ungestörten Ruhe, sehe nur lachende Gesichter.

Entlang der Bahnstrecke taucht ab und zu eine soldatische Wache auf. Der Zug biegt um eine Waldecke, und plötzlich sieht man einen großen Häusersee mit turmloser Kathedrale. Die deutsche Festung Metz! Aber man sieht nur eine Stadt. Wo ist die Festung? Ich kann sie nicht finden Im Bahnhof gleicht das Umsteigen von Zug zu Zug einem Sturm auf ein feindliches Fort. Kein Mittagessen, nicht so viel Zeit, um eine Schinkensemmel zu erwischen. Der Gedanke an unsere braven Soldaten, die unter dem Kugelregen tage- und nächtelang hungern müssen, macht mich geduldig und zufrieden. Auf einem Gepäckskarren werden vier hübsch gearbeitete Särge herbeigefahren. Sie kommen leer und werden beschwert in die Heimat zurückwandern.

Der Zug fährt nordwärts durch reiche deutsche Industriebezirke, immer entlang der französischen Grenze, die sich hinzieht über dunkle Waldhügel. Hinter ihnen, gegen Westen, wallt es von dichten Nebeln, die den Mittagshimmel immer trüber umschleiern. Ein feiner Regen beginnt zu fallen und kleidet allen Wechsel der Landschaft in ein ruhiges Feldgrau.

Aus einem großen Hüttenwerke leuchten rotstrahlende Glutaugen heraus. Sind es Essenfeuer oder glühende Eisenblöcke? Was immer, es sind strahlende Augen des deutschen Fleißes. Trotz allem Lärm des Zuges vernehme ich das Dröhnen mächtiger Stahlhämmer. Und aus hohen Schornsteinen wirbelt Rauch in drei Farben empor: tiefschwarz, nebelweiß und zinnoberrot. Eine Riesenfahne in deutschen Farben! Das war wohl immer so, seit vielen Jahren ruheloser Arbeit. So oft die Franzosen von den nahen Grenzbergen herunterguckten, mußten sie dieses wallende Banner der deutschen Rührsamkeit gewahren.

Die Bahn macht eine Kurve und wendet sich gegen Westen. Es geht nach Frankreich hinein. Ein heißer Schauer rinnt mir durch die deutsche Seele, über die Haut, durch alle Glieder. Meine fiebernden Gedanken fliegen zurück über die Wege, auf denen ich von München hierher gekommen bin. Wo war der Krieg? Ich habe nur das blühende Leben der Heimat gesehen, sah nur unverwüstete Fluren, nur unbeschädigte Häuser, aus deren Fenstern die Ruhe eines verläßlich behüteten Glückes herausredete. Ich sah die tausend Zeugen unseres schöpferischen Fleißes, sah Jugend und männliche Kraft in unermeßbarer Fülle, sah Frauen und Mädchen mit frohen, gläubigen Augen, sah unbedrohten Besitz und sicheres Eigentum, sah alle Güter und Segnungen eines von eisernen Kräften beschützten Landes, und habe bis zur Stunde nur gesehen und empfunden, was Friede heißt, und was es für ein Volk bedeutet: so kraftvoll zu sein, dass es auch in kriegerischen Zeiten jeden kostbaren Wert des Friedens für sich erzwingen kann auf dem heiligen Boden, den es bewohnt!

Ein suchender Blick durch die grauen Schleier des trüb gewordenen Tages. Und mir fährt ein Schreck in das Herz, so kalt wie Eis, und wieder so brennend wie der Stoß eines glühenden Dolches.

Zwischen kahlen Höhen ein wogender Qualm. Neben dem Gleise liegt der wüste Trümmerhaufen eines zerschossenen Bahnwärterhäuschens, aus dessen wirrem Schutt noch die Reste von Dingen und Geräten hervorlugen, die einst einem freundlichen Leben dienten. Und hinter den zurückweichenden Hügeln taucht etwas Grauenvolles heraus, hinaufgestellt auf eine weithin sichtbare Höhe, wie eine Warnung, eine Mahnung und ein Wegweiser für alles deutsche Denken der Gegenwart.

Lautlos und dennoch begabt mit einer schreienden Stimme, verlassen von allem Leben, ein steingewordenes Sterben, so steht dieses Fürchterliche da droben. Zerbrochene Mauern sind von Ruß geschwärzt, alle Fenster sind aus den Höhlen gerissen, nur manchmal hängen noch in grotesker Verrenkung die Reste von grün bemalten Läden an dem zerschmetterten Gemäuer. Kein Dach mehr. Alles, was Holz war, ist verbrannt, verkohlt. Kaminschächte, Giebel und aberwitzige Ruinenformen starren in die graue Regenluft empor wie Hunderte von verkrüppelten Riesenhänden mit gespreizten und zerkrümmten Steinfingern. Überall die Spuren eines wilden, gewaltigen und verzweifelten Kampfes, überall Tod, Vernichtung und Zerstörung, überall der hohläugige Schauder des Untergangs.

Was ich da sehe, war einmal ein französisches Städtchen, war Audun-le-Roman.

Mir zittern bei diesem Anblick alle Nerven. Das Grauen dieser Todesstätte befällt mich mit doppelter Macht nach allen ruhigen und fröhlichen Friedensbildern, die ich auf der Fahrt durch unsere Heimat immer und überall gesehen. Wie etwas grausam Quälendes ist in mir der Schrei: "So hätte es kommen können bei uns, so hätte von schwer zu schützenden Grenzmarken, die das Schaudervolle erleben mußten, der Untergang und jeder Todesschreck auf Vernichtungswegen sich hineinwühlen können bis ins innerste Herz unseres Landes, alles verwüstend und alles erwürgend!"

Eine zornvolle, brennende Sehnsucht ist in mir. Ich möchte hundert, möchte tausend, möchte Millionen Fäuste haben, möchte zurückgreifen in alle Höhen und Tiefen unseres Volkes, in alle Straßen und Winkel unserer Heimat, und möchte hundert, möchte tausend, möchte Millionen der Daheimgebliebenen an den Armen fassen, möchte sie herziehen vor dieses grauenvolle Bild und möchte hineinschreien in ihre Herzen:

"Das seht euch an! Das hat die eiserne Kraft des Deutschtums, das hat der unzerbrochene, unter freudigen Blutopfern glühende Heldenmut des deutschen Heeres im Westen euch erspart, euch und euren Kindern, eurem Gut und eurem Boden! Das seht euch an! Und vergleicht es mit dem, was ihr in heiterem Frieden noch immer besitzen dürft! Vergleicht es mit dem, was der Mut und die Treue des deutschen Heeres für euch erfocht von Anbeginn des Krieges bis zur heutigen Stunde! Dann prüft eure Seelen, prüft euer Heimatswerk! Und ihr werdet geduldig werden, ihr werdet gläubig sein und unerschütterlich in eurem deutschen Vertrauen! Und im siebenten, im zehnten und - wenn es sein müßte - auch noch im zwölften Monat eines Kampfes, den eine Welt von Widersachern und Neidern über uns heraufbeschworen, werdet ihr alle, die ihr euch Deutsche nennt, immer noch die gleichen sein, die unzerbrechbar Festen und Verläßlichen, die Geduldigen und Opferwilligen, die Ehrlichen und Starken, die von einem einzigen Gedanken der Kraft und Treue Durchbrausten, wie ihr alle es gewesen seid in den ersten Tagen und Wochen dieses heiligen deutschen Erlösungskrieges!"

Da droben grinsen und drohen und warnen die schwarzen Ruinen!

Ich wende die Augen ab, ich schaue heimwärts in die klare Redlichkeit und in die ausdauernde Kraft unseres Volkes. Und mir wird wohler und freier um die bedrückte Seele.

Zweites Kapitel



15. Januar 1915


Weiter und weiter geht die Fahrt, immer neuen Bildern der kriegerischen Zerstörung entgegen, aber auch immer neuen Bildern, die es mit hinreißender Kraft verstehen, einem deutschen Herzen jeden notwendigen Glauben und alles Vertrauen einzureden.

Von der Bahnstrecke ziehen sich liebenswürdige Buchentäler nach allen Seiten hin, mit vielfach geschlängelten Bachläufen - eine Landschaft wie in Franken daheim.

In einem Bachtal, das an den "kühlen Grund" des Volksliedes erinnert, huscht eine Mühle vorüber, sieben vergnügte Landstürmer stehen im Hof, und unter ihnen, auch nicht gerade traurig, steht eine dunkeläugige und schwarzhaarige Französin. Vielleicht spielt sich hier so was Ähnliches wie das deutsche Märchen vom Schneewittchen und den sieben Zwergen ab - ein Märlein vom Kohlschwärzchen und den sieben Riesen?

Eine kleine Stadt - Longuion. Vernichtung, wohin das Auge sieht. Am tiefsten erschüttert mich der Anblick eines kleinen, völlig verwüsteten Hauses, an dem noch einzelne Zeichen verraten, wie hübsch es einmal gewesen sein muß; im ersten Stock ein Balkon mit geschmiedetem Geländer; die eisernen Ranken und Blumen sind zu völlig sinnlosen Formen verzerrt, und rings um die leere, löchrig ausgefranste Balkontüre zieht sich ein großer, aus vielen Hunderten von weißen Punkten gebildeter Heiligenschein - die Arbeit eines Maschinengewehres. Der Kampf um dieses kleine hübsche Haus und seine Balkontüre muß furchtbar gewesen sein.