Hans Dominik


Ein Stern fiel vom Himmel



Roman

Impressum




Klassiker als ebook herausgegeben bei RUTHeBooks, 2016


ISBN: 978-3-95923-213-5


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Zwölftes Kapitel



Die Obstbäume, an deren duftigem Flor Dr. Wille und seine Leute sich bei der Rückkehr in die Heimat erfreut hatten, waren verblüht, und die Früchte an ihren Zweigen begannen sich zu runden. Dem Frühling war der Sommer gefolgt, und jeder ging in die Ferien, wer die Zeit und das Geld dazu hatte. Der englische Ministerpräsident fischte in Schottlands Bergbächen Forellen, sein französischer Kollege erholte sich am Strand von Dieppe von den Anstrengungen seines Berufes, und die übrigen Staatsmänner Europas taten desgleichen. Jene Wochen brachen an, die für den Politiker wie für den Journalisten gleichmäßig unergiebig zu sein pflegen.

Ausnahmen von der allgemeinen Ruhe- und Ferienstimmung waren nur in einigen Ämtern der deutschen Regierung zu finden, in denen man sich mit gewissen immer dringender werdenden Fragen beschäftigte. Minister Schröter hatte den Ministerialdirektor Reute und Professor Eggerth zu sich gebeten, um im kleinen Kreise noch einmal die Fragen durchzusprechen, die auf der Tagesordnung der nächsten Kabinettssitzung standen.

Reute war von der Kraterstation nach Berlin gekommen und erst vor kurzem eingetroffen. Professor Eggerth brachte die neuesten Untersuchungen der Sachverständigen mit, über die er eben Vortrag hielt.

"Das Gesamtergebnis unserer Gutachter", sagte er zum Schluß seiner Ausführungen, "läßt sich wie folgt zusammenfassen. Die Erzschicht auf dem Kratergrund ist ein- bis zweihundert Meter stark. Unter ihr liegt das Urgestein der Antarktis. Das Erz besteht zum weitaus größten Teil aus reinem Nikkeleisen. Nur vereinzelt sind Adern eingesprengt, die Edelmetall führen, stellenweise bis zu zehn Prozent Gold oder Platin. Im Laufe der letzten achtzehn Monate haben wir Gold im Werte von vier Milliarden Dollar daraus gewonnen. Unsere Sachverständigen glauben, dass noch etwa eine Milliarde herausgezogen werden könne. Danach dürfte der Goldvorrat des großen Meteoriten so ziemlich erschöpft sein. Wir werden – vorläufig wenigstens – mit dem Gesamtbetrag von fünf Milliarden zu rechnen haben."

Er faltete das Schriftstück, aus dem er die Zahlen verlesen hatte, zusammen. Der Minister räusperte sich.

"Zwanzig Milliarden Mark also, Herr Professor, mit denen Sie sicher rechnen dürfen."

Professor Eggerth nickte. "So ist es, Herr Minister. Es wäre ein glücklicher, aber nicht wahrscheinlicher Zufall, wenn man doch noch auf andere Goldadern stieße."

"Wer weiß, ob es ein Glück wäre", sprach der Minister vor sich hin, sagte dann zu Professor Eggerth und Reute gewandt:

"Ziehen wir das Fazit, meine Herren! Alles in allem können wir nach dem Gehörten mit der Hälfte, also zehn Milliarden Mark, rechnen. Zwei Milliarden stecken in Sparstrümpfen und werden sobald nicht wieder ans Tageslicht kommen. Fünf weitere hat das Ausland in gleicher Weise geschluckt. Dafür hat die Reichsbank den Gegenwert in Devisen vereinnahmt. Zur Ankurbelung unserer Industrie und Wirtschaft haben wir aber auswärtige Rohstoffe im Betrage von vier Milliarden Mark über unsere sonstigen normalen Einkäufe hinaus erworben ..." Minister Schröter schrieb einige Zahlen auf den vor ihm liegenden Block, während er weitersprach: "Nach Adam Riese verbleiben uns noch eine Milliarde in Devisen und drei Milliarden in Gold, mit denen wir in Zukunft zweckmäßig weiterzuwirtschaften haben."

"Gestatten Sie mir eine Zwischenbemerkung", warf Professor Eggerth ein, "zu wiederholten Malen hat man nicht nur in Industriekreisen, sondern auch in Regierungsstellen von der Möglichkeit einer Goldinflation gesprochen. Ich möchte, Herr Minister, nochmals betonen, dass eine solche Gefahr nicht besteht, solange nicht Börsenmanöver alles verderben.

Die sieben Goldmilliarden sind, wie bereits mehrfach gesagt, spurlos versickert. In keinem Goldausweis irgendeiner der großen Banken sind sie wieder zum Vorschein gekommen. Nach wie vor beträgt der nachweisliche Goldvorrat der Welt nur fünfzig Milliarden. Bei diesem Tatbestand können aber drei Milliarden hier plus rund fünf in den Staaten niemals eine Inflation heraufbeschwören. Ihre drei würde ja die Staatsbank unter allen Umständen in ihren Gewölben behalten, was einer hundertprozentigen Golddeckung des Notenumlaufes entspricht. So blieben überhaupt nur fünf Milliarden, mit denen unser Konsortium in Zukunft zur Regulierung der Weltwirtschaft noch in Erscheinung treten könnte, wenn es die Umstände erfordern."


* * * * *


Captain Andrew war nicht zugegen. Reichlich dreitausend Kilometer trennten ihn von der Stadt Detroit, wo Bolton in einem Zimmer des Flint-Hotels saß und verdrossen In allerlei Schriftstücken blätterte. So konnte der Captain auch nicht Einspruch erheben, als Bolton nach der Flasche griff und sich einen Soda-Whisky mischte. Er goss ihn hinunter, schritt zum Fenster und starrte schweigend in die Woolward-Avenue hinaus.

In einem bequemen Sessel saß Garrison. Gute Pflege und die Kunst der Ärzte hatten ihn wiederhergestellt. Hätten an seiner Rechten nicht zwei Finger gefehlt, so hätte nichts mehr an jene Leidenszeit in der Antarktis erinnert.

Bolton brummte etwas Unverständliches vor sich hin.

"Sie sind enttäuscht, Bolton. Ich bin es auch. Aber trotzdem können wir im Grunde doch immer noch ..."

Mit einem Ruck drehte sich Bolton um und fiel ihm jäh ins Wort.

"Den Teufel was können wir, Garrison! Noch ein Dutzend solcher Geschäfte wie das und ich kann den Laden zumachen."

Er kehrte zu dem Tisch zurück und griff wieder nach den Papieren. "Hier ist die Abrechnung der Melting and Refining Company: Hundert Tonnen Erz empfangen und verarbeitet. Kostenpunkt: Tausend Dollar pro Tonne, macht hunderttausend Dollar. Ergebnis: Neunhundert Kilogramm Platin, vier Tonnen Silber, einige lächerliche Kilo Gold. Alles in allem in den hundert Tonnen nur Spuren Gold. Der Rest Nickel und reines Eisen. Schönes Geschäft, Mr. Garrison, zu dem Sie mich da beschwatzt haben."

Garrison zog seinen Sessel näher an den Tisch heran und begann mit Bleistift und Papier zu rechnen.

"Vier Tonnen Silber, sagten Sie, Bolton?"

Der knurrte etwas Unverständliches. Garrison fuhr fort:

"Das Kilogramm Silber notiert augenblicklich zwei Dollar. Sind immerhin schon achttausend Dollar. Neunhundert Kilogramm Platin, die letzte Notierung für das Kilogramm lag bei tausend Dollar. Macht neunhunderttausend, vom Nickel und Eisen ganz abgesehen, plus ca. zehntausend Dollar Gold, zusammen neunhundertachtzehntausend Dollar. Ziehen wir die Rechnung der Melting and Refining Company ab, bleiben achthundertachttausend Dollar für uns."

Bolton wühlte in den Schriftstücken und zerrte ein anderes Blatt hervor.

"Sie rechnen wie ein Schuster, Garrison! Hier sind unsere anderen Unkosten zusammengestellt. Ich will Ihnen nur die wichtigsten Posten nennen. Ein Flugzeug verloren. Zwei Reisen der City of Boston nach dem Mac-Murdo-Sund. Captain Andrews Expedition ausgerüstet. Zum Schluß noch der unverschämte Zoll, den sie uns in Frisco für das Erz abgenommen haben. Alles in allem eine runde halbe Million Dollar. Ich danke schön für das Geschäft."

Ungeduldig griff Garrison wieder zum Bleistift und rechnete weiter. "Sehen wir also die halbe Million Dollar auch noch ab, so bleiben immer noch dreihundertachtzehntausend Dollar Reingewinn. Ich meine, auch damit könnten Sie zufrieden sein."

Bolton griff sich an die Stirn und warf seinem Partner einen wütenden Blick zu.

"Sie sind ein kompletter Narr, Garrison! Anders kann ich mir Ihre Rede nicht erklären. Bilden Sie sich denn wirklich im Ernst ein, dass ich mir ein volles Jahr meines Lebens um die Ohren schlage, mich in Abenteuer und Strapazen stürze, um schließlich mit einem lumpigen Gewinn von dreihunderttausend Dollar ..."

"... dreihundertachtzehntausend Dollar", wagte Garrison einzuwerfen.

"... von dreihunderttausend Dollar, die ich noch nicht einmal habe, herauszugehen", brüllte Bolton. "Ich habe sie ja noch nicht einmal. Die neunhundert Kilogramm Platin müssen erst noch an den Mann gebracht werden. Es sind zwanzig Prozent der jährlichen Weltproduktion. Wer weiß, wie der Markt darauf reagieren wird. Mit Gold wäre es etwas anderes. Das hält seinen Preis. Der Platinpreis schwankt von Jahr zu Jahr. Er braucht nur um dreihundert Dollar pro Kilo abzuschlagen, dann ist der ganze Gewinn beim Teufel."

"Man muß das Metall vorsichtig auf den Markt bringen. In kleineren Mengen, so dass der Preis nicht gedrückt wird", versuchte ihn Garrison zu beschwichtigen.

Bolton lachte auf. "Sehr hübsch gesagt! Sie haben ja keine Ahnung, wie es an der Metallbörse in Wirklichkeit zugeht. Die Interessenten in Chicago und New York wissen heute schon längst, dass für meine Rechnung bei der Melting and Refining Company neunhundert Kilogramm Platin lagern. Darauf können Sie Gift nehmen, Garrison! Sie wissen auch, dass ich damit auf den Markt kommen muß, und sie werden ihre Preise danach machen. Der Metallhandel ist nicht besser als der Pferdehandel."

Bolton sprach aus Erfahrung. Er hatte in früheren Jahren manchen fetten Fischfang an der Metallbörse gemacht und kannte sich in allen dabei üblichen Tricks und Kniffen genau aus. Einen Teil seiner Millionen hatte er mit Kupfer und Zinn verdient, indem er blanko teuer verkaufte und vor dem Liefertermin die Preise durch allerlei dunkle Manöver ins Bodenlose drückte. Jetzt waren die Rollen vertauscht, und während der nächsten Wochen bedurfte es aller Gerissenheit, um die Vorräte abzusetzen, ohne dass die Preise dabei allzusehr sanken.

Als er das letzte Kilo glücklich los war und das Fazit zog, blieb ihm gerade noch ein Reingewinn von zweihundertfünfzigtausend Dollar. Mit saurem Gesicht schrieb er den Scheck aus, der Garrison zehn Prozent davon überwies.

"So, Garrison! Da haben Sie Ihren Anteil. Einmal und nicht wieder. Von der Antarktis bin ich kuriert."

Garrison löschte den Scheck ab und barg ihn sorgsam in seiner Brieftasche.

"Captain Andrew hofft", begann er vorsichtig, "dass Sie ihm die Mittel für seine nächste Expedition zur Verfügung stellen werden ..."

"Da hofft Captain Andrew vergeblich", unterbrach ihn Bolton unwirsch. "Er soll sich seinen verdammten Wagen flicken lassen, von wem er Lust hat. Die nächste Reise mag ihm meinetwegen des Teufels Großmutter bezahlen. Ich nicht, Garrison! Ein zweitesmal falle ich auf den Schwindel nicht ‘rein."

"Aber das Gold, Mr. Bolton. Sie haben es selbst gesehen. Ich habe Ihnen doch meine ersten Schmelzproben gezeigt."

"Was haben Sie mir denn gezeigt? Einen Fingerhut voll Gold!"

Vergeblich versuchte Garrison noch ein letztesmal mit dem Hinweis auf die großen Goldgewinne der Eggerth-Reading-Werke seinen Partner umzustimmen.

"Niemals, Garrison! Niemals wieder! Das ist mein letztes Wort in dieser Sache. Wenn Sie einen Dummen brauchen, müssen Sie sich an jemand anders wenden. Für mich ist die Sache ein für allemal erledigt."

Garrison sah das Zwecklose seiner Bemühungen ein und wollte gehen, als Bolton noch einmal anfing. "Ein wahres Glück übrigens, dass mein Telegramm an den Präsidenten, das ich damals auf der Fréjus aufgab, nicht angekommen ist. Das hätte eine schöne Blamage für mich werden können. Manchmal haben auch Ätherstörungen ihre Vorteile."

Garrison hielt den gegenwärtigen Augenblick nicht für angebracht, Bolton darüber zu unterrichten, dass jene Depesche in Wirklichkeit niemals abgegangen war. Er verabschiedete sich, um vorläufig nach Pasadena zurückzukehren.


* * * * *


Ein neuer Tag brach in der Antarktis an. Wie in flüssiges Gold getaucht erschienen die Industriebauten am Bolidenkrater in den Strahlen der wieder hochkommenden Sonne. Anderthalb Jahre waren verflossen, seitdem man hier mit dem Abbau der wertvollen Erzadern begonnen hatte.

Nun ging die Arbeit zu Ende. Das Goldnest war leer. Professor Eggerth und Ministerialdirektor Reute, die am Rande des Kraters standen, die Abbaupläne des Kratergrundes in den Händen, konstatierten es in der gleichen Sekunde.

"Ihre Schätzung traf genau zu, Herr Professor", sagte Reute. "Mit dem letzten Gold, das unsere Schiffe heute mitnehmen, kommen wir auf zwanzig Milliarden und ein paar Millionen."

Professor Eggerth faltete die Hände nachdenklich zusammen.

"Ein gewaltiges Geschenk, Herr Reute, das uns hier buchstäblich vom Himmel fiel. Es lag in der Tiefe verborgen. Wir haben es herausgeholt und wollen getreulich damit wirtschaften. Mit dem bisher Erreichten können wir recht zufrieden sein: Es hat keine Katastrophe auf dem Geldmarkt gegeben!"

Reute ging ein paar Schritte weiter zu dem Kraterrand hin und Professor Eggerth folgte ihm.

Beide blickten in den Schlund hinab. Es war still dort in der Tiefe, wo noch vor kurzem der brausende Takt rastloser Arbeit dröhnte. Nur noch wenige Lampen erhellten den dunklen Grund, Werkleute waren an der Arbeit, Bohrmaschinen und Feldbahngeleise zu demontieren und die Teile zu den Fahrstühlen zu bringen.

"Kehraus, mein lieber Reute!" sagte der Professor.

Die beiden Herren verließen ihren Standort am Kraterrand und gingen weiter zu dem Verwaltungshaus, in dem Reute und jetzt während dieser letzten Woche auch Professor Eggerth ihre Büros hatten. Arbeit in Menge harrte ihrer dort.

Von allen Seiten trommelte und dröhnte es in den Lüften. Es schien, als ob die ganze Luftflotte der Eggerth-Reading-Werke sich hier in der fernen Antarktis ein Stelldichein gäbe. In kurzen Zwischenräumen kamen die neuesten größten Stratosphärenschiffe an. Maschinen und Bauteile aller Art verschwanden in ihren Rümpfen, und vollbeladen mit Material und Menschen stiegen sie bald wieder auf, um ihre Lasten nach Bay City und Walkenfeld zu bringen.

Schon seit Tagen war der Krater selbst vollkommen geräumt. Viel schneller als sie einst entstanden waren, verschwanden nun auch die Bauten an seinem Rande. Nur noch der geebnete Felsboden verriet die Stelle, an der das große Kraftwerk so lange gestanden hatte. Man schrieb den siebenten April, als der leitende Ingenieur McGorm meldete:

"Mr. Reute, die Arbeiten sind beendet. Die letzten Schiffe sollen in einer Stunde abgehen."

Reute nickte. "Ich danke Ihnen. Glücklichen Heimflug für Sie und alle die andern."

Der Ingenieur wollte gehen, als ihn Professor Eggerth aufhielt.

"Sind die Sprengkammern geladen?"

"Jawohl, Herr Professor, es ist alles planmäßig geschehen."

"Ist die Zündung nach den Spezialzeichnungen vorbereitet?"

"Auch das, Herr Professor. Sie brauchen nur einzuschalten, um sie scharfzumachen."

Der Professor stand auf und drückte dem Ingenieur die Hand. "Dann danke ich Ihnen. Auch ich wünsche Ihnen einen guten Heimflug. Auf Wiedersehen im Werk."

Ingenieur McGorm war gegangen. Schweigend blieben Reute und Eggerth in der Kabine von 'St 14' zurück. Nicht lange, dann drang das Dröhnen von Motoren zu ihnen. Eines der Stratosphärenschiffe nach dem andern schraubte sich in die Höhe und verschwand am Nordhorizont. Nur noch 'St 14' lag allein in der eisigen Einöde am Kraterrand.

Professor Eggerth erhob sich und warf den Pelz über.

"Es wird Zeit, Herr Ministerialdirektor. Der letzte Akt des Dramas beginnt. Wollen Sie mitkommen?"

Reute schüttelte den Kopf. Er zog es vor, im Schiff zu bleiben. Ohne ihn ging Professor Eggerth über das verschneite Land zu einem Mastenpaar, das man allein von allen den vielen Masten hier stehengelassen hatte. Eine Antenne war zwischen den Mastspitzen ausgespannt. Ein Draht von ihr führte zu einem Schalter. Von dem Schalter lief ein isoliertes Kabel weiter und verschwand zwischen den Felsen. Der Professor legte den Schalter um und kehrte zum Schiff zurück. Gleich danach begann auch die Hubschraube von 'St 14' einen dröhnenden Wirbel zu schlagen. Das Schiff stieg auf und trieb in großer Höhe langsam nach Norden ab.

Im Funkraum stand der Professor zusammen mit Reute. Tief unter ihnen lag der verlassene Krater. Wie eine Mondlandschaft wirkte das Ganze in den Strahlen der tiefstehenden Sonne. Sorgsam stimmte Professor Eggerth selbst den Sender ab, und in einem eigenartigen Rhythmus gab er danach Striche und Punkte mit der Morsetaste.

Kaum hatte der Professor das letzte Zeichen gegeben und die Hand von der Taste zurückgezogen, als das Land um den Krater zu beben begann. Einen Augenblick schien’s so, als ob das ganze Ringgebirge sich von seiner Unterlage ablösen und in die Höhe steigen wollte. Dann brach es in sich zusammen, kippte von allen Seiten nach der Mitte hin und ließ unendliche Gesteinsmengen in den Kraterschlund stürzen.

Noch starrte Reute auf das so plötzlich verwandelte Gelände, als der Donner der gewaltigen Sprengung das Schiff erreichte.

"Fürchterlich!" sagte Reute. Es war das erste Wort, das seit der Sprengung über seine Lippen kam.

"Großartig, Herr Reute!" erwiderte der Professor. "Genauso dachte ich es mir. Die tausend Tonnen Dynamit haben genauso gewirkt, wie ich es wollte. Kein Mensch wird hier noch einen Bolidenkrater vermuten. Glauben Sie mir, ich hatte sehr triftige Gründe, als ich diese Sprengung vorschlug."

Er gab einen neuen Befehl in den Führerstand. 'St 14' drehte nach Norden ab und setzte seinen Kurs in Richtung Heimat.


* * * * *


"Tag, alter Schmidt, da sind wir wieder." Dr. Wille sagte es auf der Schwelle von Schmidts Arbeitszimmer, während er sich die Schneeflocken vom Pelz schüttelte.

"Schon wieder hier, Herr Wille? Schon wieder sechs Monate vorüber? Die Zeit ist schnell vergangen, aber ich bin auch gut weitergekommen."

Er griff nach einer Kurvenkarte, und ehe Dr. Wille noch dazu kam, seinen Pelz abzulegen, hatte er ihn schon in ein gelehrtes Gespräch über seine neuen Entdeckungen verwickelt. Eine Weile ließ Wille ihn gewähren, dann winkte er ab.

"Schon gut, lieber Schmidt, das müssen Sie mir später in Ruhe erzählen, oder besser noch, ich lese es. Wie ich Sie kenne, alter Freund, haben Sie darüber ja doch schon wieder eine neue Veröffentlichung unter der Feder. Aber von zu Hause soll ich Sie grüßen. Briefe habe ich auch für Sie mitgebracht. Hier ist einer aus Kassel", er faßte in seine Rocktasche. "Hier sind zwei aus Berlin und noch einer aus München ... der heimatliche Sommer, Schmidt, Sie haben doch viel versäumt."

Der lange Schmidt schüttelte abweisend den Kopf.

"Die Arbeit hier, Herr Wille ... Wenn Sie das Neue erst alles erfahren, Sie werden staunen ..."

"Das Neueste, lieber Schmidt, das wissen Sie ja noch gar nicht. Das Neueste ist, dass wir jetzt auf Wunsch unserer Regierung die Zelte hier wieder abbrechen und hundert Kilometer weiter nach Süden gehen. Die Schiffe, die den Transport besorgen sollen, sind schon zusammen mit unserm angekommen. Aber Sie hören und sehen ja nichts, obwohl sechs Stratosphärenschiffe bei ihrer Landung einen ziemlichen Krach machen. Wenn nicht wenigstens der neue Maschinist herauskam, wäre überhaupt kein Mensch zu unserm Empfang dagewesen."

Schmidt brummelte etwas Unverständliches vor sich hin. Er begann die Unmenge von Tabellen und Aufzeichnungen, die den großen Arbeitstisch vollkommen bedeckten, zusammenzulegen und in einzelne Mappen einzuordnen.

Schweigend überließ ihn Dr. Wille seiner Beschäftigung und ging kopfschüttelnd in den Vorraum zurück.

"Was hast du, Vater?" fragte ihn Rudi.

"Der gute Schmidt fängt an, wunderlich zu werden. Ich glaube, mein Junge, es war nicht gut, dass wir ihn hier ein halbes Jahr Alleingelassen haben. Es wird höchste Zeit, dass er mal wieder nach Hause unter andere Menschen kommt, sonst schnappt er uns am Ende noch über. Das nächstemal muß er mit, ob er will oder nicht"

Schon in den nächsten Stunden begannen die Abbauarbeiten. Es wiederholte sich das alte Spiel, das die Station schon einmal erlebt hatte.

Dann brach die Flotte auf.

Hundert Kilometer südlich ließen sich die Schiffe vorsichtig sinken und suchten nach einem brauchbaren Landungsplatz.

Nach längerem Suchen fanden sie eine Stelle, die allen Anforderungen genügte, und auf den Abbruch folgte nun der Wiederaufbau. Zwei Tage und zwei Nächte nahm er in Anspruch. Dann war das Werk vollendet. Fertig und arbeitsbereit stand die Station an dem Ort, an dem man noch vor kurzem unendliche Goldmengen aus der Tiefe holte.

Ein kurzer Abschied, ein letztes Winken und Grüßen, und die Stratosphärenflotte stieg zum Rückflug auf. Nur auf sich selbst angewiesen waren die wenigen Menschen wieder, die im Dienste der Wissenschaft und im Kampfe mit einer unwirtlichen Natur schon so viele Monate in der Antarktis verbracht hatten.

Schon war die Mitte des kurzen antarktischen Sommers erreicht. Dr. Wille befand sich mit den Fahrzeugen der motorisierten Station auf einer Forschungsreise, die ihn bis zu den Hängen des Markham-Gebirges führen sollte. Der lange Schmidt war in der festen Station zurückgeblieben, eifrig damit beschäftigt das letzte Kapitel seines neuen Werkes niederzuschreiben.

Ein mächtiger Raupenwagen, der gleiche, den vor Monaten 'St 11 h' an Bord der City of Boston absetzte, glitt nach Süden hin durch die Antarktis. Jetzt verlangsamte er seine Fahrt und hielt auf dem verschneiten Feld. Eine Tür öffnete sich, Captain Andrew kletterte hinaus und ging ein paar Schritte über den Schnee. Parlett folgte ihm, würdig wie ein englischer Lord, obwohl er mit allerlei Gerätschaften beladen war. Vor Captain Andrew begann er sie aufzubauen. Ein dreifüßiges Stativ zuerst, auf das er sorgsam einen Theodoliten mit allem Zubehör aufschraubte. Ein Tischchen kam daneben, auf dem ein Präzisionschronometer und ein elektrisches Chronoskop ihren Platz fanden.

Soweit man sich auf die im Wagen und während der Fahrt gemachten Ortsbestimmungen verlassen konnte, mußte die Andrewsche Expedition sich in nächster Nähe dieser Stelle befinden. Aber von dem, was Garrison dort zu finden erwartete und was er Captain Andrew auf der langen Reise hierher öfter als einmal mit plastischer Deutlichkeit ausgemalt hatte, war weit und breit nichts zu sehen.

Captain Andrew wollte sein Wort halten, aber er wollte auch nicht allzuviel von der kostbaren Zeit der wenigen Sommermonate für ein Unterfangen opfern, das ihm reichlich phantastisch vorkam. Diese Ortsbestimmung hier sollte der letzte Versuch sein. Mit den besten Mitteln und der größten überhaupt möglichen Genauigkeit wollte er sie vornehmen.

Mr. Parlett erschien wieder auf der Szene, um Captain Andrew einen heißen Toddy zu bringen. Der trank davon und stürzte sich dann neugestärkt wieder auf seine Rechnung. Parlett trat näher an das Stativ heran. Das blinkende Fernrohr des Theodoliten interessierte ihn. Spielerisch drehte er es hin und her und brachte dabei ein Auge an das Okular, um hindurchzuschauen. Plötzlich zuckte er zusammen. "Mr. Andrew!"

Captain Andrew blickte von seiner Rechnung auf.

"Zum Teufel, Parlett, was fällt Ihnen ein? Was haben Sie da zu spielen, Sie haben mir die ganze Einstellung verrückt."

"Captain, ich sehe etwas. Ganz deutlich! Einen Funkturm!"

Mit einem Satz war der Captain bei dem Apparat und schaute selbst hindurch. Ein Zweifel war nicht möglich. Deutlich war durch das stark vergrößernde Fernrohr des Theodoliten das feine Fachwerk eines Funkmastes zu sehen.

"Los, Parlett! Alles zusammenpacken, in den Wagen bringen! Sie können den Mast auch sehen. Wir fahren darauf zu."

Gespannt kam Garrison Captain Andrew entgegen, als er in den Wagen zurückkehrte.

"Haben Sie die genaue Ortsbestimmung, Captain?"

Captain Andrew schüttelte den Kopf. "Nicht mehr nötig, Mr. Garrison. Wir haben einen Funkturm entdeckt, noch keine zehn Kilometer von hier entfernt. Sicher eine deutsche Station. Da wollen wir jetzt hinfahren. Vermutlich werden ja Leute dort sein. Die werden uns schon Bescheid sagen können, wo wir uns befinden."

Der brave Hagemann hatte an einer freien Stelle von Schmidts Arbeitstisch ein Frühstück aufgebaut, das seiner Kochkunst alle Ehre machte. Aber vergeblich hatte er schon zum dritten Male gemeldet: "Herr Ministerialrat, es ist angerichtet." Der lange Doktor, an der anderen Seite des Tisches über sein Manuskript gebeugt, ließ die Feder über das Papier rasen und hörte und sah nichts von dem, was um ihn herum vorging.

Der Auftrag Willes kam ihm in den Sinn. Nach kurzemÜberlegen entschloß er sich zu einem Gewaltstreich. Vorsichtig trat er von hinten heran, griff mit der einen Hand die Sessellehne, mit der andern eine Schulter Schmidts, zog den Sessel mitsamt dem Doktor vom Tisch fort, karrte ihn nach der anderen Seite und schob ihn dort vor das Frühstück hin.

"Hagemann, Sie unverschämter Kerl! Was fällt Ihnen ein?"

"Befehl von Herrn Dr. Wille. Herr Ministerialrat müssen essen", sagte Hagemann, während er ihm die Feder fortnahm und dafür Messer und Gabel in die Hand drückte. Dr. Schmidt wollte noch weiter schimpfen, als der Hupenton eines Kraftwagens vom Hofe her erklang.

"Nanu! Sind unsere Herrschaften schon wieder zurück", sagte Hagemann, während er dem Doktor eine Tasse Tee einschenkte, "entschuldigen mich Herr Ministerialrat einen Augenblick."

Ein Raupenwagen stand auf dem Hof, ähnlich den eigenen Fahrzeugen, doch viel größer als diese. Verwundert besah sich Hagemann das Vehikel, als sich an dem eine Tür öffnete. Ein Mann kam heraus und redete ihn in englischer Sprache an. Hagemann raffte seine englischen Brocken zusammen und wußte nach wenigen Worten, dass er es mit Captain Andrew, dem Führer einer amerikanischen Expedition, zu tun habe.

"Herr Dr. Wille ist nicht anwesend", sagte Hagemann, "Herr Ministerialrat Schmidt vertritt ihn im Institut ...", er wollte fortfahren: "er wird sich sicher freuen, Sie zu sehen", als eine zweite Person aus dem Wagen stieg, bei deren Anblick ihm die Rede stockte.

Das war ja Mr. Garrison, jener Bursche, der schon einmal in der Station zu Besuch war. Die Herren Wille und Schmidt hatten es nach Möglichkeit vermieden, in Gegenwart dritter über die Boltongruppe zu sprechen. Aber Karl Hagemann hatte doch mancherlei aufgeschnappt, was nicht für seine Ohren bestimmt war, und sich seinen Vers darauf gemacht. Schnell hatte er seine Selbstbeherrschung wiedergefunden und lud die beiden Besucher mit einer verbindlichen Bewegung ein, näher zu treten.

"Nehmen Sie Platz, meine Herren. Ich werde Herrn Ministerialrat sofort verständigen."

Damit verschwand er. Captain Andrew sah sich interessiert in dem saalartigen Raum um, in den Hagemann sie geführt hatte. Seine Aufmerksamkeit wurde von einigen Instrumenten gefesselt, die an der Schmalwand des Raumes standen. Es waren Magnetometer verschiedener Konstruktion, darunter aus Bussolen, um die magnetische Deklination und Inklination zu messen. Sein wissenschaftliches Interesse wurde lebendig. Er trat näher heran und hatte, ehe er sich’s versah, die Arretierung eines Inklinometers gelöst Die Nadel, nicht mehr festgehalten, folgte der magnetischen Richtkraft und stellte sich genau senkrecht.

"Der Pol, Garrison! Sehen Sie her! Hier ist der magnetische Südpol. Die Deutschen haben ihr Institut genau auf den Pol gesetzt. Nach dem, was man über Willes Elektronentheorie weiß, mußte man es ja auch eigentlich erwarten."

Als Hagemann in Schmidts Arbeitszimmer zurückkam, schob der Doktor eben den letzten Bissen in den Mund und legte Messer und Gabel beiseite.

"Sie können das Tablett herausnehmen", sagte er und wollte sich wieder an sein Manuskript setzen.

"Herr Ministerialrat, es sind nicht unsere Leute", platzte Hagemann mit seiner Neuigkeit heraus. "Es sind Amerikaner. Captain Andrew ist hier, und außerdem der andere, der schon mal hier war, Mr. Garrison, Sie werden sich erinnern, Herr Ministerialrat."

Dr. Schmidt stand auf und zog sich seinen Rock zurecht.

"Es ist gut, Hagemann, ich komme sofort."

Als Schmidt eintrat, war Captain Andrew dabei, Garrison an einer Bussole zu zeigen, dass die horizontale Richtkraft der Magnetnadel hier gleich Null war. In jeder beliebigen Stellung, in die er die Magnetnadel drehte, blieb sie ruhig stehen.

Schmidt machte sich durch ein Räuspern bemerkbar und trat näher. Captain Andrew fuhr auf, als ob er bei etwas Unrechtem ertappt worden wäre.

"Ich sehe, die Herren beschäftigen sich schon mit den magnetischen Verhältnissen der Station", sagte der lange Schmidt und schüttelte den Amerikanern die Hand. Captain Andrew überwand seine Verlegenheit.

"Sie entschuldigen, Herr Dr. Schmidt, aber es ist so interessant. Sie sitzen hier in der Tat genau auf dem magnetischen Südpol."

"Vorläufig stehen wir noch darauf", sagte der lange Schmidt trocken. "Aber wir wollen uns setzen."

Er bat seine Gäste, wieder Platz zu nehmen, und ließ durch Hagemann einige Erfrischungen bringen. Es währte nicht lange, und er war mit Captain Andrew in ein tiefgründiges Gespräch über Polwanderungen im allgemeinen und die auffällige Wanderung des magnetischen Südpols im besonderen verwikkelt. Öfter als einmal wurde Hagemann gerufen, um Bücher und Broschüren herbeizuholen, aus denen Dr. Schmidt seine Theorie mit einer Unmenge von Zahlenmaterial belegte.

Verwundert kam Hagemann diesen Aufträgen nach, kopfschüttelnd suchte er draußen an der Tür etwas von dem Gespräch zu erlauschen. Sollte der Doktor sich etwa von seinem wissenschaftlichen Eifer fortreißen lassen und den Besuchern in der Hitze des Gefechtes mehr verraten als gut war? Hagemann machte sich schwere Gedanken. Schließlich konnte er es nicht unterlassen, durch das Schlüsselloch zu schauen. Da bemerkte er um die Lippen des langen Schmidt einen gewissen mokanten Zug, den er von früheren Gelegenheiten her kannte. Erleichtert atmete das biedere Faktotum auf.

"Und er führt die Brüder doch über den Gänsedreck", murmelte er vor sich hin, während er in seine Küche zurückkehrte.

Was Hagemann hier etwas unparlamentarisch ausdrückte, war in der Tat der Fall. Es darf nicht verschwiegen werden, dass der lange Schmidt sich während der Stunden, die er mit den beiden Gästen verbrachte, nicht derjenigen Aufrichtigkeit befleißigte, die man mit Fug und Recht von Wissenschaftlern des gleichen Faches erwartet. Er pumpte Captain Andrew eine erdmagnetische Theorie ein, die von Anfang bis zu Ende eine raffinierte, aber um so glaubwürdigere Täuschung war, weil sie den wirklichen Grund aller Erscheinungen, das Meteoreisen in der Tiefe, verschwieg. Und er führte Garrison, der immer und immer wieder auf einen Riesenmeteor zurückkam, der hier gefallen sein sollte, in einer Weise irre, dass dieser an allen seinen bisherigen Theorien und Berechnungen zu zweifeln begann.

Wer der Unterhaltung der drei Wissenschaftler mit voller Kenntnis der wirklichen Sachlage gefolgt wäre, hätte sich der Erkenntnis nicht verschließen können, dass der lange Schmidt eine glänzende Begabung für das Pokerspiel besitzen mußte. Er bluffte die neugierigen Gäste in einer meisterhaften Weise, und als sie Abschied nahmen, um weiterzuziehen, hatten sie keine Ahnung, wie schwer sie geblufft worden waren.

"Also sehen Sie nun, Garrison, dass Sie einem Hirngespinst nachgelaufen sind", sagte Captain Andrew, als sie wieder in ihrem Wagen saßen. "Hier, wo nach Ihrer fixen Idee ein Riesenbolide gefallen sein soll – wir haben ja die genaue Ortsbestimmung von dem Institut bekommen –, da ist der magnetische Südpol und sonst weiter gar nichts als eine Ebene, so glatt wie meine Hand. Und was haben Sie mir alles von einem Bolidenkrater vorphantasiert, der an dieser Stelle sein müßte!"

Garrison strich sich über die Stirn. Es dauerte eine Weile, bis er sich zur Antwort aufraffte. "Ich muß zugeben, Captain Andrew, dass ich mich geirrt habe, das kann schließlich auch einmal einem Wissenschaftler passieren."

"Gut, dass Sie es endlich selber einsehen, Garrison", sagte Andrew und wandte sich wieder seinen Instrumenten zu.

An seinem Arbeitstisch saß Dr. Schmidt und schlürfte behaglich seinen Tee.

"So", sagte er, als er die Tasse niedersetzte. "Die Gefahr ist abgewendet, die kommen nicht wieder, und das wirkliche Geheimnis des Eggerth-Goldes werden sie niemals entdecken."

Dann griff er nach der Feder, um die letzte Seite seines großen Werkes zu vollenden.

Inhalt




Erstes Kapitel

Zweites Kapitel

Drittes Kapitel

Viertes Kapitel

Fünftes Kapitel

Sechstes Kapitel

Siebentes Kapitel

Achtes Kapitel

Neuntes Kapitel

Zehntes Kapitel

Elftes Kapitel

Zwölftes Kapitel

Erstes Kapitel



Ein leuchtender Fleck in der dunklen Polarnacht. Auf hohen Masten erstrahlen vier mächtige Lampen. Ihre Lichtflut wird von schimmernden Schneemassen zurückgeworfen. Sie beleuchten ein Gebäude, halb Haus, halb Schuppen, das der Forscherdrang eines Gelehrten in der Eiswüste der Antarktis entstehen ließ. Ihre Strahlen brechen sich in glänzenden Reflexen an physikalischen Instrumenten, die frei im Schnee stehen, und lassen die Umrisse eines Flugschiffes erkennen.

Schwer und massig wie der Leib eines gestrandeten Riesenwals lastet der mächtige Metallrumpf auf dem Schneefeld. Keine Räder, kein Kufengestell, die ihm eine Möglichkeit zum Starten geben können. Wurde das Schiff von seiner Besatzung verlassen? Ist es dazu verdammt, bis an das Ende aller Tage in der Schneewüste liegenzubleiben?

Als wolle es Antwort geben auf die Fragen, schlägt das Ungeheuer die Augen auf. Zwei gläserne Luken an seinem Kopfteil erstrahlen plötzlich in hellem Licht, und fast gleichzeitig beginnen im Rumpf die Maschinen ihr rauschendes Spiel. Der Donner der Motorexplosionen dröhnt durch die eisige Luft.

Noch liegt der Leib des Flugdrachens regungslos auf dem Schnee, während seine leuchtenden Augen wie zornig in die Ferne starren. Und dann hebt es sich aus dem Rücken des Flugschiffes, wächst empor und beginnt sich wirbelnd zu drehen. Schneller und immer schneller rotiert die mächtige Hubschraube, lauter brüllen die Motoren. In schimmernden Wolken stiebt der Propellerwind den Schnee auf, schon beginnt der Zug der Hubschraube zu wirken. Schwerelos hebt sich der gewaltige Metallbau vom Boden und schwebt senkrecht empor. Jetzt hat er die Höhe der Lampen erreicht. Jetzt ist er über ihnen und im Augenblick von der Dunkelheit verschlungen.

Immer höher steigt das Schiff. Jetzt ist es nur noch ein leuchtender Punkt.

Zwei Kilometer zeigt der Höhenmesser im Kommandoraum, da setzen mit voller Kraft die sechs Düsenmotoren ein. Schon tragen die Schwingen den Leib des Drachens, und langsam senkt sich die gesträubte Rückenflosse. Die Hubschraube wird in den Rumpf zurückgezogen. Hermetisch wird der ganze Bau geschlossen. Immer höher steigt die Maschine und stürmt durch die Polarnacht dahin. 'St 8', das neueste und größte Stratosphärenschiff der Eggerth-Reading-Werke in Bay City, hat seinen Rückflug begonnen.


* * * * *


Im Kommandoraum des Flugschiffes saß Hein Eggerth vor der Steuerung. Sein Blick hing an dem Höhenmesser, dessen Zeiger langsam über die Skala dahinglitt. 13 Kilometer ... 14 Kilometer ... 15 Kilometer ... Seine Hand bewegte ein blankes Gleitstück an dem Steuerapparat, und der Zeiger des Höhenmessers stellte seine Wanderung ein. Eine kurze Zeit noch beobachtete Eggerth das Instrument, dann erhob er sich von seinem Platz.

"So, Wolf! Der Automat ist eingestellt. Vorläufig können wir 'St 8' sich selber überlassen."

Wolf Hansen stand an der großen Backbordscheibe des Stratosphärenschiffes. Zusammen mit Georg Berkoff, dem dritten Mann der Besatzung, schien er dort durch das starke Kristallglas hindurch irgend etwas zu beobachten. Auf die Worte Eggerths hin wandte er sich um.

"Der Robot tut seine Schuldigkeit, Hein? Um so besser! Da draußen ist allerlei zu sehen. Können wir das Licht ausmachen? Es stört die Beobachtung."

Hein Eggerth nickte und bewegte einen Schalthebel. Die hellen Lampen im Kommandoraum erloschen.

"Was habt ihr denn da, was euch so interessiert?" fragte er.

Noch während er es sagte, bemerkte er, dass von außen her Licht in den Kommandoraum fiel. Licht, das seine Farbe fortwährend änderte. Jetzt eben noch bläulich-grünlich, dann wieder gelblich-rötlich. Einen Augenblick später schien alles wie blutübergossen.

"Ein Südlicht, Hein", rief ihm Hansen zu, "so schön habe ich noch keins gesehen."

Hein Eggerth schaute eine kurze Weile mit den beiden andern zusammen hinaus, dann schaltete er das Licht wieder ein.

"Kommt in den Mittelraum. Da werden wir es viel besser beobachten können."

Die Decke des Mittelraums bestand zum größten Teil aus klarem Kristallglas.

"Alle Wetter, Wolf! Hein hat recht!" rief Berkoff, als sie in den Mittelraum traten. In der Tat konnten sie hier viel besser als vorher das wunderbare magnetische Feuerwerk beobachten.

"Man merkt, dass wir den 80. Breitengrad überflogen haben", sagte Hansen mit einem Blick auf seine Uhr. "So schön wird Dr. Wille an seinem magnetischen Südpol da unten die Lichter kaum jemals zu sehen bekommen."

Berkoff schüttelte den Kopf. "Du bist im Irrtum, mein Lieber. Dr. Wille hat sich ja gerade an den magnetischen Südpol gesetzt, weil er ihn für den Einfallspunkt der Sonnenelektronen hält – also sozusagen für den Keimpunkt aller Südlichter."

"Theorie und Praxis!" lachte Wolf Hansen. "Während der drei Wochen, in denen wir ihm seine Station einrichteten, haben wir kein Südlicht zu sehen bekommen. Hier ein paar hundert Kilometer nördlicher treffen wir sofort auf ein großartiges Exemplar der Gattung."

"Macht mir den Dr. Wille nicht schlecht!" mischte sich Hein Eggerth ein. "Der Mann hat schon seine guten Gründe dafür, dass er sich gerade auf den magnetischen Südpol gesetzt hat."

"Ah bah", warf Hansen ein, "magnetischer Pol, Drehpol, Kältepol. Alles vielleicht ganz interessante wissenschaftliche Punkte, aber schließlich doch einer so scheußlich wie der andere. Die Herren Entdecker sind in diese gottverlassene Gegend gekommen, haben allerlei schöne Namen hinterlassen, aber geerbt haben sie bei ihren abenteuerlichen Fahrten nichts. Die ganze Gegend ist keinen Schuß Pulver wert. Bester Beweis dafür: Keine einzige der verschiedenen Nationen ist bisher auf die Idee gekommen, hier etwa Land zu annektieren."

"Stimmt nicht, Wölfchen", widersprach Berkoff, "seit 1840 behaupten beispielsweise die Franzosen, dass ihnen Adélie-Land südöstlich von Dr. Willes Station gehört. Die Vereinigten Staaten beanspruchen Marie-Byrd-Land für sich, und die Engländer sind der Meinung, dass der ganze antarktische Kontinent von Rechts wegen englisch ist."

"Theorien!, Georg", warf Eggerth dazwischen. "Im Ernst denkt keiner daran, hier irgendwelche Ansprüche geltend zu machen. Die Unkosten für einen Gouverneur und die Zollwächter würden sich nicht lohnen."

"Meinetwegen Theorie!" verteidigte sich Berkoff. "Aber die Ansprüche sind da und könnten unter Umständen eines Tages geltend gemacht werden, wenn ..."

Hansen lachte laut auf: "... wenn, ja, wenn man vielleicht plötzlich entdecken sollte, dass die Erdachse 100 Meter dick ist und aus purem Gold besteht. Dann würden sich die Norweger darauf versteifen, dass ihr Amundsen am 14. Dezember 1911 als erster am Südpol gewesen ist, und würden die bergmännische Ausbeutung der Erdachse für sich beanspruchen."

"Und dann würden die Engländer und Amerikaner natürlich anderer Meinung sein, und wir hätten den schönsten internationalen Konflikt am Südpol", meinte Eggerth, "vielleicht ist es wirklich ein Glück, dass es hier nur Schnee und Eis gibt."

"Und außerdem eine mittlere Sommertemperatur von 40 Grad unter Null und Schneestürme, die den stärksten Mann umwerfen", führte Hansen die Aufstellung Eggerths weiter. "Sogar Eisbären ziehen es vor, hier nicht zu existieren. Ich bewundere Dr. Wille, der ein volles Jahr in dieser Schneewüste aushalten will."

Während die drei Freunde so ihre Meinungen über den Wert oder Unwert der Antarktis vertraten, war das bunte Spiel der leuchtenden, zuckenden Bänder über ihnen schwächer geworden. Schließlich erloschen die letzten Lichtstreifen. Tiefschwarz wölbte sich das Firmament. Deutlich konnten die drei Insassen des Stratosphärenschiffes durch das klare Kristallglas der Decke hindurch die funkelnden Sterne erkennen.

"Ah, eine Sternschnuppe! Ich habe mir was gewünscht", rief Hansen. "Da! Schon wieder eine! Da eine drittel Hoffentlich geht mein Wunsch in Erfüllung."

"Merkwürdig", Berkoff strich sich über die Stirn, "wir schreiben den 9. August, die Tränen des heiligen Laurentius wären also nach dem Kalender fällig. Aber ich habe noch nie gehört, dass sie auch in den Polarzonen auftreten."

"Da! Schon wieder eine, hier noch eine!" Hansen deutete mit der Rechten zum Firmament. "Laurentius hin, Laurentius her, wie es scheint, fließen seine Tränen auch am Südpol."

Schweigend blickten die drei Freunde während der nächsten Minuten in die Höhe.

"Ein ganz hübscher Schwarm, der unserer alten Erde da das Fell kratzt", meinte Hansen.

"Du wolltest wohl sagen, der ihr die Atmosphäre ankratzt", verbesserte Eggerth. "Wenn all die Sternensplitter, die da in der Nähe der Erdbahn im Weltraum treiben, wirklich bis zur Erdoberfläche kämen, wäre es schlecht um die Menschheit bestellt. Ein Glück, dass unsere Atmosphäre uns vor diesen Weltraumbummlern schützt."

"Sagen wir: einigermaßen schützt", unterbrach ihn Berkoff. "Die meisten Boliden tauchen ja nur in die äußersten dünnsten Schichten unserer Atmosphäre ein, kommen dabei durch die Reibung für einige Sekunden zum Glühen und zum Leuchten und verschwinden dann wieder im Weltraum. Aber bisweilen kommt doch mal ein ordentlicher Brocken ‘runter, und wer den auf den Kopf kriegt, der braucht keinen neuen Hut mehr."

Das Gespräch schlief ein. Schweigend standen die drei in dem von unsicherem Sternenlicht erfüllten Raum. Eggerth betrachtete die leuchtenden Skalenscheiben der Instrumente, die auch hier den Kurs, die Geschwindigkeit und die Höhenlage des Flugschiffes anzeigten. Hansen schaute nach wie vor durch die gläserne Decke und zählte Sternschnuppen. Berkoff ließ sich in einen Sessel fallen und hing seinen Gedanken nach.

"Ah, da! Seht doch nur, eine Sternschnuppe! Nein, ein Meteor!" Hansen hatte die letzten Worte mehr geschrien als gesprochen. Im Augenblick waren die beiden anderen neben ihm, starrten ebenso gebannt zum Firmament wie er.

Eine Sternschnuppe war es, die Hansen gesehen hatte, aber wie hatte sich ihr Aussehen in wenigen Sekunden verändert. Ein fahler Lichtstreifen war es zuerst. Ein rötlich strahlender Stern war es inzwischen geworden.

Ein fallender Stern, eine Sonne, die vom Firmament stürzte. Jetzt stand sie senkrecht über dem Stratosphärenschiff. Grell fielen ihre Strahlen durch das gläserne Dach in den Raum und erleuchteten ihn taghell bis in die letzten Winkel.

Würde der Bolide das Stratosphärenschiff treffen und zerschmettern? Schon schien die glühende Kugel größer als die Sonnenscheibe zu sein. Unerträglich wurde der Glanz, der von ihr ausging. Nur noch blinzelnd vermochten die drei im Stratosphärenschiff nach ihr hinzuschauen – und sahen dabei, wie das strahlende Gestirn langsam von Steuerbord nach Backbord über der Deckenscheibe entlangzog. In Sekunden wurde es ihnen klar, dass der Bolide links ab vom Flugschiff die Erdoberfläche treffen würde.

Als erster stürmte Eggerth aus dem Mittelraum zu der Kommandostelle. Eilend folgten ihm die andern. Hier waren ja Seitenscheiben vorhanden, durch die man die Erdoberfläche sehen, den Aufprall des Boliden vielleicht beobachten konnte.

Wie von vollem Sonnenlicht beleuchtet erblickten sie die Eiswüste unter sich, als sie die Gesichter an die Scheiben preßten. Die Atmosphäre in der Tiefe war klar. Aus einer Höhe von 15 Kilometern konnten sie deutlich die vergletscherten Kämme eines Gebirgszuges erkennen. In tausend Lichtern spielte das bläulichgrüne Gletschereis.

Noch starrten sie wie fasziniert auf das wunderbare Schauspiel, als eine neue, noch viel stärkere Lichtflut sie zwang, die Augen zu schließen. Eine Sonne kam vom Himmel herab. Eine Feuerkugel stürzte backbords vom Stratosphärenschiff auf den Erdball. Und dann drang ein dumpfes Pfeifen und Brausen in ihr Gehör und übertönte das Spiel der Motoren. Ein donnernder Lärm erfüllte die ganze Atmosphäre. —

Ein schweres Schwanken des Flugschiffes riss sie aus ihrer Erstarrung. Mit einem Satz war Hein Eggerth am Steuerapparat und suchte die Maschine durch verzweifelte Manöver wieder ins Gleichgewicht zu bringen. Minutenlang hatte er zu kämpfen. Die ganze Stratosphäre, jene hohe, von allen Stürmen und Orkanen der Erde unberührte Luftschicht, war in ein brodelndes, kochendes Meer verwandelt. Das Flugschiff stampfte und schlingerte wie ein Dampfer in schwerster See.

Während Eggerth sich mühte, das Schiff vor dem Absturz zu bewahren, beobachteten Hansen und Berkoff die Katastrophe weiter. Einen Feuerball sahen sie auf die verschneite Ebene aufschlagen, sahen die Ebene um die feurige Kugel herum aufschwellen und in Sekunden zu gewaltiger Höhe emporwachsen, bis sie wie das Ringgebirge eines Kraters rings um die Glut stand. Noch starrten sie auf den neuen Feuerberg, als Nebel von ihm aufstieg. Auf weite Entfernungen hin verdampften Eis und Schnee, und wie eine dichte Wolkenwand legten sich die Dampfmassen über die Einschlagstelle. Kurze Sekunden noch sahen die beiden das Licht des glühenden Boliden durch den Nebel schimmern, dann verbargen es die Wolken.

Eggerth hatte das Stratosphärenschiff wieder in der Gewalt, als Berkoff zu ihm trat. Kurze Frage und Antwort, dann griff Eggerth in die Seitensteuerung. Das Schiff drehte nach Backbord ab, bis es rechtwinklig zu seinem bisherigen Kurs stand.

Geradehin auf die Einschlagstelle ging jetzt der Flug.

In weitem Bogen kreiste das Schiff über dem Schauplatz der Katastrophe. In langen Spiralen ging es mit gedrosselten Motoren nach unten. Der Zeiger des Höhenmessers begann zu fallen. 10 Kilometer ... 8 Kilometer ... 5 Kilometer ..., da gerieten sie in die brodelnden, kochenden Wolken. Im Augenblick war jede Sicht verschwunden. Weiß und milchig schimmerte es im Licht der Lampen an den Scheiben des Kommandoraums.