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Orient &
Okzident

Begegnungen und
Wahrnehmungen aus
fünf Jahrhunderten

Barbara Haider-Wilson
und Maximilian Graf
(Hg.)

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FORSCHUNGEN
ZU ORIENT UND
OKZIDENT

herausgegeben von
BIROL KILIC

Band 4

Barbara Haider-Wilson
und Maximilian Graf
(Hg.)

Orient &
Okzident

Begegnungen und
Wahrnehmungen aus
fünf Jahrhunderten

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Impressum

Verleger und Art-Direktor: Dipl.-Ing. Birol Kilic
Lektorat: Ing. Arno Tippow M.A.
Grafik: Neue Welt Verlag MCO GmbH
Layout: Ilkhan Selcuk Erdogan

ISBN 978-3-9503061-8-7

INHALTSVERZEICHNIS

VORWORT DES VERLEGERS

BIROL KILIC

I.ORIENT UND OKZIDENT:
EIN VERHÄLTNIS IN LANGZEITPERSPEKTIVE

I.1Begegnungen und Wahrnehmungen aus fünf Jahrhunderten.
Zur neuzeitlichen Beziehungsgeschichte von Orient und Okzident

BARBARA HAIDER-WILSON/MAXIMILIAN GRAF

I.2Wir im Orient – der Orient in uns

BERT G. FRAGNER

I.3Der Orient als Metapher.
Wie Österreichs Osten vor, während und
nach dem Ersten Weltkrieg vorgestellt wurde

JOHANN HEISS/JOHANNES FEICHTINGER

I.4„Kümmeltürken aus der Affentürkei“
ein Völker- bzw. Ländername als Spiegel
von Kulturkontakten und Stereotypen

HUBERT BERGMANN

I.5Herrschaft, Krieg und moderne Staatlichkeit:
Das Osmanische Reich und Europa im Vergleich
(15. bis 19. Jahrhundert)

MICHAEL PORTMANN

II.VERBINDUNGSLINIEN IN DER NEUZEIT I:
DIMENSIONEN KRIEGERISCHER KONFLIKTE

II.1„Großmächtiger und gewaltiger Gubernator des ganzen Orients“.
Osmanen, Safawiden und Mamluken in der Wahrnehmung und politischen Konzeption Maximilians I.

MANFRED HOLLEGGER

II.2„bedenckhen, was wider den türggen fürzunemen“.
Vorschläge für den Kampf gegen die Osmanen
aus dem 16. und 17. Jahrhundert

JAN PAUL NIEDERKORN

II.3Die Militärgrenze:
Von der Sicherheits- und Pufferzone zur neuen EU-Außengrenze

DANIELA ANGETTER

II.4Osmanische Seidenfahnen:
Beutestücke in den Sammlungen der Habsburger

BARBARA KARL

II.5Wien–Jerusalem und zurück.
Das militärische Engagement Österreich-Ungarns
im Osmanischen Reich 1914–1918

RICHARD LEIN

III.VERBINDUNGSLINIEN IN DER NEUZEIT II:
DIMENSIONEN KULTURELLER KONTAKTE

III.1Diplomaten oder Gelehrte?
Das Verhältnis der Absolventen der Orientalischen Akademie zum Osmanischen Reich zwischen Politik und Forschung

SIBYLLE WENTKER

III.2Österreichs Beziehungen mit dem Osmanischen Reich im Vormärz:
Eine alternative Politik in der Orientalischen Frage

MIROSLAV ŠEDIVÝ

III.3Suez – kein österreichischer Kanal

STEFAN MALFÈR

III.4Tanzimat revisited:
Über den Einfluss des Verhältnisses von Orient und Okzident auf die völkerrechtliche Stellung des Osmanischen
Reiches im 19. Jahrhundert

BARBARA HAIDER-WILSON

III.5„und ich sonnte mich wieder im Oriente,
so recht im Herzen der Barbarei“
.
Die Orientreisen der Habsburger –
Ferdinand Maximilian und Franz Ferdinand

DAVID PRUONTO

III.6[…] im strengsten Stillschweigen Besitz ergreifen“.
Deutsche Trappisten im osmanischen Wilajet Bosnien

CLEMENS GÜTL

III.7Österreichische Orientmaler

ERNST CZERNY/CHRISTINE GRUBER

III.8Zwischen Orient und Okzident:
Die differentia specifica des Orientalismus
in der südosteuropäischen Oper

TATJANA MARKOVIĆ

IV.DAS 20. JAHRHUNDERT: RÜCK- UND AUSBLICK

IV.1Die Reise Cyril Korolevskijs in den „katholischen Orient“ im Jahre 1923/24

ANDREAS GOTTSMANN

IV.2Österreich und die Türkei in der Zwischenkriegszeit 1918–1938

KLAUS KOCH

IV.3Immer noch zwischen Orient und Okzident?
Das demokratische Experiment der Türkei aus der Sicht österreichischer Diplomaten 1946–1963

MAXIMILIAN GRAF

IV.4Vom Orient zum Nahen Osten.
Orient-Perzeptionen und -Interpretationen der westdeutschen Diplomatie, ein Jahr nach der Konferenz von Bandung 1955

TORBEN GÜLSTORFF

IV.5Israel als westliche Bastion im Nahen Osten?
Überlegungen zur Orient-Okzident-Debatte
am Beispiel der israelischen „New History“

FRANCESCO DI PALMA

V.ANHANG

V.1Verzeichnis der Autorinnen und Autoren

V.2Abbildungsnachweis

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Vorwort des Verlegers

Ein Traum wird Wirklichkeit…

Orient und Okzident:
Begegnungen und Wahrnehmungen aus fünf Jahrhunderten.

Es ist für unseren Neue Welt Verlag mit Sitz in Wien eine große Freude, dieses Buch mit 24 Top-Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern der Österreichischen Akademie der Wissenschaften, der Freien Universität Berlin, des Österreichischen Historischen Instituts in Rom, der Universität Wien, dem Museum für angewandte Kunst in Wien, der Karl-Franzens-Universität Graz, der Kunstuniversität Belgrad, der Universität für Musik und darstellende Kunst Wien, der Westböhmischen Universität Pilsen, als auch Freischaffenden verschiedenster Fachbereiche zu verlegen.

Mit großer Anerkennung schaue ich auf den Fleiß der Autorenschaft, die ein umfangreiches archivalisches Datenmaterial und zahlreiche literarische Quellen in 23 Aufsätzen wissenschaftlich auswerteten. Man kann schon jetzt sagen, dass dieser wissenschafliche Sammelband auf allen Ebenen großes Interesse finden wird! Das Buch wird eine sehr wichtige und zukunftsweisende Quelle für Akademikerinnen und Akademiker, Kulturinteressierte, Journalistinnen und Journalisten sowie für Medien und Politik sowohl heute und als auch in Zukunft sein.

Die Autorinnen und Autoren wurden bewusst interdisziplinär ausgesucht, die Forschungsbereiche sind bunt gemischt. Iranistik, Musikwissenschaft, Afrikawissenschaft, Palästinaforschung und Orientalistik kommen in diesem breit angelegten Sammelband ebenso zur Geltung wie Geschichte, Byzantinistik, Sozialanthropologie, Vexillologie (Fahnen- und Flaggenkunde), Wirtschaftsgeschichte, Osmanisches Reich oder Südosteuropa, die Habsburgermonarchie…

Der vierte Band unserer jungen Reihe Forschungen zu Orient und Okzident zeigt Begegnungen und Wahrnehmungen von Menschen aus fünf Jahrhunderten in diesen weit gefassten und sich überlappenden Räumen – hier mit dem Fokus auf das Osmanische Reich bzw. die Republik Türkei und die Österreichisch-Ungarische Monarchie bzw. die Republik Österreich –, ohne die Krisen, Kämpfe und Schwierigkeiten dieses immer höchst brisanten und spannenden Beziehungsgeflechts auszuklammern.

Allerdings basieren die diplomatischen Beziehungen der Republik Österreich mit der modernen Türkei auf einer langen Tradition des Austausches zwischen dem Römischen Reich und der Hohen Pforte.

Im Jahr 1998, also vor rund 18 Jahren, schrieb ich für das Österreichische Bundeskanzleramt im Auftrag des Österreichischen Bundespressedienstes den Aufsatz Das Österreichbild in der Türkei. Er wurde in den Sprachen Deutsch, Türkisch und Englisch über österreichische Botschafterinnen und Botschafter in der ganzen Welt verteilt. Heute leben in Österreich ca. 300.000 Menschen mit türkischen Wurzeln, davon sind ca. 180.000 österreichische Staatsbürger. Im Zuge des Wirtschaftswunders kamen sie nach Österreich.

Sie und ihre Nachkommen sind mit Stand 2016 sowohl als Gastarbeiterinnen und Gastarbeiter, Unternehmerinnen und Unternehmer (ca. 14.000), als Anwälte ebenso wie auch in der Kunst und der Wissenschaft, davon ca. 3.500 als Studentinnen und Studenten, tätig. Die große Mehrheit sehen Österreich als ihre liebe „Neue Heimat“ (trk. Yeni Vatan) und verstehen sich vor allem als säkulare Verfassungspatrioten. Die Mehrheit der Österreicher hat auch gelernt, in seinen ausländischen Mitmenschen nicht das Trennende, sondern das Verbindende zu sehen und sie zu schätzen.

Wir wissen aber auch, dass die Intoleranten für ihr de facto außer oder an der Grenze des Verfassungsbogens liegendes Verhalten und ihre Bewegungen Toleranz einfordern. Hier sollte durch Wissen, Erfahrung und Weitblick die Spreu vom Weizen getrennt werden, wofür wiederum eine sachliche, belegbare und objektive wissenschaftliche Forschung notwendig ist. Das wollen wir mit dem Buch „Orient und Okzident: Begegnungen und Wahrnehmungen aus fünf Jahrhunderten“ mit viel Liebe, Mühe und Geduld auf ca. 800 Seiten zeigen.

Mein Artikel begann damals mit einem türkischen Sprichwort über Kaffee, denn auch wenn es banal scheinen mag, die Parallelen zwischen diesen doch so unterschiedlich wirkenden Ländern lassen sich, vielleicht sogar insbesondere in der Kaffeekultur finden. Eine Tasse Kaffee gewinnt das Herz für vierzig Jahre“, sagt ein türkisches Sprichwort, das im Original so klingt: Bir fincan kahvenin kırk yıl hatırı vardır. Das Verstehen der Menschen untereinander beginnt mit gutem Zuhören – und wo lässt es sich besser reden, als bei einer Tasse dampfenden Kaffees? Wer in Wien auf eine Tasse Kaffee einlädt, nimmt sich Zeit für mich. Das ist auch die Besonderheit der Institution des auch in der Türkei geschätzten österreichischen Kaffeehauses, wie man es detailgetreu nachgebaut in der Innenstadt von Istanbul findet. Man serviert dort echten Wiener Kaffee und frische Wiener Mehlspeisen. Zum Milchkaffee sagen die trendigen jungen Türken bereits allgemein Melange. Der Wiener Kaffee ist in sein Ursprungsland zurückgekehrt…

Die Beziehung zwischen Österreich und der Türkei hat sich seit 1998 mit vielen Höhen und Tiefen unglaublich verändert. Wir könnten heute sehr viele negative Ereignisse vermerken. Das war auch in der Vergangenheit so. Dabei darf man diese beiden Länder nie unterschätzen. Es heißt gespannt zu bleiben, die Ereignisse mit Verstand und Vernunft mitzuverfolgen und sich zuverlässig ohne Opportunismus auszutauschen.

Als Österreicher mit türkischen Wurzeln versuche ich – bereits seit über einem Vierteljahrhundert –, eine verbindende und tragfähige Brücke zwischen Österreich und der Türkei zu bauen. Das ist eine große Herausforderung. Ich glaube aber, dass es mit vernünftiger und verständlicher Aufklärung möglich ist. Obwohl immer wieder Höhen und Tiefen zu überwinden sind, werden wir auch in Zukunft diesen, vom interkulturellen Dialog und der Mitmenschlichkeit vorgezeichneten Weg gehen!

Sind in den letzten Jahren nicht genügend Aufsätze und Bücher über den Nahen Osten und seine Geschichte geschrieben worden? Diese Frage versuchte ich im Jahre 2012 bei der Präsentation unseres Buches „Das Burgenland als internationale Grenzregion im 20. und 21. Jahrhundert“ im Palais Eschenbach zu beantworten und skizzierte bei dieser Gelegenheit kurz meinen Traum, Brücken zwischen dem Orient und dem Okzident zu schlagen.

2012 war eine Zeit, wo wir als aus der Türkei stammende Österreicherinnen und Österreicher bereits ahnen konnten, was uns in den nächsten Jahren erwarten wird. Dafür muss man kein Hellseher sein, sondern man benötigt ein tiefes Wissen und Erfahrungen über den Orient und den Okzident. Wir haben die Entwicklungen im Nahen Osten mit den westlichen und östlichen Interventionen, Stellvertreterkriegen und den hybriden Kriegstaktiken, die sich weit vom Völkerrecht entfernt haben, mitverfolgt.

Deswegen wollten wir ein umfangreiches Buch mit seriösen Personen aus der Wissenschaft herausgeben, die die Beziehungen und Begegnungen im kulturellen, wirtschaftlichen, sozialen und menschlichen Bereich beleuchten sollen. Man wird daraus lernen, dass die Beziehungen zwischen dem christlichen Okzident und dem islamischen Orient nie in dieser oft kolportierten Distanz bestanden. Schaffen wir Fundamente für ein friedliches Zusammenleben! Wir sollten nicht das Trennende, sondern das Verbindende sehen und uns dies immer wieder in Erinnerung rufen!

Die jüngsten – leider sehr negativen und bestürzenden – internationalen und nationalen Entwicklungen haben dazu beigetragen, dass das Beziehungspaar „Orient und Okzident“ – mit seinen beiden als Gegensatz hingestellten, aber weit über Raumkategorien hinausgehenden Begriffen – zum wichtigsten weltpolitischen Thema unserer Zeit geworden ist.

Die gegenwärtige Lage in der Türkei, dem Nahen Osten und dem arabischen Raum sowie die darauffolgenden Reaktionen in Europa und Österreich im Besonderen haben diese umfassende Thematik in all ihren Facetten wieder verstärkt in den Mittelpunkt der öffentlichen und medialen Aufmerksamkeit gerückt. Tagesaktuell werden die Themen „Terrorismus“, „Flucht“, „Migration“ und „Integration“ im Zusammenhang mit „dem Islam“ kontrovers und heftig diskutiert. Niemand kann sich dem entziehen und viele sind alleine schon mit den Tagesnachrichten zu Recht überfordert. Oft wird pauschalisiert und die Spreu vom Weizen absichtlich oder einfach aus Dummheit nicht getrennt. Oft zeugen die Diskussionen nicht nur von der Unfähigkeit, Antworten auf die brennendsten Fragen unserer Zeit zu finden, sie lassen auch historisches Hintergrundwissen außer Acht. Diesem Mangel an Wissen möchte der vorliegende wissenschaftliche Sammelband entgegenwirken.

Eigentlich währt ja die Begegnung länger als diese fünf Jahrhunderte. Denn wer heute eine Semmel isst, dazu in eine deftige Wurst beißt und das Ganze mit einem Krug Bier hinunterspült, mag sich fühlen wie ein typischer Österreicher oder Bayer. In Wahrheit stammen diese Lebensmittel alle aus dem alten Orient. Schon im 3. Jahrtausend v. Chr. schenkten die Menschen, die zwischen Euphrat und Tigris oder in Ostanatolien wohnten, in ihren Kneipen sage und schreibe über 20 Sorten Gerstensaft aus!

Die Wurst ersannen Köche in Babylonien. Und wussten Sie, dass das Wort Semmel vom orientalischen Ausdruck „samidu“ (weißes Mehl) abgeleitet ist? Haben Sie gewusst, dass das Wort Joghurt eigentlich ein türkisches Wort ist? Die Grundbedeutung des Wortes ist „kneten“. Es ist bis heute eines der Hauptnahrungsmittel in der ausgezeichneten türkischen Küche und wird oft von den Hausfrauen selbst hergestellt.

Wussten Sie, dass das Wort Kiosk (köşk) aus dem Türkischen stammt? In der Originalbedeutung heißt das Wort soviel wie Schlösschen“. Und wussten Sie, dass auch das in der deutschen Sprache sehr gebräuchliche Wort Dolmetscher (trk. dilmaç) aus dem Türkischen stammt? Die Übernahme der Wörter und die Beeinflussung durch die Türken sind gerade im militärischen Bereich sehr häufig. So ist z. B. das Lehnwort „Horde ursprünglich ein türkisches „ordu.1

Wie können wir als Neue Welt Verlag dazu beitragen, diese oft vermeintlich kulturellen Schranken zu überwinden, damit Hass, Vorurteile und Intoleranz endlich der Vergangenheit angehören? Dieser Herausforderung möchten wir uns stellen, auch wenn wir wissen, dass das nicht einfach ist.

Nach der Ideenentwicklung ist es in unermüdlicher wissenschaftlicher, redaktioneller, lektorieller und grafischer Detailarbeit nun gelungen, gemeinsam mit unserem Herausgeberteam und allen Autorinnen und Autoren das Kind aus der Taufe zu heben! Für einen Verlag bedeutet ein solches Projekt eine große Anstrengung – in organisatorischer und finanzieller, in materieller und immaterieller Hinsicht. Umso mehr freut es uns, wenn das Werk geglückt ist, was nicht zuletzt auch Sie als Leserinnen und Leser entscheiden!

Um ein derartiges Projekt zu realisieren, braucht es außerdem vor allem eines: Eine große Liebe zur Wahrheit, da ohne Wahrheit die Liebe keine Existenzgrundlage haben kann. Die Grundlage der Wahrheit aber sind die Fakten und die Sorge, diese nicht zu manipulieren oder zu korrumpieren. Eine objektive Darstellung zu finden, sollte das Ethos und die Ehre jeder Wissenschaftlerin und jedes Wissenschaftlers sein. Ich bin darum umso stolzer, dass ich mit dem Buch „Orient & Okzident“ gegen die kursierende Doppel- bis Dreifach-Moral und allgegenwärtige Geschichtsverfälschungen ein wenig Licht ins Dunkel bringen kann. Möge der Geist der Wahrheit die Wissenschaft erleuchten!

Meinen besonderen Dank spreche ich dem Herausgeberteam, Frau Barbara Haider-Wilson und Herrn Maximilian Graf, aus, die auch die redaktionelle Koordination übernommen haben. Auf die erfreuliche Zusammenarbeit blicke ich ebenso mit dem Leiter der Wissenschaftlichen Abteilung des Neue Welt Verlags, Herrn Arno Tippow, zurück. Großzügig unterstützt haben das Projekt die Türkische Kulturgemeinde in Österreich und die Yeni Vatan Gazetesi (Neue Heimat Zeitung) in Wien. Allen 24 Autorinnen und Autoren, die wir namentlich mit ihren Kurzbiographien im Anhang angeführt haben, spreche ich meine höchste Wertschätzung und Hochachtung aus und bedanke mich für die Geduld und Mühe, die sie bis zur Publikation in den letzten vier Jahren aufbringen mussten!

Ich wünsche Ihnen, geschätzte Leserinnen und Leser, eine genüssliche Lektüre und lade auch Sie zum vorurteilslosen Brückenbau zwischen den Kulturen und den Menschen ein!

Ein Traum wird Wirklichkeit… hoffentlich – inşallah!

Birol Kilic,

Verleger, Neue Welt Verlag

Wien und Istanbul, November 2016

1MATTHIAS SCHULZ, Aufbruch in die Zivilisation – Mesopotamien, Spiegel Geschichte (Hamburg 2016).

I.ORIENT UND OKZIDENT:

EIN VERHÄLTNIS IN LANGZEITPERSPEKTIVE

I.1Begegnungen und Wahrnehmungen aus fünf Jahrhunderten.

Zur neuzeitlichen Beziehungsgeschichte von Orient und Okzident

BARBARA HAIDER-WILSON UND MAXIMILIAN GRAF

Eine historische Betrachtung des Verhältnisses zwischen Okzident und Orient, zwischen den beiden konstruierten geo-kulturellen Entitäten „Europa“ und einem antithetisch gesehenen „Orient“ also,1 zeigt ein dichtes Beziehungsgeflecht, das sich seit der Antike über die Zeiten aufbaute. Eine seiner Grundlagen ist darin zu sehen, dass beide Räume nachhaltig von den monotheistischen Religionen Judentum, Christentum und Islam geprägt sind, deren gemeinsame Wurzeln im Nahen Osten liegen.2 Das Mittelalter und die von der europäischen Geschichtswissenschaft als Frühe Neuzeit bezeichneten Jahrhunderte weisen auf der Ebene des militärischen Kräftemessens – die andere Ebenen des Austausches und der komplexen kulturellen Interaktion gerade im schulisch vermittelten Geschichtskanon immer noch oft überdeckt – wirkmächtige Auseinandersetzungen auf: Bereits im 7. Jahrhundert expandierte der gerade erst entstandene Islam nach Europa.3 Die Araber, die annähernd die ganze Iberische Halbinsel eroberten, konnten sich im Süden des heutigen Spanien auch angesichts der christlichen Reconquista fast bis zum Ende des 15. Jahrhunderts halten. Die vielleicht intensivste, wenngleich vergleichsweise kurze Phase der interkulturellen und -religiösen mittelalterlichen Begegnung ist durch die Kreuzzüge (11.–13. Jahrhundert) und die Errichtung der Kreuzfahrerstaaten, darunter das Königreich Jerusalem, gekennzeichnet.4

Besonders prägend erwies sich für den Okzident die Begegnung mit dem Osmanischen Reich, für die die folgenden Daten als grobe Eckpunkte gelten: Ab dem 14. Jahrhundert eroberten die Osmanen große Teile des Balkans, 1453 die Hauptstadt des Byzantinischen Reiches Konstantinopel. 1529 und 1683 kam es zu den bekannten (erfolglosen) Belagerungen Wiens, der Hauptstadt des Heiligen Römischen Reiches. Ab dem späteren 18. Jahrhundert änderten sich die Machtverhältnisse jedoch und aus der ehemaligen „Türkengefahr“ wurde im europäischen Diskurs des 19. Jahrhunderts mit dem „kranken Mann am Bosporus“ ein Spielfeld europäischer Interessen. Das 19. Jahrhundert – eine „verwandelte Welt“,5 in der sich die Beziehungen zwischen Orient und Okzident merklich verdichteten – ist hier in der Tat als „langes“ zu verstehen, denn gerade die Entwicklungen nach dem Ersten Weltkrieg (Zerfall der Kontinentalimperien, Neugestaltung des Nahen Ostens etc.) wurden zu Weichenstellungen für die weiteren Entwicklungen. Das 20. Jahrhundert brachte nicht nur Massenmigrationen, sondern auch einen – Orient wie Okzident, Ost wie West verkürzenden – angeblichen clash of civilizations zwischen Christen und Muslimen. Ein solcher wurde wiederholt mit der Intention herbeigeredet, Trennlinien zu schaffen, und nicht um diese einschließlich der ihnen zugrundeliegenden historischen Fakten zu beschreiben: „Islamic and Christian religions drew on common cultural materials, and both were shaped at the intersection of the Mediterranean Sea and its adjacent landmasses, extending into Europe, Africa, and southwest Asia. The clashes were real enough, but they had more to do with similarity than difference, with overlapping ideas, resources, and territorial ambitions.“6 Wer weiß heute noch, so ist an dieser Stelle mit JANE BURBANK und FREDERICK COOPER zu fragen, dass es einst einen mit einer Tochter des byzantinischen Kaisers und einer Tochter eines serbischen Fürsten verheirateten Sultan gab (Bayezid I., 1389–1402), der seine Söhne Jesus, Moses, Solomon und Muhammad nannte?7

Für die neuzeitlichen Jahrhunderte erweisen sich das späte 18. und vor allem das 19. Jahrhundert als weichenstellende Scharniere für die Beziehungsgeschichte von Orient und Okzident, wie JÜRGEN OSTERHAMMEL in seiner „Entzauberung Asiens“ dargestellt hat. Demnach hatte Europa im 18. Jahrhundert zwei Zugänge zum Orient: Einerseits phantasierte es diesen als märchenhafte Gegenwelt, andererseits erforschte es ihn mit den Instrumentarien der neuen Erfahrungswissenschaften. Das Staunen des 17. Jahrhunderts vor Glanz und Reichtum asiatischer Höfe und Städte war bereits einer skeptischeren Sicht gewichen und der Bann der alten Mutterkultur gebrochen; die vulgäre Überlegenheitsgewissheit des 19. Jahrhunderts aber lag noch in der Ferne: „Kaum jemand vor etwa 1790 sah einen schroffen Gegensatz zwischen den kulturellen Makrosphären ‚Orient‘ und ‚Okzident‘, noch weniger eine sich ausschließende Unvereinbarkeit oder gar einen Zusammenprall der Kulturen.“8

Am Beispiel des südöstlichen Europa kann aufgezeigt werden, wie die Muslime die dortige christliche Bevölkerung auf verschiedenen Ebenen, besonders auf jener des Alltagslebens, beeinflusst haben. Einschlägige Übernahmen erfolgten nicht unter Zwang, sondern waren – wie KARL KASER betont – Ergebnisse interkultureller Kommunikation. Autoren aus dem südöstlichen Europa betonen in dieser Hinsicht gewisse Haltungen, die Institution des Kaffeehauses und die türkische Küche, türkische Hinterlassenschaften in den Sprachen, musikalische Übernahmen sowie türkische bzw. nahöstliche Einflüsse auf die Volksmärchen und schließlich die Übernahme osmanischer Elemente in der Kleidung.9 Im vorliegenden Band zeigt TATJANA MARKOVIĆ die musikalischen Übernahmen im Bereich der südosteuropäischen Oper anhand von fünf Beispielen auf, wobei neben der Musik auch die Libretti sowie die Szenerie und Kostüme untersucht werden. Zum Vorschein kommen ein „Wir“ und ein „Sie“, die sich von den Bildern des westlichen Orientalismus grundlegend unterscheiden und die besondere Stellung des Balkans im Rahmen unserer Fragestellung einmal mehr unterstreichen.10

Bestandsaufnahme: Geschichtsschreibung zwischen Orient und Okzident

Kontaktgeschichte, Beziehungsgeschichte, Verflechtungsgeschichte, früher schon Perzeptionsgeschichte – in der Geschichtsschreibung boomen Konzepte, die aus verschiedenen Perspektiven und mit unterschiedlichen Schwerpunktsetzungen versuchen, historiographisch lange Zeit abgegrenzt voneinander betrachtete Räume in ihren wechselseitigen Zusammenhängen darzustellen. So nimmt etwa die von SHALINI RANDERIA entwickelte Perspektive auf „verflochtene, geteilte Geschichten“ die wechselseitigen Wahrnehmungen, Erfahrungen, Diskurse und Handlungen von Akteuren in den Blick,11 während MICHAEL WERNER zusammen mit BÉNÉDICTE ZIMMERMANN den Interaktionen betonenden Zugang einer Histoire croisée vorgestellt hat.12 Gerade mit Blick auf die deutschsprachige Historiographie ist zu beobachten, dass die Begegnungen zwischen Orient und Okzident – beides weit über Raumkategorien hinausgehende Begriffe – lange Zeit vor allem an den kriegerischen Auseinandersetzungen festgemacht wurden. Diese Darstellung erfuhr in den letzten Jahren eine beachtliche Erweiterung, hat die historische Begegnung von Orient und Okzident doch viele Gesichter: Im Fokus der Betrachtung stehen nunmehr der transkulturelle Austausch, wirtschaftliche Kontakte, Kommunikationsnetze etc., kurz Interaktionen und Momente der Koexistenz. Dahinter steht letztlich das Wissen darum, dass keine Kultur für sich steht, dass alle Kulturen hybride Ausbildungen sind. MICHAEL BORGOLTE bezeichnete die Einsicht, „dass Kulturen einem ständigen Wandel unterliegen und die Beobachtung ihrer Wechselbeziehungen mit anderen dies auch zutage fördere“, als die wichtigste Erkenntnis der neueren Forschung.13

Die Fragen, auf die dieser Band Antworten geben will, lauten demnach: Wie wirkten sich Wahrnehmungen, Perzeptionen, Bilder auf die Begegnungen zwischen Orient und Okzident bis heute aus? Wie und wo fanden diese Begegnungen statt? Wer waren im Lauf der Jahrhunderte ihre Träger und Akteure? – Den Fallstudien ist vorauszuschicken, dass das Entwerfen von Bildern über den jeweils „Anderen“, über den „Fremden“, das Transportieren von Vorurteilen und Stereotypen genauso wie das Schaffen von „Wir“-Identitäten eine menschlich-anthropologische Konstante darstellt und keine Eingrenzung auf bestimmte Gegensatzpaare, wie eben „Orient“ und „Okzident“, kennt. Hingewiesen sei etwa auf die bekannte, im frühen 18. Jahrhundert entstandene „Steirische Völkertafel“, die dem Betrachter eine von Stereotypen geprägte „Kurze Beschreibung der In Europa Befintlichen Völckern Und Ihren Aigenschaften“ bietet.14 Aus linguistischer Perspektive liefert HUBERT BERGMANN einen transdisziplinären Beitrag, indem er das Deutsche und andere europäische Sprachen auf die um den Stamm türk-gruppierte Wortfamilie hin untersucht – auch Sprache spiegelt, häufig unreflektiert, Ausformungen historischer Gedächtnisse wider. Nicht jedes Wort kann einem eindeutigen Benennungshintergrund zugeordnet werden; dennoch werden historische Kulturkontakte genauso sichtbar wie es nicht verwundert, dass sich in diesem Zusammenhang so manche für die Stereotypenforschung relevante Aussage treffen lässt.15

Wie die Machtverhältnisse so änderten sich die Bilder, die die westliche, sich bald als „zivilisiert“ verstehende Welt vom Osmanischen Reich entwarf, seit dem Ende des 18. Jahrhunderts markant: Der einstige „Schrecken der Welt“ mutierte zum „kranken Mann am Bosporus“.16 Ist die „Macht der Bilder“17 unbestritten, so ist darüber hinausgehend die Mahnung ROBERT FRANKS ernst zu nehmen, wonach das Schreiben der Geschichte der „Bildwelten“ den mentalitätsgeschichtlich arbeitenden Historiker nicht „vom Weg der Geschichte der ‚Realitäten‘“ abbringen dürfe. Es sei daher „wichtig für ihn, über den kulturellen Ansatz vorzugehen und die konkreten Praktiken, die Verhaltensweisen und die Kulturen als System transnationaler Vermittlungen zwischen den Bildwelten und der Politik zu studieren“.18 Untersucht werden muss auch das, was war – und damit letztlich auch die Abweichungen, die zwischen Perzeptionen und Realitäten immer wieder aufgezeigt werden können. So ist etwa für die Zeit vor dem, im späten 18. Jahrhundert einsetzenden diskursiven Umbruch im Verhältnis von Europa und den asiatischen Reichen festzuhalten, dass dem „Gleichgewicht der Machtverhältnisse und der Gegenseitigkeit der Wirtschaftsbeziehungen […] keine Symmetrie der Wahrnehmungen“ entsprach – die Europäer reisten nach Asien und schufen eine umfangreiche Reiseliteratur, während das Interesse von Asiaten an Europa geringer war.19

Der im 18. Jahrhundert seinen Ausgang nehmende fundamentale Bruch im euro-asiatischen Verhältnis20 war verbunden mit dem Verlust von Wissen über „die Anderen“ und der Verdunkelung früher bestehender Kenntnisse.21 OSTERHAMMEL formuliert: „Mit der Professionalisierung der Asienkenntnisse als Fachwissen verbindet sich ihre Marginalisierung als Bildungswissen. Damit geht ein Prestigeverlust Asiens im europäischen Bewußtsein einher.“ Um 1830 war dieser Prozess abgeschlossen.22 Die Entwicklung hin zur Professionalisierung von Gelehrsamkeit23 steht im Hintergrund von SIBYLLE WENTKERS Beitrag. Sie unterstreicht die Bedeutung der Träger der Beziehungen zwischen Okzident und Orient, indem sie sogenannten „Experten-Orientalisten“, Absolventen der 1754 in Wien gegründeten Orientalischen Akademie, mit Blick auf ihre diplomatische wie ihre bedeutende Forschungstätigkeit ins Zentrum der Ausführungen stellt. Darüber hinaus wird auch die Bedeutung, die Wissenschafter-Netzwerken eigen ist, anhand dieses einflussreichen Exempels aufgezeigt.

Ungeachtet aller wissenschaftlichen Beschäftigung gilt, dass es sich bei der als Gegensatzpaar verstandenen Rede vom „Orient“ und „Okzident“ bzw. von „Ost“ und „West“ um eines der Weltbilder handelt, die seit langem schon mentale Karten bestimmen. Von ALEIDA ASSMANN stammen die bedenkenswerten Sätze: „Ein Weltbild ist ein Bild, das man nicht sehen kann, weil man mit ihm sieht. Erst wenn wir aus seinem Bann herausgetreten sind, können wir seine Konturen erkennen und analysieren.“24 Auf die Frage freilich, warum sich gerade das hier in Rede stehende in seinen historischen Abwandlungen als derart beharrlich erwies, ist eine analytisch tiefe, erschöpfende Antwort wohl noch nicht gegeben worden – auch wenn es sich um ein immer wieder aufgegriffenes und in Teilaspekten untersuchtes Thema handelt. Allerdings liegt die Vermutung nahe, dass dieses Phänomen mit einem speziellen, mehrschichtigen Naheverhältnis zu tun hat, auch wenn aus dem 19. Jahrhundert Entgegengesetztes nachklingt: So wurde das Osmanische Reich als „diese eigentümliche, von der europäischen christlichen Welt so verschiedene Sphäre“25 gesehen. Schon geographisch aber ist eine verbindende Besonderheit in den Beziehungen zwischen europäischem und asiatischem Kontinent vorgegeben, die zuletzt wieder ihre historiographische Berücksichtigung fand: „Die Einsicht, daß Europa sich nicht autark, sondern in ständiger Wechselwirkung mit Asien entwickelt habe, trat erst im 19. Jahrhundert zeitweise in den Hintergrund – und wird in der Gegenwart von Historikern neu entdeckt.“26 Vor allem infolge der breit rezipierten, in den letzten Jahren im angloamerikanischen Raum erschienenen globalgeschichtlichen Darstellungen wird den eurasischen Großregionen heute wieder starke Aufmerksamkeit geschenkt.27

Dieses Naheverhältnis ist (wie oben bereits kurz angesprochen) auch, aber nicht ausschließlich in der – durch Politik und Propaganda instrumentalisierbaren – religiösen Dimension zu suchen. Mit Ulf Brunnbauer kann nicht bestritten werden, dass „religiös motivierte Solidaritäten“ eine Rolle spielen. Auch die „Möglichkeit, religiöse Differenzen zu politisieren, spricht […] für die fortdauernde Bedeutung religiöser Identität, die in Krisenzeiten an Bedeutung gewinnen kann.“28 Ganz abgesehen davon, dass der Raum des Orients in der neuzeitlichen europäischen Wahrnehmung auch nichtislamische Länder umfasste,29 ist das Verhältnis von Orient und Okzident insgesamt ein weites Feld und kann nicht allein auf dasjenige von Christentum und Islam reduziert werden. Wenn interreligiöse Konfliktlinien aufgezeigt werden, so ist darauf hinzuweisen, dass ebenso nachhaltige intrakonfessionelle Konfliktlinien bestanden: innerhalb der Christenheit etwa zwischen Katholizismus und Protestantismus oder Orthodoxie.30 Am Schauplatz Jerusalem – im 19. Jahrhundert ein konfliktträchtiger Tummelplatz von Konfessionen und Nationen – manifestiert sich, dass die Europäer die Präsenz und das Eingreifen der muslimischen Wachen an Orten wie der Grabeskirche begrüßten, wo vor allem die beständigen Auseinandersetzungen zwischen Katholiken und Orthodoxen immer wieder auch handgreifliche Dimensionen annahmen.31 Schon das Schisma von 1054 zwischen den orthodoxen Kirchen und der römisch-katholischen Kirche, seit dem die Bezeichnungen „Oriens“ und „Occidens“ nicht mehr als neutral gelten können,32 war nach dem Byzantinisten JOHANNES KODER auf dem religiösen Sektor Ausdruck „eine[r] formal und inhaltlich deutlicher gewordene[n] Entfremdung als zuvor, und die Kreuzzüge zeigen, neben zahlreichen anderen Facetten, eine zwischen Ost und West unterschiedliche Gestaltung der Beziehung zu den Muslimen“.33

Beschäftigt man sich mit Fragen des Verhältnisses von Orient und Okzident, so stellen sich unmittelbar Fragen nach der Konstituierung „Europas“ und seiner Geschichte. Bis heute sieht sich eine europäische Geschichtsschreibung vor nicht gelöste Probleme gestellt, wie schon GERALD STOURZH einmal in einem schmalen Tagungsband überzeugend dargestellt hat. Denn wo eigentlich liegt Europa? Europa, so STOURZH in seinen grundlegenden einleitenden Überlegungen, „ist nicht (allein) der Westen. Der Westen geht über Europa hinaus. Aber: Europa geht auch über den Westen hinaus.“34 Dieser europäische Osten wurde einst ebenfalls als (europäischer) Orient verstanden, wie das Beispiel der osmanisch-habsburgischen Kontaktzone Balkan zeigt. Somit ist eigentlich von multiplen orientalisierten Räumen bzw. Orientalismen auszugehen.35 Maurus Reinkowski kommentierte dementsprechend, dass der Orient dort beginnt, „wo man ihn beginnen lassen will […]. Jedenfalls ist Orient immer ein erhebliches Stück von dem Ort entfernt, wo man seine eigene Heimat sieht.“36

Ungeachtet aller offenen Fragen aber ist das europäische Selbstverständnis „eine der wichtigen transnationalen Identitäten der Welt“; bis zum späten 19. Jahrhundert war das okzidentale Selbstverständnis dabei weitgehend identisch mit dem europäischen.37 Auch der lange Zeitraum, in dem sich inter- und transkulturelle Kommunikationsprozesse abspielten, ist mithin ins Kalkül zu ziehen. Wenn es um transkulturelle Vernetzungen in der Folge von Kommunikation über große Entfernungen geht, wird von globalgeschichtlich arbeitenden Mediävisten darauf hingewiesen, dass selbst das Mittelmeer seine zentrale Position aus der Antike im Mittelalter nicht bewahren konnte. In einer Zeit vorwiegend ostwestlich gerichteter Austauschbeziehungen, so BORGOLTE, lag das Scharnier, wo die drei Kontinente Europa, Asien und Afrika aufeinanderstießen, am Schwarzen Meer und in der Levante.38 Der Gegensatz von Okzident und Orient, von Abendland und Morgenland geht aber noch weiter, nämlich auf antike Kosmologien und die Erfahrungen der Perserkriege zurück. Demgegenüber entstand die Kategorie des „Westens“ erst viel später aus der Idee eines transatlantischen Zivilisationsmodells. „Westen“ und „Europa“ bleiben oftmals verschwommene Kategorien, wobei die Idee des „Westens“ von Anfang an noch weniger territorial gebunden war als die des „Orients“. Im mit Blick auf die Thematik des vorliegenden Bandes einen Höhepunkt darstellenden 19. Jahrhundert war viel häufiger von der „zivilisierten Welt“ als vom „Westen“ die Rede. OSTERHAMMEL unterstreicht daher, dass beide Begriffe weniger Raumkategorien als „Messpunkte internationaler Hierarchisierung“ darstellten. Auch die Kategorie „Europa“ war im 19. Jahrhundert „weniger randscharf, als man von heute aus vermuten möchte“.39 In den Jahrzehnten um 1800 veränderte sich die mentale Weltkarte – damals formierte sich ein Europabewusstsein, wie es uns heute bekannt ist, „und es war ebensosehr ein Bewußtsein von Europas Stellung unter den Kontinenten und Zivilisationen wie eines von identitätsverbürgenden Gemeinsamkeiten unter den nachmittelalterlichen Nationen des Okzidents. Abgrenzung und Selbstdefinition gingen Hand in Hand. Europa entwarf sich selbst auf der Projektionsfläche des Nicht-Europäischen.“40

Ein weiterer spezieller Punkt in der Beziehungsgeschichte von Orient und Okzident ist in der Exotisierung des Orients zu sehen. Schließlich ist „das Fremde“ insgesamt ambivalent, „es muss nicht bloß abstoßend, es kann auch anziehend und faszinierend wirken. Es ist die eigene Kultur, in der die Wahrnehmung des Fremden und das eigene Fremdheitsgefühl wurzeln.“41 Im Rahmen des Orients als „European invention“ schließlich wurden die Kulturen des islamischen Orients als „das Andere“ gesehen, was zugleich eine Verdrängung der eigenen „orientalischen“ Anteile durch die Europäer bedeutete. Gerade durch den Aspekt des Faszinosums „hat der Orient seit der griechischen Antike, die das Bewusstsein dessen geprägt hat, was Europa und die westliche Welt heute allgemein sind, eine zentrale Funktion in der europäischen Wahrnehmung der Welt“.42 Die auf der Faszination des als exotisch Angesehenen und damit auf Exotisierungsprozessen beruhende Orientschwärmerei des 19. Jahrhunderts sieht OSTERHAMMEL im Kontext mit dem sich damals herausbildenden europäischen Überlegenheitsgefühl: „Zwanghafte Herablassung als Dauerhaltung duldet allenfalls ihr krasses Gegenteil: exaltierte Orientschwärmerei.“43

Als wichtiges Transportmittel der von Orientbegeisterung bis Orientschwärmerei reichenden Strömungen bot sich nachgerade die Kunst an,44 wobei sich auch hier – angesichts der Ausweitung der Reisemöglichkeiten – die Frage nach dem „Orient“ als Problem der Terminologie stellt; für die österreichischen Orientmaler begann der Orient jedenfalls, wie ERNST CZERNYS Beitrag zu diesem Band zu entnehmen ist, schon in der ungarischen Puszta. Der berühmteste österreichische Orientmaler Leopold Carl Müller (1834–1892) aber hielt sich neunmal im Land der Pharaonen auf; anhand der Ägyptomanie-Welle, die von der napoleonischen Expedition nach Ägypten (1798–1801) in Europa ausgelöst wurde, lässt sich die enge Verbindung von kulturgeschichtlichen Entwicklungen und politischen Geschehnissen exemplarisch aufzeigen.45 Im Anschluss an CZERNYS Überlegungen zur österreichischen Orientmalerei beleuchtet CHRISTINE GRUBER das Leben des lange vergessenen Orient- und englischen Hofmalers Rudolf Leopold Swoboda (1859–1914) zwischen Orient und Okzident im Kontext seiner Künstlerfamilie.

Die Beziehungen zwischen Orient und Okzident bleiben ein wichtiges Thema unserer Zeit. Vergegenwärtigt man sich die medial in der Aufmerksamkeit stehenden, damit zusammenhängenden Fragen der letzten Jahre, so erscheinen das Einbringen einer geschärften historischen Analyse und damit eine Historisierung der Diskussionen als unabdingbar. Wenn der vorliegende Band 23 Artikel vorlegt, die sich nicht nur über einen Zeitraum von fünf Jahrhunderten historischer Begegnungen und Wahrnehmungen erstrecken, sondern auch von einer Vielzahl möglicher Ansatzpunkte ausgehen, so illustriert dies das breite Spektrum eines Themenfeldes mit mannigfaltigen Facetten. Es ist demnach auch ein Anliegen dieses Buches, – wie in einem anderen Zusammenhang einmal formuliert wurde –,46 dazu beizutragen, seit langem fest gefügte Grenzziehungen aufzubrechen und vermeintlich selbstverständliche Vorannahmen zu hinterfragen und damit zu relativieren.

Ausweitungen: Orient und Okzident – ein gespiegeltes Verhältnis

An den Beginn dieses Abschnitts seien Ausführungen ULF BRUNNBAUERS zu kollektiven Identitäten gestellt: Identitäten sind demnach „weder naturgegeben noch einfach nur aufgezwungen, sondern das Ergebnis sowohl von Sozialisierungs- als auch Aushandlungsprozessen, wobei es zwischen den Beteiligten an diesen Prozessen große Machtunterschiede geben kann. Nicht jeder hat daher das gleiche Niveau an Definitionsmacht über seine Identität(en).“47 Der Orient-Begriff ist unter geographischen Gesichtspunkten allein nicht eindeutig festzumachen; die Orient-Begriffe erscheinen über die Zeitläufe als diffus. Gerade die Tatsache aber, „dass der Orient kaum fassbar ist und nahezu überall vermutet werden kann, macht ihn mächtig und wirkungsvoll“.48

Bereits für die mittelalterlichen Verhältnisse erweisen sich Versuche, die auf eine streng geographische Definition des Begriffs „Orient“ abzielen, als ungeeignet. Denn das, was der üblicherweise vorherrschenden Vorstellung vom „Orient“ entspricht, findet sich – wie einleitend erwähnt – zu dieser Zeit nicht allein im Osten, sondern reicht bis in den äußersten Westen des Mittelmeerraums: Die Muslime beherrschten weite Teile der Iberischen Halbinsel sowie den Süden Italiens und waren durch Religion, Ethnie, Sprache und Kultur mit dem Norden Afrikas und dem Nahen Osten verbunden. Unabhängig davon also, welches Kriterium man für eine Grenzziehung zwischen „Europa“ und dem „Orient“ zugrunde legt, bleibt die Feststellung, dass beide Räume über jenen Zeitraum von beinahe einem Jahrtausend niemals statische Gebilde waren.49

Generell ist festzuhalten, dass es sich bei der Bezeichnung „Orient“ ebenso wie bei den Termini „Naher/Mittlerer/Ferner Osten“ um „willkürliche und aus den je besonderen europäischen Ordnungs- und Abgrenzungsbedürfnissen herleitbare Fremdzuschreibungen“ handelt.50 In den Worten derer, „who felt that their Latin Christian religio-culture, their feudal states, their whole self-styled superiority was threatened by the Muslim Eastern Mediterranean model of sociopolitical organization of interfaith societies“, wurde die Region von einem monolithischen Despoten regiert: „dem Türken“.51 In den Publikationen des späten 19. Jahrhunderts wurden die Begriffe „Türken“, „Muslime“, „Mohamedaner“, „Osmane“ und „Orientale“ demnach nahezu austauschbar verwendet.52

Schon eine erste geographische Annäherung und grobe Verortung des Orients aber weist auf eine enorme Diversität hin: Zunächst wurden jene Regionen als Orient aufgefasst, die östlich des Machtbereiches der antiken Kulturen lagen, also Kleinasien (heute die Türkei) und die Levante (heute Syrien, Libanon, Israel bzw. Palästina) sowie die dahinter liegenden Regionen bis hin nach Indien. Erst mit dem Zeitalter der Entdeckungen erweiterte sich die europäische Perspektive bis nach Südostasien, China und Japan.53 Diese Vielfalt floss in europäische Begriffsentwürfe wie etwa „Asien“ ein: „In keiner Kultur zwischen Bosporus und Japanischem Meer findet sich in der Zeit vor der Aufnahme europäischer Ideen, also vor der Mitte des 19. Jahrhunderts, die Vorstellung von einer zivilisatorischen Supereinheit, die sämtliche Hochreligionen […] sowie Völker von unterschiedlichster anthropologischer Beschaffenheit umfaßt.“54

Im 19. Jahrhundert – das aufgrund der sich unter veränderten Vorzeichen intensivierenden Kontakte viele der hier versammelten Studien verbindet – verstand man unter dem Begriff „Orient“ in erster Linie alle islamischen Länder im südlichen und östlichen Mittelmeer: den Maghreb im Westen, die Levante im Osten mit Ägypten, Palästina und Syrien, dann Griechenland, die Balkanländer und die Krim; weiters die Türkei, die arabische Halbinsel, Mesopotamien und Persien, sogar das einst maurische Spanien – somit die gesamte türkische, arabische und persische Sphäre. Dieser islamische Orient unterschied sich zwar geographisch nicht allzu sehr vom mythischen „Morgenland“ der vorhergehenden Jahrhunderte, „war aber verstärkt als Ort realer Geschehnisse und Gegebenheiten ins europäische Bewußtsein gerückt“. Dafür war nach MARTINA HAJA verantwortlich, dass der Orient in verschiedener Hinsicht wahrgenommen wurde: zunächst als Raum militärischer Auseinandersetzungen und politischer Interventionen sowie als wichtiger Bereich okzidentaler Wirtschaftsaktivitäten. Wie der Orient beispielsweise im Kontext des (1859 begonnenen) Baus des Suezkanals zum Spielball europäischer Interessen wurde, zeigt der Beitrag von STEFAN MALFÈR auf, der im Besonderen auch die österreichischen Positionen ausleuchtet. Ursprünglich war die Initiative zum Bau des unter Teilnahme von Kaiser Franz Joseph 1869 eröffneten Kanals, der die Verbindung zwischen Mittelmeer und Rotem Meer ermöglichte, vom ägyptischen Vizekönig Muhammad Said ausgegangen. Neben diesen politisch-wirtschaftlichen Implikationen stellte der Orient im 19. Jahrhundert aber auch, so HAJA weiter, das „Herzstück eines Kommunikationsnetzes aus Bahn-, Schiffahrts- und Telegrafenlinien, aus Konsulaten, Postämtern, Handelsstationen und Hotels zwischen Europa und den außereuropäischen Interessensgebieten und Kolonien“ dar. In enger Verbindung mit der touristischen Erschließung kam dazu „die Entdeckung und Aneignung des Orients als Kunst- und Sehnsuchtslandschaft, ja als ‚Gegenwelt‘ zur abendländischen Zivilisation. Den Zwängen des anbrechenden industriellen und bürgerlichen Zeitalters zu entkommen und in einer anderen, scheinbar davon unkorrumpierten Kultur Ursprünglichkeit, Schönheit und Freiheit wiederzufinden, das war der Grundgedanke der Orientsehnsucht.“55 Diese repräsentierte somit auch eine Facette des „Aufstieg[s] und Triumph[s] eines europäischen Sonderbewußtseins, das die für die Aufklärung selbstverständliche Solidarität der eurasischen Zivilisationen aufkündigte“.56

Denn im späten 18. Jahrhundert hatte sich das Verhältnis von Orient und Okzident zu verändern begonnen. Es war „keine rein intellektuell erklärbare Veränderung. Nach der Mitte des 18. Jahrhunderts verschoben sich allmählich die machtpolitischen und wirtschaftlichen Gewichte innerhalb Eurasiens zugunsten des westlichen Endes des Kontinents.“57 Wiederholt wurde bereits angedeutet, dass die Bezeichnung „Orient“ keine neutrale, sondern – wie ULRICH MARZOLPH formuliert – eine ideologische ist: „Zunächst beruht sie auf einer bestimmten Position, nämlich jener der ‚eigenen‘ westlichen Welt […]. Darüber hinaus bezeichnet „Orient“ eben nicht auf neutrale Weise das geographisch Andere, sondern ist verbunden mit dem Phänomen des Orientalismus. Der Orient wird demnach „pauschal wahrgenommen und gegen die als höherwertig eingeschätzten eigenen Kulturen taxiert“. Umfasst der Terminus Orient Kulturen so unterschiedlichen Charakters wie etwa jene Ägyptens, Israels, Mesopotamiens, Indiens oder Chinas, so setzt er gleichzeitig „undifferenziert die völlig unterschiedlichen ethnischen, linguistischen und kulturellen Einheiten der Araber, Perser, Thailänder, Koreaner u. a. als ‚Orientalen‘ nebeneinander. Damit negiert und verwässert er authochthon berechtigte und historisch gewachsene Eigenheiten der betroffenen Kulturbereiche und dient in seiner Pauschalität letztlich zu wenig mehr als der Bestätigung der eigenen Identität durch Abgrenzung und Ausgrenzung des Anderen.“58

OHANNEISSOHANNESEICHTINGER