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Als Ravensburger E-Book erschienen 2017

Die Print-Ausgabe erscheint in der Ravensburger Verlag GmbH

© 2017 Ravensburger Verlag GmbH

Umschlag- und Innenillustrationen: Carola Sieverding
Logogestaltung: Carola Sieverding
Lektorat: Jo Anne Brügmann

Alle Rechte dieses E-Books vorbehalten durch Ravensburger Verlag GmbH, Postfach 2460, D-88194 Ravensburg.

ISBN 978-3-473-47799-9

www.ravensburger.de

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Leni wachte auf, weil ihr Fuß kitzelte. Sie wackelte mit den Zehen, aber das Kitzeln hörte einfach nicht auf. Jetzt hielt ihr auch noch irgendjemand die Nase zu. So eine Unverschämtheit! Leni schlug wild um sich und schnappte nach Luft.

„Leni, du Döspaddel, jetzt wach doch endlich auf.“ Ein nasser Lappen landete in ihrem Gesicht. Gleich darauf hatte sie das Gefühl, unter der Dusche zu stehen.

„Heeeeh!“ Leni fuhr wütend hoch und riss die Augen auf. „Was soll der Quatsch?“

Ihre Brüder Benni und Toni knieten auf ihrem Bett und bearbeiteten sie mit einer Blumenspritze.

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„Mann, Leni“, meckerte Benni. „Hältst du Winterschlaf?“

„Warum weckt ihr mich mitten in der Nacht?“, fauchte Leni. Sie schaute auf ihren Wecker. „Seid ihr irre? Es ist vier Uhr!“ Sie machte ein böses Gesicht.

„Schon vergessen, dass wir das gestern ausgemacht haben?“, antwortete Benni. „Mama hat doch heute Geburtstag. Wir wollen ihr einen Kuchen backen, und du weißt, wie das geht.“

Leni verzog ihren Mund zu einem Flunsch. „Stimmt ja“, gab sie zu. „Aber konntet ihr mich nicht normal wecken?“ Sie schwang ihre Beine aus dem Bett und schlüpfte in ihre Pantoffeln.

Toni verdrehte die Augen. „Was bitte ist normal bei dir?“

„Na, nett eben.“ Sie schob ihn zur Seite und zog ihren Pullover über das Schlafanzugoberteil.

„Hab ich ja versucht“, verteidigte sich Benni. „Ich hab deinen Zeh gekitzelt. Aber da hast du mir nur mit deinen Stinkequanten gegen das Kinn getreten und dich auf die andere Seite gewälzt.“

Leni schüttelte den Kopf. „Du fantasierst mal wieder.“ Sie öffnete ihren Schulrucksack und wühlte darin herum. Schließlich zog sie ihr Matheheft heraus und schlug es auf.

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„Was machst du da?“, fragte Toni ungeduldig. „Du sollst keine Matheaufgaben lösen, sondern mit uns backen.“

Leni runzelte die Stirn. „Was habe ich wohl vor? Hier ist das Rezept, das mir Paula aufgeschrieben hat: Vier Kartoffeln und zwei Möhren in Stücke schneiden und weich kochen, 150 Gramm Vollkornmehl, eine Handvoll Haferflocken, vier Esslöffel Olivenöl, ein halbes Päckchen Backpulver … Auf ein Backblech streichen. Eine Stunde in den Backofen. Ja. Das ist es.“

Toni riss ihr das Heft aus der Hand. „Okay. Dann lass uns loslegen, bevor Mama aufwacht.“

Sie schlichen sich die Treppe hinunter in die Küche. Vor der Küche im Flur schlief die Golden Retriever Hündin Lotta in ihrem Körbchen und träumte offenbar von einem großen, leckeren Knochen. Oder warum brummte und kaute sie sonst so im Schlaf?

Die Geschwister holten die Zutaten aus dem Küchenschrank und bauten sie auf dem Tisch auf.

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„Kommen gar keine Eier dazu und Butter und Zucker?“, fragte Benni.

Leni schüttelte den Kopf. „Hier steht Olivenöl. Mit Öl kann man auch backen, Pizzateig zum Beispiel. Und im Pizzateig ist auch kein Ei.“

Toni gab seiner Schwester recht. „Und in Kartoffeln ist Stärke drin, das ist auch eine Art Zucker und Möhren schmecken sowieso süß. Hatten wir doch gerade im Unterricht. Also mecker nicht rum, sondern schneide das Gemüse klein. Um halb sieben muss der Kuchen auf dem gedeckten Tisch stehen.“

Leni war meistens nicht einer Meinung mit ihrem Bruder Toni. Aber dieses Mal nickte sie zustimmend. Sie klappte die Küchenwaage auf, die an der Wand befestigt war, wog gewissenhaft das Mehl ab und mischte Backpulver darunter.

„Wie groß soll denn die Handvoll Haferflocken sein? Kinderhand oder Erwachsenenhand“, fragte sie zweifelnd.

„Jungshand“, entschied Toni und kippte die Haferflocken zum Mehl dazu.

Inzwischen köchelte das klein geschnittene Gemüse auf dem Herd. „Bei Karottenkuchen wird das Gemüse aber nicht gekocht, sondern geraspelt“, nörgelte Benni. Er schien immer noch nicht so ganz mit dem Rezept einverstanden zu sein. „Was passiert denn damit, wenn es weich gekocht ist?“

Leni schaute in ihr Heft. „Abseihen und unter die anderen Zutaten mischen“, las sie vor. „Alles zusammen zu einem zähen Brei stampfen.“

Benni testete ein Möhrenstück mit der Gabel. „Ist durch“, verkündete er. Vorsichtig, damit er sich nicht verbrühte, goss er den Topfinhalt in ein Sieb in der Spüle.

„Ich will stampfen“, sagte Toni und schwenkte den Kartoffelstampfer durch die Luft.

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„Wir haben das Öl vergessen!“, rief Leni und fügte schnell noch die vier Esslöffel hinzu.

„Ist das eine Matschepampe“, sagte Toni begeistert. „Leni schmeckt ab.“

Leni probierte mit einem Teelöffel den Teig und verzog das Gesicht. „Wuahh, das Zeug klebt voll an den Zähnen. Na, wird ja noch gebacken.“ Sie trank schnell einen Schluck Wasser.

Benni hatte den Backofen bereits vorgeheizt.

„Wir legen das Blech mit Backpapier aus“, schlug Leni vor. „Sonst pappt der Kuchen fest und wir kriegen ihn nicht mehr ab.“

Toni stellte die Stoppuhr an seiner Armbanduhr auf eine Stunde.

„Und was machen wir solange?“, fragte Benni. „Wieder schlafen?“

Leni schüttelte den Kopf. „Wir decken den Geburtstagstisch, ist doch klar.“

Toni blies die Backen auf. „Das ist ja so gar nicht mein Ding. Ich guck Fernsehen.“

Leni war empört. „Aber das dürfen wir doch nicht!“

Toni schob seinen Bruder Richtung Wohnzimmer. „Hör auf zu meckern, Leni. Wir glotzen jetzt ’n bisschen und drehen den Ton ganz leise. Und du kümmerst dich um den Tisch. Das kannst du echt besser als wir.“

Leni seufzte. Na ja, eigentlich hatte Toni recht. Wenn sie den Tisch alleine schmückte, würde er bestimmt schöner aussehen. Sie holte die weiße Tischdecke aus der Schublade und begann, den Frühstückstisch mit dem guten Geschirr zu decken. Zum Dekorieren benutzte sie die Efeuranken und die Rosenblätter, die sie vor dem Zubettgehen auf dem Balkon versteckt hatte. Sah superschön aus.

Im Backofen begann der Kuchen zu duften. Er war inzwischen hellbraun geworden. Bestimmt schmeckte er lecker und Mama würde sich freuen. Das war das Allerwichtigste.

„Wuff! Wuff-wuff-wuff!“ Lotta kam schwanzwedelnd in die Küche und setzte sich vor den Herd.

„Hey, guten Morgen, meine Süße!“ Leni knuddelte Lotta. „Das wird ein leckerer Kuchen für Mama, die hat heute Geburtstag“, erklärte sie.

Lotta schnupperte, wuffte noch einmal und legte sich dann vor dem Herd auf den Boden, als müsste sie den Kuchen bewachen.

Leni hörte Benni und Toni im Wohnzimmer lachen. Die Jungs hatten wirklich Nerven, heimlich fernzusehen. Hoffentlich wachten ihre Eltern nicht auf! Sie rannte zum Sofa. „He, Toni, wie viele Minuten noch?“

Toni antwortete jedoch nicht, sondern hielt sich den Bauch vor Lachen.

„Toooni, ich hab dich was gefragt!“ Oh Mann, Brüder konnten so nervig sein!

Toni runzelte die Stirn und guckte auf seine Uhr. „Zehn Minuten. Aber meine Stoppuhr meldet sich. Entspann dich.“

Leni spürte, wie sie sehr wütend wurde und Lust auf Streit bekam. Das passierte manchmal mit ihr. „Immer muss ich die ganze Arbeit machen“, schrie sie und riss Toni die Fernbedienung aus der Hand.

„Was ist denn hier los?“ Plötzlich stand ihr Vater im Wohnzimmer.

Leni drückte auf den Aus-Knopf der Fernbedienung und ließ diese in die Sofaritze fallen. 
„Habt ihr euch zum Heimlich-Fernsehen verabredet?“, fragte Herr Lux.

„Guten Morgen, Papilein! Bist du schon wach?“, rief Leni. „Falsch geraten. Wir haben uns zum Heimlich-Geburtstagskuchenbacken für Mama verabredet. Gleich ist er fertig!“ Sie nahm ihn an die Hand und zog ihn in die Küche.

Lotta machte Platz, damit ihr Herrchen in den Backofen gucken konnte.

„Mmm!“, sagte Herr Lux überrascht. „Riecht lecker. Und der Tisch ist so schön geschmückt. Da wird sich Mama total freuen.“

Eine Feuerwehrsirene ertönte. Tonis Stoppuhr. Er kam in die Küche gefegt. „Kuchen ist fertig!“, brüllte er aufgeregt.

„Papa, hilfst du uns, das Backblech aus dem Ofen zu nehmen?“, bat Leni. „Und dann musst du Kaffee kochen.“

Wenig später saßen alle um den Geburtstagstisch herum. Lenis Mutter, die mit einem Geburtstagslied geweckt worden war, strahlte über das ganze Gesicht. „Ihr seid so lieb!“, rief sie immer wieder. „Total lieb! Und den Kuchen habt ihr heute Nacht ganz alleine gebacken?“

Toni nickte stolz. „Los, Mama, probier doch endlich! Kriegen wir danach auch alle ein Stück ab?“

Seine Mutter strich ihm gerührt über den Kopf. „Na klar!“

Leni hatte den Kuchen mit dem Brotmesser in Streifen geschnitten und auf einen großen Teller gelegt. „Such dir ein Stück aus, Mama“, forderte sie ihre Mutter auf.

Alle guckten gespannt zu, wie das Geburtstagskind in den Kuchen biss und kaute.

„Und?“, rief Toni.

und Toni zeigten auf Leni.

„Das Rezept ist von Paula, sie hat es mir aufgeschrieben!“, verteidigte Leni sich.

Sie rannte los, holte ihr Matheheft und gab es ihrem Vater.

„In dein Matheheft?“, fragte er ungläubig.

Leni zuckte mit den Schultern. „Doch nur auf die letzte Seite … Die brauchen wir nie.“

Herr Lux las sich das Rezept durch, blätterte die Seite um und fing an zu lachen. „Benni hat recht. Das ist ein Hundekuchenrezept. Das Rezept für einen Zitronenkuchen steht eine Seite vorher. Aber der Hundekuchen ist euch wirklich gelungen. Lotta ist total entzückt!“

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Toni schnaubte wütend. „Leni, du bist wirklich so Panne. Wie kann man denn ein Hundekuchenrezept mit einem Geburtstagskuchenrezept verwechseln?“

Leni sprang empört auf. „Dir ist doch auch nichts aufgefallen. Von einem Hundekuchenrezept wusste ich gar nichts!“

Frau Lux nahm Leni in den Arm. „Aber das ist doch nicht schlimm, mein Schatz. Ich backe für heute Nachmittag einen neuen Kuchen und Lotta darf den Hundekuchen verspeisen. Aber nicht alles auf einmal! Und jetzt müssen wir die Tafel leider aufheben – die Schule ruft!“