Für meine Mutter Dorit, der ich die ersten Geschichten erzählte.

Silas

 

 

 

Für Patrick,

mein Bruder und mein Anker,

in Bewunderung für deine Klugheit und deinen Geist,

in Liebe für deine wertvolle Aura.

Natalie

Was bisher geschah

Mehr als 300 Jahre ist es nun her, dass der damalige Chronist des Königs seinen Herrscher verriet und die Macht über das Reich Lavis übernahm. Er löschte scheinbar das gesamte Königsgeschlecht aus und versklavte die Phönixe – die magischen Vogelwesen, die dem Reich Lavis zugehörig sind. Fortan verhüllte der Chronist sein Gesicht und herrschte als der Brennende König über das Volk, und seine (angeblichen) Nachfolger taten es ihm gleich.

Der Brennende König ließ jegliches Wissen aus dem Land Lavis verbannen und trennte alle Arbeitergruppen strikt voneinander, um sein Volk unter Kontrolle zu halten. Unter unmenschlichen Bedingungen müssen die Lavianer seitdem für das Wohl des Königs schuften.

Doch der Lehrling des ehemaligen Chronisten hatte während des Umsturzes fliehen können und machte es sich zur Aufgabe, einen Widerstand zu organisieren. Er gründete einen Rebellenunterschlupf namens Favilla in den verlassenen Minen des Nordgebirges. Bei einem Revolutionsversuch vor rund 50 Jahren wurde Favilla besiegt, und nur wenige der Widerständler konnten entkommen. Sie gründeten Favilla neu, in den Katakomben unter dem Friedhof des Königreichs Lavis. Seitdem holen sich die Favillaner unbemerkt einige der Jugendlichen, die im Königreich Lavis eigentlich unter der Tarnung der mysteriösen verhüllten Männern abgeholt werden, um von den Männern des Königs in die Sklaverei verkauft zu werden. Die Jugendlichen in Favilla werden einer strengen Ausbildung unterzogen, und die besten und tugendhaftesten von ihnen werden in den geheimen Zirkel aufgenommen und somit in den Rebellenkampf eingeweiht.

Hier beginnt unsere Geschichte, und zwar an dem Tag, als der Kräutersammler Lucas und der Minenarbeiter Noel in das Internat gebracht werden. Während andere Schüler und Schülerinnen wie Sam (auf die Lucas ein Auge geworfen hat) und Estelle bereits im geheimen Zirkel von Favilla aufgenommen sind, bleibt für Lucas und Noel der Zweck der Ausbildung lange ungewiss. Das schweißt sie zusammen, und sie werden beste Freunde. Lucas entwickelt einen massiven Ehrgeiz, da er das Internat wieder verlassen und seinen Bruder Tom aus den Händen seines alkoholkranken Vaters befreien will. Schließlich gelingt ihm die Aufnahme in den ihm bis dahin unbekannten geheimen Zirkel von Favilla.

Die Nestflechterin Estelle schmiedet unterdessen ebenfalls Pläne, das Internat zu verlassen. Sie hat sich damals freiwillig von den verhüllten Männern abholen lassen, um ihren Geliebten Leo wiederzufinden. Doch dieser wurde in die Sklaverei verkauft, während sie stattdessen heimlich von den Favillanern geholt wurde. Zudem quälen Estelle seltsame Visionen von einem fremden Mann, der sich durch die Wildnis kämpft. Zum Glück freundet sie sich mehr und mehr mit ihrer Zimmergenossin Sam an, die ihr zur Seite steht. Doch Roland, der Lehrende für Gedankenunterricht, in dessen Augen es von Zeit zu Zeit violett aufleuchtet, scheint ihr immer mehr auf die Schliche zu kommen. Estelle schließt sich mit Lucas’ Erzrivalen Aron zusammen, und gemeinsam mit einigen anderen Nichtzirklern versucht sie die Flucht. Doch als Aron und seine Leute dabei zwei Wachen ermorden, bleibt Estelle geschockt zurück und muss schließlich gezwungenermaßen mit den Zirklern die Verfolgung der Flüchtenden aufnehmen. Als sie die Flüchtenden stellen, entscheidet sich Estelle gegen ihre Möglichkeit zur Flucht, um dafür das Leben ihrer Freundin Sam zu retten. Ein anderer Zirkler allerdings ist während der Verfolgungsjagd spurlos verschwunden: Lucas.

Als Ersatz für ihn wird nun Noel in den Zirkel aufgenommen. Der Internatsleiter Jon zieht ihn wegen seines unglaublichen Wissensdurstes in ein besonderes Vertrauen und hält regelmäßig Einzelsitzungen mit ihm ab. Gleichzeitig durchstreifen die Männer des Königs den Wald um den Friedhof herum, und zur Sicherheit werden die Zirkler für Nachtwachen oben auf dem Friedhof eingeteilt. Noel muss gemeinsam mit der verschlossenen Sam die Nachtwachen halten. Als die Katakomben von einem Wassereinbruch heimgesucht werden, bei dem Noel das Leben des Neulings Lennart rettet, und oben auf dem Friedhof auf mysteriöse Weise Gräber aufgebuddelt werden, erscheint Favilla von allen Seiten bedroht. Trotz der misslichen Lage kommen Noel und Sam sich immer näher und verlieben sich allmählich ineinander. Sie sind es auch, die schließlich das Rätsel um die aufgebuddelten Gräber lösen: Der Totengräber hat im Auftrag der Lehrenden Mirlinda nach dem Ring des Phönix gesucht, der auf dem Friedhof versteckt sein soll. In einem finalen Kampf stirbt der Totengräber, als er Noel und Sam hilft und seinerseits Mirlinda umbringt. Doch Noel erkennt den wahren Ring des Phönix: Der Buchstabenblock auf dem Grabstein des Gründers von Favilla ist ein Rätsel. Jon löst die Chiffre, und die Zirkler erfahren, dass entgegen der Überlieferung ein letztes Kind des alten Königsgeschlechtes gemeinsam mit einem freien Phönix überlebt hat. Den Nachfahren dieses rechtmäßigen Thronfolgers gilt es nun unter allen Umständen zu finden, um die Revolution beginnen zu können.

Zeitgleich hat Noel, wie schon Estelle vor ihm, die wahre Identität von Sam herausgefunden: Sie ist eine der Töchter des Brennenden Königs. Noel ist mehr als enttäuscht, dass sie ihm nicht die Wahrheit gesagt hat, und distanziert sich von ihr. Sam, die ihren Vater hasst und deswegen aus dem Königshaus geflohen ist, ist nun völlig isoliert. Als Favilla einen Wissenschaftler des Brennenden Königs gefangen nimmt, verrät er den Favillanern den Standort der geheimen Bibliothek, in der der Brennende König all das versteckte Wissen hortet. Noel und Sam sollen sie aufsuchen. Von den anderen unbemerkt steckt der Wissenschaftler Sam eine Drohung zu: Wenn sie ihm nicht hilft, wird er dem Internatsleiter Jon ihre wahre Identität verraten. Sie soll dem Wissenschaftler heimlich ein bestimmtes Dokument mitbringen. Als Noel und Sam die geheime Bibliothek schließlich erreicht haben und Sam das Dokument für den Wissenschaftler stiehlt, werden sie von einem Greifen überrascht. Diese Vogelwesen bewachen die Bibliothek, und Noel und Sam können dem Greifen schließlich nur entkommen, indem Sam zu ihrer Identität steht und sich dem Greifen als Königstochter stellt, die er aufgrund jener Herkunft nicht angreifen kann. Zurück in Favilla entscheidet Sam sich dagegen, dem Wissenschaftler das Dokument auszuhändigen, sondern übergibt es vor dessen Augen Jon. Bevor der Wissenschaftler Sams Identität nun preisgeben kann, kommt ein Armbrustbolzen aus dem Verborgenen geschossenen und tötet den Wissenschaftler.

Das Pergament aus der Bibliothek enthält eine entscheidende Information für Favilla: Einmal alle fünfzig Jahre zieht es den letzten freilebenden Phönix zum Tag der Feuerwende an einen rituellen Ort. Dieses Ereignis jährt sich in einigen Wochen, und ein seltenes Artefakt könnte ihnen den Weg dorthin weisen: eine Phönixträne.

Währenddessen wirft der Mord am Wissenschaftler neue Fragen auf. Schon bald folgen weitere Anschläge, und es wird klar: Eigentlich haben die Angreifer es auf den Internatsleiter Jon abgesehen. Gleichzeitig spielen Noels Gefühle verrückt. Durch die Mission zur geheimen Bibliothek sind er und Sam sich wieder nähergekommen. Doch Jon, der Sams wahre Identität schon lange kennt, verbietet Noel die Gefühlsangelegenheit mit Sam. Er eröffnet Noel, dass er ihn einmal zu seinem Nachfolger machen will, und als einer der Führer der Revolution könne er nicht mit der Tochter des Tyrannen zusammen sein. Zunächst aber wird Noel gemeinsam mit Kyara und Estelle in das Nachbarland Akila geschickt, um weitere Informationen über den möglichen Verbleib der Phönixtränen zu suchen. Doch ihren Informanten finden sie nur noch tot vor, und sie geraten in die Hände der Sklaventreiberin Addum. Durch den ebenfalls in die Gefangenschaft geratenen Adler-Begabten Daryan gelingt ihnen die Flucht. Estelle jedoch bleibt freiwillig zurück, weil sie hofft, als Sklavin ihren Geliebten Leo wiederfinden zu können.

Zurück im Internat trifft Noel eine Entscheidung und trennt sich trotz seiner tiefen Gefühle endgültig von Sam, um sie vor den radikalen Konsequenzen zu schützen, zu denen Jon in der Lage wäre. Noel bricht Sam damit das Herz.

In dem bislang heftigsten Angriff der Attentäter stirbt die Lehrende Emma, und Noel widersetzt sich heimlich den Anweisungen von Jon, sich in Ebene Drei zurückzuziehen. Er sucht den Kampf, und Noel, Kyara, Sam, Melvin und Lennart stellen die beiden Attentäter im Amphitheater des Friedhofs. Sie sind geschockt, wer sich unter den Masken versteckt: Es handelt sich um Lucas und dessen ehemaligen Erzrivalen Aron.

Lucas und Noel schließen Frieden, und Lucas erzählt seine Geschichte: Seine Flucht aus Favilla kam zu spät für seinen Bruder Tom. Dieser war von seinem Vater im Alkoholrausch erschlagen worden. Lucas verließ Lavis und traf in Akila auf eine Sklavenkolonne, in der er Aron entdeckte. Aron jedoch hatte seine komplette Identität verloren, wie Lucas herausfinden musste, und nur mit großer Mühe konnte er ihn zurückholen. Der Lehrende Roland hatte Arons Erinnerungen durch magische Hypnose überschrieben, um das Geheimnis von Favilla zu wahren. Damit diese grausame Praxis ein Ende haben und es keinen von seinen Freunden erwischen würde, beschlossen Lucas und Aron, gemeinsam den Internatsleiter zu stürzen. Während Lucas den Mord an Emma und sein zu radikales Handeln bedauert, zeigt Aron, auf dessen Kappe alle anderen Morde gehen, keine Reue. So schließt sich der »neue Zirkel« um Noel, Sam, Kyara, Lennart und Melvin hinter Jons Rücken mit Lucas zusammen. Lucas übernimmt heimlich den Posten als Totengräber von Lavis und hält Aron im Mausoleum gefangen. Das Ziel des neuen Zirkels: das Zepter des Brennenden König stehlen, in der die einzige ihnen bekannte Phönixträne eingearbeitet ist. Bei einem ersten Einbruchversuch am Königshof beobachtet Lucas, wie die Phönixe brutal ermordet werden und anschließend wiederauferstehen. Ein Teil der dabei entstehenden Asche wird ihnen geklaut, sodass die Phönixe nur noch verkümmerte Wesen sind.

Wenig später stirbt der Herrscher von Lavis angeblich, doch in seinem Sarg finden die Zirkler nur Sams Bruder. Der Brennende König scheint ein dunkles Geheimnis zu haben. Sam und Lucas, die immer mehr Gefühle füreinander entwickeln, schleichen sich schließlich zur Krönungsfeier ins Königshaus, um das Zepter nun endgültig zu stehlen. Dabei entdecken sie das Labor des Brennenden Königs, in dem er geheime Tränke aus Phönixasche braut. Sie können gerade noch ein Fläschchen davon einstecken, als sie entdeckt werden. Durch die Hilfe der Phönixpflegerin Josephine, die nicht nur eine frisch entstandene Phönixträne für die beiden hat, sondern sich auch noch für Sam und Lucas opfert, können sie knapp entkommen. Allerdings hat Lucas’ Vater, mittlerweile Mitglied der Königsgarde, Sam schwer verwundet. Sie liegt im Sterben, doch Lucas gibt ihr von dem Trank der Phönixasche. Vom einen Moment auf den nächsten ist Sam geheilt, nicht nur das, sie scheint minimal jünger geworden zu sein. Lucas und Sam kommen so auf das Geheimnis des Brennenden Königs: Durch den magischen Trank der Phönixasche kann er sich immer wieder verjüngern. Sein Tod wird jedes Mal von ihm selbst inszeniert, um die Wahrheit zu vertuschen: Der Brennende König ist noch immer der Chronist, der damals, vor über 300 Jahren, das alte Königsgeschlecht stürzte. Diese Erkenntnis ist ein Riesenschock für Sam und Lucas, und auch wenn sie nun genau wie der König eine Phönixträne besitzen, um den Ort für das Ritual der Feuerwende zu finden, ist ihnen eines klar: Der Kampf hat gerade erst begonnen.

Der Häscher

Prolog Königshaus. Parzelle des Häschers.

Hasse solche Nächte. Das Eisen kühl in der Hand, wieg es hin und her – es ist unruhig.

Die Töne der grässlichen Musiker dröhnen vom Festsaal bis hier durch. Drecksfeier.

Rechts oben raschelt es plötzlich im Gebälk, bestimmt eine der Ratten. Na ja, das Geräusch ist mir lieber als das Gesäusel von drüben. Ob’s eine Gefütterte ist? Ich kratz mich am Hinterkopf, der kahle Schädel schuppt. Versteh nicht, was man anfangen will mit so einer Feier. Leere Gesten und leere Worte, Schleier, um Tiere zu verbergen, mehr nicht.

Aber sie wollen ja alle gut miteinander auskommen. Ich ziehe hoch und spucke aus, der Rotz trifft mit einem kurzen Scheppern die Metallschale. Bin ja für den König, finde oft richtig, wie er Sachen händelt, aber für das hier verachte ich ihn. Gut miteinander auskommen. Sie haben Angst, nichts weiter.

Na ja, ich will mich nicht beklagen. Hab ja genug zu tun hier normalerweise.

Aber eine Schlacht, das wär was. Nicht die kleinen Scharmützel wie sonst, oft sogar noch heimlich durchzuführen, nee, eine Schlacht mit Hunderten, Tausenden, und der Tod schwebt wie eine Dunstglocke über den Feldern. Das wär wirklich was.

Jetzt seh ich das Viech. Es läuft einen der morschen Querbalken lang, in den die Fäule schwarze Risse gefressen hat.

Werd ja immer wieder gefragt, ob ich nicht mal das Quartier wechseln will. Raus aus diesem stinkenden Loch, wo’s nur meine Pritsche und ’n paar Essensreste zwischen kalten Steinwänden gibt. Irgendwo zu den Leibgardisten, auf ’nem weichen Bett mit fein gearbeiteten Kelchen und sauberen Nutten.

Aber weder bin ich ein Wächter, der auf Drecksfeiern den Aufpasser spielt, noch brauch ich diesen vornehmen Kram, der einen nur weich macht.

Die Ratte kommt runter, muss eine Gefütterte sein. Als sie am Boden angelangt ist, wartet sie und beäugt mich.

Denkt, sie kriegt was, hab ihr ja letztes Mal auch was gegeben. Ich wiege das Eisenrohr hin und her. Lernen nicht dazu, die Viecher, na ja, wie auch. Nehm einen Brotkrumen in die Linke und werf ihn einen halben Schritt entfernt von mir zu Boden. Das Eisen in meiner Rechten nicht mehr so kühl wie grad noch – es ist durstig.

Die Ratte zögert, ich warte. Denkt niemand von mir, aber ich bin geduldig. Warte. Jetzt ist sogar die Musik verstummt. Kann den Herzschlag der Ratte hören. Kann sehen, wie er das warme Blut durch den kleinen Körper pumpt. Das Leben.

Das Viech guckt mich noch kurz mit seinen schwarzen glänzenden Augen an, dann pirscht es langsam vorwärts, nähert sich ganz vorsichtig.

In mir beginnt es zu hecheln, nicht als Laut, sondern etwas in mir drin, das gierig atmet, mich mit ungeduldiger Hitze erfüllt. Ich spür’s in meinen Händen, in meiner Brust, in meinem Kopf. Das Leben nehmen.

Die Ratte pirscht weiter, gleich, gleich wird’s schnell gehen, die letzten Schritte wird sie huschen. Und ich werd da sein. Werd aus warm kalt machen, werd das kleine Herz zum letzten Mal schlagen hören. Mich hat nie was so fasziniert wie dieser letzte Moment, wo aus allem nichts wird für etwas.

Die Ratte hält inne, wittert. Tu es. Hol dir dein Essen. Na los. Jetzt hat sie sich entschieden, ich kann’s sehen. Sie huscht vor, ich heb das Metallrohr und …

TOCK, TOCK, TOCK.

Ich fahre herum zur Tür. Dann zurück zur Ratte, die ist schon davongehuscht. Oooh, ich schüttele langsam den Kopf, das Blut schießt mir in den Schädel, während ich auf die modrige Holztür starre, oooh, du wirst einen guten Grund haben müssen, du Sohn einer räudigen Hündin. Wieder klopft’s schnell und laut.

»Komm rein.«

Die Tür wird aufgestoßen. Duncan. Der breitschultrige Kerl ist das jüngste Mitglied meiner Einsatztruppe, hat sich bislang gut geschlagen. Na ja, wird ihm nicht helfen, wenn das hier nicht wichtig ist.

»Entschuldige, Hauptmann!«, stößt Duncan atemlos hervor. »Aber man schickt nach dir. Es sind Eindringlinge in der Burg.«

Mehr muss er nicht sagen. Ich wuchte mich hoch, nehm das Metallrohr mit, Lederwams trag ich schon, mehr Rüstung würde zu lange dauern. »Bring mich hin.«

»Jawohl!«

Wir stürmen los. Glück gehabt, Duncan. Die Hitze in meinem Körper presst sich von innen gegen die Haut, freudige Erwartung. Eindringlinge sind neu, Eindringlinge hat es in meiner Zeit noch nicht gegeben, das gefällt mir. Na, und auf jeden Fall sind sie die bessere Art von Ratten.

Aber seltsam ist das auch – wer soll sich hier schon reinschleichen, und wie?

Na ja, die Antwort werden wir gleich haben. Wir verlassen die Gemäuer, hoch, runter, dann sind wir auf dem Platz der Feuerweiden. Einige Wächter kommen auf mich zu, nicht von meinem Einsatztrupp.

»He!«, brülle ich ihnen entgegen, ohne langsamer zu werden. »Wo sind sie?«

Aber statt mir ein Zeichen zu geben oder so, bleiben die Wächter einfach stehen. Idioten. Keine Zeit verlieren. Ich halte auch an. »Also?«

Ich seh, wie die Wache zusammenzuckt, spürt bestimmt meine Wut. Sie spricht schnell: »Sie sind entkommen, Häscher. Sie haben einen Geheimgang im Leuchtfeuerturm genutzt, der nun eingestürzt ist. Was …« Er verstummt, als ich die Hand heb.

»Wie viele?«

»Zwei.«

Ich dreh mich zu Duncan. »Sammel den Trupp, wir treffen uns am Haupttor. Wir durchsuchen die Schwarz- und Graugewändlerviertel.«

Duncan nickt, schon ist er weg. Macht sich wirklich nicht schlecht, der Kerl. Ein letzter Blick auf die Wächter, die wartend dastehen, ich grunz genervt, wende mich ab. Renn in Richtung Tor.

So weit wird der Geheimgang wohl kaum führen. Wenn wir die Viertel klug durchstreifen, kriegen wir sie. Und über die Ebene soll’n sie mal fliehen, ich seh gut bei Nacht. Meine Augen zucken.

Wer auch immer ihr kleinen Bastarde seid, am Ende wird euer Hirn an meiner Waffe kleben.

Der Durchgang zum kahlen Garten ist verraucht, ich kann kaum was sehen. Was zum Henker?

Aber ich renn einfach weiter, die Wege in der Burg kenn ich blind, der Rauch erinnert nur an früher, stört mich nicht. Schon durch, schon liegt der Kahle Garten hinter mir, schnell durch die Verschläge der Phönixe, das ist der kürzeste Weg.

Die Viecher sind unruhig, das merk ich selbst im Vorbeirennen, das kann nicht nur an mir liegen. Dann bin ich beim Tor und – bleib verwirrt stehen.

Pennen die da oben?

»He!«, ruf ich mit grollender Stimme. Erst da wenden sich die Wächter auf dem Mauerkamm zu mir um, vorher haben sie bloß in die Ferne geglotzt.

»Was …«, beginnt einer der beiden. Seine Augen weiten sich, als er erkennt, dass ich es bin, der da unten steht. »Oh, verzeiht mir, Häscher.« Er eilt herab, noch während er die Treppen läuft, spricht er hastig weiter. »Wir dachten, draußen etwas gesehen zu haben, aber das war nichts, es war nicht gegen …«

»Öffnet das Tor.«

»Ja, natürlich.«

Der Kerl macht ein Zeichen nach oben, und die anderen Wächter beginnen damit, die Winde zu betätigen.

Langsam und scheppernd schwingen die eisenbeschlagenen Torflügel auf, geben immer mehr frei von der Krönungsnacht von Lavis, von den Umrissen der Stadt.

Ich trete hinaus. Ziehe tief die Luft ein, sie riecht gut, sie riecht nach Asche.

Gleich wird mein Einsatztrupp da sein, gleich wird die Jagd beginnen.

Erst ein einziges Mal ist mir jemand entkommen, und das war vor vielen Jahren, und Magie war im Spiel. Diese beiden werden mir nicht entwischen, ich werd sie zerquetschen wie kleine Tierchen.

Gut, vielleicht erst einen Teil von ihnen, weil sie den Mund noch zum Reden brauchen. Aber immerhin. Wir werden sehen.

Ich zieh die Luft ein zweites Mal ein, sie riecht gut, sie … Aus der Düsternis tritt eine Silhouette. Sie kommt auf mich zu.

»He!« Ich mache einen Schritt nach vorne, heb das Eisenrohr ein Stück. »Was wird das denn jetzt hier?«

Die Gestalt bleibt stehen. Sie ist von Kopf bis Fuß von einem schwarzen Umhang verhüllt.

»Wo kommst du denn her?«, frag ich verwirrt. Kann mir da wirklich keinen Reim drauf machen.

»Aus Favilla.«

»Aus was

»Aus Favilla.« Die Gestalt hebt die Hände und wirft die Kapuze zurück. »Ich habe interessante Informationen für euch.«

Estelle

1 Akila. Straße nach Vis Daroz.

Peitschenhiebe knallen über unseren Köpfen, scharf wie Klingen zerteilen sie die Luft. Bei jedem einzelnen von ihnen zucke ich zusammen. Wie hört sich ihr Echo erst an, wenn sie auf Menschenhaut schlagen?

Ich will es mir nicht genauer vorstellen und marschiere weiter, einfach immer weiter. Wie eine Herde Vieh treiben sie uns über den Handelsweg, schubsen uns, als hätten wir das Laufen verlernt.

Es ist ein oft befahrener Pfad, Kutschenräder haben Rillen in den Untergrund gegraben, die jetzt zu Stolperfallen für uns werden. Die Fesseln scheuern an meinen Handgelenken. Raues Hanf schürft immer über dieselbe Wunde, die sich dort schon vor mehreren Stundenschlägen gebildet hat. Kein Moment der Erholung. Meine Haut glänzt an der Stelle bereits rosa. Sie tut mir weh.

Wir sind eine Sklavenkolonne von rund dreißig Gefangenen, die meisten von uns noch jugendlich.

Allen voran läuft Addum, deren erklärtes Ziel der Markt von Vis Daroz ist. Vier Sklaventreiber gehen immer wieder die Reihen ab, um aufzupassen, dass keiner abhandenkommt. Die Treiber sind groß und massig, sehen alle irgendwie gleich aus und wirken so unzerstörbar wie die Königswachen bei der Sperrstunde.

Aber das ist nicht der Hof der Schwarzgewändler, das hier ist die Straße zu meinem neuen Schicksal.

Ich hebe den Kopf, das Licht sticht in meinen Augen, obwohl Wolken den Himmel verhängen. Die Sonne findet keinen Weg hindurch. Seit den frühen Morgenstunden sind wir unterwegs, und ich habe sie seitdem kein einziges Mal gesehen.

Zehn Tage ist es her, dass Jon sich endlich dazu entschieden hat, mich auf eine Außenmission zu schicken, und ich Favillas Katakomben verlassen habe. Die Chance, auf die ich seit über einem Jahresumlauf gewartet hatte.

Wir sollten Informationen über die Phönixträne sammeln, irgendetwas, das uns dem Ort für das Ritual der Feuerwende näher bringt. Dem entscheidenden Ort, zu dem die Phönixe alle fünfzig Jahresumläufe ziehen, um zu verbrennen. Auch wenn es jetzt nur noch eines der magischen Vogelwesen ist.

Diese Feuerwende soll der alles entscheidende Tag sein, an dem wir den Thronfolger und den letzten frei lebenden Phönix abfangen wollen. Favillas Hoffnung auf eine Revolution.

Aber statt Informationen haben wir nur einen toten Wissensverwalter gefunden.

Für meine Freunde tut es mir leid. Doch es war niemals mein Kampf, und auch wenn ich es ihnen wünschen würde, kann ich mir nicht vorstellen, dass sie den Thronfolger tatsächlich noch rechtzeitig finden werden. Es tut mir leid, und dennoch schäme ich mich nicht für meine Entscheidung.

Noel, Kyara und ich sind auf der Heimreise Addum in die Falle gegangen. Wie auch immer Noel es aus seiner Zelle geschafft hat, ich wollte nicht befreit werden. Schließlich war es nie mein Plan, nach Favilla zurückzukehren. Und ich bin Noel sehr dankbar, dass er diese Entscheidung respektiert hat. Denn nie war ich meinem Ziel so nah. Leo so nah.

Ich lecke mir über die Lippen. Sie sind rissig, und eigentlich macht das Befeuchten es nur schlimmer.

Wieder lasse ich meinen Blick über die Umgebung wandern, der Handelsweg vor mir zieht sich wie eine Schlange durch die Felder. Felder, ich sehe nichts als Felder. Endlose Reihen von Getreide, die sich wie riesige Strohmatten von unserem Weg abgrenzen.

Alle in der Kolonne haben die Köpfe gesenkt, lediglich das unaufhörliche Schaben der Schuhe über den sandigen Weg ist zu hören, und ab und zu dringt ein Schniefen oder Räuspern von den anderen zu mir durch.

Ich rieche am Stoff an meiner Schulter. Nicht nur Schweißgeruch geht von mir und den anderen aus, vielmehr haftet da dieser muffige Stallgeruch aus Addums Zellen immer noch an unserem Leinen.

»Es ist nicht mehr weit«, sagt eine Stimme von rechts. Keenan. Er läuft neben mir, seit wir von Addums Landgut aufgebrochen sind. In seinem dichten Haar hängen noch einzelne Strohhalme aus den Zellen. Aber wie sollte er das auch bemerkt haben? Seit wir aufgebrochen sind, wurden wir gehetzt.

Er nickt nun nach links. »Hinter den Hügel, und wir sind fast am Markt.« Ich drehe den Kopf in die Richtung. Etwa fünfhundert Schritt müssten es noch bis dorthin sein. Keenan schenkt mir ein aufmunterndes Lächeln. Ich lächle bemüht zurück.

Er ist ein richtiger Akilaner, mit schwarzen geflochtenen Zöpfen, die sich wie kleine geknüpfte Seile um seine Kopfhaut winden, und er hat so dunkle Haut wie Kyara. Das wundert mich, weil ich dachte, dass die meisten Sklaven aus anderen Ländern hergeschickt werden und somit einen helleren Hautton haben.

»Wie bist du eigentlich hier gelandet?«, frage ich leise, denn Addum darf nicht mitbekommen, dass wir uns unterhalten.

»Ich habe mich freiwillig in die Sklaverei begeben«, sagt er.

Ich runzle die Stirn. »Wieso sollte man so etwas machen?«

»Ich kann damit ’ne Strafe umgehen. Hab was geklaut und wurde erwischt. Und ich arbeite lieber auf dem Acker für irgendeinen Edelmann, als vom Rat des Königs die Hand abgehackt zu bekommen.«

»Oh.« Ich starre auf seine Hände, die genau wie meine vor seinem Körper gefesselt sind. »Ja, das ist dann wohl wirklich besser.«

»Aber, hey«, sagt er. »Sklave zu sein ist nicht unbedingt das Schlimmste. Schon so manche haben es geschafft, sich hochzuarbeiten. Kommt eben nur drauf an, wo sie dich hinschicken.« Er zuckt betont locker mit den Schultern, lächelt. Ich kaufe ihm diese Leichtigkeit nicht ab, mit der er das alles scheinbar hinnimmt. Mir dreht sich der Magen schon um, wenn ich nur daran denke, dass wir gleich da sind. Dass ich gleich auf dem Markt als Ware verkauft werde.

Um meine Handgelenke herum brennt es schrecklich, als würde ständig jemand meine Haut mit seinen Fingern fest zusammenzwirbeln.

»Wo kann man denn hingeschickt werden?«, frage ich.

»Na ja. Es gibt Landsklaven und Stadtsklaven, die einen …« Er hält kurz inne, weil einer der Sklaventreiber unsere Reihe abläuft.

Ich sehe zu Boden, als er an mir vorbeimarschiert. Aus den Augenwinkeln schiele ich auf die Peitsche, die an seiner Gürtelhalterung baumelt. Abgewetztes braunes Leder, das sich zur Spitze hin in mehrere Fransen teilt.

Aber dann rufe ich mir Keenans Worte ins Gedächtnis zurück. Keine Angst, sagte er zu mir, kurz bevor wir losmarschiert sind, Sklaventreiber beschädigen ihre Ware nicht ohne Grund.

Als er endlich weg ist, fährt Keenan fort. »Landsklaven werden meist auf den Acker geschickt oder müssen andere körperlich anstrengende Arbeiten verrichten, man steckt sie in Zeltlager zu weiteren Sklaven. Es heißt, einige werden eng zusammengepfercht wie Tiere und ohne Skrupel bestraft, wenn sie nicht schnell genug arbeiten. Aber als Stadtsklave kann es gut vorkommen, dass man in einem Haushalt untergebracht wird. Das ist meist sehr viel besser. Man ist dann sozusagen ein Teil der Familie und muss kochen, putzen, vielleicht sogar wirtschaften.«

»Wirtschaften?«, frage ich nach.

»Ihr Lavianer kommt wohl wirklich aus dem hintersten Niemandsland, was?« Wieder schließt Keenan den Mund und schaut bloß konzentriert auf den Rücken des Sklavenjungen vor uns. Denn jetzt ist es keiner der Sklaventreiber, sondern Addum selbst, die die Kolonne abläuft. Auf unserer Höhe wird sie langsamer, passt sich meiner Laufgeschwindigkeit an und mustert mich ungeniert.

Ich sehe wütend zu ihr rüber. Es ist nicht das erste Mal, dass sie so nah vor mir steht. Ihr Mund sieht klein aus in dem vollen Gesicht. Und obwohl es wirklich nicht sonderlich warm ist, stehen ihr Schweißperlen auf der Oberlippe.

Sie hebt ergebungsvoll die Hände. »Oh, ich wollte eure Plauderrunde wirklich nicht unterbrechen.« Ein Grinsen schleicht sich in ihr Gesicht und quetscht die Augen zu schmalen Schlitzen zusammen. Sie tätschelt mir grob den Kopf. Strähnen fallen mir vors Gesicht, und weil meine Hände zusammengebunden sind, puste ich sie zur Seite.

»Ich bin dieses Mal wirklich sehr froh über meine Ware, ja, so ist das. Es war zwar ärgerlich, dass mir deine netten Freunde entwischt sind. Aber umso mehr freut es mich, dass du hübsches Ding mir geblieben bist.« Als sie mir ein weiteres Mal den Kopf mit ihrer fleischigen Hand tätscheln will, drehe ich mich weg.

»Nicht doch, nicht doch«, sagt sie amüsiert. »Ist doch nichts dran, wenn man ein bisschen Bezug zu seiner Ware hat, sich gut auskennt bei dem, was man zu präsentieren hat. Förderlich fürs Geschäft. So ist das.«

»Verzieh dich!« Ich war schon kurz davor, selbst den Mund aufzumachen, da hat Keenan seine Stimme erhoben.

Addum lacht. Es ist ein tiefes, kräftiges Lachen, eines, das auch von einem Mann stammen könnte. »Aufmüpfige Sklaven haben die Kunden aber nicht sehr gerne, Jungchen.« Sie hebt mahnend den Zeigefinger. »Aber vielleicht preise ich dich einfach für die Bergwerke an, da wird einem das schnell ausgetrieben.« Sie lächelt mit einer Mischung aus übertriebener Freundlichkeit und Boshaftigkeit, wartet, ob Keenan noch etwas sagt, doch der bleibt jetzt still. Dann watschelt sie wieder davon.

»Das wäre nicht nötig gewesen«, sage ich zu Keenan, als sie außer Hörweite ist.

»Schon gut.« Er winkt ab. »Wo war ich denn?« Keenan presst den Mund zusammen, will unbeirrt an meine vorherige Frage anknüpfen, aber ich sehe, wie seine Lippen dabei zittern. »Ah stimmt. Wirtschaften«, sagt er dann, nachdem er sich wieder ein bisschen gefasst hat. »Das heißt, Sklaven helfen bei den Handelsgeschäften von Edelmännern, vielleicht müssen sie sogar einen Teil der Münzen verwalten.«

»Ach so«, sage ich, auch wenn ich mir nicht ganz sicher bin, ob ich alles richtig verstanden habe. Natürlich hat Jon uns in den Unterrichtseinheiten im Zirkelraum von Währungen erzählt. Aber das war nur ein bisschen Theorie. Der Brennende König hält sein Volk lieber davon fern, jeder bekommt nur fest zugeteilte Rationen. Deshalb kann ich mir nicht so ganz vorstellen, was man da verwalten will.

»Außerdem …«, flüstert Keenan weiter, »haben Haussklaven bessere Aufstiegschancen, wenn sie sich klug anstellen.«

Und ja, das ist mir nicht fremd. Auch Kyara hat davon berichtet und die Sklaverei keineswegs verurteilt. Selbst Addum erzählte uns, dass sie einst eine Sklavin gewesen ist und es bis zu einer Landherrin geschafft hat.

Ob Leo wohl auch die Möglichkeit bekommt, sich hochzuarbeiten?

Nun ja, zunächst wäre es sehr hilfreich, erst einmal zu wissen, wo er überhaupt hinverkauft wurde. Alles, was ich bisher herausfinden konnte, ist, dass Sklaven von hohem Blut bevorzugt nach Akila oder Parvaniá geschickt werden.

Die Karte, die ich aus dem Tagebuch der Spionin im Zirkelraum klauen konnte, habe ich ganz genau vor Augen. Alle fünf Stützpunkte, wo wahrscheinlich die meisten Sklaven aus Lavis hinverkauft werden, sind durch Kreuze gekennzeichnet und mit einer Aufschrift versehen: zweimal mit Bau, zweimal mit Haushalt und einmal mit Söldner. Doch keines der Kreuze liegt in der westlichen Adlerstadt Vis Daroz – unserem nächsten Ziel.

Aber werden sie mich dann dorthin bringen? Vielleicht sollte ich einen sehr starken Eindruck machen, vielleicht schicken sie mich dann zum Stützpunkt Bau. Ist es nicht naheliegend, dass Leo auch dorthin gebracht wurde?

Ich seufze. Auf dem Markt tummeln sich Menschen aus allen Ländern Tyrganons. Es kann mich überallhin verschlagen. Dabei will ich doch nur zu ihm.

Wir haben den Hügel erreicht. Vor uns liegt die Adlerstadt Vis Daroz, eine mächtige Mauer zieht sich um das Meer aus bunten Dächern, von denen manche spitz, manche rund und andere eckig sind. Banner wehen schwach im Wind. Aus der Stadt heraus sprießen drei gewaltige Brücken hinüber auf den größten Markt Tyrganons, der von zwei Flussarmen zu einer Insel eingeschlossen wird. Der Markt, an dem der Meistbietende mich als seine neue Ware einkaufen wird.

Ich schlucke. Meine Kehle ist trocken. Mein ganzer Körper fühlt sich an wie ausgedorrt, wie ein Lappen, den man über einem Eimer ausgewrungen hat.

Dennoch werde ich vorwärtsgehen, aufrecht die Tore von Vis Daroz passieren. Denn der Gedanke an Leo hat mich Favilla durchstehen lassen, die Flucht durch den Wald, die Visionen vom Fremden, Rolands Einzelunterricht, den Streit mit Sam. All das habe ich im letzten Jahresumlauf durchgestanden, weil Leo in Gedanken immer bei mir war. Ich habe gekämpft gegen jede Regel, gegen jede Vernunft.

Sosehr mir die Angst auch die Kehle zuschnürt, ich habe es nicht so weit gebracht, um jetzt aufzugeben: Denn dies könnte endlich die Chance auf ein neues Leben sein, eines, in dem Leo bei mir ist.

2 Vis Daroz. Markt.

Noch nie habe ich so viele Menschen an einem Ort gesehen. Wie wuselnde Würmer drängen und quetschen sie sich auf dem riesigen Platz vor den Toren von Vis Daroz. Ich werde von rechts angerempelt, dann schubst jemand von hinten.

Das Stimmengewirr drückt sich zu einem dröhnenden Klumpen zusammen. Nur vereinzelt kann ich Gesprächsfetzen aufschnappen. »Entschuldige mal.« Eine Stimme von rechts. Dann eine Frau, die mit vier aufeinandergestapelten Körben an mir vorbeihuscht, ich kann nicht mal ihr Gesicht erkennen. Selbst wenn Leo hier wäre, würde ich ihn wohl gar nicht finden, und das ist nur ein Ort von so vielen in Akila.

Ich schlucke, zwei Männer in langen Mänteln kommen mir entgegen. Sie gestikulieren wild mit den Händen, und in ihren Augen sehe ich Besessenheit. Gier. Eile. Gold. Ob sie wohl auch hier sind, um Sklaven zu kaufen?

Was auch immer passiert, versuche zu vermeiden, dass du an Bogdan verkauft wirst.

Ich habe Keenans ernste Stimme noch im Ohr, kurz bevor wir die Brücken zum Markt betreten haben.

Bogdan ist der gefürchtetste Sklavenkäufer in ganz Akila. Du erkennst ihn an seinem Ziegenbart. Er ist die rechte Hand eines Großgrundbesitzers, der sowohl Landwirtschaft als auch Bergbau betreibt, und bekannt für seinen großen Verschleiß an Sklaven. Man sagt, er behandle sie nicht wie Menschen, vielleicht nicht einmal wie Tiere. Und wenn sie sich als nutzlose Ware herausstellen, dann entsorgt er sie auch wie solche.

Der Boden unter mir blitzt immer nur in kurzen kleinen Flecken auf. Und jedes Mal haben diese Platten eine andere Farbe. Im Ganzen bilden sie womöglich irgendwelche Formen, ein Symbol? Vielleicht wie einer dieser gemusterten Teppiche in Addums Haus, nur aus Stein und viel größer.

Die nächste Menschengruppe zieht an mir vorbei, ich weiche nach links aus, um nicht mit den Männern zusammenzustoßen. Sie haben lange Bärte, Ziegenbärte. Mehrere Schichten Stoff sind über ihre Schultern geworfen. Und ihre Arme sind voll mit Kram, das meiste davon habe ich selbst noch nie gesehen. Komisch geformte grüne Gemüsesorten oder hornartige Behälter.

Auf einmal höre ich Blech scheppern. Und überall duftet es nach Speisen, Gewürzen und Ölen. Würzig, rauchig. Dann süßlich und wie flüssige Blumen. Alles auf einmal. Ich muss niesen. Das sind eindeutig zu viele Gerüche für die Nase eines Favillaners!

Schlagartig stößt es mir unangenehm auf. Aber ich glaube nicht, dass wirklich die vielen Gerüche der Grund für meine Übelkeit sind.

Ich spüre auf einmal Hitze von links und recke den Kopf. Sie kommt von einem Marktstand, an dem Waffen geschmiedet werden. Immer wieder schlägt ein Mann mit einem eisernen Hammer auf das Metall. Funken sprühen. Die gelb glühende Klinge scheint durch die Hiebe Form anzunehmen, sie wird biegsam und …

Plötzlich ist da die Hand von einem der Sklaventreiber in meinem Rücken. »Wir sind nicht zum Bummeln hier«, brummt seine Stimme hinter meinem Kopf, und selbst neben der Hitze der Waffenschmiede schüttelt es mich kalt. Es kann nicht mehr weit sein.

Er schiebt mich weiter, die Wege, die zwischen den Marktständen hindurchführen, sind sehr schmal, sodass die Treiber und Addum jetzt besonders aufpassen, dass keiner von uns auf die Idee kommt, zu fliehen. Und dann tut sich eine breitere Fläche vor uns auf.

Die Stimmung verändert sich sofort. Die Gesichter der Menschen auf diesem Platz wirken ernster. Nicht mehr gehetzt, sondern wichtig, und dann verstehe ich: Ein großes hölzernes Podest steht am anderen Ende des Platzes, drei kleine Stufen führen hinauf.

Ein drückendes Gefühl sitzt in meiner Brust, als würde jemand meinen Brustkorb zerquetschen wollen. Dort werden gleich die Sklaven verkauft, dorthin werden sie alle neugierig die Köpfe recken.

Und ich kenne dieses Gefühl des Begafftwerdens. Ich habe es schon einmal in Lavis erlebt. Bei der Haremszeremonie, als der Brennende König sich eines der Mädchen ausgesucht hat. Als man mich in das weiße Kleid gesteckt und mir den roten Blumenkranz aufgesetzt hat. Ich weiß, wie es ist, zur Schau gestellt zu werden.

»Jetzt mach schon!«, sagt der Sklaventreiber, und seine Hand in meinem Rücken ist warm und feucht. Wieder stößt es mir unangenehm auf.

Nun gibt es kein Zurück mehr. Wenn ich erst mal dort oben bin, muss ich da durch.

Meine Füße gehorchen mir nicht, sie sind weich wie Watte, und bei den letzten Schritten zum Podest verliere ich beinahe das Gleichgewicht.

Der Holzboden unter mir sieht abgenutzt aus. Die Fugen sind breit und dunkel. Schmutz hat sich darin gesammelt.

Und wir tragen weiteren Schmutz hinauf. Nacheinander steigen wir auf das Podest, bis alle dreißig aus unserer Kolonne oben sind. Aber wo ist Keenan? Hektisch suche ich die Gesichter nach seinem ab. Ich kann ihn nicht sehen. Doch. Jetzt. Ich atme aus. Er war die ganze Zeit hinter mir.

Mandelförmige, warme Augen finden mich. Sein vertrautes Gesicht beruhigt mich ein bisschen. Vielleicht werden wir ja zusammen zu einem Stützpunkt geschickt. Ich seufze und drücke einmal schnell seine Hand. Vielleicht.

Das Stimmengewirr wird ein klein wenig leiser. Ich sehe in die Menge unter uns. Wie Krähen zucken die Interessenten mit den Köpfen zu uns. Schwarze, rote, braune und blonde Haare. Glitzernde Spangen und aufwendige Frisuren, in die Federn eingeflochten sind, hier und da ein Hut, und Bärte, jede Menge Bärte.

Ein leichter Wind bringt mein Sklavenhemdchen zum Flattern, der schweißige Stallgeruch aus Addums Zellen wirbelt wieder auf. Das Gefühl in meiner Brust wird enger und enger. Ich schaffe das nicht.

Aber ich muss mich zusammenreißen. Für ihn.

Denk an Leo, denk an Leo. Ich schaffe es für ihn. Ich muss, ich … Vielleicht sollte ich aufrecht stehen und das Kinn heben? Sollte ich Stärke zeigen und hoffen, ein Landsklave zu werden? Wie Leo womöglich auch?

Jemand räuspert sich laut am Fuß des Podests. Es ist Addum. Sie krempelt die weiten Ärmel ihres Gewands bis über die Ellenbogen hoch, dann winkt sie ihren Mann Tilo zu sich, der einen kleinen Lederbeutel in der Hand wiegt. Sie tuscheln etwas, und Tilo nickt mehrmals. Schließlich steigt Addum zu uns nach oben, sie keucht.

Gleich geht es los. Ich rücke etwas dichter an Keenan heran.

Addum beginnt links außen in der Reihe, dort steht ein Junge mit sehr heller Haut und kurz geschorenem Haar. Ich schätze ihn so auf sechzehn Jahresumläufe. Addum begrabscht grob seine Oberarme, dann wendet sie sich den Interessenten zu.

»Vorbei mit der Ungeduld. Ich heiße euch willkommen, Händler aus ganz Tyrganon, hier auf dem Markt von Vis Daroz, wo ich euch Ware vom Feinsten präsentieren werde, Ware, wie ihr sie euch in euren kühnsten Träume nicht vorzustellen vermögt.« Sie klopft kräftig auf die Schultern des Jungen. »So ist das.«

Sie beugt sich zu ihm, und obwohl sie flüstert, kann ich jedes Wort verstehen. »Wie war dein Name doch gleich?«

»Julius«, flüstert der Junge zurück, woraufhin sie seinen Namen nun laut über die Menge schreit.

»Julius ist ein wahrer Prachtkerl.« Sie wuschelt ihm durch die Haare. »Ich versichere euch, in seinen Adern fließt noch frisches, junges Blut. Er strotzt geradezu vor aufkeimender Muskelkraft. Ein ausgezeichneter Arbeiter für den Acker. Aber auch groß genug für den Bau, seht euch diesen Burschen an. Ein guter Fang. Mindestens drei Goldstücke wert.«

»Fünf!«, ruft eine erste Interessentin aus der Menge.

»Fünf«, wiederholt Addum, und ein breites Grinsen überzieht ihr fülliges Gesicht. »Hör ich da noch mehr?«

»Sechs.«

»Sieben.«

Addum läuft jetzt um Julius herum, dann klopft sie ihm mit der Faust gegen die Stirn. »Und im Köpfchen hat unser Julius hier sicher auch was. Also überdenkt es gut, überdenkt es gut!«

Mehr Zahlen werden zu uns hochgerufen, während der Junge sich unter Addums Berührungen immer kleiner macht. Sein Kiefer zuckt, so fest beißt er die Zähne zusammen, und ich ertappe mich dabei, wie auch ich nun die Zähne aufeinanderpresse. Und dann ist es nicht nur sein Kiefer, der zuckt, sein ganzer Körper wird jetzt von Schluchzern beherrscht.

Ich kann das nicht mit ansehen, schaue wieder in die Menge, und dort fällt mein Blick auf das Gesicht eines Jugendlichen, der aus der Menschenansammlung hervorsticht. Denn er ist nicht eifrig interessiert wie die anderen, sondern wutentbrannt. Der Junge hat nachtschwarze Haare und dunkle Haut. Er überragt die meisten der Händler und sieht irgendwie deplatziert aus, er …

»Verkauft!«, jault Addum und klopft Julius so heftig auf den Rücken, dass er beinahe vornüber das Podest hinabstürzt. Ich kann Julius’ Gesicht von hier aus nicht mehr sehen, aber plötzlich höre ich ihn schreien. Er schreit, und dieser grässliche Laut fährt mir durch Mark und Bein.

Wie kann nur irgendjemand in Akila glauben, man würde die Sklaven hier mit Respekt behandeln? Wie können sie nur erzählen, dass es so vielen gut geht? Wie?! Wenn es da solche wie Julius gibt.

Einer der Sklaventreiber führt ihn die Treppen hinunter und löst seine Handfesseln. Tilo rennt sogleich mit seinem Beutel hinterher, und Goldmünzen plumpsen eine nach der anderen hinein. Ganze zehn Stück. Dabei zählt Tilo laut mit, leckt sich konzentriert mit der Zunge über die Lippen. Und dann ist mir klar, warum Julius so schreit.

Bogdan.

Der dunkle Bart, der sich wie der einer Ziege hinunterzieht und auf seiner Brust aufliegt: Er muss es sein. Julius geht als Landsklave zu Bogdan. Nein!

Julius wird jetzt direkt vor ihn geschoben, und sein Schrei erstickt. Ob vor Schreck oder Angst, weiß ich nicht.

Der gefürchtete Sklavenkäufer trägt ein rotgoldenes Gewand mit purpurnem Kragen. Hin und wieder, wenn er stumm auf seinem Zahnstocher herumkaut, zuckt der borstige Haarschopf von rechts nach links. Genau wie die kalten Augen mit den tief ausgehöhlten Tränensäcken, die sich dort wie Narben in sein dunkelbraunes Gesicht gegraben haben. Die Arme hat er vor der Brust verschränkt. Tiefe Falten, die um seine Zinkennase liegen, und die Furche zwischen seinen buschigen Brauen zeichnen sich so deutlich ab, als habe er in seinem Leben nie anders geschaut.

Mir wird ganz komisch. Wie konnte ich nur glauben, dass das alles so einfach wird? Wer weiß überhaupt, wie man Leo behandelt? Für welch unmenschliche Arbeit er womöglich eingekauft wurde?

Die Versteigerung verschwimmt zunehmend vor meinen Augen. Einer nach dem anderen wird nun verkauft. Als Nächstes Gabriel, neun Goldstücke. Dann Silvia, sieben Goldstücke. Tocta, zehn Goldstücke, wieder an Bogdan.

Ich fürchte, mich gleich auf dieses Podest übergeben zu müssen. Der muffige Stallduft, der alte Schweiß, die süßlichen Öle aus der Ferne, all die Gerüche der verschiedenen Menschen, die dort aus der Menge emporsteigen, das alles macht die Übelkeit noch viel schlimmer.

Ich schließe die Augen. So muss ich wenigstens nicht diesen gaffenden Blicken ausweichen. So ist es immerhin dunkel.

Aber auch das bringt nichts. Denn vor meinen geschlossenen Lidern sehe ich den Brennenden König. Ich stehe auf dem Großen Platz in der Königsburg von Lavis. Die Naht des weißen Kleids kratzt an der Seite, und der Blumenkranz pikst in meine Kopfhaut. Vor mir knien die Familien mit ihren Wappenfahnen, die schwach im seichten Wind flattern. Das Volk verbeugt sich. Du musst deine Schönheit vor ihm verbergen, hat mir mein Bruder am Abend zuvor geraten. Ich muss meine Schönheit vor ihm verbergen, wiederhole ich seine Worte in Gedanken. Aber wie? Wie soll ich sie verbergen? Mir bleibt nichts anderes übrig, als hilflos dazustehen. Genau wie jetzt.

Ich öffne die Augen wieder. Ich stehe auf dem Versteigerungspodest und kann nichts tun. Nur warten, bis es vorbei ist.

Erneutes Gelächter geht durch die Menge, dann ein Raunen. Addum verkauft einen Sklaven für fünfzehn Goldstücke, und wieder klimpert es in Tilos Beutel. Addum lacht übertrieben laut auf und kommt beängstigend nahe. Gleich bin ich dran.

Aber zuerst bleibt sie vor Keenan stehen. Von Nahem erkenne ich ihr strähniges Haar, das fettig an ihrem Schädel klebt, sehe, wie dort immer noch die kleinen Schweißperlen auf ihrer flaumigen Oberlippe sitzen: angenähte, winzige Murmeln. Das Gewand spannt über ihrem Bauch.

Keenan hat den Oberkörper leicht zurückgebeugt, mir entgeht keineswegs sein zittriger Atem und dass sich sein Brustkorb nun schneller hebt und senkt. Wenn ich könnte, würde ich so gern irgendetwas tun, um ihm die Angst zu nehmen, so wie er das bei mir versucht hat.

Aber es dauert nicht lange, dann wird Keenan für sechs Goldstücke verkauft. Landsklave.

Er dreht den Kopf ein letztes Mal zu mir um, bevor ihn einer der Treiber nach unten führt. Tränen fließen ihm die Wangen hinab. Zwei Linien, die dunkel aussehen im Kontrast zu seiner ausgetrockneten Haut.

Dennoch formt er mit zittrigen Lippen ein Leb wohl, und ich forme ihm eines zurück, als die Treiber ihn zum Käufer führen. Zu einem Mann mit einem Turban.

Sicher ein Parvanier, nur die tragen so komisch auffälliges Zeug. Ich will schreien, ihm diese Tränen aus dem Gesicht wischen und ihn zurückhalten. Aber Addum hat sich bereits neben mich gestellt, und Keenan ist weg.

Ich bin die Nächste.

Das Podest kommt mir plötzlich größer vor, breiter. Und das Holz, auf dem ich stehe, wirkt wacklig. Ich fürchte, gleich zusammenzubrechen, und da ist jetzt nicht mal mehr jemand, an dem ich mich festhalten könnte.

Ich balle meine Hände zu Fäusten. Bitte schickt mich nicht zu Bogdan, bitte nicht zu Bogdan.

Addum räuspert sich, rückt noch etwas dichter an mich ran. Wie kann sie nur so gewissenlos hier oben ihre Reden schwingen, wenn sie doch selbst mal eine von uns gewesen ist?

»Wen haben wir denn hier?« Ihr Goldzahn blitzt auf. Die Angst sitzt jetzt tief in meinem Magen. Rumort dort wie Trommelwirbel.

»Estelle«, sage ich und hebe herausfordernd das Kinn, auch wenn meine Beine drohen, jeden Augenblick unter mir wegzuknicken.

»So, so«, sagt Addum und legt ihre wurstigen Finger um mein Kinn, dreht mein Gesicht zu sich, sodass sie mich mustern kann. Ihre Finger stinken nach Sklavenstall.

Dann wendet sie sich wieder den Marktbesuchern zu. Mein Herz pocht wild in meiner Brust.

»Ich bin mir sicher, für dieses hübsche Ding wird auch eine Verwendung gefunden. Estelle nennt sich die edle Ware, was sagt ihr, liebe Leute, wie viel springt dabei für mich raus?«

Ich höre Tilo am unteren Fuß des Podests den Goldstückbeutel auffordernd schütteln.

Bogdan in der ersten Reihe hebt die Hand. »Sieben!«, ruft er.

Mein Herz pocht wilder.

»Sieben«, höre ich Addum leise vor sich hinsäuseln, dann reibt sie die Hände aneinander und betrachtet mich zufrieden, mustert mich einmal von Kopf bis Fuß mit ihrem Blick.

Du musst deine Schönheit vor ihm verbergen. Er steht nun direkt vor mir. Der Mann, vor dem sich ganz Lavis fürchtet, und das hier ist seine Zeremonie. Der penetrante Geruch von totem Fleisch scheint von seinem blutroten Umhang aufzusteigen. Ich sehe mein lockiges Haar, das mit der Farbe seines Gewands geradezu verschmilzt. Die Zeit dehnt sich ins Unermessliche, nur ein Hauch Luft trennt uns voneinander. Mein bleiches Gesicht spiegelt sich in seiner Maske. Seltsam verschoben.

»Acht!«, schreit der Turbanmann.

»Neun!«, kontert sofort wieder Bogdan aus der ersten Reihe. Unsere Blicke treffen sich. Er spielt mit der Zunge vergnügt an seinem Zahnstocher herum. Er ist sich seiner Sache viel zu sicher. Das ist nicht gut, gar nicht gut!

»Fünfzehn«, ruft nun der Turbanmann aus der Menge und sieht dabei wütend zu Bogdan hinüber, der weiterhin mich fixiert. Ein Raunen geht durch die Reihen.

Addum lacht auf. »So gefällt mir das, treue Händler aus Tyrganon.« Sie macht ein paar Schritte um mich herum, und ich merke, dass sie gerade erst in Fahrt kommt. Diese Versteigerung ist noch lange nicht vorbei.

Und jetzt hastet mein Blick panisch über die Menge. Von Bogdan zum Turbanmann und vom Turbanmann wieder zu Bogdan.

Während der Turbanmann aufrecht steht und das Kinn nach vorne reckt, seine Augen konzentriert auf mich gerichtet, sieht Bogdan nahezu lüstern zu mir auf. Der Zahnstocher zwischen seinen Zähnen müsste sich bald schon aufgelöst haben.

Ich will zu keinem von beiden geschickt werden. Weder will ich Landsklave noch Ackersklave oder sonst was werden.

Bogdan oder der Turbanmann. Bogdan oder der Turbanmann. Meine Hände zittern. Wenn ich mich entscheiden müsste, dann wenigstens der Turbanmann. Er wäre noch das kleinere Übel. Nein, er wäre sogar ein Witz gegen Bogdan, denn ich will mir gar nicht vorstellen, was Bogdan mit mir machen würde, falls ich der körperlichen Arbeit nicht standhalten kann.

Ich bin mir sicher, dass er die Sklaven mit harter Prügel bestraft, bis ihre Knochen brechen wie die dünnen Holzfasern des Zahnstochers zwischen seinem Gebiss. Einmal fest zudrücken, und es macht Knacks.

Ein einfaches Knacks.

Hinter mir bleibt Addum stehen, sie streicht mir nahezu liebevoll die Haare hinter die Schultern, sodass ich mich nicht mehr hinter ihnen verstecken kann, jeder kann mein Gesicht jetzt ganz genau betrachten.

»Sechzehn.« Es ist wieder Bogdan. Er hat die Augen nicht einmal von mir genommen.

Ein Knacks. Mir wird schwindelig, das Podest dreht und dreht sich. Ich will einfach nur, dass es aufhört. Dass jetzt