Inhalt

  1. Cover
  2. Über dieses Buch
  3. Über den Autor
  4. Titel
  5. Impressum
  6. Freitag
    1. 1
    2. 2
    3. 3
    4. 4
    5. 5
    6. 6
    7. 7
    8. 8
    9. 9
  7. Samstag
    1. 10
    2. 11
    3. 12
    4. 13
    5. 14
    6. 15
    7. 16
    8. 17
    9. 18
  8. Sonntag
    1. 19
    2. 20
    3. 21
    4. 22
  9. Montag
    1. 23
    2. 24
    3. 25
    4. 26
    5. 27
    6. 28
    7. 29
    8. 30
    9. 31
    10. 32
    11. 33
    12. 34
  10. Dienstag
    1. 35
    2. 36
    3. 37
    4. 38
    5. 39
    6. 40
    7. 41
    8. 42
    9. 43
    10. 44
    11. 45
    12. 46
    13. 47
    14. 48
  11. Mittwoch
    1. 49
    2. 50
    3. 51
    4. 52
    5. 53
    6. 54
    7. 55
    8. 56
  12. Donnerstag
    1. 57
    2. 58
    3. 59
    4. 60
    5. 61
    6. 62
    7. 63
    8. 64
    9. 65
    10. 66
    11. 67
    12. 68
    13. 69
    14. 70
    15. 71
  13. Danke!

Über dieses Buch

Eine Leiche auf einem Hausboot und die zwielichtige Welt der Reichen und Schönen Hollands größter Agatha-Christie-Fan, Inspecteur Piet van Houvenkamp, ist einem neuen Verbrechen auf der Spur: In seinem geliebten Middelburg wird in einem Hausboot eine Frau aufgefunden. Sie lächelt, sie ist wunderschön, sie ist nackt. Sie hat nur einen Fehler: Sie ist tot. Der Inspecteur ermittelt unter Hochdruck und gerät dabei in Kreise, von deren Existenz er bislang nichts ahnte. Und schon bald liegen seine Nerven blank – denn natürlich lassen es sich auch die Camper vom Campingplatz »De Grevelinge« mal wieder nicht nehmen, bei den Ermittlungen mitzumischen … Der 2. Fall für Piet van Houvenkamp nach »Der Tod hat eine Anhängerkupplung«.

Über den Autor

Das sympathische Gesicht von Bernd Stelter, ist eines der bekanntesten in der deutschen Comedy-Szene. Er war einer der »7 Köpfe«, die zehn Jahre lang jeden Freitag Millionen von Zuschauern vor den Bildschirm lockten. Für den WDR moderiert er die beliebte Spielshow NRW-Duell. Außerdem tourt er mit seinem vierten Kabarettprogramm Mittendrin durch Deutschland, moderiert für die ARD Sendungen wie Danke Rudi, eine Hommage an Rudi Carrell, und hat mit »Der Tod hat eine Anhängerkupplung«, nach »Nie wieder Ferienhaus (2004)« und »Das Leben ist zu kurz, um schlechten Wein zu trinken (2006)«, seinen dritten Roman vollendet. Bernd Stelter lebt mit seiner Frau und seinen beiden Kindern in der Nähe von Köln und liebt Camping.

BERND STELTER

DER KILLER
KOMMT
AUF
LEISEN
KLOMPEN

CAMPING-KRIMI

BASTEI ENTERTAINMENT

Freitag

1

Die Nordsee lag im Koma. Noch vor zwei Tagen konnte man hier Kitesurfer beobachten. Junge Menschen, die sich ein Kunststoffboard unter die Füße geschnallt hatten und in den Händen die Steuerungsbügel eines riesigen Lenkdrachens hielten. So rasten sie über die Wellen, vollführten aberwitzige Sprünge, Schrauben und Salti.

Aber Piet freute sich am meisten, wenn sie die nächste Welle nicht schafften. Gut, er war Niederländer, er gehörte diesem tapferen Volk an, dessen Heimat zu einem Viertel unter dem Meeresspiegel liegt. Und warum liegt das Land unter dem Meeresspiegel? Weil der Niederländer dieses Land dem Meer abgetrotzt hat. Er hat es eingepoldert. Er hat es bezwungen.

Piet bewunderte natürlich diese jungen Körper, die mit ihren Boards und mit ihren Lenkdrachen ganz niederländisch gegen den großen Ozean ankämpften, mit den Wogen spielten und auf der Brandung tanzten, aber klammheimlich freute er sich doch, wenn das Meer gewann. Wenn einer dieser neoprenverpackten, durchtrainierten Leiber den Weg in das kalte Salzwasser antrat, war es mehr als nur ein Anflug von Schadenfreude, den er verspürte.

Wenn der Wind einfach nur nachließ und der vermaledeite Kitesurfer nur rücklings auf die Wasseroberfläche klatschte, das zählte nicht. Der Lenkdrachen musste von einer plötzlichen Böe angehoben werden, und der Surfer musste nach vorne fallen, wie ein Wasserskiläufer, der völlig überraschend feststellte, dass das ihn ziehende Motorboot doch über einige PS verfügte. »Die Ente machen« nannte man das, wenn jemand so lustig vornüber in die Wellen klatschte. Und nur »die Ente« zählte. Wenn er von seinem Aussichtspunkt im »Zeerover« zehn Enten zählen konnte, dann war es ein guter Tag.

Heute konnte er überhaupt keine Ente zählen, weil überhaupt keine Kitesurfer unterwegs waren. Das Lüftchen, das fast unhörbar durch das Dünengras wehte, das war kein Wind, die kleinen Hügel, die auf dem Meer gemächlich Richtung Strand wogten, das waren keine Wellen. Die Nordsee lag im Koma. Nein, es war kein guter Tag.

Piet saß auf einem der Rattanstühle im »Zeerover«, und vor ihm auf dem Tisch stand ein kaltes Grimbergen, und das war sein Problem. Das Grimbergen war zu kalt. Er setzte das Glas immer ganz weit links am Mund an, weil er hoffte, die kalte belgische Flüssigkeit würde dann auch nur links durch seinen Mundraum fließen. Sie tat es nicht. Und jeder Tropfen dieses edlen Trappistenbiers, der die rechte Seite seines Unterkiefers traktierte, quälte ihn. Wenn irgendetwas Kaltes oder Heißes seine Zahnhälse in diesem Bereich auch nur berührte, so verursachte das einen Schmerz, den er seinem schlimmsten Feind nicht wünschte.

Piet war am letzten Mittwoch bei Rutger Ritsma gewesen. Rutger, seines Zeichens Zahnarzt und damals das Lateingenie in seiner Klasse, hatte ihm gesagt, dass der »Vier-Sechs« wohl das Zeitliche gesegnet hätte, den müsste man exen, das ginge möglicherweise nicht am Stück, aber man könnte ihn zerschneiden, und in vier Einzelteilen wäre er dann mühelos zu extrahieren. Danach könnte man »Vier-Fünf« und »Vier-Sieben« parallelisieren und eine Brücke konstruieren, weil man auf Lücken bekanntlich nicht gut kauen kann, und falls bei »Vier-Fünf« oder »Vier-Sieben« später mal eine Wurzelbehandlung nötig wäre, könnte Rutger dort die Kronenoberfläche durchbohren.

Piet hatte Rutger daraufhin aus seinem Kontakte-Ordner gelöscht. Er würde einfach abwarten, bis dieser Zahn, den Rutger »Vier-Sechs« nannte, ausfiel oder wegfaulte, und er würde keinen Zahnarzt aufsuchen, vor allem nie wieder diesen Zahnarzt aufsuchen.

Robert war seit Anbeginn der Zeit Kellner im »Zeerover«. Die salzige Nordseeluft, das raue zeeländische Wetter hatten sich in Roberts Gesicht gegerbt. Er trug die Haare etwas länger als normal, man könnte sagen, er hatte seine Frisur seit den Achtzigerjahren nicht mehr verändert, warum auch. Er hatte so viel aufgeben müssen, die eine oder andere Frau, und er rauchte auch nicht mehr. Die Jahre waren, abgesehen von seiner Frisur, nicht spurlos an ihm vorbeigegangen, auch auf die Schmerzen im Kniegelenk hätte er gern verzichtet, aber war er froh, dass er nicht diese Schmerzen seines Freundes Piet hatte.

Robert trat an seinen Tisch. »Glaubst du tatsächlich, dass Grimbergen gegen Zahnschmerzen hilft?«

»Nein, das glaube ich nicht, man hat mir gesagt, dass ein Cognac helfen kann.«

»Und warum trinkst du dann keinen Cognac?!«

»Ich mag keinen Cognac, ein oude Genever ist ja fast das Gleiche!«

»Und warum trinkst du keinen oude Genever?«

»Bist du verrückt? Es ist zehn nach neun, da kann man doch keinen Genever trinken!«

»Um zehn nach neun kann man auch kein Grimbergen trinken.«

Piet dachte kurz darüber nach, ob er Robert aus seinem Kontakte-Ordner löschen sollte. Aber Robert ließ ihn sitzen, im wahrsten Sinne des Wortes, mit seinem Grimbergen und mit dem vergeblichen Versuch, eine entzündete Zahnwurzel zu betäuben.

Piets Blick fiel auf das Staatsieportret. Königin Beatrix mit Prinz Claus. Das Besondere am »Zeerover« war schon immer dieses altmodische Ambiente, er liebte den Piratenschatz aus Glas, grünem Samt und goldenen Spielzeugmünzen, der da kitschig auf ein Wandregal drapiert war, er liebte die Statue der Piratenbraut, die ihr Dekolleté so offenherzig zur Schau trug, wie es zu Piratenzeiten sicher nicht schicklich war, aber er liebte sie, manchmal träumte er sogar von ihr, und da war sie bei Weitem lebendiger als die lebensgroße Statue im »Zeerover«.

Aber ein Staatsieportret ist ein Staatsieportret. In seiner Wache war das Bild von Beatrix schon längst gegen ein neues Porträt von Willem-Alexander und Maxima ausgetauscht worden, im goldenen Rahmen und mit dem kleinen Krönchen auf dem Passepartout. Ohne kleines Krönchen auf dem Passepartout ist es nämlich nur ein gerahmtes Foto vom König und kein Staatsieportret. Im »Zeerover« hing jedoch immer noch das Staatsieportret von Beatrix und Claus, mindestens fünfzehn Jahre alt.

Piets Handy vibrierte. Schon wieder. Beim letzten Mal hatte er es noch einfach ignoriert, aber jetzt wollte er es wirklich aus der Tasche ziehen, doch diese dünne Kachel, die ein Telefon darstellen sollte, hatte sich in der Brusttasche seiner zwanzig Jahre alten Levis-Cordjacke verkantet, er bekam sie nicht zu fassen, gut, er hätte sie natürlich, fingerfertig, wie er war, noch aus ihrem Gefängnis befreien können, aber da hatte das Vibrieren schon aufgehört, also beließ er es dabei.

Wenn er im Dienst irgendetwas dringend benötigte, das seine Fahndungseffektivität signifikant verbessern könnte, wie zum Beispiel einen neuen Bürostuhl oder einen Ersatz für diesen Ficus benjamini, der eine beeindruckende Ähnlichkeit mit einem Weihnachtsbaum im August aufwies, dann wurde das von der Buchhaltung stets abgelehnt, aber sein Nokia 6110, dieses Traumhandy in dezentem Metallicblau mit dem dekorativen Sprung im Display, das ihm gefühlte zwanzig Jahre lang treu gedient hatte, dessen Akku auch gerne mal eine ganze Woche hielt, das wurde nicht nur ersetzt, er durfte es nicht mehr benutzen, es sei veraltet. Die Kachel verfüge über viertausend Vorteile, wurde ihm mitgeteilt. Sie sei auch gleichzeitig ein Computer und ein Navigationsgerät. Piets Computer hieß Annemieke, und es gab keinen Fietspad auf Walcheren, den Piet nicht auswendig kannte. Dieses Telefon konnte das Wetter für die nächsten sieben Tage anzeigen, aber Piet wusste seit achtundfünfzig Jahren, dass jeder, der behauptet, das Wetter auf Walcheren voraussagen zu können, ein Scharlatan ist, wie dieser Zahnarzt Rutger Irgendwas.

Er hatte den Nachnamen schon vergessen, ja, so schnell geht das, wenn ein Piet van Houvenkamp Menschen aus seinem Kontakte-Ordner gelöscht hat, die früher mal seine Freunde waren, ha!

Mit dieser Kachel, und das sei der größte und unschlagbare Vorteil, könne die Dienststelle ihn im Notfall orten. Genau das wollte Piet auf keinen Fall!

Seine Brusttasche vibrierte schon wieder. Dieses Mal versuchte er es mit zwei spitzen Fingern, und er hielt die Kachel genau in dem Moment in der Hand, als das Vibrieren erneut erstarb. Piet hielt das Display so weit von den Augen entfernt, dass er erkennen konnte, wer der Anrufer war. Natürlich hatte er eine Brille, aber natürlich hatte er die Brille gerade nicht dabei. Er konnte den Namen des Anrufers auch so entziffern, das war einer der viertausend Vorteile dieser Hightech-Kachel. Man konnte die Schriftgröße verändern. »Man« ist übertrieben. Annemieke konnte die Schriftgröße verändern. Und nur deshalb konnte er entziffern, wer der Anrufer war: »Annemieke« stand da, ihr Bild lächelte ihn vom Display an, Brigadier Annemieke Breukink, seine Assistentin. Er steckte das Gerät wieder in die Tasche, er war noch nicht im Dienst, okay, es war nach neun, aber er hatte ein Grimbergen vor sich stehen, und im Dienst trinkt man keinen Alkohol, also war es noch vor acht!

2

In diesem Jahr hatten wir fest damit gerechnet, dass die Kinder etwas Besseres vorhätten, als die alten Eltern nach Noordkapelle zu begleiten. Klar, der Campingurlaub war eine klasse Idee gewesen. Wir konnten Tristan und Edda fünfzehn Jahre lang einen Urlaub in Hotelbunkern in Spanien oder in Urlaubsclubs in Belek ersparen, aber jetzt waren die beiden in einem Alter, in dem man unbedingt in einen hippen Bunker in Spanien oder so einen coolen Club in Belek musste. Auf jeden Fall fuhr man doch nicht mehr mit den Eltern an die Nordsee.

Tristan war neunzehn und verbrachte seine Freizeit bevorzugt an der Westfalia-Tankstelle in unserem Heimatort, wo er mit gleichaltrigen Heiopeis Fragen diskutierte, wie die, ob es sinnvoll sei, eine blaue LED-Beleuchtung unter den Opel Corsa zu montieren, damit er, zumindest optisch, wie ein UFO über die B 9 schwebte, und welche Endstufen man in den Kofferraum installieren könnte, damit dem Subwoofer unter dem Fahrersitz die Geräuschkulisse eines startenden Jumbos zu entlocken wäre.

Edda war seit zehn Monaten nicht mehr ansprechbar, denn Alex war in ihr Leben getreten, sehr zum Leidwesen von Eddas Vater, also mir, der an dem jungen Mann einiges auszusetzen hatte. Er war zu alt, er könnte ihr Vater sein, er war schon zweiundzwanzig, er hatte Ringe in den Ohren, und ich meine Ringe »in« den Ohren, nicht solche, die ganz normal unten dranhingen. Die Ringe waren ins Ohr gesetzt, sodass ein regelrechtes Loch im Ohrläppchen entstand, ein Loch, das Alex »Tunnel« nannte, ich fand es total scheiße, Edda fand es total sexy. Aber es gab noch ein viel größeres Problem: Er war einfach ein netter Kerl. Fürchterlich! Und dann gab es noch eine kleine Nebensächlichkeit: Sie liebte ihn. Herrgott, was soll man da als Vater noch sagen. Am besten: nichts!

Es heißt ja immer, wenn die Kinder klein sind, gib ihnen Wurzeln, wenn sie groß sind, gib ihnen Flügel. Irgendwann muss man loslassen können, und ich war bereit. Ich war bereit, Tristan samt Opel Corsa in die freie Welt zu entlassen, und ich war auch schon dabei, mich mit Alex abzufinden, aber ich hatte mir dafür eine Belohnung einfallen lassen. Ich würde ab jetzt meine Urlaube mit Anne allein verleben. Wir hatten eine Zeit lang diskutiert, ob wir den Wohnwagen verkaufen und wie alle anderen auch in kleinen oder großen Hotels Urlaub machen sollten, aber dann waren da diese Bilder: Anne und ich hinter dem Windschutz mit einer Flasche richtig gutem Rotwein, Tristan in der stinkenden Gracht kackstolz mit dem geangelten Mini-Karpfen, Edda mit den Freundinnen im nagelneuen Hello-Kitty-Bikini und Anne und ich in den Dünen, ganz allein, wenn der Tag übergeht in die Nacht, in der die Sterne um so vieles heller sind als in Köln oder in Bonn oder irgendwo sonst auf dieser Welt.

Okay, es musste ein neuer Wohnwagen her. Unser alter Dethleffs verfügte über ein Kinderzimmer, die Lampen und die Gardinen in diesem Bereich waren mit kleinen Krokodilen verziert. Ich weiß noch sehr genau, dass ein Elefant mit einer blauen Latzhose bei Tristan ein größerer Erfolg gewesen wäre, eine kleine rosafarbene Prinzessin hätte sicher bei Edda reüssiert, aber es waren halt kleine grüne Krokodile. Und die passten nun wirklich nicht mehr zu siebzehn- und neunzehnjährigen jungen Erwachsenen.

So tagte also der Familienrat, und ich präsentierte die Prospekte von Zwei-Personen-Caravans. Die Hersteller Fendt und Tabbert hatten sich da einiges einfallen lassen.

Im Bug ein französisches Bett, um das man herumgehen konnte, nicht wie in unserer Möhre, bei der Anne von der Fußseite her ins Bett krabbelte und ich hinterher mit einem Köpper über sie springen musste, was Geräusche hervorrief, die unseren Nachbarn Lothar vielleicht vor Neid erblassen ließen, die allerdings eher durch die wenig durchdachte Architektur unseres Wohnwagens als durch unser ausschweifendes innercaravaniges Liebesleben hervorgerufen wurden.

An der Heckseite dieses moderneren Wohnwagens war eine Rundsitzgruppe untergebracht, die den Vergleich mit der Sitzgelegenheit auf der Jacht des russischen Ölmagnaten Abramowitsch sicher nicht zu scheuen brauchte.

Alles gut, alles schön, der Möbelbau genügte den Anforderungen von dem Herrn Glööckler aus den unsäglichen Fernsehsendungen, die Anne nachts durchaus in Ekstase zu versetzen in der Lage waren.

Ein feines Gefährt, aber für Edda und Tristan war der Fall klar: »Und wo wohnen wir da?« Völlig überraschend brandete mir eine Welle der Entrüstung entgegen.

Die Antwort war eindeutig: »Nirgends, ihr wohnt ganz normal in einem Hotel am Plattensee oder am Ballermann wie eure ganzen Klassenkameraden auch!«

Was war ich froh, als ich die Antwort erfuhr.

»Kein Stück! Wir fahren mit euch in dem Wohnwagen«, sagte Tristan, »und wenn ich den Wohnwagen alleine brauche, dann rufe ich euch an, dann übernachtet ihr im ›Zeerover‹!«

»Mein Sohn!«

Wir behielten unseren guten alten Dethleffs 560 TK. Die Kinder hatten die Flügel in den Kleiderschrank gestellt, und so waren wir wieder unterwegs in Richtung Holland.

Edda simste permanent mit Alex: »Wir sind jetzt schon in Köln, ich vermisse dich sehr! In Kerpen melde ich mich wieder.« Dann schaute sie kurz nach, ob bei Facebook irgendwelche Neuigkeiten auftauchten.

Ich hatte ihr verboten zu twittern, dass wir gerade auf dem Weg in den Urlaub sind. Meine Wohnung ausräumen kann ich auch alleine.

So saß ich da, in meinem A6 Avant, auf dem Beifahrersitz des A6 Avant, und schaute zu, wie mein Sohn den Boliden in Richtung Antwerpen steuerte. Ja, es hatte sich etwas verändert.

3

Hilft alles nix, Nordsee hilft nicht, Robert hilft nicht, und das Grimbergen hilft auch nicht. Die Zahnschmerzen blieben einfach da, wo sie waren, und das Handy vibrierte auch schon wieder.

Piet las resigniert »Annemieke«, und er drückte auf die verhängnisvolle Stelle mit dem grünen Telefon.

»Hoi, Piet, wo steckst du denn?«

»Im ›Zeerover‹!«

»Der ›Zeerover‹ hat um diese Uhrzeit noch gar nicht auf.«

»Wenn er nicht aufhätte, wäre ich ja nicht da, stell mir eine Frage!«

»Welche Farbe hat das Bikinioberteil von der Piratenbraut?«

»Rot!«

»Okay, ich bin in zwanzig Minuten da und hole dich ab. Sonst kommst du wieder mit dem Fahrrad!«

»Worum geht’s denn?«

»Wir haben eine Frauenleiche, auf einem Hausboot, also rühr dich nicht vom Fleck!«

Eine Leiche, so kurz vor dem Rentenalter, sieben Jahre vor der Pension, das brauchte niemand. Er ließ einen weiteren Schluck Grimbergen an der entzündeten Zahnwurzel vorbeilaufen. Und dann noch auf einem Hausboot. Damals, als er jung und ehrgeizig war, hatte er sich manchmal ausgemalt, wie es wäre, wenn eine Leiche auf einem Hausboot gefunden würde. Alle Zeugen noch an Bord, und er wäre Hercule Poirot, der durch die Kabine schlenderte, der einen Verdächtigen nach dem anderen auf die Planken nageln würde, bis einer von ihnen sich verraten würde …

Vielleicht war Piet der größte noch lebende Agatha-Christie-Fan weltweit. Er hatte ganz sicher zu viele ihrer Romane gelesen, und heute wusste er es besser. Er hatte in fast vierzig Dienstjahren eines erfahren: Für das wahre Leben hat Agatha Christie das Drehbuch nicht verfasst. Das normale Leben ist nicht spannend, es ist kein Spiegel gesellschaftlicher Verwerfungen, das Leben ist langweilig, und es ist lang. Du musst es rumkriegen, und du musst dir Leben leisten können. Der Detektiv ist kein Held, der Detektiv ist ein Mann, der sich langweilt, und der Detektiv hat die Rente noch nicht durch. Und wo eine Leiche gefunden wird, ist egal, eine Leiche ist scheiße, egal, wo sie liegt.

Aber auf einem Hausboot soll erst recht keine liegen. Ein Hausboot, das ist Piets Traum. Der Kanaal door Walcheren hat eine direkte Verbindung zum Meer. So ein Hausboot ist ein Platz zum Leben, zum Altwerden, mit dem Wasser unter dem Bug. Ein Boot, auch wenn es nicht fährt, ist heilig, da darf keine Leiche gefunden werden.

Sechs Hausboote lagen am Londensekaai, vielleicht einhundertfünfzig Meter entfernt von seinem Haus am Turfkaai, von seinem »Grijse Dolfijn«, von dem grauen Haus, das an das Zentrum von Middelburg und an den Binnenhaven grenzt, einhundertfünfzig Meter von diesem wunderbaren Zuhause, wo er seine Wohnung bei Mevrouw Joosses seit Jahren für eine Spottmiete bewohnte.

Vielleicht war Juliana seine beste Freundin, sie war schön, sie war klug, sie konnte wunderbar zuhören, und sie war nicht seine Geliebte. Das war wichtig. Männer können einfach Freunde sein, Frauen können einfach Freundinnen sein. Aber wenn ein Mann und eine Frau Freunde sind, dann musst du nur ein einziges Mal ganz freundschaftlich miteinander ins Bett gehen, und am nächsten Morgen ist nichts mehr so, wie es war. Das muss nicht so sein, das kann aber so sein. Piet hatte es schon einige Male erlebt. Juliana war nicht seine Geliebte, Juliana war jugendliche dreiundneunzig Jahre alt.

Annemieke stand plötzlich in der Tür. Sie war so gekleidet, wie nur Annemieke morgens um 9:14 Uhr im »Zeerover« gekleidet war. Sie trug einen leichten Pullover, der ein Muster aus beigebraunen und hellblauen Rauten aufwies, eine helle Jeans und Penny-Loafer. Ihre Kleidung war immer ein bisschen sportlich, ein bisschen edel, ein bisschen teuer, aber nie aufgesetzt, es war halt die Kleidung, die man trägt, wenn man Annemieke Breukink ist.

Sie stand vor Piet, sie sagte nichts, nichts zu seinem Frühstück im »Zeerover«, nichts zu dem Grimbergen, das vor ihm stand, um 9:14 Uhr. Sie setzte sich auf den Korbstuhl auf der Terrasse ihm gegenüber, zog ihre Notizkladde aus der Tasche und las, ohne ihn anzusehen: »Der Anruf kam heute Morgen um 7:17 Uhr in der Zentrale an, anonym. Auf der ›Lieveling‹ hätte es einen Unfall gegeben.«

»Die ›Lieveling‹ liegt am Londensekaai, oder?«

»Ja, ich habe die Agenten Munniks und Jonker zum Tatort geschickt. Die Jungs sind sofort los, und sie haben erst gar nichts Verdächtiges gesehen. Jannis wollte zurück auf die Wache, aber Remco hat ein Fenster gesehen, das nach außen gekippt war. Er zog es auf, schob die Vorhänge zur Seite, und er sah eine schlafende Frau.«

»Und er ist wieder gegangen!«

»Nein, er hat sie angesprochen, er hat gerufen! Sie hat nicht reagiert.«

»Und …?«

»Er ist durch das Fenster geklettert. Sie hat nicht geschlafen. Sie war tot!«

4

Wir leben im einundzwanzigsten Jahrhundert, in dem die Stadt Köln nicht mehr in der Lage ist, eine U-Bahn zu bauen, in dem in der schönen Hansestadt Hamburg der Bau der Elbphilharmonie den Kostenvoranschlag mal eben um über tausend Prozent übersteigt und in dem es in Berlin heißt: »Niemand hat die Absicht, einen Flughafen zu errichten.« Auf WDR 2 wird regelmäßig über rückwärtsfahrende Lkw auf der Leverkusener Autobahnbrücke berichtet, weil der rumänische Dave Dudley am Steuer erst mitten in der Baustelle gemerkt hat, dass die Passage seinen Chef möglicherweise einige Tausend Euro kostet, weil diese marode Rhein-Querung für Lkw über 3,5 Tonnen gesperrt ist.

Wie schön, wenn man in diesen Zeiten erkennt, dass es auch in anderen Ländern ganz besondere Spezialisten für die Planung von Autobahntrassen gibt. Ich weiß noch, in grauer Vorzeit, als ich mit meinen Eltern nach Paris gefahren bin, um meinen Austauschschüler zu besuchen, da war ich begeistert von den belgischen Autobahnen. Alles komplett beleuchtet, alles in einem wunderbaren Zustand. Diese Auffassung relativiert sich gewaltig, wenn man heute mal in der Ferienzeit versucht, Antwerpen zu passieren. Dazu kommen diese ganzen Belgier auf der Autobahn. Ich weiß, ich bin ein bisschen niederlandophil, aber man muss wirklich mal mit diesem Klischee aufräumen, dass der Niederländer nicht Auto fahren kann. Der Niederländer bewegt sich in seinem gelb beschilderten Vehikel, gern auch mit Anhänger, so locker und gelassen, dass man sich vorstellen möchte, er wäre kurz vor Fahrtantritt erfolgreich aus einem Coffee-Shop getreten. Den Belgier mit dem rot-weißen Nummernschild erkennt man dagegen schon vor dem Einstieg in sein Gefährt an dem cremeweißen feinporigen Schaum, der ihm bedrohlich aus den Mundwinkeln sickert. Er fährt grundsätzlich rechts, dort überholt er die gelassenen Deutschen und Holländer, die grundsätzlich links fahren und sich dabei fast an die Geschwindigkeitsbegrenzung halten. Der Belgier verlässt die schöne freie rechte Fahrspur nur, wenn diese unverschämterweise von vor sich hin schleichenden LKW blockiert wird. Dann zieht der belgische Hasardeur kurzzeitig fünfunddreißig Zentimeter vor dem auszubremsenden PKW auf die linke Fahrspur, dabei muss er den linken Zeigefinger nicht an die Schläfe führen, weil der da bereits festgetackert ist. In Belgien herrscht ein Tempolimit von 120, das der Belgier bereits auf der Beschleunigungsspur erreicht, um dann den 3er BMW direkt auf die ortsüblichen zweihundertachtzig zu beschleunigen. Abgesehen von der Kurzsichtigkeit in Bezug auf Verkehrsschilder mit Tempobegrenzungen geht der Belgier auch davon aus, dass der 3er BMW in den Kofferraum eines Audi passt, sonst würde er doch niemals so dicht auffahren.

Mit der Raserei ist aber zu meinem großen Glück spätestens zwanzig Kilometer vor Antwerpen Schluss, weil der belgische Autobahnplaner ab zwanzig Kilometer vor dem Antwerpener Ring, auf dem Antwerpener Ring und bis zwanzig Kilometer nach dem Antwerpener Ring einen Autobahnbaustellenfeldversuch durchführt, der in der Lage ist, an langen Wochenenden oder zu Ferienzeiten den Verkehr vollkommen zum Erliegen zu bringen. Dieser Autobahnbaustellenfeldversuch existiert seit zwanzig Jahren, größere Baufortschritte sind seitdem nicht zu erkennen. Zwar sieht man hier und da einige belgische Straßenbauarbeiter, aber die Frage »Wie viele arbeiten denn hier?« kann man getrost mit »Maximal zehn Prozent!« beantworten. Die überwiegende Mehrheit stimmt sich gelassen auf den Feierabend ein, an dem sie endlich die ganze Gelassenheit wieder ablegen kann, um mit dem 3er BMW mit zweihundertachtzig nach Hause zu brettern.

Wer in den Sommerferien pünktlich in Zeeland sein will, sollte am Ende der Osterferien losfahren.

5

Piet war immer ein Mann, jetzt nicht so ein muskelbepacktes Wesen, das von Illustrierten-Covern auf Tankstellenbesucher herabschaut, aber ein Mann. Kein Marathonläufer, kein Fitnessstudio-Eisenbieger, aber immerhin war er im Jahre 1985 die Elfstedentocht gelaufen, die Elfstädtetour auf Schlittschuhen durch Friesland. Er war auf gut geschliffenen Kufen über zugefrorene Kanäle, Flüsse und Seen von Sneek nach Leeuwarden gerannt, und er ließ damals hundertfünfzig andere durchaus ambitionierte Sportler hinter sich und erreichte das Ziel auf Platz 16.233.

Seither hielt sich sein sportlicher Ehrgeiz in Grenzen, aber er achtete stets darauf, dass die Gürtelschnalle im dritten Loch blieb. In neunundfünfzig Jahren hatte er gelernt, männlich zu riechen, ohne vorher von der Fischbude in Noordkapelle durch den Wald bis nach Domburg und zurück gesprintet zu sein.

Ein Mann. Kein Pirat, kein Cowboy, kein Indianer, aber Schmerz war ihm peinlich. Normalerweise besorgte sich Piet seine Medikamente bei seinem Freund, bei Rutger, dem Zahnarzt. Rutger hatte, wie viele niederländische Ärzte, seine Apotheke in der Praxis. Aber plötzlich wusste Piet gar nicht mehr, wo dieser Rutger wohnte, und wenn er es sich genau überlegte, wusste er nicht einmal mehr, wie Rutger hieß.

Annemieke parkte den Dienstpeugeot am Bahnhof in Middelburg. Piet musste sie nicht darauf hinweisen, sie wusste aus einigen Jahren der Erfahrung, dass er gerne ein paar Meter zu Fuß zum Tatort ging. Er brauchte diese Schritte, um die Witterung aufzunehmen. Sie war ja schon froh, dass er nicht mit dem Fahrrad gekommen war.

Sie gingen zu Fuß über die Stationsstraat und die Koningsbrug zum Binnenhaven. Links konnte er den »Grijse Dolfijn« sehen, rechter Hand lagen die Hausboote entlang des Londensekaais sicher an der Mole vertäut, wie immer, wie eine Kette aus sechs Perlen, wie immer, und doch war etwas nicht wie immer, in einem dieser Boote, die für Piet den Traum vom Leben darstellten, einem Leben in Einklang. Das Meer, der Kanal, die Stadt, das Leben. In eines dieser Lebensboote war der Tod eingezogen.

Sie gingen noch hundert Meter die Straße hinauf in Richtung Buitenhaven, und da sahen sie schon die verräterischen Blitzlichter im Innern eines der Boote. Gestalten in weißen Overalls waren hinter orangerotfarbenen Vorhängen nur zu erahnen.

Sie betraten mit einem einzigen größeren Schritt die mit silberweiß schimmerndem Stabdeck ausgelegte Terrasse.

Neben der Eingangstür stand Remco, der versuchte, eine verräterische Zigarette unauffällig über Bord zu schnippen. Es gelang ihm nicht.

»Hoi, Remco!«

»Hallo, Annemieke, hoi, Piet! Ich habe den Bürgersteig nicht sperren lassen, sonst hätten wir hier erst recht den Menschenauflauf. Es ist immer ein Agent an Deck. Ist das okay so?«

»Ja, ist wohl ’ne gute Idee. Wie viele seid ihr?«

»Jannis und ich und zwei Kollegen vom Diebstahl.«

»Das müsste reichen. Und wie sieht’s drinnen aus?«

Remco schüttelte den Kopf. »Kann ich nicht erklären, guckt euch das mal selber an. Ich hab so etwas noch nicht gesehen.«

Piet duckte sich instinktiv ein wenig, als er durch die Eingangstür aus dunkelgrauem Rauchglas trat. Es wäre nicht nötig gewesen. Das war kein Hausboot, wie Piet es kannte. Es sah von außen so aus, aber wenn man die Glastür passiert hatte, betrat man kein Hausboot. Es gab keine kleine Kombüse, keinen Wohnraum, kein Schlafzimmer. Es wirkte eher wie ein Loft, helles Grau und shirazrote Akzente dominierten den großen Raum, der trotz der zugezogenen Vorhänge wegen zwei riesiger Dachfenster licht und hell wirkte.

Thijs Joziasse, der Polizeifotograf, hatte seine Nikon D3 und seinen Fotokoffer auf einem Schreibtisch aus grauem Lack abgestellt, neben einer schwarzen Schreibtisch-Leuchte von Artemide.

Hinter dem Schreibtisch hing das großformatige Porträt einer älteren Dame, die tiefen, vertikalen Gesichtsfalten erinnerten ihn an etwas, er ging näher an die Fotografie heran und murmelte: »Jagger.«

Annemieke drehte sich zu ihm um. »Wie, Jagger?«

»Dort auf dem Foto, die alte Dame ist Mick Jagger!«

Der Fotograf stöhnte. »Corbijn, Anton Corbijn. Das Motiv ist Jagger, aber der Fotograf ist Anton Corbijn. Kostet ein Schweinegeld. Die Dame muss ganz schön was an den hübschen Füßen gehabt haben, wenn sie sich so was leisten kann.«

Der nackte Körper lag auf einem Seidentuch, welches das große, fast quadratische Bett bedeckte. Sie war keine alte Dame, sie war eine wunderschöne Frau. Die Augen waren nicht schreckvoll aufgerissen, wie Piet es schon öfter in seiner Laufbahn gesehen hatte. Sie waren sanft geschlossen. Die Szene hatte nichts Bedrohliches, nichts Tödliches, nichts Endgültiges. Der Körper war makellos, die Haut war ebenmäßig, seidig schimmernd, bronzefarben, unter den Brauntönen wäre es eine edle Blässe. Um den Hals hatte sie eine Perlenkette getragen, die nun zerrissen war, zwei Perlen lagen verloren auf der roten Seide.

Annemieke betrachtete die Perlen, ohne sie aufzunehmen. »Ich bin kein Juwelier, aber wenn du mich fragst, sind das Naturperlen, rund bis semirund, schöner seidiger Lüster, kaum Spots, eine fantastische Kette.«

Der schöne Kopf mit den tizianroten Haaren war das Gegenteil von Mick Jagger, keine einzige Falte durchzog das Gesicht. Er lag auf ihrem rechten Oberarm. Sie schien völlig entspannt. Das linke Bein war über dem rechten angewinkelt. Die Szene wirkte so, als würde sie gleich blinzeln, sich strecken und aufstehen, um sich einen Tee zu kochen. Sie war nackt. Es schien fast, als lächelte sie. Sie war beinahe perfekt, sie hatte nur einen Fehler, sie war tot.

Piet ging zu dem Bett. Er musste nicht wirklich versuchen, den Puls zu finden, er wusste es, sie war tot, er konnte es nur nicht sehen. Er konnte seinen Augen nicht trauen. Er umfasste mit Daumen und Mittelfinger das Handgelenk, und ja, natürlich, er spürte diese Kälte sofort. Sie war tot, sie war die schönste Tote, die er gesehen hatte.

»Kanntest du sie?«

»Kennen ist übertrieben, ich habe sie ein paar Mal gesehen.«

Schließlich wohnte sie nur hundertfünfzig Meter von ihm entfernt. Ja, er hatte diese Frau ein paar Mal gesehen, wenn sie am Binnenhaven entlangging. Ihm fiel ein, dass er sich einmal gefragt hatte, ob diese hochhackigen Pumps und das Kopfsteinpflaster in Middelburg nicht ein unüberbrückbarer Gegensatz waren. Warum kannte er sie nicht, warum kennt man die Menschen nicht mehr, die zwei Häuserblocks weiter wohnen? Sie ging nicht in seine Kneipen, sie kaufte nicht in seinen Läden, auch in seinem Middelburg lebten Menschen nebeneinanderher. Sie hatte ihn nie angesprochen, er hatte sie nie angesprochen, er hätte sich nicht getraut.

Remco unterbrach seine Gedanken: »Dann hat dieser Dr. Ten Dracht seinen Job ja pünktlich angetreten!«

Dr. Henk ten Dracht hatte erst am letzten Montag seinen Einstand gegeben, mit einer kleinen, feinen After-Work-Party im »Sint John« am Vismarkt, nicht in dem alten roten Klinkerhaus, in dem die Pathologie untergebracht war. Aber es gab doch eine kleine Führung durch die »neue« Pathologie. Henk ten Dracht hatte ganze Arbeit geleistet. Piet war nah daran gewesen, das Haus noch einmal zu verlassen, um die Hausnummer zu kontrollieren, aber es war die Vlissingsestraat No. 14, da gab es gar keinen Zweifel, wenn auch die Einrichtung, die Wandfarbe, das gesamte Interieur mit keinem einzigen Detail an die Zeit erinnerte, als noch Arie Tromp der Patholoog Anatoom war.

Über Monate war die Stelle in Middelburg unbesetzt gewesen, über Jahre wäre das niemandem aufgefallen. Und Piet sah sich bestätigt. Er hatte immer gesagt, eine Stadt wie Middelburg, so nah am Meer, so nah am Himmel, braucht einfach keine »Afdeling Bloed, Zweet en Tranen!«. Dreimal kam ein Spezialist aus Bergen op Zoom zu einer Begutachtung vorbei, das war es auch schon. Piet war kein Freund von staatlichen Sparprogrammen, aber die Planstelle des Pathologen in Middelburg hätte man bequem abschaffen können.

Nun, es wäre das erste Mal gewesen, dass in Justiz- und Polizeikreisen von Middelburg irgendetwas so angeordnet worden wäre, wie Piet es gewollt hatte. Dr. Henk ten Dracht kam aus Nijmegen, wo er als Hochschullehrer an der Radboud-Universität Molekulare Lebenswissenschaften gelehrt hatte. Warum er einen solchen Beruf gegen die Pathologie in Middelburg eintauschte, verstand wohl niemand. Außer Piet, der sofort erkannte, im Vergleich zu Nijmegen ist in Middelburg jeder Job besser.

»Wo ist die Kleidung?«

»Welche Kleidung?« Remco sah ihn verdutzt an. »Ach ja, die Kleidung, also hier im Raum ist nichts. Das Schlafzimmer ist unten.«

Die schlafende Frau war tot. Das Bett war oben und das Schlafzimmer unten. Es war nicht nur keine Kleidung da, kein Pullover, keine Jeans, kein Kleid, keine Schuhe, es war gar nichts da. Nichts. Alles war perfekt, nur die Kette war zerrissen. Neben einem Bett musste ein Buch liegen, aber da lag kein Buch auf einem Nachttischchen, da standen keine Gläser, keine Kaffeetasse, keine Flasche Wein.

Piet fuhr sich durch das Haar. Er zwinkerte. Das machte er manchmal, wenn ihn seine Sehkraft im Stich ließ, zwei Mal zwinkern, dann maß sein Autofokus die Bildbereiche neu aus, lokalisierte das Motiv und stellte wieder scharf, meistens. Jetzt half es nicht. Er hatte Nebel im Kopf, dichten grauen Nebel, die Schwaden waberten durch sein Hirn. Er sah ein Bild, die Farben waren brillant, die Tiefenschärfe war perfekt, die Kontraste hätten klarer nicht sein können, doch es war keine Fotografie, es war eine Fotomontage. Nebel im Kopf. Er konnte, er durfte seinen Augen nicht trauen.

Neben der Eingangstür verdeckte ein dunkelroter seidener Paravent eine Wendeltreppe.

»Was ist da unten?«

»Ein Büro, ein Bad und zwei Schlafzimmer.«

Es gab ein Untergeschoss, ein »Unterwassergeschoss«. Kleine rechteckige Oberlichter erhellten die Räume nur unzureichend, kein Vergleich zu dem hellen, lichtdurchfluteten Loft ein Stockwerk höher.

Annemieke und er betraten das Bad, es war penibel gepflegt. Da war eine gerundete Glaskabine an der Dusche. Piet kannte den pH-Wert des Leitungswassers in Middelburg, doch er sah keine weißen Kalkablagerungen. Das Bad war sauber, aber es lebte. Ein Morgenmantel hing an einem Haken neben der Tür, die Wand mit dem Waschbecken war komplett verspiegelt, die Zahnpastatube war benutzt worden. In den Borsten der Haarbürste auf dem Bord unter dem Spiegel hatten sich zwei tizianrote Haare verfangen. Kein Vergleich zu dem Arrangement im Loft.

»Darum wird sich die SpuSi kümmern«, sagte Annemieke.

»Die sollen …«

»Ja, die nehmen die Haare aus der Bürste ganz sicher mit!«

Der letzte Raum war wieder ein Schlafzimmer. Und wieder ein Jagger. Mick Jagger war auf der großformatigen Fotografie dieses Mal im Profil abgebildet. Er trug eine Jacke oder ein Hemd im Leopardenmuster und eine venezianische Augenmaske, das Haar wirr. Beinahe hätte Piet ihn nicht erkannt. Aber Jagger streckte auf dem Bild seine Zunge heraus, und auch wenn Piet eher auf der Beatles-Hemisphäre heimisch war, diese Zunge konnte nur einem gehören.

»Thijs?!«

Die Antwort kam aus dem Bad: »Ich komme!«

»Thijs, ist das wieder ein Corbijn?«

»Allerdings!«

»Corbijn, das ist ein Niederländer …«

»Ja, kommt ursprünglich aus Strijen, wohnt aber jetzt in London. Er hat alles fotografiert, was bildende Kunst oder Rockmusik macht. Jeff Koons wie Depeche Mode, Gerhard Richter wie Johnny Cash, ist einer der bedeutendsten Fotografen weltweit und … schweineteuer!«

Das Bett hatte keine Seidendecke. Die Kissen waren sorgfältig aufgeschlagen, es gab keine Tagesdecke. Auf dem schwarzen Tischchen neben dem Bett stand eine Flasche Spa blauw, daneben lag eine Brille, und da war auch das Buch, das ihm oben gefehlt hatte. Maarten ’t Hart: »Der Schneeflockenbaum«.

Piet kannte das Buch, schöne Geschichte, böse, aber schön. Er mochte Maarten ’t Hart, guter Autor, natürlich nicht so gut wie Agatha Christie, aber doch, er mochte ihn.

»Piet, was ist los?« Annemieke betrachtete fragend ihren Chef, sie musste ihn schon einige Zeit so angesehen haben.

Jetzt drehte er sich zu ihr um. »Nichts! Nur diese Zahnschmerzen!«

»Soll ich Rutger anrufen, der kann dich ganz bestimmt dazwischennehmen, in so einem Notfall!«

»Ich bin kein Notfall, ich habe Zahnschmerzen, aber ich sterbe nicht!«

»Wie du meinst!«

Jannis stand plötzlich im Türrahmen. »Chef, ich habe die Unterlagen vom Einwohnermeldeamt. Gemeldet als Mieterin an dieser Adresse ist Mevrouw Romy van Zwamen, geboren in Goes am 14. Februar 1979, dann wäre sie siebenunddreißig Jahre alt. Wir haben hier noch keine Ausweise, keine Papiere mit Lichtbild gefunden, aber vom Alter und Geschlecht … das könnte sie sein. Inhaber des Hausbootes ist eine Firma: ›secure.lab ltd.‹, eingetragen im Handelsregister von Middelburg seit 2008, die Adresse ist Park Veldzigt 69, hier in Middelburg, Geschäftsführer ist ein Fabio Contento. Das Mietverhältnis besteht seit 2012.«

»Contento«, entfuhr es Annemieke. »Moment, das sagt mir was. Ist das nicht der Mann von der Sicherheitsfirma, die im neuen Haus von Ten Dracht die Diebstahlsicherung installiert hat? Dieser Contento war doch bei der Feier im ›Sint John‹. Kannst du dich erinnern?«

»Natürlich, ja!«

Piet hatte kein Problem mit seinem Alter, kein Problem mit der zunehmenden Graufärbung seines Haupthaars, nicht einmal mit dem zunehmenden Bauchfett um die Körpermitte herum, aber dass sein Namensgedächtnis nachließ, das ärgerte ihn maßlos. Der Name Contento sagte ihm rein gar nichts. Und so ein Name, italienisch oder so, der müsste ihm doch präsent sein. Wenn dieser Contento ihm seine Telefonnummer gegeben hätte, die könnte er bestimmt noch auswendig, vielleicht würde ihm auch sein Gesicht bekannt vorkommen, aber der Name? Irgendwann ist im Leben eines jeden Detektivs die Rente durchaus eine Option.

»Ja, natürlich, ich kann mich erinnern, dieser Sicherheitsmensch!«

Piet spürte wieder diesen stechenden Schmerz. Wenn der einfach bleiben würde, vorhanden wäre, dann könnte er sich daran gewöhnen, aber dieser miese Schmerz verabschiedete sich zwischenzeitlich, und zwar so, dass man es gar nicht spürte. Wenn etwas nicht wehtut, dann spürt man es ja nicht. Man ist da nicht erleichtert. Aber wenn er wiederkommt, plötzlich und stechend, das spürst du!

Es half nichts, er musste etwas unternehmen. Er sah auf die Uhr und beendete die Tatortbesichtigung. »Ich gehe eben in die Apotheke, wir treffen uns um zwölf im Präsidium.«

6

Rianne! Rianne war die Lösung, Rianne war Apothekerin, selbstständige Apothekerin, sie hatte ihr Geschäft in der Stadhuisstraat, und jetzt, da sein Entschluss gefasst war, musste er sich nur noch eine Ausrede überlegen, warum er sich in den letzten zwanzig Jahren nie gemeldet hatte. Gut, er hatte sie getroffen, wie man in der Stadhuisstraat eben Menschen trifft, sie hatten sich gegrüßt. Aber man hätte einer alten Schulkameradin theoretisch auch mal etwas gönnen können, Aufmerksamkeit zum Beispiel.

Aber Rianne war immer eine Frau gewesen. In der Abschlussklasse an der Latijnse School Middelburg, kurz vor dem VWO-Eindexamen, man kann auch Abi sagen, da waren alle Mädchen Mädchen, nur Rianne war eine Frau. Alle trugen Wrangler-Jeans, weil der Popo erst in einer Wrangler-Jeans zum perfekten Mädchenhintern wurde, nur Rianne trug geblümte Sommerkleider. Alle steckten barfuß in Chucks, nur Rianne trug weißbesockt schwarze Riemchensandaletten. Er wusste nicht mehr, warum, aber Rianne hatte ihm immer Angst gemacht. In den Pausen oder auf den Partys hatte er sie angeschaut, so wie man ein schönes Bild anschaut, aber schöne Frauen auf Bildern oder Illustrierten konnte man nun einmal nicht anfassen. Und Rianne war für ihn immer unerreichbar.

Piet ging über die Herenstraat, entlang der Fußgängerzone Lange Delft und über den Markt zum Stadhuis. Das Stadhuis an der Kopfseite des Marktplatzes ist ein spätgotisches Bauwerk mit den typischen Rundbögen, aber auch mit verspielten Ornamenten, mit Turm und Türmchen, mit den typischen zeeländischen rot-weißen Holzblenden. Und es ist, zusammen mit dem Lange Jan, dem fünfundachtzig Meter hohen Turm der Koorkerk, das Wahrzeichen Middelburgs. Die Leser der Zeitung »Trouw« hatten das alte Rathaus 2007 zum zweitschönsten Gebäude der Niederlande gewählt.

Piet las den »pzc«, den »Provinciale Zeeuwse Courant«, und ab und zu mal »De Telegraaf«, wenn im »Sint John« mal einer liegen geblieben war. »Trouw« las er nicht, aber eines musste man den Lesern dieser Zeitung lassen: Geschmack hatten sie.

Hinter dem alten Rathaus verläuft die Stadhuistraat. Piet verlangsamte seinen Schritt. Die Zeeuwse Apotheek hatte kein Schaufenster im eigentlichen Sinne, warum auch? Warum sollte man Medikamente konsumfördernd zur Schau stellen? Man kauft das Zeug, wenn man krank ist, und wenn man gesund ist, macht man um Apotheken einen großen Bogen. Es kam Piet sehr zupass, dass die großen Glasflächen des Geschäfts nicht mit überflüssiger Dekoration zugestellt waren. Er bezog Stellung auf der anderen Straßenseite und beobachtete den Verkaufsraum, ganz der routinierte Detektiv.

Eine ältere Kundin hatte anscheinend größeren Bedarf an diversen Tabletten, Tropfen und Dragees. Die Verkäuferin im weißen Kittel und mit blonder Kurzhaarfrisur überragte die Oma mindestens um anderthalb Haupteslängen, und es war eindeutig nicht Rianne. Piet wartete ab, bis die alte Dame medikamentös wohlgerüstet den Verkaufsraum verließ, und wollte gerade die Straße überqueren, als ein junger Mann im grauen Bankangestelltenzwirn durch die Eingangstür huschte. Piet verharrte auf seinem Beobachtungsposten.

Er musste schmunzeln. Er erinnerte sich an das letzte Mal, als er eine Viertelstunde lang vor einer Apotheke herumgelungert hatte, bis er sich hineintraute, das war irgendwann in den 1980er-Jahren. Aids war zum Thema geworden, und die Aufklärungskampagne »Kondome schützen« hatte auch Piet überzeugt. In der Apotheke stand eine sehr hübsche, sehr junge Verkäuferin, und Piet hatte so lange gewartet, bis sie Mittagspause machte und ein Apotheker in seinen Sechzigern hinter dem Tresen ihren Platz einnahm. Piet hatte die Chance sofort ergriffen, war an den Tresen gestürmt und hatte Präservative verlangt.

»Welche Packungsgröße?«, hatte der Herr hinter dem Tresen völlig unaufgeregt gefragt.

Piet dachte einen Moment lang nach. »Na, so eine Familienpackung, denke ich!«

Der Herr im weißen Kittel und mit Fliege lächelte Piet an und sprach: »Ich denke, genau das wollen wir doch verhindern, junger Mann!«

Piet wäre damals gern im Erdboden versunken, und nun stand er wieder vor einer Apotheke und wartete einen günstigen Moment hab. Der graue Banker gab ihm die Klinke in die Hand.

Die blonde Riesin, sie war sicher auch zehn Zentimeter größer als er, fragte freundlich: »Guten Tag, was kann ich für Sie tun?«

»Ich bräuchte Schmerztabletten, Zahnschmerztabletten, sehr starke Zahnschmerztabletten.«

»Haben Sie ein Rezept?«

Wie denn, wenn man seinen Zahnarzt aus dem Kontakte-Ordner gelöscht hatte? Das würde er der Apotheken-Amazone lieber nicht erzählen. Er würde überhaupt nichts erklären, also sagte er nur: »Nein!«

Sie überlegte kurz und sagte: »Ich bin mir nicht sicher, welches der stärkste nicht verschreibungspflichtige Schmerzstiller ist, Herr Inspecteur. Moment, ich frage die Chefin.«

Mist, sie hatte ihn also erkannt, von irgendeinem Foto in der Zeitung, oder woher auch immer, und jetzt wollte sie dem »Herrn Inspecteur« auch noch den besten Service angedeihen lassen, anstatt ihm einfach irgendeine Hammertablette zu geben, um ihn damit seinem Schicksal zu überlassen.

Natürlich verschwand sie durch die Glastür in die hinteren Räume, natürlich rief sie »Rianne!«, natürlich schaute ihn Rianne eine halbe Minute später über den Tresen hinweg mit ihren großen braunen Rehaugen an, und natürlich fragte sie: »Piet, du?«

»Ääh, ja, hallo, Rianne! Du, ich habe starke Zahnschmerzen.«

»Du hast Schmerzen? Das hätte ich nicht für möglich gehalten. Seit wann?«

»Ääh, seit … drei oder vier Tagen?« Es war nur ein kleines bisschen untertrieben.

»Und warum gehst du da nicht zu Rutger Ritsma?«

Natürlich, ja sicher, das hätte er sich ja denken können.

»Ich kenne keinen Rutger Ritsma!«

»Sicher kennst du Rutger Ritsma, er war bei uns in der Klasse, und er ist jetzt ein sehr guter Zahnarzt. Moment, das weißt du doch alles!«

»Ich kenne keinen Rutger Ritsma, ich habe ihn aus meinem Kontakte-Ordner gelöscht.«

»Soso, na gut, es geht mich ja auch nichts an. Hier, das ist eine Ibu-Dent 400.«

»Ich hatte eher an eine Ibu-Dent 4000 gedacht!«

»Die 400er wirken bei leichten bis mäßigen Zahnschmerzen sehr gut, nimm bitte erst mal eine. Und weil du das natürlich nicht tust: Wenn du zwei nimmst, fahr bitte kein Auto. Und vielleicht hast du ja noch irgendwo eine Sicherheitskopie von deinem Kontakte-Ordner!«

»Okay, tot ziens!«

Piet verließ die Apotheke. Pah, Ibu-Dent 400, leichte bis mäßige Schmerzen. Er überlegte, ob er Rianne aus seinem Kontakte-Ordner löschen sollte, aber das ging nicht. Sie stand nicht drin.

7

Die Saté-Sauce ist die pure Verführung, eine sündhaft leckere Erdnusssauce, die urspünglich aus Indonesien oder Thailand stammt, wo sie zum Grillgericht Satay gehörte. Einwohner der ehemaligen Kolonie Niederländisch-Indien haben sie dann nach Europa gebracht, wo sie die Esskultur der Niederlande revolutionierte. Zusammen mit gegrillten Geflügelspießen und der niederländischen Knollenspezialität Frietjes bildet sie ein diätetisches Abendessen, das ich eigentlich gegen fünf Uhr nachmittags im »Zeerover« einzuwerfen gedachte.