Nach Jahrzehnten der Abwesenheit kehrt ein wohlhabender Geschäftsmann in seinen Heimatort zurück. Kaum dort eingetroffen, wird er zum Mittelpunkt des Interesses, der Spekulation und kleinbürgerlicher Fantasien der Ortsansässigen. Doch als weltläufiger Mann ist er der Mißgunst und dem Rufmord, mit dem seine Mitbürger allen Nestflüchtigen begegnen, bei weitem nicht so ausgeliefert wie seine Nachbarin, die junge Witwe des ehemaligen Gerichtsvollziehers. Das Aufeinandertreffen dieser beiden Einzelgänger wird zu einer schicksalhaften Begegnung.

In Die Heimkehr erzählt Hermann Hesse eine zarte Liebesgeschichte, in der zwei gesellschaftliche Außenseiter, ein Weltenbummler und eine Witwe, im jeweils anderen eine neue Heimat und Geborgenheit finden.

Hermann Hesse, geboren am 2. Juli 1877 in Calw, starb am 9. August 1962 in Montagnola bei Lugano (Tessin). 1946 erhielt er den Nobelpreis für Literatur.

Hermann Hesse

Die Heimkehr

Suhrkamp

Die Heimkehr wurde erstmals 1909 abgedruckt in der Berliner Zeitschrift Die Neue Rundschau, in Buchform zuerst 1912 in Hermann Hesse, Umwege. Die vorliegende Ausgabe folgt dem Band 7 der von Volker Michels herausgegebenen Sämtlichen Werke des Autors, erschienen 2001 im Suhrkamp Verlag Frankfurt am Main.

Umschlagabbildung: August Zirner als August Staudenmeyer (August Schlotterbeck) in der SWR-Verfilmung von Jo Baier (2011)

Foto: Markus Fenchel © SWR

ebook Suhrkamp Verlag Berlin 2012

© Suhrkamp Verlag Berlin 2012

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Umschlaggestaltung: Hermann Michels, Regina Göllner

eISBN 978-3-518-77850-0

www.suhrkamp.de

Die Gerbersauer wandern nicht ungern, und es ist Herkommen, daß ein junger Mensch ein Stück Welt und fremde Sitte sieht, ehe er sich selbständig macht, heiratet und sich für immer in den Bann der heimischen Gewohnheiten begibt. Doch pflegen die meisten schon nach kurzen Wanderzeiten die Vorzüge der Heimat einzusehen und wiederzukehren, und es ist eine Rarität, daß einer bis in die höheren Mannesjahre oder gar für immer in der Fremde hängenbleibt. Immerhin kommt es je und je einmal vor und macht den, der es tut, zu einer widerwillig anerkannten, doch vielbesprochenen Berühmtheit in der Heimatstadt.

Ein solcher war August Schlotterbeck, der einzige Sohn des Weißgerbers Schlotterbeck an der Badwiese. Er ging wie andere junge Leute auf Wanderschaft, und zwar als Kaufmann, denn er war als Knabe schwächlich gewesen und für die Gerberei untauglich befunden worden. Später freilich zeigte sich, daß die Zartheit und Schwäche nur eine Laune der Wachstumsjahre gewesen und dieser August ein recht kräftiger und zäher Bursche war. Jedoch hatte er nun schon den Handelsberuf ergriffen und schaute im Schreibstubenrock auf die Handwerker mit einigem Mitleid herab, seinen Vater nicht ausgenommen. Und sei es nun, daß der alte Schlotterbeck dadurch an Vaterzärtlichkeit verlor, sei es, daß er in Ermangelung weiterer Söhne doch einmal darauf verzichten mußte, die alte Schlotterbecksche Gerberei der Familie zu erhalten – kurz, er begann gegen seine alten Tage das Geschäft sichtlich zu vernachlässigen und es sich wohl sein zu lassen und endete damit, daß er seinem einzigen Sohn das Geschäft so verschuldet hinterließ, daß August froh sein mußte, es um ein Geringes an einen jungen Gerber loszuwerden.

Vielleicht war dies die Ursache, daß August länger als nötig in der Fremde verblieb, wo es ihm übrigens gut erging, und schließlich überhaupt nimmer an die Heimkehr dachte. Als er etwas über dreißig Jahre alt war und weder zur Begründung eines eigenen Geschäftes noch zu einer Heirat Veranlassung gefunden hatte, erfaßte ihn spät ein Reisedurst. Er hatte die letzten Jahre bei gutem Gehalt in einer Fabrikstadt der Ostschweiz gearbeitet, nun gab er diese Stellung auf und begab sich nach England, um mehr zu lernen und nicht einzurosten. Obwohl ihm England und die Stadt Glasgow, in der er Arbeit genommen hatte, nicht sonderlich gefiel, geschah es doch, daß er dort sich an ein Weltbürgertum und eine unbeschränkte Freizügigkeit gewöhnte und das Zugehörigkeitsgefühl zur Heimat verlor oder auf die ganze Welt ausdehnte. Und da ihn nichts hielt, kam ihm ein Angebot aus Chicago, als Direktor eine Fabrik zu leiten, ganz gelegen, und er war bald in Amerika so heimisch oder so wenig heimisch geworden wie an den früheren Orten. Längst sah ihm niemand mehr den Gerbersauer an, und wenn er einmal Landsleute traf, was alle paar Jahre vorkam, begrüßte und behandelte er sie nett und höflich wie andere Leute auch, wodurch ihm in der Heimat der Ruf erwuchs, er sei zwar reich und gewaltig, aber auch hochmütig und amerikanisch geworden.

Als er nach Jahren in Chicago genug gelernt und genug gespart zu haben meinte, folgte er seinem einzigen Freunde, einem Deutschen aus Südrußland, in dessen Heimat und tat dort in Bälde eine kleine Fabrik auf, die ihn ernährte und einen guten Ruf genoß. Er heiratete die Tochter seines Freundes und dachte nun für den Rest seines Lebens unter Dach zu sein. Aber das Weitere ging nicht nach seinem Sinn. Zunächst verdroß und bekümmerte es ihn, daß er ohne Kinder blieb, worüber seine Ehe an Frieden und Genüge viel verlor. Dann starb die Frau, was ihm trotz allem weh tat und den rüstigen Mann etwas älter und nachdenklicher machte. Nach einigen weiteren Jahren begannen die Geschäfte sich zu verschlechtern und infolge von politischen Unruhen am Ende bedenklich zu stocken. Als aber wiederum ein Jahr später auch noch sein Freund und Schwiegervater starb und ihn ganz allein ließ, war es um die Ruhe und Seßhaftigkeit des Mannes geschehen. Er merkte, daß doch nicht ein guter Fleck Erde gleich dem andern ist, wenigstens nicht für einen, dessen Jugend und Glückszeit sich gegen das Ende neigt. Er dachte mehr und mehr daran, wie er sich noch eines zufriedenen Alters versichern möchte, und da die Geschäfte wenig Lockung mehr für ihn hatten, andrerseits der Wandertrieb und die Schwungkraft der früheren Jahre sich verloren hatten, kreiste die Sehnsucht und Hoffnung des alternden Fabrikanten zu seiner eigenen Verwunderung immer enger und begehrlicher um das Heimatland und um das Städtlein Gerbersau, dessen er in Jahrzehnten nur selten und ohne Rührung gedacht hatte.

Eines Tages faßte er mit der Schnelligkeit und Ruhe seiner früheren Zeiten den Beschluß, die kaum noch rentierende Fabrik aufzugeben und das Land zu verlassen. Ohne Übereilung betrieb er den Verkauf seines Geschäftes, dann den des Hauses und endlich des gesamten Hausrats, brachte das ledig gewordene Vermögen vorläufig in süddeutschen Banken unter, brach sein Zelt ab und reiste über Venedig und Wien nach Deutschland.

Mit Behagen trank er an einer Grenzstation das