Wolfgang Koeppen

Tauben im Gras

Herausgegeben von
Hans-Ulrich Treichel

Suhrkamp Verlag

eBook Suhrkamp Verlag Berlin 2014

Textgrundlage für das eBook ist die 43. Auflage des suhrkamp taschenbuchs 601 von 2014.

Der Text des Taschenbuchs folgt der 1. Auflage der Ausgabe: Wolfgang Koeppen, Werke. Band 4: Tauben im Gras. Herausgegeben von Hans-Ulrich Treichel, Frankfurt am Main: Suhrkamp Verlag 2006, S. 9-228.

Damit ist der Text der vorliegenden Ausgabe identisch mit der Erstausgabe von 1951, bereinigt um die Druckfehler und ergänzt um das Vorwort zur Taschenbuchausgabe von 1956.

© Suhrkamp Verlag Frankfurt am Main 2006

Alle Rechte vorbehalten, insbesondere das der Übersetzung, des öffentlichen Vortrags sowie der Übertragung durch Rundfunk und Fernsehen, auch einzelner Teile.

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Umschlaggestaltung: Göllner, Michels, Zegarzewski

eISBN 978-3-518-73760-6

www.suhrkamp.de

»Pigeons on the grass alas«

Gertrude Stein

Handlung und Personen des Romans Tauben im Gras sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit Personen und Geschehnissen des Lebens sind Zufall und vom Verfasser nicht beabsichtigt.

»Tauben im Gras« wurde kurz nach der Währungsreform geschrieben, als das deutsche Wirtschaftswunder im Westen aufging, als die ersten neuen Kinos, die ersten neuen Versicherungspaläste die Trümmer und die Behelfsläden überragten, zur hohen Zeit der Besatzungsmächte, als Korea und Persien die Welt ängstigten und die Wirtschaftswundersonnen vielleicht gleich wieder im Osten blutig untergehen würde. Es war die Zeit, in der die neuen Reichen sich noch unsicher fühlten, in der die Schwarzmarktgewinner nach Anlagen suchten und die Sparer den Krieg bezahlten. Die neuen deutschen Geldscheine sahen wie gute Dollars aus, aber man traute doch mehr den Sachwerten, und viel Bedarf war nachzuholen, der Bauch war endlich zu füllen, der Kopf war von Hunger und Bombenknall noch etwas wirr, und alle Sinne suchten Lust, bevor vielleicht der dritte Weltkrieg kam. Diese Zeit, den Urgrund unseres Heute, habe ich geschildert, und ich möchte nun annehmen, sie allgemeingültig beschrieben zu haben, denn man glaubte, in dem Roman »Tauben im Gras« einen Spiegel zu sehen, in dem viele, an die ich beim Schreiben nicht gedacht hatte, sich zu erkennen wähnten, und manche, die ich nie in Verhältnissen und Bedrückungen vermutet hatte, wie dieses Buch sie malt, fühlten sich zu meiner Bestürzung von mir gekränkt, der ich nur als Schriftsteller gehandelt hatte und nach dem Wort Georges Bernanos’ »das Leben in meinem Herzen filterte, um die geheime, mit Balsam und Gift erfüllte Essenz herauszuziehen«.

(Vorwort zur Taschenbuchausgabe, 1956)

Flieger waren über der Stadt, unheilkündende Vögel. Der Lärm der Motoren war Donner, war Hagel, war Sturm. Sturm, Hagel und Donner, täglich und nächtlich, Anflug und Abflug, Übungen des Todes, ein hohles Getöse, ein Beben, ein Erinnern in den Ruinen. Noch waren die Bombenschächte der Flugzeuge leer. Die Auguren lächelten. Niemand blickte zum Himmel auf.

Öl aus den Adern der Erde, Steinöl, Quallenblut, Fett der Saurier, Panzer der Echsen, das Grün der Farnwälder, die Riesenschachtelhalme, versunkene Natur, Zeit vor dem Menschen, vergrabenes Erbe, von Zwergen bewacht, geizig, zauberkundig und böse, die Sagen, die Märchen, der Teufelsschatz: er wurde ans Licht geholt, er wurde dienstbar gemacht. Was schrieben die Zeitungen? KRIEG UM ÖL, VERSCHÄRFUNG IM KONFLIKT, DER VOLKSWILLE, DAS ÖL DEN EINGEBORENEN, DIE FLOTTE OHNE ÖL, ANSCHLAG AUF DIE PIPELINE, TRUPPEN SCHÜTZEN BOHRTÜRME, SCHAH HEIRATET, INTRIGEN UM DEN PFAUENTHRON, DIE RUSSEN IM HINTERGRUND, FLUGZEUGTRÄGER IM PERSISCHEN GOLF. Das Öl hielt die Flieger am Himmel, es hielt die Presse in Atem, es ängstigte die Menschen und trieb mit schwächeren Detonationen die leichten Motorräder der Zeitungsfahrer. Mit klammen Händen, mißmutig, fluchend, windgeschüttelt, regennaß, bierdumpf, tabakverbeizt, unausgeschlafen, alpgequält, auf der Haut noch den Hauch des Nachtgenossen, des Lebensgefährten, Reißen in der Schulter, Rheuma im Knie, empfingen die Händler die druckfrische Ware. Das Frühjahr war kalt. Das Neueste wärmte nicht. SPANNUNG, KONFLIKT, man lebte im Spannungsfeld, östliche Welt, westliche Welt, man lebte an der Nahtstelle, vielleicht an der Bruchstelle, die Zeit war kostbar, sie war eine Atempause auf dem Schlachtfeld, und man hatte noch nicht richtig Atem geholt, wieder wurde gerüstet, die Rüstung verteuerte das Leben, die Rüstung schränkte die Freude ein, hier und dort horteten sie Pulver, den Erdball in die Luft zu sprengen, ATOMVERSUCHE IN NEU-MEXIKO, ATOMFABRIKEN IM URAL, sie bohrten Sprengkammern in das notdürftig geflickte Gemäuer der Brücken, sie redeten von Aufbau und bereiteten den Abbruch vor, sie ließen weiter zerbrechen, was schon angebrochen war: Deutschland war in zwei Teile gebrochen. Das Zeitungspapier roch nach heißgelaufenen Maschinen, nach Unglücksbotschaften, gewaltsamem Tod, falschen Urteilen, zynischen Bankrotten, nach Lüge, Ketten und Schmutz. Die Blätter klebten verschmiert aneinander, als näßten sie Angst. Die Schlagzeilen schrien: EISENHOWER INSPIZIERT IN BUNDESREPUBLIK, WEHRBEITRAG GEFORDERT, ADENAUER GEGEN NEUTRALISIERUNG, KONFERENZ IN SACKGASSE, VERTRIEBENE KLAGEN AN, MILLIONEN ZWANGSARBEITER, DEUTSCHLAND GRÖSSTES INFANTERIEPOTENTIAL. Die Illustrierten lebten von den Erinnerungen der Flieger und Feldherren, den Beichten der strammen Mitläufer, den Memoiren der Tapferen, der Aufrechten, Unschuldigen, Überraschten, Übertölpelten. Über Kragen mit Eichenlaub und Kreuzen blickten sie grimmig von den Wänden der Kioske. Waren sie Acquisiteure der Blätter, oder warben sie ein Heer? Die Flieger, die am Himmel rumorten, waren die Flieger der andern.

Der Erzherzog wurde angekleidet, er wurde hergestellt. Hier ein Orden, da ein Band, ein Kreuz, ein strahlender Stern, Fangschnüre des Schicksals, Ketten der Macht, die schimmernden Epauletten, die silberne Schärpe, das goldene Vlies, Orden del Toison de oro, Aureum Vellus, das Lammfell auf dem Feuerstein, zum Lob und Ruhm des Erlösers, der Jungfrau Maria und des heiligen Andreas wie zum Schutz und zur Förderung des christlichen Glaubens und der heiligen Kirche, zur Tugend und Vermehrung guter Sitte gestiftet. Alexander schwitzte. Übelkeit quälte ihn. Das Blech, der Tannenbaumzauber, der gestickte Uniformkragen, alles schnürte und engte ihn ein. Der Garderobier fummelte zu seinen Füßen. Er legte dem Erzherzog die Sporen an. Was war der Garderobier vor den blankgewichsten Schaftstiefeln des Erzherzogs? Eine Ameise, eine Ameise im Staub. Das elektrische Licht in der Umkleidekabine, diesem Holzverschlag, den man Alexander anzubieten wagte, kämpfte mit der Morgendämmerung. Was war es wieder für ein Morgen! Alexanders Gesicht war käsig unter der Schminke; es war ein Gesicht wie geronnene Milch. Schnäpse und Wein und entbehrter Schlaf gärten und gifteten in Alexanders Blut; sie klopften ihm von innen den Schädel. Man hatte Alexander in aller Frühe hierher geholt. Die Gewaltige lag noch im Bett, Messalina, seine Frau, das Lustroß, wie man sie in den Bars nannte. Alexander liebte sein Weib; wenn er an seine Liebe zu Messalina dachte, war die Ehe, die er mit ihr führte, schön. Messalina schlief, aufgeschwemmt das Gesicht, die Augentusche verwischt, die Lider wie von Faustschlägen getroffen, die grobporige Haut, ein Droschkenkutscherteint, vom Trunk verwüstet. Welche Persönlichkeit! Alexander beugte sich vor der Persönlichkeit. Er sank in die Knie, beugte sich über die schlafende Gorgo, küßte den verqueren Mund, atmete den Trunk, der nun wie ein reines Spiritusdestillat durch die Lippen drang: »Was ist? Gehst du? Laß mich! Oh, mir ist schlecht!« Das war es, was er an ihr hatte. Auf dem Weg zum Badezimmer trat sein Fuß in Scherben. Auf dem Sofa schlief Alfredo, die Malerin, klein, zerzaust, hingesunken, niedlich, Erschöpfung und Enttäuschung im Gesicht, Krähenfüße um die geschlossenen Augen, mitleiderregend. Alfredo war amüsant, wenn sie wach war, eine schnell verbrennende Fackel; sie sprühte, witzelte, erzählte, girrte, scharfzüngig, erstaunlich. Der einzige Mensch, über den man lachen konnte. Wie nannten die Mexikaner die Lesbierinnen? Es war was wie Maisfladen, Tortilleras, wohl ein flacher gedörrter Kuchen. Alexander hatte es vergessen. Schade! Er hätte es anbringen können. Im Badezimmer stand das Mädchen, das er aufgegabelt, das er mit seinem Ruhm angelockt hatte, mit dieser schiefen Visage, die jedermann kannte. Schlagzeilen der Filmblätter: ALEXANDER SPIELT DEN ERZHERZOG, DER DEUTSCHE SUPERFILM, DER ERZHERZOG UND DIE FISCHERIN, die hatte er gefischt, aufgefischt, abgetischt. Wie hieß sie noch? Susanne! Susanne im Bade. Sie war schon angezogen. Billiges Konfektionskleid. Strich mit Seife über die Laufmasche im Strumpf. Hatte sich mit dem Guerlain seiner Frau begossen. War mißmutig. Maulig. Das waren sie nachher immer. »Na, gut bekommen?« Er wußte nicht, was er sagen sollte. Eigentlich war er verlegen. »Dreckskerl!« Das war es. Sie wollten ihn. Alexander, der große Liebhaber! Hatte sich was! Er mußte sich duschen. Das Auto hupte unten wie verrückt. Die waren auf ihn angewiesen. Was zog denn noch? Er zog noch. ALEXANDER, DIE LIEBE DES ERZHERZOGS. Die Leute hatten die Nase voll; sie hatten genug von der Zeit, genug von den Trümmern; die Leute wollten nicht ihre Sorgen, nicht ihre Furcht, nicht ihren Alltag, sie wollten nicht ihr Elend gespiegelt sehen. Alexander streifte den Schlafanzug ab. Das Mädchen Susanne sah neugierig, enttäuscht und böse auf alles, was an Alexander schlapp war. Er dachte ›schau dir es an, erzähl, was du willst, sie glauben es dir nicht, ich bin ihr Idol‹. Er prustete. Der kalte Strahl der Dusche schlug seine schlaffe Haut wie eine Peitsche. Schon wieder hupten sie unten. Die hatten es eilig, sie brauchten ihren Erzherzog. In der Wohnung schrie ein Kind, Hillegonda, Alexanders kleines Mädchen. Das Kind schrie: »Emmi!« Rief das Kind um Hilfe? Angst, Verzweiflung, Verlassenheit lag in dem Kinderschrei. Alexander dachte ›ich müßte mich um sie kümmern, ich müßte Zeit haben, sie sieht blaß aus‹. Er rief: »Hille, bist du schon auf?« Warum war sie so früh schon auf? Er prustete die Frage ins Handtuch. Die Frage erstickte im Handtuch. Die Stimme des Kindes schwieg, oder sie ging unter im wütenden Hupen des wartenden Wagens. Alexander fuhr ins Atelier. Er wurde angekleidet. Er wurde gestiefelt und gespornt. Er stand vor der Kamera. Alle Scheinwerfer leuchteten auf. Die Orden glitzerten im Licht der Tausendkerzenbirnen. Das Idol spreizte sich. Man drehte den Erzherzog EINE DEUTSCHE SUPERPRODUKTION.

Die Glocken riefen zur Frühmesse. Hörst-du-das-Glöcklein-läuten? Teddybären hörten zu, Puppen hörten zu, ein Elefant aus Wolle und auf roten Rädern hörte zu, Schneewittchen und Ferdinand der Stier auf der bunten Tapete vernahmen das traurige Lied, das Emmi, die Kinderfrau, langgezogen und klageweibisch sang, während sie den mageren Körper des kleinen Mädchens mit einer rauhen Bürste schrubbte. Hillegonda dachte ›Emmi du tust mir weh, Emmi du kratzt mich, Emmi du ziepst mich, Emmi deine Nagelfeile sticht mich‹, aber sie wagte der Kinderfrau, einer derben Person vom Lande, in deren breitem Gesicht die einfache Frömmigkeit der Bauern böse erstarrt war, nicht zu sagen, daß ihr wehgetan wurde und daß sie litt. Der Gesang der Kinderfrau, hörst-du-das-Glöcklein-läuten, war eine immerwährende Mahnung und hieß: klage nicht, frage nicht, freue dich nicht, lache nicht, spiele nicht, tändele nicht, nütze die Zeit, denn wir sind dem Tod verfallen. Hillegonda hätte lieber noch geschlafen. Sie hätte lieber noch geträumt. Sie hätte auch gern mit ihren Puppen gespielt, aber Emmi sagte: »Wie darfst du spielen, wenn dich Gott ruft!« Hillegondas Eltern waren böse Menschen. Emmi sagte es. Man mußte für die Sünden der Eltern büßen. So begann der Tag. Sie gingen zur Kirche. Eine Straßenbahn bremste vor einem jungen Hund. Der Hund war struppig und ohne Halsband, ein herrenloser, verlaufener Hund. Die Kinderfrau drückte Hillegondas kleine Hand. Es war kein freundlicher, beistehender Druck; es war der feste unerbittliche Griff des Wächters. Hillegonda blickte dem kleinen herrenlosen Hund nach. Sie wäre lieber hinter dem Hund hergelaufen, als mit der Kinderfrau in die Kirche gegangen. Hillegonda preßte die Knie zusammen, Furcht vor Emmi, Furcht vor der Kirche, Furcht vor Gott bedrückte ihr kleines Herz; sie machte sich schwer, sie ließ sich ziehen, um den Weg zu verzögern, aber die Hand des Wächters zerrte sie weiter. So früh war es noch. So kalt war es noch. So früh war Hillegonda schon auf dem Wege zu Gott. Die Kirchen haben Portale aus dicken Bohlen, schwerem Holz, eisernen Beschlägen und kupfernen Bolzen. Fürchtet sich auch Gott? Oder ist auch Gott gefangen? Die Kinderfrau faßte die kunstgeschmiedete Klinke und öffnete spaltbreit die Tür. Man konnte gerade zu Gott hineinschlüpfen. Es duftete bei Gott wie am Weihnachtstag nach Wunderkerzen. Bereitete sich hier das Wunder vor, das schreckliche, das angekündigte Wunder, die Vergebung der Sünden, die Lossprechung der Eltern? ›Komödiantenkind‹ dachte die Kinderfrau. Ihre schmalen, blutlosen Lippen, Asketenlippen in einem Bauerngesicht, waren wie ein scharfer, für die Ewigkeit gezogener Strich. ›Emmi ich fürchte mich‹ dachte das Kind. ›Emmi die Kirche ist so groß, Emmi die Mauern stürzen ein, Emmi ich mag dich nicht mehr, Emmi liebe Emmi, Emmi ich hasse dich!‹ Die Kinderfrau sprengte Weihwasser über das zitternde Kind. Ein Mann drängte durch den Spalt der Tür. Fünfzig Jahre Mühe, Arbeit und Sorge lagen hinter ihm, und nun hatte er das Gesicht einer verfolgten Ratte. Zwei Kriege hatte er erlebt. Zwei gelbe Zähne verwesten hinter seinen immer flüsternden Lippen; er war in ein endloses Gespräch verstrickt; er sprach zu sich: wer sonst hätte ihm zugehört? Hillegonda folgte auf ihren Zehen der Kinderfrau. Düster waren die Pfeiler, das Mauerwerk war von Splittern verwundet. Kälte, wie aus einem Grab, wehte das Kind an. ›Emmi verlaß mich nicht, Emmi Hillegonda Angst, gute Emmi, böse Emmi, liebe Emmi‹ betete das Kind. ›Das Kind zu Gott führen, Gott straft bis ins dritte und vierte Glied‹ dachte die Kinderfrau. Die Gläubigen knieten. Sie sahen in dem hohen Raum wie verhärmte Mäuse aus. Der Priester las den Meßkanon. Die Wandlung der Elemente. Das Glöcklein läutete. Herr-vergib-uns. Der Priester fror. Wandlung der Elemente! Macht, der Kirche und ihren Dienern verliehen. Vergeblicher Traum der Alchimisten. Schwärmer und Schwindler. Gelehrte. Erfinder. Laboratorien in England, in Amerika, auch in Rußland. Zertrümmerung. Einstein. Blick in Gottes Küche. Die Weisen von Göttingen. Das Atom fotografiert: zehntausendmillionenfache Vergrößerung. Der Priester litt unter seiner Nüchternheit. Das Flüstern der betenden Mäuse rieselte wie Sand über ihn. Sand des Grabes, nicht Sand des Heiligen Grabes, Sand der Wüste, die Messe in der Wüste, die Predigt in der Wüste. Heilige-Maria-bitt-für-uns. Die Mäuse bekreuzten sich.

Philipp verließ das Hotel, in dem er die Nacht verbracht, aber kaum geschlafen hatte, das Hotel zum Lamm, in einer Gasse der Altstadt. Er hatte wach auf der harten Matratze gelegen, dem Bett der Handlungsreisenden, der blumenlosen Wiese der Paarung. Philipp hatte sich der Verzweiflung hingegeben, einer Sünde. Das Schicksal hatte ihn in die Enge getrieben. Die Flügel der Erinnyen schlugen mit dem Wind und dem Regen gegen das Fenster. Das Hotel war ein Neubau; die Einrichtung war fabrikfrisch, gelacktes Holz, sauber, hygienisch, schäbig und sparsam. Ein Vorhang, zu kurz, zu schmal und zu dünn, um vor dem Lärm und dem Licht der Straße zu schützen, war mit dem Muster einer Bauhaustapete bedruckt. In regelmäßigen Abständen flammte der Schein eines Leuchtschildes, das Gäste für den gegenüberliegenden Ecartéclub anlocken sollte, ins Zimmer: ein Kleeblatt entfaltete sich über Philipp und entwischte. Unter dem Fenster schimpften Spieler, die ihr Geld verloren hatten. Betrunkene torkelten aus dem Bräuhaus. Sie pißten gegen die Häuser und sangen die-Infanterie-die-Infanterie, verabschiedete, geschlagene Eroberer. Auf den Stiegen des Hauses war ein fortwährendes Kommen und Gehen. Das Hotel war ein Bienenstock des Teufels, und jedermann in dieser Hölle schien zur Schlaflosigkeit verdammt. Hinter den windigen Wänden wurde gejohlt, gerülpst und Dreck weggespült. Später war der Mond durch die Wolken gebrochen, die sanfte Luna, die Leichenstarre.

Der Wirt fragte ihn: »Bleiben Sie noch?« Er fragte es grob, und seine kalten Augen, todbitter im glatten ranzigen Fett befriedigter Freßlust, gesättigten Durstes, im Ehebett sauer gewordener Geilheit, blickten Philipp mißtrauisch an. Philipp war am Abend ohne Gepäck in das Hotel gekommen. Es hatte geregnet. Sein Schirm war naß gewesen, und außer dem Schirm hatte er nichts bei sich gehabt. Würde er noch bleiben? Er wußte es nicht. Er sagte: »Ja, ja.« »Ich zahle für zwei Tage«, sagte er. Die kalten, todbitteren Augen ließen ihn los. »Sie wohnen hier in der Fuchsstraße«, sagte der Wirt. Er betrachtete Philipps Meldezettel. ›Was geht es ihn an‹, dachte Philipp, ›was geht es ihn an wenn er sein Geld bekommt.‹ Er sagte: »Meine Wohnung wird geweißt.« Es war eine lächerliche Ausrede. Jeder mußte merken, daß es eine Ausrede war. ›Er wird denken ich verstecke mich, er wird sich genau denken was los ist, er wird denken daß man mich sucht.‹

Es regnete nicht mehr. Philipp trat aus der Bräuhausgasse auf den Böttcherplatz. Er zögerte vor dem Haupteingang des Bräuhauses, am Morgen einem geschlossenen Schlund, aus dem es nach Erbrochenem dunstete. Auf der anderen Seite des Platzes lag das Café Schön, der Club der amerikanischen Negersoldaten. Die Vorhänge hinter den großen Spiegelfenstern waren zur Seite gezogen. Die Stühle standen auf den Tischen. Zwei Frauen spülten den Unrat der Nacht auf die Straße. Zwei alte Männer kehrten den Platz. Sie wirbelten Bierdeckel, Luftschlangen, Narrenkappen der Trinker, zerknüllte Zigarettenpackungen, geplatzte Gummiballons auf. Es war eine schmutzige Flut, die mit jedem Besenstoß der Männer Philipp näher rückte. Hauch und Staub der Nacht, der schale tote Abfall der Lust hüllten Philipp ein.

Frau Behrend hatte es sich gemütlich gemacht. Ein Scheit prasselte im Ofen. Die Tochter der Hausbesorgerin brachte die Milch. Die Tochter war unausgeschlafen und hungrig. Sie war hungrig nach dem Leben, wie es ihr Filme zeigten, sie war eine verwunschene Prinzessin, zu niederem Dienst gezwungen. Sie erwartete den Messias, die Hupe des Erlöserprinzen, den Millionärssohn im Sportwagen, den Fracktänzer der Cocktail-Bar, das technische Genie, den vorausschauenden Konstrukteur, den Knock-out-Sieger über die Zurückgebliebenen, die Feinde des Fortschritts, Jung-Siegfried. Sie war schmalbrüstig, hatte rachitische Gelenke, eine Bauchnarbe und einen verkniffenen Mund. Sie fühlte sich ausgenutzt. Ihr verkniffener Mund flüsterte: »Die Milch, Frau Obermusikmeister.«

Geflüstert oder gerufen: die Anrede zauberte das Bild schöner Tage. Aufrecht schritt der Musikmeister an der Spitze des Regiments durch die Stadt. Aus Fell und Blech dröhnte der Marsch. Schellen rasselten. Die Fahne hoch. Die Beine hoch. Die Arme hoch. Herrn Behrends Muskeln stemmten sich gegen das Tuch der engen Uniform. Die Platzmusik im Waldpavillon! Der Meister dirigierte den Freischütz. Unter dem Befehl seines ausgestreckten Stabes stiegen Carl Maria von Webers romantische Klänge pianissimo gedämpft in die Wipfel der Bäume. Frau Behrends Brust hob und senkte sich den Wogen des Meeres gleich am Gartentisch der Wirtschaft. Ihre Hände ruhten in Filethandschuhen auf dem buntgewürfelten Leinen der Kaffeetafel. Für diese Stunde der Kunst sah sich Frau Behrend aufgenommen in den Kreis der Damen des Regiments. Leier und Schwert, Orpheus und Mars verbrüderten sich. Frau Major bot liebenswürdig das Mitgebrachte an, das Selbstgebackene, die Schichttorte aus dreierlei Mus, in den Ofen geschoben, während der Major auf dem Pferde saß, den Kasernenhof kommandierte, das Auf-marsch-marsch, und dazu die Paukenwirbel der Wolfsschlucht.

Konnten sie uns nicht in Frieden lassen? Frau Behrend hatte den Krieg nicht gewollt. Der Krieg verseuchte die Männer. Beethovens Totenmaske musterte bleich und streng die enge Mansarde. Ein bronzebärtiger und barettierter Wagner balancierte vergrämt auf einem Stoß klassischer Klavierauszüge, der vergilbenden Hinterlassenschaft des Musikmeisters, der sich in irgendeiner vom Führer besetzten und dann wieder verlorenen Gegend Europas an eine bemalte Schlampe gehängt hatte und nun in Gott weiß was für Kaffeehäusern für Neger und Veronikas Wenn-ich-nach-Alabama-komm spielte.

Er kam nicht nach Alabama. Er entwischte nicht. Die Zeit der Gesetzlosigkeit war vorbei, die Zeit, die meldete GRUPPENFÜHRER ALS RABBINER IN PALÄSTINA, BARBIER DIREKTOR DER FRAUENKLINIK. Die Akteure waren eingefangen; sie saßen, saßen hinter Gittern ihre neuen, viel zu milden Strafen ab: Kazettler, Verfolgte, Deserteure, Doktortitelschwindler. Es gab wieder Richter in Deutschland. Der Musikmeister zahlte die Mansarde, er zahlte das Scheit im Ofen, die Milch in der Flasche, den Kaffee im Topf. Er zahlte es vom Alabama-Sündenlohn. Ein Tribut an die Ehrbarkeit! Was hilft’s? Alles wird teurer, und wieder sind es Schleichwege, die zu den Annehmlichkeiten des Daseins führen. Frau Behrend trank Maxwell-Coffee. Sie kaufte den Kaffee beim Juden. Beim Juden – das waren schwarzhaarige, gebrochenes Deutsch sprechende Leute, Unerwünschte, Ausländer, Hergewehte, die einen vorwurfsvoll aus dunkelschimmernden, nachtverwobenen Augen ansahen, von Gas und Grabgräben wohl sprechen wollten und Hinrichtungsstätten im Morgengrauen, Gläubiger, Gerettete, die mit dem geretteten Leben nichts anderes zu beginnen wußten, als auf den Schuttplätzen der zerbombten Städte (warum mit Bomben beworfen? mein Gott, warum geschlagen? für welche Sünde gestraft? die fünf Zimmer in Würzburg, Heim am Südhang, Blick über die Stadt, Blick über das Tal, der Main schimmernd, die Morgensonne auf dem Balkon, FÜHRER BEIM DUCE, warum?) in kleinen schnell errichteten Buden, den windigen Notläden Unverzolltes und Unversteuertes zu verkaufen. »Sie lassen uns nichts«, sagte die Lebensmittelhändlerin, »nichts, sie wollen uns zu Grunde richten.« In der Villa der Lebensmittelhändlerin wohnten die Amis. Sie wohnten seit vier Jahren in dem beschlagnahmten Haus. Sie gaben die Wohnung aneinander weiter. Sie schliefen in dem Doppelbett aus geflammter Birke, dem Schlafzimmer der Aussteuer. Sie saßen im Altdeutschen Zimmer in den Ritterstühlen, inmitten der Pracht der achtziger Jahre, die Beine auf dem Tisch, und leerten ihre Konservenbüchsen, die Fließbandnahrung CHIKAGO PACKT TAUSEND OCHSEN PRO MINUTE, ein Jubel in ihrer Presse. Im Garten spielten die fremden Kinder, tütenblau, dottergelb, feuerrot, angezogen wie Clowns, siebenjährige Mädchen die Lippen wie Huren geschminkt, die Mütter in Schlosserhosen, die Waden aufgekrempelt, fahrende Leute, unernste Menschen. Der Kaffee im Laden der Händlerin verschimmelte, verzollt und übersteuert. Frau Behrend nickte. Sie vergaß nie den Respekt, den sie der Krämerin schuldete, die Furcht, anerzogen in der harten Schule der Markenzeit AUFRUF ZWEIUNDSECHZIGEINHALB GRAMM WEICHKÄSE. Nun gab es wieder alles. Bei uns jedenfalls. Wer konnte es kaufen? VIERZIG MARK KOPFGELD. Sechs Prozent Aufwertung des Ersparten und vierundneunzig Prozent in den Wind geschrieben. Der eigene Bauch am nächsten. Die Welt war hart. Soldatenwelt. Soldaten packten hart zu. Bewährung. Das Gewicht stimmte wieder. Für wie lange? Zucker verschwand aus den Geschäften. In England fehlte Fleisch. Wo ist der Sieger, ich will ihn bekränzen? Bacon heißt Speck. Ham ist dasselbe wie Schinken. Fett lag das Geräucherte im Fenster des Schlächters Schleck. »Bitte vom Mageren.« Das Schlächtermesser trennte das gelblich weißliche schwabbelnde Fett von der rötlichen Faser des Kerns. Wo ist der Sieger, ich will ihn bekränzen? Die Amis waren reich. Ihre Automobile glichen Schiffen, heimgekehrten Karavellen des Columbus. Wir haben ihr Land entdeckt. Wir haben ihren Erdteil bevölkert. Solidarität der weißen Rasse. Es war schön, zu den reichen Leuten zu gehören. Verwandte schickten Pakete. Frau Behrend schlug das Heft auf, in dem sie gestern vor dem Einschlafen gelesen hatte. Eine spannende Geschichte, ein lebenswahrer Roman: DAS SCHICKSAL GREIFT NACH HANNELORE. Frau Behrend wollte wissen, wie es weiterging. Der Dreifarbentitel zeigte das Bild einer jungen Frau, brav, rührend und unschuldig, und im Hintergrund versammelten sich die Schurken, gruben ihre Gruben, Wühlmäuse des Schicksals. Gefährlich war das Leben, voll Fallgruben der Weg der Anständigen. Das Schicksal griff nicht nur nach Hannelore. Aber im letzten Kapitel triumphieren die Guten.

Philipp kam mit der Zeit nicht zurecht. Der Augenblick war wie ein lebendes Bild, der possierliche Gegenstand einer Erstarrung, das Dasein in Gips gegossen, ein Rauch, der Husten hervorrief, umschwebte es wie eine karikierende Arabeske, und Philipp war ein kleiner Junge im Kieler Anzug, S. M. SCHIFF GRILLE auf dem Mützenband, und er saß in einer Kleinstadt auf einem Stuhl im Deutschen Saal, und die Damen des Luisenvereins führten auf der Bühne in einer Waldkulisse Bilder aus der vaterländischen Geschichte vor, Germania und ihre Kinder, das liebte man damals, oder man gab vor, es zu lieben, die Tochter des Rektors hielt die Pfanne mit dem brennenden Pech, das der Szene wohl etwas Feierliches, Dauerndes, dem Tag Entrücktes geben sollte. Die Tochter des Rektors war schon lange tot. Eva, er hatte ihr Kletten ins Haar geworfen. Die Jungens waren tot, alle, die neben ihm auf den Stühlen des Deutschen Saales gesessen hatten. Die Stadt war eine tote Stadt wie so viele Städte im Osten, eine Stadt irgendwo in Masuren, doch man konnte nicht mehr zum Bahnhof gehen und eine Fahrkarte nach diesem Ort verlangen. Die Stadt war ausgelöscht. Merkwürdig: niemand war auf der Straße. Die Klassenzimmer des Gymnasiums waren stumm und leer. In den Fenstern nisteten die Krähen. Das hatte er geträumt, das hatte er in den Schulstunden geträumt: das Leben war in der Stadt gestorben, die Häuser waren leer, die Straßen, der Markt stumm und leer, und er, als einziger übriggeblieben, war mit einem der verlassen am Straßenrand stehen gebliebenen Autos allein durch die tote Stadt gefahren. Die Dekoration des Traums war ins Leben gestellt, aber Philipp agierte nicht mehr auf dieser Bühne. Litt er, wenn er an die Toten dachte, an die toten Stätten, die verscharrten Gefährten? Nein. Die Empfindung versteifte sich wie vor den lebenden Bildern des Luisenvereins, die Vorstellung war irgendwie pompös, traurig und abscheulich, eine Siegesallee aus Stuck und gestanztem Lorbeer, aber vor allem war sie langweilig. Zugleich aber raste dieselbe Zeit, die doch wiederum stillstand und das Jetzt war, dieser Augenblick von schier ewiger Dauer, flog dahin, wenn man die Zeit als die Summe aller Tage betrachtete, den Ablauf aus Licht und Dunkel, der uns auf Erden gegeben ist, glich dem Wind, war etwas und nichts, meßbar durch List, aber niemand konnte sagen, was er da maß, es umströmte die Haut, formte den Menschen und entfloh ungreifbar, unhaltbar: woher? wohin? Aber er, Philipp, stand noch dazu außerhalb dieses Ablaufs der Zeit, nicht eigentlich ausgestoßen aus dem Strom, sondern ursprünglich auf einen Posten gerufen, einen ehrenvollen Posten vielleicht, weil er alles beobachten sollte, aber das Dumme war, daß ihm schwindlig wurde und daß er gar nichts beobachten konnte, schließlich nur ein Wogen sah, in dem einige Jahreszahlen wie Signale aufleuchteten, schon nicht mehr natürliche Zeichen, künstlich listig errichtete Bojen in der Zeitsee, schwankendes Menschenmal auf den ungebändigten Wellen, aber zuweilen erstarrte das Meer und aus dem Wasser der Unendlichkeit hob sich ein gefrorenes, nichtssagendes, dem Gelächter schon überantwortetes Bild.

In die Engellichtspiele kann man schon am Morgen vor dem Licht des Tages fliehen. Der letzte Bandit ist ein Kassenschlager. Der Lichtspielbesitzer telegrafiert die Besucherzahl an den Filmverleiher. Hausrekord, Zahlenakrobatik wie einst die Sondermeldung BRUTTOREGISTERTONNEN VERSENKT. Wiggerl, Schorschi, Bene, Kare und Sepp standen unter dem Lautsprecher, standen unter der Kaskade von Worten, Sieg und Fanfaren, kleine Hitlerjungen, Pimpfsoldaten, braunes Hemd, kurze Hosen, nackte Schenkel. Sie schüttelten die Sammelbüchsen, rüttelten die Groschen wach, klapperten mit den Abzeichen aus Blech. »Für die Winterhilfe! Für die Front! Für den Führer!« In der Nacht heulte die Sirene. Die Flak schwieg. Jetzt flogen die Jäger auf Jagd. Brillanten zum Ritterkreuz. Minen. Das Licht flackerte. Duck dich! In den Kellerrohren rauschte das Wasser. Im Nebenhaus sind sie ersoffen. Alle sind sie im Keller ersoffen. Schorschi, Bene, Kare und Sepp sitzen vor dem letzten Banditen. Tief graben sich ihre harten Hintern in die ausgewurzten kuhligen Polster des Kinogestühls. Sie haben keine Lehrstelle und keine Arbeit. Sie haben kein Geld, aber doch die Mark für den Banditen; sie flog ihnen zu, Vöglein auf dem Felde. Sie schwänzen die Gewerbeschule, da sie kein Gewerbe haben, oder doch Gewerbe, die man in der Schule nicht lernt, wohl an den Straßenecken, in den Torwegen der Dollarwechsler, den Gassen der Damen, den Alleen der Freunde im Schatten des Justizpalastes, das Gewerbe der flinken Hände, die nehmen und nicht geben, das Handwerk der festen Fäuste, die schlagen und fleddern, und die warme Tour, die Profession des weichen Blicks, der schwingenden Hüften, des wippenden Arsches. Wiggerl ist in der Legion, übers Meer so weit, bei den Annamiten im Busch, Schlangen und Lianen, verfallene Tempel, oder bei den Franzosen im Fort, Mädchen und Wein in Saigon, Brodem der Unterkünfte, die Strafzelle in den Kasematten, Eidechsen in der Sonne. Gleichgültig. Wiggerl kämpft. Er singt: weiter die Fahne hoch. Er fällt. SOLDATENTOD IST DER SCHÖNSTE TOD. So oft gehört, in der Kindheit eingeprägt, von Vätern und Brüdern vorgelebt, Tränentrost der Mutter, nie wird das Wort vergessen. Schorschi, Bene, Kare und Sepp warten auf den Trommler. Sie warten in der Dämmerung des Kinos. Der letzte Bandit. Sie sind bereit; bereit zu folgen, bereit zu kämpfen, bereit zu sterben. Es braucht kein Gott zu sein, der sie ruft, ein Plakat auf allen Mauern, eine grade gängige Larve, ein Bärtchen mit Markenschutz, kein lächelnder Augur, die Roboter-Maske aus gestanztem Blech, ein Gesicht unter dem Durchschnitt, kein Versprechen in den Augen, leere Wasser, geschliffene Spiegel, die immer nur dich zeigen, Caliban, von dem die Genien sich abwandten, der synthetische Rattenfänger, sein Ruf: BEWÄHRUNG, Blut, Schmerzen und Tod, ich führe dich zu dir selbst, Caliban, du brauchst dich nicht zu schämen, ein Scheusal zu sein. Noch steht das Kino; in die Kasse strömt das Geld. Noch steht das Rathaus; die Lustbarkeitssteuer wird verbucht. Noch wächst die Stadt.

Die Stadt wächst. ZUZUGSSPERRE AUFGEHOBEN. Sie strömen zurück, eine Flut, die verebbte, ins Land verrieselte, in die Bauernstuben, als die Städte brannten, als der Asphalt hinschmolz in der täglich durchschrittenen Gasse, stygisches Wasser wurde, ätzend und brennend, dort, wo die kleinen Schuhe zur Schule liefen, wo man als Braut und Bräutigam ging, die Steinheimat bebte, und dann hockten sie in den Dörfern, verloren der Hausrat, verloren das Nest, wo die Brut zur Welt kam, verloren das Immeraufbewahrte, das Was-du-warst, die in das unterste Fach des Schrankes verbannte Jugend, ein Kinderbild, die Schulklasse, der ertrunkene Freund, die verblaßte Schrift eines Briefes, Lebwohl-Fritz, Ade-Marie, ein Gedicht, war ich es, der es reimte? –

Der kleine zierliche stramme Körper des Doktors lag, wohltrainiert in behenden leichtathletischen Übungen, auf dem mit Wachstuch bezogenen Tisch und aus einer Vene des Armes strömte sein Blut nicht sichtbar und nicht nah einem anderen Menschen zu, kein warmer Blick des mit neuem Lebensfluß Beschenkten dankte dem Spender, Doktor Behude war ein abstrakter Samariter, sein Blut verwandelte sich in eine Ziffer, eine chemische Formel, ausgedrückt durch die Zeichensprache der Mathematik, es strömte in ein Einmachglas, wurde mit einem Schild versehen, Himbeersaft, Erdbeermarmelade, die Blutgruppe stand auf dem Schild, der Saft wurde sterilisiert, und die Konserve konnte verschickt werden, irgendwohin, durch die Luft, über Ozeane weit, dahin, wo gerade ein Schlachtfeld war, und das fand sich immer, eine ursprünglich harmlose Landschaft, Natur mit dem Wechsel der Jahreszeiten, ein Acker mit Saat und Ernte, wohin nun Menschen marschiert, gereist und geflogen waren, um sich zu verwunden und zu töten. Da lagen sie blaß auf einer Feldbahre, der Wimpel des Roten Kreuzes flatterte im fremden Wind und erinnerte sie an die Unfallwagen, die mit Sirenenschwall durch die Straßen der verkehrsverstopften Städte eilen, der Städte, aus denen sie kamen, die Tetanusspritze brannte, und Doktor Behudes Blut wurde ihnen in den zerrissenen Leib gepumpt. Doktor Behude erhielt zehn Mark für die Blutentnahme. Bar wurde das Geld an der Kasse der Klinik ausgezahlt. Die jungen Ärzte, die schon die Soldaten des zweiten Weltkrieges aufgeschnitten, zersägt, bespritzt und zugenäht hatten und nun in unbezahlten Volontär- und Assistentenstellen erkennen mußten, daß sie überflüssig und zu viele waren, viel zuviel Kriegsmediziner, drängten sich, ihr Blut zu verkaufen, das einzige, was sie zu verkaufen hatten. Auch Doktor Behude brauchte die zehn Mark, aber es war nicht nur der Betrag, Blut gegen Geld, der ihn zu diesem Handel veranlaßte. Doktor Behude kasteite sich. Es war eine mönchische Geißelung, der er sich unterzog, und die Blutentnahme war ein Versuch, wie die Hanteln, die Morgenläufe, die Rumpfbeugen, die Atemübungen, ein Gleichgewicht herzustellen zwischen den Kräften und Forderungen des Körpers und der Seele. Doktor Behude analysierte sich, während er auf dem kühlen Wachstuch des Transfusionstisches lag. Er war kein Wohltäter, kein Spender; das Blut löste sich von ihm ab, wurde ein Medikament wie andere, man konnte es verschicken, konnte damit handeln, Leben retten, es berührte Doktor Behude nicht; er reinigte sich, er bereitete sich vor. Bald werden sich die Räume seiner Praxis füllen, werden sich mit Leuten füllen, die Kraft und Lebensmut von ihm zapfen wollen. Die Schar der Halbverrückten liebt und bedrängt den Doktor Behude, die Neurotiker, die Lügner, die nicht wissen, warum sie lügen, die Impotenten, die Schwulen, die Paidophilen, die sich in Kinder vergaffen, kurzen Röckchen folgen, nackten Beinen, die Literaten, die zwischen allen Stühlen sitzen, die Maler, denen die Farben des Lebens zu geometrischen Strichen zusammenfließen, Schauspieler, die an toten Worten ersticken, Pan war tot, zum zweiten Mal gestorben, sie alle kamen, die ihre Komplexe brauchten wie ihr tägliches Brot, die Geängstigten und Untüchtigen, zu untüchtig auch, sich in eine Krankenkasse einzukaufen oder je eine Rechnung zu bezahlen. –

Sie hatten ihr Leben gerettet, ein nutzloses Dasein, sie hausten verbittert in den Flecken, auf Alm und Au, in Hütten und auf den Höfen, der Rauch verzog sich, sie lauschten den Baggern, die in die Trümmer griffen, lauschten von fern, ausgesperrt von Ninive, von Babylon, Sodom, den geliebten Städten, den großen wärmenden Kesseln, Geflohene, zur Sommerfrische verdammt, Touristen, die nicht zahlen konnten, scheel angesehen beim Landvolk, heimwehtoll nach den Steinen. Sie kehrten heim, die Schranke hob sich, die verhaßte Verordnung der Zuzugssperre fiel, aufgehoben war die Ausstoßung, sie strömten zurück, sie fluteten ein, der Pegel stieg STADT BRENNPUNKT DES WOHNUNGSBEDARFS. Sie waren wieder zu Hause, reihten sich ein, rieben sich aneinander, übervorteilten einander, handelten, schufen, bauten, gründeten, zeugten, saßen in der alten Kneipe, atmeten den vertrauten Brodem, beobachteten das Revier, den Paarungsplatz, den Nachwuchs der Asphaltgassen, Gelächter und Zank und das Radio der Nachbarn, sie starben im städtischen Krankenhaus, wurden vom Bestattungsamt hinausgefahren, lagen auf dem Friedhof an der Ost-Süd-Kreuzung, von Straßenbahnen umbimmelt, benzindunstumschwelt, glücklich in der Heimat. SUPERBOMBER IN EUROPA STATIONIERT.

Odysseus Cotton verließ den Bahnhof. Am schlenkernden Arm, in der braunen Hand baumelte ein Köfferchen. Odysseus Cotton war nicht allein. Eine Stimme begleitete ihn. Aus dem Koffer kam die Stimme, sanft, warm, weich, eine tiefe Stimme, wohlige Atmung, ein Hauch wie Samt, heiße Haut unter einer alten zerrissenen Autodecke in einer Wellblechhütte, Schreie, Brüllen der Riesenfrösche, Nacht am Mississippi. Richter Lynch reitet über Land, o Tag von Gettysburg, Lincoln zieht in Richmond ein, vergessen das Sklavenschiff, ewig das Brandmal ins Fleisch gesengt, Afrika, verlorene Erde, das Dickicht der Wälder, Stimme einer Negerin. Die Stimme sang Night-and-day, sie schirmte mit ihrem Klang den Kofferträger gegen den Platz vor dem Bahnhof, umschlang ihn wie Glieder der Liebenden, wärmte ihn in der Fremde, zeltete ihn ein. Odysseus Cotton stand unschlüssig. Er schaute über die Taxistände, blickte zum Warenhaus Rohn hinüber, sah Kinder, Frauen, Männer, die Deutschen, wer waren sie? was dachten sie? wie träumten und liebten sie? Waren sie Freunde? Feinde?

Die schwere Tür der Telefonzelle schlug hinter Philipp zu. Das Glas isolierte ihn von dem Treiben auf dem Bahnhofsplatz, der Lärm war nur noch ein Rauschen, der Verkehr ein Schattenspiel auf den geriffelten Flächen der Wände. Philipp wußte noch immer nicht, wie er den Tag verbringen sollte. Die Stunde gähnte. Er fühlte sich wie eine der leeren Packungen, die der Besen zum Kehricht gefegt hatte, nutzlos, seiner Bestimmung beraubt. Welcher Bestimmung? War er zu etwas bestimmt gewesen, hatte er sich dieser Bestimmung entzogen, und konnte man sich überhaupt, vorausgesetzt, es gab sie, einer Bestimmung entziehen? DAS ASTROLOGISCHE JAHRHUNDERT, DAS WOCHENHOROSKOP, TRUMANS UND STALINS STERNE. Er hätte heimgehen können. Er konnte nach Hause in die Fuchsstraße gehen. Der Frühling setzte sich durch. Im verwilderten Garten der Villa blühte das Unkraut. Nach Hause? ein Unterstand, in den es hineinprasselte: Emilia würde sich gegen Morgen wohl beruhigt haben. In die Türen würden Schrammen getreten, in die Wände Löcher gestoßen, Porzellan würde zerschlagen sein. Emilia, von ihrem Toben erschöpft, von ihren Träumen ermattet, ihrer Angst geschlagen, lag auf dem rosa Erbbett, dem Totenbett der Urmutter, die noch ein schönes Leben gelebt hatte, Heringsdorf, Paris, Nizza, die Goldwährung und den Glanz des wirklichen geheimen Kommerzienrattitels. Die Hunde, die Katzen, der Papagei, eifersüchtig aufeinander und Feind einander, aber in einer gemeinsamen Front des Hasses gegen Philipp vereint, einer Phalanx tückischer Blicke, wie alles in diesem Haus ihn haßte, die Verwandten seiner Frau, die Miterben, die verbröckelnden Mauern, das stumpfe Parkett, die rieselnden, säuselnden Röhren der kaputten Heizung, der lange nicht gerichteten Bäder, die Tiere hielten die Möbel wie Kampftürme besetzt und beobachteten den Schlaf ihrer Herrin aus halbgeöffneten Lidern, den Schlaf ihres Opfers, an das sie gekettet waren und das sie bewachten. Philipp rief Doktor Behude an. Vergebens! Der Psychiater war noch nicht in seine Praxis zurückgekehrt. Philipp versprach sich nichts von einer Begegnung mit Doktor Behude, keine Deutung, keine Erhellung, weder Vertrauen noch Mut, aber es war ihm zu einer Gewohnheit geworden, den Nervenarzt aufzusuchen, sich in das verdunkelte Behandlungszimmer zu legen und den Gedanken freien Lauf zu lassen, einer Flucht von Bildern, die ihn bei Doktor Behude überkam, einem kaleidoskopartigen Wechsel des Ortes und der Zeit, während der Therapeut der Seele ihn mit sanfter einschläfernder Stimme von Schuld und Buße befreien wollte. – Doktor Behude schloß in dem Behandlungszimmer der Klinik sein Hemd. Sein Gesicht schimmerte bleich im weißgerahmten Spiegel an der Wand. Seine Augen, die hypnotische Kraft besitzen sollten, waren trüb, müde und leicht entzündet. Einhundert Kubikzentimeter seines Blutes ruhten in dem Kühlschrank der Klinik.

Night-and-day. Odysseus Cotton lachte. Er freute sich. Er schlenkerte seinen Koffer. Er zeigte kräftige strahlende Zähne. Er hatte Vertrauen. Ein Tag lag vor ihm. Der Tag bot sich allen. Unter dem Vordach des Bahnhofs wartete Josef, der Dienstmann. Die rote Dienstmannsmütze saß streng, militärisch grade auf dem kahlen Haupt. Was hatte Josefs Rücken gebeugt? Die Koffer der Reisenden, das Gepäck der Jahrzehnte, ein halbes Jahrhundert Brot im Schweiß des Angesichts, Adams Fluch, Märsche in Knobelbechern, die Knarre über der Schulter, das Koppel, der Sack mit den Wurfgranaten, der schwere Helm, das schwere Töten. Verdun, Argonnerwald, Chemin des Dames, er war heil herausgekommen, und wieder Koffer, Reisende ohne Gewehr, Fremdenverkehr zum Gebirgsbahnhof, Fremdenverkehr zum Hotel, die olympischen Spiele, die Jugend der Welt, und wieder Fahnen, wieder Märsche, er schleppte Offiziersgepäck, die Söhne gingen ohne Wiederkehr, die Jugend der Welt, Sirenen, die Alte starb, die Mutter der vom Krieg verschlungenen Kinder, die Amerikaner kamen mit bunten Taschen, Bagagesäcken, leichtem Gepäck, die Zigarettenwährung, die neue Mark, das Abgesparte verweht, Spreu, bald siebzig Jahre, was blieb? Der Sitz vor dem Bahnhof, das Nummernschild an der Mütze. Der Leib war zusammengeschrumpft, die Augen blinzelten noch munter hinter der stahlgefaßten Brille, lustige Fältlein liefen vom Lid in das Feld der Haut, strömten ein in das Altersgrau, in die Luftbräune, die Bierröte des Gesichts. Die Kollegenschaft ersetzte die Familie. Sie ließen dem Papa die leichten Kommissionen, die zwischen dem schweren Gepäck anfielen, eine Briefbestellung, eine Blumenbesorgung, das Tragen einer Damentasche. Josef ergatterte die Aufträge in Demut und auch mit List. Er kannte die Menschen. Er wußte für sich einzunehmen. Manche Tasche wurde ihm gereicht, die man ihm nicht hatte geben wollen. Er traute dem Tag. Er sah Odysseus Cotton. Er liebäugelte mit dem Köfferchen, aus dem die Musik klang. Er sagte: »Sie, Mister, ich tragen.« Er störte sich nicht an dem Gesang, der das Zelt um Odysseus baute, er griff in die fremde Welt, Night-and-day-Welt, drängte die braune Hand vom Bügel des Koffers, drängte sich klein, bescheiden, standhaft, freundlich gegen den dunklen Riesen, King Kong, der ihn überragte, unergründlich sind die nie geschlagenen, die uralten Wälder. Josef blieb ungebannt von der Stimme, Stimme des breiten trägen und warmen Stromes, Stimme des Eingewobenseins, Stimme der heimlichen Nacht. Wie Holz auf dem Fluß glitt eins zum andern; Totemtiere um den Kral, ein Tabu um den Abtrünnigen des Stammes, Josef empfand weder Lust noch Unlust, nichts lockte und nichts schreckte ihn: kein libidinöses Verlangen, Odysseus stand in keinem Affektzusammenhang zu Josef, Josef war keine Maske des Ödipus für Odysseus, nicht Haß, nicht Liebe bewegten sie, Josef vermutete Freigebigkeit, er trieb heran, sacht und beharrlich, er sah eine Brotzeit, sah ein Bier Night-and-day –