Die berühmte Nürnberger Reise enthält Erinnerungen an eine Herbstreise Hermann Hesses im Jahr 1925 vom Tessin aus durch Schwaben und Franken. Diese Reise von Locarno über Zürich, Blaubeuren, Ulm, Augsburg und München nach Nürnberg erweckt in ihm »Klänge der Frühzeit«. Hesse erzählt von jenem Augenblick, der ihn zum Dichter werden ließ, er berichtet vom Beruf des Künstlers, vom Handwerk des Erzählens, von Vorbildern seiner Gestalten, vom Vorlesen und von seiner Hauptbeschäftigung in den Sommermonaten: der Malerei.

Hermann Hesse, geboren am 2. Juli 1877 in Calw/Württemberg, wurde 1946 mit dem Nobelpreis für Literatur ausgezeichnet. Er starb am 9. August 1962 in seiner Wahlheimat Montagnola bei Lugano. Sein Werk erscheint im Suhrkamp und Insel Verlag.

HERMANN HESSE

Die Nürnberger Reise

Mit Bildern von
Pieter Jos van Limbergen
und einem Nachwort von
Siegfried Unseld

Insel Verlag

Text und Bilder folgen dem Band: Hermann Hesse, Die Nürnberger Reise.

Mit Bildern von Pieter Jos van Limbergen und einem Nachwort von Siegfried Unseld.

Copyright 1953 by Suhrkamp Verlag, Berlin.

© für diese illustrierte Ausgabe: Suhrkamp Verlag

Frankfurt am Main 1994.

eBook Insel Verlag Berlin 2013

Der vorliegende Text folgt der 1. Auflage der Ausgabe des insel taschenbuchs 4279.

Copyright 1953 by Suhrkamp Verlag, Berlin

Für diese Ausgabe: © Insel Verlag Berlin 2013

Alle Rechte vorbehalten, insbesondere das des öffentlichen Vortrags sowie der Übertragung durch Rundfunk und Fernsehen, auch einzelner Teile.

Kein Teil des Werkes darf in irgendeiner Form (durch Fotografie, Mikrofilm oder andere Verfahren) ohne schriftliche Genehmigung des Verlages reproduziert oder unter Verwendung elektronischer Systeme verarbeitet, vervielfältigt oder verbreitet werden.

Für Inhalte von Webseiten Dritter, auf die in diesem Werk verwiesen wird, ist stets der jeweilige Anbieter oder Betreiber verantwortlich, wir übernehmen dafür keine Gewähr.

Rechtswidrige Inhalte waren zum Zeitpunkt der Verlinkung nicht erkennbar.

Umschlaggestaltung: Michael Hagemann

eISBN 978-3-458-73589-2

www.insel-verlag.de

Der Verfasser dieser Reiseerinnerungen hat nicht das Glück, zu jenen Menschen zu zählen, welchen für ihre Handlungen klare Gründe bewußt sind; er hat auch nicht das Glück, bei sich oder bei anderen an solche Gründe zu glauben. Gründe, so scheint mir, sind immer unklar, Kausalität findet im Leben nirgends statt, nur im Denken. Der vollkommen vergeistigte, der Natur ganz und gar entwachsene Mensch zwar müßte fähig sein, in seinem Leben eine lückenlose Kausalität zu erkennen, und wäre berechtigt, die seinem Bewußtsein zugänglichen Ursachen und Antriebe für die einzigen zu halten, denn er bestünde ja ganz und gar nur aus Bewußtsein. Doch habe ich einen solchen Menschen oder einen solchen Gott noch niemals angetroffen, und bei uns anderen Menschen erlaube ich mir, gegen alle Begründungen eines Tuns oder Geschehens skeptisch zu sein. Es gibt keine Menschen, die aus »Gründen« handeln, sie bilden sich das bloß ein, und namentlich versuchen sie, im Interesse der Eitelkeit und Tugend, anderen dies einzubilden. Bei mir selbst jedenfalls habe ich stets und immer feststellen können, daß die Antriebe zu meinen Taten in Regionen liegen, wohin weder mein Verstand noch mein Wille reicht. Und wenn ich heute die Frage an mich richte, was eigentlich der Grund zu meiner Herbstreise aus dem Tessin nach Nürnberg gewesen sei – einer Reise, welche zwei Monate dauerte –, dann komme ich sehr in Verlegenheit, und je genauer ich zusehe, desto mehr verzweigen, spalten und teilen sich die Gründe und Antriebe und reichen schließlich bis in ferne Jahre zurück, nicht aber als eine linienhafte Kausalitätsreihe, sondern als ein vielmaschiges Netz von solchen Reihen, so daß schließlich diese an sich belanglose und zufällige Reise von unzähligen Punkten meines früheren Lebens aus bestimmt worden zu sein scheint. Nur die paar gröbsten Knoten dieses Gewebes sind mir erfaßbar. Als ich vor einem Jahre einmal kurze Zeit in Schwaben war, beklagte sich einer meiner schwäbischen Freunde, der in Blaubeuren wohnt, darüber, daß ich ihn nicht besucht habe, und ich gab ihm das Versprechen, bei meiner nächsten Schwabenreise dies Versäumnis gutzumachen. Dies war, von außen gesehen, der erste Anstoß zu meiner Reise. Aber schon dies Versprechen hatte Hinter- und Nebengründe, wie ich nachher deutlich erkannte. So gern ich einen alten Freund wiedersehe, der sich auf meinen Besuch freut, so bin ich doch ein bequemer, reise- und menschenscheuer Mann, für den der Gedanke an eine Reise auf kleinen entlegenen Landbahnstrecken wenig Liebenswertes hat. Nein, es war nicht nur die Freundschaft oder gar die Artigkeit, die mich jenes Versprechen geben ließ, es war noch anderes dahinter, es steckte hinter dem Namen »Blaubeuren« ein Reiz und Geheimnis, eine Flut von Anklängen, Erinnerungen und Lockungen. Blaubeuren, das war erstens ein liebes altes schwäbisches Landstädtchen und war der Sitz einer schwäbischen Klosterschule, wie ich selber als Knabe eine besucht hatte. Ferner gab es in Blaubeuren und in ebenjenem Kloster berühmte und kostbare Sachen zu sehen, namentlich einen gotischen Altar. Diese kunsthistorischen Argumente allerdings hätten mich schwerlich in Bewegung gesetzt. Aber da klang in dem Komplex »Blaubeuren« noch etwas anderes mit, etwas, das zugleich schwäbisch, poetisch und für mich von außerordentlichem Reize war: bei Blaubeuren lag das berühmte Klötzle Blei, und in Blaubeuren im Blautopf hatte einst die schöne Lau gewohnt, und diese schöne Lau war vom Blautopf unterirdisch in den Keller des Nonnenhofes hinübergeschwommen, war dort in einem offenen Brunnen erschienen, »schwebend bis an die Brust im Wasser«, wie ihr Geschichtschreiber berichtet. Und hier in den holden Phantasien, die um die zauberischen Namen Blau und Lau schweiften, war meine Begierde nach Blaubeuren erwachsen. Erst viel später kam ich mit dem Verstand dahinter und konnte feststellen, daß es der Anblick des Blautopfs und der schönen Lau und ihres Bades im Nonnenhofkeller war, wonach ich Wünsche hegte, und daß aus dieser Quelle meine Bereitwilligkeit zu einer Reise nach Blaubeuren floß. Ich habe immer gefunden, daß nicht nur ich, sondern auch jene beneidenswerten Menschen, die für ihre Taten Gründe anzugeben wissen, in Wahrheit niemals von diesen Gründen bewegt und geleitet werden, sondern stets von Verliebtheiten, und ich habe nichts dagegen, mich zu dieser Verliebtheit zu bekennen, denn sie hat zu den stärksten und schönsten meiner Jünglingsjahre gehört. Zwei Frauenfiguren aus Dichtungen haben in den Jugendjahren meine dichterischen und meine sinnlichen Phantasien als holde Vorbilder geleitet, beide schön, beide geheimnisvoll, beide vom Wasser umspült: die schöne Lau aus dem »Hutzelmännlein« und die schöne badende Judith aus dem »Grünen Heinrich«. An beide hatte ich in vielen, sehr vielen Jahren niemals mehr gedacht, ihre Namen nie mehr ausgesprochen, ihre Geschichte nie mehr gelesen. Und nun plötzlich, beim Denken an das Wort Blaubeuren, sah ich die schöne Lau wieder, bis an die Brust im Wasser, die weißen Arme auf die Steinbrüstung des Kellerbrunnens gestützt, und lächelte und wußte Bescheid um den Antrieb zu meiner Reise. Und außer der schönen Lau, die ich ja kaum an ihrem einstigen Wohnort anzutreffen hoffen durfte, war mit diesen Klängen und Phantasiekreisen verwoben die Erinnerung an meine Jugend und ihre starke Traumwelt, an den Dichter Mörike, an uralte schwäbische Worte, Spiele und Märchen, an die Sprache und Landschaft meiner Kindheit. Weder das Vaterhaus noch die Stadt meiner Kinderjahre konnten einen ähnlichen Zauber auf mich üben, sie hatte ich allzuoft wiedergesehen, allzu gründlich verloren. Hier aber, in den Vorstellungen um den Klang »Blaubeuren« herum, war alles konzentriert, was in mir noch lebte von Herzensbeziehungen zu Jugend, Heimat und Volk. Und all diese Beziehungen, Erinnerungen und Gefühle standen im Zeichen der Venus, der schönen Lau. Ein stärkerer Zauber freilich war nicht zu denken.

Abb_02_Hesse_it4279.tif

Indessen schlummerte dies alles noch in mir, und nichts davon drang in mein Bewußtsein, und die ganze Reise war vorerst nur ein Versprechen – ich konnte es in zwei oder in zehn Jahren ausführen. Da kam eines Tages im Frühling die Einladung zu einer literarischen Vorlesung in Ulm. Hätte sie mich in einem anderen Augenblick getroffen, so hätte ich sie auf dieselbe Weise erledigt wie alle anderen, mit einer höflich absagenden Postkarte wäre die Sache getan gewesen. Nun aber kam die Ulmer Einladung nicht in einem beliebigen Augenblick, sondern in einem besonderen, sie kam zu einer Zeit, wo das Leben mir ungewöhnlich viel Mühe machte, wo ich ringsum nur Sorgen, Last und Unlust und keinerlei frohe Aspekte sah, und wo jeder Gedanke an Veränderung, an Wechsel, an Flucht mir willkommen sein mußte. Ich schrieb daher jene höfliche Postkarte nicht, sondern las die Einladung ein zweites Mal durch, diesmal schon mit dem aufdämmernden Gedanken, daß Ulm ganz in der Nähe von Blaubeuren liege, und ließ sie einen Tag oder zwei auf dem Schreibtisch liegen. Und dann sagte ich zu, mit der einzigen Bedingung, daß die Vorlesung nicht mitten im kalten Winter, sondern im Herbst oder Frühling stattfinde. Sie wurde von den Ulmern auf Anfang November festgelegt, und ich erklärte mich einverstanden, allerdings nicht ohne jene kleine Reservatio mentalis, mit der ich jede auf lange Frist gegebene Zusage betrachte, mit dem heimlichen Nebengefühl: »Wenn es dann soweit ist, kannst du ja immer noch abtelegraphieren.«

Abb_03_Hesse_it4279.tif

Nun, es war Frühling und der November noch weit, und ich dachte nicht sehr viel an diese Verabredung. Andere Gedanken und Sorgen waren da, nähere, brennendere, und wenn ich je einmal wieder an die Sache mit Ulm erinnert wurde, so dachte ich an sie eher mit einem gewissen Mißmut darüber, daß ich mich nun wieder einmal zu einer Veranstaltung hatte verlocken lassen, an deren Wert ich nicht glaubte und die mir schließlich zur lästigen Pflicht werden würde. Sänger, Virtuosen oder Schauspieler, deren Beruf nun einmal das öffentliche Auftreten ist, haben sich eben mit der lästigen Einrichtung abzufinden, daß sie sich für halbe und ganze Jahre voraus auf bestimmte Tage und Stunden verpflichten müssen, wie es auch zu ihrem Berufe gehört, sich von der Stimmung und Laune des Augenblicks unabhängig machen und jederzeit ihre Kunst spielen lassen zu müssen. Aber für einen Schriftsteller, einen stillen, wenig reisenden Dorfbewohner und Studierzimmermenschen, ist der Gedanke, daß er am zwölften des übernächsten Monats unweigerlich in dieser oder jener Stadt vorzulesen habe, unter Umständen grauenhaft. Wie leicht kann man um diese Zeit gerade krank sein! Wie leicht kann es sein, daß gerade dann günstige Arbeitszeiten sind, daß die gute Stunde da ist, auf die man oft so lange vergeblich wartet – und dann soll man, mitten in der besten Arbeit, für Tage alles weglegen, soll Koffer packen, Fahrpläne studieren, soll reisen, in fremden Städten in Hotelbetten schlafen und vor fremden Menschen seine Gedichte vorlesen, Gedichte, zu denen man im Augenblick vielleicht gar kein Verhältnis mehr hat, die einem erledigt und dumm vorkommen! Und so hat der Dichter es oft recht widerlich zu büßen, wenn er durch Eitelkeit, Gewinnsucht oder Reiselust sich zu einer Vorlesung hat verlocken lassen.

Menschen, welche eine geregelte, organisierte Arbeit leisten, welche gewohnt sind, täglich um acht und um zwei Uhr