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Wie boshaft dieser Ringelnatz sein kann; wie vergnüglich es ist, ihn schimpfen und fluchen zu hören. Das hat er wohl als Seemann gelernt. Aber er kann es auch subtiler. Das Spektrum seiner Boshaftigkeiten ist groß. Es reicht vom harmlosen Scherz über die liebevolle Persiflage bis zur handgreiflichen Tirade. Und er hat noch eine Besonderheit auf Lager: Er ist der Erfinder der gutartigen Boshaftigkeit. Das Schöne daran ist, daß er bei alldem seinen typischen Humor nicht verliert.

 Dieses Buch versammelt eine Auswahl seiner boshaftesten Gedichte. Sie zeigen einen Lebenskünstler, der es verstand, die richtigen Antworten auf Dummheiten und Widersprüche zu finden und dabei doch ein Menschenfreund zu bleiben.

 

 

Ringelnatz
für Boshafte

Ausgewählt und mit einem
Nachwort von
Günter Stolzenberger

Insel Verlag

 

 

Umschlagillustration: Robert Gernhardt
Ringelnatz. Heinz Arnold zum 60. Geburtstag
© Heinz Ludwig Arnold

 

 

 

eBook Insel Verlag Berlin 2013

Der vorliegende Text folgt der 4. Auflage der
Ausgabe des insel taschenbuchs 3357.

© Insel Verlag Frankfurt am Main und Leipzig 2008

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Umschlag nach Entwürfen von Willy Fleckhaus

Satz: Hümmer GmbH, Waldbüttelbrunn

 

eISBN 978-3-458-73548-9

www.insel-verlag.de

Inhalt

 

Jetzt schlägt deine schlimmste Stunde

Attentätchen

Mir ist so négligé zumute

So will man oft und kann doch nicht

Abseits von Lavendel

Von der Hand in den Mund

Ich kann lügen, daß allen graust

Grog und Märchen

Ein Schuft, wer mehr stirbt, als er sterben muß

Rette sich wer kann

Genau besehn

 

Nachwort

Quellenverzeichnis

Alphabetisches Gedichtverzeichnis

Jetzt schlägt deine schlimmste Stunde

Abschiedsworte an Pellka

Jetzt schlägt deine schlimmste Stunde,

Du Ungleichrunde,

Du Ausgekochte, du Zeitgeschälte,

Du Vielgequälte,

Du Gipfel meines Entzückens.

Jetzt kommt der Moment des Zerdrückens

Mit der Gabel! – – Sei stark!

Ich will auch Butter und Salz und Quark

Oder Kümmel, auch Leberwurst in dich stampfen.

Mußt nicht so ängstlich dampfen.

Ich möchte dich doch noch einmal erfreun.

Soll ich Schnittlauch über dich streun?

Oder ist dir nach Hering zumut?

 

Du bist ein so rührend junges Blut. –

Deshalb schmeckst du besonders gut.

Wenn das auch egoistisch klingt,

So tröste dich damit, du wundervolle

Pellka, daß du eine Edelknolle

Warst, und daß dich ein Kenner verschlingt.

… als eine Reihe von guten Tagen

Wir wollen uns wieder mal zanken,

Auf etwas hacken wie Raben,

Daß unsre zufriednen Gedanken

Eine Ablenkung haben.

 

Wir wollen irgendein harmloses Wort

Entstellen,

Dann uns verleumden und zum Tort

Etwas tun; das schlägt dann Wellen.

 

Wir wollen dritte aufzuhetzen

Versuchen,

Dann unsere Freundschaft verfluchen,

Einmal sogar ein Messer wetzen,

Dann aber uns – in Blickweite –

Auseinander zusammensetzen,

Um superior jedem weiteren Streite

Auszuweichen;

Mit dem Schwur beiseite:

Uns nimmermehr zu vergleichen.

 

Dann wollen wir, jeder mit Ungeduld,

Ein paar Nächte schlecht träumen,

Dann heimlich eine gewisse Schuld

Dem anderen einräumen,

Dann lächeln, dann seufzen, dann stöhnen,

Dann plötzlich uns gründlich bezechen,

Dann von dem vergänglichen, wunderschönen

Leben sprechen.

 

Und dann uns wieder einmal versöhnen.

Silvester bei den Kannibalen

Am Silvesterabend setzen

Sich die nackten Menschenfresser

Um ein Feuer, und sie wetzen

Zähneklappernd lange Messer.

 

Trinken dabei – das schmeckt sehr gut –

Bambus-Soda mit Menschenblut.

 

Dann werden aus einem tiefen Schacht

Die eingefangenen Kinder gebracht

Und kaltgemacht.

Das Rückgrat geknickt,

Die Knochen zerknackt,

Die Schenkel gespickt,

Die Lebern zerhackt,

Die Bäuchlein gewalzt,

Die Bäckchen paniert,

Die Zehen gesalzt

Und die Äuglein garniert.

 

Man trinkt eine Runde und noch eine Runde.

Und allen läuft das Wasser im Munde

Zusammen, ausnander und wieder zusammen.

Bis über den feierlichen Flammen

Die kleinen Kinder mit Zutaten

Kochen, rösten, schmoren und braten.

 

Nur dem Häuptling wird eine steinalte Frau

Zubereitet als Karpfen blau.

Riecht beinah wie Borchardt-Küche, Berlin,

Nur mehr nach Kokosfett und Palmin.

 

Dann Höhepunkt: Zeiger der Monduhr weist

Auf zwölf. Es entschwindet das alte Jahr.

Die Kinder und der Karpfen sind gar.

Es wird gespeist.

 

Und wenn die Kannibalen dann satt sind,

Besoffen und überfressen, ganz matt sind,

Dann denken sie der geschlachteten Kleinen

Mit Wehmut und fangen dann an zu weinen.

Anstachelung beim Zahnstochern

Ich biete euch Troglodyten die Spitze.

Heraus mit euch! Wer sich in Löcher

Verkrümelt, ist feig. Ich besitze

Der Pfeile genug in meinem Köcher.

 

Mit dem Pfeil, dem Bogen

Durch Gebirg und Tal

Kommt Odysseus gezogen

Und säubert den Augiasstall.

 

Nein, ich schieße euch freche

Brut nicht. Ich steche!

 

Ihr macht mich krank

Mit eurem Gestank.

Ihr freßt an mir, anstatt

Mich zu nähren. Ich bin noch nicht satt.

 

Heraus aus dem Loch!

Ich hülle in Spucke euch

Und schlucke euch –

Pieks-quieks – doch.

 

Oder schnipse euch aufs Geratewohl

In ein unbekanntes Hilfdirselber. –

Ach mein Backenzahn ist schrecklich hohl

Und wird täglich bröckliger und gelber.

 

Keine Hand vors Gesicht.

Komm, Zahnstöcherchen,

Piek die Peiniger

Aus den Löcherchen!

Schäme dich nicht,

Denn du bist ein kluger Reiniger.

 

Immer wacker gespießt!

Wenn auch mal Blut fließt.

Ich bin nicht bang.

 

Gesegnete Mahlzeit beim letzten Gang.

Ernster Rat an Kinder

Wo man hobelt, fallen Späne,

Leichen schwimmen in der Seine.

An dem Unterleib der Kähne

Sammelt sich ein zäher Dreck.

 

An die Strähnen von den Mähnen

Von den Löwen und Hyänen

Klammert sich viel Ungeziefer.

Im Gefieder von den Hähnen

Nisten Läuse; auch bei Schwänen.

(Menschen gar nicht zu erwähnen,

Denn bei ihnen geht's viel tiefer.)

 

Nicht umsonst gibt's Quarantäne.

 

Allen graust es, wenn ich gähne.

 

Ewig rein bleibt nur die Träne

Und das Wasser der Fontäne.

 

Kinder, putzt euch eure Zähne!!

Es lebte an diskretem Orte

Ein Stückchen Seife, bester Sorte,

In einem Porzellanbehälter.

Das ward mit jedem Tage älter.

Weil es mit Moschusduft durchhaucht,

Ward es vom Menschen gern gebraucht.

Einstmals – das wann und wie ist schnuppe –

Geriet es in die Erbsensuppe.

Der Mensch benahm sich miserabel.

Er stach die Seife mit der Gabel,

Beroch sie roh und rief: »Pfui, Spinne!«

Da schwanden ihr vor Angst die Sinne.

Es war ein Brikett, ein großes Genie,

Das Philosophie studierte

Und später selbst an der Akademie

Im gleichen Fache dozierte.

 

Es sprach zur versammelten Briketterie:

»Verehrliches Auditorium,

Das Leben – das Leben – beachten Sie –

Ist nichts als ein Provisorium.«

 

Da wurde als ketzerisch gleich verbannt

Der Satz mit dem Provisorium.

Das arme Brikett, das wurde verbrannt

In einem Privatkrematorium.

Störtebekerlied

Seeräuber und Kameraden,

Wenn meine Augen richtig sind,

Hat die Bark voraus auch Fässer geladen. –

Auf, ihr Hurenboys! An die Brassen!

Royal hoch! Alle Lappen noch härter an den Wind.

Denn die Hunde wittern Blut,

Denn sie segeln gut,

Das muß der Teufel ihnen lassen.

 

Hei! Holt die hollandsche nieder

Und hißt die Flagge rot – rot – rot!

Und singt recht schweinische Lieder.

Vielleicht ist einer von uns morgen tot.

Denn sie haben eine Kanone an Bord

Und ein halbes Dutzend Soldaten

Mit Blei und mit Dünnschiß geladen.

Wir aber sind kühne Piraten

Und fürchten nicht Tod noch Mord.

Wir sind weder fromm – aber frei.

 

Was mag in dem Schiffe wohl sonst noch sein?

Kakerlaken oder Seife oder Gold oder Wein? –

Nun signalisieret: »Dreht bei!«

Und ich, euer Captain, rufe: Enterhaken klar!

Und kämmt den Krämern das ölige Haar.

Nur merkt euch: Die Leute alle über dreißig Jahr

Sollen leben bleiben. Leben bleiben –

Nun hofft, wie es kommt, und glaubt, wie es war,

Und fragt nicht, wie lang wir's noch treiben.

 

Liebe mit mir verfluchte Halunken,

Was soll denn mit den

Unter dreißig geschehn?

Die machen wir mit Braunteer betrunken.

Aber wer uns gefällt,

Weil er's ehrlich mit uns hält,

Dem sei das Leben geschunken.

Den andern aber sagen wir: Amerika ist nah.

Und knüpfen sie sauber an die Obermarsraa.

 

Old sailors! Likedelers!

Kommt selber und schaut:

Sie haben ein Weibstück an Bord. Unsre Braut

Sie soll leben! Unsre Braut, sie soll leben!

Und ich werde sie weitergeben,

Bis zuletzt sie der Schiffsjunge nimmt.

Der soll dann mit Eisenstücken

Und Ankerketten sie schmücken

Und sehen, wie weit sie damit schwimmt.

Daddeldu verprügelt den Schiffsjungen

Wenn du siehst, daß jemand ins Wasser fällt,

Dann springst du sofort hinterher.

Denn man weiß nie bestimmt,

Ob er sackt oder schwimmt,

Und die nassen Kleider sind schwer.

 

Wenn du erst dich besinnst, was du selber riskierst,

Dann ist das eine Hundeschweinerei!

Denn, wenn du wirklich dein Leben verlierst,

Was wäre dann schon Schlimmes dabei?!

 

Wenn aber der Jemand ertrinkt – und, wie hier

Es beinahe geschah, eine Frau –,

Dann verdienst du, daß ich die Leiche dir

Rechts und links um die Ohrflossen hau.