»Und allem Weh zum Trotze bleib ich verliebt in die verrückte Welt«, heißt es in einem von Hesses Gedichten. Ins Dasein verliebt ist dieser Schriftsteller zeitlebens geblieben, allen Krisen zum Trotz.

Krisen begriff er als Chance, um an ihnen zu wachsen, und es ist ihm gelungen, diese positive Lebenseinstellung auch seinen Lesern zu vermitteln.

Dieses Lesebuch versammelt eine charakteristische Auswahl solcher Texte und zeigt ihren Verfasser als einen Schrittmacher der individuellen Lebensgestaltung, der jeden einzelnen ernst nimmt, für unverwechselbar, wichtig und merkwürdig hält, als »Punkt, in dem die Erscheinungen der Welt sich kreuzen, nur einmal so und nie wieder«.

Hermann Hesse, Erzähler, Lyriker, Maler und zeitkritischer Essayist, am 2. Juli 1877 in Calw/Württemberg als Sohn eines baltischen Missionars und der Tochter eines schwäbischen Indologen geboren, 1946 ausgezeichnet mit dem Nobelpreis für Literatur, starb am 9. August 1962 in Montagnola bei Lugano. Seine Bücher sind mittlerweile in einer Auflage von mehr als 120 Millionen Exemplaren in aller Welt verbreitet und haben ihn zum meistgelesenen deutschsprachigen Autor u. a. in den USA, Japan und Korea gemacht.

Hermann Hesse

Verliebt in die
verrückte Welt

Betrachtungen, Gedichte, Erzählungen,
Briefe

Zusammengestellt
von Ursula Michels-Wenz
Mit einem Vorwort von
Volker Michels

Insel Verlag

eBook Suhrkamp Verlag Berlin 2013

Insel Verlag Berlin 2010

© Insel Verlag Frankfurt am Main und Leipzig 2003

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Hinweise zu dieser Ausgabe am Schluß des Bandes.

Umschlag nach Entwürfen von Willy Fleckhaus.

eISBN 978-3-458-73065-1

www.suhrkamp.de

Vorwort

»Und allem Weh zum Trotze bleib ich verliebt in die verrückte Welt« endet Hermann Hesses berühmtes Gedicht von der gestutzten Eiche. Am Beispiel eines verschnittenen und dennoch immer neue Blätter treibenden Baumes nimmt es etwas vorweg von den Schattenseiten unseres Umgangs mit der Natur und ermutigt uns, gleich ihr den Mut nicht zu verlieren.

Ins Dasein verliebt ist dieser Schriftsteller zeitlebens geblieben, trotz aller Beschneidungen, die er aufgrund seines Eigensinns als ihm zugehörig und notwendig erkannte. Doch wo andere verbittern, resignieren oder zu Zynikern werden, versucht er, die Krisen als Chance zu begreifen, um daran zu wachsen, neue Widerstandskräfte zu mobilisieren und damit zugleich seine Leser zu bestärken, auch schwierigste Lebenslagen durchzuhalten, sie als ein Mittel zur Fortentwicklung zu nutzen.

Auf vielerlei Weise findet sich dieser regenerierende Antrieb in Hesses Dichtungen gestaltet. Aber auch seine politischen und kulturkritischen Schriften sowie unzählige Antworten auf Leserbriefe durchzieht dieser Impuls wie ein Leitmotiv. Im vorliegenden Lesebuch wird einmal mehr der Versuch unternommen, mit einer charakteristischen Auswahl aus seinen Betrachtungen und Briefen dieses Weltbild zu vermitteln. Sie zeigen ihren Verfasser als einen Schrittmacher der individuellen Lebensgestaltung, Grenzen und Generationen übergreifend aktuell, weil er jeden Einzelnen ernst nimmt, für wichtig und merkwürdig hält, als immer wieder neuen, unverwechselbaren »Punkt, in dem die Erscheinungen der Welt sich kreuzen, nur einmal so und nie wieder«. (Demian)

Die mittlerweile weltweite Renaissance dieses Autors hat vielerlei Gründe. Der Gedanke von der Einmaligkeit des Individuums, das, wenn es sich nur entfalten kann, den Reichtum des Lebens und die Vielfalt der unterschiedlichen Kulturen ausmacht, ist einer davon.

Was wenige Jahre nach Hesses Tod mit einem Überraschungscoup in den USA eingesetzt hat: die Entdeckung dieses Schriftstellers durch die junge Generation der Gegner des Vietnamkriegs, ist seit den siebziger Jahren zu einem weltweiten Phänomen geworden, für das es kein Beispiel gibt in der deutschen Literaturgeschichte: Seine Bücher sind inzwischen in sechzig Sprachen übersetzt und in mehr als hundert Millionen Exemplaren in aller Welt verbreitet. Dabei war zu Hesses Lebzeiten kaum die Hälfte seines Werks zugänglich. Sein umfangreicher Nachlaß konnte erst seit 1965 schrittweise erschlossen werden, ganz zu schweigen von seinem bildnerischen Werk, das aus etwa dreitausend expressiv-farbenfrohen Aquarellen besteht. Eine erste Gesamtausgabe, die in zwanzig Bänden etwa 14 Tsd. Seiten umfaßt und endlich auch Hesses gewichtiges kulturkritisches Werk, seine politischen und autobiographischen Schriften, Feuilletons und Tagebücher enthält, wird demnächst abgeschlossen sein und unsere Literatur um ganz neue Facetten bereichern.

Bereits zu seinen Lebzeiten (1877-1962) war Hermann Hesse ein Autor der jungen, gegen die erstarrten Lebensformen der Väter rebellierenden Generation. So wie er selber den Zwängen seines Elternhauses trotzen mußte, wehren sich die Helden seiner Bücher gegen jede Form der Fremdbestimmung, die ihren Anlagen widerspricht. Seine lebensbejahende Devise »Auf den Einzelnen kommt es an!« als Voraussetzung für einen motivierten, sinnvollen und verantwortungsbereiten Dienst an der Gemeinschaft ist in der Literatur selten so eindringlich und überzeugend dargestellt worden. Denn Hesse ist ein Freund der Differenzierung, nicht der Verödung und stereotypen Angleichung der Völker und Zivilisationen. Er hält jedes Individuum für ein Experiment der Natur auf dem Weg zum Menschen hin, singulär und unnachahmlich, was wir gemäß unserer genetischen Ausstattung, unserer Physiognomie, Handschrift, Stimme und Mentalität ja auch sind. Daß die Gesellschaft nur einen Bruchteil dieser Möglichkeiten zuläßt, wir also mit zunehmendem Alter und der fortschreitenden Angleichung der Kulturen immer mehr davon preisgeben und immer weniger von unseren Begabungen praktizieren können, daß die Perfektion der Technik überdies unzählige Arbeitsplätze wegrationalisiert, hält er für die Ursache der meisten Übel. Das Potential unserer Anlagen zu erkennen, ein Betätigungsfeld dafür zu finden, dem Druck der Gesellschaft zu vorschneller Anpassung zu widerstehen, dazu ermutigt jedes seiner Bücher. Denn nur so bleiben wir im Einklang mit uns selber, verrichten unsere Arbeit gut, motiviert und gerne und sind für die Gemeinschaft nützlicher als durch halbherzige Duckmäuserei.

»Weil heute die politische Vernunft« kaum mehr dort anzutreffen ist, »wo die politische Macht liegt« muß, nach Hesses Auffassung, »ein Zustrom von Intelligenz aus nichtoffiziellen Kreisen stattfinden, wenn Katastrophen verhindert oder gemildert werden sollen«.

Impulse wie dieser bestimmen sein ganzes Werk vom zivilisationskritischen Peter Camenzind, der Schülertragödie Unterm Rad, dem Demian, dessen elektrisierende Wirkung nach dem Ersten Weltkrieg Thomas Mann mit derjenigen von Goethes Leiden des jungen Werther verglich, bis zur Bourgeoisie-Demontage des Steppenwolf und der interdisziplinären Utopie vom Glasperlenspiel, dessen Held die alternative Pädagogische Provinz in dem Augenblick verläßt, als auch sie in Bürokratie und unsozialem Selbstzweck zu erstarren beginnt.

Seit nunmehr fünf Generationen sind es immer wieder junge Menschen im Alter zwischen 14 und 35 Jahren, die Hesse lesen, in einem Stadium also, wo man noch voller Ideale ist und einen möglichst sinnvollen Platz in der Gesellschaft sucht. In diesem Alter fühlt man sich von seinen Schriften bestärkt, weil sie, gegen den Nivellierungsdruck von außen, das Individuelle und Unverwechselbare, den Eigenwillen stützen. Sobald wir dann ins Erwerbsleben treten, wo man sich ohne Zugeständnisse und Abstriche nicht behaupten kann, empfinden viele ihn als störend, weil er uns den Verrat an unseren Idealen bewußt macht. Im Rentenalter freilich, sobald die Mimikry des Berufslebens überstanden ist, finden nicht wenige wieder zu diesem Autor und den guten Vorsätzen ihrer Jugend zurück. Daraus mag es sich erklären, daß in der Statistik seiner Leser junge und ältere Menschen an der Spitze liegen, während die Jahrgänge des sogenannten Establishments fast fehlen.

Das thematische Spektrum von Hesses Schriften ist außerordentlich bunt. Die zahlreichen Themenbände, die sich daraus einrichten ließen, seien es nun Hesses Äußerungen zur Politik, zur Literatur, Musik und Malerei, zur Religion, Psychoanalyse oder Erziehung, zu Glück, Humor, Liebe, Jugend, Alter und Tod, seine eindringlichen Natur-, Landschafts- und Reisebeschreibungen sind so prägnant und unverschlüsselt lebensnah, daß sie sich sofort erschließen und nicht auf Interpretation angewiesen sind. Das mag auch damit zusammenhängen, daß kaum etwas erfunden ist in seinen Büchern. Denn dieser Autor schrieb in erster Linie nicht für das Publikum, sondern zunächst einmal für sich selbst, um auf diese Weise die Probleme bewältigen zu können, vor die das Leben und die Zeitgeschichte jeden Menschen stellt und die ihn in Teufels Küche bringen, wenn er begabt und gewissenhaft ist. Weil alles erlebt und oft unter großem Leidensdruck formuliert ist, glückt es ihm, komplizierte Sachverhalte auf die einfachste Weise und mit einer poetischen Präzision auszudrücken, die so prototypisch ist, daß sich auch Menschen, die in ganz anderen Kulturen aufgewachsen sind, darin wiedererkennen. Zwar wirkt der Duktus seiner Sprache mitunter traditionell – denn 1877 geboren, verdankt er die entscheidenden Prägungen noch dem 19. Jahrhundert – doch durch die Patina, die im Verlauf eines Jahrhunderts jede Sprache ansetzen muß, blitzt die Aktualität der Inhalte so überzeugend auf, daß das Formale für den Leser unbedeutend wird.

Als Anwalt des Einzelnen immer auf der Seite der Benachteiligten, ist Hesse zudem ein eminent politischer Autor. Als erster freiwilliger Emigrant hat er das militante Deutschland bereits 1912 verlassen, in der Schweiz eine Fürsorgezentrale für Kriegsgefangene aufgebaut und die deutsche Politik der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts zunächst journalistisch, dann auf praktische Weise und natürlich auch in seinen Büchern in Frage gestellt. Das haben ihm die jeweils systemkonformen Intellektuellen in Deutschland nicht vergessen. Nach wie vor sind sie es, die das Plebiszit seiner weltweiten Wertschätzung nicht wahrhaben wollen. Schon im Ersten Weltkrieg und erst recht danach wurden Hesses Aufrufe zur Menschlichkeit als unzeitgemäße Humanitätsduselei abgetan und sein Ansporn zur Selbstkritik als eskapistische Innerlichkeit denunziert. »Der Krieg bringt die Welt nicht vorwärts«, schrieb er 1917, »er schiebt nur auf, wirft nur den Leidenschaften vorübergehend neue Ziele hin, und nachher, früh oder spät, wird die soziale Not wieder dastehen, groß und furchtbar wie zuvor.«

Hinzu kommt noch – angesichts des Versagens der christlichen Kirchen – die Überwindung des Eurozentrismus in seinen Dichtungen, also das Einbeziehen anderer Kulturen und Glaubensformen, insbesondere derjenigen Asiens, weil diese Kulturen jahrtausendelang ohne Kriege ausgekommen sind. Im Hinduismus, Buddhismus und Taoismus fand er in analogen Symbolen ausgedrückt, was die christlichen Kirchen in ihrer Intoleranz und Obrigkeitshörigkeit allzulang ausgegrenzt haben. Auch das machte ihn in konservativen Kreisen suspekt, vor allem wegen der überkonfessionellen Spiritualität in Büchern wie Siddhartha und Das Glasperlenspiel, die besonders in den asiatischen Ländern großen Anklang finden.

Mehr als dies aber besticht seine menschliche Integrität. – Ethik und Ästhetik sind für Hesse keine Widersprüche, sondern stehen auf eine Weise in Einklang miteinander wie bei wenigen Autoren seiner Generation. Er hat gelebt, was er als Dichter vertrat. Er balancierte nicht über den Dingen, sondern ist verletzbar geblieben bis an sein Lebensende. »Scherbenberg und Trümmerstätte / Ward die Welt und ward mein Leben«, heißt es in einem seiner späten Gedichte, »Weinend möcht ich mich ergeben, / Wenn ich diesen Trotz nicht hätte, / Diesen Trotz im Grund der Seele, / Mich zu stemmen, mich zu wehren, / Diesen Glauben: was mich quäle, / Müsse sich ins Helle kehren, / Diesen unvernünftig zähen/ Kinderglauben mancher Dichter / An unlöschbar ewige Lichter, / Die hoch über allen Höllen stehen.«

Neben Thomas Mann und Stefan Zweig ist Hermann Hesse wohl der gütigste, hilfsbereiteste und unbestechlichste Schriftsteller seiner Generation gewesen. Leben und Werk sind wie eine Gleichung, bei der am Ende alles aufgeht. Das belegen nicht nur seine unzähligen Antworten auf Leserfragen – sondern auch Tausende von Buchbesprechungen, in welchen er sich neidlos für jene Kollegen aus der Vergangenheit und Gegenwart eingesetzt hat, deren Werke auf eine Humanisierung des Menschen und Förderung alles dessen zielen, was das Leben bunt, sinnvoll und lebenswert macht.

Januar 2003

Volker Michels

Gestutzte Eiche

Wie haben sie dich, Baum, verschnitten,

Wie stehst du fremd und sonderbar!

Wie hast du hundertmal gelitten,

Bis nichts in dir als Trotz und Wille war!

Ich bin wie du, mit dem verschnittnen,

Gequälten Leben brach ich nicht

Und tauche täglich aus durchlittnen

Roheiten neu die Stirn ins Licht.

Was in mir weich und zart gewesen,

Hat mir die Welt zu Tod gehöhnt,

Doch unzerstörbar ist mein Wesen,

Ich bin zufrieden, bin versöhnt,

Geduldig neue Blätter treib ich

Aus Ästen hundertmal zerspellt,

Und allem Weh zum Trotze bleib ich

Verliebt in die verrückte Welt.

Juli 1919

Das Leben ist sinnlos, grausam, dumm und dennoch prachtvoll – es macht sich nicht über den Menschen lustig (denn dazu gehört Geist), aber es kümmert sich um den Menschen nicht mehr als um den Regenwurm. Daß ausgerechnet der Mensch eine Laune und ein grausames Spiel der Natur sei, ist ein Irrtum, den der Mensch sich erfindet, weil er sich zu wichtig nimmt. Wir müssen erst sehen, daß wir Menschen es keineswegs schwerer haben als jeder Vogel und jede Ameise, sondern eher leichter und schöner. Wir müssen die Grausamkeit des Lebens und die Unentrinnbarkeit des Todes erst in uns aufnehmen, nicht durch Jammern, sondern durch Auskosten dieser Verzweiflung. Erst dann, wenn man die ganze Scheußlichkeit der Sinnlosigkeit der Natur in sich aufgenommen hat, kann man beginnen, sich dieser rohen Sinnlosigkeit gegenüberzustellen und sie zu einem Sinn zu zwingen. Es ist das Höchste, wozu der Mensch fähig ist, und es ist das Einzige, wozu er fähig ist. Alles andre macht das Vieh besser.

Tragen Sie das Leid, kosten Sie die Verzweiflung, aber lernen Sie das Nichtverstehen, das Leid, die Sinnlosigkeit als Vorbedingung für alles erkennen, was der Mensch wert sein kann. Wie Sie nachher Ihren Glauben formulieren, ob christlich oder sonstwie, ist einerlei. Es gibt keine andern Götter, als die der Mensch sich macht. Es gibt ja auch keine andern Regierungen, Gesetze und Moralen, als die der Mensch sich macht. Das tun die Völker im großen, und das tut jeder Einzelne im kleinen. Er gibt dem Sinnlosen einen Sinn, er stellt seine Ahnung, sein Bedürfnis nach Sinn dem Chaos entgegen, und lernt leben, als gebe es einen Gott und als habe das Ganze einen Sinn. Mehr ist nicht vonnöten, um leben zu können.

Daß die meisten Menschen, auch die jungen, sich meistens diese Fragen gar nicht stellen, ist wieder eine andere Sache. Für die meisten ist die Sinnlosigkeit gar kein Leid, sowenig wie für den Regenwurm. Aber eben die Wenigen, die vom Leid ergriffen werden und nach dem Sinn zu suchen beginnen, machen den Sinn der Menschheit aus.

Aus einem Brief 1931

Nicht jedem Menschen ist es gegeben, eine Persönlichkeit zu werden, die meisten bleiben Exemplare und kennen die Nöte der Individualisierung gar nicht. Wer sie aber kennt und erlebt, der erfährt auch unfehlbar, daß diese Kämpfe ihn mit dem Durchschnitt, dem normalen Leben, dem Hergebrachten und Bürgerlichen in Konflikt bringen. Aus den zwei entgegengesetzten Kräften, dem Drang nach einem persönlichen Leben und der Forderung der Umwelt nach Anpassung, entsteht die Persönlichkeit. Keine entsteht ohne revolutionäre Erlebnisse, aber der Grad ist natürlich bei allen Menschen verschieden, wie auch die Fähigkeit, ein wirklich persönliches und einmaliges Leben (also kein Durchschnittsleben) zu führen sehr verschieden ist . . .

Der werdende junge Mensch, wenn er den Drang zu starker Individualisierung hat, wenn er vom Durchschnittsund Allerwelts-Typ stark abweicht, kommt notwendig in Lagen, die den Anschein des Verrückten haben.

Ich glaube also, daß Sie auf dem rechten Wege sind, denn Sie spüren diese Nöte. Es gilt nun nicht, seine »Verrücktheiten« der Welt aufzuzwingen und die Welt zu revolutionieren, sondern es gilt, sich für die Ideale und Träume der eigenen Seele gegen die Welt soviel zu wehren, daß sie nicht verdorren. Die dunkle Innenwelt, wo diese Träume zu Hause sind, ist beständig bedroht, sie wird von den Kameraden verspottet, von den Erziehern gemieden, sie ist kein fester Zustand, sondern ein beständiges Werden.

Unsre Zeit macht es da den Feineren in der Jugend besonders schwer. Es besteht überall das Streben, die Menschen gleichförmig zu machen und ihr Persönliches möglichst zu beschneiden. Dagegen wehrt sich unsre Seele, mit Recht.

Aus einem Brief vom Februar 1929

Ja, an der Menschheit zu verzweifeln, wäre viel Anlaß da, aber da Verzweifeln kein rationaler Vorgang ist, müssen wir aushalten und es immer wieder mit der Vernunft, der Geduld, auch dem Galgenhumor probieren.

Aus einem Brief vom August 1949

Ich glaube, man wird später, wenn von unsrer Zeit die Rede ist, bei ihr eine Neigung zur religiösen Überschätzung der Gemeinschaft und eine richtige »Flucht« aus den persönlichen Aufgaben in die sozialen feststellen. Diese Ansicht, daß alles, was die Gemeinschaft betreffe, an sich und unbedingt besser und heiliger sei als das, was Sache des Einzelnen ist, kann ich nicht teilen. Die Anlage und Pflicht zur Sozialität ist eine von unsern Anlagen und Pflichten, eine wichtige, aber nicht die einzige und nicht die höchste, denn »höchste« Pflichten gibt es überhaupt nicht. Der fromme, auf Gott bezogene Mensch früherer Kulturen ist ganz von selber sozial von hohem Wert gewesen, obwohl er alle Sorgfalt nur auf sein persönliches Verhältnis zu Gott wendete. Und so ist es immer gewesen, bei den alten Chinesen schon und zu allen Zeiten: der tugendhafte, wertvolle, wünschenswerte, zur Vollkommenheit geeignete Mensch war immer der, der sich in direkter Beziehung zu Gott weiß, ganz einerlei, ob er General war oder Eremit, und wenn er an seinem Ort das tat, wozu der Mensch da ist: sich selber zu dem höchstmöglichen Grad von Wert reifen, dann war er ganz von selber auch im Wirken auf andre, auf Gemeinschaft und Staat wertvoll und wichtig.

Aus einem Brief vom Dezember 1932

Das Leben ist keine Rechnung und keine mathematische Figur, sondern ein Wunder. So war es mein ganzes Leben lang: alles kam wieder, die gleichen Nöte, die gleichen Gelüste und Freuden, die gleichen Verlockungen, immer wieder stieß ich mir den Kopf an dieselben Kanten, kämpfte mit den gleichen Drachen, jagte den gleichen Faltern nach, wiederholte stets dieselben Konstellationen und Zustände, und doch war es ein ewig neues Spiel, immer wieder schön, immer wieder gefährlich, immer wieder erregend. Tausendmal bin ich übermütig gewesen, tausendmal todmüde, tausendmal kindisch, tausendmal alt und kühl, und nichts hat lange gedauert, alles kehrte stets wieder und war doch nie das gleiche. Die Einheit, die ich hinter der Vielheit verehre, ist keine langweilige, keine graue, gedankliche, theoretische Einheit. Sie ist ja das Leben selbst, voll Spiel, voll Schmerz, voll Gelächter.

Aus »Kurgast«, 1923

Ja, das indische, römische, jüdische Auge sind, Gott sei Dank, überaus verschieden. Die Nationen, Kulturen, Sprachen mögen alle Bäume sein, aber eine ist eine Linde, eine ein Ahorn, eine eine Fichte etc. Der Geist, sei er nun theologisch gekleidet oder anders, neigt immer ein wenig zu sehr zum Begriff, zur Verflachung, zur Typisierung, er ist mit »Baum« zufrieden, während Leib und Seele mit »Baum« nichts anfangen können, sondern Linde, Eiche, Ahorn brauchen und lieben. Eben darum sind die Künstler vermutlich Gottes Herzen näher als die Denker. Wenn nun Gott sich im Inder und Chinesen anders ausdrückt als im Griechen, so ist das nicht ein Mangel, sondern ein Reichtum, und wenn man alle diese Erscheinungsformen des Göttlichen mit einem Begriff zusammenfassen will, entsteht keine Eiche und keine Kastanie, sondern bestenfalls ein »Baum«.

Aus einem Brief, 1955

Bäume

Bäume sind für mich immer die eindringlichsten Prediger gewesen. Ich verehre sie, wenn sie in Völkern und Familien leben, in Wäldern und Hainen. Und noch mehr verehre ich sie, wenn sie einzeln stehen. Sie sind wie Einsame. Nicht wie Einsiedler, welche aus irgendeiner Schwäche sich davongestohlen haben, sondern wie große, vereinsamte Menschen, wie Beethoven und Nietzsche. In ihren Wipfeln rauscht die Welt, ihre Wurzeln ruhen im Unendlichen; allein sie verlieren sich nicht darin, sondern erstreben mit aller Kraft ihres Lebens nur das Eine: ihr eigenes, in ihnen wohnendes Gesetz zu erfüllen, ihre eigene Gestalt auszubauen, sich selbst darzustellen. Nichts ist heiliger, nichts ist vorbildlicher als ein schöner, starker Baum. Wenn ein Baum umgesägt worden ist und seine nackte Todeswunde der Sonne zeigt, dann kann man auf der lichten Scheibe seines Stumpfes und Grabmals seine ganze Geschichte lesen: in den Jahresringen und Verwachsungen steht aller Kampf, alles Leid, alle Krankheit, alles Glück und Gedeihen treu geschrieben, schmale Jahre und üppige Jahre, überstandene Angriffe, überdauerte Stürme. Und jeder Bauernjunge weiß, daß das härteste und edelste Holz die engsten Ringe hat, daß hoch auf Bergen und in immerwährender Gefahr die unzerstörbarsten, kraftvollsten, vorbildlichsten Stämme wachsen.

Bäume sind Heiligtümer. Wer mit ihnen zu sprechen, wer ihnen zuzuhören weiß, der erfährt die Wahrheit. Sie predigen nicht Lehren und Rezepte, sie predigen, um das Einzelne unbekümmert, das Urgesetz des Lebens.

Ein Baum spricht: In mir ist ein Kern, ein Funke, ein Gedanke verborgen, ich bin Leben vom ewigen Leben. Einmalig ist der Versuch und Wurf, den die ewige Mutter mit mir gewagt hat, einmalig ist meine Gestalt und das Geäder meiner Haut, einmalig das kleinste Blätterspiel meines Wipfels und die kleinste Narbe meiner Rinde. Mein Amt ist, im ausgeprägten Einmaligen das Ewige zu gestalten und zu zeigen.

Ein Baum spricht: Meine Kraft ist das Vertrauen. Ich weiß nichts von meinen Vätern, ich weiß nichts von den tausend Kindern, die in jedem Jahr aus mir entstehen. Ich lebe das Geheimnis meines Samens zu Ende, nichts andres ist meine Sorge. Ich vertraue, daß Gott in mir ist. Ich vertraue, daß meine Aufgabe heilig ist. Aus diesem Vertrauen lebe ich.

Wenn wir traurig sind und das Leben nicht mehr gut ertragen können, dann kann ein Baum zu uns sprechen: Sei still! Sei still! Sieh mich an! Leben ist nicht leicht, Leben ist nicht schwer. Das sind Kindergedanken. Laß Gott in dir reden, so schweigen sie. Du bangst, weil dich dein Weg von der Mutter und Heimat wegführt. Aber jeder Schritt und Tag führt dich neu der Mutter entgegen. Heimat ist nicht da oder dort. Heimat ist in dir innen, oder nirgends.

Wandersehnsucht reißt mir am Herzen, wenn ich Bäume höre, die abends im Wind rauschen. Hört man still und lange zu, so zeigt auch die Wandersehnsucht ihren Kern und Sinn. Sie ist nicht Fortlaufenwollen vor dem Leide, wie es schien. Sie ist Sehnsucht nach Heimat, nach Gedächtnis der Mutter, nach neuen Gleichnissen des Lebens. Sie führt nach Hause. Jeder Weg führt nach Hause, jeder Schritt ist Geburt, jeder Schritt ist Tod, jedes Grab ist Mutter.

So rauscht der Baum am Abend, wenn wir Angst vor unsern eigenen Kindergedanken haben. Bäume haben lange Gedanken, langatmige und ruhige, wie sie ein längeres Leben haben als wir. Sie sind weiser als wir, solange wir nicht auf sie hören. Aber wenn wir gelernt haben, die Bäume anzuhören, dann gewinnt gerade die Kürze und Schnelligkeit und Kinderhast unserer Gedanken eine Freudigkeit ohnegleichen. Wer gelernt hat, Bäumen zuzuhören, begehrt nicht mehr, ein Baum zu sein. Er begehrt nichts zu sein, als was er ist. Das ist Heimat. Das ist Glück.

1918

Gewiß gibt es ein »Schicksal«. Es ist aber nicht eine blinde Macht von außen, deren Spielball wir sind, sondern es ist die Summe der Gaben, Schwächen und anderen Erbschaften, die ein Mensch mitgebracht hat. Ziel eines sinnvollen Lebens ist, den Ruf dieser innern Stimmen zu hören und ihm möglichst zu folgen. In der Jugend ist das vielleicht schwerer, weil die Persönlichkeit noch nicht fertig ist, und die Wünsche hin und her schwanken und sich auch auf Ziele richten können, die dem Wesen des Wünschenden ganz fremd sind.

Der Weg wäre also: sich selbst erkennen, aber nicht über sich richten und sich ändern wollen, sondern sein Leben möglichst der Gestalt anzunähern, die als Ahnung in uns vorgezeichnet ist. So haben es alle großen Dichter gemeint, namentlich Novalis, wenn er sagte »Schicksal und Gemüt sind Namen eines Begriffs«.

Aus einem Brief vom September 1931

Der liebe Gott spielt mit uns, wie der Musiker mit den Tönen spielt. Na, wir wollen wenigstens unseren Ton singen, so rein wie möglich, jeder den seinen, und hoffen, es werde für den lieben Gott schon ein Konzert draus werden.

Aus einem Brief von Anfang Januar 1932

Unsereiner lebt nicht leicht, und empfindet oft die Umwelt als brutal oder als kindisch. Aber wir haben diese Umwelt weder zu fliehen noch sie zu ändern; wir haben ihr so viel zu geben, als wir ohne Schaden von unserm Besten geben können, und sie zu benützen und uns ihr zu fügen, so wie wir unsere eigene Natur, unsern Körper benützen und uns ihm fügen, wo er der stärkere ist.

Auf einer Postkarte vom Juli 1938

Ich habe den Eindruck, Sie suchen viel zuviel mit dem Verstand, sonst würden Sie nicht solche Dinge über die Grausamkeit in der Natur sagen können. Sie konnten gerade so gut als Prinzip aller Natur die Liebe entdecken, wie Sie die Grausamkeit entdeckt haben. Das sind Spielereien. Fangen Sie doch dort an, wo Sie selber in Ihrem Leben Aufgaben sehen, an die Sie glauben, wo Sie andern helfen und etwas sein müssen, und fragen Sie sich, ob Sie dem scheinbaren Egoismus der »Natur« folgen oder doch lieber diese Aufgaben auf sich nehmen und damit im eigenen Herzen die Forderung anerkennen wollen. Und dann bleiben Sie bei dem, was Ihr Herz entscheidet.

Das Leben hat so viel Sinn, als Sie ihm zu geben vermögen. Die Bibel und das Dogma und alle Philosophien sind nur eine Hilfe, diese Sinngebung zu erleichtern. Die Natur, die Pflanze und das Tier, bedarf der Sinngebung nicht, weil sie den Gedanken und die Sünde nicht kennt, sie lebt naiv und unschuldig. Wir Menschen sind weniger als Tiere, wenn wir versuchen wollen, ohne Sinn zu leben. Sinn gewinnt das Leben, wenn wir es, soweit möglich, dem naiven Streben nach egoistischer Lust entziehen und in einen Dienst stellen. Wenn wir diesen Dienst ernst nehmen, kommt der »Sinn« von selbst. Aus einem Brief von ca. 1933

Keine Rast

Seele, banger Vogel du,

Immer wieder mußt du fragen:

Wann nach so viel wilden Tagen

Kommt der Friede, kommt die Ruh?

O ich weiß: kaum haben wir

Unterm Boden stille Tage,

Wird vor neuer Sehnsucht dir

Jeder liebe Tag zur Plage.

Und du wirst, geborgen kaum,

Dich um neue Leiden mühen

Und voll Ungeduld den Raum

Als der jüngste Stern durchglühen.

November 1913

Ich kenne dich, bange Seele, nichts ist dir notwendiger, nichts ist so sehr Speise, so sehr Trank und Schlaf für dich wie die Heimkehr zu deinen Anfängen. Da rauscht Welle um dich, und du bist Welle, Wald, und du bist Wald, es ist kein Außen und Innen mehr, du fliegst Vogel in Lüften, schwimmst Fisch im Meer, saugst Licht und bist Licht, kostest Dunkel und bist Dunkel. Wir wandern, Seele, wir schwimmen und fliegen und lächeln und knüpfen mit zarten Geistfingern die zerrissenen Fäden wieder an, tönen selig die zerstörten Schwingungen wieder aus. Wir suchen Gott nicht mehr. Wir sind Gott. Wir sind die Welt. Wir töten und sterben mit, wir schaffen und auferstehen mit unsern Träumen. Unser schönster Traum, der ist der blaue Himmel, unser schönster Traum, der ist das Meer, unser schönster Traum, der ist die sternhelle Nacht, und ist der Fisch, und ist der helle frohe Schall, und ist das helle frohe Licht – alles ist unser Traum, jedes ist unser schönster Traum. Eben sind wir gestorben und zu Erde geworden. Eben haben wir das Lachen erfunden. Eben haben wir ein Sternbild geordnet.

Stimmen tönen, und jede ist die Stimme der Mutter. Bäume rauschen, und jeder hat über unsrer Wiege gerauscht. Straßen laufen in Sternform auseinander, und jede Straße ist der Heimweg.

Aus »Eine Traumfolge«, 1916

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