Der Autor


Stefan Link wurde 1972 in Limburg an der Lahn geboren und wuchs im hessischen Waldernbach auf, wo er noch heute lebt. Nach beruflichen Anfängen im öffentlichen Dienst verschlug es ihn 1994 ins Steuerrecht. Im Jahr 2005 wurde er zum Steuerberater bestellt.

Als Autor fühlt sich Stefan Link im Genre des Krimis und in Thrillern am wohlsten. Bisher hat er diverse Kurzgeschichten in Anthologien publiziert. »Die siebte Gemeinde« ist sein Debüt-Roman.

»Plötzlich Schutzengel« ist der zweite Roman von Stefan Link, der im Titus Verlag erschienen ist.

Ebenfalls von Stefan Link im Titus Verlag erhältlich die Kurzgeschichten in der »Story to go«-Reihe: »Oma Emily«, »Falsche Liebe«, »Kleines Püppchen« und »Westlakemanor«.


Weitere Informationen im Internet

www.titus-verlag.de

www.stefanlink.de


Copyright by

Titus Verlag, Wiesbaden, 2013



Lektorat / Buchsatz: Sascha Ehlert

Herstellung E-Book: Titus Verlag


ISBN 978-3-942277-51-8

INHALT

KAPITEL 1 – Der Tod

KAPITEL 2 – Die Auferstehung

KAPITEL 3 – Die Offenbarung

KAPITEL 4 – Der erste Test

KAPITEL 5 – Der zweite Test / Das Training

KAPITEL 6 – Der zweite Test / Der Ernstfall

KAPITEL 7 – Eine Frage der ...

Leseprobe "Die siebte Gemeinde"

Leseprobe "Das dunkle Zimmer"

Leseprobe "Ausgeliefert"

Leseprobe "Der Richter und sein Mörder"

siebte-Gemeinde---werbung

Plötzlich Schutzengel



von


Stefan Link



Titus Logo

KAPITEL 1 – Der Tod


»Elender Feigling«, hallte es über den Waldesstädter Kirmesplatz, gefolgt von: »Du traust dich ja doch nicht, du kleiner Angstschisser.«

Dreckiges Gelächter vermischte sich mit den schrägen Tönen der Blaskapelle aus dem Festzelt und den wummernden Bässen der Fahrgeschäfte. Schwache Dunstschwaden stiegen im Scheinwerferlicht vom regennassen Fußboden auf.

Luisa Reinmüller löste sich aus der lachenden Gruppe und stieg auf die unterste Stufe der Treppe, die zum Riesenrad hinaufführte. Sie stemmte ihre Hände mitsamt einem gefüllten Becher in die Hüften. »Ach kommt schon, Jungsch.« Sie zwinkerte jedem sichtbar zu, hatte aber Mühe, sich auf den Beinen zu halten. »Dasch war doch nicht euer Ernscht, oder?«

Theatralisch schüttete David Schlüter sein Bier vor sich auf den Boden und warf das leere Glas Richtung Kirmeszelt. »Niemand von euch Vollidioten sagt Feigling zu mir, habt ihr das verstanden?«

Seine Freunde grölten unbeeindruckt weiter und deuteten auf das sich drehende Riesenrad.

»Haltet die Fresse, ihr Wichsköppe, ich steige ja ein!«, rief David, machte einen demonstrativen Schritt auf das Kassenhäuschen zu und gab Luisa einen Klaps auf den Hintern. In diesem Moment verebbte zwar das Gejohle, aber nicht die Häme auf den Mienen seiner Kameraden.

David blickte an der mächtig angetrunkenen Luisa, die ihn mit ihren blauen Augen anklimperte, auf und ab und wischte seine schwitzenden Hände an seinen halblangen brünetten Haaren ab, indem er sie elegant nach hinten warf. »Aber Leander kommt mit!« Die Worte klangen kläglich, und eine außenstehende, nüchterne Person hätte sie eindeutig als Ablenkungsmanöver identifiziert, doch hatte sein von Alkoholfahnen umnebeltes Publikum den Sinn für solche subtilen Beobachtungen längst eingebüßt. »Der Spießer hat im Zelt noch mächtig Töne gespuckt«, fuhr er fort und warf seinem Opfer einen verächtlichen Blick zu.

»Ich … ich hab gar nichts gesagt«, stotterte Leander. »Du bist der, der große Reden geschwungen hat.«

»Leander muss mit rein! Leander muss mit rein!«, schrie einer aus der Horde heraus und spielte David zu einhundert Prozent in die Karten. »Leander! Leander! …«

Leander Hauff stand die Panik offen ins Gesicht geschrieben. Höhenangst schien er jedoch keine zu haben, denn sein Blick war nur auf David Schlüter gerichtet, der es offensichtlich, wie jedes Jahr auf der Kirmes, auf ihn abgesehen hatte. So sicher, wie der Herbst dem Sommer folgte und Dieter Bohlen in einer Samstagabend-Show auftauchte, würde David sich etwas einfallen lassen, um Leander einen Streich zu spielen.

Gerade wollte Leander sich umdrehen, um nach einem Ausweg zu suchen, als Luisa lächelnd auf ihn zukam und er in seiner Fluchtbewegung erstarrte.

Sie wankte, da sie einen, wenn nicht zwei Wodka Energy zu viel intus hatte, und wirkte dadurch wenig grazil, doch Leander setzte einen Gesichtsausdruck auf, als würden Heidi Klum, Angelina Jolie und Dita von Teese im Dreierpack nackt auf ihn zulaufen. Er schien nur ihre schulterlangen dunkelblonden Locken, die sie heute offen trug, sowie ihre gertenschlanke Figur und ihre atemberaubend azurblauen Augen zu bemerken, sich aber nicht an ihrem überhöhten Promillewert zu stören.

»Mach doch mit, Leander«, lallte sie mit ihrer leicht angerauten Stimme. »Ischt doch gar nischt ssschlimm. Schind doch nur fünf Runden oder scho.« Sie umarmte ihn innig. Dabei reichte sie ihm aufgrund ihrer 1,60 Meter lediglich bis zum Kinn.

»Hey, ihr Turteltauben, sofort auseinander! Oder muss ich einen Schlauch holen?«

Lautes Gelächter dröhnte erneut über den Kirmesplatz.

Luisa löste sich von Leander und drehte sich zu der Stimme um. »Wiescho, Thomasch, … schag nur, du möchtescht auch mit?«, fragte sie mit einem unschuldigen Augenaufschlag.

»Hey, wir haben einen weiteren Freiwilligen gefunden!« Bernd Kremer reagierte aus der Horde am schnellsten und erhob demonstrativ sein Bierglas. »Ich glaube, hier möchte jemand seiner Ex-Freundin imponieren.«

Thomas Hartwig zog eine Grimasse und stemmte seine Hände in die Hüften. »Pah, Kleinigkeit, ich bin schon auf Dächern von Hochhäusern rumgekraxelt, da kann mir ein mickriges Riesenrad gar nichts. Außerdem war ich erst gestern drauf.«

Er zog seine beige Camouflage-Cargo-Hose am Gürtel hoch und trat aus dem Schutz der Gruppe heraus. »Los geht’s, ihr Weicheier!«

»Aber es muss die Nummer fünf sein!«, schrie einer aus der Clique.

David verdrehte seine Augen. »Na klar, welche denn sonst? Die Gondel, die ihr gestern getestet habt. Die, die sich nach rechts und links drehen lässt.«

Eine Gruppe junger Männer nickte einhellig.

»Und nicht zu vergessen, dass sie dabei leicht eiert, wenn man nur schnell genug dreht!« Thomas spuckte sich in die Hände. »Hach, ich liebe unsere Kirmesrituale.«

»Schließlich müssen wir unsere alljährlichen Traditionen wahren«, skandierte Bernd Kremer. »Wisst ihr noch, wie David Leander letztes Jahr beim einarmigen Dosenschießen – ganz aus Versehen – in den Fuß geschossen hat?«

»Ich bezahle die Tickets!« David erhob seine Stimme über das aufbrausende Gelächter und schielte auf Luisa, um ihre Reaktion auf seine noble Geste abzuwarten.

Leander wurde aus dem Menschenpulk nach vorne geschoben. Sebastian Borchert wuschelte ihm über den blonden Seitenscheitel und gab ihm einen zusätzlichen Tritt in den Hintern. »Auf geht’s, Burschi, du schaffst das schon. Einmal im Jahr willst du als Steuerberater doch auch mal Spaß haben, mit uns Biere auf Ex trinken und Schießbudenbetreiber schikanieren, oder nicht? Schau, … ein paar deiner millionenschweren Kunden stehen dort drüben. Der Speditionsheini Manuel Speck und der Möbelfuzzi Müller zum Beispiel. Keine Sorge, die sind nicht einen Deut besser als du und knallen sich selbst die Hucke voll. Also, nur zu.« Sebastian drehte sich einer Gruppe 50-jähriger Männer zu. »Ist das in Ordnung, Herr Speck, wenn wir Ihren Steuerberater betrunken in eine der Riesenradgondeln setzen?«

Ein hoch aufgewachsener Mann mit schütterem braunen Haar und stylischer Brille schüttelte den Kopf. »Geht ruhig alle hinein, Jungs, wenn ihr wollt. Wir kümmern uns derweil um eure Freundinnen. Hey, ihr Süßen, schwingt eure Ärsche rüber, wir geben euch einen aus. Ich lade nachher noch zum Eierbacken in mein Zweitappartement unten im Ort ein und wollte heute mein neues Liebesnest gebührend einweihen. Wird sicher lustig werden, wenn ihr wisst, was ich meine.«

Sebastian wendete sich wieder seinem Steuerberaterfreund zu. »Siehst du, alle Mann besoffen wie eh und je.«

Leander zuckte mit den Schultern und ergab sich seinem Schicksal. »Ich, äh, ich kann mein Ticket selbst bezahlen, David«, stammelte er.

»Zu spät, Lea, ich habe schon drei. Los, mitkommen! Das Rad hält gleich. Hey! …« David stürmte zur Treppe des Fahrgeschäfts. »Hey, du Schiffsschaukelbremser! Wir wollen in die Fünf.« Er lief auf einen der langhaarigen Männer zu, die die Plastikchips einsammelten. Dieser missachtete David und drehte ihm den Rücken zu.

»Hey, du Riesenradclown!« David wurde energischer und hielt den Langhaarigen an den Schultern fest. »Wir wollen in die Fünf, hast du mich verstanden?«

»Hab ich verstanden«, nickte der Mann und hielt die Hand auf. David legte seine drei Chips hinein, doch der Mann schüttelte sofort den Kopf. »Die zwei Mädels da hinten wollen auch in die Fünf. Nenn mir einen Grund, warum ich die Hübschen nicht vorlassen sollte?«

David griff in seine blaue Designerjeans und drückte ihm einen Zehn-Euro-Schein in die Hand. »Grund genug?«

»Die Fünf geht klar.« Der Ticketsammler grinste, wobei eine Zahnlücke zum Vorschein kam. Es fehlte der linke obere Eckzahn. Er steckte den Schein in seine Cordhose und stoppte die heraneilenden Mädchen mit einer lässigen Handbewegung. »Ihr kommt in die Drei, Mädels. Die hab ich heute Morgen extra eingefettet. Die dreht sich nun deutlich schneller.«

Aus dem Augenwinkel heraus sah der Mann, wie David kurz zuckte und etwas sagen wollte. »Denk nicht mal dran, Junge. Ihr habt die Fünf und damit Schluss.«

Die Mädchen setzten sich kichernd in die Drei, danach wurde eine Familie in die Vier gepfercht, und anschließend kam die gewünschte Gondel vor David, Leander und Thomas zum Stehen. David wischte sich die Hände an der Hose ab und gab Leander einen Stups, sodass dieser nach vorne taumelte und sich gerade noch an der Gondel festhalten konnte. Aus dem Hintergrund ertönte Gelächter, und David folgte seinem Opfer in die offene Kabine, nicht ohne sich nochmals triumphierend nach hinten umzudrehen. In diesem Moment stellte ihm Thomas ein Bein. David stolperte derart, dass er sich drehte und rücklings auf die Gondelbank stürzte. Thomas wendete sich seinerseits zu der betrunkenen Masse um, stülpte sein schwarzes Opel-T-Shirt nach oben, zeigte seinen Bizeps und stolzierte breitarmig als Letzter in die Gondel. »Was du kannst, kann ich schon lange, David.« Er lachte und gesellte sich zu seinen beiden Mitfahrern hinzu.

»Arschloch!«

»Danke für die Blumen.«

»Das zahl ich dir heim.«

»Das will ich hoffen.«

»Nachher wird geschossen.«

Leander zuckte zusammen.

»Ja, klar, lass uns schießen gehen!« Thomas klatschte energisch in die Hände. »Einmal im Leben stößt du nicht nur heiße Luft aus.«

»Ich stopf dir gleich das Maul.«

»Trau dich.«

»Jungs, Jungs, könnt ihr das klären, wenn wir wieder auf dem Boden sind?«

»Halt die Fresse, Leander!«, brüllten beide gleichzeitig.

Leander lehnte sich zurück und blickte auf den Boden.

Das Riesenrad nahm Fahrt auf. Die Menschen unter ihnen wurden zunehmend kleiner und kurz drauf wieder größer. Die erste Runde war geschafft. Doch eigentlich war Runde Nummer zwei das Problem. Dort stoppte das Rad am höchsten Punkt und blieb für einige Zeit stehen. Zeit, in der man sich viel Unsinn einfallen lassen konnte. Schon während der ersten Umdrehung kreischten die Mädels in der Drei und leierten eifrig am Rad in der Mitte der Gondel, sodass sie sich um ihre eigene Achse drehten. Animiert von dem Gequieke ergriff Thomas seinerseits das Rad und drehte daran, so schnell er konnte.

David hielt unmerklich den Atem an. Sie passierten drehend ihre am Boden gebliebenen Freunde, die ihnen zuprosteten, und stiegen erneut in die Höhe. Kurz vor dem obersten Punkt kam das Riesenrad zum Stehen. Sämtliche Insassen sollten die Aussicht genießen und in Ruhe über das nächtliche Waldesstadt blicken können. Etwas, was David und Leander vermutlich gerne getan hätten, doch Thomas hatte die Kurbel für sich gepachtet und machte sich derart daran zu schaffen, als würde er einen tonnenschweren Anker binnen einer Minute aus dem Meer heben wollen. Sie wirbelten so schnell herum, dass die Waldesstädter Straßenlaternen nur noch als Lichtstreifen zu erkennen waren. Dann stoppte Thomas mit aller Kraft das Rad, indem er seinen Körper dagegenstemmte, und drehte es in die entgegengesetzte Richtung. Wie am gestrigen Tag bereits ausgetestet, geriet die Gondel bei diesem Manöver ins Schlingern und wankte. Leander hielt sich an der Begrenzung fest, David schloss seine Augen.


In der Zwischenzeit nestelte am Boden einer der Zuschauer in seiner Hosentasche herum. Darin hatte er eine Fernbedienung versteckt. Nichts Dramatisches, keine Bombe, nur eine Zündvorrichtung hatte er gebastelt. Dass die Gondel eierte, hatte ihren Grund, das wusste er. Er half mit seiner Konstruktion lediglich ein wenig nach. Schuld würden die TÜV-Abnehmer bekommen, soviel sollte klar sein. Ein durchgeschmortes, ohnehin schon poröses Kabel, dahinter würde keiner eine Absicht sehen. Und die zuvor gelöste Mutter? Nun, auch die würde man der Gesamtsituation zuschreiben.

Er hatte gehofft, dass sich diese Situation ergeben und er seine Chance bekommen würde. Als die Gondel mit den drei jungen Männern am obersten Punkt stoppte, griff er in seine Hosentasche und drückte einen Knopf.


David reckte plötzlich seinen Kopf in die Höhe. »Hey, hier riecht doch was verschmort?«

Leander runzelte die Stirn. »Ja, ich riech auch was.«

Thomas zog eine Grimasse. »Ach, Quatsch, ihr Weicheier. Hier riecht nichts. Das ist normal, ich kenn mich mit Kabeln aus. Das ist zu heiß gewordenes Hydrauliköl, sonst nichts. Wenn etwas riecht, dann eure vollgeschissenen Hosen.«

Ungeachtet der Bedenken seiner Begleiter kurbelte Thomas fortwährend an dem Rad. In diesem Moment ruckelte die Gondel für einen Augenblick, stockte kurz, drehte sich jedoch weiter.

»Halt jetzt, halt!«, schrie David und schlug Thomas’ Hände von der Drehvorrichtung. »Hör auf mit dem Mist, hier stimmt was nicht.«

»Hey, niemand schlägt mich, du Wichser!«, blökte Thomas und erhob sich von seinem Platz, um David eine zu scheuern. Erneut ruckte die Gondel. Ohrenbetäubendes metallisches Quietschen übertönte die Bässe der Diskoanlage, gefolgt von einem Schlag, als hätte jemand eine fünfzehn Kilo schwere Eisenkugel aus zehn Metern Höhe auf eine Metallplatte geschleudert. Die Gondel kippte zur Seite und baumelte bedrohlich, sich noch immer um sich selbst drehend.

»Verdammt, was zum …?«

»Halt deinen Mund, Thomas, und setz dich bitte gaaanz laaaangsam auf meine Seite.« David krallte sich am oberen Rand der Gondel fest und starrte seinen Mitfahrer durchdringend an. »Sofort! … Hörst du!«

Die Gondel wankte mit Schlagseite und wurde nur noch von einer einzigen Verankerung am Riesenrad festgehalten.

»Du hast mir gar nichts zu befehlen, du …«

David schlug Thomas ins Gesicht. »Hast du es immer noch nicht gerafft, du Halbaffe? Wir knallen gleich auf den Boden. Was brauchst du noch, um zu verstehen, dass wir auf halb acht hängen?«

»Ich hab’s geahnt. Ich hab’s geahnt. Ich sterbe bei dem Versuch, im alkoholisierten Zustand eine Frau zu beeindrucken und das mit zwei vollkommen degenerierten …«

»Halt die Fresse, Leander!«

»Die hält uns aus.« Thomas winkte ab und setzte sich demonstrativ lässig mit verschränkten Armen auf seinen Platz. »Die Dinger sind sicher. Ich kenne einen der TÜV-Leute, der nimmt bei uns auch die Hebebühnen ab. Da oben ist lediglich eine Halterung herausgesprungen, die zweite hält uns garantiert. Ist Vorschrift.«

»Sicher? Garantiert? Vorschrift?« Davids Stimme schlug in Panik um. Eine Hand umklammerte den Drehring in der Mitte, mit seiner anderen krallte er sich selbst ins Bein. »Wir baumeln in zwanzig Meter Höhe auf der Seite, und du gibst Garantien ab? Ich sag’s euch, da ist dieser zahnlose Drecksack dran schuld. Diese unterentwickelten Kirmesbudenheinis sparen doch, wo sie können. Wenn ich den nachher …«


Das Gekreische, das mittlerweile auf dem Boden eingesetzt hatte, drang nicht bis zu den Dreien nach oben durch. Panisch liefen die Kirmesbesucher auseinander, um unter dem Riesenrad wegzukommen. In ausreichender Entfernung blieben die meisten jedoch stehen und gafften weiter. Sie zückten ihre Handys und drückten auf die Aufnahmetasten.

Einer dagegen stand vollkommen regungslos da. Genussvoll blickte er nach oben und beobachtete die Szenerie. Er sah, wie seine Opfer mit Händen und Füßen gestikulierten, wie sie sich beschimpften und gleichzeitig versuchten, Oberwasser zu behalten. Sah, wie das Riesenrad sich sachte in Bewegung setzte, damit die Gondel heruntergebracht werden konnte. Sah, wie zwei Sanitäter, die notgedrungen auf der Kirmes ihren Dienst absaßen, aus dem Zelt herbeistürzten und wie die Gondel immer bedrohlicher schwankte und sich zwanzig Meter über dem Boden endgültig aus ihrer Verankerung löste. Er sah, wie die drei Gestalten sich schreiend dem Boden näherten und wie sie jäh auf dem Asphalt aufschlugen.

Zufrieden griff er sich ein Bier aus einem Zehnerkorb und leerte es in einem Zug.

KAPITEL 2 – Die Auferstehung


Schlagartig öffnete Thomas seine Augenlider, stierte auf eine holzvertäfelte Decke und kratze sich am Schädel. »Boah, geil, ich hab überhaupt keine Kopfschmerzen«, murmelte er, richtete sich auf und schaute sich im Zimmer um.

Der Fußboden war mit einem beigefarbenen Parkett ausgelegt, die Wände mit Mahagoniholz vertäfelt. In allen vier Seitenwände waren zwei Meter breite, von oben bis unten vollgestopfte Bücherregale eingelassen. Im Zentrum der Decke hing ein hell erleuchteter vierreihiger Kronleuchter. Außer seinem Bett standen noch drei weitere in den Ecken des etwa dreißig Quadratmeter großen Raumes. Unter zwei der Bettdecken lugten Köpfe hervor.

Thomas tastete seinen Oberkörper ab und schaute sicherheitshalber an sich herunter. Ein Lächeln huschte über sein Gesicht. »Ein Körper aus Stahl – wie könnte es anders sein.«

Er stützte sich auf und blinzelte zu den Nachbarbetten. Gegenüber erkannte er das halblange brünette Haar von David, welches strohig in sämtliche Himmelsrichtungen abstand. Den anderen Kopf konnte er nicht richtig ausmachen, glaubte aber, es müsste Leanders blonder Seitenscheitel sein. Thomas schmunzelte. »Oh Mann, selbst schlafend steht der Scheitel von dem Spießer wie ’ne Eins.« Er schwang sich seitwärts aus dem Bett und sprang auf seine Füße. »He! He, ihr Pisser! Aufwachen! Frühstück!«

»Noch nicht, Mama. Nur noch fünf Minuten.«

»Ich glaub’s nicht, jetzt ruft er schon nach seiner Mama.« Thomas lief zu Leander, zog seine Bettdecke auf den Boden und rüttelte an seinem Oberkörper. »Los, du Lusche, die Kindergartengruppe Plüschhäschen hat mit dem Klötzchenstapeln begonnen. Nicht, dass du was verpasst. Hopp, hopp, der Sandkasten wartet.«

Leander öffnete die Augen und starrte in Thomas’ lächelndes Gesicht. »Was? Was ist? Wo sind wir?« Er schielte an sich herab. »Aber … aber wir müssten verletzt …?«

»Das Letzte, woran ich mich erinnere …« David hatte sich aus dem Bett geschwungen und saß vornüber gebeugt mit aufgestütztem Kopf auf der Bettkante. Er trug noch sein petrolblaues Poloshirt vom Kirmesabend. »… ist, dass wir uns gedreht haben und die Verankerung der Gondel sich gelöst hat.«

»Ja, und?« Thomas winkte ab. »Danach sind wir ohnmächtig geworden, zumindest weiß ich nichts mehr. Der Unterbau der Gondel muss den Aufprall abgefangen haben.« Er nickte beflissen und rieb mit den Fingern über sein Kinn. »Das war bestimmt früher ein Opel-Chassis. Jepp, so muss es gewesen sein, und jetzt sind wir im Krankenhaus, gleich kommt der Chefarzt, und danach geht’s nach Hause. Ich hab auch nicht viel Zeit. Ich muss heute noch an den Rhein zu einem Vectra-Treffen. Zweihundert Kilometer sind das von Waldesstadt aus. Wenn ich mich beeile, bin ich in eineinhalb Stunden da.« Er schielte auf sein Handgelenk. »Hey, wo ist meine Uhr hin?«

»Sieht nicht nach einem Krankenhaus aus«, meinte Leander und blickte um sich. »Ich habe noch niemals ein Krankenzimmer gesehen, wo es Bücherregale an den Wänden gab und Holzvertäfelungen an der Decke. Außerdem haben wir unsere Sachen von gestern an. Die hätten sie uns eigentlich ausziehen müssen.«

»Spinnst du. Ich lass mich doch nicht von irgendjemanden ausziehen.«

»Wieso? Bekommt die Schwester dann einen Anfall?«

»Das hat bestimmt mein Vater organisiert.« David grinste. »Wir sind Privatpatienten, müsst ihr wissen, und gütigerweise haben wir euch Unterschichtler eingeladen.« Er stolzierte wie ein Pfau zum Fenster und sah hinaus. »Wow, ich glaube, die haben uns in die Schweiz geflogen. Davos würde ich sagen. An den Ausblick kann ich mich noch gut erinnern. Schaut mal aus dem Fenster, wir haben das Gipfelkrankenhaus bekommen. Unter uns sind nur Wolken zu sehen.«

Thomas stürzte nach vorne und schubste David beiseite. »Wie geil ist das denn? Ich hoffe, die haben Skier hier oben, die wir uns ausleihen können.«

»Ja, vielleicht.« Leander kratzte sich irritiert am Kopf. »Möglicherweise sogar welche von General Motors.«

»General Motors bauen Skier? Boah, das wusste ich ja gar nicht. Scheiß aufs Opel-Treffen, ich bleibe hier.« Thomas lief zu seinem Bett, hechtete hinein und wälzte sich wie ein Hund auf einer Wiese darin herum.

Leander schielte zu David, der nur mit den Schultern zuckte.

»Skier von General Motors?«, brummte David. »Oh, Mann, das kann ja heiter werden. Hoffentlich ist mein Vater bald da und holt mich hier raus.«

Leander, der mittlerweile aufgestanden war, tastete jeden Quadratzentimeter seines Körpers ab. »Aber das kann nicht sein. Das waren mindestens fünfzehn Meter, eher mehr. Ich habe weder Kopfschmerzen noch eine Schnittwunde, geschweige denn einen blauen Fleck.«

»Wahrscheinlich bist du auf mich gefallen«, rief Thomas ihm zu, der unter der Bettdecke verschwunden war. Dann streckte er seinen Kopf wieder aus den Laken hervor und grinste Leander an. »Mein Körper ist eine Maschine, musst du wissen. Der kann einen solchen Aufprall locker für zwei aushalten.«

»Ja, genau«, meinte David. »Eine Maschine, in die man die Platine eines 2/86ers eingebaut hat.«

»Hey, sag nichts gegen den B-Manta. Den zwei Liter, den die 1986 gebaut haben, war ein Mörderteil. Der Toby aus Weilbach fährt so einen in Metallicblau. Voll aufgemotzt.«

Leander zog eine Augenbraue nach oben.

David wendete sich ab und sah kopfschüttelnd aus dem Fenster. »Ich geb’s auf. Nicht mal verarschen kann man den Deppen.«

»Jetzt überlegt mal, Jungs.« Leander lief im Zimmer auf und ab. »Warum, frage ich euch – warum sollten sie uns über sechshundert Kilometer in die Schweiz fliegen, wo wir doch offensichtlich nichts haben? Es gibt die beste Uniklinik gerade mal 45 Kilometer von Waldesstadt entfernt. Kommt schon, müssten uns nicht wenigstens ein paar Muskeln wehtun? Ja, ich weiß, Thomas«, stoppte Leander den muskelbepackten Opelfan, der gerade Luft geholt hatte, »du hattest noch niemals Schmerzen. Aber du, David, sag mir, dass das hier merkwürdig ist.« Er tippte auf sein blau-rot kariertes Baumwollhemd. »Kein Kratzer.« Er rüttelte an seiner Khakihose. »Kein Riss. Nichts. Und was noch viel sonderbarer ist: Ich habe keine Kopfschmerzen, obwohl ich gestern mindestens acht Bier getrunken habe. Normalerweise müsste ich heute kotzen wie Kate Moss zu ihren besten Zeiten.«

»Du bist eben über Nacht zum Mann geworden«, konstatierte Thomas. »Kein Wunder, du hast ja auch mit mir in einem Zimmer geschlafen. Das springt über.«

David verdrehte die Augen. »Soll ich schnell nach draußen gehen, damit ihr zwei Süßen euch miteinander beschäftigen könnt? Vielleicht kannst du Leander ja glücklich machen und mit ein paar gezielten Stößen endgültig zum Mann werden lassen. Vielleicht klappt es ja bei ihm mit einem ordentlichen Ständer. Ich möchte eurem Glück nicht im Wege stehen.«

»Willst du damit sagen, dass ich keinen hoch kriege?«

»Oh, der Herr hat es gerafft. Los, Thomas!« David schwang demonstrativ mit seiner Hüfte vor und zurück. »Hol deinen Manta-Fuchsschwanz raus und zeig ihn deinem neuen Freund. Kein Wunder, dass Luisa mit dir Schluss gemacht hat.«

Thomas sprang blitzartig aus seinem Bett heraus und erreichte David mit zwei schnellen Schritten. Er schlug dem überrascht Dreinblickenden mit voller Wucht auf die Nase, zog ihm mit einem Beinschwinger zu Boden und setzte sich pfeilschnell auf seine Brust. David versuchte, sich zu wehren, doch Thomas stemmte sich mit seinen Knien auf dessen Oberarmen ab, sodass er sich nicht bewegen konnte. David wollte nach ihm treten, traf ihn jedoch nicht. Thomas holte erneut aus und scheuerte dem Schönling eine.

Sein Kopf war rot angelaufen. »Als Allererstes: Ich, merk dir das, ich hab mit Luisa Schluss gemacht!« Er presste die Lippen zusammen, und eine geballte Faust landete auf Davids Gesicht. »Die war für Luisa. Und jetzt, los, sag das noch mal, wenn du dich traust!«

David grinste hämisch. »Kastrat!«

»Na gut, du hast es so gewollt.« Thomas holte weit nach hinten aus, doch sein Arm blieb regungslos in der Luft stehen. Er schaute zu Leander, der bedröppelt im Raum stand und den Streithähnen hilflos zuschaute.

»Was ist?«, presste David hervor. »Hat dich der Mumm verlassen? Soll ich mich auf den Bauch drehen? In dieser Position kannst du wahrscheinlich mehr mit mir anfangen.«

Thomas runzelte die Stirn. Seine Hand schwebte noch immer in der Luft. »Du müsstest bluten.«

»Was?«

»Was?«

»Du müsstest bluten. Bisher hat noch jeder mindestens beim zweiten Schlag aus der Nase geblutet. Du blutest nicht.«

»Tja, mein lieber Opel-Schlappschwanz. Nicht nur du bist aus Stahl.«

Thomas ließ seine Faust schwungvoll niedersinken und schlug David auf die Nasenwurzel.

»Ist das alles, was du drauf hast?«

Thomas löste stirnrunzelnd seine Knie von Davids Oberarmen, erhob sich und drehte sich verwirrt zu Leander um. In diesem Moment sprang David auf und fiel Thomas von hinten an den Hals. Dieser griff unbeeindruckt nach den Armen seines Gegners und schleuderte ihn mit einem geübten Karategriff über die Schulter nach vorne sausen. David platschte mit dem Rücken aufs Parkett, wollte erneut aufspringen und auf Thomas zustürzen, da sprang Leander zwischen die beiden Streithammel.

»Stopp!«, schrie er und hielt seine Hand nach oben.

»Misch dich nicht ein!«, kreischte David. »Ich mach den Bückling fertig.«

»Tut deine Nase weh?«, fragte Leander.

»Nein, wieso fragst du? Geh mir aus dem Weg!«

Leander holte aus und schlug David ins Gesicht.

»Jetzt reicht’s aber! Habt ihr zwei Hinterlader euch über Nacht verbündet, oder was?« David griff Leander an den Schultern und rüttelte ihn durch.

»Tuuut deieieine Naaaaase we-e-e-e-e-h?«, fragte Leander flehentlich, während er von David durchgeschüttelt wurde.

Dieser blickte verunsichert in Leanders Augen, in denen der Wahnsinn stand, und ließ ihn dann los.

»Hm?« Thomas fuhr sich über seinen schwarzen Bürstenhaarschnitt, schlurfte zu seinem Bett zurück und setzte sich auf die Kante. »Stimmt irgendwie.«

»Aha, langsam werden die Herren nachdenklich. Hab ich es nicht gesagt? Wir müssen …«

»Halt die Fresse, Leander!«

»Aber, Jungs, wenn wir nach solch einem Aufprall keine Schmerzen spüren, dann müssen wir …«

»Halt die Fresse, Leander!«

»Tot sein?«

Die drei drehten ruckartig ihre Köpfe.

Von ihnen unbemerkt hatte sich die Tür am anderen Ende des Raumes geöffnet. Sie war aufgrund der Holzvertäfelungen kaum zu erkennen gewesen. Ein Mann mittleren Alters in Bluejeans und rotem T-Shirt stand lächelnd im Türrahmen. Er hatte dunkelblondes bis zur Mitte seines Nackens reichendes Haar und einen ebenso dunkelblonden Oberlippenbart. »Tot?« Er schüttelte den Kopf. »Nein, nicht direkt, würde ich sagen. Definiert den Tod aus eurer Sicht.«

»Nun ja, der Tod aus wissenschaftlicher Sicht ist, wenn sämtliche Körperfunktionen außer Kraft gesetzt …«

»Halt die Fresse, Leander!«

»Wie findest du deine Körperfunktionen am heutigen Morgen, Leander?«, fragte der Mann.

»Hm, im Prinzip, wenn Sie so fragen …«

»Wer zum Teufel sind Sie?«

»Teufel?« Der Mann schüttelte den Kopf. »Ein so böses Wort an diesem Ort. Oh!« Er klatschte freudig in die Hände. »Das war ein Reim, ist das nicht fein?«

»Willst du uns verarschen, Alter?« Thomas stand auf und ballte seine Fäuste. »Ich schieb dir gleich deinen Reim dort hinein, wo sonst nur was rauskommt. Falls du verstehst, was ich meine.«

David lief zu seinem Bett und setzte sich. »Ich glaub’s nicht, ich bin in einer Freakshow gelandet. Das muss ein verfluchter Traum sein.« Er deutete drohend auf den dunkelblonden Fremden. »Mein Vater wird Sie auf alles verklagen, was Sie haben, das kann ich euch versprechen.«

»Nun, das dürfte recht schwierig werden, mein lieber David.«

David wischte sich nervös mit beiden Händen übers Gesicht. »Ich wiederhole mich ein letztes Mal«, nuschelte er mit zusammengebissenen Zähnen hinter seinen Händen hervor. »Wer, verdammt noch mal, sind Sie?«

»Gabriel, ich heiße Gabriel. Aber nennt mich ruhig Gabe, so rufen mich alle hier oben. Ich werde für die nächste Zeit euer Vorgesetzter sein.«

»Oben? Vorgesetzter? Ich versteh nur Bahnhof. Heißt das, wir bekommen keine Skier von General Motors?«

Gabriel blickte fragend zu Leander, der mit den Schultern zuckte. »Lange Geschichte, Gabriel.«

»Gabe, bitte.«

»Hey, ich nenn dich Chuck, das gefällt mir besser.«

Gabriel runzelte die Stirn und schaute zu Thomas, der ihn freudig anstrahlte.

»Alter, hast du mal in den Spiegel geschaut? Du siehst aus wie Chuck Norris.« Thomas fing an zu lachen und ließ sich rücklings aufs Bett fallen. »Ha, ha, ha! Alter, kennst du den? Chuck Norris ist tot. Er hat es nur noch nicht bemerkt, weil sich keiner getraut, es ihm zu sagen. Ha, ha, ha!«

»Tot? Gut, dass du das ansprichst, Thomas …«

»Wuah, ich hab’s gewusst.« Leander lief vor seinem Bett im Kreis wie eine Katze, die versucht, ihren Schwanz zu fangen. »Ich hab’s gewusst. Ich hab’s gewusst …«

»Halt die Fresse, Leander!«

David erhob sich und stemmte seine Hände in die Hüften. »Ich glaube nicht, dass mir gefällt, worauf Sie hinauswollen. Kommen Sie auf den Punkt.«

Gabriel schloss die Tür hinter sich und setzte sich auf das freie vierte Bett. »Woran erinnert ihr euch?«

David rollte seine Pupillen so nach oben, dass man nur noch seine weiße Iris sah. »Kirmes in Waldesstadt, Alkohol getrunken, Luisa angemacht, Riesenrad gefahren, Gondel löst sich. Sonst noch was?« Er drehte genervt mit seiner Hand im Kreis, um zu signalisieren, Gabriel solle fortfahren.

»Wie hoch war die Gondel über dem Boden, David?«

»Spielt das eine Rolle? Fünfzehn Meter, vielleicht zwanzig?«

Gabriel lächelte David an und nickte. »Und?«

»War die Gondel aus dem Chassis eines alten Opels gebaut, wissen Sie das zufällig?«

»Tot, ihr Hornochsen!« Leander stand Panik in den Augen. »Rafft ihr es nicht? Wir sind, Scheiße noch mal, tot!«

»Ja, klar, und der Opel Insignia ist ein Ladenhüter.« Thomas ballte zum x-ten Mal an diesem Tag seine Faust und deutete Richtung Leander. »Aber sag noch einmal Hornochse zu mir, und du bekommst genauso eine gelangt wie David vorhin.«

»Das kriegst du ohnehin zurück. Du schlägst wie ein Mädchen.«

»Das wollen wir doch mal sehen.« Thomas sprang auf, stürzte mit vorgestrecktem Kopf auf David zu, da schnippte Gabriel mit dem Finger und der schwarzhaarige Angreifer landete wie an einer Schnur gezogen auf seinem Bett.

»Hey, wie hast du das gemacht?« Thomas erhob sich aus den Laken, ruckte seinen Gürtel zurecht und lief mit geballten Fäusten erneut auf David zu. Gabriel schnippte ein weiteres Mal, und Thomas landete wie zuvor auf seinem Bett.

»Geile Sache, Alter.« Er rappelte sich wiederum auf und rannte Richtung David. Ein Schnippen ertönte, Thomas lag auf dem Bett.

Leander schüttelte seinen Kopf. »Oh Mann, Versuchsratten verstehen es eindeutig schneller.«

Gabriel verzog seinen Mund. »Pit hatte mich zwar vorgewarnt, aber ich sehe trotzdem Potential in euch. Solche Emotionen können wir sehr gut gebrauchen.«

»Wir? Pit? Emotionen? Kommen Sie endlich auf den Punkt, verdammte Hacke.«

»Wie hast du das gemacht? Kannst du mich nach Detroit schnippen? Rüsselsheim würde fürs Erste auch genügen.«

»Thoooomaaaas!«

»Nun ja«, sagte Gabriel, als er sich sicher war, dass jeder ihm zuhörte, »ihr seid das, was man auf der Erde als tot bezeichnen würde. Soll heißen, das Leben, wie ihr es bisher geführt habt, ist vorbei.« Dabei hatte seine Stimme einen selbstverständlichen Singsang, als würde er seinen Schützlingen offenbaren, dass das Essen auf dem Tisch stand.

Leander würgte, beugte sich seitlich neben sein Bett und übergab sich.

»Ey, Alter, hast du sie noch alle? Geh raus, wenn du kotzen musst.«

Leander setzte sich mit hochrotem Kopf wieder auf und wischte sich über den Mund. Er lächelte gezwungen. »Schmerzen haben wir keine, aber Übergeben funktioniert, oder wie?«

Gabriel nickte. »Das war ein Emotionsausbruch, Leander. Emotionen bleiben, die braucht ihr bei eurer zukünftigen Aufgabe. Da könnte es nichts Schlimmeres geben, als dass ihr gleichgültig wäret.«

Thomas riss erstaunt die Augen auf. »Wie jetzt, wir sind tot und müssen auch noch arbeiten?«

David verschränkte seine Arme. »Na, wenigstens hast du gerafft, dass wir tot sind. Wird ohnehin Zeit, dass du endlich mal was arbeitest. Wenn nicht im Leben, dann immerhin im Tod.«

»Du Muttersöhnchen, dir geb ich gleich …«

»Na, na, ich habe doch gesagt, dass tot so schrecklich klingt. Nicht mehr in Fleisch und Blut auf der Erde wandelnd, würde es besser umschreiben.«

»Mann, Chuck, wo hast du so schwafeln gelernt? Warst du früher bei einer Zeugen-Jehova-Drückerkolonne, oder was?«

»Ich … ich … ich kann das alles gar nicht glauben.« Leander kratzte sich nervös über beide Arme. »Ich … ich … ich hatte mir so viele Szenarien für nach dem Leben, dem Tod, vorgestellt. Ich dachte, ich würde in weißen Leinenklamotten durch goldene Hallen gehen oder nackt durch einen grünen Park laufen. Oh Gott, ich bin doch erst 31.«

Gabriel schüttelte mit dem Kopf. »Du warst 31. Vergangenheit, Leander.«

»Nackt? Alter, du wolltest nackt durch einen Park laufen? Glaub mir, das will keiner sehen. Sag mal, Chuck, habt ihr hier oben auch Filme anstatt dieser Bücherkacke? Ich sehe keinen Fernseher. Warum musstet ihr uns ausgerechnet in eine Bib…, äh, Bibli… Bücherei verfrachten?«

Leander deutete dem Wahnsinn nahe auf Thomas. »Stattdessen bin ich mit diesen Typen, die es wohl nicht zu raffen scheinen, in einem Albtraum gefangen. Verdammt, ich hatte noch so viel vor. Ich wollte Juniorpartner werden und den Wirtschaftsprüfer bestehen, ich wollte heiraten und zwei Kinder bekommen. Ich …«

»Uäh, wie langweilig«, unterbrach ihn Thomas. »Ich wollte schon immer mal an der Pokerweltmeisterschaft in Vegas teilnehmen und mit dem Motorrad über den Grand Canyon springen. Das sind Pläne, Alter. Mann, was bist du nur für ein Langweiler, dass du dich darüber ärgerst, keine Prüfung mehr ablegen zu dürfen?«

Leander schaute flehend zu David. »Pokerweltmeisterschaft? Ich glaube nicht, was der da von sich gibt. Ist euch denn nicht bewusst, dass es vorbei ist? Vorbei! Nada. Niente. Nichts mehr. Kein Waldesstadt mehr. Und was noch viel schlimmer ist: Keine Luisa mehr.«

Gabriel schüttelte mit dem Kopf. »Vorbei? Nein, Leander, für euch fängt es hier gerade erst an.«


Hauptkommissar Gerd Weigel rümpfte die Nase, als er hörte, dass er aufs Land in ein gewisses Waldesstadt fahren musste.

»Bitte sag mir, dass ›Stadt‹ in diesem Fall auch wirklich eine Stadt ist«, flehte er seinen Kollegen Max auf dem Weg zum Auto an.

Dieser kramte in seinen Unterlagen. »6.000 Einwohner, mit umliegenden Ortsteilen sind es 10.000. Stadt genug für dich?«

»Ich hab’s geahnt«, stöhnte Weigel. »Mal wieder ein gottverdammter Provinzeinsatz. Es gibt so schöne Verbrechen in Wiesbaden oder Frankfurt, aber nein, uns schicken sie in die Walachei.«

»Westerwald.«

»Was?«

»Wir fahren in den Westerwald. Könnte aber ganz interessant werden.« Max studierte weiter die Unterlagen. »Eine Riesenradgondel mit drei jungen Männern ist zu Boden gestürzt. Keine Überlebenden. Also die drei zumindest nicht.«

Weigel verdrehte die Augen. »Und was sollen wir dort? Die Typen von der Technik oder die Limburger Kripo sollen das übernehmen.«

»Haben sie bereits. Sie meinten, Ungereimtheiten bei der Aufhängung entdeckt zu haben. Möglicherweise oder ziemlich sicher hat jemand daran herumgepfuscht. Bevor eine Sonderkommission gegründet wird, sollen wir ein bisschen nachforschen und die Leute aus der Reserve locken.«

»Aus der Reserve locken? In der Provinz? Da kann ich mich auch gleich in die Fankurve der verbotenen Stadt stellen und fragen, wer von denen mir freundlicherweise in die Eintrachtkutte helfen würde.«

»Ja, klar, Boss, das könntest du tun. Aber bis wir zum nächsten Derby nach Offenbach auf den Bieberer Berg reisen, fragen wir uns erst einmal in Waldesstadt durch. Abgemacht?«

»Bist du?«

»Was?«

»Ochsenbach-Fan, natürlich!? Wir, also die, die sich mit Fußball auskennen, nennen diese Stadt nicht beim Namen.«

»Möchtest du mir damit auf deine überaus subtile Art sagen, dass ich keine Ahnung von Fußball habe?«

Weigel klopfte Max auf die Schulter. »Heute nicht. Warten wir ab, was uns in Waldstadt erwartet, und ob du dir noch so einen Fauxpas leistest, dann sehen wir weiter.«

»Waldesstadt. Mit ›ES‹ in der Mitte.«

Gerd Weigel fixierte seinen Kollegen. »Noch so einer und ich überlege mir meine Aussage von eben.«

Weigel nahm auf den Beifahrersitz Platz und studierte die spärlichen Informationen, die sie bisher bekommen hatten. Zwischendurch schaute er mürrisch aus dem Fenster. »Dreistellig! Ich habe es geahnt.«

»Wie, dreistellig?«, fragte Max.

»Je länger die Straßenbezeichnung, desto schlimmer wird es. A3, A5, B8, das alles sind Straßenkürzel, wie sie mir gefallen. Aber B456, das kann nur Unheil und Starrköpfigkeit bedeuten. Nachher geht’s auf die L3678, und die Welt ist zu Ende.«

»Du bist heute ja blendend aufgelegt, du Big-City-Life-Vertreter. Gerd Weigel, der alte Großstadtfuzzi. Sag mal, wann warst du das letzte Mal in Wiesbaden aus? Oper? Theater? Ach, lass gepflegte Kultur weg, sagen wir, im Kino?«

»Mach dich nur lustig. Es geht nicht um das Ob, sondern um das Wenn-ich-es-will-könnte-ich-es. Wir werden ja gleich sehen. Dann kannst du dich von mir aus mit Leuten rumschlagen, die denken, dass die Welt noch eine Scheibe, der Papst unfehlbar und Adolf noch immer an der Macht ist. Ich gehe derweil in eine Kneipe.«

Max riss entsetzt die Augen auf und trat kurz auf die Bremse, sodass sie für einen Moment in die Gurte gedrückt wurden. »Die Erde ist keine Scheibe? Oh mein Gott, mein Weltbild ist zerstört.«

Laut lachend fuhren sie am Ortseingangsschild von Waldesstadt vorbei in den Ort hinein. Im Hintergrund konnten sie das Riesenrad erkennen, das über den Dächern emporragte. Max schielte aus dem Fenster. »Ich weiß, warum ich mich nicht in solche Dinger setze.«

»Zwanzig Euro, dass es einer der Schausteller war. Was ist?«, fuhr Weigel fort, als er bemerkte, dass Max ihn von der Seite her musterte. »Versuchst du wieder, in meinem Gesicht zu lesen, ob ich dich veralbern möchte? Dieser komische Kurs in Verhörtechnik letzten Monat ist dir ganz schön zu Kopf gestiegen.«

Max lachte. »Der war echt klasse, hättest ebenfalls hingehen sollen. Die haben uns ein paar interessante Tipps zur Körpersprache gegeben. Aber sag an, Meister, was treibt dich dazu, sogar dein ...«, er malte Anführungszeichen in die Luft, »... sauer verdientes Beamtengehalt für einen Schausteller aufs Spiel zu setzen?«

»Na, denk doch mal nach. Diese Typen hängen das ganze Jahr gemeinsam auf diesen Kirmesplätzen herum und bewegen sich nicht gerade – wie soll ich es dezent ausdrücken – in der Oberschicht unserer Gesellschaft. Du verstehst? Da kommt es schnell mal zu Streitigkeiten. Und sei es für einen besseren Stellplatz, oder gar dafür, dass ein Mitkonkurrent ausgebootet wurde.«

Max nickte. »So gesehen könntest du recht haben.«

»Ach, komm schon, nicht ablenken.« Weigel grinste. »Du musst schon mitspielen. Deine Quote ist viel besser. Schausteller gibt es vielleicht fünfzehn vor Ort, aber Einwohner, wie viel? Fünftausend?«

»Nein, sechstausend. Okay, erhöhen wir auf fünfzig Euro.«

»Einverstanden.«

Sie stellten ihren Wagen am Rande des Festplatzes ab und gingen auf die Absperrung zu. Vor den Polizeibändern standen zwei uniformierte Beamte, dahinter wuselten ein paar Personen um das Riesenrad herum. Max hielt einem der Wachposten seinen Ausweis unter die Nase, und dieser winkte sie durch. Sie bedankten sich und liefen zu den Überresten der Gondel. Ein weißes Laken lag zusammengefaltet neben einem vollkommen demolierten Metallknäuel. Die Streben des kleinen Gondeldaches, welches die Insassen vor Regen schützen sollte, waren bis auf die Sitzbank eingedrückt. Die Kapsel selbst war nur noch ein zerquetschtes metallisches Wrack. Die Seitenwände waren weggeplatzt oder von der Wucht über den Platz geschleudert worden. Niemand würde darauf tippen, dass dies eine Riesenradgondel gewesen sein könnte. Es sah eher aus wie ein zerfleddertes Ölfass, in dem man mit Sprengstoff experimentiert hat.

»Oh mein Gott! Wie um Himmels willen haben die drei ausgesehen, die da drin gesessen haben?«

»War kein schöner Anblick«, sagte einer der Männer, der vor den Resten der Gondel hockte. Er zupfte an seinen Gummihandschuhen und nickte den Kommissaren zu. »Hallo, Max. Hallo, Gerd.«

Die Gegrüßten nickten zurück. »Warum sind wir hier, Conny?«

»Wie immer kein Mann der großen Worte, was, Gerd? Kommt mit, ich zeige es euch.« Cornelius Richter erhob sich und stieg die zwei Stufen zum Riesenrad hinauf. An der Stelle des Rades, wo zuvor die Gondel befestigt gewesen war, blieb er stehen und tippte mit dem Zeigefinger gegen einen schwärzlichen Fleck an einem Gestänge. »Das haben wir kürzlich erst entdeckt. Wir hatten genug mit den Opfern und der Gondel zu tun. An dieser Metallhalterung hier ist normalerweise die Gondel angebracht. Seht ihr den helleren Fleck an der Aufhängung?«

Die Kommissare nickten.

»Alles drum herum ist verrußt. Es muss dort gebrannt oder gekokelt haben. Wenn das so war, dann müsste aber alles schwarz sein. Wir gehen deshalb davon aus, dass ein kleines Kästchen – oder was auch immer – dort befestigt gewesen sein muss, welches anschließend entfernt wurde.« Conny hob seine Schultern an. »Wir haben noch keine Ahnung, was genau hier gebrannt hat, haben aber Proben ins Labor geschickt und warten noch auf das Ergebnis. Eines kann ich euch mit Sicherheit sagen: Bei diesem Unglück hatte jemand seine Finger im Spiel.«

Gerd Weigel rückte näher an die Stelle heran. »Die Kabel sehen nicht wirklich vertrauenserweckend aus.«

»Stimmt. Gut sind sie nicht mehr, da müssen wir noch ein Wörtchen mit dem TÜV sprechen. Aber dafür, dass eine komplette Gondel herunterkracht, da braucht es schon mehr als zwei poröse Kabel. Ich schätze, in der Sprengkapsel war eine Art Brandbeschleuniger mit minimaler Sprengwirkung. Das muss verdammt heiß geworden sein. Das Rad ist aus den 70ern, die werden heutzutage gar nicht mehr in dieser Bauweise zugelassen. Ermüdetes Material, Überbelastung aufgrund der Drehungen, eventuell ein absichtlich gelockerter Bolzen, ein kurzes heißes Feuer und »Peng«, das Teil donnert auf den Asphalt. Einer der Einwohner hat uns erzählt, dass sich diese Gondel nach beiden Seiten gedreht hat, dabei dürfte dieses Modell das gar nicht. Die neuesten Riesenräder haben einen kompletten Stahlquerträger als Aufhängung und eine separierte Drehvorrichtung, da kann ein derartiges Desaster gar nicht erst passieren. Eines kam also zum anderen. Ich verwette mein Monatsgehalt, dass der Täter das gewusst und geplant hat.«

»Starker Einsatz, Conny. Wer kommt als Verdächtiger infrage?«

Cornelius Richter grinste. »Viel Spaß, Leute. In eurer Haut möchte ich nicht stecken.«

»Also alle?«

Conny hielt seine behandschuhten Hände schützend in die Höhe. »Wir haben es mit drei Opfern zu tun, die wahrscheinlich nur Pech hatten oder auch nicht – wer weiß das schon? Also im Prinzip alle im näheren Verwandten- und Freundeskreis. Wenn ihr Glück habt, sind es nur fünfzig Personen. Außerdem könnte es einer der Schausteller gewesen sein oder einer der ehemaligen Angestellten der Schausteller. Vielleicht aber auch nur ein Psychopath, der …«

»Ich hab’s verstanden, Conny. Gib mir eine Liste der Schausteller, mit denen fangen wir an. Wäre doch gelacht, wenn ich mir heute nicht fünfzig Euro verdienen könnte.«

KAPITEL 3 – Die Offenbarung


David klopfte sich auf den Schenkel und stützte sich lachend auf dem Bettgestell ab. »Luisa? Luisa Reinmüller? Leander, du Spacko, was willst du denn mit Luisa Reinmüller? Junge, die ist ʼne Nummer zu groß für dich. Nimm dir erst mal ʼne hässliche Dicke.«

Leander ließ sich nicht beeindrucken. »Was willst du eigentlich? Wenn ich mich recht entsinne, warst du nie mit ihr zusammen.«

David baute sich vor Leander auf und tippte sich stolz gegen die Brust. »Bambino, die steht auf mich, und zwar total. So nah …« Er hielt Daumen und Zeigefinger im Abstand von einem Zentimeter in die Höhe. »Ich war so nah dran, sie rumzukriegen. Nur diese eine Fahrt mit dem Riesenrad, ein bis zwei Wodka Energy obendrauf und sie wäre für die kommende Nacht mein gewesen.«

»Für mich klingt das eher nach einer Vergewaltigung. Schäm dich, eine betrunkene Frau ins Bett zu zerren.«

David zog verständnislos die linke Seite seiner Oberlippe nach oben. »Ja, genau, das ist wahrscheinlich auch der Grund, warum du noch Jungfrau bist.«

»Woher willst du wissen, dass ich noch Jungfrau …«

»Hey, Stopp! Das kann ich gar nicht mit anhören.« Thomas stand auf und schlug sich mit der Faust gegen die Brust. »Wegen mir, Luisa war einzig und allein wegen mir auf der Kirmes. Sie wollte zurück zu mir, müsst ihr wissen.«

»Quatsch keinen Scheiß. Du hast sie doch weggeworfen wie ein Paar abgetragene Schuhe. Nur um … nur um mit diesem Tittenteil von – wie hieß sie noch gleich – Diana rumzumachen. Wie alt war die? 17? 18?«

Thomas nickte. »Boah, stimmt, die zwei Dinger waren echt der Hammer.« Er winkte gleichgültig ab. »Hat sich aber als vollkommene Lusche herausgestellt, wenn ihr wisst, was ich meine.«

»Nun, ich habe da von meinem Bruder eine andere Geschichte gehört. Ich wette, dass du Schlaffi in Wahrheit die Lusche warst.« David fletschte die Zähne und wies mit zugekniffenen Augen auf Thomas. »Nur wegen dir. Oh Mann, ich könnte kotzen. Du hast mir mit deinem verdammten An-der-Kurbel-Geleier die Tour versaut. Noch eine halbe Stunde und Luisa hätte endlich einen richtigen Kerl gehabt. Nur weil du deine Finger nicht …«

»Ich geb dir gleich, Schlaffi.« Thomas war im Begriff, einen Schritt auf David zuzugehen, als sein Blick auf Gabriel fiel.

Dieser saß seelenruhig auf dem vierten Bett und hatte die Diskussion hin- und herblickend beobachtet. »Habt ihr es jetzt, oder wollt ihr euch noch ein paar Beleidigungen an den Kopf werfen?«

Leander winkte ab. »Also, mein Bedarf an Beleidigungen wäre gedeckt.«

Die anderen beiden zuckten ratlos mit den Schultern.

Gabriel erhob sich. »Mann, Mann, das wird mehr Arbeit, als ich gedacht hatte.« Er lief zum Fenster und schaute dabei jedem Einzelnen ins Gesicht. »Also, Jungs, was glaubt ihr, wo wir hier sind?«

»Kampfstern Galactica?«

»Auf dem Holodeck der Enterprise?«

»Für drei junge Männer, die gerade erfahren haben, dass sie nicht mehr auf der Erde sind, seid ihr recht gelassen, das muss ich schon sagen.« Er zeigte auf Leander. »Er verhält sich als Einziger halbwegs normal.«

»Er ist ja auch ein Waschlappen.«

»Im, ähm, im Himmel vielleicht?«, fragte Leander zögerlich. »Sind wir im Himmel?«

»Nope.« Gabriel schüttelte seinen Kopf. »Nicht ganz. In den Himmel kommt ihr erst, falls ihr die Prüfungen nicht besteht.« Er grinste schelmisch. »Dort sieht es etwas anders aus als hier.« Gabriel drehte sich und schaute teilnahmslos aus dem Fenster. »Nein, wir sind hier in einem – wie soll ich es ausdrücken – Basislager. In einer sogenannten Zwischenwelt. Um es auf den Punkt zu bringen, wir sind in der Schutzengelstation Gottes.«

»Was? Wir sind wo?«

»Oh Gott, ich hoffe dieser Rausch hat bald ein Ende. Oh Gott, oh Gott, oh Gott.«

»Das ist ein Witz?«