Der Autor


Stefan Link wurde 1972 in Limburg an der Lahn geboren und wuchs im hessischen Waldernbach auf, wo er noch heute lebt. Nach beruflichen Anfängen im öffentlichen Dienst verschlug es ihn 1994 ins Steuerrecht. Im Jahr 2005 wurde er zum Steuerberater bestellt.

Als Autor fühlt sich Stefan Link im Genre des Krimis und in Thrillern am wohlsten. Bisher hat er diverse Kurzgeschichten in Anthologien publiziert. »Die siebte Gemeinde« ist sein Debüt-Roman.

Der zweite Roman von Stefan Link »Plötzlich Schutzengel« ist auch im Titus Verlag erschienen.

Ebenfalls von Stefan Link im Titus Verlag erhältlich die Kurzgeschichten in der »Story to go«-Reihe: »Oma Emily«, »Falsche Liebe«, »Kleines Püppchen« und »Westlakemanor«.


Weitere Informationen im Internet

www.titus-verlag.de

www.stefanlink.de


Copyright by

Titus Verlag, Wiesbaden, 2012



Lektorat / Buchsatz: Sascha Ehlert

Herstellung E-Book: Titus Verlag


ISBN 978-3-942277-24-2

INHALT

Prolog

KAPITEL 1

KAPITEL 2

KAPITEL 3

KAPITEL 4

KAPITEL 5

KAPITEL 6

KAPITEL 7

KAPITEL 8

KAPITEL 9

KAPITEL 10

KAPITEL 11

KAPITEL 12

KAPITEL 13

KAPITEL 14

KAPITEL 15

KAPITEL 16

KAPITEL 17

KAPITEL 18

Leseprobe "Ausgeliefert"

Leseprobe "Das dunkle Zimmer"

Leseprobe "Der Richter und sein Mörder"

Das Buch im Handel

siebte-Gemeinde---werbung

Die siebte Gemeinde



von


Stefan Link



Titus Logo

KAPITEL 1


»Schreib das, was du siehst in ein Buch,

und schick es an die sieben Gemeinden«

Offenbarung 1,11



Nahe Konstantinopel | 16. April 1204


Am Horizont stiegen seit Tagen dunkle Rauchschwaden über der Stadt auf. Je nach Windrichtung trieben sie Arusch den Duft von verbranntem Holz oder Fleisch in die Nase. Wenn er nicht gewusst hätte, um welche Art von Fleisch es sich handelte, er hätte sogar etwas Appetit bekommen. Doch so verspürte er einfach nur Ekel.

Was er in den letzten Tagen beobachtet hatte, ließ ihn zweifeln, ob auch nur ein Funken Güte in diesen Rittern steckte. Viele hatten ihm abgeraten, nach Konstantinopel zu reisen.

»Dort tut sich nichts Gutes«, hatten sie ihm gesagt. »Bleib dieser Stadt fern!«

Doch er konnte nicht anders, er hatte es seinem Vater versprochen. Seit vier Tagen befand er sich nun auf dieser Anhöhe, die ihm als Versteck diente. Sie lag unmittelbar vor der belagerten Stadt, abseits der üblichen Pfade auf einem kleinen Hügel, mit Blick auf eine Lichtung. Er hatte es zufällig entdeckt, als er sich an den Truppenlagern vorbeigeschlichen hatte und vor einer Reitergruppe in die Hecken springen musste. Geschützt wurde Arusch durch zahlreiche Sträucher am unteren Rand der Anhöhe sowie von ringsum verstreuten Findlingen. Zusätzlich versperrten knorrige Bäume am flach ansteigenden Hang die Sicht auf sein Versteck. Zwischen den Felsen konnte man in Ruhe ein Lager errichten und sogar ein Feuer entzünden. Bei dem nicht enden wollenden Qualm, der über der Stadt schwebte, fiel seine Flamme nicht weiter auf. Dennoch wurde Arusch ungeduldig. Er musste sich etwas einfallen lassen, wollte er in die Stadt gelangen. Er hatte seinem Vater versprochen, nichts unversucht zu lassen.

»Die Zeit ist reif«, hatte dieser vor Monaten am Krankenbett zu ihm gesagt. »Ich bin zu schwach und muss die Aufgabe nun an dich weiterreichen. Ich war zu meinem Bedauern nie in der Lage dazu und musste es stets hinauszögern. Krieg und Vertreibung haben mich immer wieder gehindert. Und nun schau mich an …«

Dann hatte er Arusch das Buch des Propheten in die Hände gedrückt.

»Ich habe dir vor Jahren die Bedeutung des Buches erläutert«, fuhr er fort. »Uns und unserer Stadt brachte es bisher nur Tod und Unheil. Die Worte darin sind mächtig. So mächtig, dass sie Städte zerstören können und es bereits getan haben. Denke nur an Edessa. Zusammen mit den sechs anderen Büchern können die Worte gar die ganze Welt vernichten. So, wie der Prophet es vorausgesagt hat. Doch nur mit diesem Buch und nur …«, er schüttelte mit dem Kopf, »du kennst die Prophezeiung. Ich habe sie dir oft genug erzählt.« Anschließend hatte er Arusch von seinem Bett weggeschoben. »Geh nun, denn ich weiß nicht, wie lange wir es noch schaffen, unseren Aufenthaltsort vor unseren Verfolgern zu verheimlichen. Geh und tue das, wozu mir stets der Mut gefehlt hat.«

Zunächst hatte Arusch Bedenken geäußert, doch er wollte sich der Herausforderung stellen. »Ich werde dich nicht enttäuschen, Vater!«

Durch gellende Schreie wurde Arusch aus seinen Gedanken gerissen. Die schrillen Laute kamen vom Waldweg herauf. Vorsichtig robbte er auf allen Vieren nach vorne und spähte auf die Lichtung. Fünf Ritter mit gezogenem Schwert trieben zwei Männer und eine Frau vor sich her, deren Hände sie ihnen auf den Rücken gebunden hatten. Die Soldaten trugen dunkelrote Waffenröcke und abgewetzte beige Beinlinge, die mit Blutspritzern übersät waren. Die Gesichtszüge der Ritter waren kantig, und ihre Augen wirkten auf Arusch dunkel. Auf dem Gewand zweier Ritter konnte er ein goldenes Kreuz erkennen, und die Männer sprachen eine Sprache, die er nicht verstand. Er fand, dass es nasal klang.

Einer der Gefangenen, ein rundlicher kleiner Mann, redete angsterfüllt auf die fünf Antreiber ein. Sein Gesicht war blutverschmiert, und am gesamten Körper erkannte man offene Wunden. Das Oberhemd war zerrissen und von Fackelstößen versengt. Auch seine Mitgefangenen boten ein ähnlich erbärmliches Bild. Der schluchzenden Frau hatte man den Großteil ihrer Haare abgeschnitten. Aus der Ferne konnte man kaum noch erkennen, ob sie nun blond oder schwarzhaarig gewesen war. Den Dritten im Bunde zerrten die Männer an einem Seil hinter sich her. Aus seinen Augenhöhlen quoll ein Rinnsal von Blut und Eiter. Arusch musste genauer hinschauen, um festzustellen, dass diesem bereits die Augen herausgestochen wurden.

»Versteht ihr denn nicht?«, schrie der erste Häftling. »Ich kann euch zu versteckten Schätzen in der Stadt führen. Schätze, die ihr mit keinem teilen müsst. Ich kenne geheime Plätze. Ihr werdet durch mich reich werden! So hört mich doch!«

Doch entweder konnten die Ritter ihn nicht verstehen oder sie wollten es nicht. Sie trieben die Gefesselten laut grölend voran. Ihre Absicht schien eindeutig.

›Das könnte deine Chance sein‹, dachte Arusch und überlegte, was er tun sollte.

Lange genug hatte er auf eine Möglichkeit gewartet, um in die Stadt zu gelangen. Mit fünf Männern, die nicht mit einem Angriff rechneten, konnte er es aufnehmen. Schließlich würde sein Versteck nicht ewig unentdeckt bleiben. Ohne weiter nachzudenken, rutschte er zwischen den Felsen zurück und griff sich sein Schwert sowie den Bogen. Aus dem Köcher nahm er lediglich einen einzigen Pfeil. Den Rest wollte er mit dem Schwert entscheiden. Sein Lederbündel verbarg er noch schnell unter einem Steinhaufen, und dann rannte er los.

Es war Eile geboten. Die Schreie der Frau und das Gejohle der Männer drangen immer lauter zu ihm hinauf. Er glitt geschmeidig zwischen Bäumen und Sträuchern den Hang hinab. Nur wenige Schritte vor der Gruppe verschanzte er sich hinter einem Baum und beobachtete die Szenerie. Die Männer rissen der Frau die restlichen Kleider vom Leib und schleuderten sie zu Boden. Zwei der Ritter zogen ihre Beinlinge hinunter und warfen sich geifernd über ihr Opfer.

Wild entschlossen und mit einem kurzen Gebet auf den Lippen legte Arusch seinen Bogen an, um dem Treiben ein Ende zu setzen. Er feuerte seinen Pfeil ab, der sich mitten durch den Hals eines Ritters bohrte. Der Getroffene fiel rudernd vornüber und landete röchelnd auf dem Rücken eines seiner entblößten Kameraden. Unfähig zu schreien, da ihm der Kehlkopf weggerissen wurde, hauchte der Mann sein Leben aus. Die verbliebenen vier Kreuzritter schauten sich verdutzt um und sahen nur noch einen jungen Mann mit schwarzem langen Haar und erhobenem Schwert geradewegs auf sich zustürzen.

KAPITEL 2


»Und der Engel sagte zu mir:

Diese Worte sind zuverlässig und wahr.

Gott der Herr über den Geist der Propheten hat seinen Engel gesandt, um seinen Knechten zu zeigen, was bald geschehen muss.«

Offenbarung 22,6



Köln | 23. Februar 2008


»Frau Kemmerling? - Hallo?«

Emma Kemmerling starrte gedankenverloren auf ihren Flachbildmonitor.

»Frau Kemmerling!«, hallte es nun lauter im Raum. »Haben Sie mich verstanden?«

»Wie bitte?«, erwiderte Emma.

Sie blickte ihrer Mandantin, Waltraud Steckel, verwirrt in die Augen und nickte mechanisch mit dem Kopf.

»Ja, selbstverständlich habe ich Sie verstanden, Frau Steckel. Dieser Stapel Belege hier«, sie tippte schnell mit dem Finger darauf, »gehört zu Ihren Krankheitskosten, nicht wahr?«

Waltraud Steckel, eine untersetzte Dame Ende sechzig, huschte ein Lächeln übers Gesicht. »Genau, das sind meine Krankheitskosten. Ein merkwürdiger Begriff, wenn ich das anmerken darf.« Mit einem tiefen Atemzug holte sie zu einem weiteren Redeschwall aus. Dabei fielen ihre struppigen schwarzen Locken über ihre breiten Schultern zurück. »Das vergangene Jahr war ein besonders schlimmes müssen Sie wissen. Da war zum einen diese Geschichte mit meiner Hüfte.« Sie erhob ihren Körper aus dem Ledersessel und klopfte sich demonstrativ gegen ihr korpulentes Becken. »Da liegt man bei 35 Grad im Schatten hilflos in einem Krankenhausbett, muss sich mit der Erniedrigung einer Bettpfanne abgeben, und dann bilden sich noch Ekzeme an Stellen, die ich hier nicht näher beschreiben möchte.« Sie setzte sich wieder auf ihren Platz, stütze keuchend ihre Hände auf die Knie und holte tief Luft. »Und wenn Sie glauben, Frau Kemmerling, dass das alles war, ... nein, im November kam dieses merkwürdige Rasseln in der Lunge ...«

»Äh, ja, ich verstehe, Frau Steckel«, unterbrach Emma den nicht enden wollenden Redefluss. »Das muss fürchterlich gewesen sein.«

Irgendwie musste sie Waltraud Steckel an dieser Stelle Einhalt gebieten. Sie hatte ja geahnt, was auf sie zukommen würde, als sie vor einer Woche diesen Termin mit ihr vereinbarte. Doch war es jedes Jahr ein erneuter Schock, die unendlichen Krankheitsgeschichten von ihr zu erfahren. Ekelerregende Details, die jede Vorlesung eines Medizinprofessors vor Neid erblassen ließen.

»Ich denke, Frau Steckel«, fuhr Emma entschlossen fort, »wir hätten alles beisammen. Ich werde mir Ihre Unterlagen noch einmal in Ruhe anschauen und Sie dann telefonisch informieren. Falls Fragen aufkommen sollten, habe ich ja Ihre Telefonnummer. Ich denke aber, dass alles besprochen wurde.«

»Glauben Sie denn, ich hätte dieses Jahr eine Erstattung vom Finanzamt zu erwarten?« Beharrlich hockte die rundliche Frau auf ihrem Stuhl und blickte fragend über den Mahagonitisch hinweg. »Schließlich haben die Operationen eine Menge Geld gekostet, und wahrscheinlich steht im kommenden April noch eine weitere vor der Tür. Ich habe da nämlich …«

Bevor Frau Steckel den Satz beenden konnte, drang das sonst so verhasste Klingeln des Telefonapparates durch den Raum.

»Oh, das ist wichtig«, log Emma mit ernster Miene und hob unverzüglich den Hörer ab.

»Kanzlei Carl, Menner & Schmitt, Sie sprechen mit Emma Kemmerling. … Ja, kleinen Augenblick bitte.«

Emma legte den Hörer beiseite, erhob sich von ihrem Stuhl und streckte Frau Steckel lächelnd ihre Hand entgegen. »Das könnte länger dauern, Frau Steckel, aber wie gesagt, ich melde mich bei Ihnen, sobald die Erklärung fertig ist.« Freundlich schüttelte sie der Seniorin die Hand und schob sie galant zur Tür hinaus. »Ich wünsche Ihnen einen angenehmen Tag!«

Zurück an ihrem Schreibtisch, nahm Emma den Hörer wieder auf.

»Mensch Ellen, Schwesterherz«, sagte sie erleichtert. »Eigentlich sollst du mich in der Kanzlei ja nicht anrufen, aber diesmal hast du mir echt das Leben gerettet.«

Das Gespräch mit ihrer Schwester, in dem es wieder einmal um eine verlorene Liebe ging, war nach zehn Minuten beendet, und Emma konnte sich dem Tagesgeschehen widmen. Ihr Blick fiel auf eine Holzkiste, die vollgestopft mit Ordnern neben ihrem Schreibtisch stand. Es handelte sich um die Unterlagen des Antiquitätenhandels ›Seydel & Seydel‹, die dort seit knapp zehn Tagen ruhten und bisher keinen Zentimeter fortbewegt wurden. Eine Aufgabe, die sie von ihrem Kollegen, Patrick Gerdes, übernehmen musste, da er überraschend beim Joggen ums Leben gekommen war. Die Todesursache hatte man ihnen nicht verraten, die Gerüchte in der Kanzlei gingen jedoch vom Genickbruch aufgrund eines Sturzes bis hin zum Herzinfarkt.

Emma lief ein Schauder über den Rücken, als sie über die Beerdigung Anfang der Woche nachdachte. Die junge Familie wurde so früh auseinandergerissen. Emma bewunderte die Stärke, die Patricks Witwe während der Trauerfeier aufgebracht hatte. Stolz und erhaben hatte sie keine Miene verzogen, während sie hunderte kondolierende Hände schütteln musste. Emma zollte ihr Respekt, vor allem, dass sie es ihrem Sohn erspart hatte, an der emotionalen Zeremonie teilzunehmen. Beerdigungen waren nichts für Kinder.

Bis sich ein Ersatz für Patrick gefunden hatte, mussten seine dringendsten Terminaufgaben nun an die Kollegen verteilt werden. Emma hatte den Antiquitätenladen der Seydels aufs Auge gedrückt bekommen. Sie musste Patrick bereits im vergangenen Jahr aushelfen. Da war es für die Chefs selbstverständlich, dass sie dies übernahm. Sie zuckte resigniert mit den Schultern. Irgendwann musste sie mit dieser ungeliebten Arbeit beginnen. Der Termin für die Abgabe stand unmittelbar bevor. Fünf Tage blieben ihr noch. Da nutzte auch kein Hadern über das komplizierte Ablagesystem der Seydels. Entschlossen griff sie den ersten Ordner aus der Holzkiste und warf ihn krachend vor sich auf den Tisch. Eine silbrige Staubwolke schnellte in die Höhe und stieg ihr unvermittelt in die Augen.

»Bäh«, prustete Emma, wischte sich das Kribbeln aus dem Gesicht und schüttelte ihre dunkelblonden schulterlangen Haare. »Wo zum Teufel haben die Seydels diese Kiste her?«

Schnuppernd streckte sie ihre Nase über den Holzkasten. Er roch modrig und abgestanden. An den Seiten baumelten zerrissene Spinnweben herab und Wasserflecken zogen sich über die verwitterten Bretter. Emma schüttelte verständnislos ihren Kopf. »Eine einfache Plastikkiste wäre für einen Antiquitätenhandel auch nicht standesgemäß gewesen.«

Etliche Ordner später klopfte es leise an ihrer Bürotür. Ohne ein »Herein« abzuwarten, steckte Christoph Schiebel grinsend seinen braunen Lockenkopf durch die Tür.

»Huhu, Emma!«, flötete er in den Raum und tippte ausholend auf seine Armbanduhr. »Komm, es geht los. Die Alt-Vorderen bitten zur Audienz!«

Christoph Schiebel war wie Emma einer der Jung-Steuerberater der Kanzlei ›Carl, Menner & Schmitt‹ und mit seinen 33 ein Jahr älter als sie.

»Ups, ist es schon fünfzehn Uhr?«, fragte sie entsetzt. »Die Konferenz mit den Chefs habe ich total vergessen.« Sie tippte fahrig gegen ihren Bildschirm. »Einen kleinen Augenblick brauche ich noch. Ich schreibe schnell meine E-Mail an Elias Seydel fertig und komme sofort nach.«

»Sag bloß, du hast mit dem Antiquitäten-Fuzzi endlich begonnen?« Christoph lachte hämisch und rückte seine Brille mit den runden Gläsern zurecht. »Es ist doch erst der 23., da hast du doch noch fünf Tage Zeit bis zur Abgabefrist!«

»Blödmann!« Emma rang sich ein Grinsen ab und wies entschlossen zur Tür. »Los, verschwinde! Ich fange nach der Sitzung hiermit nicht noch einmal an. Sag den Chefs, ich hätte ein dringendes Telefonat. In spätestens zehn Minuten bin ich oben.«


Nach einer stundenlangen Sitzung stand Emma gedankenversunken im Flur vor dem Konferenzsaal und wippte auf ihren Zehen. Sie blickte beiläufig auf ihr Handgelenk. Es war 19 Uhr. Christoph trat von hinten an sie heran und klopfte ihr auf die Schulter. »Lohnt sich nicht, jetzt noch ins Büro zurückzugehen. Seit einer Stunde ist eigentlich Feierabend.«

»Stimmt schon«, grummelte sie missgelaunt. »Aber du kennst mich. Ich muss auf meinem Schreibtisch noch klar Schiff machen, sonst kann ich nicht ruhig schlafen.«

Christoph verdrehte seine Augen. »Ein Dummkopf hält Ordnung«, rief er durch den Flur. »Ein Genie beherrscht das Chaos.«

»Ja, ja, du Genie. Verschwinde bloß! Wir sehen uns dann morgen.«

»Ja, genau«, freute sich Christoph und hob triumphierend beide Arme. »Das Genie verschwindet. Bis morgen dann!«

Zwanzig Minuten später blickte Emma auf einen blank geputzten Schreibtisch. Sie atmete tief durch. Papierberge abends liegen zu lassen, machten sie nervös. Alles musste fein säuberlich verstaut werden. Als Letztes schickte sie sich an, den Computer herunterzufahren, da sprang ihr der kleine Briefumschlag ins Auge, der neue E-Mails ankündigte. Beim zweiten Hinsehen erkannte sie, dass irgendein Schlauberger eine Nachricht ohne Betreff geschickt hatte. Beiläufig überflog Emma die Zeilen. »Hä, was ist das denn?«

Ihre Augen fixierten den Monitor, bis sie durch ein metallisches Scheppern abgelenkt wurde. Ihr Blick fiel auf die längsseitige Fensterfront. Heftiger Hagel hatte eingesetzt. Angetrieben von stürmischen Böen peitschte der Niederschlag fast horizontal gegen die Scheiben und hämmerte auf die Aluminiumfensterbänke. Seit einer Woche spielte das Wetter bereits verrückt. Die letzten drei Tage hatte es permanent gefroren, und seit heute Morgen bestimmten dunkle Wolken das Kölner Stadtbild, was Emmas Stimmung nicht gerade aufhellte.

Kopfschüttelnd schaute sie zurück auf den Bildschirm und las sich die soeben erhaltene Nachricht laut vor: »Emma! Finde das verlorene Buch, von dem man sagt, es sei ein Fluch. Musst Dich beeilen, wirst es bald erkennen, manch einer will es sein Eigen nennen. Bring es zu mir und alles kommt ins Lot, wenn nicht, dann bist auch Du bald tot!«

›Tot? Jemand droht mir mit dem Tod?‹ Emma blickte sich im Büro umher, als würde sie nach einer versteckten Kamera suchen.

»Na toll«, murmelte sie abfällig. »Da hat sich jemand was ganz Lustiges einfallen lassen.« Ohne weiter nachzudenken, löschte sie die E-Mail. »Als hätten wir nichts Besseres zu tun.«

Kurz darauf verließ sie das Gebäude. Regen hatte mittlerweile den Hagelschauer abgelöst, und das Wasser lief in Sturzbächen die Bordsteine entlang. Der stürmische Ostwind blies Emma eisig ins Gesicht, und die Regentropfen stachen wie kleine Nadeln auf sie ein. Sie drängte sich in die S-Bahn und sehnte die nahende Station herbei. Kaum als die Bahn zum Stehen kam, hechtete sie hinaus und rannte durch den Schutt die letzten Meter zu ihrer Wohnung, die sich im Parterre eines Appartementhauses befand.

Erst jetzt, als sie zur Ruhe kam, bemerkte sie, dass sie im bisherigen Tagesverlauf kaum etwas zu sich genommen hatte. Ihr Magen rebellierte mit einem lauten Knurren. Nach einem dürftigen Tomatensalat und einem trockenen Baguette von gestern goss sie sich zum Abschluss des Tages einen Schluck Rotwein ein. Kurz nachdem sie sich zu leiser Musik auf ihre Couch fallen ließ, schlummerte sie ein.

Einige Minuten später oder auch nur Sekunden, Emma vermochte es nicht zu sagen, riss sie ein Krachen aus dem Schlaf. Aufgeschreckt sprang sie von ihrer Couch, um nach dem Ursprung des Geräusches zu suchen, trat aus Versehen gegen das Rotweinglas und stieß es vom Couchtisch. Mit einem eleganten Sprung über die Weinlache hechtete Emma zum Fenster, um hinauszustarren. Doch außer dicken Regentropfen, die aus der Dunkelheit gegen die Scheibe prasselten, sah sie nichts. Sie lief zur Verandatür und untersuchte die Terrasse. Beim zweiten Hinsehen bemerkte sie, dass ein Stuhl umgestürzt auf der Seite lag.

»Ach, den muss der Wind umgeweht haben«, murmelte sie erleichtert und öffnete die Tür.

Ein heftiger Luftzug blies ihr ins Gesicht und drückte den Regen ins Wohnzimmer. Der Sturm stemmte sich gegen ihren schmalen Körper, dass sie sich anstrengen musste, überhaupt ins Freie zu gelangen. Der Wind pfiff ihr um die Ohren, während sie alles an seinen Platz stellte. Gerade als sie die Terrasse verlassen wollte, glaubte sie auf der Straße eine Gestalt huschen zu sehen. Im dichten Regen konnte sie jedoch niemanden ausmachen. Verärgert über ihre übertriebene Paranoia ging sie kopfschüttelnd zurück in ihre Wohnung und ließ mit einem lauten Knall die Tür hinter sich ins Schloss fallen. »Manchmal hasse ich mich dafür, dass ich mir eine Wohnung im Parterre habe aufschwatzen lassen.«


Nach einer Nacht mit zu wenig Schlaf betrat Emma am nächsten Morgen phlegmatisch ihr Büro und nippte an ihrem Kaffee. Ihr Kopf dröhnte. So sehr sie den Rotwein nach Feierabend auch liebte, fast jedes Mal bescherte er ihr einen gewaltigen Brummschädel. Bedächtig sank sie auf ihren Stuhl und schaltete den Computer ein. Ohne aufzustehen, rollte sie mit ihrem Stuhl an die Kiste mit den Seydel-Unterlagen, fischte einen Ordner heraus und schob sich zurück an den Tisch. Beim Blick zurück auf den Bildschirm waren ihre Kopfschmerzen sofort vergessen. Erneut befand sich eine E-Mail ohne Betreff in ihrem Postfach.

Mit einem flauen Gefühl im Magen klickte sie auf die Nachricht: »Emma! Finde das verlorene Buch, von dem man sagt, es sei ein Fluch. Musst Dich beeilen, wirst es bald erkennen, manch einer will es sein Eigen nennen. Bring es zu mir und alles kommt ins Lot, wenn nicht, dann bist auch Du bald tot! Tu dies nicht ab als einerlei, sonst wirst du sein bald Nummer zwei!«

»So, jetzt reicht’s aber«, stöhnte sie. »Dafür steht mir heute nicht der Sinn.«

Sie nahm einen kräftigen Schluck aus der Kaffeetasse und stapfte in das nebenan liegende Büro von Walter Köpges. Emma fand Walter in gewohnter Position hinter seinem Schreibtisch vor. Die halbmondförmige Lesebrille saß kurz vor dem Absturz auf dem untersten Stück seiner Nase, und er stierte angestrengt auf seinen Bildschirm. In genervter Haltung tippte er mit zwei Fingern auf der Tastatur herum. Auch wenn die Chefs es gerne anders gesehen hätten, trug Walter stets ein kariertes Wollhemd sowie eine dunkle Stoffhose. Auf die firmeninterne Kleiderordnung, Anzug mit Schlips, pfiff er. Emma konnte sich Walter auch gar nicht in einem Anzug vorstellen.

»Das würde nicht zu seiner rundlichen Figur passen«, fand sie.

Mit seinem schütteren Haar und dem bauschigen Schnurrbart wirkte er wie ein zutraulicher Teddybär, dem man nicht böse sein konnte. Daher ließen ihn auch alle gewähren, Emma eingeschlossen.

Als Walter Emma bemerkte, lächelte er sie an. »Guten Morgen, junge Frau. Na, wie kann ich dir um diese Zeit schon behilflich sein?«

»Walter, du Aas«, fuhr Emma ihn an. »Ich hatte dir doch verboten, mir irgendwelche Streiche zu spielen. Ist ja schön und gut, wenn du mir Salz in den Kaffee streust oder einen Berliner mit Senf bestellst, doch mich mit dem Tod zu bedrohen, das ist nicht lustig. Vor allem nicht nach der Geschichte mit Patrick. Was, wenn die Chefs herausbekommen, dass du hier private E-Mails versendest?«

Walter legte seine Stirn in Falten. »Wat is? Wie, mit dem Tod bedrohen? Was denn für ’ne E-Mail?«

»Tu nicht so unschuldig. Die Nachricht von gestern Abend und heute Morgen: Finde das verlorene Buch … bist auch du bald tot, … bla, bla, bla! Sag bloß, das bist du nicht gewesen?«

»Nö, tut mir leid, Schätzchen. Mit verlorenen Büchern hab ich nichts am Hut.« Er kramte nervös in seinen Papieren. »Die Inventur dieses verfluchten Abschlusses hier, die fehlt mir, aber sonst nichts.« Dann schaute er sie wieder fragend an. »Ich versteh immer noch nicht, was du überhaupt meinst?«

»Komm mit! Ich zeige es dir.«

Emma drehte sich auf dem Absatz und lief zurück in ihr Büro. Walter erhob sich ächzend und folgte ihr.

Nachdem er die Nachricht gelesen hatte, tippte er grinsend auf den Bildschirm. »Hey, das ist gut. Hätte auch von mir kommen können. Aber diesmal bin ich unschuldig, ehrlich. Ich weiß ja nicht mal, wie man eine E-Mail unter falschem Namen verschickt.« Er deutete auf den Absender. »Was ist das eigentlich für eine Adresse? Kommt die dir bekannt vor?«

Emma hatte bisher noch gar nicht auf den Absender geachtet. In ihrer bisherigen Aufregung hatte sie ihn vollkommen überlesen.

»Matteo1355@freemail.de«, las sie laut vor. »Nein, die habe ich noch nie vorher gesehen. Aber von diesen Adressen gibt es ja massig. Meine erste Adresse laute damals Emma999. Wer auch immer Matteo ist? Klingt irgendwie italienisch.«

Emma blickte Walter von der Seite an. »Na gut, ich will dir mal glauben.« Sie deutete zur Tür. »Dann muss ich mir wohl den üblichen Verdächtigen Nummer zwei zur Brust nehmen.«

Auch Christoph konnte sich ein Lachen nicht unterdrücken. »Ich schwöre.« Er hob feierlich seinen rechten Arm. »Ich habe mit der Sache nichts zu tun.«

Enttäuscht und wütend zugleich setzte Emma ihre Arbeit fort. Sie musste noch eine Masse an Belegen überprüfen. Eine Tätigkeit, die sie bei Antiquitätenbetrieben hasste. An- und Verkaufsrechnungen mussten miteinander abgeglichen werden. Aus Zeitmangel beließ sie es bei Stichproben. Mit Kleinigkeiten konnte sie sich nicht abgeben, die Abgabefrist würde sie sonst niemals einhalten können. Ihre Auswahl richtete sich auf die hohen Beträge. Da gab es zum einen den Verkauf einer Kirschholz-Kommode, oder den eines handbemalten Porzellantellers aus der Zeit Napoleons. Ebenso erzielten die Veräußerungen einer Bronzestatue sowie die einer alten Bibel, die auf das 18. Jahrhundert datiert wurde, beträchtliche Gewinne.

Emma schlug in Eile einen Ordner auf, um nach einem Beleg zu suchen, da bemerkte sie einen kleinen braunen Umschlag, der hinter einem Ankaufschein heftete. Während sie ihn abreißen wollte, fiel ein Fetzen Papier heraus. Verwundert nahm sie das unscheinbare Stück in die Hand. Es war etwa halb so groß wie ein Geldschein und eindeutig sehr alt. Von der Zeit gezeichnet, war es bräunlich verfärbt und wies Schimmelflecken auf. Emma erkannte auf einer Seite merkwürdige Schriftzeichen, die sich an den ausgerissenen Stellen im Nichts verloren. Entziffern konnte sie die Worte nicht.

Emma spürte, wie sich ihre Haare am Arm aufrichteten. Unweigerlich musste sie an die E-Mail denken.

»Verlorenes Buch«, murmelte sie.

Erneut untersuchte sie das altertümliche Dokument. Wenn Emma die leeren Stellen zwischen den Schriftzeichen richtig deutete, könnte es sich um vier Worte gehandelt haben. Eindeutig zu wenig, um eine Brisanz zu besitzen, entschied sie, geschweige denn, dass es sich um ein Buch handelte, was gerade vor ihr lag. Wie im Rausch blätterte sie den gesamten Ordner durch, um noch ähnliche Dokumente zu finden. Ihr Herz schlug bis zum Hals, und ihre Hände waren feucht vor Aufregung. Weitere Funde blieben ihr jedoch verwehrt. Nichts außer den üblichen Rechnungen und Ankaufscheinen.

Emma rief sich die Nachricht auf den Bildschirm und überlegte, ob sie eine Antwort an den fremden Absender formulieren sollte. Doch was sollte sie schreiben? Würde die Mail Matteo überhaupt erreichen? Nach einer kurzen Überlegung, den Fetzen noch immer in der Hand haltend, verzog sie ihre Miene zu einem sarkastischen Grinsen.

»Das ist doch albern, was du hier treibst«, brummte sie. »Du solltest weniger Krimis schauen. Wahrscheinlich ist es nur ein bescheuertes Stück Papier, das aus Versehen in die Unterlagen gerutscht ist.«

Sie legte das Fundstück beiseite und beschloss, ihre Arbeit fortzusetzen. Aber ein konzentriertes Arbeiten fiel ihr ungemein schwer. Ständig wurde sie durch ihre wirren Gedanken abgelenkt. ›Wer ist dieser Matteo? War da gestern Abend jemand auf der Veranda? Was sind das für Schriftzeichen auf dem Papier? Warum sollte sie die Nummer zwei sein?‹

Das Klingeln des Telefons holte sie in die Realität zurück. Mit einem schnippischen »Ja!« nahm sie den Hörer ab, um sich in der nächsten Sekunde über ihren Tonfall zu ärgern. Auf der anderen Seite der Leitung befand sich Winfried Carl, einer der Seniorpartner. Er bat sie nach oben in den vierten Stock. Mürrisch legte Emma die Ordner beiseite, packte den Fetzen Papier zurück in den Umschlag und verließ das Büro Richtung Chefetage.

Der vierte und gleichzeitig oberste Stock des Gebäudes war ausschließlich den Seniorpartnern vorbehalten. Dort befanden sich deren Büros sowie die beiden Konferenzsäle. Emma betrat das Büro von Winfried Carl, nachdem sie ein forsches »Herein« auf der anderen Seite vernommen hatte. Winfried Carl saß breitschultrig hinter seinem Schreibtisch. Wolfgang Menner, der zweite Seniorpartner, stand mit finsterer Miene unmittelbar an seiner Seite. Er hatte die Hand auf die Lehne von Carls Sessel gestützt und stierte Emma an. Sie sah Unheil auf sich zukommen.

»Hallo, Frau Kemmerling«, sagte Winfried Carl freundlich. »Schön, dass Sie Zeit hatten, nach oben zu kommen.«

Winfried Carl war von kleiner kräftiger Statur und hatte ein rundliches Gesicht. Seine wenigen Haare, die am hinteren Teil seines Kopfes einen Kranz bildeten, waren silbrig grau. Seine stahlblauen Augen, die scheinbar ständig strahlten, glichen die fehlende Haarpracht auf beeindruckende Weise aus. Die meisten Mitarbeiter sahen in ihm den Garanten des großen Erfolges der Kanzlei ›Carl, Menner & Schmitt‹. Nicht nur, dass er eine Koryphäe in seinem Beruf war. Sein Engagement in der Politik bereiteten der Kanzlei stets lukrative Mandate.

»Na ja«, lächelte Emma ihre Chefs gezwungen an. »Zeit wäre wohl übertrieben gesagt. Ende Februar haben wir doch nie Zeit, oder etwa nicht.«

Winfried Carl lachte lauthals auf. »Tja, da haben Sie wohl recht, Frau Kemmerling. Deshalb wollen wir Sie auch gar nicht lange aufhalten. Lassen Sie uns kurz Platz nehmen.«

Er wies zur beigefarbenen Sitzecke seines Büros und erhob sich blitzartig von seinem Stuhl. Wolfgang Menner sagte bisher kein Wort und folgte Carl wie ein Schatten.

»Wir haben Sie hierher bestellt«, begann Winfried Carl, »weil wir Sie wegen der morgen beginnenden Betriebsprüfung noch einmal instruieren wollten.« Er machte eine kurze Pause und fuchtelte mit den Händen durch die Luft. »Die ›Liebig GmbH‹ … Sie wissen schon.«

Emma nickte, antwortete jedoch nicht, wissend, dass noch mehr kommen sollte.

»Ich weiß, dass Sie auf den Termin vorbereitet sind«, ergänzte Wolfgang Menner, »doch habe ich ein paar Lücken in den vertraglichen Gestaltungen entdeckt, die uns teuer zu stehen kommen könnten.«

Er schob Emma eine Akte zu, die auf dem Tisch lag, und blickte sie mit strengen Augen an. Emma hasste diesen Blick und wusste, was er zu bedeuten hatte. Wolfgang Menner war das krasse Gegenteil von seinem Geschäftspartner Winfried Carl. Sämtliche Körperteile an ihm schienen künstlich in die Länge gezogen zu sein. Selbst sein Gesicht war lang und am Kinn ungewöhnlich spitz zulaufend. Er trug eine runde Nickelbrille, und seine schwarzen Haare waren mit Gel nach hinten frisiert. Manche Mitarbeiter nannten ihn daher den ›Gestapo-Mann‹. Emma glaubte, dass Wolfgang Menner von dieser Titulierung wusste und es insgeheim genoss.

»Sämtliche Geschäftsführerverträge der GmbH«, fuhr Menner fort, »haben Sonderklauseln, die noch einmal überprüft werden müssen. Kann sein, wir müssten einige davon in der Rechtsabteilung ändern lassen.«

»Woran arbeiten Sie gerade?«, fragte Winfried Carl eilig. »Haben Sie noch Zeit, sich heute darum zu kümmern?«

Emma setzte sich aufrecht hin, nachdem sie kurzzeitig in den tiefen Sessel gerutscht war. Sie wusste, dass die Frage rein rhetorisch gemeint war.

»Nun ja«, antwortete sie umsichtig, »gerade habe ich den Abschluss der Antiquitäten-Seydels auf dem Tisch liegen, und heute Nachmittag um vierzehn Uhr kommen die Büchers zur Bilanzbesprechung.« Sie atmete tief ein. »Ich weiß zwar noch nicht wann, aber irgendwie werde ich es wohl dazwischen schieben können.« Sie blickte fragend zwischen den Herren hin und her. »An wen soll ich mich wenden, wenn mir Abweichungen aufgefallen sind?«

»An mich«, antworte Wolfgang Menner pfeilschnell. »Wir bekommen das schon hin, Frau Kemmerling«, ergänzte er mit einem warmen Lächeln.

»So ist es!«, sagte Winfried Carl und erhob sich von seinem Platz. »Wir werden die Jungs vom Finanzamt schon klein kriegen, Frau Kemmerling. Und nun zurück an die Arbeit. Wir sehen uns morgen früh zum Eröffnungsgespräch.«

Gesenkten Hauptes verließ Emma das Büro. »Wir bekommen das schon hin. Wir bekommen das schon hin«, wiederholte sie abfällig die Worte ihres Chefs. »Scheißdreck, wir. Ich …« Sie tippte sich auf die Brust. »Ich werde es hinbekommen.«

Emma fühlte sich schlecht, ihr Magen rebellierte. Erneut würde sie Überstunden leisten müssen. Hinter ihrem Schreibtisch Platz genommen, schlug sie als Erstes den Ordner auf, in dem sie den Papierfetzen versteckt hatte. Er war noch in dem Umschlag. Sie nahm das merkwürdige Stück Papier heraus und betrachtete es von Neuem.

»Was auch immer du bist«, murmelte sie. »Sieht aus, als hätte ich heute keine Zeit mehr für dich.«

Kaum hatte Emma den Satz vollendet, musste sie ihre Aussage korrigieren. Auf ihrem Bildschirm blinkte wiederholt der Briefumschlag für eingehende E-Mails.

KAPITEL 3


»Schnell!«, rief Arusch hektisch. »Hilf mir, die Männer beiseite zu räumen.«

Er packte eines seiner Opfer an den Füßen und zerrte ihn zu den Sträuchern am Rande der Lichtung.

»Ihr …«, stotterte der Gefangene und zeigte verdutzt auf die herumliegenden Leichen. »Ihr habt mir das Leben gerettet. Wie kann ich Euch danken?«

»Dafür haben wir keine Zeit!«, schrie Arusch. »Du kannst dich noch früh genug bedanken. Und jetzt pack mit an! Wir müssen hier weg.«

Die fünf Männer zu erledigen, verlief schneller als Arusch gedacht hatte. Bevor die Ritter realisierten, was geschah, hatte er dem nächsten den Schädel vom Hals geschlagen. Die beiden Männer mit den entblößten Genitalien hatten nicht einmal eine Chance, nach ihren Waffen zu greifen. Zu seinem Bedauern war Arusch beim letzten Soldaten zu langsam, denn ehe er ihm sein Schwert in die Brust rammen konnte, hatte dieser im Gewirr den blinden Gefangenen getötet. Die nackte Frau lag noch immer unter einem ihrer Peiniger und zuckte mit schmerzverzerrtem Gesicht. Ihr gesamter Körper vibrierte. Arusch rollte den Toten von ihr herab, da erstarrte ihr Antlitz, erlöst von den Qualen der letzten Stunden.

»Komm«, sagte er dem einzig Überlebenden dann und packte ihn am Arm. »Wir müssen dort oben auf die Anhöhe. Dort kann ich deine Wunden behandeln.«


»Wie lautet dein Name?«, fragte Arusch den Fremden, als sie sich in seinem Lager niedergelassen hatten. Er griff nach seinem Wasserbeutel und wusch ihm die Wunden notdürftig aus.

»Pa… Pardus«, antworte dieser zögerlich. Sein massiger Leib bebte vor Angst.

»Nun gut, Pardus«, sagte Arusch mit ruhiger Stimme. »Du brauchst dich nicht zu fürchten, ich werde dir nichts tun.« Arusch holte eine Salbe aus seinem Beutel und rieb Pardus’ Wunden damit ein. »Das wird verhindern, dass die Wunden eitern«, erklärte er ihm. Pardus hatte seinen Arm schreckhaft zurückgezogen. »Ich habe die Tinktur aus einer Handvoll Kräutern, Rosenwasser und Eiern gemischt. Ein Rezept, das mir mein Vater vor Jahren beigebracht hat. Das wird dir gut tun. Sag, was hast du verbrochen, dass man dich so zugerichtet hat?«

Pardus schaute Arusch verwundert an. »Hast du denn nicht gesehen, was hier los ist?« Er deutete zu den Rauchschwaden über der Stadt. »Dieses Pack plündert und brandschatzt schon seit Tagen die gesamte Stadt. Sie zerren unsere Weiber wahllos aus den Häusern, vergnügen sich mit ihnen und werfen sie anschließend achtlos ins Meer. Währenddessen tragen sie das Kreuz vor sich her. Alles im Namen des Herrn. Pah!« Er spuckte vor sich auf den Boden. »Mein Bruder Godilas und ich«, fuhr er aufgeregt fort, »wollten lediglich verhindern, dass sie Agnella fortschleppen. Doch ehe wir uns versahen, nahmen sie uns alle drei gefangen.«

»Ist Konstantinopel denn nicht eine Stadt von Christen?«, fragte Arusch.

»Selbstverständlich«, antwortete Pardus schulterzuckend. »Ich selbst bin Christ, doch sie tun es trotzdem. Als unsere Verteidigung vor ein paar Tagen fiel, kamen sie voller Wut in die Stadt gestürzt. Sie schlugen jeden nieder, der sich ihnen in den Weg stellte und schienen extrem gereizt. Ich kann dir nicht sagen, wie lange die Soldaten die Stadt zuvor belagert haben. Ein halbes Jahr, vielleicht auch länger. Mal ruhten die Kämpfe für Wochen, dann brandeten sie wieder auf. Drei Kaiser hat die Stadt in der kurzen Zeit gesehen. Wer jetzt an der Macht ist, kann ich dir nicht sagen. Seine Vorgänger sind auf jeden Fall feige geflüchtet oder wurden getötet, was weiß ich.« Pardus deutete erneut Richtung Stadt. »In diese Stadt bringt mich niemand mehr. Ein glücklicher Zufall, dass ich überhaupt noch lebe.«

Arusch schaute Pardus entschlossen an. »Ich denke schon, dass du noch einmal nach Konstantinopel gehen wirst, Pardus. Du musst mich nämlich morgen früh dort hineinführen!«

»Niemals«, schrie dieser und rutschte ängstlich zurück, bis er mit dem Rücken gegen einen Felsen stieß. »Bist du verrückt? Niemand geht zurzeit freiwillig nach Konstantinopel. Die Stadt ist ein Moloch. Dort gibt es nichts, was sich zu suchen lohnt. Da willst du nicht hin, glaube mir.«

»Wenn ich es nicht wollte, würde ich es nicht von dir verlangen«, sagte Arusch zielsicher. »Wo willst du denn sonst hin? Die Kreuzritter werden schon nicht jedem ein Schwert in die Brust rammen, nur weil er sich in der Stadt aufhält. Du selbst hast doch eben bei den Soldaten herumgeschrien, dass du Kenntnis von geheimen Plätzen hättest. Da werden wir doch einen Unterschlupf finden, ohne entdeckt zu werden, oder nicht?« Er blickte an Pardus hinunter und tippte auf dessen wohlgeformte Körpermitte. »Für eine solch lange Belagerung bist du erstaunlich gut genährt. Es würde mich nicht wundern, wenn du Orte kennst, die ein Ritter noch nie zuvor betreten hat.«

»Da magst du recht haben«, sagte Pardus mit einem teuflischen Grinsen. »Ich bin ein gewitzter Kerl.« Stolz kratzte er sich an seinen kurzen schwarzen Locken. »Doch selbst wenn wir heilen Fußes durch die Truppenlager gelangen, in die Stadt werden wir es niemals schaffen. Sämtliche Stadttore werden von Kreuzrittern bewacht, und wer nicht aus den eigenen Reihen ist, den lassen sie erst gar nicht vorbei. Du musst schon ein Händler mit wertvoller Ware sein. Selbst Abgesandte von Königen, die außer einer Nachricht kein Gold bei sich hatten, wurden blindlings ermordet. Sie stopften ihnen ihre Depesche ins Maul und hängten sie am nächsten Baum auf.«

Pardus spähte auf Aruschs Beutel, den dieser unter den Steinen hervorgekramt hatte. »Vielleicht hast du ja etwas in deinem Säckchen, mit dem wir die Soldaten bestechen können? Zumindest scheint es dir wichtig zu sein. Warum sonst solltest du es verstecken?« Neugierig streckte er seine Hand danach aus. »Darf ich sehen, was du darin hast?«

Arusch schlug ihm zornig den Arm beiseite. »Mein Beutel geht dich gar nichts an. Solltest du versuchen, ihn zu berühren, ich schwöre dir, es wird das Letzte sein, was du tust.« Energisch griff er nach seinem Schwert und zog es ein Stück aus der Scheide. Die Klinge lugte hervor und blitzte in der Sonne.

»Schon gut, schon gut«, erwiderte Pardus und hob abwehrend beide Hände. »Es war ja nur ein Vorschlag. Nur irgendwie musst du es anstellen. Ohne einen triftigen Grund oder die entsprechenden Mittel lassen sie dich nicht passieren.«

»Es wird mir schon etwas einfallen«, murrte Arusch und lief nachdenklich zwischen den Findlingen hin und her.

Plötzlich machte er einen gewaltigen Satz, sprang auf einen der Felsen und blickte skeptisch hinab auf die Lichtung. Unten auf der Wiese deutete nichts darauf hin, dass dort vor wenigen Augenblicken eine kleine Schlacht stattgefunden hatte. Nur wenn Arusch genauer hinsah, erkannte er hinter einem Strauch den Überwurf eines Ritters. Das dunkle Rot schimmerte blass durch das Gestrüpp hindurch. Genauso überraschend, wie Arusch auf den Stein gesprungen war, hüpfte er mit einem eleganten Sprung zurück und rannte auf den Abhang zu.

»Warte hier«, sagte er. »Ich bin sofort zurück.«

Kurz bevor Arusch hinter den Bäumen verschwand, drehte er sich noch einmal um und deutete mahnend Richtung Pardus. »Rühr bloß nichts an oder verschwinde von hier. Egal wohin du läufst, ich werde dich einholen.«

Pardus wollte entrüstet antworten, doch Arusch war bereits verschwunden. Kaum dass Arusch nicht mehr zu sehen war, konnte Pardus seine Neugier nicht mehr im Zaum halten. Er robbte vorsichtig nach vorne, um nach dem Lederbeutel zu schauen. Ehe er das Säckchen erreichte, hörte er in der Ferne das Traben von Pferdehufen. Angetrieben von der größeren Neugier ließ er von der Tasche ab, rutschte zwischen die Felsen und warf einen Blick auf die Lichtung. Er sah, wie Arusch gebückt zwischen den Sträuchern vor und zurücklief und die Leichen drehte. Er hob sie an und ließ sie sofort wieder fallen. Was er genau veranstaltete, erkannte Pardus nicht.

Ungeachtet der nahenden Reiter ließ Arusch sich nicht von seinem Vorhaben aus der Ruhe bringen. Erst als die Gruppe von zwanzig Männern auf die Lichtung ritt, warf er sich flach unter die Hecken und drehte ein paar Äste über sich. Die Meute hetzte an Arusch vorbei und Pardus atmete durch. In diesem Moment ertönte ein lauter Schrei und die gesamte Mannschaft kam mit einem Ruck zum Stehen. Der Reiter an der Spitze hatte seinen Arm gehoben und sprang von seinem Pferd. Forsch marschierte er über die Lichtung, geradewegs auf Aruschs Versteck zu. Dieser rührte sich nicht und drückte seinen Körper noch fester auf den Waldboden. Ein paar Schritte vor Arusch blieb der Ritter stehen, hob etwas vom Boden auf und hielt es fragend seinen Begleitern hin. Es handelte sich um den Strick, den man Godilas, Pardus’ Bruder, um den Hals gebunden hatte. Arusch musste ihn bei den Aufräumarbeiten vergessen haben. Selbst aus dieser Entfernung meinte Pardus, das Blut an dem Seil erkennen zu können.

Ein eiskalter Schauder lief ihm über den Rücken, als er daran dachte, wie man seinem Bruder mit einer heißen Klinge die Augen ausgestochen hatte. Erhitzt im Feuer seiner eigenen Schmiede. »Damit du nicht sehen musst, was wir mit deiner Frau anstellen«, hatten sie ihm lachend zugerufen und das Eisen unvermittelt in dessen Augen gestoßen. Nun lag Godilas dort unten. Tot. Direkt neben seiner Frau, der sie das Dilemma zu verdanken hatten. Dabei hatten sie ihr verboten, auf die Straße zu gehen. Doch Agnella hatte ihren eigenen Willen und kümmerte sich nicht um die mahnenden Worte ihres Mannes.

›Mögen sie in Frieden ruhen‹, dachte Pardus und bekreuzigte sich.

Der Kreuzritter stand noch immer mit dem Strick in der Hand auf der Wiese. Er war in voller Kampfmontur gekleidet. Er trug ein Kettenhemd, dessen Kapuze er über seinen Kopf gezogen hatte. Darüber einen knielangen Waffenrock, der mit einem farbenprächtigen Wappen versehen war. An seiner linken Körperseite steckte ein Schwert, und zur Rechten trug er einen kurzen Dolch. Der Mann schaute sich in sämtliche Himmelsrichtungen um, schüttelte dann seinen Kopf, schleuderte den Strick auf den Boden, schwang sich zurück auf seinen Gaul und verschwand mit seinen Gefährten Richtung Konstantinopel.

Wenige Augenblicke später erhob sich Arusch aus seiner Deckung und rannte den Berg hinauf. Bei Pardus angekommen, warf er ein paar Kleidungsstücke vor ihm auf den Boden.

»Die werden wir anziehen«, sagte er entschlossen. »Morgen früh werden wir als Ritter verkleidet in die Stadt gehen.«

Pardus zog verzweifelt seine Stirn in Falten. »Sagst du mir wenigstens, was du dort willst? Bevor ich sterbe, möchte ich zumindest wissen, wofür.«

»Das wirst du noch rechtzeitig erfahren.«

Arusch kramte ein Stück Brot sowie Käse aus seinem Vorratssack und reichte es Pardus. »Lass uns etwas essen. Morgen wird ein anstrengender Tag.«

Pardus griff dankend nach dem Essen und stellte keine weiteren Fragen.

»Aus welchem Land stammen die Ritter?«, fragte Arusch, nachdem sie fertig gegessen hatten.

»Sie kommen aus verschiedenen Regionen. Die meisten sind, glaube ich, Franken. Auf jeden Fall waren es die Fünf, die dort unten liegen.«

»Ich habe gehört, dass du die Sprache der Franken verstehst. Du musst sie mir heute Abend beibringen.«

Pardus schlug sich lachend auf die Schenkel. »Ja, selbstverständlich! Jetzt hast du vollkommen den Verstand verloren. Ich habe Jahre gebraucht, um ein paar Worte zu beherrschen, und du willst in einer Nacht die ganze Sprache erlernen.«

»Nicht die gesamte Sprache, du Narr«, entgegnete Arusch. »Nur ein paar Worte. Die Wichtigen. Ich spreche bereits drei Sprachen und kann schreiben, da wird mir diese Frankensprache schon nicht sonderlich schwerfallen.«

»Wenn du meinst«, nickte Pardus. »Versuchen können wir es.«


Am nächsten Morgen warfen sie sich die Kleidung der Ritter über. Sämtliche Proteste seitens Pardus hatten keinen Erfolg. Arusch musste zwar zugeben, dass sein neuer Begleiter in den Sachen unnatürlich wirkte - sie spannten diesem am Bauch, reichten dafür bis über seine Knie hinaus - war aber trotz allem bereit, das Risiko einzugehen. Arusch gab Pardus einen aufmunternden Klaps, und sie marschierten los.

In den Soldatenlagern vor der Stadt herrschte reges Treiben. Ritter liefen betrunken und laut singend umher. Einige lagen auf dem Boden und schliefen ihren Rausch aus, den leeren Becher noch in der Hand umklammert. Hinter einem Zelt fanden Ringkämpfe statt, wo Männer mit freiem Oberkörper ihre Kraft unter Beweis stellten. Überall trieben sich Dirnen herum, die geschäftig ihrer Tätigkeit nachgingen. Keiner in dem Lager schien sich für die zwei Fremden zu interessieren.

»Sie feiern ihren Sieg«, flüsterte Pardus verbittert. Arusch nickte stumm.

Nach endlosen Minuten passierten sie die letzten Zelte und standen vor der imposanten Stadtmauer. Die mannshohen Zinnen des byzantinischen Bollwerks ragten bedrohlich wie Raubtierzähne in den Himmel empor, und in Abständen von 150 Fuß blickte man auf gigantische Türme.

Arusch konnte sich kaum vorstellen, dass eine solch massive Festung überhaupt bezwungen werden konnte. Unbeirrt folgten sie der Mauer Richtung Süden und sahen nach kurzer Zeit eines der fantastischen Stadttore Konstantinopels. Das Tor wurde von zwei Türmen umgeben, auf denen eine Handvoll Soldaten die Gegend ausspähten. Über dem Tor ragte eine Kuppel aus purem Gold empor, die, von der Morgensonne angestrahlt, einem für Sekunden das Augenlicht nahm.

Nur wenige Schritte vor dem Portal blieb Pardus unvermittelt stehen. Man konnte seinen Puls am Hals schlagen sehen, und er kratzte sich nervös an seinen fleischigen Armen. Arusch trat neben ihn und legte ihm besänftigend die Hand auf die Schulter. »Gott hilft uns, da bin ich mir sicher.«

»Pah! Wie kannst du dir sicher sein, dass er uns hilft und nicht denen dort?«

»Ich weiß es eben«, nickte Arusch, berührte lächelnd den an seinem Körper befestigten Beutel und schob Pardus mit einem kräftigen Schubs voran. »Und nun lass uns weitergehen.«

KAPITEL 4


Krampfhaft hielt sich Emma an ihrem Kugelschreiber fest und starrte auf den Monitor. Innerlich bebend las sie die neue Nachricht von Matteo nochmals von vorne.

Emma!

Es bald schon naht das große Ende,

die Zeit wird knapp, drum sei nicht behände.

Ein Hinweis führt dich, du wirst es sehen,

an Plätze, wo man kaum kann stehen.

Drum komm geschwind an jenen Ort,

wo das Alter präsent ist, immerfort.


»Hinweis?«, schrie Emma den Bildschirm an. »Was denn für ein Hinweis?«

Sie rutschte auf ihrem Stuhl herum und schaute abwechselnd zwischen Bildschirm und ihren Unterlagen hin und her. Sie überlegte, was sie tun sollte, und entschied sich widerwillig, ihre Arbeit fortzusetzen. Was sollte sie auch sonst tun? Für Versteckspielchen hatte sie keine Zeit. Ihr Chef, Wolfgang Menner, würde sie ungespitzt in den Boden rammen, würde sie heute nicht fertig werden.

Kaum hatte sie ihren Kopf gesenkt, nahm sie im Augenwinkel wahr, dass erneut das Zeichen für eingehende E-Mails auf ihrem Bildschirm blinkte. Sie schaute auf und sah, dass Sekunden später eine dritte und sofort darauf eine vierte Mail im Postfach landeten.

Emma fletschte ihre Zähne. Insgesamt bekam sie sechs weitere Mails, allesamt mit dem gleichen Reim, wie die Nachricht von zuvor. Ratlos hockte sie auf ihrem Stuhl und blickte ins Leere. Wie sollte sie bei diesem Terror an Arbeit denken? Es ging ihr schon den ganzen Morgen nicht gut, und diese ständigen Nachrichten taten ihr Übriges. Sie hatten nichts mit dem üblichen Spam zu tun, den sie sonst in ihrem Postfach hatte. Sie wurde persönlich mit ihrem Vornamen angesprochen und konnte sich auf nichts, was dort stand, einen Reim machen. Geschweige denn, vernünftig ihre Arbeit erledigen. Nach Minuten des Grübelns schlug sie entnervt auf den Tisch.