Der Autor


Andreas Kimmelmann wurde 1979 in München geboren. Er studierte dort Jura und arbeitete später als Rechtsanwalt in München und als Wissenschaftlicher Assistent in Augsburg. Seit 2008 hat er mehrere Kurzgeschichten veröffentlicht und die Texte für die Kinderbuchreihe »Bayernmaxl« geschrieben.

2011 erschien der erste Fall von Alwin Eichhorn »Mord im Lichthof« im Titus Verlag.

Desweiteren in der Kurzgeschichten-Reihe »Story to go« die Geschichten »Fremde Stimme« und »Bruderherz«.


Weitere Informationen im Internet

www.titus-verlag.de

www.andreas-kimmelmann.de


Copyright by

Titus Verlag, Wiesbaden, 2013



Herstellung E-Book: Titus Verlag

Testleserin: Nicole Volkmann


ISBN 978-3-944935-09-6

Der Richter

und sein Mörder



von


Andreas Kimmelmann



Titus Logo

Inhalt

Der Autor

PROLOG

KAPITEL 1

KAPITEL 2

KAPITEL 3

KAPITEL 4

KAPITEL 6

KAPITEL 7

KAPITEL 8

KAPITEL 9

KAPITEL 10

KAPITEL 11

KAPITEL 12

KAPITEL 13

KAPITEL 14

KAPITEL 15

KAPITEL 16

KAPITEL 17

KAPITEL 18

KAPITEL 19

KAPITEL 20

KAPITEL 21

KAPITEL 22

KAPITEL 23

KAPITEL 24

KAPITEL 25

KAPITEL 26

KAPITEL 27

KAPITEL 28

KAPITEL 29

KAPITEL 30

KAPITEL 31

KAPITEL 32

KAPITEL 33

KAPITEL 34

KAPITEL 35

KAPITEL 36

Leseprobe "Ausgeliefert"

Leseprobe "Das dunkle Zimmer"

Leseprobe "

Leseprobe "Die siebte Gemeinde"

Webseite

TEIL 1

Die Eichhörnchen bereiten sich auf den Winter vor


KAPITEL 1

Alwin Eichhorn erwachte, als sein Wecker um sieben Uhr morgens klingelte. Er rollte sich herum und schaltete ihn aus. Rammdösig richtete er sich im Bett auf und gähnte. Miriam erhob sich neben ihm.

»Morgen, Schlafmütze«, sagte Alwin und küsste sie auf die Wange.

»Morgen«, sagte Miriam, legte ihren Kopf auf Alwins Schulter und gähnte. »Viel zu früh.«

»Wir haben einfach die falschen Jobs«, meinte Alwin, schob sie sanft zur Seite und hob sich aus dem Bett.

»Du wirst für deinen wenigstens ordentlich bezahlt«, gab Miriam zurück.

»Na, na, Frau Staatsanwältin«, feixte Alwin, während er ins Bad ging. »Sie sind dem Volk verpflichtet, nicht dem schnöden Profit.«

»Wenn ich Gelegenheit hätte, mich dem schnöden Profit zu widmen, könnte mich das Volk am A... lecken«, rief ihm Miriam hinterher und zog eine Schnute.

»Das hab ich jetzt einfach nicht gehört«, meinte Alwin, der den Kopf zur Badezimmertür herausstreckte und grinste. »Was sagt denn der Herr Oberstaatsanwalt Gerstdorfer zu deinen Ansichten?«

»Der kann mich an derselben Stelle.« Miriam stand ebenfalls aus dem Bett auf und zog sich an.

Alwin beobachtete sie, während er sich die Zähne putzte.

»Sieht der Herr Anwalt auch alles?«, fragte sie, lächelte und warf ihre kurzen braunen Haare zurück.

»Alles, was er sehen muss«, nuschelte Alwin durch seine Zahnbürste.

Er fand, dass er es gut mit Miriam erwischt hatte. Sie war ein bisschen älter als er. Er war 27, sie 32, aber das machte ihm nichts aus. Er hatte sie vor einem Jahr kennengelernt, als er gerade bei der Kanzlei Dr. Bier & Kollegen angefangen hatte. Sie hatte als Staatsanwältin in seinem ersten Fall ermittelt und er ... nun, er hatte seinen ersten Fall gründlich versaut und hatte Glück gehabt, nicht nur sein Leben, sondern sogar seine Anwaltszulassung zu behalten. Beides war nicht einfach gewesen. Sie waren sich danach ein paar Mal auf dem Gerichtsflur über den Weg gelaufen und schließlich einen Kaffee trinken gegangen. Dies hatten sie einige Male wiederholt, und im Laufe der Zeit hatten sie mehr und mehr Gefallen aneinander gefunden. Seit zwei Monaten bezeichneten sie sich offiziell als Paar, jedoch nur dann, wenn sie unter sich waren. Miriam arbeitete in der Abteilung für Kapitalverbrechen, und Alwin war Strafverteidiger, nicht selten in Mordfällen. Sie hätten ihre Beziehung eigentlich offenlegen müssen, aber dann wäre Miriam vermutlich versetzt worden, um keine Interessenkonflikte zu verursachen, und das wollten sie nicht. Die Kapitalverbrechensabteilung war ein Karrieresprungbrett für Miriam, das sie sich nicht nehmen lassen wollte. So hatten sie beschlossen, ihre Beziehung vorerst geheim zu halten. Niemand bei der Staatsanwaltschaft oder in der Kanzlei musste davon wissen. Miriam besuchte Alwin regelmäßig hier in seiner Wohnung in Haidhausen, und Alwin tauchte ab und zu in ihrer Wohnung in Ramersdorf auf.

»Ich muss mich langsam beeilen«, meinte Miriam und setzte ihre Brille auf. »Ich hab Besprechung mit Widmann um halb neun.«

»Oje«, meinte Alwin, der sich inzwischen auch anzog. Alfred Widmann war Miriams vorgesetzter Gruppenleiter und verlangte seinen Mitarbeitern das Äußerste ab.

»Wird schon nicht so schlimm werden«, meinte Miriam und zwinkerte. »Hab nicht all zu viel Bockmist gebaut in der letzten Zeit.«

»Kann ich leider nicht von mir behaupten«, meinte Alwin. »Zwei Mandanten, die ich als sichere Siege verbucht hatte, sind mir verknackt worden. Bei beiden war deine Abteilung auf der anderen Seite.«

»Das hast du mir gar nicht erzählt.«

»Ich gebe mir Mühe, Berufliches und Privates zu trennen. Andernfalls kriegen wir wirklich irgendwann Probleme.«

»Da hast du natürlich recht. Eine Geschichte hab ich aber, glaub ich, mitgekriegt. Das war der Lönders-Mord, den Widmann selbst vertreten hat, oder? Ihr habt den Mörder, diesen Ginsterhalter verteidigt.«

»Den mutmaßlichen Mörder. Die Sache ist noch nicht vorbei.«

»Gehst du in Berufung?«

»Trennung von Beruf und Privatem, du weißt noch, oder?«

»Klar«, meinte sie und schlug die Augen nieder. »Aber neugierig bin ich trotzdem. Was war denn der andere Fall, den du gegen meine Abteilung verloren hast?«

»Wintermeyer.«

»Ach, der Mord in der Sonnenstraße? Ich weiß schon, den hat mein Kollege Baumann vertreten. Ich wusste gar nicht, dass du da dran warst.«

»Doch, war ich. Und die Betonung liegt auf war. Bier hat mir den Fall nach meiner schmählichen Niederlage entzogen und will die Berufung selbst in die Hand nehmen.«

»Also geht ihr in Berufung?«

»Miriam ...«, meinte Alwin und sah sie gequält an.

»Entschuldige«, meinte sie und schnappte sich ihre Aktentasche. »Da war ja dann beide Male Bergmann der Vorsitzende Richter, der gegen euch entschieden hat.«

»Stimmt«, bestätigte ihr Alwin mit einem grimmigen Gesichtsausdruck. »Hoffentlich wird dieser Bergmann bald mal versetzt. Bei dem werden unsere Mandanten immer verknackt.«

»Liegt vielleicht daran, dass sie schuldig sind«, feixte Miriam und zwinkerte ihm zu.

»Nein, weil der Kerl uns hasst«, widersprach ihr Alwin, während er seine Tasche zusammenpackte.

»Wer ist denn ›uns‹?«, fragte Miriam und lachte. »Euch Rechtsanwälte?«

»Nein, unsere Kanzlei. Er hasst Bier und jeden, der für ihn arbeitet. Keine Gelegenheit lässt dieser Bergmann aus, um uns eins auszuwischen.«

»Das ist auch kein Wunder. Dein Chef hat sich ziemlich beleidigend geäußert in dem Interview, das er letztens der Anwaltszeitung gegeben hat.«

»Da war aber schon vorher einiges. Genau deswegen hat ihn Bier in diesem Interview ja so beschimpft.«

»An dieser Waffenhändlergeschichte seid ihr aber nicht beteiligt, oder?«

»Edgar Fleissen? Nein, leider nicht. Wir haben versucht, an das Mandat von einem seiner Handlanger ranzukommen, aber leider hat uns König das Mandat vor der Nase weggeschnappt.«

Miriam nickte wissend. Wilhelm König war Alwins direkter Vorgänger bei der Kanzlei Dr. Bier & Kollegen gewesen und hatte danach eine eigene Kanzlei gegründet. Er hatte bei Alwins verkorkstem ersten Fall für ihn die Kastanien aus dem Feuer geholt und Alwins ersten Mandanten übernommen. Seitdem war seine Kanzlei immer erfolgreicher geworden, und mittlerweile machte er seinem früheren Mentor Dr. Raimund Bier ordentlich Konkurrenz.

»Sei froh, dass du da nicht mit drin bist«, meinte Miriam. »Das ist eine schmutzige Sache.«

»Ich mag schmutzige Sachen«, meinte Alwin.

»Bei schmutzigen Sachen verbrennst du dir nur wieder die Finger, denk an letztes Jahr.«

»Na, du hast ja eine gute Meinung von mir als Anwalt.« Alwin sah Miriam vorwurfsvoll an, während sie die Wohnung verließen.

»Ich mach mir eben Sorgen um dich«, verteidigte sich Miriam. »Ich will nicht noch einmal so etwas erleben wie damals im Weißhaupt-Fall.«

»Was heißt nicht noch einmal so etwas erleben?«, fragte Alwin, während sie die Treppe hinunterliefen. »Damals waren wir noch gar nicht zusammen.«

»Ich fand dich damals schon süß«, meinte Miriam und küsste ihn auf die Wange.

Alwin lächelte sie an. Sie schaffte es doch immer wieder, ihn um den Finger zu wickeln.

Inzwischen standen sie unten vor dem Haus, wo ihnen eine frische Brise entgegen wehte.

»Ich bin trotzdem froh, dass ich nicht in dem Fall drin bin«, meinte Alwin. »Bei Bergmann würde ich sowieso wieder verlieren.«

Miriam verschränkte die Arme vor der Brust und fröstelte. »Es ist kalt geworden.«

»Ja, der Herbst sendet seine ersten Boten aus«, bestätigte Alwin. »Die Eichenblätter fliegen wieder.«

Damit zeigte er auf eine Reihe von gelben und grünen Eichenblättern, die über die Straßen und Gehsteige von Haidhausen geweht wurden.

Ein kleines Eichhörnchen lief über die Straße, kletterte einen Baum hinauf und verschwand dort.

»Sieh da«, meinte Miriam. »Die Eichhörnchen bereiten sich auf den Winter vor.«

»Da tun sie gut daran.«

»Und was wird mein kleines Eichhörnchen im Winter machen?«, fragte Miriam und kraulte Alwin am Kinn.

Alwin warf ihr einen abschätzigen Blick zu. Er hatte Witze über seinen Namen noch nie gemocht. »Ich verbringe ihn mit dir und wärme dich. Vorausgesetzt, du gewöhnst dir solche Bemerkungen ab.«

»Wer wird denn gleich beleidigt sein«, sagte sie, lächelte und küsste ihn auf den Mund. »Du, ich muss los. Soll ich dich bei deiner Kanzlei absetzen?«

»Lieber nicht«, meinte Alwin. »Am Ende sieht uns noch jemand. Ich nehme lieber die U-Bahn.«

»Alles klar«, meinte Miriam. »Dann bis bald.«

»Sehen wir uns heute Abend?«, rief Alwin ihr hinterher.

»Ich weiß noch nicht«, rief Miriam zurück. »Das hängt ganz von Widmann ab. Ich glaube, diese Woche wird einiges los sein.«

»Die Waffenhändlergeschichte?«

»Trennung von Beruf und Privatem, Herr Anwalt«, rief Miriam, als sie in ihr Auto stieg. »Sie sollten daran arbeiten.«

Alwin musste grinsen und winkte ihr noch zu, als sie an ihm vorbeifuhr. Sie winkte zurück.

KAPITEL 10


»Nein«, sagte Loderer und blickte finster gegen die Wand seines Büros. »Ich glaube ihr nicht. Es macht keinen Sinn. Sie ist nicht im Mindesten glaubwürdig.«

»Dann sollten wir schleunigst die beiden anderen Richter aufsuchen«, brummte Notnagel. »Das wollten wir heute Morgen schon tun, aber Sie haben es ja abgeblasen.«

Loderer blickte erstaunt, fast belustigt in Notnagels und Kerns Richtung. »Verstehe ich das richtig, dass Sie meine Ermittlungsmethoden kritisieren, Kollege Notnagel?«

»Das sehen Sie richtig, Kollege Loderer«, antwortete Notnagel und hielt Loderers Blick mit stoischer Gelassenheit stand.

»Karli, hör auf«, zischte Kern von der Seite.

»Nein, ich hör nicht auf, Erwin«, echauffierte sich Notnagel, mehr zu Loderer als zu Kern. »Ein Vorsitzender Richter ist ermordet worden. Er war an einer Riesen-Waffenhändlergeschichte dran. Menschen, die über Leichen gehen. Seine Frau legt ein völlig unglaubwürdiges Geständnis ab, und Sie blasen die Ermittlungen in die Waffenhändler-Richtung plötzlich ab. Was ist los mit Ihnen?«

»Was mit mir los ist, überlassen Sie am besten mir«, knurrte Loderer, stand auf und ging bedrohlich ein paar Schritte auf Notnagel zu. Dieser rührte sich nicht vom Fleck und starrte Loderer weiter an.

Loderer zeigte den Anflug eines beeindruckten Lächelns, nickte dann und starrte wieder den Rücken seinen beiden Kollegen zugekehrt an die Wand.

»Ich habe gesagt, ich glaube ihrem Geständnis nicht«, sagte Loderer nach einer kurzen dramatischen Pause. »Aber ich glaube, sie weiß mehr, als sie uns sagt.«

»Wie kommen Sie darauf?«, fragte Notnagel.

»Die Art, wie sie sich verhalten hat. Sie war zunächst ... überrascht, aber nicht erschüttert. Mehr eine ... wie soll ich sagen ... Verwunderung. Keine unangenehme Verwunderung. Stellen Sie sich vor, jemand schuldet Ihnen Geld, Sie gehen aber davon aus, dass Sie es ohnehin nie zurückbekommen. Monatelang denken Sie immer daran, aber mehr im Hinterkopf. Weil Sie eben nicht mehr mit diesem Geld kalkulieren. Dann, eines Tages, kommt der Schuldner und bezahlt alles. Sie sind natürlich nicht verärgert, denn prinzipiell ist das etwas Gutes. Sie können sich aber auch nicht richtig freuen, denn Sie können es noch nicht so richtig glauben. Sie ... trauen dem Frieden noch nicht. Trotzdem nehmen Sie es entgegen und zeigen eine Regung, die ... nun ja, Verwunderung ausdrückt.«

»So hat sich Frau Bergmann verhalten?«

»Genau so. Meiner Meinung nach.«

»Was sagt uns das über sie?«

»Gute Frage, Kollege Notnagel. Der Tod ihres Mannes kommt ihr nicht unrecht, aber sie hat nicht damit gerechnet. Sie kann sich auch nicht richtig darüber freuen. Sie hat ihren Mann gehasst, aber irgendwie ... irgendwie gibt ihr sein Tod nicht die Befriedigung, die sie sich erhofft hat.«

»Das ist aber eine sehr tiefe psychologische Betrachtung.«

»Erfahrung, Kollege Notnagel. Ich habe schon so viele Mörder verhaftet. Diese hier ist keine, glauben Sie mir das. Aber sie weiß etwas. Sie weiß definitiv etwas.«

»Aber das müsste doch leicht zu klären sein. Wenn sie es nicht getan hat und von der Tat überrascht, oder, wie Sie es ausdrücken, darüber verwundert ist, dann kann sie wohl kaum Einzelheiten der Tat kennen. Sie wird sich in Widersprüche verstricken.«

»Das wird sie nicht. Sie wird bei ihrem Geständnis bleiben, so wie sie es uns gegeben hat. Weiter wird sie nichts sagen. Vielleicht behauptet sie sogar, sie sei so traumatisiert von dem Mord an ihrem Mann, dass sie sich kaum noch an etwas erinnern könne. Und überhaupt, Widersprüche wird sie nicht bei uns machen. Wenn dann bei ihrem Anwalt, und danach wird sie wissen, was sie sagen muss. Dr. Bier sitzt gerade bei ihr zusammen mit seinem Junganwalt, diesem Eichhorn.«

»Vielleicht können die sie dazu bringen, die Wahrheit zu sagen.«

»Vielleicht. Ich glaube aber eher nicht. Wer so penetrant gestehen will, hat seine Gründe.«

»Worin könnten diese Gründe liegen?«

»Da gibt es verschiedene Möglichkeiten. Sie will jemanden schützen. Sie will sich profilieren. Sie will sich aufgrund des Hasses auf ihren Mann mit dem Gedanken schmücken, ihn ermordet zu haben, um Seelenfrieden zu bekommen. Oder aber sie verfolgt irgendeine ganz andere Taktik, die wir noch nicht kennen und die uns um die Ohren fliegen wird, wenn wir es nicht herauskriegen.«

»Was ist Ihr Verdacht?«

»Da war etwas Merkwürdiges in diesem Gespräch. Es gab einen kleinen Augenblick, in dem ich rückblickend das Gefühl hatte, dass ... das der Moment war, in dem sie sich zum Geständnis entschlossen hat.«

»Wie meinen Sie das?«

»Ich glaube, nach der ersten Verwunderung über den Mord an ihrem Mann gab es einen Moment, in dem sie plötzlich wusste ... oder zumindest ahnte, was passiert sein könnte. Dann plötzlich gestand sie.«

»Was war das für ein Moment, können Sie sich erinnern?«

»Ich erwähnte das mit der Bratpfanne. Da war sie plötzlich sehr erschrocken.«

»Mit ... der ... Bratpfanne?«, wiederholte Notnagel langsam.

»Ja, dass er von hinten mit der Bratpfanne niedergeschlagen wurde. Das hat irgendetwas in ihr ausgelöst. Als habe diese Bratpfanne irgendeine besondere Bedeutung in diesem Mord, die sich uns noch nicht erschließt.«

»Welche Bedeutung? Dass der Mörder seine Opfer gern in der Pfanne brät?«, fragte Notnagel amüsiert.

»Spotten Sie nicht, Kollege Notnagel! Sie hat sich nachher sogar noch einmal ausdrücklich auf das Thema Bratpfanne bezogen. Dass man mit Bratpfannen Leben retten kann, weil man darin Essen zubereitet, dass sie aber auch für den Raub eines Lebens verwendbar ist oder so ähnlich.«

»Eine Bratpfannensymbolik? Ist das Ihr Ernst?«

»Ich weiß nicht, was mein Ernst ist. Aber es ist eine Spur, die wir verfolgen sollten.«

»Dann sollten wir aber doch auch alle anderen denkbaren Spuren verfolgen. Wenn wir schon nichts Genaues wissen.«

»Polizeiarbeit ist auch ein bisschen Bauchgefühl, Herr Kollege. Was ist denn zum Beispiel mit diesem Mädchen, von dem Rechtsanwalt König erzählt hat? Da ist doch auch einiges im Argen, oder?«

»Sicherlich«, meinte Notnagel. »Dieser Spur müssen wir nachgehen. Aber trotzdem kein Grund, die Fleissen-Affäre völlig außen vor zu lassen.«

»Wer spricht von außen vor lassen? Natürlich werden wir diese Geschichte nicht vernachlässigen.«

»Sollten wir dann nicht die beiden beisitzenden Richter unter Polizeischutz stellen?«

»Unsinn! Wozu das? Glauben Sie wirklich, Fleissen oder einer seiner Leute lässt alle drei Richter ermorden? Selbst wenn er Bergmann ermordet hat, um einen ›zugänglicheren‹ Vorsitzenden zu bekommen, was ich für völligen Quatsch halte, wird er nicht so weit gehen, die anderen beiden auch noch zu töten.«

»Wieso glauben Sie das?«

»Mann, Notnagel, seien Sie doch nicht so naiv! Es ist schon schlimm genug, wenn der Verdacht im Raume steht, er könnte Bergmann beseitigt haben. Und im Moment ist es nur ein Verdacht. Wenn ein Mensch ermordet wird, gibt es immer verschiedene Möglichkeiten für ein Motiv. Selbst wenn sich eines im beruflichen Bereich aufdrängt, ist es doch meist eher ein privates Motiv. Selbst wenn also Fleissen Bergmann beseitigt hat, so verlässt er sich darauf, dass es genug andere Spuren anderswo, insbesondere in seinem Privatleben gibt. Vielleicht hat er sich sogar vorher kundig gemacht und das eine oder andere gefunden, das noch nicht einmal wir über Robert Bergmann wissen. Dann, nur dann, hat er eine Chance, sich dem nächsten Vorsitzenden mit ›Verhandlungen‹ zu nähern. Bringt er alle drei Richter um, weiß jeder, dass er es war. Dann hat er nicht die geringste Chance, weil jeder neue Richter dann 24 Stunden unter Bewachung steht. Um beides zu verhindern – Mord und Bestechung.«

»So ganz überzeugt mich das noch nicht, Herr Loderer. Es ist doch zumindest ein Risiko für das Leben der Richter vorhanden.«

»Ich sehe es nicht, tut mir leid. Und ich bleibe bei meiner Meinung. Es gibt wichtigere Spuren.«

»Bratpfannen etwa?«

»Sie werden mir langsam ein bisschen zu vorlaut, Kollege Notnagel. Ja, Bratpfannen. Und Ehefrauen beziehungsweise Witwen, die überraschend einen Mord gestehen, wenn sie von solchen Haushaltsgegenständen hören. Ebenso wie Mädchen, deretwegen sich zwei alte Freunde, heute ein erfolgreicher Anwalt und ein toter Richter, entzweit haben. Ein Jahrbuch, das diese Freundschaft in Bildern dokumentiert und wohl vom Mordopfer oft angesehen wurde.«

»Was haben Sie also vor?«

»Das Jahrbuch wird von meinen Leuten auf Herz und Nieren geprüft. Zur Not werden sie die ganze Nacht daran arbeiten. Morgen früh wissen wir sicher mehr.«

»Und dann?«

»Dann schnappe ich mir diesen König noch einmal. Ich möchte, dass Sie ihn für morgen früh aufs Revier bestellen. Zehn Uhr. Bis dahin weiß ich hoffentlich ein paar Sachen, die ich ihn fragen kann. Wenn nicht, werde ich eben improvisieren.«

KAPITEL 11


»Ein bisschen mehr müssen Sie uns schon erzählen, Frau Bergmann«, brummte Dr. Bier in seinen Bart, als er mit Alwin an seiner Seite mit Thea Bergmann in der Haftzelle saß.

»Was wollen Sie denn noch hören?«, fragte Thea Bergmann und starrte ausdruckslos an die Wand ihres Gefängnisses.

»Dieser Klaus zum Beispiel, der Ihnen geholfen hat ...«

»Über den weiß ich nichts, und über den sage ich nichts.«

»Sie sagen nichts?«, hakte Alwin geistesgegenwärtig nach, um seinen Chef mit etwas Initiative zu beeindrucken. »Das heißt, Sie wissen doch etwas?«

»Drehen Sie mir nicht das Wort im Munde herum, Herr Rechtsanwalt!«, herrschte Thea ihn ärgerlich an.

»Mein junger Kollege hat schon recht, Frau Bergmann«, sprang Bier ihm zur Seite. »Schließlich wollen Sie von uns vertreten werden. Wenn wir nicht mehr tun können als einen rudimentären Aussagefetzen von Ihnen vorzutragen, ist das eine recht aussichtslose Angelegenheit.«

Thea seufzte. »Also gut. Ich bin in vielen verschiedenen sozialen Projekten tätig. Eine Tätigkeit, die mich fortwährend vom Elend meiner Ehe abgelenkt hat, bis ich endlich den Mut hatte, meinen Mann zu verlassen.«

Sie machte eine schöpferische Pause, Dr. Bier und Alwin sahen sie erwartungsvoll an. Sie bemerkte die Aufmerksamkeit ihres Publikums mit einer gewissen Genugtuung und fuhr fort: »Ich weiß, dass er Klaus heißt. Er ist etwa fünfzig Jahre alt und lebt auf der Straße, hier in München. Er wollte allerdings nach dem Mord die Stadt verlassen, insofern wird die Polizei ihn vergeblich suchen.«

»Wissen Sie, wo er hin wollte?«

»Nein. Wenn ich es wüsste, würde ich es nicht sagen.«

»Hören Sie ...«, meinte Bier.

»Irgendwo in den Osten, glaube ich. Aber da gibt es viele Obdachlose, die Klaus heißen. Glauben Sie mir: Sie werden ihn nicht finden. Er weiß sich zu verstecken.«

»In den Osten? Neue Bundesländer? Tschechei? Ukraine? Russland?«

»Seien Sie nicht albern, Herr Dr. Bier. Leipzig glaube ich. Vielleicht auch Dresden.«

»Wann und wo haben Sie ihn kennengelernt?«

»Vor zwei Jahren, in einer Suppenküche hier in München.«

»München ist groß. In welcher Suppenküche?«

»Schwanthalerhöhe. In der Kazmairstraße, Ecke Ligsalzstraße.«

»Was haben Sie dort gemacht?«

»Na, Suppe verteilt. Was dachten Sie denn?«

»Was ich denke, spielt vorerst keine Rolle. Was letzte Nacht in der Hütte Ihres Mannes passiert ist, das spielt eine Rolle. Und was jetzt aus Ihnen wird.«

»Wie sind Sie gerade auf ihn gekommen?«, schaltete sich Alwin wieder ein.

»Klaus war jemand, der nichts zu verlieren hatte und der für Geld alles tat. Als mein Entschluss gereift war, meinen Mann zu töten, habe ich ihn angeheuert.«

»Sie hatten also regelmäßig Kontakt in den letzten zwei Jahren?«

»Richtig, Herr ... wie war der Name?«

»Eichhorn, Frau Bergmann.«

»Richtig, Herr Eichhorn.«

»Immer in der Suppenküche in der Kazmairstraße?«

»Nein, da war er schon lange nicht mehr.«

»Wo haben Sie sich dann getroffen?«

»Ich habe mich oft privat mit ihm getroffen, im Park oder so.«

»Sie haben sich privat im Park mit einem Obdachlosen getroffen?«

»Passt das nicht in Ihr Weltbild, Herr Einhorn?«

»Eichhorn. Mein Weltbild ist hier ebenso uninteressant wie das, was Herr Dr. Bier denkt, aber« – Dr. Bier sah ihn belustigt an – »Sie werden zugeben, dass das etwas ungewöhnlich ist.«

»Klaus brauchte manchmal ein bisschen Zuspruch. Den habe ich ihm gegeben.«

»Geben Sie all Ihren Obdachlosen Zuspruch im Park, Frau Bergmann?«

»Es sind nicht meine Obdachlosen. Obdachlose sind keine Leibeigenen, Herr Eichholz.«

»Eichhorn. Das wollte ich auch nicht sagen. Aber Sie betreuen doch viele, oder?«

»Viele, ja. Aber deswegen gehören sie nicht mir.«

»Ihr Mann war auch nicht Ihr Eigentum. Trotzdem haben Sie ja wohl als von Ihrem Mann von ihm gesprochen, nicht wahr?«

»Sie sind ein wenig spitzfindig, Herr Eichel.«

»Eichhorn. Die Spitzfindigkeit liegt ganz bei Ihnen, Frau Bergmeier.«

»Bergmann, wenn ich bitten darf.«

»Eichhorn.«

»Wie bitte?«

»Vergessen Sie’s.«

Dr. Bier konnte neben Alwin nicht anders, als sich ein Schmunzeln abzuringen. Dann ergriff er selbst wieder das Wort: »Sehen Sie, Frau Bergmann, Sie haben so viele Obdachlose betreut. Haben Sie sich mit allen von ihnen im Park getroffen?«

»Nein.«

»Oder sonst irgendwie privat?«

»Nein.«

»Warum dann gerade mit diesem?«

»Klaus war einfach anders. Ich mochte ihn. Ich habe ihm gerne zugehört. Und er hat mir zugehört.«

»Worüber haben Sie denn gesprochen?«

»Sein Leben auf der Straße. Mein Leben mit Robert. Zwei Schicksale, die niemand haben möchte.«

»Hatten Sie eine Affäre mit diesem Klaus?«

»Ich bitte Sie, Herr Dr. Bier!«, empörte sich Thea. »Das Fremdgehen war der Part meines Mannes!«

»Haben Sie ihn deswegen umgebracht?«, hakte nun Alwin wieder nach.

»Unter anderem auch.«

»Und weswegen sonst?«

»Mein Mann war ein Schwein, Herr ... Herr Rechtsanwalt. Er hat jeden über die Klinge springen lassen, der seinen Zielen im Wege stand. Er hat in seiner Zeit als Staatsanwalt und später als Beisitzender Richter jeden schlecht gemacht, den er konnte. Nur er sollte immer gut dastehen, bis er endlich den gewünschten Posten als Vorsitzender Richter erreicht hatte.«

»Ihr Mann hat also viele Feinde aus seiner beruflichen Vergangenheit?«

»Dutzende. Aber von denen hat ihn keiner umgebracht, falls Sie das denken. Ich war das.«

»Schön. Aber was war nun Ihr Motiv? Dass er sich mit unlauteren Methoden auf einen Posten gesetzt hat? Das hat Ihnen, als seiner Frau, doch sicher nicht geschadet.«

»Mitnichten. Aber es kam ja noch das ständige Fremdgehen dazu. Vieles davon war für die Beteiligten nicht einmal sonderlich freiwillig.«

»Sie meinen, er hat Frauen vergewaltigt?«

»Das nicht gerade, aber ein gewisser Grad an Nötigung war schon dabei. Viele davon waren seine Referendarinnen. Wenn sie Affären mit ihm hatten, bekamen sie perfekte Zeugnisse und Empfehlungen. Viele davon sind heute als Staatsanwältinnen oder gar schon Richterinnen unterwegs.«

Alwin schluckte. War Miriam nicht auch einmal Referendarin bei Bergmann gewesen? Er hatte dunkel im Kopf, dass sie so etwas einmal erwähnt hatte. Miriam war mit hervorragenden Zeugnissen aus dem Referendariat herausgekommen und hatte sofort eine Stelle bei der Staatsanwaltschaft bekommen. Ob ...

Dr. Bier, der merkte, dass Alwin aus dem Konzept gekommen war, schreckte ihn aus seinen Gedanken hoch. »Das war es also, was Sie an Ihrem Mann hassten?«, fragte er.

»Ja. Und auch, wie er mich behandelte.«

»Wie behandelte er Sie denn?«

»Er machte sich nicht einmal die Mühe, seine Affären zu verbergen. Er war wohl der Meinung, als seine Frau müsste ich das hinnehmen.«

»Hat er Sie geschlagen?«

»Nein. Dann hätte ich ihn schon früher erschossen.«

»Hat er Ihnen sexuell Gewalt angetan?«

»Nein. Aber ich fand es widerlich, mit ihm zu schlafen.«

»Wieso haben Sie ihn erst jetzt ermordet, als Sie ihn doch schon verlassen hatten?«

Thea schwieg einen Moment, dann meinte sie: »Er hat mich bedroht.«

»Bedroht?«

»Ja. Er wollte mich umbringen, wenn ich nicht zu ihm zurückkehre.«

»Wirklich?«, fragte Dr. Bier zweifelnd.

»Ja. Er hatte eine Pistole.«

»Das wissen wir doch«, meinte Dr. Bier. »Schließlich hat er sich doch ...«

Er blickte Thea erwartungsvoll an.

Sie erwiderte seinen Blick, dann blitzte Verständnis in ihren Augen auf und sie meinte: »... gestern Nacht versucht, mit ihr zu verteidigen. Richtig. Das habe ich in der Aufregung fast vergessen.«

»Hat die Polizei das Ihnen gegenüber schon erwähnt?«

»Ich glaube ja. Wieso? Spielt es eine Rolle? Glauben Sie mir nicht?«

Bier wog bedächtig das Haupt.

Alwin schaltete sich nun seinerseits wieder ein: »Das wären doch schon mal strafmildernde Umstände, sehr gut. Sie wollten also die Bedrohung für Ihr Leben, die von Ihrem Mann ausging, beseitigen, richtig?«

»Schön vorgesagt, Herr Eichhorn.«

»Schön meinen Namen gemerkt, Frau Bergmann.«

»Ich mache Fortschritte, da sehen Sie mal.«

»Nun mal zum genauen Tathergang. Wer hat was gemacht?«

»Ich habe ihn von hinten mit der Bratpfanne niedergeschlagen, als er ins Wohnzimmer gekommen ist. Klaus hat ihn dann erschossen, als er schon am Boden gelegen hat.«

»Hat die Polizei diesen Tathergang schon erwähnt?«

»Ja. Aber das ist egal, denn ich war dabei.«

»Wo hatten Sie die Waffe her?«

»Klaus hat sie besorgt, von seinem Drogendealer.«

»Wissen Sie Näheres über diesen Dealer? Seinen Namen vielleicht?«

»Nein.«

»Welche Drogen hat Klaus genommen?«

»Heroin.«

»Wie sind Sie ins Haus gekommen?«

Thea stutzte einen Moment, dann schwieg sie.

»Frau Bergmann«, wiederholte Alwin, »wie sind Sie ins Haus gekommen?«

»Es ist alles so neblig ... die Aufregung, der Schock ... Klaus hat uns Zugang verschafft.«

»Schön, aber Sie werden doch noch wissen, in welchem Zimmer Sie zuerst waren. Wohnzimmer? Arbeitszimmer? Schlafzimmer?«

»Im ... Schlafzimmer. Wir sind durch das Schlafzimmerfenster eingedrungen.«

Alwin seufzte. »War das geraten?«

»Glauben Sie mir immer noch nicht?«

»Was ich glaube ...«

»... spielt keine Rolle, ich weiß.«

»Spielt es auch nicht. Entscheidend ist, was der Haftrichter morgen denkt.«

»Und Sie glauben, der lässt mich frei, weil er mir nicht glaubt?«

»Das nun weniger.«

»Sehen Sie.«

»Frau Bergmann, Sie sind ein schwieriger Fall.«

»Mögen Sie keine schwierigen Fälle?«

»Doch. Ich liebe schwierige Fälle.«

»Na also, dann werden Sie Ihre Freude an mir haben.«

»Da bin ich mir noch nicht so sicher. Aber wir werden sehen.«

»Gut, die Herren. Ich bin müde und möchte dieses Gespräch nun beenden. Ich denke, wir wissen alle, dass der Haftrichter morgen den Haftbefehl verkünden wird, komme was wolle. Als Richterwitwe bin ich ja auch nicht auf der Brennsuppe daher geschwommen.«

Dr. Bier und Alwin erhoben sich.

»Nun gut«, meinte Dr. Bier. »Sie kennen das Prozedere wahrscheinlich. Morgen werden Sie dem Haftrichter vorgeführt. Ich werde dabei sein. Herr Eichhorn wird sich derweil darum kümmern, dass wir möglichst schnell die Ermittlungsergebnisse der Polizei einsehen können. Vielleicht findet sich da ja noch etwas, das wir für Sie ins Feld führen können. Nichts desto trotz wird der Haftrichter vermutlich morgen den Haftbefehl gegen Sie verkünden, dann kommen Sie in die Justizvollzugsanstalt Stadelheim in Untersuchungshaft. Wir beantragen daraufhin eine mündliche Haftprüfung, die in etwa zwei Wochen stattfinden wird. Die wird auch nichts bringen, wenn Sie bei Ihrem Geständnis bleiben. Aber zumindest können wir uns bis dahin eine Strategie zurecht legen. Haben Sie das alles verstanden?«

»Natürlich, Herr Dr. Bier. Ich bin ja nicht blöd.«

Bier und Alwin wandten sich zum Gehen. An der Tür drehte Alwin sich noch einmal um. »Eins noch, Frau Bergmann. Wie viel Geld haben Sie Klaus denn bezahlt für den Mord an Ihrem Mann?«

»Fünftausend Euro«, antwortete Thea prompt.

»Haben Sie die von Ihrem Konto abgehoben?«

»Nein, bemühen Sie sich nicht, das zu überprüfen. Ich hatte die Scheine bar zu Hause liegen.«

»Dacht ich’s doch. Haben Sie immer so viel Bargeld zu Hause?«

»Ein Notgroschen.«

»Guter Notgroschen. Bis die Tage, Frau Bergmann.«


Nachdem sie die Zelle verlassen hatten, klopfte Dr. Bier Alwin anerkennend auf die Schulter. »Na also, Herr Kollege«, brummte er. »Klappt doch wieder mit der Leidenschaft. In dem Fall will ich Sie mit dabei haben, von Anfang an.«

»Ich werde Verena gleich wegen der Beantragung der Akteneinsicht anrufen. Sie soll das schon mal rausschicken. Herr Schimmel kann es ja in Vertretung für mich unterschreiben. Ich versuche derweil, bei der Polizei direkt vor Ort etwas herauszubekommen. Vielleicht sagen die mir ja schon was.«

»Glaube ich eher nicht, aber versuchen Sie Ihr Glück ruhig. Die Haftbefehlsverkündung morgen mache ich. Ist zwar reine Routine, aber bei einer Mandantin wie Thea Bergmann kann man das schon mal zur Chefsache machen.«

»Meine ich auch.«

»Servus, Alwin«, vernahmen sie plötzlich eine vertraute Stimme. Erwin Kern kam ihnen auf dem Flur entgegen, einen Kaffeebecher in der Hand.

»Ja, Erwin, servus!«, rief Alwin freudig aus. »Was machst du denn hier?«

»Der Karli und i sind in dem Fall mit drin«, meinte Erwin. »Und du bist auch dabei, hab’s scho gehört.«

»Mensch, bist du grad frei?«, fragte Alwin. »Dann könnten wir doch wieder mal ein Bier trinken gehen und ein bisschen quatschen.«

»Kein Problem, i hol bloß schnell mei Tasch’n.«

Als Erwin ging, drehte sich Alwin wieder zu Bier um. »Sie haben doch nichts dagegen, oder?«

»Mitnichten«, meinte Bier. »Vielleicht kriegen Sie ja ein bisschen was raus.«

KAPITEL 12


»Jetzt erzähl mal«, meinte Alwin, nachdem er in der nahe liegenden Kneipe den ersten Schluck von seinem Hellen genommen hatte. »Wie ist es dir die letzte Zeit so ergangen?«

»Ach, der übliche Mist. Der Karli war auch scho ganz frustriert. Aber über den Fall kömma uns wirklich net beschwer’n. Endlich mal wieder a Mordfall, des is doch was!«

»Ja, das hab ich mir heute auch gedacht. Endlich mal wieder ein Mordfall. Aber was ist denn mit deiner Stirn passiert?«

»Kleiner Unfall am Tatort. Hab an Zweig ins G’sicht kriegt, vom Karli, weil er net aufgepasst hat.«

»Oje. Na ja, so ein Polizeibeamter lebt halt gefährlich.«

»Und du, was hältst von deiner Mandantin?«

»Darf ich dir nicht sagen, Erwin. Weißt du doch.«

»Weiß scho. Anwaltsgeheimnis.«

»Und du? Was hältst du von meiner Mandantin?«

»Ebenso, Alwin. Ermittlungsgeheimnis.«

»Schon klar. Warum haben die euch beide dazu geholt?«

»Wir ham ja den Richter Bergmann persönlich gekannt. Deswegen hat uns ja der Loderer haben woll’n.«

»Aber viel habt ihr ja jetzt nicht zu tun, oder? Mit einem so frühen Geständnis?«

»Ach, da kummt scho no was.«

»Also glaubt ihr dem Geständnis unserer Mandantin nicht?«

»Alwin ...«

»Ist ja gut. Aber was soll denn kommen?«

»Na ja, wenn wir erst mal des Jahrbuch analysiert ham ...«

»Welches Jahrbuch?«

»So a Mist, jetzt hab i mi verplappert.«

»Macht doch nichts, Erwin. Sehe ich doch eh in ein paar Tagen in den Akten.«

»Da hast auch wieder recht. Insofern kann i es dir ja eigentlich sagen, oder?«

»Na klar, Erwin«, beruhigte Alwin ihn.

Erwin berichtete Alwin ausführlich, was es mit dem geheimnisvollen Jahrbuch auf sich hatte, sowie von dem Gespräch mit König in seiner Kanzlei.

»Wilhelm König, soso«, meinte Alwin nachdenklich. »Und was glaubt ihr, in dem Jahrbuch noch zu finden?«

»Koa Ahnung. Aber vielleicht spielt des wirklich eine Rolle, dass sich der König und der Bergmann damals um des Mädchen g’stritten ham.«

»Das ist in der Tat ein interessanter Gesichtspunkt. Aber was ist denn mit der Fleissen-Sache? Geht ihr in die Richtung gar nicht?«

»Des is ja des, was den Karli so grantig macht«, meinte Erwin, nunmehr redselig. »Dass der Loderer partout diese Spur net verfolgen will. Net einmal die beiden Beisitzenden Richter lässt er schützen!«

»Sieh an, da ermittelt der Herr Loderer aber reichlich einseitig.«

»Aber net, dass des auf mich zurückfällt, Alwin, gell?«

»Natürlich nicht, Erwin. Von dir weiß ich nichts.«

»Darauf trink ma«, meinte Erwin und hob sein Glas.

Alwin prostete ihm zu.

KAPITEL 13


Nach ein paar Bieren mit Erwin war Alwin etwas betüllert. Trotzdem wollte er unbedingt Miriam noch anrufen, bevor er zurück in die Kanzlei fuhr. Er wollte ihr natürlich ohne Details die gute Nachricht mitteilen, dass er endlich wieder einen Mordfall betreuen durfte. Vermutlich würde Miriam es ohnehin schon wissen. Schließlich wurde nicht jeden Tag ein Vorsitzender Richter ermordet. Er wählte Miriams Nummer auf seinem Handy.

Diese ging sofort ran. »Hey, Alwin«, sagte sie mit einem seltsamen Unterton in ihrer Stimme. »Ich bin grad ein bisschen im Stress. Ist es wichtig?«

»Und ob«, meinte Alwin aufgekratzt. »Ich hab endlich wieder einen Mordfall!«

»Davon hab ich schon gehört. Glückwunsch.«

»Du könnest dich ruhig ein bisschen mehr für mich freuen.«

»Das tu ich ja, aber ...«

»Aber?«, fragte Alwin beunruhigt. Seine ausgelassene Stimmung war mit einem Mal verflogen.

»... aber ich habe auch einen neuen Mordfall.«

»Und?« Alwin begriff immer noch nicht.

»Alwin, ich vertrete die Staatsanwaltschaft bei deinem Mordfall.«

»Ups«, meinte Alwin und schwieg eine Weile. Das war wirklich keine gute Nachricht. Schließlich räusperte er sich: »Das ... das bedeutet wohl, dass wir in nächster Zeit noch vorsichtiger sein müssen und nicht über die Arbeit sprechen dürfen.«

Miriam seufzte am anderen Ende der Leitung. »Alwin, sei nicht dumm. Das bedeutet, dass wir uns eine Weile nicht sehen dürfen.«