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Horst Weymar Hübner

Timetravel #17: Unternehmen Rheingold





BookRix GmbH & Co. KG
80331 München

UNTERNEHMEN RHEINGOLD

TIMETRAVEL - Reisen mit der Zeitkugel

Band 17

von HORST WEYMAR HÜBNER

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 101 Taschenbuchseiten.

 

Der Auftrag:

Am Wahrheitsgehalt alter Sagen wird immer wieder gezweifelt. Erhellen Sie anhand der Nibelungensage, ob Überlieferungen dieser Art freie Dichtungen sind oder ein Körnchen Wahrheit enthalten. Reisen Sie in das Jahr 435 n. Chr. in den Raum Worms und überprüfen Sie, ob sich neben der historisch belegbaren Gestalt des burgundischen Kanzlers Hagen auch andere Personen nachweisen lassen, die im Nibelungenlied namentlich erwähnt sind. Versuchen Sie darüber hinaus festzustellen, was es mit dem Nibelungenhort auf sich hat, diesem ominösen Goldschatz, der im Rhein versenkt worden sein soll.

Konsortium der Sieben

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker.

© by Author / Cover by N.C.Wyeth mit Steve Mayer, 2016

© dieser Ausgabe 2016 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de



Prolog

Am 5. Juli 1984 glückte Professor Hallstrom das fantastische Experiment, winzige Substanzteile zu ent- und zu rematerialisieren. Er errechnete, dass diese Substanzteile im Zustand der Körperlosigkeit mit ungeheurer Geschwindigkeit in der 4. Dimension zu reisen vermochten, also nicht nur durch den Raum, sondern auch in die Vergangenheit und in die Zukunft. Mit seinem Assistenten Frank Jaeger und dem Ingenieur Ben Crocker begann er, diese Entdeckung für die Praxis auszuwerten. Er wollte ein Fahrzeug bauen, das sich und seinen Inhalt entmaterialisieren, dann in ferne Räume und Zeiten reisen, sich dort materialisieren und nach dem gleichen Verfahren wieder an den Ursprungsort und in die Ursprungszeit zurückversetzen konnte. Nach vier Jahren musste der Professor seine Versuche aus Geldmangel einstellen.

Die superreichen Mitglieder vom „Konsortium der Sieben“ in London boten ihm aber die fehlenden Millionen unter der Bedingung an, dass sie über den Einsatz der Erfindung bestimmen könnten. Der Professor erklärte sich einverstanden, konnte weiterarbeiten und vollendete am 3. Mai 1992 sein Werk: Die Zeitkugel. Seit diesem Tag reisen der Professor, sein Assistent und der Ingenieur im Auftrag des „Konsortiums der Sieben“ durch die 4. Dimension. Dieser Roman erzählt die Geschichte der Ausführung eines derartigen Auftrags.


1

Mit Erschrecken registrierten sie gleichzeitig zwei Dinge - einmal den tosenden Kampflärm ganz in der Nähe, das Krachen von Eisen auf Eisen, jämmerliche Schreie Verletzter und zwei schrille Todesschreie, das Bersten von Holz, aufgeregtes Pferdegewieher, dumpfes, unregelmäßiges Hufgestampfe und urige Kampfschreie.

Und zum anderen die bedrückende Tatsache, dass sie mitten in einem germanischen Heiligtum gelandet sein mussten. Es konnte auch eine Heldenverehrungsstätte sein.

Professor Hallstrom blickte gehetzt die schmale Schlucht entlang, die sich auf den Donnersberg hinaufzog. Wasser kam herunter, klares plätscherndes Wasser, das unter einer mächtigen Felsbarriere herfloss, die sich etwa zweihundert Schritte entfernt auftürmte und die Schlucht nach oben abschloss.

Die Barriere war unüberwindlich, die bemoosten Felshänge rechts und links waren glitschig und unbesteigbar.

Talwärts, im düsteren Dämmer des Waldes, tobte ein Kampf, der sich jetzt die Schlucht heraufzuziehen schien.

Hallstroms Nasenflügel zitterten. Er erkannte, dass sie festsaßen. Mitten auf diesem verdammten Platz, mit der Felswand im Rücken und dem Loch darin, aus dem Modergeruch wehte.

Und mit den Pferdeschädeln, die an diesem Platz aufgestellt waren. Viele steckten noch auf Pfählen. Einige waren heruntergefallen.

Neben der Höhle, die in Kopfhöhe begann, war rostiges Kriegsgerät an Felszacken aufgehängt. Oder es lag am Boden, vom Zahn der Zeit schon zu sehr angenagt.

Ben Crocker spähte die Schlucht hinab, wo wieder ein Todesschrei aus dem grünen Dämmer des Waldes gellte. Die Schlucht verbreiterte sich dort und endete unmittelbar an den Bäumen.

Raben kreisten über der Schlucht, hockten sich in Baumwipfel, um sofort wieder aufzufliegen.

Frank Jaeger, dritter Mann des Zeitkugel-Teams, sah noch keine unmittelbare Bedrohung und musterte den Platz, an dem sie Minuten zuvor gelandet waren.

Die gebleichten Pferdeschädel beeindruckten ihn nicht, sie befremdeten ihn nur. Eine Stätte, an der den Göttern Pferdeopfer gebracht wurden?, überlegte er.

Dann entdeckte er dicht unter der Felswand die flachen Steinhügel, gerade so groß, dass ein Mensch darunter liegen konnte, aber niemals ein Pferd.

Es waren schlichte Hügel, aus ein paar zusammengetragenen Steinen errichtet.

Also wohl doch ein Ort, an dem Helden bestattet waren und denen man die Waffen übers Grab gehängt hatte.

Frank Jaeger betrachtete diese Waffen genauer. Er sah verrostete Schwerter, zerhauene Rund- und Langschilde, verrottete Speere, eine zweischneidige Axt mit geschwungenen Klingen, Brustharnische, die ihn irgendwie an römische Brustpanzer erinnerten und die getriebene Verzierungen besaßen, und Helme.

Aber was für Helme! Ganze und eingebeulte, verrostete und regelrecht gespaltene. Manche besaßen einen vorspringenden Nasenschutz, zwei hatten aufragende Spitzen und sahen wie Hunnenhelme aus. Einige waren mit ausgebleichten Hörnern verziert, andere mit Vogelschwingen, die vermodert waren und traurig herabhingen.

„Was meinen Sie dazu?“, fragte Hallstrom unvermittelt.

Ben Crocker ruckte hoch. „Dass wir in ein paar Minuten spätestens ganz dick in der Tinte sitzen“, erklärte er trocken. „Von einer erholsamen Expedition, wie Sie vorhin noch formulierten, kann keine Rede sein.“

Etwas unwirsch winkte Hallstrom ab und zeigte auf die ramponierten Kriegsgerätschaften. „Das hier meine ich.“

Ben hob die Schultern. „Bestenfalls noch für den Schmelzofen geeignet.“ Dann keimte in ihm furchtbarer Verdacht, und beunruhigt fragte er: „Sie wollen mir doch hoffentlich nicht zumuten, diese Museumsstücke anzuziehen?“

„In der Not frisst der Teufel bekanntlich auch Fliegen, und so ein alter Helm ist noch ein ganzes Stück besser als unsere Kopfhaube“, sagte Frank hastig. Der Kampflärm klang schon wieder näher. „Unsere Kombinationen dürften kaum stabil genug sein, um einen anständigen Schwertstreich auszuhalten.“

Hallstrom schickte einen anklagenden Blick zum wolkenverhangenen Morgenhimmel über der Schlucht hinauf. „So missverständlich dürfte ich mich kaum ausgedrückt haben. Ich wollte Ihre geschätzte Meinung zu dieser höchst bemerkenswerten Waffensammlung hören.“

Ben lachte glucksend. „Das ist mir aber neu, dass Sie unsere Ansicht schätzen!“

Frank Jaeger grinste hintergründig. „Ben, vielleicht ist unsere Meinung deshalb gefragt, weil wir ihm gleich Ungemach vom Leib halten sollen. Was denkst du?“

„Dasselbe.“ Ben blickte Hallstrom an, der vor Entrüstung ganz blass um die Nase wurde.

„Eine böswillige Unterstellung!“, schnaubte er. „Ich kann mich meiner Haut selbst wehren, wenn das erforderlich wird.“ Er reckte sich stolz, sah aber keineswegs heldenhaft aus. „Ich wollte Ihren unterentwickelten Sinn für fremdes Kulturgut beleben. Schauen Sie sich die Kriegsgeräte an. Hier dürften zwei Jahrhunderte Waffenschmiedekunst vereint sein. Dort sind noch römische Brustharnische zu sehen, hier alemannische Rundschilde und burgundische Brünnen. Diese Helme mit dem Nasenschutz sind Kennzeichen der Goten, jene dort mit den mörderischen Spitzen sind hunnischen Ursprungs, die Langschilde und die gehörnten Helme möchte ich gar den Sueben zuordnen.“

Er verstummte und blickte beifallheischend auf seine beiden Begleiter.

„Ein schönes Durcheinander, aber es könnte stimmen, was Sie sagen“, erklärte Frank. Etwas Bewunderung schwang in seiner Stimme mit. „Immerhin ist die sogenannte Völkerwanderung in vollem Gange.“

„Ja“, ereiferte sich Hallstrom. „Da und dort kommt es zu Reichsgründungen der verschiedenen Stämme, die einmal vom Hunnensturm aus ihren angestammten Siedlungsgebieten im Osten vertrieben wurden und die andererseits von den Römern als willkommene Hilfsvölker angesiedelt werden. Dieser Berg hier muss durchziehende Volksstämme geradezu anziehen. Sie opfern noch ihren alten Göttern, haben andererseits aber schon Kontakt mit dem sich langsam ausbreitenden Christentum.

„Dann hoffe ich nur, dass die Burschen da unten auch schon was von christlicher Nächstenliebe vernommen haben“, ließ sich Ben vernehmen. „Sie kommen nämlich, und verdammt will ich sein, wenn die wie fromme Pilger aussehen!“

„Was?“ Hallstrom warf den Kopf herum. Bens Worte hatten ihn jäh aus dem siebten Wissenschaftlerhimmel gerissen.

Frank Jaeger rückte unentschlossen am Gürtel seiner silberfarbenen Kombination herum. Einen Augenblick lang erwog er, sich mit Hallstrom und Ben in die Höhle zurückzuziehen, um nicht in eine Auseinandersetzung gezogen zu werden, die sie nicht betraf.

Dann sah er, dass es hierfür bereits zu spät war.

Die Kämpfenden waren aus dem Wald hervorgebrochen, das Getümmel näherte sich der steinübersäten Mündung der Schlucht, und der Lärm schlug ungehemmt herauf.

Fromme Pilger waren das wahrlich nicht.

Sie boten ein farbenprächtiges, aber höchst gefährliches Bild. Ein größerer Trupp Bewaffneter kämpfte zu Pferd. Er mochte zwölf, dreizehn Mann stark sein. Und er drosch mit Schwertern und zweischneidigen Äxten auf eine köpfemäßig schwächere Fußgruppe ein, die sich nur mit Mühe gegen die hageldicht fallenden Hiebe wehren konnte und sich langsam schluchtaufwärts zurückzog.

Die Fuß- und Pferdkämpfer und die struppigen Rosse waren bespritzt mit Blut. Dampf stieg in der morgendlichen Kühle von den schwitzenden Leibern der Pferde und Männer auf.

Funken sprangen aus Schwertklingen und Schildrändern, wenn sie aufeinandertrafen.

Ein Berittener schlug mit der Axt einem Gegner den Schwertarm ab. Hand und Waffe flogen zwischen die Steine.

Der Mann brüllte auf, schwang mit der linken Hand den zerhauenen Rundschild herum und drosch ihn dem Pferd seines Gegners auf den Kopf, während das Blut aus seinem Armstumpf spritzte.

Das Ross knickte ein, der Reiter im Sattel wankte. Im nächsten Moment traf ihn mit gewaltigem Schwung der Rundschild und fegte ihn vollends vom Pferd.

Wirbelnd flog die bluttriefende Axt in die Luft und landete irgendwo im Geröll.

Wie im Blutrausch stürzte sich der Verletzte auf den am Boden liegenden Pferdkämpfer, hob den Rundschild und schlug mit dem scharfen Rand wie besessen auf seinen Mann ein.

Frank würgte, als er sah, dass der Helm davonkollerte und dass im Helm der Kopf steckte.

Der Sieger sprang auf, hob den bluttriefenden Schild und fing einen Schwerthieb ab, der ihn sicher durchtrennt hätte. Der Schild dröhnte unter dem Hieb.

Dann zog sich der Mann zurück zu seinen Leuten, die sich schon weiter die Schlucht hinauf abgesetzt hatten. Er torkelte plötzlich, wohl vom Blutverlust geschwächt, und hockte sich auf einen Stein.

Sofort war ein Reiter bei ihm, ein Schwert pfiff durch die Luft, es knallte blechern. Der Mann mit dem Armstumpf fiel einfach vom Stein.

Als er auf den Boden rollte, sahen Hallstrom, Ben und Frank, dass Helm und Schädel bis zur Schulter herunter gespalten waren.

Das Entsetzen packte die Zeitreisenden.

„Mann, mir wird flau“, sagte Frank keuchend.

„Reiß dich zusammen, Mensch!“, raunzte Ben ihn an. „Gleich geht's uns an den Kragen, da brauchen wir jede Hand. Die gucken schon so komisch herauf!“

In der Tat, der Kampf war plötzlich unterbrochen, und die Zeitreisenden erkannten, dass die beiden feindlichen Gruppen die Schlucht heraufstarrten.

Jemand rief etwas.

Hallstrom schaltete seinen Translator ein.

Zu spät! Es kam kein Ruf mehr.

Dafür rotteten sich die Reiter und die Fußgruppe einträchtig zusammen, als hätten sie sich nicht bis eben noch bestialisch bekämpft, und rückten gemeinsam gegen die drei Fremden vor.

Frank schaltete ebenfalls sein Übersetzungsgerät ein und beugte sich vor, als wollte er lauschen.

Er vernahm nur Murmeln, Hufgestampfe und Waffengeklirr. Und nach einer Weile etwas, das wie „Hattila!“ klang.

Eisiger Schreck fuhr ihm in die Knochen.

Das da unten waren keine Hunnen. Den Helmen nach waren die Pferdeleute Burgunder und die Fußkämpfer Sueben oder Alemannen. Und sie schienen die drei seltsam gekleideten Fremden vor der Felswand für Hunnen oder zumindest für Leute zu halten, die den zahlreichen Hilfsvölkern des Attila angehörten.

Kein Wunder, dass die Burschen sofort ihren blutigen Zwist abbrachen, hatte Attila mit seinen Heerscharen doch ihre Völker unaufhörlich nach Westen getrieben. Und selbst hier schienen schon vereinzelt Hunnenhorden aufgetaucht zu sein, westlich des Rheins.

Jetzt glaubten die Kämpfer, sich an drei vermeintlichen Hunnen reiben zu können.

Es sah gar nicht gut aus, was da auf sie zukam, fand Frank.

Ob Alemanne, Suebe oder Burgunder, er war nicht bereit, sich vom einem den Schädel spalten zu lassen.

Ben Crocker hatte die Arme etwas angewinkelt. Er wirkte mit den leicht hochgezogenen Schultern wie ein sprungbereites Tier. Seine Haltung beunruhigte den Professor ebenso wie der Aufmarsch der blutbespritzten Recken.

„Keine Voreiligkeiten, Ben!“, sagte er flach. „Reizen Sie die Leute nicht! Kommen Sie an die Felswand zurück!“

Ohne den Kopf zu wenden knurrte Ben: „Bilden Sie sich noch immer ein, dass an der Nibelungensage ein Körnchen Wahrheit sein könnte? Da ist von stolzen Rittern die Rede. Ich sehe da unten aber nur blutrünstige Germanen, die uns in Stücke hauen wollen. Einen ordentlichen Zweikampf mit den Fäusten würde ich mir gefallen lassen.“

„Kommen Sie endlich!“, drängte Hallstrom nervös. Er stand schon an der Felswand.

Frank folgte seinem Beispiel, nur Ben rührte sich nicht. „Der Platz hier ist eine Mausefalle“, schimpfte er. „He, Frank, was meinst du, sind wir der Teufel, oder sind wir die Fliegen, die von ihm gefressen werden?“

Von Frank kam keine Antwort. Von Hallstrom auch nicht.

Ben gewahrte mit wachsendem Unbehagen einen zweiten Trupp Berittener, der unten aus dem Wald kam und zur Schlucht her einschwenkte. Die Reiter stutzten beim Anblick der veränderten Lage.

Ein scharfer Ruf tönte herauf. Die Reiter trieben ihre Pferde an. Sie kamen.

Was Ben überhaupt nicht erfreute, war der Umstand, dass diese plötzlich aufgetauchten Kampfreserven Speere bei sich hatten.

Wenn die alten Heldenlieder und Sagen nicht gänzlich erstunken und erlogen waren, dann mussten die Krieger dieser Zeit höllisch gute Speerwerfer gewesen sein, die ihre Waffen über beträchtliche Entfernungen schleuderten und zu treffen verstanden.