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Über den Roman

Joe Spork, meisterhafter Uhrmacher und Sohn der Londoner Gangsterlegende Mathew »Tommy Gun« Spork, führt ein ruhiges Leben weit weg vom kriminellen Erbe seines Vaters. Edie Banister, neunzigjährige Spezialagentin im Ruhestand, führt ebenfalls ein ruhiges Leben und verabscheut jede Sekunde davon. Doch dann setzt Joe eine Weltuntergangsmaschine in Gang, und ihre Wege kreuzen sich. Plötzlich müssen sie sich gegen zwielichtige Regierungsvertreter, wenig fromme Mönche und einen diabolischen asiatischen Diktator verbünden. Schon bald wird klar: Um die drohende Katastrophe abzuwenden, muss Edie eine alte Rechnung begleichen. Und Joe sich seiner Vergangenheit stellen…

Über den Autor

Nick Harkaway, 1972 in Cornwall geboren, studierte Philosophie, Soziologie und Politikwissenschaft und hat bereits als Drehbuchautor, Blogger und Werbetexter gearbeitet. »Der goldene Schwarm« wurde ebenso wie Harkaways Debüt »Die gelöschte Welt« von der Presse gefeiert und vielfach ausgezeichnet (2012 Oxfam Emerging Writer Prize im Rahmen des Hay Festivals, Shortlist für den Arthur C. Clarke Award und den LA Times Book Prize). Der zweifache Vater lebt mit seiner Familie in London.


Mit Leseprobe aus Nick Harkaways Roman »Tigerman«!

Nick Harkaway

Der goldene Schwarm

Aus dem Englischen
von André Mumot

Knaus

Die Originalausgabe erschien 2012 unter dem Titel
»Angelmaker« bei William Heinemann.

1. Auflage
Copyright © der Originalausgabe Nick Harkaway 2012
Copyright © der deutschsprachigen Ausgabe 2014
beim Albrecht Knaus Verlag, München,
in der Verlagsgruppe Random House GmbH
Umschlaggestaltung: bürosüd nach einer Vorlage von Glenn O’Neill
Covergestaltung: bürosüd nach einer Vorlage von Glenn O’Neill unter Verwendung von Motiven von Richard Stringer (Bienen), Superstock und Getty Images
Satz: Uhl + Massopust, Aalen
ISBN 978-3-641-12414-4

www.knaus-verlag.de

Für Clare,

wie alles andere auch

Der Gangster ist der Mann der Großstadt,

teilt ihre Sprache und ihr Wissen,

ihr krummes, ihr unehrliches Geschick

und ihren schrecklichen Wagemut,

trägt sein Leben vor sich her wie einen Aushang,

wie einen Schlagstock in der Hand.

Robert Warshow

I

Die Socken der Väter;
Auf der Rangliste der Säugetiere;
Besuch bei einer alten Dame

Da morgens um Viertel nach sieben die Temperatur in seinem Schlafzimmer noch unter Weltraumniveau liegt, hat Joshua Joseph Spork einen langen Ledermantel und ein Paar der Golfsocken seines Vaters angezogen. Eigentlich ist Papa Spork gar kein wahrer Golfer gewesen. Wahre Golfer besorgen sich ihre Socken nicht, indem sie einen Lastwagen auf dem Weg nach St Andrews überfallen. So was gehört sich einfach nicht. Golf huldigt der Geduld. Socken kommen und Socken gehen, und der weise Golfer wartet ab, bis er das Paar entdeckt, das ihm zusagt, und kauft es dann ohne viel Getue. Stattdessen einem vierschrötigen Lastwagenfahrer aus Glasgow eine Maschinenpistole ins Gesicht zu halten und ihm zu sagen, er solle sein Führerhaus verlassen oder in ihm das Zeitliche segnen … nun ja. Ein Mann, der sich so verhält, wird nie ein Handicap unter zehn zustande bringen.

Die zweitausend Paar Socken waren Teil des Inventars einer angemieteten Garage an der Brick Lane, das Joe geerbt hat, als sein Vater zum großen Himmelsbunker abberufen wurde; eine eigentümliche, zusammengewürfelte Sammlung, dem exzentrischen kriminellen Lebensstil von Papa Spork sehr angemessen. Nachdem er die vorgefundene Beute weitgehend zurückgegeben hatte, blieben Joe nur einige Koffer mit persönlichen Habseligkeiten: Familienbibeln, Fotoalben und einiger Ramsch, den sein Vater offenbar seinem eigenen Vater gestohlen hatte, sowie einige Sockenpaare – der Vorsitzende des St Andrews Golf Club hatte vorgeschlagen, er möge sie doch als Andenken behalten.

»Ich kann mir denken, dass das für Sie nicht einfach gewesen ist«, sagte der Vorsitzende am Telefon. »Alte Wunden und so weiter.«

»Eigentlich ist mir das alles nur peinlich.«

»Lieber Himmel, warum? Das mit den Sünden der Väter und den Söhnen ist ja schon schlimm genug, da muss es einem nicht auch noch peinlich sein. Mein Vater war beim Bomberkommando. Hat die Bombardierung von Dresden mitgeplant. Können Sie sich das vorstellen? Socken zu klauen ist da doch vergleichsweise menschenfreundlich, oder?«

»Ich nehm’s an.«

»Die Sache mit Dresden war natürlich während des Krieges, also vermute ich mal, dass man die Aktion damals für unumgänglich gehalten hat. Mächtig heldenhaft, kein Zweifel. Aber ich habe Fotos gesehen. Sie auch?«

»Nein.«

»Lassen Sie’s lieber, man wird die Bilder nicht mehr los. Aber wenn sie Ihnen aus irgendwelchen unseligen Gründen doch einmal unter die Augen kommen sollten, fühlen Sie sich vielleicht besser, wenn Sie dabei grässliche Rautenmustersocken tragen. Ich schicke Ihnen welche. Wenn es Ihre Schuldgefühle mildert, suche ich die absolut scheußlichsten aus.«

»Oh, ja, na gut. Danke Ihnen.«

»Ich fliege selbst, wissen Sie. Sportflugzeuge. Früher habe ich es geliebt, aber in letzter Zeit sehe ich immer Brandbomben fallen – ich kann nichts dagegen tun. Also habe ich es mehr oder weniger an den Nagel gehängt. Eigentlich eine echte Schande.«

»Ja, das stimmt.«

»Ich werde Ihnen die Socken im Chartreuseton schicken. Es würde mir eigentlich gefallen, selbst so ein Paar anzuziehen, wenn ich den alten Scheißkerl das nächste Mal oben auf dem Hawley-Friedhof besuche. ›Schau her, du fürchterliches altes Schwein‹, werde ich zu ihm sagen, ›während du dir selbst eingeredet hast, dass es absolut lebensnotwendig ist, dass wir eine ganze Stadt voller Zivilisten opfern, haben sich die Väter von anderen Leuten damit begnügt, hässliche Socken zu klauen.‹ Das sollte ihm ordentlich eins versetzen, oder?«

»Ich nehm’s an.«

An Joes Füßen finden sich nun also die Früchte jenes eigentümlichen Austauschs und bilden ein willkommenes Polster zwischen seinen unpedikürten Fußsohlen und dem eiskalten Boden.

Der Ledermantel wiederum dient dem Schutz gegen Angriffe. Joe besitzt durchaus einen Morgenrock oder, besser gesagt, einen Frotteebademantel. In dem hat man es zwar gemütlicher, ist aber auch verletzlicher.

Joe Spork bewohnt die Lagerräume über seiner Werkstatt – der Werkstatt seines verstorbenen Großvaters – in einem schäbigen, stillen Teil Londons, unten am Fluss. Der Spielmannszug des Fortschritts ist an seinem Häuserblock vorübermarschiert, da die Aussicht grau und versperrt ist und es stark nach Flussufer riecht. So gehört ihm das gesamte riesige Gebäude theoretisch allein, obgleich es sich, leider, genau genommen im Besitz von Banken und einigen Gläubigern befindet. Mathew – dies war der Name seines beklagenswerten Vaters – hatte eine entspannte Haltung gegenüber Schulden an den Tag gelegt; Nachschub an Geld konnte man sich schließlich stets auf räuberische Weise beschaffen.

Apropos Schulden: Manchmal – wenn Joe über die Höhen und Tiefen seines Lebens als Erbe des Verbrechens nachgrübelt – fragt er sich, ob Mathew je einen Menschen umgebracht hat. Oder – ja, warum nicht? – womöglich eine Vielzahl von Menschen. Gangster neigen schließlich dazu, sich auf recht blutige Weise miteinander zu streiten, und das Ergebnis dieser Diskussionen sind oft Leichen, die wie nasse Laken über Barhockern oder Autolenkrädern hängen. Gibt es irgendwo einen geheimen Friedhof oder eine Schweinefarm, auf der die Opfer der unbeschwerten Amoralität seines Vaters ihrer letzten Ruhe überlassen sind? Und wenn ja, welche Haftbarkeit erbt sein Sohn in dieser Angelegenheit?

Im Hier und Jetzt wird das Erdgeschoss von Joes Werkstatt und dem Laden eingenommen. Der Ladenraum ist hoch und geheimnisvoll, gefüllt mit Gegenständen unter Staublaken und anderen, die, um dem Holzwurm die Stirn zu bieten, in dickes schwarzes Plastik verpackt und in der äußersten Ecke an die Wand geschoben wurden. Zurzeit handelt es sich bei diesen Objekten hauptsächlich um ein paar Holzböcke oder Bänke, die so aufgestellt wurden, dass sie vielversprechend aussehen, wenn Kunden vorbeikommen. Es gibt jedoch auch noch ein paar Originale – Chronometer, Spieluhren und das Beste: handgefertigte mechanische Automaten, bemalt, geschnitzt und gegossen zu einer Zeit, als ein Computer noch ein Mann war, der zählen konnte, ohne seine Finger zu Hilfe nehmen zu müssen.

Hier drinnen lässt es sich unmöglich ignorieren, wo sich das Lagerhaus befindet. Der Geruch des alten London dringt flüsternd durch die feuchten Regale des Ladenraums und trägt Spuren des Flusses mit sich, doch dank geschickter Baukonstruktion und alterndem Holz ist er nie unangenehm. Das Licht aus den Fensterschlitzen, die hoch über dem Fußboden zur Sicherheit mit Drahtglasscheiben versehen sind, fällt in diesem Augenblick auf nicht weniger als fünf Standuhren aus Edinburgh, zwei Pianolas und ein bemerkenswertes Objekt, bei dem es sich entweder um ein mechanisches Schaukelpferd handelt oder um etwas noch weitaus Gewagteres, für das Joe wohl recht freizügige Kundschaft finden muss. Diese Glanzstücke sind von weniger bedeutsamen Allerweltsartikeln umgeben: Handkurbeltelefone, Grammophone und Kuriositäten. Und dort, auf einem Sockel, steht die Todesuhr.

Sie ist eigentlich nur ein Stück viktorianischer Plunder. Ein schauerliches Skelett in einer Kutte steuert seinen Streitwagen von rechts nach links, sodass es für den Betrachter, der es gewohnt ist, von links nach rechts zu lesen, so aussehen muss, als käme der Wagen direkt auf ihn zu. Die Gestalt hat ihre Sense bequem über den Rücken gelegt, um problemlos ihrem Schnitterhandwerk nachgehen zu können, und ein dürres Ross mit bösem Gesichtsausdruck zieht das Gefährt voran, immer voran. Das nach vorn zeigende Rad bildet eine schwarze Uhr mit schlanken Knochenzeigern. Sie schlägt keine Stunden; die Botschaft soll womöglich sein, dass die Zeit zwar lautlos vergeht, aber doch vergeht. Joes Großvater wies in seinem Testament seinen Erben an, sich mit »besonderer Sorgfalt« um die Todesuhr zu kümmern. Der Mechanismus ist sehr raffiniert, angetrieben von Luftdruckschwankungen; aber als kleiner Junge hat Joe eine furchtbare Angst vor ihr gehabt, und auch als junger Mann hat er mit ihrem unabänderlichen, morbiden Versprechen nichts zu tun haben wollen. Selbst heute, da die dreißig nur noch in seinem Rückspiegel sichtbar ist und ihm von der nächsten Straßenecke aus bereits die vierzig düster entgegenblickt; nun, da seine Haut von den Lötverbrennungen und den Schnitten und Schürfungen ein wenig langsamer heilt als früher und sein Bauch weniger Waschbrett ist als eine gemütliche, wenn auch solide Bank, vermeidet es Joe, sie anzusehen.

Die Todesuhr bewacht zudem sein einziges beschämendes Geheimnis, ein unbedeutendes Zugeständnis an die Vergangenheit und die finanziellen Zwänge des Lebens. In den tiefsten Schatten des Lagerhauses, vor dem undichten Teil der Wand und bedeckt von schäbigen Staublaken, stehen sechs alte Spielautomaten – echte einarmige Banditen –, die er für einen alten Bekannten namens Jorge aufarbeitet. Jorge (»Hooorrr-geh! Leidenschaftlich wie Pasternak!«, wie er neuen Bekanntschaften mitteilt) unterhält eine Reihe von Spelunken, in denen Glücksspiel und andere Laster als Hauptattraktionen angeboten werden. Joes Aufgabe ist es, diese Traditionsmaschinen – die statt bloßen Pennys nun Gutscheine für hohe Geldbeträge und intime Dienstleistungen ausgeben – zu warten und sie systematisch dahingehend zu manipulieren, dass sie nur ganz selten oder auf Jorges persönliche Anordnung hin einen Gewinn ausspucken. Dieser Preis für das Überleben im Uhrmachergeschäft ist ein akzeptabler Kompromiss.

Das darüber gelegene Stockwerk – der Wohnbereich, in dem Joe ein Bett aufgestellt hat sowie einige alte Holzschränke, die groß genug sind, um ein Kriegsschiff zu verbergen – ist ein wunderschöner Ort. Breite, bogenförmige Fenster öffnen sich auf der einen Seite zum Fluss und auf der anderen zu einer urbanen Landschaft aus Geschäften und Märkten, Hinterhofbüros, Garagen und einem widerlichen Fleckchen grüngrauen Grases, das von einer unanfechtbaren Stadtverordnung geschützt wird und das man daher an Ort und Stelle verfaulen lassen muss.

All das ist schön und gut, aber vor Kurzem hat sich das Lagerhaus ein ernsthaftes Ärgernis zugezogen: eine Katze. Seit einiger Zeit liegt an einer Anlegestelle gut zweihundert Meter entfernt ein Hausboot, auf dem eine sehr reizende, sehr arme Familie namens Watson lebt. Griff und Abbie sind ein Paar leicht paranoider Anarchisten, das aus Gewissensgründen zutiefst allergisch auf Papierkram und jede Form von Beschäftigungsverhältnis reagiert. Beide zeichnet eine merkwürdige Courage aus: Sie glauben an eine beängstigende Realität hinter der offiziellen Politik und kämpfen tapfer gegen sie an. Joe ist sich nie ganz sicher, ob sie verrückt sind oder nur auf erschreckende und kompromisslose Weise unfähig, sich selbst etwas vorzumachen.

So oder so, alle Uhrwerkspielzeuge, die er übrig hat, schenkt er den Watsons, und um sicherzugehen, dass sie noch am Leben sind, isst er immer mal wieder mit ihnen zu Abend. Sie teilen dafür das Gemüse aus ihrem kleinen Schrebergarten mit ihm und haben ein Auge auf das Lagerhaus, wenn er übers Wochenende nicht da ist. Von der Katze (für Joe ist sie schlicht »der Parasit«) waren sie vor einigen Monaten adoptiert worden. Anschließend hatte sie das Hausboot mit einer Mischung aus politischem und emotionalem Druck regiert, was sich darin äußerte, dass die Watson-Kinder ganz begeistert von ihr waren, während die psychotische Einstellung des Parasiten gegenüber der Nagetierpopulation wiederum Mr und Mrs W. entgegenkam. Leider hat der Parasit jedoch inzwischen Joes Lagerhaus zu seinem neuen Heim erkoren, vorausgesetzt, dass es ihm gelingt, den derzeitigen Bewohner, von dem er nichts hält, zum Auszug zu zwingen.

Joe schaut in das Stück polierten Messings, das er als Rasierspiegel nutzt. Er hat es hier gefunden, als er den Besitz übernahm, eine vernietete Platte, die aus irgendeinem größeren Teil stammt, und er mag ihre Wärme. Glasspiegel sind grün und lassen einen krank und traurig aussehen. Er möchte nicht derjenige sein, der ihm aus einem Glasspiegel entgegenblickt. Stattdessen sieht er nun diesen freundlichen, warmherzigen Kerl, ein wenig ungepflegt, aber, wenn schon nicht wohlhabend, so doch zumindest gesund und recht klug.

Joe ist ein stämmiger Mann mit breiten Schultern und Hüften. Seine Knochen sind schwer. Er hat ein prägnantes Gesicht, und sein Schädel zeichnet sich deutlich unter der Haut ab. Anders als Papa Spork, der über die Gene seines Vaters verfügte und wie ein Flamencotänzer aussah, ist Joe auf höchst ungerechte Weise von der Natur so gestaltet worden, dass er wie ein Türsteher einer miesen Kneipe wirkt. Bei ihm kommt die mütterliche Seite durch: Harriet Spork ist ein gedrungenes Geschöpf, was allerdings mehr mit Frömmigkeit und ballaststoffreicher Ernährung zu tun hat als mit genetischer Veranlagung. Ihre Knochen sind die Knochen eines Schlachthofarbeiters aus Cumbria und seiner Frau, einer Bäuerin aus Dorset. Die Natur hatte, als sie Harriet erschuf, wohl ein Leben der Plackerei für sie vorgesehen, umgeben von einer Brut sonnengebräunter Gören. Stattdessen entschloss sie sich dazu, Sängerin und, vor Kurzem, Nonne zu werden.

Im Lagerhaus macht sich eine erwartungsvolle Stille breit. Eine Jagdstille: Der Parasit, der beinahe augenblicklich, nachdem er sich vorgestellt hatte, zur Kriegserklärung übergegangen war, dringt jeden Morgen durch das Fenster ein, das Joe zu Lüftungszwecken einen Spaltbreit offen lässt, und klettert auf den weißen Zierrahmen der Küchentür, auf dem er dann balanciert. Wenn Joe darunter durchgeht, lässt sich der Parasit auf seine Schultern fallen, fährt die Krallen aus und gleitet ihm, in dem Versuch, ihn wie einen Apfel zu schälen, den Rücken hinunter. Da Joe, als dies zum ersten Mal passierte, nur ein Pyjamaoberteil trug, weist leider nicht nur der Ledermantel, sondern auch die Haut darunter Narben auf.

Heute, da er den morgendlichen Guerillakrieg so langsam satthat – und in Anbetracht der Möglichkeit, dass er, auch wenn er zurzeit Single ist, ja eines Tages eine Frau hierher mitbringen könnte und sie wohl etwas dagegen hätte, von einem zornigen Katzentier massakriert zu werden, wenn sie gerade davontänzelt, um einen Tee aufzusetzen –, heute also hat sich Joe dazu entschlossen, die Konfrontation herbeizuführen. Spätnachts noch hat er eine dünne Vaselineschicht auf dem Türrahmen aufgetragen. Er versucht, nicht darüber nachzudenken, was es über einen Menschen aussagt, wenn der Mittelpunkt seines Lebens aus der Feindschaft mit einem Wesen besteht, das schätzungsweise über den Verstand und die emotionale Aufgewecktheit einer Milchflasche verfügt.

Ah. Dieses Flüstern ist ein seidener Schwanz, der an dem Becherbaum mit bunt gemischtem Porzellan entlangstreicht. Dieses Knarren ist das lose Dielenbrett, dieses Patt-Patt ist das Tier, das von der Kommode springt … und dieser wutschnaubende Ton muss der Laut sein, den es von sich gibt, als es von der gegenüberliegenden Wand abprallt, nachdem es über den gesamten Vorsprung gerutscht ist, gefolgt von … ja. Ein würdeloser Bums, als es auf dem Boden auftrifft. Joe spaziert in die Küche. Der Parasit starrt ihn aus der Ecke heraus an, und seine Augen laufen über vor Auflehnung und Hass.

»Primat«, erklärt Joe und wackelt mit den Händen. »Werkzeugnutzer. Opponierbare Daumen.«

Der Parasit schaut ihn verächtlich an und stolziert hinaus.

Da Joe somit den Sieg-über-die-Katze-Tag eingeweiht hat, versteht es sich in seiner Welt von selbst, dass er schon in Kürze von einem Hund von seinem Platz auf der Rangliste der Säugetiere verwiesen werden muss.

Um zu seiner ersten Verabredung des Tages zu gelangen, wählt Joe Spork eine Abkürzung durch die Abwasserkanäle, das Revier der Tosher. Dies verstößt eigentlich gegen seine persönlichen Grundsätze. Normalerweise fährt er ganz bewusst mit dem Bus oder dem Zug, manchmal sogar mit dem Auto, denn die Tosher-Tunnel zu nehmen, ist ein Zugeständnis an Teile seines Lebens, mit denen er abgeschlossen hat.

Nach wie vor bieten sie ihm jedoch ein Gefühl von Sicherheit und Vertrautheit, das sich für Joe auf den Straßen darüber nie wirklich einstellt. Man mag es seiner Kindheit anlasten, aber dunkle Gassen und verrauchte Räume beruhigen ihn mehr als Einkaufszentren und sonnenhelle Straßen. Doch selbst wenn Joe nicht entschlossen wäre, ein neues Leben zu führen, sind diese Zeiten vorbei. Viele der alten Mitstreiter sind früh gestorben. Der wohlgenährte Hofstaat von Gaunern, mit dem er aufwuchs, ist nur noch eine Erinnerung. Einige gibt es zwar immer noch, sie leben im Ruhestand, sind geläutert oder verbittert; aber viele der leutseligen Damen und Herren, auf deren Knien der junge Joe Spork einst saß und von denen er in die Geheimnisse Hunderter skandalöser Taten eingeweiht wurde, sind dahingewelkt oder verschieden.

Derweil ist Vaughn Parry Englands neuestes Schreckgespenst, zumal erst kürzlich die Entdeckung weiterer seiner Opfer jede Menge Schlagzeilen in Tageszeitungen und Anzeigenblättchen hervorgebracht hat. Mehr noch als vor den islamistischen Extremisten mit ihren Rucksäcken und den Polizisten, die dem Klempner neunmal in den Kopf schießen, weil er auf diffuse Art nicht weiß ist, fürchtet sich jeder rechtschaffene Bürger davor, dass Parry kein Einzelfall ist; dass inmitten der beschaulichen Vorstädte noch mehr Killer mit Blut an den Händen lauern, die Fenster aufbrechen und nachts ins Zimmer schleichen, um einem die Kehle durchzuschneiden. Parry befindet sich zurzeit in Haft, wird in irgendeinem Hochsicherheitskrankenhaus unter der Aufsicht von Ärzten verwahrt, doch dem Land hat er einen Tiefschlag versetzt.

Die Folge davon war ein Aufschrei der Mittelklasse nach massiveren Sicherheitsmaßnahmen sowie eine alles andere als wohlinformierte Diskussion über andere Großkriminelle der Geschichte, insbesondere über Joes Tresor knackenden, Züge überfallenden, Kunst raubenden Vater, den Dandy der schwedischen Gardinen, Mathew »Tommy Gun« Spork. Dieser Klatsch erfüllt Joe mit weit größerem Entsetzen als die Abwassertunnel. Unter normalen Umständen erschreckt ihn der Gedanke, dass es sich bei ihm um das handelt, was in gewissen Kriminalromanen gern als habitué de demi-monde bezeichnet wird, womit gemeint ist, dass er Spieler und Ganoven kennt sowie die Männer und Frauen, die diese lieben. Im Moment ist er bereit anzuerkennen, dass er immer noch am Rande der demi-monde lebt, allerdings nur unter der Bedingung, nicht darüber reden zu müssen. Er schüttelt den Gedanken ab und eilt über die Eisenbahnbrücke.

Zwischen der Clighton Street und Blackfriars verläuft eine Sackgasse, die eigentlich gar keine ist. An ihrem Endpunkt finden sich eine schmale Lücke und ein Trampelpfad Richtung Bahn, und steht man vor den Gleisen, führt zur Linken eine Tür in die Unterwelt. Wie das weiße Kaninchen schlüpft Joseph Spork durch diese kleine Tür und nimmt eine Wendeltreppe hinab in die niedrigen roten Backsteintunnel des Tosher-Reviers. Der Korridor ist vollkommen finster, also kramt er in seiner Tasche nach seinem Schlüsselbund, an dem eine kleine Sammlung von Schlüsseln und Passkarten baumelt, sowie eine Taschenlampe von der Größe einer Füllerkappe.

Das blauweiße Licht zeigt ihm schmutzbedeckte Wände, gelegentlich verziert mit persönlichen Unsterblichkeitsbekundungen: Dave liebt Lisa – und das wird er auch immer, zumindest hier unten. Joe spendet flüsternd seinen Segen und geht vorüber, wobei er vorsichtig einige Schleimhaufen umrundet. Noch eine weitere Tür, und für das, was nun kommt, legt er sich ein Taschentuch vor den Mund und schmiert sich etwas Salbe unter seine Nase (»Addams traditioneller Wärmebalsam!« – Wer weiß, warum so ein Balsam aufregend genug ist, um sich dieses Ausrufezeichen zu verdienen, aber das ist Mr Addams Angelegenheit). Diese Tür erfordert einen Schlüssel. Die Tosher haben ein einfaches Schloss angebracht, nicht um ernsthaft den Zutritt zu verwehren, sondern um höflich an das Prinzip des Hausfriedens zu erinnern. Es ist ihnen durchaus recht, dass der Weg genutzt wird, aber sie möchten, dass man weiß, dass dies durch ihre Gnade ermöglicht wird. Das Revier der Tosher bildet ein Netzwerk, aber man kann nicht einfach gehen, wohin man will. Man ist auf Erlaubnis und Kulanz angewiesen und in manchen Fällen auf einen Mitgliedsbeitrag. Joes Schlüsselbund ermöglicht ihm den Weg durch vielleicht zwanzig Prozent der sicheren Tunnel. Die übrigen werden aggressiv von verschiedenen Gruppierungen mit einem starken Bedürfnis nach Privatsphäre verteidigt – einschließlich der Tosher selbst, die das Herz ihres eigentümlichen Königreichs mit höflichen, aber effektiven Wachposten sichern.

Zehn Minuten später trifft er einige von ihnen, die tief gebeugt und in ihren gummierten Schutzanzügen den Schlamm durchkämmen.

Damals – als London noch mit Armenhäusern wie mit Pockenblasen übersät und in einen grünen Smog getaucht war, an dem man in einer unguten Nacht durchaus ersticken konnte – waren die Tosher die Ausgestoßenen und Prinziplosen, die das abscheuliche Gemenge durchwühlten und Münzen und Schmuckstücke bargen, die zufällig verloren worden waren. Selbst heute noch ist es erstaunlich, was man dort findet: Großmutters Diamanten, die in ihrer Schatulle zu Boden gefallen sind, während man Tante Brenda für die Diebin gehalten hat; Ringe aller Art, die in einem Moment der Erregung fortgeschleudert wurden oder an einem kalten Tag von frierenden Fingern gerutscht sind; Geld natürlich; Goldzähne und einmal, wie Queen Tosh dem kleinen Joe einst auf einer von Mathews Partys erzählt hat, ein Bündel Schuldverschreibungen im Gesamtwert von beinahe zehn Millionen Pfund.

Heutzutage tragen Tosher eine Ausrüstung, die für Tiefseetaucher entworfen wurde – der Dreck selbst ist schon grässlich genug, noch schlimmer aber sind Spritzen und andere Scheußlichkeiten, ganz zu schweigen von den Chemikalien, die die männlichen Fische dieser Welt zu Weibchen machen und sämtliche Kröten das Leben kosten. Sauer eingelegt in den Konservierungsmitteln aus Supermarktabwässern, bleibt heute auch die durchschnittliche Leiche vierzehn Tage länger frisch als früher. Die Arbeiter wirken wie Astronauten aus einer anderen Welt, die sich bei der Landung vertan haben und sich nun durch das arbeiten, was sie für Urschlamm halten.

Joe winkt ihnen zu, als er auf dem erhöhten Steig an ihnen vorbeieilt, und sie winken zurück. Viele Besucher bekommen sie nicht, und noch weniger geben ihnen das Handzeichen im bewährten Nachtmarkt-Stil – Knöchel nach oben und den Daumen im Fünfundvierzig-Grad-Winkel ausgestreckt. Der Anführer erwidert die Geste zögerlich.

»Hi«, sagt Joe laut, da die Helme das Verständnis erschweren. »Wie sieht’s aus bei der Kathedrale?«

»Alles klar«, sagt der Mann. »Fluttor ist zu. Warte mal, ich kenn dich, oder?«

Ja, allerdings: Als Kinder haben sie zusammen in den mit Samt ausgehangenen und mit Kerzen beleuchteten Gängen des Nachtmarkts gespielt. Die Tosher-Familie und der Nachtmarkt sind Alliierte unter Vorbehalt, winzige Staaten, die innerhalb und außerhalb des größeren Staates existieren, der Großbritannien heißt. Gangsternationen, heute allerdings stark dezimiert im Vergleich zu der Zeit, als Joe ein Kind war. Insbesondere der Nachtmarkt hat gelitten, da seine neuen Regenten unfähig sind, die unbändige, dreiste Kriminalität zu entfesseln, die das Markenzeichen von Mathew Spork und seinen Freunden war: längst ein Hof ohne König. Aber lasst uns nicht von jenen Tagen sprechen. Ich habe mich als jemand getarnt, der ein echtes Leben führt.

»Ich hab eben so ein Allerweltsgesicht«, murmelt Joe und eilt weiter.

Er schlüpft durch eine Tür in die alte U-Bahn-Anlage des Post Office, dann einen Nebentunnel hinunter und über eine Treppenflucht in die Kathedrale. Einst wurde diese Höhle ausgehoben, um als Fundament eines mittelalterlichen Palastes zu dienen, der niemals fertiggestellt wurde und inzwischen in den Schlamm von Londons Hafenbecken eingesunken ist. Es ist feucht dort und sehr dunkel. Das in Bögen auslaufende Mauerwerk ist über so viele hundert Jahre von mineralischem Regen ausgespült worden, dass es inzwischen von einer feuchten Alabasterschicht bedeckt wird, als handele es sich um eine natürliche Tropfsteinhöhle. Wenn Londons viktorianische Abwasserleitungen überlaufen, was sie in diesen Tagen des Klimawandels immer häufiger tun, steht hier alles unter Wasser. Beim Gedanken daran unterdrückt Joe ein klaustrophobisches Schaudern.

Ein klappriges Metallgerüst führt durch den Raum, in die tieferen Regionen des Eisenbahntunnels und dann unvermittelt zu einem uralten Warenaufzug, der nahe des Flussufers an der Oberfläche auftaucht: eine Schnellverbindung für die Schmuggler der Vergangenheit ebenso wie für ihre modernen Kollegen.

Die gesamte Reise dauert weniger als eine halbe Stunde. Man könnte es mit dem Auto auf freier Straße schwerlich schneller schaffen.

Der Hund heißt Bastion, und er kennt weder Scham noch Gnade. Jeder Hund, der seinen Namen zu Recht trägt, schnüffelt einem Neuankömmling im Schritt herum, aber Bastion hat seine knotige Schnauze nun fest in Joes Hose eingegraben und macht nicht die geringsten Anstalten, sie wieder zu entfernen. Joe rutscht leicht zur Seite, doch der Hund kommentiert dies mit einem warnenden Unmutslaut aus tiefster Brust: Ich habe meine Schnauze in unmittelbarer Nähe deiner Genitalien, o du Geselle, der du mit meiner Herrin beim Kaffee plauderst. Verscherze es dir nur ja nicht mit mir! Ich besitze nur einen Zahn, oh ja, denn die übrigen wurden vor langer Zeit schon ins Fleisch anderer Sünder geschlagen. Beachte meine Kiefer, den oberen wie den unteren, in ihrer rechtschaffenen, symmetrischen Armut. Bewege dich nicht, Mann der Uhren, und nimm dir ein Beispiel an meiner Herrin, denn sie wertschätzt mich, selbst in meinem hinfälligen, hohen Alter.

Der Hund ist winzig, die geschrumpften Überreste eines Boxers, und als wäre sein erbärmlicher Gebisszustand nicht schon schlimm genug, fehlen ihm auch noch die Augäpfel. Beide wurden gegen blassrosa Glasaugen ersetzt, in denen sich Bastions leere Augenhöhlen zu brechen und zu reflektieren scheinen. Dieser Umstand verleiht dem Knurren eine unangenehme Ernsthaftigkeit, und so beschließt Joe, es dem Tier zu erlauben, weiterhin seine Leiste vollzusabbern.

Bastions Besitzerin nennt sich Edie Banister, ist sehr klein und sehr drahtig und hat offenkundig noch einige Jahre mehr auf dem Buckel als das British Museum. Durch ihren silbernen Haarschopf hindurch ist an einigen Stellen die sommersprossige Kopfhaut zu sehen. Ihr Gesicht – stolze Augen und ein kraftvoller Mund, die darauf schließen lassen, dass sie zu ihrer Zeit eine echte Schönheit war – ist so bleich, dass Joe das Gefühl hat, er könne tatsächlich die Knochen unter ihren Wangen sehen. Die Falten auf ihren Armen runzeln sich ineinander und ziehen sich wie geschmolzenes Plastik in verschiedene Richtungen. Edie Banister ist alt.

Dabei jedoch überaus lebendig. Im Lauf der letzten Monate hat sie wiederholt Gelegenheit gefunden, die Dienste von Spork & Co in Anspruch zu nehmen. Joe hat sie inzwischen ein Stück weit kennengelernt, und in gewisser Hinsicht erinnert sie ihn an Daniel, seinen Großvater: Sie vibriert förmlich vor reicher, destillierter Energie, als hätte das jahrzehntelange Leben aus ihrem Geist eine Reduktion hergestellt, die dickflüssig und langsam in ihrer Brust kreist, dafür aber umso süßer und kräftiger ist.

Bastion hat sich weitaus schlechter gehalten. Er ist hässlicher als irgendetwas, das Joe jemals außerhalb eines Tiefsee-Aquariums gesehen hat. Er scheint ein denkbar ungewöhnlicher Begleiter für eine Frau wie Edie Banister zu sein, aber schließlich ist die Welt, wie Daniel einst feststellte, ein großer Bienenkorb, der sich aus Mysterien zusammensetzt, die nichts miteinander zu tun zu haben scheinen.

Joe hat allen Grund, dies für wahr zu halten. Als Kind ist er, seinem unmoralischen Vater sei Dank, an einer ganzen Reihe geheimer Orte zu Hause gewesen, und wenn er diese gewagten Unterkünfte mit ihren pittoresken Namen – The Old Campaigners, The Sink Hole, Kings Forget – auch hinter sich gelassen hat, so ist ihm doch klar geworden, dass das Leben überall merkwürdige Gravitationssysteme von Menschenplaneten bildet, die bisweilen die absurdesten Sonnen umkreisen − Golfclubs zum Beispiel, Theater und Korbflechtkurse –, um irgendwann von den schwarzen Löchern der Untreue und des Elends aufgesogen zu werden. Oder um allein im All zu verglühen.

Und jetzt kommen die Alten in Scharen zu ihm. Schrullig, gebeugt und zerstreut treten sie durch seine Tür und halten kleine Stücke zerbrochener Erinnerung in ihren Händen: Spieluhren, Wecker, Taschenuhren und mechanische Spielzeuge, mit denen sie einst spielten oder die sie von ihren längst verblichenen Müttern, Onkeln und Ehegatten geerbt haben.

Edie Banister bietet ihm noch etwas Kaffee an. Joe lehnt ab. Sie lächeln einander nervös an. Sie flirten; das, was nur allzu offenkundig im Raum steht und worüber bislang geschwiegen wird – abgesehen von Bastions unkommentiertem Zugriff auf Joes Weichteile –, ist ein Kästchen aus Goldregen-Holz etwa in der Größe eines tragbaren Plattenspielers, an den Kanten eingefasst von hellerem Holz. Es ist der Grund für seinen aktuellen Besuch bei Edie Banister, der Grund dafür, dass er früh den Laden dichtgemacht und bis nach Hendon herausgefahren ist, wo in endlosen Reihen beinahe hübsche, langweilige Häuser aufeinanderfolgen, die allesamt im Stil alter Damen eingerichtet sind. Bereits mehrmals hat sie ihn kokettierend hierher bestellt und ihn dann mit Überresten eines abgewrackten Grammophons und einer wertlosen Teasmade-Teemaschine enttäuscht. Sie haben ihre ganz eigenen Verführungsszenen gespielt, indem sie ihre Geheimnisse nur Stück für Stück preisgegeben und er mit flinken, starken Händen und eleganten Lösungen auf die hartnäckigen Probleme defekter Maschinen reagiert hat. Die ganze Zeit jedoch ist ihm klar gewesen, dass sie ihn nur testet, ihn abschätzt. Irgendwo in dieser winzigen Aneinanderreihung von Räumen befindet sich etwas Interessanteres, etwas, von dem die reizende, uralte Edie überzeugt ist, dass es ihn umhauen wird, das sie aber noch nicht gänzlich bereit ist, zu offenbaren.

Er hofft inständig, dass es ihr um Uhrwerke geht und nicht um Fleischeslust.

Sie befeuchtet ihre Lippen, nicht mit der Zunge, sondern indem sie sie kurz nach innen saugt und aneinanderreibt. Edie Banister stammt aus einer Zeit, als man von Frauen erwartete, möglichst nicht zuzugeben, dass sie überhaupt eine Zunge hatten: Schließlich deuteten Münder und Speichel und die Mundhöhle an, dass es noch andere feuchte, fleischigere Körperstellen geben könnte, an die absolut nicht gedacht werden durfte, schon gar nicht von einem Mann.

Joe greift zu dem Kästchen. Befühlt das Holz. Hebt es hoch, schätzt das Gewicht in seinen Händen. Er spürt … Moment. Das ist nicht ohne. Diese reizende, schrullige alte Schachtel hat da etwas ganz Erstaunliches im Angebot, und das weiß sie auch. Von Anfang an hat sie ihm etwas zeigen wollen. Er fragt sich, ob es heute wohl so weit ist.

Er öffnet das Kästchen. Ein Golgatha aus Armaturen und Zahnrädern. Im Stillen sortiert er sie rasch: Das ist der Dorn, ja, die Hauptfeder verläuft dort entlang, dies ist ein Teil des Gehäuses und dies ebenfalls … ach du liebe Zeit. Vieles davon ist bloß Unrat, Ersatzgetriebe und Ähnliches. Sehr unordentlich. Aber alles zusammen betrachtet – die nützlichen Teile … Oh! Ja: frühes zwanzigstes Jahrhundert, was den Stil und die Materialien anbelangt, aber recht raffiniert in der Machart. Ein Stück rarer Handwerkskunst, ein Unikat. Solche Stücke werden immer wertvoller, besonders, wenn man sie auf einen bekannten Kunsthandwerker zurückführen kann. Trotzdem ist es nicht … nun ja. Nicht das, was er erwartet hat, auch wenn ihm nicht klar ist, was das gewesen wäre.

Joe lacht, aber leise, um nicht den hündischen Vulkan zu wecken, der zwischen seinen Schenkeln vor sich hingrummelt.

»Das ist sehr schön. Ihnen ist klar, dass dies eine hübsche Summe wert sein könnte?«

»Ach herrje«, sagt Edie Banister. »Muss ich es versichern lassen?«

»Tja, vielleicht. Solche Automaten kann man an einem guten Tag für einige Tausend an den Mann bringen.« Er nickt nachdrücklich. An einem schlechten Tag wiederum können sie wie ein toter Fisch auf der Auslage des Auktionators kleben bleiben, aber das ist ja im Moment egal.

»Können Sie es reparieren?«, fragt Edie Banister, und Joe schiebt seine Enttäuschung beiseite und versichert ihr, das sei natürlich kein Problem.

»Jetzt?«, fragt sie, und wieder heißt es ja, schließlich hat er seinen Werkzeugkasten dabei, verlässt nie ohne ihn das Haus. Eine gepolsterte Armklammer, um das Gehäuse festzuhalten. Eine weitere als dritte Hand. Spannvorrichtungen. Es ist gar kein Schaden vorhanden, es sieht eher aus, als hätte es jemand absichtlich auseinandergebaut. Recht sorgfältig. Ritscheropf, und schon ist das Ding wieder zusammengebaut, abgesehen von … hmpf. Da fehlt ein Stück – ist es nicht immer dasselbe? Es würde die Füße über Kreuz miteinander verbinden … hah! Mit einem derartigen Verbindungsteil könnte es regelrecht Schritte machen, beinahe menschlich. Sehr beeindruckend, in hohem Maße seiner Zeit voraus. Er hat im Fernsehen einen Roboter gesehen, der auf dieselbe Weise funktioniert und als brillanter Fortschritt betrachtet wird. Dies könnte beinahe ein Prototyp sein. Ohne Zweifel kocht irgendwo der Geist eines toten Handwerkskünstlers vor Wut.

Er wirft Edie einen um Erlaubnis fragenden Blick zu, entzündet einen winzigen Schweißbrenner, erhitzt einen Metallstreifen und verbiegt, quetscht, faltet. Wieder: Ritscheropf. Er pustet darauf. Biegt es noch einmal um. Ja. Genau so, hier herum und … so. Consumatum est, wie seine Mutter sagen würde.

Joe schaut auf, und Edie Banister blickt ihn an. Vielleicht blickt sie auch aus großem Abstand auf ihr eigenes Leben. Ihr Gesicht ist regungslos, und einen schaurigen Moment lang stellt er sich vor, sie hätte soeben das Zeitliche gesegnet. Dann erschaudert sie, lächelt ein kleines, wunderliches Lächeln und bedankt sich, woraufhin er das Spielzeug aufzieht und es in Bewegung setzt: Ein winziger Soldat, der stramm-stramm-stramm über den Tisch marschiert und mit seinen Miniaturstiefeln die Tischdecke zerknittert.

Der Hund stiert wieder zu ihm hinauf: Der unheimliche blinde Köter, der seine verstümmelten Ohren aufstellt und angestrengt versucht, durch Glasaugen zu glotzen. Nicht perfekt, Horologe. Ein Fuß schleift hinterher. Aber es wird genügen. Sieh da: Meine Herrin ist bewegt. Dies für deine Mühen. Und nun – hinfort mit dir!

Joe Spork eilt davon und ist sich plötzlich ziemlich sicher, dass sie eigentlich etwas anderes von ihm gewollt hat; sie hegt noch ein weiteres Geheimnis, ein bedeutsameres, das, bevor es enthüllt werden kann, dieses endlose Prüfen von J. J. Spork erforderlich macht. Etwas wehmütig fragt er sich, was er diesmal falsch gemacht hat, und spielt mit dem Gedanken kehrtzumachen. Aber vielleicht ist sie auch bloß einsam und erkennt in ihm einen geistesverwandten Einsiedler.

Nicht dass er auf dieselbe Weise einsam wäre wie sie.

Und tatsächlich ist er in diesem Augenblick auch nicht allein, nicht völlig. In seinem Augenwinkel zuckt etwas auf, ein dunkler Umriss, der sich in der Scheibe eines vorüberfahrenden Busses spiegelt. Ein Schatten in einem Türeingang. Er dreht sich um, schaut in beide Richtungen, bevor er die Fahrbahn überquert, und ist überaus aufmerksam, als er über die Straße eilt. Beinahe übersieht er es vollständig. Dort ist etwas, das sich so ruhig verhält, dass es nur schwer zu erkennen ist; seine Augen suchen Verbindungen und Bewegungen, wo es keine gibt. Aber dort, auf der schattigen Veranda einer mit Brettern vernagelten Bäckerei hat es den Anschein, als würde ihn jemand beobachten: eine vermummte Gestalt in einem Kleid oder schweren Mantel, die einen Schleier trägt, als würde sie trauern. Ein Imker oder eine Witwe oder ein großes dünnes Kind, das Gespenst spielt. Am wahrscheinlichsten ein alter Jutesack, der an einem Haken baumelt und das Auge täuscht.

Einen Moment später wird er beinahe von einem grünen Kombi überfahren. Das wütende mütterliche Gesicht hinter der Scheibe funkelt ihn voller Abscheu dafür an, dass er auf der Welt ist, und der Beobachter – wenn denn überhaupt einer dort gewesen ist – verschwindet aus seinem Kopf.

Mürrisch und nervös macht Joe an einem Eckladen halt, um herauszufinden, ob Ari ihm etwas Gift verkaufen wird, das er der Katze geben kann.

Als Ari nach London gekommen war, hatte er seinen Laden Bhred nba’a genannt. Nach ausgiebigem Studium des englischen Fernsehens war er zu dem Schluss gekommen, dass die Londoner sowohl für Wortspiele als auch für kleine Eckläden einiges übrig haben, und dachte daher, dass eine Kombination aus beidem unweigerlich zu einem großen Erfolg führen müsse. Aus Bread and Butter wurde also Bhred nba’a, und obwohl die Londoner tatsächlich sowohl Wortspiele als auch bequemes Einkaufen lieben, stellte sich in kürzester Zeit heraus, dass sie wenig für Ladenbesitzer übrighaben, die sie offenbar zum Besten halten und dabei auch noch ausländisch aussehen. Der korrekte Gebrauch des Apostrophs, um einen Knacklaut auszudrücken, konnte dann auch nichts mehr retten.

Ari lernte schnell und überstrich das anstößige Schild. Joe hat nicht die geringste Ahnung, ob er tatsächlich Ari heißt, oder auch nur so ähnlich, oder ob er lediglich einen Laut gewählt hat, der auf bequeme Weise ausländisch und doch englisch klingt und der die Ureinwohner nicht durch Komplexität oder eine fragwürdige Herkunft erschreckt.

Es ist wohl keine Überraschung, aber Ari hat in Sachen Gift Bedenken. Ari hält Katzen für eine der Lektionen auf der Reise durchs Leben. Katzen, erklärt er, seien göttliche Botschafter der Geduld. Joe, dem nach einem missglückten Ausweichversuch vor zwei Wochen noch immer die Schulter brennt, behauptet dagegen, sie seien satanische Botschafter der Zwietracht und des Wundschmerzes. Ari meint, das sei durchaus möglich, durch das Wirken der unbeschreiblichen Gottheit seien sie jedoch auch als satanische Botschafter von Zwietracht und Wundschmerz zugleich vom kosmischen All entsandte Lehrmeister.

»Sie stellen«, sagt Ari und umklammert seine morgendliche Lieferung Biomilch, von der bereits einiges aus dem Plastikbehälter tropft, »eine Gelegenheit dar, sich zu bilden.«

»In Erster Hilfe und Krankenpflege«, brummt Joe.

»Und in weitaus spirituelleren Belangen. Das Universum erteilt uns Lektionen über Gott, Joseph.«

»Nicht durch die Katzen. Zumindest nicht durch diese Katze.«

»In allem verbirgt sich eine Lektion.«

Dies kommt einer Aussage von Grandpa Spork derartig nahe, dass sich Joe, selbst nach einer schlaflosen Nacht und einem schlimmen Katzenmorgen, beim Nicken ertappt.

»Danke, Ari.«

»Gern geschehen.«

»Ich möchte immer noch Katzengift.«

»Gut! Dann haben wir einander viel zu lehren!«

»Wiedersehen, Ari.«

»Au revoir, Joseph.«