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ABDI ASSADI

SCHATTEN
AUF DEM PFAD

Wie uns die Suche nach Erleuchtung
hinters Licht führen kann

THESEUS

Die amerikanische Originalausgabe Shadows on the

Path ist erschienen bei Publicide Inc.,

240 West 10th St. #24,

New York, NY 10014

© 2007 by Abdi Assadi

Übersetzung ins Deutsche: Götz Bühler

Copyright der deutschen Ausgabe © 2011

Theseus in J. Kamphausen Mediengruppe, Bielefeld

Mit freundlicher Genehmigung der Soulkitchen GmbH

Layout/Satz: Ingeburg Zoschke, Berlin

Lektorat: Susanne Klein

Umschlaggestaltung: Morian & Bayer-Eynck, Coesfeld, www.mbedesign.de

Umschlagfoto: © Chloe Crespi

E-Book Gesamtherstellung: Bookwire GmbH, Frankfurt a. M.

www.weltinnenraum.de

5. Auflage 2015

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in

der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische

Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

ISBN Print 978-3-89901-377-1

ISBN E-Book 978-3-95883-174-2

Alle Rechte der Verbreitung, auch durch Funk, Fernsehen und

sonstige Kommunikationsmittel, fotomechanische oder vertonte

Wiedergabe, sowie des auszugsweisen Nachdrucks vorbehalten.

Ich widme dieses Buch all den wundervollen Seelen, die es mir erlaubt haben, Zeuge ihres Eintritts, Aufenthalts und Ausstiegs aus dieser so kurzen, schönen und brutalen Ebene zu sein. Für uns alle, die wir zeitweise unser wahres Wesen vergessen haben.

Wir sind, was wir suchen.

Inhalt

Voran

Wie man den Wecker benutzt, um weiterzuschlafen

Wenn sich Sucht als Spiritualität maskiert

Pfade zum Erwachen

Bewertung als innerer Guru

Guru

Spiritualität und die Verdrängung des Schattens

Der Heilige Gral der romantischen Beziehung

Gnade kommt, sobald man sich der Hilflosigkeit ergibt

Kurzfristige Lösungen sind etwas für Junkies

Die Illusion des Glücks

Der Tod als Lebensberater

Veränderung geschieht mit Absicht

Das Erbe der Eltern

Und jetzt?

Danksagungen

Über den Autor

Voran

Alle Worte sind Lügen. Im besten Fall verweisen sie auf die Wahrheit. Im schlechtesten führen sie vollkommen in die Irre und sorgen für Verwirrung. Wir wissen eigentlich alles, was es zu wissen gibt – wenn wir nur unseren Verstand zur Ruhe bringen könnten. Das ständige Geschnatter, die Sorgen und Selbstzweifel, die aus der Illusion der Trennung von unserer Quelle entstanden sind, verschwinden wie von Zauberhand, wenn wir uns unserer angeborenen Verbindung entsinnen. Wir alle haben schon solche Momente erlebt, etwa wenn wir im Gebet oder in Meditation versunken waren, beim Betrachten oder Erschaffen von etwas Schönem oder wenn wir etwas Gutes getan haben oder man uns etwas Gutes getan hat.

Es gibt eine berühmte Unterweisung in der Zen-Tradition, in der ein Schüler nach dem Mond fragt. Ein Zweig wird benutzt, um auf ihn zu zeigen, und die Lehre warnt uns, den Zweig nicht mit dem Mond zu verwechseln. Das Problem mit den Worten ist, dass sie Zweige sind – sie können nie der Mond sein. Im besten Fall sind sie wunderschöne Zweige, die die Form, das Licht oder die Herrlichkeit des Mondes beschreiben und es unseren Augen erlauben, ihn direkt anzusehen. Im schlimmsten Fall sind sie weitverzweigte Äste, die sich in viele Richtungen ausbreiten und uns noch mehr durcheinanderbringen.

Ich erinnere mich daran, wie ich als Kind in Nigeria lebte. Ich versuchte, meinem Freund Femi, der nie über die Stadtgrenzen von Lagos hinaus und weg von dieser ständigen beklemmenden Hitze gekommen war, etwas über Schnee zu erzählen. Ich weiß noch, wie ich die Tür des Gefrierfachs öffnete, auf das frostige Eis zeigte und dabei versuchte, ihm weiszumachen, wie dieses Zeug in einem Schneesturm vom Himmel fällt und den Boden bedeckt. Das Eis im Gefrierfach fing schon an zu schmelzen, während ich die Tür so offen hielt. Beinahe vierzig Jahre später hallt diese Erfahrung immer noch in mir nach. Wahrheiten müssen in unserem Leben und bis tief in unseren Kern erfahren werden, um zu uns zu gehören. Dieses Buch ist mein bescheidener Versuch, all denjenigen etwas Klarheit und Ermutigung zu bieten, die wissen, dass da noch mehr ist, als uns unsere Sinne weismachen wollen. Während wir unser Leben leben, Rechnungen bezahlen, nach Beziehungen suchen oder sie pflegen, tiefe Wunden verursachen oder heilen, urteilen und beurteilt werden, gibt es da eine Sehnsucht nach Frieden. Egal ob durch die Anhäufung materieller Güter oder durch Hingabe, durch psychologische Integration oder Drogenmissbrauch, die universelle Wahrheit ist, dass wir alle nach etwas Trost suchen.

Meine Suche nach Wahrheit begann, als ich noch ein Kind war, und entwickelte sich in meiner Jugend zu einem inneren Feuer. Mein Weg führte über Drogenmissbrauch, die Faszination an und den Flirt mit dem schmalen Rand des Abgrunds, das Sitzen zu Füßen zahlreicher spiritueller Meister, jahrzehntelange Therapien, eine gründliche Kampfsportund Meditations-Praxis, eine Scheidung und zwanzig Jahre Arbeit als Therapeut und Akupunkteur. Zu Letzterem gehört auch das Lernen von und die Arbeit mit vielen Patienten, die an AIDS erkrankt sind. Wenn es eine Sache gibt, die ich während der Behandlung von buchstäblich Tausenden von Menschen aus allen Gesellschaftsschichten – von Schwerkriminellen bis zu den Geschäftsführern großer Firmen, von Prostituierten zu Priestern, von Einsiedlermönchen zu berühmten Schauspielern und Künstlern – gelernt habe, dann ist es, dass wir alle gleich sind. Wir alle haben dieselben Hoffnungen und Ängste, sie sind nur unterschiedlich verkleidet. Was ich hier mitteile, sind die Beobachtungen, die ich auf meiner eigenen Reise gemacht habe, die Lehren derer, die mir auf meinem Weg geholfen haben, und die Weisheit der Reisenden, die ich begleiten durfte.

Meine Absicht ist es, Sie an Ihre Herrlichkeit zu erinnern und die Wolken zu vertreiben, die das helle Licht verdecken, das den Nachthimmel Ihres Bewusstseins regiert. Dieses Buch ist nur ein Zweig. Sie sind der Mond.

Wie man den Wecker benutzt, um weiterzuschlafen

Nie zuvor in der Geschichte gab es so viele Sirenengesänge, die um unsere tägliche Aufmerksamkeit buhlen. Von der Wiege bis zur Bahre werden wir von Werbung und kommerziellen Aufforderungen belagert, jede von ihnen kunstvoll (oder weniger kunstvoll) gesponnen, um ihre Anziehungskraft auf unsere Eitelkeit, unsere Habgier und unsere Unsicherheit zu verbergen. Die Marketingmaschinerie ist zu einem durchdringenden und unanfechtbaren Netz mutiert, das alle Bereiche unseres Lebens fehlinformiert. Dieselbe Maschinerie, die uns mit Befürchtungen verführt und uns anschließend eine kurzzeitig wirkende Salbe verkauft, treibt auch in der spirituellen Welt ihr Unwesen. Hier sitzt der große, dicke Elefant auf dem Meditationskissen: Spiritualität ist ein Geschäft. Und eines bleibt bei einem Geschäft immer gleich, egal ob man Tabak verkauft oder die Erlösung verspricht: Man ist nur an Profit und Wachstum interessiert.

Das offensichtliche Problem dieses Vermarktungsmodells für den spirituellen Pfad ist, dass es uns viele hübsche, exotische Werkzeuge und Techniken bieten kann, die uns nicht helfen, aufzuwachen. Im Gegenteil funktionieren sie wie wunderschöne Wecker, die ein starkes Schlafmittel verbreiten, das uns gemütlich in unserem spirituellen Schlaf hält. Sie sehen vielleicht echt aus, wirken aber genau gegensätzlich: Konsumenten dieses Produkts werden vom richtigen Weg abgelenkt. Es ist, als hätte man die Wegweiser an einem Autobahnkreuz verwechselt und würde jetzt Vollgas geben; ohne es zu wissen, entfernt man sich mit jeder Minute weiter von seinem angepeilten Ziel.

Im Buddhismus und Hinduismus gibt es einen Begriff für unsere alltägliche materielle Welt: Samsara. Das betrifft das Leben, das wir führen – das Gute, das Schlechte und das Hässliche. Die wortwörtliche Übersetzung des Wortes wäre in etwa »ein Wandern oder ein Übergang durch verschiedene Zustände«. Dieses Reisen bezieht sich auf den unendlichen Zyklus von Geburt, Tod und Wiedergeburt. Im Allgemeinen wird es nicht als positives Attribut angesehen. Vielmehr resultiert es daraus, dass wir unser wahres Selbst vergessen und in einem ständigen Angstzustand leben, der mit dieser Illusion des Getrenntseins von unserem Selbst einhergeht. Um es ganz deutlich zu machen, lehren die Buddhisten, dass Buddha einst seine Mönche fragte, was wohl umfassender wäre, das Wasser in den Ozeanen oder die Tränen, die man während seiner Lebenszeit vergießt. Natürlich lautet die richtige Antwort: »Die vergossenen Tränen«. Der einzige Ausweg aus dieser schmerzhaften, tränendurchtränkten Reise ist, aufzuwachen und sich auf den Weg zur Erleuchtung zu machen.

Dieses Gerede vom »unendlichen Geburtszyklus« kann kitschig klingen und einige von uns dazu bringen, sofort abzuschalten. Es fällt uns schon schwer genug, mit den Problemen unseres täglichen Lebens fertigzuwerden, ohne uns obendrein noch mit einem abgefahrenen, überhöhten Konzept zu beschäftigen. Tatsächlich muss sich jeder oder jede, der oder die schon mehr als ein paar Jahrzehnte auf dem Buckel hat, irgendwann mit dieser ungeheuren Masse an Schmerzen beschäftigen, die mit den schönen Dingen des Lebens einhergeht. Diese Schmerzen sind es, die uns auf die Reise zu uns selbst zurückführen. In all den Jahren meiner Arbeit als Heiler habe ich es nicht ein Mal erlebt, dass jemand durch meine Tür kam, der sich nicht wirklich gezwungen sah, sich mit der Wirklichkeit seines Leidens auseinanderzusetzen – egal ob aus physischen, psychischen oder emotionalen Gründen. Keiner von ihnen hat mir je gesagt, dass sein Leben wundervoll sei, er aber einfach mal sehen wolle, was es da draußen sonst noch so gibt. Abgesehen von den wenigen spirituell gereiften Menschen, die sich aufgrund eines immanenten Verständnisses auf diesen Weg machen, wird diese Reise normalerweise dadurch in Gang gesetzt, dass wir uns öffnen für unser Leid.

Die Frage, die sich stellt, sobald wir uns unseren Schmerz bewusst gemacht haben, ist, wie wir reagieren auf diese recht grobe Einladung, zu unserem Selbst zurückzukehren. Unabhängig von unserer spirituellen Ausrichtung beginnt die Antwort mit dem Prozess des Suchens. In der Tat basiert die Konsumkultur auf dem Prozess, einen Ausweg aus den permanenten unterschwelligen Sorgen und Schmerzen zu suchen. Wir suchen nach der nächsten Mahlzeit, der nächsten Zigarette, dem nächsten Liebhaber oder Sexpartner, um den Schmerz zu beseitigen. Jede Aktion basiert auf einem egoistischen Motiv, diese Gefühle wegzustoßen, obwohl wir mit der Zeit lernen, dass sie keine anhaltende Wirkung haben. Von diesem Ort der seelischen Unterernährung aus begeben wir uns auf unsere spirituelle Reise.

Wie bei jedem Feuer müssen wir zuerst ein Streichholz anzünden, um eine Flamme zu bekommen. Das spirituelle Suchen ist dieses Streichholz – und es ist auch genau der Punkt, an dem die meisten von uns stecken bleiben können und werden. Die ersten Strahlen unseres eigenen Lichts, die ein Lehrer, eine Religion oder eine Technik auf uns zurückwirft, können wirklich etwas Magisches an sich haben. Es ist wie Regenwasser auf unseren ausgetrockneten Lippen, nachdem wir lange auf allen vieren durch die Wüste gekrochen sind; wir genießen es und saugen es auf. Es vermittelt uns ein Gefühl von Lebendigkeit und Frieden, das uns entgangen war, obwohl es direkt vor unserer Nase lag. Allerdings ist es nur eine Vorspeise und nicht der Hauptgang.

An dieser Stelle können mehrere Dinge geschehen. Eines davon ist, dass wir süchtig nach diesem ersten Gefühl der Anbindung werden und anfangen, es überall zu suchen. Es ist eine häufig auftretende Falle. Unser Ego genießt es dann, mit den Zehen im Ozean zu baden, in dem Bewusstsein, dass es sicher im seichten Wasser steht, und es wird alles tun, um nicht ganz unterzutauchen. So beginnt die Suche, von Lehrer zu Lehrer, von Workshop zu Workshop, von Buch zu Buch. Die Funktion eines Streichholzes ist, ein Feuer anzuzünden; wenn man immer weiter Streichhölzer anreißt, obwohl das Feuer schon brennt, weist das auf tiefer liegende psychologische Probleme hin. Der »spirituelle Markt« bietet momentan eine Vielzahl origineller Streichhölzer, Feuerzeuge, entflammbarer Flüssigkeiten und Flammenwerfer. Es gibt keinen Mangel an Produkten oder Personen, die sich gerne unserer pyromanischen Neigungen annehmen – und die an diesen Diensten verdammt gut verdienen. Das Ego tappt schnell in die Falle, indem es uns mit dem Gedanken hypnotisiert, dass wir die notwendige Arbeit verrichten. In Wahrheit setzen wir unsere Bettruhe unter dem Schein des Aufwachens fort. Dies ist ein klassischer Fall des Weckers, der Schlaflieder spielt und versucht, uns im Bett zu halten. Wir schlafen vielleicht nicht mehr tief und fest, aber wir haben auch nicht recht vor, aufzustehen. Das Ego ist geübt darin, uns mit dem Versprechen unseres leiblichen Wohlbefindens und der Rund-um-die-Uhr-Versorgung ruhigzustellen.

Vieles in der heutigen spirituellen Industrie dient dazu, uns in dieser Phase unserer Reise zu verhätscheln. Wir können riesige Buddhas in unseren Wohnungen aufstellen, uns Zen-Sprüche aufhängen oder die Weisheiten der Propheten auswendig lernen. Wir können uns eine Sammlung spiritueller Bücher anlegen, die jede Bibliothek in den Schatten stellen würde. Aber unser Ego wird es sich dadurch nur gemütlicher machen und selbstgefälliger werden. Seine mögliche Vernichtung wurde abgewendet und die Verbindung mit der materiellen Welt wieder voll hergestellt.

Es scheint eine ganze Armee spiritueller Veteranen zu geben, viele von ihnen inzwischen im mittleren Alter, die in ihrem Leben profunde spirituelle Erfahrungen gemacht haben, aber ihr Streben aus dem einen oder anderen Grund nicht gefördert oder weiterverfolgt haben. Das Gewicht unserer materialistischen Kultur bedeutet für jede fragende Seele eine schwere Last. Aber auch Faulheit und Disziplinlosigkeit führen uns auf Abwege. Den Weg zu gehen ist ein Entschluss, den wir täglich fassen müssen: Folgen wir dem flüchtigen Ego oder sterben wir für das Äußere und erwachen zum Inneren?

Eine brauchbare Analogie ist das, was mit der 68er-Generation und dem großen sozialen Erwachen passiert ist, das damals in den Vereinigten Staaten geschah. Nach einer anfänglichen Explosion von Energie und Transformation sank man wieder in das große Nickerchen. Einige der radikalsten Befürworter des Wandels wurden die heftigsten Fürsprecher des Status quo. Genauso ist es mit dem spirituellen Erwachen: Es gibt eine Erfahrung der Öffnung und der Möglichkeiten, und anschließend sickern die alten Muster wieder durch. Wachsamkeit ist das einzige Mittel, eine Vertiefung des Prozesses sicherzustellen. Viele Wege lehren uns, immer Anfänger zu bleiben – einen »Anfängergeist« zu kultivieren –, weil uns das die nötige Bescheidenheit schenkt, fortwährend zu suchen und uns auf unser Ziel zuzubewegen. So ist sichergestellt, dass wir die anfängliche Öffnung nicht mit dem Ziel verwechseln.

Eine andere Gefahr auf dem Weg ist es, den Zweig mit dem Mond zu verwechseln. Erinnern Sie sich noch an die Zen-Geschichte? Der Lehrer oder die Technik sind der Zweig, ein Werkzeug, das uns den Weg zu unserem Selbst (dem Mond) zeigen kann. Dankbarkeit gegenüber unserem Lehrer oder einer Technik zu empfinden, ist ein Teil unseres Wesens, kann aber auch ein Hindernis sein. Die Warnung des Zen-Meisters Lin Chi »Wenn du den Buddha auf der Straße triffst, töte ihn« spricht genau dieses Dilemma an. Sie lehrt uns, dass wir niemanden über uns selbst stellen sollen, weil die Wahrheit nicht nur in uns steckt, sondern wir tatsächlich die Wahrheit sind. Warum sollte man das Wesen töten wollen, das einem auf seinem Weg geholfen hat? Das hat nichts mit Gewalt oder Wut zu tun, sondern damit, ein Gefühl loszuwerden – in diesem Fall Dankbarkeit –, das zur Hürde geworden ist. Die Stützräder am Fahrrad waren dazu da, uns Kinder vor Stürzen zu bewahren. Wir behalten sie nicht am Rad, nachdem wir gelernt haben, selbst die Balance zu halten, und wir vergolden sie auch nicht oder verzieren sie mit Juwelen und stellen sie auf einen Altar. Wir bauen diese Stützräder einfach nach einer Weile ab und fahren ohne sie weiter. Dabei ist es genau diese Art der Götzenverehrung, die viele von uns davon abhält, sich weiter vorwärts zu bewegen.

Dieses Problem wird durch unsere Kultur der Persönlichkeitenverehrung noch begünstigt. Wir können über Nordkorea und seinen raffinierten Führerkult lachen oder ihn mit Grauen betrachten. Aber man muss sich nur die Zeitungen am Kiosk oder eine der zahlreichen TV-Shows, die sich mit »berühmten« Persönlichkeiten beschäftigen, ansehen, um zu verstehen, wie tief wir selbst in diesem dichten Nebel stecken. Das spirituelle Leben einer Kultur enthält immer auch einige Aspekte des breiteren, öffentlichen Unbewussten. Es ist uns in Fleisch und Blut übergegangen, unseren Lehrer zu einem prominenten Götzen zu machen – und es zu tun, ohne die ursprüngliche Wunde zu untersuchen, die unsere Lust nach Berühmtheit überhaupt erst antreibt. Ein unausweichlicher Teil dieser Projektion ist das Gefühl des Besitzes: Der Promi-Guru ist unser Guru, was wiederum zu einer weiteren Vergrößerung des Ego führt. Und so verlieren wir die Wahrheit, dass wir alle eins sind und es daher keinen Grund gibt, eine andere Person über uns zu stellen. Wir können einem Taxifahrer extrem dankbar dafür sein, dass er uns an unser Ziel gebracht hat, aber wir werden uns ihm deshalb sicher nicht für den Rest unseres Lebens unterwerfen. Es ist eine Eigenschaft aller großen Lehrer, dass sie uns ihre Einheit mit uns mitteilen. Auf der anderen Seite ist es ein Zeichen halbgarer Lehrer, dass sie ständig ihre Überlegenheit betonen.

Wir alle sind unendlich trickreiche Wesen mit der Fähigkeit, jedes Mittel oder jeden Lehrer dazu zu nutzen, unsere Egos zu stärken. Wir können uns in einem heiligen Gewand, einer Yoga-Praxis, hinter Psychotherapie oder schamanischen Ritualen verstecken. Alles, was unser Selbstbild stärkt, ist ein Feind und ein Hindernis. So vieles von dem, was als »Selbsthilfe« durchgeht, ist reine Egoschmeichelei; es existiert, um das Gefühl unserer eigenen Wichtigkeit als Suchende auf dem Weg zu stimulieren und zu hofieren. Unsere Reaktion auf das Leben ist der größte Test dafür, wie wir wirklich vorankommen. Werden unsere Vorlieben für oder Aversionen gegen das, was uns das Leben bringt, stärker oder schwächer? Nehmen unsere Vorurteile ab und wächst unsere Toleranz? Bauen wir Brücken von unserer täglichen Meditationspraxis zu unserem Verhalten bei der Arbeit oder mit unseren Partnern? Unsere Seelen lassen sich nicht täuschen; das Göttliche kann man nicht hintergehen. Es strahlt seine Anmut aus, indem es uns zuerst sanft und bald ganz brutal den Boden unter den Füßen wegreißt.

Auf dem spirituellen Weg und in der Welt an sich können Ismen ein Fluch sein, weil sie das von Natur aus unwahre, aber trotzdem tief verinnerlichte Gefühl der Trennung verstärken, unter dem wir alle leiden. Wir müssen ehrlich werden, wenn wir den Weg zu unserer Erweckung finden und ihm folgen. Intellektuelles Wissen und Konzepte sind hier unbrauchbar. Sie sind nicht in Erfahrung verankert und können uns daher auf Abwege führen. Die technischen Zeichnungen des Architekten und das fertige Haus sind zwei völlig unterschiedliche Dinge: Das eine kann ein Vorläufer des anderen sein, aber bis wir nicht unsere Ärmel aufkrempeln, sind die Baupläne als Dach über dem Kopf ungeeignet. Wir müssen all unsere Geschichten aufgeben, damit es uns möglich wird, einen Blick auf die Wahrheit zu werfen. Wenn Sie diesen Text lesen, kann es sein, dass Ihr Wecker schon geklingelt hat. Vielleicht liegen Sie noch immer im Bett und fragen sich, ob Sie aufstehen sollen, obwohl Sie sich schon wund gelegen haben. Vielleicht sind Sie auch schon vor langer Zeit aufgestanden und dann auf der Couch wieder eingeschlafen. Vielleicht kämpfen Sie aber auch für die gute Sache und stehen völlig wach auf Ihren Füßen. Egal wo wir momentan sind, lassen Sie uns einander dazu anhalten, heute ein bisschen mehr zu sterben, ein Stück weiter loszulassen und ein wenig mehr zu erinnern.

Wenn sich Sucht als Spiritualität maskiert

Ich habe mein Berufsleben als Akupunkteur begonnen und vor allem Drogenabhängige und Alkoholiker in der South Bronx von New York City behandelt. Es war eine einfache Aufgabe für mich, denn ich selbst war drogensüchtig gewesen und hatte einige enge Freunde durch die verheerenden Auswirkungen der Sucht verloren. Ich begann damit kurz bevor die fabelhaft absurde Anti-Drogen-Kampagne »Just say no« (»Sag einfach Nein«) startete, die meine Kollegen und ich als »Just say yo« (»Sag einfach Ja«) veralberten. Sie verdeutlichte die völlig falschen Vorstellungen und die Missverständnisse, die damals über den Abgrund und das Ausmaß dieser Krankheit herrschten.

Unsere Gesellschaft kommt inzwischen langsam dahin, dieses Elend in all seinen verstörenden Verkleidungen zu verstehen und Therapien dafür anzubieten. Angefangen bei spezialisierten stationären Behandlungszentren und Gruppentherapien bis zu einer Vielzahl von Zwölf-Schritte-Programmen gibt es endlich einige standardisierte Behandlungsmethoden für Menschen, die Heilung suchen. In der Rückschau ist es bemerkenswert, dass chronische Sucht erst im letzten Jahrhundert als Krankheit klassifiziert wurde, da es sich vielleicht um die sichtbarste Erkrankung in der Geschichte unserer Spezies handelt. Man muss nur mal an einige unserer populärsten gesellschaftlichen und literarischen Archetypen denken: den Don Juan beispielsweise oder auch den »Partylöwen« oder den coolen, verlebten Rockstar. Würden wir nicht anders über sie denken, wenn wir die beschönigenden Beschreibungen wegließen und sie ehrlicherweise als Sexabhängigen, Alkoholiker oder Junkie bezeichneten? Möglicherweise finden wir uns auch viel zu hip für solche veralteten Stereotypen der Zügellosigkeit. Schließlich verbringen wir sechzig Stunden die Woche im Büro, zehn Stunden pro Woche im Sportstudio, drei Stunden täglich mit Internet-Surfen und unsere Wochenenden mit Einkaufen. Wo ist denn dabei die Sucht?

Die Titelgeschichten in unseren Medien reflektieren auf perfekte Art und Weise unsere internen Abläufe im Zusammenhang mit Sucht. Unsere Standardeinstellung ist das Leugnen – wir wollen den Spaß nicht aufgeben, den uns unser Suchtverhalten verschafft (oder einmal verschafft hat), also streiten wir unsere Abhängigkeit intellektuell ab. Wir sind vielleicht nicht wie der Trinker, der im Morgengrauen »Nie wieder!« schwört, aber wir sind näher dran, als wir denken. Möglicherweise ist dies das schwierigste Thema im Zusammenhang mit Sucht: die geheime, aber universelle Wahrheit, dass wir auf irgendeiner Ebene alle Süchtige sind. Das trifft auf den spirituellen Weg genauso zu wie auf die Kneipe.

Vorausgesetzt, dass wir keine chronischen Drogensüchtigen auf der Überholspur zur Selbstzerstörung sind, können wir die spirituelle Suche als einen Weg nutzen, unsere Selbsterkenntnis zu schärfen und unser Verhalten im Zusammenhang mit diesen Suchtverhalten abzuschwächen. Aber bevor wir damit beginnen, müssen wir uns eine Sache sehr deutlich machen: Spirituelle Praxis und nicht untersuchte Sucht können nicht nebeneinander existieren. Die eine gräbt einen Brunnen; die andere schüttet ihn wieder zu.

Ein Süchtiger kann jeder sein, der ein Verhalten nutzt, um der Realität zu entfliehen oder es zu vermeiden, im Hier und Jetzt zu sein. Süchte sind nie statisch: Entweder setzen wir uns mit ihnen auseinander oder wir versinken tiefer in ihnen. Egal ob wir glauben, dass Sucht eine Reaktion auf emotionalen Schmerz, genetische Anomalie oder ein chemisches Ungleichgewicht ist, alles beginnt mit dem tief in uns verankerten Trieb hin zu Vergnügen und weg vom Schmerz. Freud identifizierte die psychologische Komponente in seinem brillanten Aufsatz über das Lustprinzip. Die Neurowissenschaft holte ihn mit der Entdeckung ein, dass das Gehirn die Kapazität hat, im Zusammenhang mit bestimmten Gedanken und Erfahrungen nahezu orgastische Glückseruptionen auszulösen. Das Zusammenspiel unserer Psyche und der chemischen Prozesse in unserem Gehirn zwingt uns wortwörtlich dazu. Um das zu verstehen, müssen wir uns nur den sexuellen Fetischismus und seine unvorstellbar lange (und detaillierte) Inventarliste erotischer Fixierungen ansehen. Nicht nur, dass wir alle Süchtige sind; wir sind außerdem in der Lage, von allem Möglichen abhängig zu werden.

Es könnte sein, dass wir die erste Droge übersehen, die wir benutzen, um emotionalen Schmerz abzuwehren – ununterbrochenes Nachdenken. Alle spirituellen Wege bieten uns einen Ausweg daraus. In den westlichen Religionen ist das Gebet ein Weg, die Gedanken zu unterbrechen, indem man seinen Geist auf Gott konzentriert. In der östlichen Tradition lädt uns Meditation dazu ein, den Geist zu leeren und die Einheit mit der Lebensquelle zu erfahren. Wie jeder, der meditiert, sehr schnell erfährt, ist es eine unfassbar schwierige Aufgabe, seinen Geist zur Ruhe zu bringen. Die elementare Übung, zehn Ausatmungen zu zählen, ohne gedanklich abzuschweifen, wird fast immer misslingen – was Teil ihres Zwecks ist. Wenn wir unsere wiederkehrenden, zwanghaften Denkmuster beobachten, gibt uns das die erste Gelegenheit, sie zu durchbrechen. Der Prozess unterscheidet sich nicht von dem des Alkoholikers, der sich eingesteht, dass er ein Alkoholproblem hat. Bei jedem zwanghaften Verhalten ist Sucht am Werk.

Während wir uns weiter auf dem Pfad bewegen, vertieft sich unsere Selbsterkenntnis über Sucht. Vielleicht haben wir uns ein tägliches Meditationsritual angewöhnt oder mit einem Yoga-Programm begonnen. Jetzt können wir uns mit dem Konzept des »Affenhirns« identifizieren – der verrückten plappernden Stimme, die ständig unsere Gedanken überfällt. Vielleicht haben wir auch ein Kloster oder ein Yoga-Retreat besucht, wo wir uns die Zeit und den Raum geben können, die Aktivitäten unseres Geistes gründlich zu untersuchen. All das wäre empfehlenswert und wertvoll, aber an diesem Punkt muss sich unsere Aufmerksamkeit erhöhen und nicht verringern. Unser süchtiges Wesen ist nicht vertrieben – es hat nur einen anderen Lebensraum gefunden. Retreats oder Intensivprogramme können dann schnell zu Schlachtfeldern werden, auf denen wir uns mit anderen im Bezug auf unsere Entschlossenheit messen, spirituell ganz zu werden. Wir quälen unsere Körper, zerstören Bänder und Sehnen durch rigorose physische Übungen, ohne dabei auf unsere eigenen Grenzen zu achten.

In dem Bemühen um einen Durchbruch streben wir geradezu nach Erschöpfung oder gar nach dem mentalen Zusammenbruch. Durch diesen Prozess werden unsere Egos mit Überlegenheitsgefühlen und Stolz gestärkt, und wir merken nicht einmal mehr, dass wir jegliche Formen von Weichheit oder Freundlichkeit aus den Augen verloren haben. Wir sind dann vielleicht nicht mehr am Morgen betrunken, aber wir sind wie das junge Model, das sich im Dienst einer idealisierten und unsinnigen Idee von Perfektion schlank hungert.

Über die Jahre habe ich zahlreiche Menschen auf der spirituellen Suche erlebt, die alle gute Vorsätze hatten, aber ihren Weg dadurch verloren, dass sie nicht mehr auf ihre Sucht-Muster geachtet haben. Yoga ist besonders anfällig für dieses Syndrom, wie ich an anderer Stelle in diesem Buch näher erörtere. Im besten Fall bietet Yoga eine leistungsstarke Disziplin, mit der man den bewussten Geist und den Körper in Harmonie bringen kann. Aber in unserer ergebnisorientierten, narzisstischen Kultur wird es oft als Weg missbraucht, einen tollen Körper zu bekommen und gleichzeitig spirituelle Pluspunkte zu sammeln. Ich will damit nicht alle Yoga-Praktizierenden als Narzissten verurteilen. Aber wenn wir Sucht untersuchen, müssen wir nicht nur unsere individuelle, sondern auch unsere kulturelle Programmierung berücksichtigen. Beispielsweise glorifiziert unsere Kultur die Erfahrungen und den Ausdruck des Individuums auf eine Art und Weise, die in den östlichen Kulturen nicht existiert. Die traditionelle Aufgabe des Yoga ist, den Knoten des Ego durch Bewegung und Meditation zu lösen; die Einführung dieses Systems in eine hochgradig konkurrenzbetonte, auf das Individuum gerichtete Kultur hat unausweichlich Krisenherde geschaffen, die unserer erhöhten Aufmerksamkeit bedürfen.