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Höchste Eisenbahn!
Ein literarischer Zugbegleiter

Thomas Vogel (Hg.)

Höchste Eisenbahn!

Ein literarischer Zugbegleiter

KLÖPFER&MEYER

Die Schreibweise und auch die Interpunktion folgen einer moderaten neuen deutschen Rechtschreibung. Bei wenigen älteren Texten wurde die originale Schreibung beibehalten.

Herausgeber und Verlag danken allen Rechte-Inhabern für die erteilten Abdruckgenehmigungen. Sollten Rechte Dritter irrtümlich übersehen worden sein, so ist der Verlag selbstverständlich bereit, rechtmäßige Ansprüche nach Anforderung abzugelten.

© 2016 Klöpfer & Meyer Verlag GmbH & Co. KG, Tübingen.
Alle Rechte vorbehalten.
ISBN 978-3-86351-427-3
eISBN 978-3-86351-269-9

Umschlaggestaltung: Christiane Hemmerich
Konzeption und Gestaltung, Tübingen.
Titelfoto: Fotolia, Alexander Potapov.
Herstellung: Horst Schmid, Mössingen.
Korrektorat: Sabine Besenfelder, Tübingen.
Satz: Alexander Frank, Ammerbuch.

Mehr über das Verlagsprogramm von Klöpfer & Meyer
finden Sie unter: www.kloepfer-meyer.de

Nicht hinauslehnen!
Ne pas se pencher au dehors!
É pericoloso sporgersi!
Danger! Do not lean out!
Det är livsfarligt att luta sig ut!
Niet naar buiten hangen!

Vorwort

Die Frage ist doch berechtigt: Wieso eigentlich drängt es den Menschen nach draußen, in den Schnee, in den Regen, in die unwirtliche Welt, auf zugige Bahnsteige und hinein in überfüllte und überteuerte Züge, wo es keine kuscheligen Kissen und keine gemütlichen Betten gibt.

Wir reisen aus demselben Grund, aus dem wir auch lesen: Weil wir auf der Suche nach Geschichten sind. Denn:

Wenn jemand eine Reise tut,

So kann er was verzählen;

Drum nahm ich meinen Stock und Hut,

Und tät das Reisen wählen.


Matthias Claudius bringt es poetisch auf den Punkt.

Ins gleiche Horn stößt Wilhelm Busch:

Viel zu spät begreifen viele

Die versäumten Lebensziele:
Freude, Schönheit der Natur.
Gesundheit, Reisen und Kultur,
Darum, Mensch, sei zeitig weise!
Höchste Zeit ist’s! Reise, reise!


Und mit bedauerndem Unterton vermerkt Kurt Tucholsky: Ich höre nachts die Lokomotiven pfeifen, sehnsüchtig schreit die Ferne, und ich drehe mich im Bett herum und denke »Reisen …!«

A propos Bett. Mark Twain dreht den Spieß um, indem er darauf verweist, dass unvergleichlich viel mehr Menschen im Bett sterben als beispielsweise in Zügen. »Sie werden verstehen«, so Twain, »dass ich keinerlei Risiko mit diesen Betten eingehe.« Entsprechend reich war seine Ausbeute an Geschichten.

Seit die Eisenbahn fährt, erregt sie die Gemüter nicht nur der Reisenden im Allgemeinen, sondern ganz besonders die der Literaten. Euphorisch begrüßt von den einen, zum Teufel geschickt von den anderen. Und tausendfach entdeckt als Ort der Handlung und oft als deren Wendepunkt.

Von der Eisenbahn erzählen fast alle: Hermann Hesse, Mark Twain, Sten Nadolny, Thomas Mann, Franz Kafka, Heinrich Heine, Karl Valentin, Charles Dickens, Michael Ende, Joseph Roth, Franz Hohler, Jack London, Wolfgang Hildesheimer, Jules Verne, Kurt Tucholsky, Martin Walser, Robert Walser, Eugen Roth, Hans Christian Andersen, Leo Tolstoi, Erich Kästner, Harald Schmidt – um nur ein paar wenige zu nennen.

Darüber hinaus wird die Eisenbahn besungen, nicht nur als »Schwäb’sche Eise’bahne« von Stuttgart nach Durlesbach, sondern auch als Fahrt mit einer Dampflok von New York City nach Chattanooga in Tennessee – beziehungsweise als Sonderzug von Hamburg/West nach Pankow/Ost.

Große Welt – kleine Welt: Auch die Eisenbahn en miniature, die im Maßstab 1:87 zigtausendfach durch deutsche Wohnzimmer oder Kellerräume fährt, hat ihre Geschichten …

Johann Peter Eckermann, 1792 – 1854

Visionär Goethe

Wir sprachen sodann über die Einheit Deutschlands, und in welchem Sinne sie möglich und wünschenswert sei.

»Mir ist nicht bange«, sagte Goethe, »daß Deutschland nicht eins werde; unsere guten Chausseen und künftigen Eisenbahnen werden schon das ihrige thun. Vor allem aber sei es eins in Liebe untereinander, und immer sei es eins, daß der deutsche Thaler und Groschen im ganzen Reiche gleichen Wert habe; eins, daß mein Reisekoffer durch alle sechsunddreißig Staaten ungeöffnet passieren könne.

Es sei eins, daß der städtische Reisepaß eines weimarischen Bürgers von dem Grenzbeamten eines großen Nachbarstaats nicht für unzulänglicher gehalten werde als der Paß eines Ausländers.

Es sei von Inland und Ausland unter deutschen Staaten überall keine Rede mehr. Deutschland werde ferner eins in Maß und Gewicht, in Handel und Wandel, und hundert ähnlichen Dingen, die ich nicht alle nennen kann und mag.«

Jetzt pfeift der Dampf und läßt im Sturm uns reisen;
Verwandelt ward die Zeit und wir mit ihr.

Emanuel Geibel,1815 – 1884

Justinus Kerner, 1786 – 1862

Im Eisenbahnhofe 1852

Hört ihr den Pfiff, den wilden, grellen,

Es schnaubt, es rüstet sich das Tier,

Das eiserne, zum Zug, zum schnellen,

Her braust’s wie ein Gewitter schier.

In seinem Bauche schafft ein Feuer,

Das schwarzen Qualm zum Himmel treibt;

Ein Bild scheint’s von dem Ungeheuer,

Von dem die Offenbarung schreibt.

Jetzt welch ein Rennen, welch Getümmel,

Bis sich gefüllt der Wagen Raum!

Drauf »Fertig!« schreit’s, und Erd und Himmel

Hinfliegen, ein dämon’scher Traum.

Dampfschnaubend Tier! Seit du geboren,

Die Poesie des Reisens flieht;

Zu Roß mit Mantelsack und Sporen

Kein Kaufherr mehr zur Messe zieht.

Kein Handwerksbursche bald die Straße

Mehr wandert froh in Regen, Wind,

Legt müd sich hin und träumt im Grase

Von seiner Heimat schönem Kind.

Kein Postzug nimmt mit lust’gem Knallen

Bald durch die Stadt mehr seinen Lauf

Und wecket mit des Posthorns Schallen

Zum Mondenschein den Städter auf.

Auch bald kein trautes Paar die Straße

Gemütlich fährt im Wagen mehr,

Aus dem der Mann steigt und vom Grase

Der Frau holt eine Blume her.

Kein Wandrer bald auf hoher Stelle,

Zu schauen Gottes Welt, mehr weilt,

Bald alles mit des Blitzes Schnelle

An der Natur vorübereilt.

Ich klage: Mensch, mit deinen Künsten

Wie machst du Erd und Himmel kalt!

Wär ich, eh du gespielt mit Dünsten,

Geboren doch im wildsten Wald!

Wo keine Axt mehr schallt, geboren,

Könnt’s sein, in Meeres stillem Grund,

Daß nie geworden meinen Ohren

Je was von deinen Wundern kund.

Fahr zu, o Mensch! Treib’s auf die Spitze,

Vom Dampfschiff bis zum Schiff der Luft!

Flieg mit dem Aar, flieg mit dem Blitze!

Kommst weiter nicht als bis zur Gruft.

Theodor Fontane, 1819 – 1898

Die Brück’ am Tay

(28. Dezember 1879)

When shall we three meet again?
Macbeth

»Wann treffen wir drei wieder zusamm?«

»Um die siebente Stund’, am Brückendamm.«

»Am Mittelpfeiler.«

»Ich lösche die Flamm.«

»Ich mit.«

»Ich komme vom Norden her.«

»Und ich vom Süden.«

»Und ich vom Meer.«

»Hei, das gibt einen Ringelreihn,

Und die Brücke muß in den Grund hinein.«

»Und der Zug, der in die Brücke tritt

Um die siebente Stund’?«

»Ei, der muß mit.«

»Muß mit.«

»Tand, Tand

Ist das Gebilde von Menschenhand!«

Auf der Norderseite, das Brückenhaus –

Alle Fenster sehen nach Süden aus,

Und die Brücknersleut’ ohne Rast und Ruh

Und in Bangen sehen nach Süden zu,

Sehen und warten, ob nicht ein Licht

Übers Wasser hin »Ich komme« spricht,

»Ich komme, trotz Nacht und Sturmesflug,

Ich, der Edinburger Zug.«

Und der Brückner jetzt: »Ich seh’ einen Schein

Am anderen Ufer. Das muß er sein.

Nun, Mutter, weg mit dem bangen Traum,

Unser Johnie kommt und will seinen Baum,

Und was noch am Baume von Lichtern ist,

Zünd’ alles an wie zum heiligen Christ,

Der will heuer zweimal mit uns sein, –

Und in elf Minuten ist er herein.«

Und es war der Zug. Am Süderturm

Keucht er vorbei jetzt gegen den Sturm,

Und Johnie spricht: »Die Brücke noch!

Aber was tut es, wir zwingen es doch.

Ein fester Kessel, ein doppelter Dampf,

Die bleiben Sieger in solchem Kampf.

Und wie’s auch rast und ringt und rennt,

Wir kriegen es unter, das Element.

Und unser Stolz ist unsre Brück’;

Ich lache, denk’ ich an früher zurück,

An all den Jammer und all die Not

Mit dem elend alten Schifferboot;

Wie manche liebe Christfestnacht

Hab’ ich im Fährhaus zugebracht

Und sah unsrer Fenster lichten Schein

Und zählte und konnte nicht drüben sein.«

Auf der Norderseite, das Brückenhaus –

Alle Fenster sehen nach Süden aus,

Und die Brücknersleut’ ohne Rast und Ruh

Und in Bangen sehen nach Süden zu;

Denn wütender wurde der Winde Spiel,

Und jetzt, als ob Feuer vom Himmel fiel’,

Erglüht es in niederschießender Pracht

Überm Wasser unten… Und wieder ist Nacht.

»Wann treffen wir drei wieder zusamm?«

»Um Mitternacht, am Bergeskamm.«

»Auf dem hohen Moor, am Erlenstamm.«

»Ich komme.«

»Ich mit.«

»Ich nenn’ euch die Zahl.«

»Und ich die Namen.«

»Und ich die Qual.«

»Hei!

Wie Splitter brach das Gebälk entzwei.«

»Tand, Tand

Ist das Gebilde von Menschenhand.«

Theodor Fontane, 1819 – 1898

Effi Briest

Elftes Kapitel

Die Fahrt verlief ganz wie geplant. Um ein Uhr hielt der Schlitten unten am Bahndamm vor dem Gasthaus »Zum Fürsten Bismarck«, und Golchowski, glücklich, den Landrat bei sich zu sehen, war beflissen, ein vorzügliches Dejeuner herzurichten. Als zuletzt das Dessert und der Ungarwein aufgetragen wurden, rief Innstetten den von Zeit zu Zeit erscheinenden und nach der Ordnung sehenden Wirt heran und bat ihn, sich mit an den Tisch zu setzen und ihnen was zu erzählen. Dazu war Golchowski denn auch der rechte Mann; auf zwei Meilen in der Runde wurde kein Ei gelegt, von dem er nicht wußte. Das zeigte sich auch heute wieder. Sidonie Grasenabb, Innstetten hatte recht vermutet, war, wie vorige Weihnachten, so auch diesmal wieder auf vier Wochen zu »Hofpredigers« gereist; Frau von Palleske, so hieß es weiter, habe ihre Jungfer wegen einer fatalen Geschichte Knall und Fall entlassen müssen, und mit dem alten Fraude steh es schlecht – es werde zwar in Kurs gesetzt, er sei bloß ausgeglitten, aber es sei ein Schlaganfall gewesen, und der Sohn, der in Lissa bei den Husaren stehe, werde jede Stunde erwartet. Nach diesem Geplänkel war man dann, zu Ernsthafterem übergehend, auf Varzin gekommen. »Ja«, sagte Golchowski, »wenn man sich den Fürsten so als Papiermüller denkt! Es ist doch alles sehr merkwürdig; eigentlich kann er die Schreiberei nicht leiden und das bedruckte Papier erst recht nicht, und nun legt er doch selber eine Papiermühle an.«

»Schon recht, lieber Golchowski«, sagte Innstetten, »aber aus solchen Widersprüchen kommt man im Leben nicht heraus. Und da hilft auch kein Fürst und keine Größe.«

»Nein, nein, da hilft keine Größe.«

Wahrscheinlich, daß sich dies Gespräch über den Fürsten noch fortgesetzt hätte, wenn nicht in ebendiesem Augenblicke die von der Bahn her herüberklingende Signalglocke einen bald eintreffenden Zug angemeldet hätte. Innstetten sah nach der Uhr. »Welcher Zug ist das, Golchowski?«

»Das ist der Danziger Schnellzug; er hält hier nicht, aber ich gehe doch immer hinauf und zähle die Wagen, und mitunter steht auch einer am Fenster, den ich kenne. Hier, gleich hinter meinem Hofe, führt eine Treppe den Damm hinauf, Wärterhaus 417 …«

»Oh, das wollen wir uns zunutze machen«, sagte Effi. »Ich sehe so gern Züge …«

»Dann ist es die höchste Zeit, gnäd’ge Frau.«

Und so machten sich denn alle drei auf den Weg und stellten sich, als sie oben waren, in einem neben dem Wärterhaus gelegenen Gartenstreifen auf, der jetzt freilich unter Schnee lag, aber doch eine freigeschaufelte Stelle hatte. Der Bahnwärter stand schon da, die Fahne in der Hand. Und jetzt jagte der Zug über das Bahnhofsgeleise hin und im nächsten Augenblick an dem Häuschen und an dem Gartenstreifen vorüber. Effi war so erregt, daß sie nichts sah und nur dem letzten Wagen, auf dessen Höhe ein Bremser saß, ganz wie benommen nachblickte.

»Sechs Uhr fünfzig ist er in Berlin«, sagte Innstetten, »und noch eine Stunde später, so können ihn die Hohen-Cremmer, wenn der Wind so steht, in der Ferne vorbeiklappern hören. Möchtest du mit, Effi?«

Sie sagte nichts. Als er aber zu ihr hinüberblickte, sah er, daß eine Träne in ihrem Auge stand.

Effi war, als der Zug vorbeijagte, von einer herzlichen Sehnsucht erfaßt worden. So gut es ihr ging, sie fühlte sich trotzdem wie in einer fremden Welt. Wenn sie sich eben noch an dem einen oder andern entzückt hatte, so kam ihr doch gleich nachher zum Bewußtsein, was ihr fehlte. Da drüben lag Varzin, und da nach der anderen Seite hin blitzte der Kroschentiner Kirchturm auf und weithin der Morgenitzer, und da saßen die Grasenabbs und die Borckes, nicht die Bellings und nicht die Briests. »Ja, die!« Innstetten hatte ganz recht gehabt mit dem raschen Wechsel ihrer Stimmung, und sie sah jetzt wieder alles, was zurücklag, wie in einer Verklärung. Aber so gewiß sie voll Sehnsucht dem Zug nachgesehen, sie war doch andererseits viel zu beweglichen Gemüts, um lange dabei zu verweilen, und schon auf der Heimfahrt, als der rote Ball der niedergehenden Sonne seinen Schimmer über den Schnee ausgoß, fühlte sie sich wieder freier; alles erschien ihr schön und frisch, und als sie, nach Kessin zurückgekehrt, fast mit dem Glockenschlag sieben in den Gieshüblerschen Flur eintrat, war ihr nicht bloß behaglich, sondern beinah übermütig zu Sinn, wozu die das Haus durchziehende Baldrian- und Veilchenwurzelluft das ihrige beitragen mochte.

Hans Christian Andersen, 1805 – 1875

Oh, welches große Werk …

Oh, welches große Werk des Geistes ist doch diese Erfindung! Man fühlt sich ja mächtig wie ein Zauberer der Vorzeit! Wir spannen unser magisches Pferd vor den Wagen und der Raum verschwindet; wir fliegen wie die Wolken im Sturm, wie der Zugvogel fliegt; unser wildes Pferd wiehert und schnaubt, der Dampf entsteigt seinen Nüstern. Schneller konnte Mephistopheles nicht mit Faust auf seinem Käppchen fliegen! Wir sind durch natürliche Mittel in unserer Zeit ebenso stark, als man im Mittelalter nur durch die Hilfe des Teufels sein konnte! Wir sind ihm durch unseren Verstand an die Seite gekommen, und ehe er es selber weiß, sind wir an ihm vorbei.

Die Zeit wird kommen, in der Menschen in dampfbetriebenen Postkutschen von einer Stadt zur anderen reisen, fast so schnell wie ein Vogel fliegt, fünfzehn oder zwanzig Meilen in der Stunde.

Oliver Evans, amerikanischer Erfinder, 1755 – 1819

Jules Verne, 1828 – 1905

In 80 Tagen um die Welt

Kapitel 29

– Die Stunden hier auf der Eisenbahn sind doch recht lang und langweilig.

– In der That, erwiderte der Gentleman, aber sie gehen doch vorüber.

– Pflegten Sie nicht während der Schiffsreisen Ihr Spielchen Whist zu machen? fragte der Agent.

– Ja, erwiderte Phileas Fogg, aber hier wäre das schwierig. Ich habe weder Karten, noch Mitspieler.

– O! Karten werden wir schon zu kaufen bekommen. Auf den amerikanischen Waggons gibt es alles zu kaufen. Und was Mitspieler betrifft, wenn vielleicht, Madame …

– O gewiß, mein Herr, erwiderte lebhaft die junge Frau, ich verstehe Whist. Es gehört ja zur englischen Erziehung.

– Und ich, fuhr Fix fort, bilde mir sogar ein, gut zu spielen. Nun, also wir drei und ein Strohmann …

– Nach Ihrem Belieben, mein Herr, erwiderte Phileas Fogg, der froh war, sein Lieblingsspiel selbst auf der Eisenbahn zu spielen.

Passepartout wurde abgeschickt, den Stewart aufzusuchen, und brachte bald zwei vollständige Kartenspiele, Marken und ein mit Tuch beschlagenes Tischchen. Es fehlte nichts, und das Spiel nahm gleich seinen Anfang. Mrs. Aouda verstand Whist zu Genüge, so daß ihr der strenge Phileas Fogg sogar darüber Komplimente machte. Der Polizei-Agent war besonders stark darin, und konnte dem Gentleman die Spitze bieten.

– Jetzt, sprach Passepartout zu sich selbst, haben wir ihn fest!

Um elf Uhr Vormittags befand sich der Zug auf dem Höhepunkt der Wasserscheide zwischen den beiden Ozeanen, zu Passe-Bridger, 7.524 Fuß über dem Meeresspiegel. Noch etwa zweihundert Meilen, dann befand man sich auf den weit ausgedehnten, bis zum Atlantischen Meere reichenden Ebenen, welche der Anlage von Eisenbahnen so günstig sind.

Bereits kamen die ersten Quellflüsse der Atlantischen Abdachung zum Vorschein, Neben- und Zuflüsse des obern Platte-River. Am ganzen nördlichen und östlichen Horizont ragte der ungeheure halbkreisförmige Mittelwall, welcher den nördlichen Teil des Felsengebirges bildet, der vom Pic Laramie beherrscht wird. Zwischen diesem krummen Höhenzug und der Eisenbahn breiteten sich ungeheure, reichlich von Gewässern durchströmte Ebenen aus. Rechts von dem Schienenweg stuften sich die ersten Abhänge des Hauptgebirgsstocks ab, welcher im Süden bis zu den Quellen des Arkansas, einem der großen Nebenflüsse des Missouri, reicht.

Um halb eins bekamen die Reisenden einen Augenblick das Fort Halleck zu sehen, welches diese Gegend beherrscht. In einigen Stunden konnte man über das Felsengebirge hinaus sein, und es stand zu hoffen, daß kein Unfall mehr auf dieser schwierigen Stelle vorkommen werde. Der Schneefall hatte aufgehört, und es trat trockene Kälte ein. Von der Lokomotive aufgescheucht, entflohen weithin die Vögel; kein Rotwild, Bär oder Wolf zeigte sich auf der Ebene, einer kahlen Einöde von ungeheurer Ausdehnung.

Nach einem erquicklichen, im Bahnwagen eingenommenen Frühstück hatten Herr Fogg und seine Spielgenossen eben ihr Whist, das kein Ende nehmen wollte, wieder begonnen, als man heftiges Pfeifen vernahm. Der Zug hielt an.

Passepartout steckte den Kopf zum Fenster hinaus, und sah nichts, was zu diesem Anhalt veranlasst haben konnte. Keine Station war zu sehen.

Mrs. Aouda und Fix mochten eine Weile befürchten, Herr Fogg werde auf den Gedanken kommen auszusteigen. Aber der Gentleman sagte nur zu seinem Diener:

»Sehen Sie doch, was es giebt.«

Passepartout sprang aus dem Waggon. Bei vierzig Reisende waren ebenfalls ausgestiegen, darunter der Oberst Stamp Proctor.

Der Zug hatte vor einem rothen Signalzeichen eingehalten, welches den Weg sperrte. Der Maschinist und der Conducteur waren ausgestiegen und disputirten lebhaft mit einem Bahnwärter, welchen der Bahnhofdirektor der Station Medecine-Bow dem Zug entgegengeschickt hatte. Einzelne der Reisenden hatten sich dazugesellt und nahmen an dem Disput Teil, – unter andern der gedachte Oberst Proctor mit seinem lauten Ton und gebieterischen Gebärden.

Passepartout hörte, als er zu der Gruppe kam, wie der Bahnwärter sprach:

»Nein! Es ist nicht möglich hinüberzukommen! Die Brücke von Medecine-Bow ist schadhaft und verträgt nicht mehr das Gewicht des Zugs.«

Die fragliche Brücke war eine Hängebrücke über einen reißenden Bergstrom, eine Meile von der Stelle entfernt, wo der Zug stehen geblieben war. Nach Aussage des Bahnwärters waren einige der Hängeketten zersprungen, und man durfte ein Darüberfahren nicht riskieren.

Es war das gar keine Übertreibung. Und zudem bei der gewöhnlichen Fahrlässigkeit der Amerikaner kann man annehmen, daß, wenn sie wirklich einmal vorsichtig sind, man wahnsinnig wäre, wollte man es nicht sein.

Da Passepartout nicht wagte, seinem Herrn davon Kenntnis zu geben, so hörte er mit grimmiger Miene zu, unbeweglich wie eine Statue.

– Ei was! schrie der Oberst Proctor, wir werden doch nicht, denk’ ich, hier im Schnee einwurzeln!

– Oberst, versetzte der Conducteur, man hat nach der Station Omaha telegraphiert, um einen Extrazug von dort aus, aber es ist nicht wahrscheinlich, dass er vor sechs Uhr zu Medecine-Bow ankommt.

– Sechs Uhr! rief Passepartout.

– Allerdings, erwiderte der Conducteur. Übrigens brauchen wir auch soviel Zeit, um zu Fuß bis zur Station zu kommen.

– Doch ist sie nur eine Meile von uns entfernt, sagte ein Passagier.

– Eine Meile wohl, aber von der andern Seite des Flusses aus.

– Und kann man denn nicht auf einem Fahrzeug über den Fluss kommen? fragte der Oberst.

– Unmöglich. Es ist ein reißender Bergstrom, dessen Wasser vom Regen angeschwollen ist, und um eine Furt zu finden, müssten wir einen Umweg von zehn Meilen nordwärts machen.

Der Oberst schleuderte eine Kette von Flüchen über die Compagnie, den Conducteur, und Passepartout war zornig bereit, in seine Tonart einzustimmen. Hier war ein materielles Hindernis, gegen welches alle Banknoten seines Herrn nichts halfen.

Übrigens war die Verlegenheit und Unlust der Reisenden allgemein; denn außer dem Zeitverlust mussten sie fünfzehn Meilen zu Fuß über den schneebedeckten Boden machen. Daher gab es auch ein Durcheinander von Schreien und Rufen, das sicherlich Phileas Fogg aufmerksam gemacht hätte, wäre er nicht ganz in sein Spiel versunken gewesen.

Doch war Passepartout jetzt genötigt, ihm Mitteilung zu machen, und er ging schon mit gesenktem Kopf auf den Waggon zu, als der Maschinist des Zugs – ein echter Yankee, Forster mit Namen – seine Stimme erhob, und sprach:

– Meine Herren, vielleicht gibt es ein Mittel hinüberzukommen.

– Ueber die Brücke? fragte ein Passagier.

– Jawohl.

– Mit unserm Zug? fragte der Oberst.

– Mit unserm Zug.

Passepartout war stehen geblieben, hörte mit gespitzten Ohren dem Maschinisten zu.

– Aber die Brücke droht einzustürzen! versetzte der Conducteur.

– Einerlei, erwiderte Forster. Ich meine, wenn man den Zug mit höchstmöglicher Schnelligkeit in Bewegung setzte, könnte man doch hinüberkommen.

– Teufel! sagte Passepartout.

Aber eine Anzahl der Reisenden war gleich für den Vorschlag gewonnen; besonders der Oberst Proctor war damit zufrieden. Und schließlich stimmten alle Beteiligten demselben bei.

– Wir könnten fünfzig gegen hundert wetten, dass wir hinüber kommen, sagte der Eine.

– Sechzig, sagte der Andere.

– Achtzig! … Neunzig gegen hundert!«

Passepartout war ganz verdutzt, obwohl er Alles zu versuchen bereit war, um über den Medecinefluss zu kommen, aber das Vorhaben kam ihm doch allzu »amerikanisch« vor.

– Übrigens, dachte er, was hier geschehen muss, ist eine sehr einfache Sache, und diese Leute denken nicht einmal daran! … Mein Herr, sagte er zu einem der Passagiere, das von dem Maschinisten vorgeschlagene Mittel scheint mir etwas gewagt, allein …

– Achtzig gegen hundert, erwiderte der Passagier, und kehrte ihm den Rücken zu.

– Ich weiß es wohl, erwiderte Passepartout, und wendete sich an einen andern Gentleman, aber eine einfache Erwägung …

– Keine Erwägung, das taugt nichts! versetzte der Amerikaner mit Achselzucken; denn der Maschinist versichert, dass man hinüberkommt!

– Allerdings, fuhr Passepartout fort, wird man hinüberkommen, aber es wäre vielleicht vorsichtiger …

– Was! Vorsichtiger! rief der Oberst Proctor, den dies zufällig vernommene Wort außer sich brachte. Mit höchster Schnelligkeit! sagt man Euch! Verstehen Sie? Mit höchster Schnelligkeit!

– Ich weiß … ich verstehe … sagte Passepartout wiederholt, da man ihn nicht ausreden ließ; aber es wäre, wo nicht vorsichtiger, weil Sie diesen Ausdruck beanstanden, wenigstens viel natürlicher …

– Wer? was? wie? Was will denn der mit seinem natürlich? … rief man von allen Seiten.

Der arme Junge wußte nicht mehr, bei wem er sich Gehör verschaffen könnte.

– Fürchten Sie sich? fragte ihn der Oberst Proctor.

– Ich, fürchten! rief Passepartout. Nun denn, meinetwegen! Ich will diesen Leuten zeigen, daß ein Franzose ebenso amerikanisch sein kann wie sie!

– In die Wagen! in die Wagen! rief der Conducteur.

– Ja! in die Wagen, wiederholte Passepartout, in die Wagen! Und augenblicklich! Aber ich bleibe dabei, es wäre doch natürlicher, man ließe uns Passagiere zuerst zu Fuß über die Brücke gehen, und der Wagenzug folgte hinterdrein! …

Aber kein Mensch gab der gescheiten Bemerkung Gehör, und kein Mensch hätte Lust gehabt, ihre Richtigkeit anzuerkennen.

Die Reisenden stiegen wieder ein, Passepartout setzte sich wieder an seinen Platz, ohne von dem, was vorgegangen war, ein Wort zu sagen. Die Spieler waren unablässig bei ihrem Whist.

Die Lokomotive pfiff gewaltig. Der Maschinist ließ seinen Wagenzug erst eine Meile weit zurückgehen, – wie einer, der einen Sprung machen will, einen Anlauf nimmt.

Dann, auf ein zweites Pfeifen, fuhr man wieder vorwärts, mit stets wachsender Schnelligkeit, die bald erschrecklich wurde, man hörte nur noch ein fortwährendes Wiehern aus der Lokomotive; die Stempel gingen zwanzigmal in der Sekunde; die Achsen der Räder rauchten in den geschmierten Radbüchsen. Man fühlte, sozusagen, daß der gesamte Wagenzug, bei einer Schnelligkeit von hundert Meilen die Stunde, auf den Schienen kein Gewicht mehr hatte.

Und man kam hinüber! Blitzschnell! Von der Brücke sah man nichts. Die Wagen sprangen, kann man wohl sagen, von einem Ufer zum andern hinüber, und der Maschinist konnte seine vorwärts geschleuderte Maschine erst fünf Meilen über der Station hinaus zum Anhalten bringen.

Kaum aber war der Wagenzug über den Fluss hinaus, als die nun völlig ruinierte Brücke krachend in den Strudel des Medecine-Bow hinabstürzte.

Ein Eisenbahnunternehmen ist ein Unternehmen, gerichtet auf wiederholte Fortbewegung von Personen oder Sachen über nicht ganz unbedeutende Raumstrecken auf metallener Grundlage, welche durch ihre Konsistenz, Konstruktion und Glätte den Transport großer Gewichtsmassen, beziehungsweise die Erzielung einer verhältnismäßig bedeutenden Schnelligkeit der Transportbewegung zu ermöglichen bestimmt ist, und durch diese Eigenart in Verbindung mit den außerdem zur Erzeugung der Transportbewegung benutzten Naturkräften (Dampf, Elektricität, thierischer oder menschlicher Muskelthätigkeit, bei geneigter Ebene der Bahn auch schon der eigenen Schwere der Transportgefäße und deren Ladung, u. s. w.) bei dem Betriebe des Unternehmens auf derselben eine verhältnismäßig gewaltige (je nach den Umständen nur in bezweckter Weise nützliche, oder auch Menschenleben vernichtende und die menschliche Gesundheit verletzende) Wirkung zu erzeugen fähig ist.

Definition des Eisenbahnunternehmens durch das Reichsgericht 1879

Leo Tolstoi, 1828 – 1910

Anna Karenina

Als sie eben aus dem Wagen stiegen, lief ein Mann mit entsetztem Gesicht vorüber, gleich darauf dann auch der Bahnhofsinspektor mit seiner roten Mütze. Augenscheinlich war etwas Ungewöhnliches geschehen.

»Was gibt’s? Was? Wo?« hörte man unter den Vorübergehenden. Auch Oblonsky und seine Schwester waren mit erschreckten Gesichtern umgekehrt und standen wieder bei der Wagentür. Die Damen stiegen wieder in das Coupé, und Wronsky ging mit Oblonsky, um sich über die Einzelheiten des Unglücksfalls zu erkundigen. Ein Wächter, entweder betrunken oder weil er sich wegen der Kälte zu sehr eingehüllt und den zurückgehenden Zug nicht gehört hatte, war überfahren worden. Die Damen hatten dies soeben schon von dem Diener erfahren, als die beiden Herren zurückkehrten. Diese hatten die entstellte Leiche gesehen, und Oblonsky war sichtlich ergriffen und dem Weinen nahe.

»Ach, wie schrecklich! Ach, Anna, wie entsetzlich!« Wronsky schwieg. Sein schönes Gesicht war ernst, aber ganz ruhig.

»Ach, wenn Sie gesehen hätten, Gräfin!« sagte Oblonsky. »Und seine Frau war auch da! Sie warf sich über die Leiche. Man sagt, er habe ganz allein eine große Familie erhalten! Es ist schrecklich!«

»Kann man nicht etwas für sie tun?« fragte Frau Karenin aufgeregt. Wronsky blickte sie an und verließ sogleich den Wagen.

»Ich komme gleich zurück, Mama!« sagte er noch an der Tür. Als er nach wenigen Minuten zurückkehrte, sprach Oblonsky mit der Gräfin schon von der neuen Sängerin, und die Gräfin blickte ungeduldig zum Fenster nach ihrem Sohn hinaus.

»Nun wollen wir gehen!« sagte Wronsky eintretend. Sie stiegen rasch aus, Wronsky ging mit seiner Mutter voran, dann folgte Frau Karenin mit ihrem Bruder. Am Ausgang wurde Wronsky von dem Bahnhofsinspektor eingeholt.

»Sie haben meinem Gehilfen zweihundert Rubel eingehändigt, belieben Sie mir anzugeben, für wen sie bestimmt sind?«

»Für die Witwe!« sagte Wronsky, die Achseln zuckend. »Ich begreife nicht, was es da noch zu fragen gibt!«

»Du hast ihr das gegeben?« rief von hinten her Oblonsky. »Ein vortrefflicher Junge!« sagte er zu seiner Schwester.

Dann hielt er an, um ihr Mädchen zu erwarten. Als sie vor das Gebäude hinaustraten, war Wronskys Equipage schon abgefahren. Die herausströmenden Menschen sprachen noch von dem Unglücksfall.