Papst Franziskus

NEUE PREDIGTEN AUS DEN MORGENMESSEN

Mit einer Einführung
von Stefan von Kempis

Logo

Impressum

© Verlag Herder GmbH, Freiburg im Breisgau 2016

Alle Rechte vorbehalten

www.herder.de

© für die Papsttexte: Libreria Editrice Vaticana 2016

Umschlaggestaltung: Designbüro Gestaltungssaal

Umschlagmotiv: © photovatikan

E-Book-Konvertierung: le-tex publishing services GmbH, Leipzig

ISBN (E-Book) 978-3-451-80881-4

ISBN (Buch) 978-3-451-37522-4

Inhalt

Einführung

Neue Predigten aus den Morgenmessen

Die erste Liebe

Wie man sich verändert

Hymne an die Freude

Harmonie, Armut, Geduld

Eine persönliche Begegnung für jeden

Für Überraschungen offen

Der Ratschlag des heiligen Paulus

Weniger Worte, mehr Taten

Die Bedeutung des Abschiednehmens

Der Lohn Jesu

Zu welcher Gruppe gehören wir?

Drei Lebensstile

Der verworfene Eckstein

Schlüsselwörter

Wie man sein Herz behütet

An der Börse des Himmels

Die Barmherzigkeit an erster Stelle

Wie eine Gluckhenne

Die Liebkosung eines Vaters

Die Lektion einer Großmutter

Drei Zeichen

Das Kriterium

Überrascht von einer Umarmung

Das Ringen mit Gott

Sieg und Niederlage

Ein Schritt weiter

Neue Schläuche

Heiliger und Sünder

Die zwölf Säulen

Von der Sünde zur Korruption

Das wertvollste Erbe

Klein werden

Der Unterschied zwischen Tun und Sagen

Der Name und das Eigenschaftswort

Das Heil kommt von den kleinen Dingen

Die Gleichung der Barmherzigkeit

Geschichte einer gescheiterten Treue

Ich verstehe nicht, aber ich habe Vertrauen

Die Schlange, die tötet und die Schlange, die rettet

Der Hoffnungsfaden

Der Tag des »Ja«

Wie Harmonie entsteht

Lebendiges Blut

An den Buchstaben geklammert

Zwei Arten von Verfolgung

Gelehrig und glücklich

Wenn ein Mensch auf einmal am Boden liegt

Vorgeschriebene Fahrtrichtung

Waisen oder Jünger

Weg und Gedächtnis

Drei Dimensionen des christlichen Lebens

Das Neue und der Widerstand

Kein Doppelleben

Der Preis des Zeugnisses

Auf dem Weg

Mit Freude und Hoffnung

Ein vollkommener Unbekannter

Jugendliche, die für etwas »brennen«

Einführung

An vier Tagen in der Woche (Montag, Dienstag, Donnerstag und Freitag) feiert Papst Franziskus am frühen Morgen um sieben in der Kapelle des Vatikanhotels Santa Marta, in dem er wohnt, die Heilige Messe. Jedes Mal sind auch Besucher mit dabei: Vatikanmitarbeiter zum Beispiel, oder die Mitglieder einer römischen Pfarrei. Und jedes Mal predigt der Papst kurz über die Lesung und das Evangelium des Tages. So sieht sie aus, die Revolution von Santa Marta, »die große Neuheit des Pontifikats« (Armin Schwibach): ein Pfarrer, der die Messe liest.

Eher beiläufig hatte das Ganze angefangen. Das argentinische Pontifikat war noch neu; wir Vatikanangestellte standen alle noch unter dem starken Eindruck des 13. März 2013, als Jorge Mario Bergoglio – der Erzbischof von Buenos Aires, mit dem wirklich keiner gerechnet hatte – als neuer Bischof von Rom auf den Balkon von Sankt Peter getreten war. In den Fluren des Kirchenstaats ging ein Gefühl der Neuheit, auch der Verunsicherung um; man rechnete in diesen Tagen unbestimmt mit Änderungen, wenn nicht gar mit Umwälzungen. Eines Tages – es war Freitag, der 22. März – erfuhren wir, dass der Papst in der Frühe eine Messe mit einigen Gärtnern und Müllentsorgern des Vatikans gefeiert hatte. Es gab bald auch ein Foto, auf dem man ihn in einer Kirchenbank mitten unter ihnen sitzen sah, und ein Kommuniqué aus dem vatikanischen Pressesaal erwähnte in gerade mal zwei Zeilen, dass der Papst über das Thema »Herzen aus Stein« gepredigt habe, allerdings ohne allzu sehr ins Detail zu gehen.

KAMPF UM DIE ZITATE

Was erst wie eine spontane, einmalige Aktion wirkte, entwickelte sich im Lauf der nächsten Tage und Wochen zu einem festen Termin. Der Papst begann, Mitarbeiter aus vatikanischen Einrichtungen morgens zur Messe einzuladen; die Kommuniqués des vatikanischen Pressesaals wurden allmählich länger; und die Journalisten hinter den Leoninischen Mauern – vor allem bei Radio Vatikan – kämpften darum, auch direkte Zitate aus der Papstpredigt veröffentlichen zu dürfen. Franziskus wirkte davon zunächst nicht angetan: Das sei doch alles eher gelegenheitsbedingt, nur für diesen Raum, diese Zuhörer, diesen Moment gesprochen. Doch schließlich gab er nach, und – typisch Vatikan – aus dem Stand entwickelte sich ein etwas byzantinisches Ritual. Die Predigt wird also jedes Mal von Radio Vatikan aufgezeichnet, dann verfasst ein Redakteur des Papstsenders einen Bericht, in den er drei, höchstens vier kurze Zitatblöcke aufnimmt, und etwa vier Stunden nach der Messe gibt dann das vatikanische Staatssekretariat diese Fassung zur Veröffentlichung frei, so dass die Radiohörer tatsächlich kurze Original-Ausschnitte aus der Predigt hören können. Auf der Homepage von Radio Vatikan erscheinen um die Mittagszeit Übersetzungen in etwa dreißig Sprachen, dazu ein kurzer Video-Clip.

Zugleich aber entsteht in der Redaktion der Vatikanzeitung L’Osservatore Romano eine weitere, viel ausführlichere Fassung, die nun zwar deutlich mehr vom Inhalt der Papstpredigt preisgibt, dafür aber meist keine oder nur wenige durchgehende Zitate anführt. Ein viel genauerer Text, das schon – allein es fehlt der Reiz der direkten Rede.

Dennoch, es hilft nichts: Nur in diesen zwei Fassungen gibt es die Predigt des Papstes bei einer Frühmesse, und die von der Vatikanzeitung jeweils nachmittags veröffentlichte Fassung ist die offizielle. Die Fassung also, die auf der Homepage des Vatikans erscheint und die wir für diesen neuen Band der Santa-Marta-Predigten, den Sie in Händen halten, verwendet haben.

ZWEI PÄPSTE, ZWEI FRÜHMESSEN

Natürlich wünschte ich, Sie könnten den Papst an irgendeinem Morgen in seiner Kapelle direkt predigen hören. Diese freie Rede, oft humorvoll, immer pointiert, ist schwer aufs Papier zu bringen, sie verliert dabei automatisch einiges von ihrer Unmittelbarkeit. Ja, Franziskus hat schon recht, seine Predigten bei der Frühmesse sind dem Augenblick geschuldet und an die konkreten Teilnehmer der Messe gerichtet, nicht an ein imaginäres Lesepublikum. »Es gelingt mir, die einzelnen Personen, eine nach der anderen, anzuschauen, in persönlichen Blickkontakt mit denen zu treten, die ich vor mir habe« (Interview mit Jesuitenzeitschriften, veröffentlicht am 19. September 2013), sagte er ein halbes Jahr nach seiner Wahl. Er ist ein Meister der kleinen Form, des überschaubaren Rahmens.

Aber die meisten können nun mal nicht morgens mit dabei sein in der Casa Santa Marta. Und darum haben Sie gut daran getan, dieses Buch zu kaufen oder auszuleihen. So nahe wie hier, in diesen Übersichten über seine Predigten, kommen Sie diesem Papst sonst nirgendwo.

Auch der emeritierte Papst Benedikt XVI. feiert jeden Morgen in seinem Alterssitz in den Vatikanischen Gärten die Heilige Messe, vielleicht einen Kilometer Luftlinie von Santa Marta entfernt. Benedikt sagt dabei immer vorneweg ein paar tief durchdachte Sätze zur Lesung und zum Evangelium des Tages; wer in den Jahren vor 2005, als er noch Kardinal Ratzinger und Präfekt der Glaubenskongregation war, eine seiner Frühmessen im Campo Santo Teutonico des Vatikans erlebt hat, wird sich an diese treffsicheren, knappen Worte erinnern. Von diesen Worten Benedikts XVI. und von seiner Frühmesse dringt überhaupt nichts nach draußen, es nehmen auch keine Gruppen teil. Aber ich muss sagen, es bewegt mich, wenn ich daran denke, dass ungefähr zur selben Zeit und nicht weit voneinander entfernt diese beiden Päpste, ein amtierender und ein emeritierter, die Messe zelebrieren, jeder in seiner Kapelle. So unterschiedlich die beiden auch sind: Ich stelle mir das, was Franziskus sagt und was wir dann auszugsweise hören oder lesen können, immer auch auf dem Hintergrund dessen vor, was der emeritierte Papst sagt – und wovon wir nichts erfahren.

Eines regnerischen Morgens – es war der 16. Mai 2013 – durfte ich zusammen mit einigen Kollegen von Radio Vatikan an der Frühmesse teilnehmen. Wir trafen uns um halb sieben, Regenschirme unter dem Arm, vor dem Papst-Hotel, einem eher funktionalen, nicht besonders schönen Bau zwischen Vatikanmauer und Vatikan-Tankstelle. Gegenüber ein Hinterausgang des Petersdoms, den die Beichtväter in der Regel benutzen, um in den Dom zu huschen. Was mich etwas wunderte, waren die mangelhaften, ja fast gänzlich fehlenden Sicherheitsvorkehrungen; ein Schweizergardist sah einfach auf einer Liste nach, ob unsere Namen drauf standen, und ließ uns dann ein. Es ging ein paar Stufen hinunter, an der Rezeption vorbei und durch die Halle in eine nüchtern-moderne Kapelle.

MESSFEIER BAR ALLEN POMPS

Santa Marta. Besonders groß ist sie nicht. Der US-Architekt, der sie 1993 plante, musste sie in einen engen, langgezogenen Raum mit dreieckigem Grundriss hineinbauen, und diese schwierige Ausgangslage nutzte er aus, um vielerlei Dreiecksformen in ihrem Innern zu bilde. Auch über den spiegelnden Fussboden ziehen sie eine Art Gitterstruktur, Anspielungen aufs Trinitarische, aus der Not geboren. Grauer Marmor, gelbes Licht, die Lampen fächerförmig um die Säulen angebracht, die Decke an eine Zeltstruktur erinnernd. Am Kopfende in der Mitte ein einfacher grauer Altar, dahinter ein schlankes, hohes Kruzifix und ein Holzstuhl, rechts ein Tabernakel, der wie ein großes Bronze-Auge aussieht. Das Schönste ist für mich die rechte Längsseite: Sie besteht fast ganz aus Glas und man sieht auf die Vatikanmauer und ein paar Pflanzen, erblickt das blaue Licht des Morgens. Neben eine der Bänke hatte damals jemand einen einzelnen Stuhl platziert, hier würde der Papst nach der Messe noch einen Moment sitzen und meditieren.

Wir waren etwa sechzig oder siebzig Personen in der Kapelle. Ganz vorn in den ersten Bänken saßen die Priester, soviel Hierarchie muss sein; links filmte ein Kameramann vom Vatikan-Fernsehzentrum CTV. Der Papst kam um Punkt sieben Uhr leicht humpelnd, von zwei Konzelebranten begleitet, in einem hellen Messgewand durch eine Seitentür links herein, verneigte sich vor dem Bronze-Auge, verneigte sich vor dem Altar, und dann ging’s gleich los. »Il Signore sia con voi – der Herr sei mit euch.«

Eine Messfeier bar allen Pomps. Da sang kein Chor, da blitzte keine Mitra, da stieg kein Weihrauch auf, da rauschte auch kein Beifall. Wenn ich mich richtig erinnere, ging noch nicht mal ein Kollektenkörbchen herum. Franziskus wirkte an diesem Morgen wie ein Landpfarrer: ein alter, bebrillter Jesuit, dem jeder Firlefanz ein Greuel ist. Er war der Pfarrer von Santa Marta, der Dorfpapst des »Global Village«, und in dieser Kapelle wirkte er ganz bei sich.

»Jedes Mal, wenn man mich fragt, wann ich in diesem Pontifikat eine jesuitische Spiritualität wahrnehme, denke ich spontan an die Santa-Marta-Messe und an seine Predigten«, hat Vatikansprecher Federico Lombardi, selbst ein Jesuit, einmal gesagt. »Diese Art und Weise zu zelebrieren und die Heilige Schrift zu lesen – da finde ich mich spontan am ehesten wieder.«

Übrigens predigte der Papst an diesem 16. Mai über »Wohnzimmer-Christen«, »wohlerzogene Leute«, die sich in »unseren bequemen Strukturen« eingerichtet haben – im Gegensatz zu Christen, die »Ärger machen« und auch mal »Ärger kriegen«, weil sie von einer »gesunden geistlichen Verrücktheit« durchdrungen sind. Prägnante, bildhafte Formulierungen, wie sie kennzeichnend für ihn sind. Es war klar, dass die Sympathien des Papstes den verrückten Christen galten und nicht den »cristiani da salotto«. Während er redete – mit langen Pausen, in denen er immer wieder nach dem passenden Wort suchte, und von ausholenden Gesten begleitet – blickte er abwechselnd in unsere Gesichter (zum Glück standen in den ersten Reihen, wie erwähnt, die Priester) und in das Buch mit der Lesung und dem Evangelium, das er aufgeschlagen vor sich auf dem Ambo hatte. Mir war es erst ein bisschen peinlich, dass er ausgerechnet an »unserem« Santa-Marta-Tag über die »Wohnzimmer-Christen« herzog. Aber mit der Zeit habe ich festgestellt, dass er relativ unabhängig von seiner Zuhörerschaft immer von den Lesungen oder dem Evangelium des Tages ausgeht. Und je nachdem, wie der Tenor dieser Texte ist, schwenkt dann auch seine Predigt zwischen unwirsch und freudvoll.

Besonders übel hat dieser Umstand mal italienische Parlamentarier betroffen: Ausgerechnet an dem Tag, an dem sie an einer Frühmesse teilnehmen durften (die wegen der großen Zahl der Interessierten in die Apsis des Petersdoms verlegt wurde und deswegen gar nicht diesen intimen Santa-Marta-Charakter hatte), bestand das Evangelium aus einer wilden Anklagerede Jesu gegen Heuchler und Korrupte. Entsprechend scharf predigte dann auch der Papst und entsprechend verheerend fiel das Medienecho auf diese Politiker-Messe aus.

EIN KAFFEEFLECK

Nach der Messe – draußen war es inzwischen durch die Scheiben hell geworden – saß Franziskus tatsächlich noch ein paar Minuten meditierend auf seinem Extra-Stuhl neben den Bänken. Dann stellte er sich an den Eingang der Kapelle und begrüßte alle, die herauskamen, mit einem Händedruck und ein paar Worten. Neben ihm stand ein Fotograf des L’Osservatore Romano, der diese Momente im Bild festhielt. Als ich längst an Franziskus vorbei und schon wieder an der Rezeption angekommen war, warf ich noch mal einen Blick zurück: Da stand dieser Papst morgens um Viertel vor acht in der Hotelhalle und hatte, noch bevor er überhaupt zum Frühstück ging, schon meditiert, die Messe gefeiert und ein paar Dutzend Hände gedrückt. Ein Seelsorge-Papst, der seine Kräfte offenbar nicht besonders schont. Ein Freund von mir, der ein paar Tage später ebenfalls zur Santa-Marta-Messe durfte, behauptete hinterher, er habe genau gesehen, dass das weiße Gewand von Franziskus eine Art Kaffeefleck gehabt habe. Tatsächlich steht im Vatikanhotel ein Kaffeeautomat, an dem sich der Papst, dem Hörensagen nach, immer wieder mal bedient.

Hier also, in Santa Marta, schlägt der Puls der »Ära Francesco«. Hier fängt man an zu verstehen, was das Neue, das Andere an diesem argentinischen Pontifikat ist. Es ist das Unspektakuläre. Das Normale. Die Revolution, wenn es denn eine ist, trägt die Larve des Alltäglichen.

JORGE BERGOGLIO, SEELSORGER

Das Papsttum war es nicht mehr gewohnt, in ausgetretenen Schuhen herumzugehen, einen Kaffeefleck auf dem Gewand zu haben und aus dem Stegreif zu predigen. Franziskus hat kurz nach der Wahl wissen lassen, er käme sich lächerlich vor, wenn er sich jetzt auf seine alten Tage ändern würde – also mache er, alles in allem, auch als Papst weiter wie früher. Und das ist die Umkehr (nicht die Revolution) des Papsttums: Kein »Fallbeil« (ein Wort Benedikts XVI. kurz nach seiner Wahl 2005) trennt mehr unwiderruflich den neuen Papst von seinem alten Leben.

Bedeutet diese neue Normalität die Entzauberung des Papstamtes? Kein Zweifel, einige sehen das so. Aber wenn man das so sieht, dann muss man als Startpunkt dieser Entzauberung einen Moment benennen, der noch vor dem Beginn dieses Pontifikats liegt, den Rücktritt Benedikts XVI. nämlich. Dieses Beiseite-Treten eines Papstes war es, was das Amt verändert hat. Und die Santa-Marta-Messen sind nun – wie vieles, was Franziskus tut – ein Ausdruck dieser Veränderung.

Das Besondere an diesen Predigten ist dabei gar nicht mal, dass der Papst aus dem Stegreif formuliert. Das tut er in seinen häufigen Interviews auch. Das Besondere liegt darin, dass er sich hier auf Lesungen und Evangelien, auf Bibeltexte also, bezieht. Erst dadurch wird sein eigentliches Profil erkennbar: das Profil eines Seelsorgers und Exerzitienmeisters, der den täglichen Umgang mit der Heiligen Schrift gewohnt ist und von ihr her zu leben versucht. »Jorge Bergoglio, Seelsorger«: So stelle er sich Leuten vor, die ihn noch nicht kennen, hat er in seiner Zeit als Erzbischof von Buenos Aires einmal gesagt. Wer sich auf die Texte dieses Bandes einlässt, lernt ihn von dieser Seite kennen, die ihm die wichtigste ist.

Ein Pfarrer, der die Messe hält. Man sollte den Kontext, in dem diese Texte entstanden sind, beim Lesen vor Augen haben, um Gewinn aus diesen Papstpredigten zu ziehen. Sie haben hier kein theologisches Kompendium vor sich, nichts Systematisches. Sondern? Momente. Augenblicke. Lassen Sie sich darauf ein; treten auch Sie gedanklich in eine der Santa-Marta-Bänke und hören Sie zu, wie dieser Papst frei spricht. Denn darum handelt es sich tatsächlich: ein Sprechen in Freiheit.

Das ist die Freiheit eines Christenmenschen. Die Freiheit dieses Christenmenschen, der seit März 2013 unser Papst ist.

Rom, im Juni 2016

Stefan von Kempis

Neue Predigten aus den Morgenmessen

DIE ERSTE LIEBE

»Die erste Liebe nicht vergessen« – also »die Freude der allerersten Begegnung mit Jesus« – bedeutet, unablässig die Hoffnung zu nähren. Und diese »beiden Parameter«, Erinnerung und Hoffnung, sind die einzigen »Koordinaten«, in denen der Christ »das Heil, das immer ein Geschenk Gottes ist«, erleben kann, ohne der Versuchung der »Lauheit« zu verfallen. Letztere sei das Merkmal derer, die zusammen mit der Erinnerung auch die Hoffnung und die Begeisterungsfähigkeit verloren haben. Franziskus lud also während der Frühmesse, die er am Freitag, 30. Januar, in der Kapelle des Hauses Santa Marta feierte, dazu ein, nicht »auf halbem Weg« stehen zu bleiben.

»Die Rettung der Gerechten kommt vom Herrn«: Dieser Vers aus Psalm 37, so der Papst, erinnere an die Wahrheit, dass »das Heil ein Geschenk ist, das wir vom Herrn erhalten«. Es könne weder käuflich erworben noch durch das Studium erlangt werden, denn es sei stets »ein Geschenk, eine Gabe«. An diesem Punkt laute aber die eigentliche Frage: »Wie können wir dieses Heil bewahren? Was kann man tun, damit dieses Heil in uns bleibt und Frucht trägt, wie Jesus sagt: wie der Same oder wie das Senfkorn?«, so der Papst, der dabei auf das Evangelium verwies (Mk 4,26 –34). Im Abschnitt aus dem Hebräerbrief (10,32–39), »den wir gerade gelesen und gehört haben, sind die Kriterien enthalten, um diese Gabe, dieses Geschenk des Heils zu bewahren; um möglich zu machen, dass dieses Heil weitergeht und in uns Frucht bringt«.

Das »erste Kriterium«, so erklärte der Papst, »ist das der Erinnerung«. Im Textabschnitt sei zu lesen: »Erinnert euch an die früheren Tage: nachdem ihr das Licht Christi empfangen habt …« Das seien »die Tage der ersten Liebe«, wie die Propheten es ausdrückten: es sei »der Tag der Begegnung mit Jesus«. Denn »als wir Jesus begegnet sind« – oder präziser, als »wir es zugelassen haben, dass er uns begegnet, denn er ist es, der alles tut« –, »war das eine große Freude, ein Wunsch, große Dinge zu tun«, wie der Verfasser des Briefes erläutere. Daher sei das erste Kriterium, um das Geschenk des Heils zu bewahren, »nicht die Erinnerung zu verlieren an jene früheren Tage«, die gekennzeichnet waren »von einer gewissen Begeisterung«: vor allem »die Erinnerung an die erste Liebe nicht verlieren«.

Der Autor des Hebräerbriefes erinnere weiter daran, dass es »diese Freude war, die euch manchen harten Leidenskampf bestehen ließ«, so dass »in den früheren Tagen alles leicht schien und man zuversichtlich voranging«. Weiter »ermahnt er uns, jene Zuversicht nicht aufzugeben – er sagt ›diesen Freimut‹ – jene Parrhesia der ersten Zeit«. Gerade die »erste Liebe« sei es, die »jenen Mut in uns hat wachsen lassen, dieses ›Trotzdem, wir gehen voran!‹, diese Begeisterung«. Daher die Aufforderung, diesen »Freimut nicht aufzugeben«. Noch mehr: »Aufgeben« sei nicht »das richtige Wort«, so Franziskus, und wies darauf hin, dass im Originaltext ein weitaus stärkerer Ausdruck zu finden sei: »Jagt den Freimut nicht weg, vergeudet ihn nicht, weist ihn nicht zurück.« Es sei genau »wie eine Ablehnung: jagt diesen Freimut nicht weg, diesen Mut, den Mut der ersten Zeit«.

»Daher ist die Erinnerung sehr wichtig, um sich an die empfangene Gnade zu erinnern«, unterstrich der Papst. Denn »wenn wir diese Begeisterung verjagen, die der Erinnerung an die erste Liebe entspringt, diese Begeisterung, die der ersten Leibe entspringt, dann taucht eine für die Christen sehr große Gefahr auf: die der Lauheit«. Und »laue Christen stehen da, bewegungslos. Ja, sie sind Christen, aber sie haben die Erinnerung an die erste Liebe verloren, sie haben die Begeisterung verloren.« Mehr noch, »laue Christen haben auch die Geduld verloren, jenes ›Ertragen‹ der alltäglichen Dinge im Geist der Liebe Jesu; jenes ›Ertragen‹ oder ›auf den Schultern tragen‹ der Schwierigkeiten«. Und der Bischof von Rom fügte hinzu: »Deshalb schweben laue Christen, die Ärmsten, in großer Gefahr.«

In diesem Zusammenhang gebe es »zwei Bilder, die mich sehr beeindrucken«, sagte Franziskus, und die jeden dazu führen könnten, auf der Hut zu sein: »Du bist lau, pass auf!« Der heilige Petrus gebrauche in seinem zweiten Brief »das Bild des Hundes, der zu dem zurückkehrt, was er erbrochen hat«. Das sei ein hässliches Bild, aber es stelle gut »einen lauen Christen« dar, der »über die erste Liebe hinweggeht, als hätte sie es nie gegeben«. »Da zweite ebenso schlimme Bild« sei das, »was Jesus zu jemandem sagt, der ihm nachfolgen will, und der ihm folgt, und wo er dann den Dämon vertrieben hat«. Dieser Dämon habe den Mann verlassen, sei durch die Wüste gewandert mit dem Vorsatz, »zu diesem Mann, zu dieser Frau« zurückzukehren, aus der er ausgetrieben worden sei. Und »bei seiner Rückkehr findet er das Haus aufgeräumt, sauber, schön vor«. So »wird er wütend, geht, holt sieben andere Geister, dich noch schlimmer sind als er selbst, und kehrt zurück«, um »jenes Haus in Besitz zu nehmen«. Wenn er dies tue, dann »verletzt er die Person nicht«, denn es handle sich um »›wohlerzogene‹ Dämonen: sie klopfen sogar an die Tür, um einzutreten, und sie treten ein«. Dasselbe geschehe auch einem »lauen Christen«, der nicht weiß, wer da an die Tür klopft, und sie öffnet« und dabei sogar »Herein!« sage. Aber Jesus weise darauf hin, dass es »am Ende mit diesem Menschen schlimmer wird als vorher«.

»Diese beiden Bilder christlicher Lauheit machen uns nachdenklich«, sagte der Papst. Deshalb dürfe man niemals »die erste Liebe vergessen«. Vielmehr müsse man sich »diese erste Liebe stets in Erinnerung rufen«. Die Antwort auf die Frage: »Wie komme ich voran?« sei: »mit der Hoffnung«. Das sage der Hebräerbrief zu jedem Christen: »Nur noch eine kurze Zeit, dann wird der kommen, der kommen soll, und er bleibt nicht aus.« Das seien »die beiden Parameter«, die dem Christen zur Verfügung stehen: »Erinnerung und Hoffnung«. Letztendlich gehe es darum, »sich zu erinnern, um jene schöne Erfahrung der ersten Liebe nicht zu verlieren, die die Hoffnung nährt«. Oftmals, so räumte der Papst ein, »ist die Hoffnung dunkel«, aber der Christ »geht voran: er glaubt, er geht weiter, weil er weiß, dass die Hoffnung nicht täuscht, um Jesus zu finden«.

Weiter sagte der Papst, dass »diese Parameter die Koordinaten sind, innerhalb derer wir das Heil der Gerechten bewahren können, das vom Herrn kommt, dieses Geschenk, das uns der Herr macht«. Man müsse »dieses Heil bewahren, damit das kleine Senfkorn wächst und seine Frucht bringt«. Dagegen »tun einem die vielen Christen – sehr viele Christen! – leid und im Herzen weh, die auf halbem Weg stehenbleiben, diese vielen auf dem Weg zur Begegnung mit Jesus gescheiterten Christen«. Obwohl sie »von der Begegnung mit Jesus ausgegangen sind«, haben sie auf halbem Weg »die Erinnerung an die erste Liebe verloren und haben keine Hoffnung: sie stehen da …«

Abschließend bat der Papst den Herrn um »die Gnade, dieses Geschenk zu bewahren, das Geschenk des Heils«: ein Geschenk, das jeder Christ bewahren müsse »auf diesem Weg, der immer Erinnerung und Hoffnung erfordere«. Nur der Herr »kann uns diese Gnade schenken: Er sende uns den Heiligen Geist, damit wir diesen Weg gehen.«

Freitag, 30. Januar 2015

WIE MAN SICH VERÄNDERT

Wir sind der »Traum Gottes«, der als wahrhaft Liebender »unser Leben verändern« will. Aus Liebe. Von uns fordere er lediglich, den Glauben zu haben, um ihn wirken zu lassen. Und so »bleibt uns nichts übrig, als vor Freude zu weinen« vor einem Gott, der uns »neu erschafft«, so sagte Papst Franziskus bei der Messe, die er am Montag, 16. März, in der Kapelle des Hauses Santa Marta feierte.

In der ersten, dem Propheten Jesaja (65,17–21) entnommenen Lesung »sagt uns der Herr, dass er einen neuen Himmel und eine neue Erde erschafft, dass er also die Dinge neu schaffen will«, so bemerkte Franziskus, wobei er auch daran erinnerte, dass »wir bereits mehrfach über diese beiden Schöpfungen Gottes gesprochen haben: die erste, die in sechs Tagen erfolgte, und die zweite, wo der Herr die Welt, die durch die Sünde verdorben war, in Jesus Christus neu macht«. Und er präzisierte: »Wir haben oft gesagt, dass diese zweite Schöpfung noch sehr viel wunderbarer ist als die erste.« Tatsächlich, so erläuterte der Papst, »ist die erste bereits eine wunderbare Schöpfung; die zweite in Christus aber ist noch viel wunderbarer«.

Gleichwohl entschied sich Franziskus in seiner Reflexion, sich »mit einem anderen Aspekt« zu befassen, wobei er gerade von dem Abschnitt aus Jesaja ausging, wo, wie er ausführte, »der Herr ankündigt, was er machen wird: einen neuen Himmel, eine neue Erde«. Und »wir entdecken, dass der Herr voller Enthusiasmus ist. Er spricht von Freude und sagt ein Wort: ich will mich freuen über mein Volk«. Kurz, »der Herr denkt an das, was er machen wird, er denkt, dass er – er selbst! – sich gemeinsam mit seinem Volk freuen wird«. Es »ist so, als sei es ein Wunschtraum des Herrn, als ob der Herr von uns träume: wie schön wird es doch sein, wenn wir uns alle zusammenfinden, wenn wir dort sein werden oder wenn jene Person, diese andere Person, vorangehen wird …«

Indem Franziskus seine Argumente noch weiter vertiefte, berief er sich auf »eine Metapher, die es uns verständlich machen kann: es ist so, als ob ein Mädchen mit einem Verlobten bzw. der junge Mann mit einer Verlobten dächten: wenn wir erst zusammen sein werden, wenn wir dann heiraten …« Genau das sei »der Traum Gottes: Gott denkt an jeden Einzelnen von uns, er liebt uns, er träumt von uns, er träumt von der Freude, die er gemeinsam mit uns genießen wird«. Und gerade deshalb wolle der Herr »uns neu erschaffen, unser Herz neu machen, unser Herz neu schaffen, um der Freude zum Sieg zu verhelfen«.

Das alles veranlasste den Papst, einige Fragen anzuregen: »Habt ihr jemals gedacht: Der Herr träumt von mir? Er denkt an mich? Der Herr hat mich in seinem Sinn, in seinem Herzen? Der Herr ist dazu imstande, mein Leben zu ändern?« Jesaja, so fügte Franziskus hinzu, sagt uns auch, dass der Herr »zahlreiche Pläne schmiedet: wir werden Häuser bauen, wir werden Reben pflanzen, wir werden zusammen essen, also all die typischen Pläne eines Verliebten«. Im Übrigen »zeigt sich der Herr, als sei er in sein Volk verliebt«, was so weit gehe, dass er sage: »Aber ich habe dich nicht erwählt, weil du der Stärkste, der Mächtigste bist; sondern ich habe dich erwählt, weil du der allerkleinste von allen bist.« Mehr noch, »man könnte sagen: der Erbärmlichste von allen. Aber gerade so habe ich dich auserwählt, und das ist die Liebe«. »Gerade daher«, so bekräftigte der Papst, »kommt dieser dauerhafte Wunsch des Herrn, diese seine Sehnsucht, unser Leben zu verändern. Wenn wir diese Aufforderung des Herrn hören, können wir sagen: »Du hast mein Klagen in Tanzen verwandelt«, jene Worte, die wir im 30. Psalm gebetet haben. »Ich will dich rühmen, Herr, denn du hast mich aus der Tiefe gezogen«, sagt der Psalm weiter und anerkennt so, dass der Herr »fähig ist, uns aus Liebe zu ändern: er ist in uns verliebt«.

»Ich glaube, dass es keinen einzigen Theologen gibt, der das erklären könnte: man kann es nicht erklären«, so bekräftigte Franziskus. Denn »über diesen Punkt kann man nichts weiter tun als nachdenken, hören und vor Freude weinen: der Herr kann uns ändern«. An diesem Punkt frage man sich ganz spontan: Was soll ich tun? Die Antwort sei eindeutig: »Glauben, daran glauben, dass mich der Herr ändern kann, dass er das vermag.« Das genau sei es, was jener königliche Beamte getan habe, der in Kafarnaum einen kranken Sohn hatte, wie Johannes in seinem Evangelium berichte (4,43 –54). Dieser Mann, so könne man lesen, habe Jesus »gebeten, herabzukommen, um seinen Sohn zu heilen, der im Sterben lag«. Und Jesus habe ihm geantwortet: »Geh, dein Sohn lebt!« Also habe dieser Vater »dem Wort geglaubt, das Jesus zu ihm gesagt hatte, und machte sich auf den Weg: er glaubte, er glaubte, dass Jesus die Macht hatte, sein Kind zu retten. Und er hatte Recht.«

»Der Glaube«, so erläuterte Franziskus, »besteht darin, dieser Liebe Gottes Platz einzuräumen; er besteht darin, für die Stärke, die Macht Gottes Platz zu schaffen, der Macht dessen, der mich liebt, der in mich verliebt ist und der sich mit mir freuen will. Das ist Glaube. Das heißt glauben: es heißt, Platz für den Herrn zu schaffen, damit er kommt und mich verändert.«

Der Papst schloss mit einer bedeutsamen Anmerkung: »Es ist seltsam: Das war das zweite Wunder, das Jesus getan hat. Und er hat es am selben Ort getan, wo er bereits das erste vollbracht hatte, in Kana in Galiläa, wo er Wasser in Wein verwandelt hatte.« Im heutigen Tagesevangelium stehe in der Tat: »Jesus kam wieder nach Kana in Galiläa, wo er das Wasser in Wein verwandelt hatte.« Gleichfalls »in Kana in Galiläa verwandelt er auch den Tod dieses Kindes in Leben«. Wirklich, so sagte Franziskus, »der Herr kann uns verändern, er will uns verändern, er liebt es, uns zu verändern. Und er tut das aus Liebe.« Von uns, so schloss er, »erwartet er nichts weiter als unseren Glauben: also dass wir Platz machen für seine Liebe, damit er handeln und in uns eine Veränderung unseres Lebens bewirken kann«.

Montag, 16. März 2015

HYMNE AN DIE FREUDE

Freude und Hoffnung sind die Wesensmerkmale des Christen. Und es ist traurig, einem Gläubigen zu begegnen, der sich nicht zu freuen vermag, der sich verängstigt an die »kalte Lehre« klammert. Daher waren die Worte von Franziskus bei der Messe, die er am Donnerstag, 26. März, in der Kapelle des Hauses Santa Marta feierte, eine wahre »Hymne an die Freude«. Eingangs erinnerte der Papst an die »Gebetsstunde für den Frieden«, zu der alle karmelitischen Gemeinschaften eingeladen hatten. »Liebe Brüder und Schwestern«, sagte er im Anschluss an den liturgischen Gruß, »übermorgen, am 28. März, feiern wir den 500. Geburtstag der heiligen Teresa von Jesus, der Jungfrau und Kirchenlehrerin«. Und »auf Wunsch des Generaloberen der Unbeschuhten Karmeliten, der heute gemeinsam mit Pater Vicari hier anwesend ist, wird an diesem Tag in allen karmelitischen Gemeinschaften der Welt eine Gebetsstunde für den Frieden stattfinden. Ich nehme von Herzen gern an dieser Initiative teil«, so bekräftigte Franziskus, »damit das Feuer der Liebe Gottes den Sieg über die Flammen des Krieges und der Gewalt davontragen möge, von denen die Menschheit heimgesucht wird, und damit der Dialog allerorten über die bewaffneten Auseinandersetzungen siegen möge«. Und er schloss mit den Worten: »Die heilige Teresa von Jesus möge die Fürsprecherin für diese unsere Bitte sein.«

Der Papst machte darauf aufmerksam, dass »in den beiden Lesungen« zum Tage von der Zeit, von der Ewigkeit, von den Jahren, von der Zukunft, von der Vergangenheit die Rede ist« (Gen 17,3 – 9 und Joh 8,51–59). Daher scheine gerade »die Zeit die wichtigste Realität in der liturgischen Botschaft dieses Donnerstags zu sein«. Aber Franziskus zog es vor, »ein anderes Wort auszuwählen«, das seines Erachtens »gerade heute die Botschaft der Kirche ist«. Und zwar handle es sich dabei um die Worte Jesu, die beim Evangelisten Johannes wiedergegeben seien: »Euer Vater Abraham jubelte, weil er meinen Tag sehen sollte. Er sah ihn und freute sich.« Die zentrale Botschaft des Tages sei also »die Freude der Hoffnung, die Freude des Vertrauens auf die Verheißung Gottes, die Freude der Fruchtbarkeit«. »Abraham war zu der Zeit, von der in der ersten Lesung die Rede ist, 91 Jahre alt und der Herr erschien ihm und versicherte« in den folgenden Worten, »dass er einen Bund mit ihm schließen wolle«: »Ich will einen Bund stiften zwischen mir und dir und dich sehr zahlreich machen.«

Abraham, so erinnerte Franziskus, »hatte bereits einen zwölf- oder dreizehnjährigen Sohn: den Ismael. Aber Gott sichere ihm zu, dass er der »Stammvater einer Menge von Völkern« werde. Und er »ändert seinen Namen«. Darauf »spricht er weiter und fordert ihn dazu auf, seinen Bund zu halten«, wobei er sage: »Ich schließe meinen Bund zwischen mir und dir samt deinen Nachkommen, Generation um Generation, einen ewigen Bund.« Gott sage gewissermaßen zu Abraham: »Ich gebe dir alles, ich gebe dir die Zeit: ich gebe dir alles, du wirst Vater sein.«

Abraham, so sagte der Papst, sei sicherlich »sehr glücklich darüber gewesen, er war voller Jubel«, als er die Verheißung des Herrn vernommen habe: »Binnen eines Jahres wirst du einen weiteren Sohn haben.« Gewiss, Abraham habe auf diese Worte »mit Lachen reagiert, wie die Bibel weiter berichtet: Wie denn, können einem Hundertjährigen noch Kinder geboren werden?« Ja, »er hatte im Alter von 87 Jahren den Ismael gezeugt, aber mit Hundert einen Sohn, das ist zuviel, das kann man nicht verstehen!« Und daher »lachte er«. Aber gerade »dieses Lächeln, dieses Lachen war der Anfang von Abrahams Freude«. Das also sei der Sinn der Worte Jesu, die der Papst an diesem Tage zur zentralen Botschaft gemacht hat: »Euer Vater Abraham jubelte voller Hoffnung«. Tatsächlich »wagte er es nicht, daran zu glauben, und sagte zum Herrn: ›Wenn nur Ismael vor dir am Leben bleibt!‹« Darauf habe er diese Antwort erhalten: »Nein, nicht Ismael. Es wird ein anderer sein.«

Für Abraham sei also »das Maß der Freude voll« gewesen, so versicherte der Papst. Aber »auch seine Frau Sara lachte ein wenig später: sie war etwas versteckt, sie hatte sich am Zelteingang verborgen, sie lauschte auf das, was die Männer sagten«. Und »als diese Boten Gottes Abraham die Nachricht von diesem Sohn überbrachten, da lachte auch sie«. Genau das, so betonte Franziskus, sei »der Anfang der großen Freude Abrahams«. Ja, »der großen Freude: Er jubelte in der Hoffnung, diesen Tag zu sehen; er sah ihn und war voller Freude«.

Und der Papst forderte dazu auf, »dieses schöne Bild« anzuschauen«: »Abraham, der vor Gott stand, der sich niederwarf, so dass er mit dem Gesicht den Boden berührte: er hörte diese Verheißung und öffnete sein Herz für die Hoffnung und war voller Freude.« Und gerade »das ist es, was diese Schriftgelehrten nicht verstanden«, so betonte Franziskus. »Sie verstanden die Freude der Verheißung nicht; sie verstanden die Freude der Hoffnung nicht; sie verstanden die Freude des Bundes nicht. Sie verstanden nicht.« Und »sie waren außerstande, sich zu freuen, weil sie den Sinn für die Freude verloren hatten, der ausschließlich aus dem Glauben kommen kann«. »Unser Vater Abraham« hingegen, so erläuterte der Papst, »konnte sich freuen, weil er den Glauben hatte: er wurde im Glauben gerecht gemacht.« Die Schriftgelehrten ihrerseits »hatten den Glauben verloren: sie waren Schriftgelehrte, aber ohne den Glauben!« »Mehr noch: sie hatten das Gesetz verloren! Denn der Mittelpunkt des Gesetzes ist die Liebe, die Liebe zu Gott und zum Nächsten.« Sie aber »hatten nur ein System exakter Regeln und das feilten sie Tag für Tag weiter aus, damit nur ja keiner daran rühren könne«.

Sie seien »Männer ohne Glauben« gewesen, »ohne Gesetz, die sich an Lehrsätze klammerten, was dann auch zur Kasuistik wurde«. Und Franziskus führte dafür auch ganz konkrete Beispiele an: »Darf man dem Kaiser Steuern zahlen, oder darf man es nicht? Diese Frau da, die siebenmal verheiratet gewesen ist, wird sie, wenn sie in den Himmel kommt, mit allen Sieben verheiratet sein?« Und »diese Kasuistik war ihre Welt: eine abstrakte Welt, eine Welt ohne Liebe, eine Welt ohne Glauben, eine Welt ohne Hoffnung, eine Welt ohne Vertrauen, eine Welt ohne Gott«. Gerade »deshalb konnten sie sich nicht freuen«. Und sie freuten sich nicht einmal dann, wenn sie ein Fest organisierten, um sich zu vergnügen: es sei also anzunehmen, so bekräftigte der Papst, dass sie sicherlich »einige Korken knallen ließen, als Jesus verurteilt wurde«. Immer aber »freudlos«, ja »voller Angst, weil einer von ihnen, vielleicht während sie tranken«, an die Verheißung erinnert haben dürfte, »dass er auferstehen würde«. Und so »sind sie sogleich voller Angst zum Staatsanwalt gegangen, um zu sagen: ›Bitte passt auf diesen da auf, damit es zu keiner Täuschung kommt‹«. All das einzig und allein deshalb, weil »sie Angst hatten«.

Aber »das ist ein Leben ohne den Glauben an Gott, ohne Vertrauen in Gott, ohne Hoffnung auf Gott«, so bekräftigte der Papst weiter. »Das Leben dieser Leute«, so fügte er hinzu, »die in dem Augenblick, als sie einsahen, dass sie Unrecht hatten«, dachten, dass der einzig mögliche Weg der sei, Steine aufzuheben und sie auf Jesus zu werfen. Ihr Herz war versteinert.« In der Tat »ist es traurig, ein freudloser Gläubiger zu sein«, so erläuterte Franziskus, »und die Freude fehlt dann, wenn es am Glauben mangelt, wenn es keine Hoffnung gibt, wenn es kein Gesetz mehr gibt, sondern nur noch die Vorschriften, die kalte Lehre. Das war es, was zählte.« Im Gegensatz dazu verwies der Papst erneut auf »die Freude Abrahams, diese schöne Geste von Abrahams Lächeln«, als er die Verheißung vernehme, dass er »im Alter von hundert Jahren noch einen Sohn haben würde«. Und »auch Saras Lächeln, ein Lächeln der Hoffnung«. Denn »die Freude des Glaubens, die Freude des Evangeliums ist der Prüfstein für den Glauben eines Menschen: ohne die Freude ist diese Person kein wahrer Gläubiger«.

Abschließend lud Franziskus dazu ein, sich die Worte Jesu zu eigen zu machen: »Euer Vater Abraham jubelte, weil er meinen Tag sehen sollte. Er sah ihn und freute sich.« Und er habe »den Herrn um die Gnade gebeten, in der Hoffnung zu jubeln, um die Gnade, den Tag Jesu zu sehen, an dem wir bei ihm sein werden, und um die Gnade der Freude«.

Donnerstag, 26. März 2015

HARMONIE, ARMUT, GEDULD