cover

Mary Paterson

Die Mönche und ich

Wie 40 Tage in Thich Nhat Hanhs buddhistischem Kloster mein Leben verändert haben

Aus dem Englischen übersetzt

von Jochen Lehner

Lotos-sw_300dpi.jpg

Der Inhalt dieses E-Books ist urheberrechtlich geschützt und enthält technische Sicherungsmaßnahmen gegen unbefugte Nutzung. Die Entfernung dieser Sicherung sowie die Nutzung durch unbefugte Verarbeitung, Vervielfältigung, Verbreitung oder öffentliche Zugänglichmachung, insbesondere in elektronischer Form, ist untersagt und kann straf- und zivilrechtliche Sanktionen nach sich ziehen.

Sollte diese Publikation Links auf Webseiten Dritter enthalten, so übernehmen wir für deren Inhalte keine Haftung, da wir uns diese nicht zu eigen machen, sondern lediglich auf deren Stand zum Zeitpunkt der Erstveröffentlichung verweisen.

Die Originalausgabe erschien 2012 unter dem Titel »The Monks and Me. How 40 Days at Thich Nhat Hanh’s French Monastery Guided Me Home« im Verlag Hampton Roads Publishing, Inc., Charlottesville, U.S.A.

Lotos Verlag

Lotos ist ein Verlag der Verlagsgruppe Random House GmbH.

ISBN 978-3-641-10394-1
V002

Erste Auflage 2013

Copyright © 2012 by Mary Paterson

Copyright © der deutschsprachigen Ausgabe 2013 by Lotos Verlag, München, in der Verlagsgruppe Random House GmbH,
Neumarkter Str. 28, 81673 München.

Alle Rechte sind vorbehalten.

Einbandgestaltung: Guter Punkt, München, unter Verwendung eines Motivs von Getty Images und des Originalcovers von www.levanfisherdesign.com/Barbara Fisher

Gesetzt aus der Adobe Caslon Pro bei EDV-Fotosatz Huber/Verlagsservice G. Pfeifer, Germering

Meiner Mutter und meinem Vater in Liebe gewidmet.

39402184170641C3AEE1A5515CF711FD.jpg Inhalt 68C84B00AC7041649153FE34C2ED6700.jpg

Einleitung

Die Heimat verlassen, um das wahre Zuhause zu finden

Aufnahme im Kloster

Die vierzig Tage

1.Körper

Zuflucht nehmen zum weisen Ich

2.Anfängergeist

Was man gegen Langeweile tun kann

3.Vom Geist der Sittlichkeit (Sila)

Der Katzentöter

4.Gesammelter Geist (Samadhi)

Das Licht in der Wirbelsäule

5.Einsichtiger Geist (Prajna)

Verdorbener Fisch lehrt auch etwas

6.Anhalten

Was die Glocke schlägt

7.Rechtes Bemühen

Wie man es vermeidet, Superwoman zu werden

8.Stille

Feuer und wie man es nicht macht

9. Handeln

Warum es gut ist, Ameisen zu retten

10. Geduld

Wie man eine Mandel abzieht

11. Freude

Mit den Jungs kochen

12. Demut

Weder durchsetzen noch aufgeben

13. Seelenruhe

Ein Wiegenlied für alle

14. Standhaftigkeit

Der Kopfhörerdieb

15. Klarheit

Zerwürfnis und Inter-Sein

16. Glaube

Neu anfangen

17. Freundlichkeit

Die Wohltat einer warmen Suppe

18. Karma

Wie man sich um seinen Doktortitel bringen kann

19. Ganz echt sein

Die wahre Raffinesse

20. Mut

Waisen unter sich

21.Vergänglichkeit

Wie Musik

22. Erde

Ich bin das hungrige Kind

23. Wasser

Wie sich ein Mönch das Gesicht wäscht

24. Feuer

Der fröhliche Ire

25. Luft

Schwere Koffer können die Kapitulation erleichtern

26. Ehrfurcht

Ein Mönch und ein Anwärter

27. Sich einlassen

Dem Leid ins Auge blicken

28. Schönheit

Ein Sterbender, ein geschmeidiger Mönch, ein Neugeborenes

29. Außer Atem

Was Achtsamkeit vermag

30. Boten

Tsunamis, Kriege und ein brennender Mönch

31. Entfaltung

Lass endlich dein kleines Ich hinter dir!

32. Wechselwirkung

Kein Mist, keine Blüte

33. Transzendenz

Ein Engel erscheint

34. Nicht-Ich

Die liebe Not mit dem Ego

35. Raum

Äste und Zwischenräume

36. Verwandlung

Ein alter Mönch, ein Kind

37. Arbeit

Eine Anwältin wird Nonne

38. Dankbarkeit

Granatapfel-Unterweisung

39. Gebet

Der Tag, an dem die Mönche sangen

40. Liebe

Auf einem Lotosblatt

Heimkehr

Dank

Quellen

Über die Autorin

Über Thich Nhat Hanh und Plum Village

D76A3DB2309747D98B220897153EE60F.jpg Einleitung 4DF6691145F04B03BE69BC92A1C11211.jpg

Die Heimat verlassen, um das wahre Zuhause zu finden

Sucht auf dem stürmischen Meer des Lebens Zuflucht bei euch selbst.

Thich Nhat Hanh

Nach dem Tod meiner Mutter, der jetzt schon viele Jahre zurückliegt, haben sich zwei Praktiken für mich als besonders hilfreich und heilend erwiesen: Yoga und Meditation. Je länger ich mich darin übte, desto mehr Freude bescherten sie mir; mein ganzes Leben wurde durch sie erfüllter und reicher. Yoga und Meditation halfen mir, mich bei vielen mit dem Menschsein verbundenen Schwierigkeiten über Wasser zu halten. Doch seltsam: Obwohl ich wirklich enorm von den Übungen profitierte, übertrug ich sie nie konsequent auf meinen Alltag. Und als dann mein Vater starb, hatte ich das Gefühl, den Boden unter den Füßen zu verlieren, mein vertrautes inneres Zuhause.

Der Tod kann eine überaus destabilisierende Kraft sein. Und wenn er einen so direkt streift, wie es beim Verlust der Eltern der Fall ist, muss man irgendwie versuchen, sich ein neues inneres Zuhause zu erschaffen. Mir fiel dazu eine vierzigtägige Pilgerreise ein. Mein bis dahin längstes Meditationsretreat hatte knappe zwei Wochen gedauert. Vierzig Tage, so dachte ich, könnten mich eventuell zu Kraft und Liebe und zu dem Zuhause zurückführen, dessen ich verlustig gegangen war. Sechs Wochen unter der Führung eines weisen Mönchs würden mich womöglich mit dem Tod meiner Eltern aussöhnen und mir wichtige Anhaltspunkte für die Fahrt durch das bewegte Meer des Lebens geben, das, wie wir alle wissen, mitunter sehr stürmisch ist. Und für diese Stürme sollten wir gut gerüstet sein.

Im Yoga spielen Zyklen eine wichtige Rolle, wenn es um die Ausbildung lebensbejahender Gewohnheiten und das Vorankommen auf dem Weg der Weisheit geht. Und der Gedanke an eine vierzigtägige spirituelle Reise taucht bereits bei den alten Yogis auf. Überhaupt messen viele Kulturen dem Zeitraum von vierzig Tagen im Hinblick auf das Offenbarwerden und Erkennen der Wahrheit eine besondere Bedeutung bei: Jesus fastete und betete vierzig Tage in der Wüste, um Klarheit über seine Lebensaufgabe zu gewinnen. Mohammed blieb vierzig Tage in der Höhle. Moses erlebte in ebendieser Zeitspanne auf dem Berg Sinai seine Verwandlung. Die christliche Fastenzeit dient dazu, vierzig Tage lang auf Genüsse und Laster zu verzichten. Und der Buddha soll für etwas mehr als vierzig Tage unter dem Bodhi-Baum im Frieden der Erleuchtung verweilt haben.

Ich war vierzig, als mein Vater starb. Darin sah ich eine Art Fingerzeig, wusste ich doch, dass vierzig Tage der spirituellen Versenkung tiefe Verwandlung bewirken können. Vielleicht war es nun auch für mich an der Zeit, einen solchen Weg der Erneuerung einzuschlagen?

In Begleitung der mystischen Vierzig überquerte ich also unter einem kalten Novemberhimmel den Atlantik und trat meine Pilgerschaft an. Sechs Wochen lang lebte ich im Grunde wie eine Nonne unter den Schwestern und Brüdern von Plum Village in ihrer geliebten buddhistischen Gemeinschaft im südwestfranzösischen Departement Dordogne. Es war die Zeit des großen Winter-Retreats unter der Leitung des weltbekannten vietnamesischen Zen-Meisters, Autors, Friedens- und Menschenrechtsaktivisten und Friedensnobelpreiskandidaten Thich Nhat Hanh. Vierzig Tage lang meditierte ich dort, gärtnerte, machte Spaziergänge, dachte über das Leben nach und tauschte mich mit Pilgern aus aller Welt aus. Ich lauschte dem weisen vierundachtzigjährigen Mönch, der von den uralten heiligen Lehren des Buddha sprach, und stellte mich meinen Dämonen.

Die Winter-Retreats in Plum Village haben immer einen thematischen Schwerpunkt, der am ersten Tag bekanntgegeben wird. Dieses Retreat hatte Thich Nhat Hanh unter den Gesichtspunkt der neuen Weltordnung gestellt und hob hervor, wie wichtig es gerade in unserer Zeit sei, die Lehren des Buddha wirklich anzuwenden. Er machte nachdrücklich klar, dass die Leiden dieser Zeit beim Namen genannt werden müssen – Umweltzerstörung, Angst, Terrorismus, seelische Nöte, gespaltene Familien und eine Vielzahl körperlicher und psychischer Krankheiten. Durch die buddhistische Achtsamkeitspraxis, das tiefe Sich-Einlassen auf das Leben, wie es sich in jedem Augenblick darstellt, bildet sich Mitgefühl, Wunden heilen, und es entsteht ein sicheres Fundament aus Mut, Stärke und Weisheit. Das ist die Zufluchtnahme zum eigenen Ich. Die bewusste Wahrnehmung des Atems eint Körper und Geist so, dass es zu tiefer Einsicht kommen kann. Dabei sind Durchbrüche möglich, die einem das Wesen der Realität erschließen, und man erkennt seine innige Verbundenheit mit allem Lebendigen. So entsteht ein starkes, erleuchtetes Ich, das alle Lebewesen verwandeln und heilen kann. Niemand ist allein.

Die amerikanische Autorin Annie Dillard sagte einmal: »Für sich behalten zu wollen, was man gelernt hat, ist nicht nur beschämend, sondern geradezu verhängnisvoll. Denn was man nicht freizügig und rückhaltlos gibt, geht einem selbst auch verloren.«

Mit diesen Sätzen als einer Art Motto im Sinn, schreibe ich hier nun also über meine vierzig Tage in einem französisch-vietnamesischen Zen-Kloster, die mir zeigten, wie ich Zuflucht zu meinem weisen Ich nehmen und mein inneres Zuhause finden kann.

A7652E6890304E359E0ED3B11BC74070.jpg

Vorab möchte ich noch klarstellen, dass ich ausschließlich aus der Perspektive meiner persönlichen Beobachtungen und Überlegungen aus dieser Zeit schreibe. Eine Betrachtung der buddhistischen Lehren oder der Ausführungen Thich Nhat Hanhs, die gehobenen oder gar wissenschaftlichen Ansprüchen genügen würde, liegt nicht in meiner Absicht. Wichtig ist mir auch die Feststellung, dass ich die Erkenntnisse, auf die ich gestoßen bin, nicht direkt zu den Aussagen Thich Nhat Hanhs in Bezug setze. Wenn Sie sich ein umfassendes Bild von der ganzen Breite und Vielgestaltigkeit der Lehren des Buddha machen möchten, verweise ich Sie auf die vielen Bücher Thich Nhat Hanhs.

Die Namen der in diesem Buch vorkommenden Menschen, auch die meiner Mitpilger, habe ich bis auf wenige Ausnahmen geändert. Diese Ausnahmen sind zunächst meine beiden Brüder David und Iain sowie meine Schwägerin Janice. Aber auch Doug ist wirklich Doug. Mein Pilgerbruder Stuart der Schotte ist wirklich ein Schotte, der Stuart heißt; er war im Übrigen entzückt von dem Gedanken, in diesem Buch vorzukommen, auch wenn er gar nicht wusste, was ich über ihn schreiben würde. Schließlich gestatteten mir freundlicherweise auch die buddhistischen Nonnen Pine, Prune, Hanh Nghiem und An Nghiem, ihren echten Namen zu nennen.

Der vertraute familiäre Name des ehrwürdigen Thich Nhat Hanh lautet Thay (das vietnamesische Wort für »Lehrer«). Ich verwende ihn in diesem Buch vielfach.

Zuletzt noch, bevor wir einsteigen, möchte ich Ihnen meinen tiefen Dank dafür aussprechen, dass Sie mit mir auf diese Reise gehen möchten. Ich habe Die Mönche und ich für Sie geschrieben.

Mögen Sie zu Ihrem weisen Ich Zuflucht nehmen und auf den Heimweg geführt werden. Und mögen Sie auf diesem Weg große Freude finden.

16E8C28AD4194EC3A8175E93BAF6745E.jpg Aufnahme im Kloster 61FB2A47095C4AC888743ECFD03CF582.jpg

Ich stehe vor einem Bahnhofsgebäude in der Dordogne. »Das muss sie sein«, denke ich. Es ist nicht schwierig, meine Chauffeurin ausfindig zu machen, sie ist hier die Einzige mit rasiertem Kopf und erdbrauner Klostertracht. Ich gehe auf sie zu und werde gleich mit einem herzlichen Lächeln willkommen geheißen. Schwester An Nghiem ist eine schwarze Amerikanerin, die einmal zum Stab des Bürgermeisters von Washington, D.C., gehört hat. Jetzt lebt sie in einem Dorf in Südfrankreich und fährt mich zu ihrem geliebten buddhistischen Kloster.

Mit im Wagen sind noch zwei Frauen, eine warmherzige Britin, die für eine Woche im Kloster bleiben wird, und eine eisige Amerikanerin. Nach einer Dreiviertelstunde Fahrt durch die überwältigend schöne Landschaft halten wir vor einem grauen Steingebäude, dem Haupthaus von New Hamlet, einer von zwei Wohnunterkünften der Nonnen von Plum Village. Rings um etliche große und sehr alt wirkende Gebäude erstrecken sich herrliche grüne Hügel, Weinberge und Felder von gewaltigen Sonnenblumen mit tellergroßen Köpfen, die ein paar Wochen zuvor noch in voller goldener Blüte gestanden haben. Auf der schlichten Holztafel am Haupthaus lese ich: Hameau Nouveau, Village des Pruniers. Dies wird für die kommenden vierzig Tage meine Herberge sein.

Ich betrete das prachtvolle renovierte Bauernhaus, und etwas fällt von mir ab. Meine Schultern senken sich um bestimmt fünf Zentimeter, als habe sich eine schwere Last von Sorgen und Kümmernissen in nichts aufgelöst, ein Segen. Der Eingangsbereich ist hell und einladend und erfüllt vom Hin und Her rasierter Köpfe und brauner Gewänder, einer munteren Fröhlichkeit, wie man sie in den Räumen eines Klosters nicht unbedingt erwartet. Durch ein rückwärtiges Fenster fällt mein Blick auf einen schweren Messinggong, der in einem offenen tempelartigen Bau mit einem Doppeldach auf vier Pfeilern hängt, ein majestätischer Anblick. Die Dachränder sind aufgebogen wie eine Lotosblüte. Dieses asiatisch anmutende Bauwerk steht zwischen Reihen von Apfelbäumen und Rebstöcken auf einem sonst freien Gelände. Ich bin noch keine fünf Minuten hier, als mich eine fröhliche vietnamesische Nonne mit markanten, golden überhauchten Gesichtszügen am Ellbogen berührt. »Wie schön, dich kennenzulernen«, sagt sie, und zweifelsohne meint sie es auch so. Ihr strahlendes Lächeln verrät einen gewissen Übermut. Später beim Abendessen werde ich ihr fasziniert zusehen; sie besitzt die erstaunlichste Kopfmuskulatur, die ich je gesehen habe, sei es bei den anderen Frauen im Raum oder bei kahlköpfigen Männern, denen ich begegnet bin. Staunend werde ich verfolgen, wie alles an ihrem Kopf in Bewegung kommt, pulsierende Wellen, wie sie auch bei einem muskelbepackten Ringer nicht deutlicher ausfallen könnten.

Nachdem wir noch ein paar Sätze miteinander gesprochen haben, führt mich eine andere Schwester zum hinteren Teil des Gebäudes, eine Stiege hinauf und dann über einen langen Flur zu den Schlafräumen. Mit meinem Rollkoffer im Schlepptau stehe ich jetzt vor einer sandfarbenen Tür mit dem Schild EAGLE. Nach der indianischen Tradition gilt der Adler als »Bote des Schöpfers«. Er ist ein Anführer, fliegt am höchsten und sieht am weitesten. Er ist es, der unsere Botschaften zu Gott hinaufträgt. Der Adler steht für große Kraft, großen Mut und großen Weitblick.

Auf dem Schild, das an der nächsten Tür hängt, steht PEACE. »Frieden ist auch schön«, denke ich. Aber ich schlafe ganz gern bei dem Vogel, der den direkten Draht zum Grenzenlosen hat.

Das Zimmer ist sehr einfach ausgestattet, verfügt weder über einen Schrank noch über ein Nachttischchen. Platz ist gerade einmal für zwei schmale Betten. Es ist das kleinste Zimmer in New Hamlet, aber wenigstens werde ich die Klosterbleibe für mich allein haben. Ich wuchte meinen schweren Koffer auf eine der Liegen und muss mich bücken, um einen Blick aus dem Fenster zu werfen, das etwas sehr Altes hat und mich an die kleinen Bogentüren in Zwergenhäusern erinnert. Hier bin ich in meiner eigenen kleinen Höhle.

Der Koffer wird mir als Schrank dienen, und so dauert es nicht lange, bis ich mich in meinem Stübchen eingerichtet habe. Ich gehe wieder nach unten und bin umringt von Nonnen und anderen Frauen aller Altersstufen und Ethnien. Da Samstag ist, Ankunftstag, bin ich nicht die Einzige, die sich mit großen neugierigen Augen umschaut. Man trifft sich im Speisesaal mit seinen Reihen von Holztischen, einem Tee-und-Kaffee-Bereich und dem anheimelnden Kamin. An der Stirnseite steht eine weiße Tafel, auf der aktuelle Ankündigungen in Französisch, Englisch und Vietnamesisch zu lesen sind.

Jetzt wird ein Gong angeschlagen, nicht der große draußen, sondern ein kleinerer, der vor dem Kücheneingang hängt. Es ist ein wohltuender Klang, der das Abendessen einläutet. Die Mahlzeiten werden immer schweigend eingenommen. Zwanzig Minuten Schweigen. Ich stelle mich in die Schlange der Nonnen und anderen Frauen vor dem langen Büfett mit gesund und nahrhaft aussehenden Speisen. Zwei Löffel grüne französische Linsen lade ich mir auf den Teller, dazu Vermicelli und gedämpften Rotkohl; das Ganze übergieße ich mit einem guten Schuss dunkelbraunem Miso. Ich nehme an einem der Tische Platz und spüre: Irgendetwas wird gleich passieren. Was, weiß ich nicht genau, aber mit diesen Linsen hier fängt es an. Und so wird es die nächsten vierzig Tage sein, in denen mir aufgeht, wie wichtig Gebet, Achtsamkeit, Aufmerksamkeit beim Essen sind und was sie bewirken.

Eine Nonne schlägt einen kleinen Gong an und liest ein Gebet. Dann essen wir. Die Schwester mit dem Ringerschädel, die mich begrüßt hat, sitzt mir gegenüber, und so habe ich das Spiel ihrer Muskeln direkt vor Augen. Eine andere vietnamesische Schwester setzt sich direkt neben mich, obgleich an diesem Tisch noch etliche andere Plätze frei sind. »In einem Restaurant würde das nie so sein«, denke ich. Es ist schön, sie so nah neben mir zu haben. Ein Lächeln breitet sich über ihr Engelsgesicht aus, während sie eine Hand aufs Herz legt und sanft den Kopf neigt. Es versetzt mir einen Stich.

Und so beginnt die Reise.

35FBD3405616484D97AEC875AC28013D.jpg 1.Tag CBF40093FB0B408F85EDDA366F9C93D9.jpg

Körper Zuflucht nehmen zum weisen Ich

Weich und formbar wird der Mensch geboren, tot ist er hart und steif …

Der Steife und Ungeschmeidige ist ein Jünger des Todes, der Schmiegsam-Nachgiebige ein Jünger des Lebens.

Tao te king

So geweckt zu werden ist eigentlich ganz nett, wenn es bloß nicht so früh wäre. Eine Nonne schlägt einen Gong an, es ist fünf Uhr. Meine Augen öffnen sich und fallen gleich wieder zu. Aufstehen geht nicht. Dieser Gong hat etwas so Wohliges, ich könnte gleich weiterschlafen, wie von seinen Schwingungen hypnotisiert. Wenn ich jetzt die warme Decke zurückschlage, setze ich mich der frostigen Luft in meiner kargen Klosterkammer aus. Aber es hilft nichts, die Meditation beginnt um halb sechs, ich muss in Bewegung kommen – Nachzügler werden nicht mehr in die Buddha-Halle eingelassen. Also Augen auf und der Kälte tapfer standhalten. Ich lege mir mein elfenbeinfarbenes Wolltuch um die von der Reise noch etwas mitgenommenen Schultern und gehe die Treppe hinunter nach draußen, dann hinüber zur Buddha-Halle. Noch lässt sich die Sonne nicht blicken.

Jetzt sitze ich auf einem quadratischen marineblauen Kissen am Boden in der ersten von acht Reihen, die alle auf die prachtvolle große weiße Buddhastatue in einer Nische der Steinmauer zulaufen; davor steht ein kleiner Altar mit Blumen und Räucherwerk. Bei näherer Betrachtung fällt mir auf, dass die Statue eigentlich blass lachsfarben ist, doch das Licht in der Halle lässt sie strahlend weiß erscheinen.

Die Schwestern von New Hamlet und die Pilgerinnen wie ich haben sich versammelt, um miteinander zu rezitieren, zu beten und zu atmen und sich in Ehrfurcht vor den hohen Lehren des Buddha zu verneigen. Ein gutes Geschick hat mich hierhergeführt, und doch bewegt mich die Frage, weshalb die Schwestern das Klosterleben wählen und sich damit ja endgültig von einem Leben abwenden, in dem es Liebschaften gibt, in dem Kinder geboren werden, in dem man an faulen Sonntagvormittagen bei einem Milchkaffee in die New York Times schaut und sich auch mal ein Lavendelschaumbad gönnt. »Und jeden Morgen stehen sie mit den Hühnern auf«, geht es mir durch den Sinn. Dabei sollte ich eigentlich denken: Einatmend nehme ich meinen Körper bewusst wahr, ausatmend löse ich die Spannung in meinem Körper. »Höchstwahrscheinlich stehen sie bis ans Ende ihrer Tage so früh auf.« Mit bewundernden Seitenblicken mustere ich die Frauen, die hier mit mir sitzen und meditieren. Dann finde ich in den gegenwärtigen Augenblick zurück. Einatmend nehme ich meinen Körper bewusst wahr, ausatmend löse ich die Spannung in meinem Körper. Ich wende mich nach innen, nach und nach wird der Atem tief und langsam, und tatsächlich entspannt sich mein Körper, während ich dieses lang gezogene leise Wispern verfolge.

Später werde ich einmal »Frauen« sagen, wenn ich von den Nonnen spreche, und eine Schwester (die mich an eine besonders taffe katholische Nonne aus meinen Schultagen erinnert) wird es mit einem strengen Blick quittieren. Nonnen nennt man nicht Frauen, sondern Schwestern oder eben Nonnen.

Der erste meiner vierzig Tage ist ein Wirbel von wunderschönen kahlen Köpfen, braunen Gewändern und strahlenden Rezitationen in erhabener Umgebung. Ich sauge das alles förmlich in mich auf. Plum Village ist eine ganz andere Welt.

Nach dem Abendessen und Lindenblütentee mit meiner neuen britischen Freundin, die gestern mit mir angereist ist, machen wir zusammen noch einen Abendspaziergang unter einem pechschwarzen ländlichen Himmel mit unzähligen Sternen. Die Luft riecht nach Erde, feucht und üppig und kühl. Noch drei tiefe Atemzüge, dann holt mich die Müdigkeit ein. Ich sage meiner Begleiterin Gute Nacht und gehe zum Wohngebäude zurück.

Am Ende dieses langen ersten Tages sehne ich mich nach einer Dusche. In der winzigen Duschkabine stoße ich bei jeder Bewegung irgendwo an. Trotzdem, es wird sicher herrlich. Ich kann es kaum erwarten, dass mir das dampfende Wasser auf den müden Rücken prasselt. Statt heißem Wasser, viel heißem Wasser, kommt aber nur ein lauwarmes Rinnsal. Meine Miene verfinstert sich. Ich steige aber doch in die Dusche, wohl in der Vorstellung, dass schiere Willenskraft dem Wasser schon auf die Sprünge helfen wird. Es kommt, wie Sie es sicher bereits vermutet haben: Kaum bin ich eingeseift, bleibt das Wasser ganz aus. Ich in der winzigen Duschkabine: splitternackt, nass und jetzt auch schon vor Kälte zitternd. Und zu allem Überfluss die Seife am ganzen Körper! Ich betrachte meine Gänsehaut. Kurz überlege ich, was jetzt zu tun ist, dann fallen mir Thich Nhat Hanhs Worte ein: »Suche Zuflucht bei dir selbst.« »Ach ja, deswegen bin ich ja hier«, besinne ich mich. »Ich will herausfinden, wie ich unter allen Umständen bei mir selbst Zuflucht finden kann.« Ich darf nicht vergessen, dass der Mönch, von dem die Worte stammen, auf diesem Weg mein Führer ist. Das beruhigt mich gleich ein wenig und schärft meine Konzentration. Was also kann ich jetzt tun? Ich könnte mir das winzige Handtuch irgendwie um den nassen Körper schlingen und mich ins Nonnenquartier zu deren Duschen schleichen. Diesen Gedanken verwerfe ich allerdings gleich wieder. Ich kann auch hier stehen bleiben und um warmes Wasser beten. Das finde ich blöd. Na gut, wie wäre es damit: Ich könnte der Anregung des alten Mönchs folgen und zur Insel meiner selbst zurückkehren.

Tatsache aber bleibt, dass es zehn Uhr und im ganzen Haus mucksmäuschenstill ist. Alle liegen im Bett, und ich stehe hier müde, frierend, nass und eingeseift in einer beigefarbenen Dusche ohne Wasser. In einem Kloster. In Frankreich. Ich kann nichts anderes tun, als hier zu stehen und zu atmen und auf den wunderbaren Einfall zu warten, der mir ja vielleicht doch noch kommt. In einem Winkel der Kabine sehe ich eine Spinne flink die Wand hochkrabbeln. Sie freut sich sicherlich, dass das Wasser ausgefallen ist. Ich konzentriere mich auf den tiefschwarzen Körper des Tieres. Im nächsten Moment höre ich meinen Atem. Und dusche mich in ihm. Ich lausche der in meine Lunge einströmenden feuchten Luft. Werde durchströmt von der Empfindung des Ausatmens, das sich anschließt. Einatmen. Ausatmen. Stille. Einatmen. Ausatmen. Stille. Ich bin mir meines Atmens bewusst. Ein paar Sekunden später geht meine Gänsehaut zurück. Ich gebe nach, irgendwie finde ich mich mit den Umständen ab. Ob Wasser kommt oder nicht, hat nichts mit mir zu tun, weshalb also kämpfen, steif und unflexibel? »Und überhaupt, weshalb stemme ich mich eigentlich ständig gegen all die Dinge in meinem Leben, an denen ich doch nichts ändern kann?« Ich wende mich direkt an die Spinne: »Meinen Körper kann ich steuern, nicht wahr? Aber alles ringsum – da bin ich machtlos.« Ich gehe mit dem Gesicht ganz nah an das jetzt regungslose Tier heran und betrachte seine seifenfreien dünnen Beine. »Du weißt das, oder? Und warum vergesse ich es immer so leicht?« Laut sage ich, die Spinne ist meine Zeugin: »Suche Zuflucht bei dir selbst, Mary.«

B592153131C44551AEE7515E669B431D.jpg

Östliche Lehren betrachten den Körper als Mikrokosmos, als verkleinertes Abbild des Universums. Man lernt seinen Körper dadurch kennen, dass man sich auf ihn einstimmt. Und weil man dann seinen Körper kennt, den Mikrokosmos, offenbart sich einem auch das Walten im Makrokosmos, in der Welt. Darin liegt ein großes Vermögen:

Wer Herr seiner selbst ist, ist Herr der Welt.

Was man nicht alles macht mit seinem Körper! Heute habe ich im Gewächshaus, in dem die Nonnen biologischen Anbau von Obst, Gemüse und Kräutern betreiben, eine Zeit lang Unkraut gejätet. Das ist eine der vielen Arbeitsmeditationen, zu denen wir Besucher während unseres Aufenthalts im Kloster angehalten sind. Zu Mittag habe ich Spinat und Rucola aus ebendieser Produktion genossen. Nach zu vielen Buttercroissants in meiner Zwischenstation Paris genügt ein Tag mit wirklich nährenden Speisen, um ganz neue körperliche Leichtigkeit und geistige Klarheit entstehen zu lassen.

Deshalb wird hier in Plum Village sehr viel Wert auf gute Ernährung gelegt. Zu viel Zucker wie etwa in krachsüßen Donuts, und schon sehen wir alles wie durch einen Nebel. Zu deftig Gewürztes (Vorsicht mit Chili!), und wir können uns bei der Meditation nicht konzentrieren. Allzu reichliches Essen macht uns schläfrig. Alles, was wir zu uns nehmen, bewirkt irgendetwas. Falsche Ernährung kann außerdem tief sitzende Spannungen im Körper erzeugen. Und man findet nicht leicht zur Insel seiner selbst zurück, wenn es eine Insel der Schmerzen ist. Ein Hort der Leiden – wer möchte sich da schon aufhalten?

Beim Verzehr der kulinarischen Köstlichkeiten des heutigen Tages frage ich mich, weshalb ich zu Hause nicht genügend Disziplin aufbringe, um mich dauerhaft gut zu ernähren. Kartoffelchips lassen meine Muskeln schmerzen, als würden sie nach etwas wirklich Nahrhaftem schreien. Schon die ersten vierundzwanzig Stunden im Kloster machen mich auf meine Misere aufmerksam. Ich erkenne jetzt, dass ich meinen Körper nicht immer so respektvoll behandle, wie er es verdient.

Thich Nhat Hanh sagt, die Spannungen in unserem Körper seien »eine Form des Leidens«. Schmerzen wachsen sich irgendwann zu Krankheiten aus, wenn wir nicht über etwas verfügen, was den Druck wieder abbaut. »Bemühen wir uns immer um Mitgefühl mit uns selbst, dann wissen wir, wie die Schmerzen zu lindern sind, die wir in uns tragen.« – »Durch achtsames Atmen«, sagt Thay auch, »nehmen wir Zuflucht zu uns selbst und gehen heim zu uns.« Diese Technik des achtsamen Atmens, die uns der Buddha gegen unsere Leiden verordnet, vereint Körper und Geist so, dass wir einen sicheren Stand im Hier und Jetzt finden. Ich lege das erste meiner stummen Gelübde ab: »Ich will unbedingt daran denken, achtsam zu atmen.«

Wer aber ist der Buddha? Wer ist er, dass sein Einfluss sich auf so viele Menschen erstreckt, nicht zuletzt auf Thich Nhat Hanh?

Der Erleuchtete war, bevor er ein Erwachter, ein Buddha, wurde, ein junger Mann namens Siddhartha Gautama, der vor über 2500 Jahren in Nordindien lebte. Er wurde ein Suchender, wollte das Wesen der Wirklichkeit und des menschlichen Lebens ergründen. Nach sechs Jahren der intensiven Schulung unter mehreren berühmten spirituellen Lehrern setzte sich Siddhartha unter einen Bodhi-Baum und gelobte, sich erst wieder zu erheben, wenn er Erleuchtung gefunden hatte. Er saß die Nacht hindurch, und als der Morgenstern aufstieg, kam er zu einem tiefen Durchbruch, der ihm das volle Verstehen und die Liebe erschloss. Neunundvierzig Tage soll der Buddha in diesem wunderbaren Zustand verweilt haben, dann machte er sich zum Hirschpark von Sarnath auf, wo er auf fünf seiner früheren Weggefährten traf. Wie Thich Nhat Hanh in seinem Buch Das Herz von Buddhas Lehre erzählt, legte er dort, natürlich in seinen eigenen Worten, die folgende Lehre dar: »Ich habe tief erkannt, dass nichts für sich allein sein kann, dass alles mit allem anderen inter-sein muss. Ich habe außerdem erkannt, dass alle Wesen mit dem Vermögen zu erwachen begabt sind.«

Danach sprach er die vier edlen Wahrheiten aus:

Leid existiert. Leid wird hervorgebracht. Es gibt einen Weg zur Beendigung aller Leiden. Dieser Weg zur Wiederherstellung des Wohlbefindens wird der edle achtfache Pfad genannt.

Im Mahaparinibbana-Sutta heißt es:

Wo der edle achtfache Pfad geübt wird, sind Freude, Frieden und Erkenntnis.

Thich Nhat Hanh hebt hervor, dass die acht Glieder des edlen Pfades – rechte Anschauung, rechtes Denken, rechte Rede, rechtes Handeln, rechter Lebenserwerb, rechtes Bemühen, rechte Achtsamkeit und rechte Konzentration – durch das verbunden sind, was er »Inter-Sein« nennt. »Jedes dieser Glieder«, sagt er, »enthält die übrigen sieben.«

Da ich hier bin, um die Lehren des Buddha anzuwenden, liege ich jetzt selig in meinem warmen Bett und denke über die kleine und doch so frustrierende Unannehmlichkeit mit meiner ersten klösterlichen Dusche nach. Ich war müde und nass und fror, und ich empfand das als sehr unbehaglich. Ein klarer Fall von Leid, die erste edle Wahrheit. So weit, so gut. Die zweite edle Wahrheit bestand in meinem Widerwillen gegen den Wassermangel. Es gab also einen Grund für mein Leid, und der bestand darin, dass ich meine nasskalte Verfassung ablehnte. Aber man hat immer Möglichkeiten. Wenn das Wasser ausbleibt, kann man gegen diese Wirklichkeit aufbegehren oder sich in die Umstände fügen. Dass ich mein Unbehagen durch Achtsamkeit zu reduzieren vermochte, zeugt von der dritten edlen Wahrheit, dass es einen Ausweg gibt. Die Konzentration auf meinen Atem brachte ein wenig Erleichterung und auch einen Erkenntnisgewinn. Ich erkannte mein Unbehagen als vorübergehend. Nichts bleibt, wie es ist, kein Schmerz, keine Lust. Mein konzentriertes Atmen brachte mich zur Insel meiner selbst zurück, wo ich auf viele Mittel und Einsichten zurückgreifen kann. Hier war es die simple Erkenntnis, dass fehlendes Wasser in der Dusche eine eher kleine Unannehmlichkeit darstellt. Wenn man begreift, dass man an einer Sache absolut nichts ändern kann, liegt darin auch Freiheit. Das Annehmen befreit, ebenso wie Entschlossenheit befreit. Der Frust reduzierte sich augenblicklich um die Hälfte. Ich bekam einen Geschmack von der vierten edlen Wahrheit, vom Pfad, der mein Wohlbefinden (teilweise) wiederherstellte.

Heute habe ich einen Geschmack von dem bekommen, was Achtsamkeit vermag. Mir geht noch durch den Sinn, dass ich wirklich in meine Kraft und Freiheit komme, wenn ich zur Insel meiner selbst zurückkehre und bei mir selbst Zuflucht suche. Die Frage ist nur: Werde ich das auch unter schwierigeren Umständen schaffen?

Der Buddha sagte nicht, wie viele annehmen, dass alles leidvoll sei. Vor allem, so Thich Nhat Hanh, ging es dem Buddha um die Verwandlung des Leidens. »Ihr müsst das Unbehagen in euch finden und es dann wandeln.«

Irgendwann kam wieder Wasser aus meiner Dusche, die schwarze Spinne krabbelte weg, und ich war froh, mir endlich die Seife abspülen zu können. Wenn wir loslassen, finden sich die Dinge schon irgendwie.

B200F792113948CDA17F90338E35314D.jpg 2.Tag 9BBEE76188B247C8BD555B1F008BE0AD.jpg

Anfängergeist Was man gegen Langeweile tun kann

Gegen Langeweile hilft Neugier. Gegen Neugier hilft gar nichts.

Dorothy Parker

Ich sitze im Speisesaal beim Abendessen, gegenüber von mir hat eine junge, hinreißend schöne vietnamesische Nonne Platz genommen. Ihre vollen Lippen und hohen Wangenknochen zieren ein Gesicht von reinem Gold. Sie ist atemberaubend, sogar mit geschorenem Kopf und der stumpfbraunen Klostertracht. Kurz denke ich daran, mir den Kopf zu rasieren. Ob die Schönheit dieser Nonne wohl auch bei den Mönchen ankommt? Ich kann kaum den Blick von ihr wenden. Dann kommt mir ein anderer Gedanke. Vielleicht haben Mönche und Nonnen den äußersten Fluchtweg eingeschlagen – ganz weg von Liebesbeziehungen.

Ich bin einmal aus einer sehr liebevollen Beziehung mit einem so gut wie vollkommenen Mann ausgestiegen. Damals dachte ich, es ginge mir um höhere Ideale, als ich mich trennte, aber es muss wohl einfach Langeweile gewesen sein. Weit entfernt von meinem Zuhause, in einem buddhistischen Kloster und mit dieser schönen jungen Nonne mir gegenüber, erkenne ich es noch viel deutlicher. »Was war eigentlich die Ursache für meine damalige Lethargie?«, frage ich mich. Wie konnte es dazu kommen, dass sich der Überdruss in die Beziehung zu diesem wunderbaren Mann einschlich? Thich Nhat Hanh würde vielleicht sagen, ich hätte den Verstand verloren, also meinen »Anfängergeist«. Oder dass ich vergessen hätte, was mich mit diesem Mann verband, der mich bestimmt mehr liebte als alle anderen vor ihm. Ein solches Vergessen sei das Gegenteil von Achtsamkeit, lehrt Thay und erklärt, dass wir in dem Spannungsfeld von Achtsamkeit und Vergessen leben. Wenn das Vergessen vorherrsche, sei uns jeglicher Anfängergeist abhandengekommen.

Vor Jahren habe ich an einem Meditationsretreat teilgenommen, bei dem es um Achtsamkeit im Alltag ging. Beim Zähneputzen beispielsweise konzentrierte ich mich ausschließlich auf das Zähneputzen. Beim Händewaschen, Spazierengehen, Mittagessen gab ich mir alle Mühe, das Plappern in meinem Kopf abzustellen und ganz in das versunken zu bleiben, was jeweils gerade anstand. Die Achtsamkeit offenbarte mir, dass ich mich bisher nicht voll auf solche alltäglichen Dinge konzentriert hatte. Sie traten mit einer solchen Regelmäßigkeit auf, dass ich eine gewisse Achtlosigkeit hatte walten lassen. Sobald ich jedoch genau auf mein Tun achtete, was es auch gerade sein mochte, veränderte sich etwas in meinem Inneren. Ich fühlte mich weniger »außer mir«, mehr mit meiner inneren Energie verbunden. Im Yoga wird diese Energie vielfach als Lebenskraft, Chi oder Prana bezeichnet. Einfach gesagt verband mich die Achtsamkeit mit meinem wahren Ich. Immer wenn es mir gelang, achtsam zu sein, fühlte sich jeder Augenblick neu an – was ja auch der Fall ist –, und mein Gewohnheitsgeist hatte nichts mehr, woran er andocken konnte. Es kam dann nicht vor, dass ich achtlos ein Käsebrot aß und mich dabei zum Beispiel über meinen Vermieter ärgerte, der nicht zu bewegen war, das undichte Dach meines Yogastudios zu reparieren. Wenn ich immer nur mit einer Sache befasst war, kam es auch nicht zu Fantasien über irgendeine ferne goldene Zukunft. Diese Augenblicke der Wachheit im Jetzt gingen vorüber, aber sie wurden umso häufiger, je konzentrierter ich war. Und sie fühlten sich gut an, so als lebte ich darin wirklich mein Leben, anstatt über es nachzudenken, zu grübeln oder mir etwas zusammenzufantasieren. Die Zeit vergeht wie im Fluge, und doch verhalten wir uns so, als hätten wir noch ewig zu leben. Ein Augenblick der Wachheit ist wie ein Scheinwerfer, der auf diesen Umstand gerichtet wird. Und hier im Kloster erinnere ich mich nun wieder, wie sehr die Kraft gebündelter Konzentration mein Leben bereichert.

Im Moment sitze ich hier fern von zu Hause in einem Kloster, mit dieser unschuldigen Schönheit als Gegenüber, und denke darüber nach, wie gut es doch ist, Augenblick für Augenblick genau zu wissen, was ich tue. Leicht ist das nicht. Ich weiß nur so viel: Wenn ich so achtsam bin wie irgend möglich, gibt mich das Karussell meiner gewohnten, immer wieder gleichen bohrenden Gedanken frei. Und für die Zeit, in der mein Wunsch nach dem perfekten Partner oder meine Grübeleien über die Untiefen von Liebesbeziehungen und dergleichen in den Hintergrund treten, halte ich mich wirklich in meinem Leben auf, selbst bei ganz alltäglichen Verrichtungen. Das gegenwärtige Leben, nicht wehmütiger Rückblick oder bange Zukunftsgedanken, ist dann der Raum meiner Erfahrung. Es kann wohl nur so sein.

Das Essen ist zu Ende, die junge Nonne aufgestanden. Zusammen mit einigen anderen Schwestern macht sie sich daran, den Speisesaal zu putzen. Ich bleibe noch mit meinem Kamillentee sitzen und sehe ihnen bei ihrer Arbeit mit den hellen Schwämmen und altmodischen Strohbesen zu. Dieser Arbeitsmeditation werde ich mich in den kommenden Tagen auch widmen, heute aber möchte ich einfach zusehen, wie diese Menschen so still arbeiten und offenbar ganz auf ihr Tun ausgerichtet sind, vollkommen anders, als wenn ich putze. Sie scheinen sonst nichts im Sinn zu haben, das jedenfalls lese ich in ihren Gesichtern. Nichts darin deutet auf Unmut oder grübelnde Gedanken hin. Sie putzen schlicht und einfach den Fußboden.

Mir fällt der Mystiker Sadhguru ein, der gesagt hat, unser Problem bestehe darin, dass wir uns mit jeder Tätigkeit selbst aufbauen, anstatt uns abzubauen, zum Verschwinden zu bringen. Was wir für uns tun, machen wir so gut wie möglich, für andere arbeiten wir dagegen nur so gut wie unbedingt nötig. Bei uns kehren wir den Boden besser als bei Freunden. Davon ist bei diesen Nonnen hier nichts zu sehen.

Ich nehme noch einen Schluck Kamillentee und komme zu dem Schluss, dass oft der Vergesslichkeitsgeist den Anfängergeist überlagert, weil wir das Alltägliche zur Routine werden lassen. Wir schätzen die Bedeutung einer durchgängigen Achtsamkeit nicht richtig ein, vor allem bei sogenannten gewöhnlichen, wenn nicht niederen Verrichtungen wie dem Schrubben des Speisesaalbodens. Die Putzkolonne der Nonnen, die ich gerade beobachte, macht mich darauf aufmerksam, dass es nicht so sein muss. Sicher, dieses Hin und Her zwischen Vergessen und Achtsamkeit liegt wohl irgendwie in der menschlichen Natur, aber laut Thich Nhat Hanh lernen wir beim Einüben der Achtsamkeit unseren zwiegespaltenen Geist zu überwinden.

Beim Unterricht in meinem Yogastudio habe ich oft erlebt, dass meine Schüler eine ihnen bekannte Stellung wie eine gymnastische Übung ausführen. Sie haben diese Stellung vielleicht Hunderte Male geübt, und jetzt ist sie ihnen allzu vertraut. Sie hat an Kraft verloren. Sie mag dann noch der körperlichen Ertüchtigung dienen, aber die Leute sind nicht mehr wirklich in der Stellung. Auch eine Übung, die der Achtsamkeit dienen soll, kann der Achtlosigkeit Vorschub leisten, wenn wir an sie herangehen, als beherrschten wir sie längst.

In einem Artikel für die buddhistische Zeitschrift The Shambhala Sun erläutert Thay den Anfängergeist am Beispiel des Teetrinkens:

Ihr habt schon oft Tee getrunken, ohne es zu bemerken, weil ihr mit Sorgen und Nöten beschäftigt wart … Wer aber seinen Tee ohne Achtsamkeit und Konzentration trinkt, der trinkt nicht wirklich Tee. Er trinkt seinen Kummer, seine Angst, seinen Ärger, und da kann es kein Glück geben.

Wie oft haben wir wohl schon unseren Kummer getrunken? Wir trinken Tee und machen uns dabei Gedanken über etwas anderes. Thays erhellende Worte verdeutlichen, dass Freude aufkommen kann, wenn wir in allen Dingen des Alltags achtsam bleiben. Aufmerksamkeit entfacht das Glück im Augenblick und schafft in allen Lebensbereichen mehr Achtsamkeit, denn wer wirklich Tee trinkt, übt dabei, in allem Tun achtsam zu sein. »Damit es zu großer Erkenntnis kommen kann«, sagt Thay, »muss diese Form der Konzentration ständig weiter geübt werden.« Wenn wir diese Art zu leben trainieren, werden Glück und Einsicht immer weiter wachsen, unsere Sorgen und Befürchtungen schwächen sich ab.

Ich blicke in den goldenen Tee in meinen Händen. »Ich muss mir immer bewusst halten, wie wichtig geschärfte Aufmerksamkeit ist«, denke ich. Es ist klar und doch so schwierig.

zusammen sein

Shambhala Sun

Der Fußboden im Speisesaal glänzt, die fröhlichen Putzfrauen haben alle Mopps und Schwämme in die Besenkammer zurückgebracht. Ich bleibe allein zurück. Der Zauber der blau züngelnden Glutreste im Kamin bleibt mir erhalten, während ich noch über diesen schwierigsten aller Zustände nachdenke, den Anfängergeist. An Kindern verzaubert uns, dass sie in alles so tief versunken sein können. Für sie ist das Leben stets neu. Als Erwachsene erleben wir diese Art der Aufmerksamkeit eigentlich nur noch, wenn wir neue Fähigkeiten erlernen, etwas Neues unternehmen oder eine neue Liebesbeziehung eingehen. Oft erlahmt unser Interesse, sobald uns die Dinge oder Menschen dann vertraut werden. Was es mit dieser schwindenden Begeisterung wohl auf sich hat? Ein Anflug von Traurigkeit verbindet sich mit dieser Frage – einer von vielen, die mich hier noch erwarten.

Albert Einstein hat einmal gesagt: »Nicht aufhören mit dem Fragen, das ist wichtig. Neugier hat ihren eigenen Daseinsgrund. Betrachtet man die Mysterien der Ewigkeit, des Lebens, des wunderbaren Gefüges der Wirklichkeit, ist kaum etwas anderes als ehrfürchtiges Staunen möglich. Wenn man jeden Tag nur ein wenig von diesem Mysterium zu erfassen versucht, genügt das. Diese heilige Neugier darf uns nie verloren gehen.«

Das Feuer verhaucht, meine Teetasse ist leer. Als ich mich von der Kaminbank erhebe, wird mir deutlich, dass mir eine schöne junge Nonne und eine Schar munterer, mit Zen-Inbrunst den Boden putzender Schwestern innerhalb von zwei Stunden deutlich gemacht haben, wie viel Weisheit darin liegt, auf alles im Leben mit neuen, mit Kinderaugen zuzugehen. Mindestens aber könnte ein stets neugieriger Anfängergeist auch in langfristigen Liebesbeziehungen die Entdeckerfreude lebendig halten. Und das wäre doch wunderbar!