Der Mörder vom Lehnitzsee

Peter Wilkening

Published by BEKKERpublishing, 2016.

Inhaltsverzeichnis

Title Page

PETER WILKENING

Klappe

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PETER WILKENING

DER MÖRDER VOM LEHNITZSEE

Ein Krimi aus Brandenburg

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IMPRESSUM

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author/ Titelbild: Hennadii Huchek/ 123RF, 2016

© dieser Ausgabe 2016 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

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Klappe

Ein Mord am Lehnitzsee in der kleinen Kreisstadt Oranienburg schreckt die Bevölkerung auf. Als dann noch der zweite und dritte Mord passieren, greift Panik um sich! Gelingt es den Protagonisten Kriminalhauptkommissar Werner Winter, Kriminalkommissarin Martha Hoffmann und dem Schriftsteller Friedrich Wilhelming, die Situation in den Griff zu bekommen und den Mörder zu überführen?

1

Es ist ein trüber Tag im Januar. Es ist kalt. Nebel hat sich gebildet und drückt die Feuchtigkeit auf den gefrorenen Boden zurück.Er geht wie durch eine dicke Watteschicht und erreicht den kleinen Dorffriedhof nach wenigen Minuten. An diesem Montag Mittag gibt es keine Besucher. In einiger Entfernung sind Arbeiter damit beschäftigt, eine Gruft auszuheben. Mit einem kleinen Bagger erleichtern sie sich ihre Arbeit. Das schwere Arbeitsgerät gräbt sich in die feste Erde hinein. Nach dem Erdloch zu beurteilen, das er erkennen kann, handelt es sich um ein Erdgrab. Durch die Arbeiter herrscht auf dem sonst so stillen Friedhof eine rege Betriebsamkeit, die es normalerweise an diesem Ort nicht gibt.Die Ruhe ist hier das bestimmende Gut. Er bleibt vor der Grabstelle seiner Mutter andächtig stehen. Elf Jahre liegt sie jetzt in ihrem Urnengrab und wartet darauf, besucht zu werden. Sie freut sich über jeden noch so kleinen Blumengruß. Wenn der Organist in der sechseckigen Kirche, die im Jahre 1666 von der Kurfürstin erbaut wurde, seine Kunst einübt, schwebt leichte Orgelmusik über den Friedhof. Daran kann sie sich erfreuen. Gelegentlich stattfindende Gottesdienste und musikalische Veranstaltungen sorgen für eine angenehme Unterbrechung der ewigen Ruhe. Die nahe Hauptstraße gibt ungefragt ihren Verkehrslärm dazu. Friedrich Wilhelming hat mit der Zeit Abstand gewonnen vom Tod seiner Mutter. Aber oft ist der Ruf aus der Vergangenheit stärker als die Realität. Und er muss aufpassen, dass er sich nicht in diesen Abgründen verliert. Sein Blickt schweift ab zur Baustelle. Die Arbeiter sind mit ihrer Arbeit fast fertig. Da muss jemand gestorben sein. Es wird Platz geschaffen für die Leiche. Ob es dem Verstorbenen gefällt oder nicht. Wer ist er oder sie? Name? Geburtsdatum? Sterbetag? Alter? Welches Schicksal verbirgt sich unter dem Sargdeckel? Was sind die Eckpfeiler in seinem Leben? Fragen und Antworten, die Friedrich interessieren. Er hat aktuell nichts gehört über den Tod eines Mitbürgers aus Bärenklau. Dann muss der Verstorbene von außerhalb kommen. Na, ja, er wird sich mal umhören. Er wendet sich an die Arbeiter: „Guten Tag! Wer wird denn hier beerdigt?“ „Das wissen wir nicht! Wir sollen nur die Gruft ausheben.“ Der zunehmende Nebel und die Kälte veranlassen Herrn Wilhelming, den Dorffriedhof zu verlassen.

2

Jürgen Müller macht zu später Stunde seinen gewohnten Abendspaziergang. Wie immer am Lehnitzsee. Er kommt am ehemaligen Eiscafé Dietrich vorbei. Über die große Badewiese gelangt er zu dem gepflasterten Weg, der bis zur Lehnitzschleuse führt. Schade, dass zur Zeit der Winter regiert. Er hätte sich gern in den Biergarten am Waldhaus gesetzt und gemütlich ein oder vielleicht auch zwei Bier getrunken. Hier findet er Ruhe zum Nachdenken. So muss er weitergehen und im Laufen seine Gedanken ordnen. Er steht mit seinen knapp 50 Jahren am Scheidepunkt seiner Karriere. Jürgen hat sich auf die freie Stelle des 2. Beigeordneten des Regierenden Oberbürgermeisters von Oranienburg beworben. Er ist schon zehn Jahre Leiter des Hauptamtes der Stadtverwaltung. Mit den Voten der Ausschüsse entscheidet die Stadtverordnetenversammlung in zwei Wochen über die Besetzung der Stelle. Es haben sich insgesamt acht Personen beworben. Davon sind vier in die engere Wahl gekommen und werden nun nach dem Vorschlag der Findungskommission in die Sondersitzung des Stadtparlamentes zur Vorstellung gebeten. Er hat es zunächst unter die letzten vier geschafft und rechnet sich nun auch Chancen aus, den Zuschlag zu bekommen. Seine drei Mitstreiter weisen unterschiedliche Voraussetzungen auf. Während unter den Bewerbern ein Kollege ist, mit dem er schon über fünfzehn Jahre zusammen arbeitet und der es hinsichtlich seines Erfahrungsschatzes und Dienstalters (53) durchaus mit ihm aufnehmen kann, sind die verbleibenden zwei Kandidatinnen weitaus jünger, 35 und 37 Jahre alt, studiert, aber dafür unerfahren und kommen von „draußen“. Die eine Dame hat ein abgeschlossenes juristisches Staatsexamen, die ältere verfügt über einen Magisterabschluss in Betriebswirtschaft. Beide sehen gut aus und machen sich auch berechtigte Hoffnungen auf den Posten. Bedingt durch den Buschfunk und zuverlässige Informanten weiß Müller genau Bescheid über den Sachstand. Eigentlich unterliegen gerade Personalangelegenheiten der Verschwiegenheitspflicht. Bis zur Ausschreibung der Stelle waren Jürgen und sein älterer Kollege Harald beinahe freundschaftlich verbunden. Jetzt sind sie Rivalen geworden, die sich plötzlich nicht mehr ausstehen können. Der Schiffsverkehr auf dem Lehnitzsee ist wegen Nebel und Eisgang unterbrochen, demzufolge ist auch die Schleuse geschlossen und die umfängliche Beleuchtung ausgeschaltet. Die Dunkelheit ist unheimlich. Er kann nichts mehr erkennen. Ab und zu hastet ein Jogger an ihm vorbei, der aber schnell wieder verschwunden ist. Dann sieht er eine Reihe von Lichtern auf sich zukommen. Er bleibt stehen und lässt die Gruppe, es handelt sich um Flüchtlinge, vorbeigehen. Auch in Lehnitz gibt es ein Flüchtlingsheim.Einige wünschen ihm sogar einen „Guten Abend!“ Der heftige Streit mit seiner Frau, den er vorhin auszutragen hatte, liegt ihm noch auf der Seele. Sie sind bald 20 Jahre verheiratet. Ihre Ehe läuft auf Sparflamme. Vorbei ist sicherlich der Rausch und die große Liebe. Aber sie wissen, was sie einander haben. Und schließlich hält sie auch die langfristige Finanzierung ihres Hauses zusammen. Aus Angst vor der Trennung und dem Alleinsein, der Beziehungsmarkt ist abgegrast, gehen sie weiter gemeinsam durch das Leben. Nur eines könnte sie wirklich auseinander bringen: Wenn sie sich zunehmend ohne Respekt begegnen würden! Noch ist es nicht soweit, aber er spürt, dass sich nach jeder Auseinandersetzung etwas in ihm verändert. Es geht immer ein weiteres Stück kaputt von dem, was sie sich über Jahre erarbeitet haben. Er fühlt sich oft von ihr mies behandelt, wenn sie ihren Frust und ihre schlechte Laune immer an ihm auslässt. Seine Frustrationstoleranz sinkt dann in gefährliche Bereiche. Er verdrängt diese Gedanken und versucht, sein seelisches Gleichgewicht wieder zu erlangen. Auf einmal wird ihm noch kälter und er beeilt sich, nach Hause zu kommen.

3

Der Bärenklauer Stammtisch findet heute im Bärenstübl statt. Bereits erschienen sind Friedrich Wilhelming als Gastgeber, Pfarrer Sven Böhlmann, der Maler Richard Fahrenheit, Ortsvorsteherin Manuela Watt, Bürgermeister Dirk Hopsraff, Friedhofsverwalter Sören Hanke und die attraktive Maria Sander. Abgesagt wegen Krankheit hat der Rentner Erwin Kahles. Unentschuldigt fehlt der Kirchenratsvorsitzende Hubert Gattersohn. Friedrich ergreift das Wort: „Meine Dame, meine Herren, ich möchte mein Glas erheben und auf unser Stammtisch–Jubiläum anstoßen: Zehn Jahre gibt es uns jetzt und ich finde, es war eine schöne, aufregende Zeit! Prost!“  „Prost!“, ertönt es aus der Runde.  „Die ersten beiden Runden gehen auf mich! Ich habe heute für mein neues Buch einen kleinen Vorschuss erhalten!“ Die Stammtisch-Teilnehmer klopfen auf die Tischplatte. Friedrich fährt fort: „Nun sitze ich seit Tagen vor einem leeren Blatt und weiß nicht, was ich schreiben soll.“  Die Gäste lachen. In einer Ecke des Lokals sitzt Peter Fassbutter, der Zeitungsredakteur der Oberhavel-Rundschau, und macht sich Notizen. Friedrich erkennt und grüßt ihn. Die Ortsvorsteherin berichtet von der letzten Zusammenkunft der Kommunen hinsichtlich der Flüchtlingsfrage: „Das ehemalige Fliegerheim, die Gemeinschaftsunterkunft, am Kreisverkehr zwischen Bärenklau und Leegebruch ist mit 240 Personen, davon 50 Kinder und Jugendliche, besetzt. 70 % der Bewohner kommen aus Syrien, die übrigen 30 % kommen aus dem Iran, Irak, Pakistan, Afghanistan, Kamerun und dem Tschad. Es sind sehr beengende Verhältnisse, die eine Integration der Flüchtlinge nicht zulassen. Zu begrüßen sind die unermüdlich schaffenden Helfer, die zum Beispiel Deutschunterricht geben! Gemeinsame Sportveranstaltungen, eine Begleitung der Flüchtlinge zu Behördengängen und eine große Spendenbereitschaft runden das positive Bild ab.“ 

Maria, man sieht ihr ihre knapp vierzig Jahre überhaupt nicht an, erzählt: „Seit den Vorkommnissen am Silvesterabend in Köln mit den organisierten sexuellen Übergriffen und Raubdelikten der Asylanten, habe ich Angst, allein auf die Straße zu gehen. Das Verhalten der kriminellen Flüchtlinge hatte eine neue Qualität. Straffällig gewordene Migranten müssen sofort ausgewiesen werden!“

Bürgermeister Dirk Hopsraff fordert ein härteres Einsteigen der Polizei und eine Verschärfung der Gesetze:

„Auch der Zuzug der Flüchtlinge aus den im Bürgerkrieg befindlichen Ländern muss reduziert werden! Wenn das Problem der Islam Sturm Schutz Abteilung (ISSA) geklärt ist, müssen die Demokratien Einzug erhalten und dafür ist es wichtig, dass die Flüchtlinge wieder in ihre Heimat zurückkehren.“

Sören Hanke weist auf die entstehenden Parallelgesellschaften bis zu einer eigenen Gesetzbarkeit hin:

„Ein Beispiel ist der Stadtbezirk Berlin–Neukölln, eigentlich schon eine No–Go-Arena für Deutsche.“

Pfarrer Böhlmann fordert: „Wir müssen aus Gründen der Menschlichkeit und nach dem christlichen Glauben noch viel mehr Flüchtlinge aufnehmen! Nicht nur die politischen, sondern auch die `Wirtschaftsflüchtlinge` müssen eine neue Heimat finden können, wenn sie das wollen.“

„Wir müssen die skrupellosen Schlepperbanden stoppen und die Grenzen dicht machen.“, verlangt der Maler Richard Fahrenheit.

Friedrich übernimmt wieder die Gesprächsführung:

„Meine Freunde! Lasst uns das Thema wechseln, bevor wir uns richtig streiten! Es wurde vorgestern ein toter Wolf ohne Kopf in Marwitz im Wald aufgefunden.“

Ausrufe der Empörung: „Das ist ja schrecklich! So eine Gemeinheit! Wer tut so was? Schweinerei! Das sind ja ISSA- Methoden!“

„Es könnte der Wolf von Oberkrämer sein!“, erläutert Wilhelming:

„Das wäre tragisch für den Jungen Kai Müller, der eine richtige Freundschaft zu dem Wolf aufgebaut hat. Was geht in den Köpfen solcher Menschen vor? Da muss sich doch ein dermaßen großer Hass entwickelt haben, der nicht mehr zu kontrollieren ist.Alle Jäger, Züchter und Bauern in dieser Gegend sind verdächtigt, diese Schandtat verübt zu haben. Der Deutsche braucht ein Feindbild und das Fremde, was oder wen er nicht kennt, lehnt er ab.“Der Friedhofsverwalter Sören Hanke macht folgenden Vorschlag: „Ich bin dafür, dass wir der Sache nachgehen und den Schuldigen finden!“

Wilhelming ruft den Wirt herbei: „Leopold, noch eine Runde Bier für alle!“

Der Wirt stellt die Getränke auf den Tisch. Friedrich sagt „Prost!“ und trinkt einen großen Schluck. Die ersten Teilnehmer des Stammtisches verabschieden sich. Schließlich sitzen nur noch Maria und der Schriftsteller beisammen. Auf sie wartet zu Hause niemand. Sie mögen sich irgendwie, das wissen sie, aber bisher sind sie sich noch nicht entscheidend näher gekommen. Vielleicht wäre heute die Gelegenheit dazu. Beide sind schon ein wenig angetrunken. Friedrich legt ihr seine Hand unter dem Tisch auf den Oberschenkel und lässt seine Hand weiter nach oben wandern. Sie trägt eine enge Jeans. Maria flüstert ihm ins Ohr: „Komm, lass uns hier verschwinden, ich möchte mit dir schlafen!“

Seine Ohren klingen. Sein Atem geht schneller! Er spürt deutlich eine heftige Erektion: „Gehen wir zu dir oder zu mir?“

Seine Stimme ist ganz heiser.

„Zu dir, auf dem Remontehof weiß jeder gleich Bescheid!“, stößt sie hervor.

Friedrich bezahlt schnell die Rechnung und beide verlassen das Bärenstübl. Aus den Augenwinkeln heraus, sieht Friedrich noch, wie der Zeitungsredakteur Peter Fassbutter fleißig schreibt. Um keine Zeit zu verlieren, setzen sie sich in Wilhelmings Auto, obwohl er eigentlich aufgrund seines Alkoholkonsums nicht mehr fahren dürfte. Der Wagen setzt sich mit einem kleinen Ruck in Bewegung. Wilhelming fühlt sich wie im Rausch. Die Vorfreude bestimmt sein augenblickliches Dasein. In Rekordzeit hat er die knapp zwei Kilometer vom Lokal bis zu seinem Haus zurück gelegt. Sie springen aus dem Auto und rennen bis zur Haustür. Als sie im Haus sind, reißen sie sich die Kleider vom Körper. Friedrich kann seine Blicke nicht mehr von ihr abwenden. Sie suchen das Schlafzimmer auf. Er drückt Maria vor dem großen Schrankspiegel an den Schultern herunter in die Knie.

4

Es ist Freitag. Jürgen Müller geht am Lehnitzsee spazieren. Er ist froh, dass die Arbeitswoche vorbei ist und das Wochenende Einzug erhält. Er wünschte sich, dass das Theater um die Stellenbesetzung endlich ein Ende findet. Das belastet ihn sehr. Nervös macht ihn vor allen Dingen der Umstand, dass er zufällig beobachtet hat, wie die 35-jährige Juristin, die sich auch auf die Stelle beworben hat, mit geöffneter Bluse und hochgeschobenem Rock auf dem Schoß eines Mitgliedes der Stadtverordnetenversammlung saß. Sie hat Jürgen Geld und ihren Körper angeboten, dafür, dass er sie nicht verraten möge. Dem Stadtverordneten war die Angelegenheit sehr peinlich und er traute sich nicht, Jürgen in die Augen zu schauen. Müller hat zunächst gleich für den folgenden Tag ein Treffen verabredet und sich Bedenkzeit aus erbeten, wie er künftig verfahren möchte und dann für heute Abend um 21.30 Uhr einen weiteren Termin vereinbart.Gerade in seiner Ehekrise, würde er gern eine andere Frau besitzen und Spaß mit ihr haben. Und sie hat sich wirklich Mühe gegeben. Er befindet sich auf dem dunklen Weg zur Lehnitzschleuse und passiert gerade die Gartenanlage des Waldhauses. Er hört Schritte hinter sich und dreht sich um. Nichts zu sehen! Aber immer, wenn er weiterläuft, sind auch wieder die Schritte deutlich zu vernehmen. Er macht das Spiel ein paar Mal mit, dann rennt er plötzlich in die Richtung, aus der die Geräusche kommen und ruft: „Wer ist dort? Ist da jemand?“

Keine Antwort! Aber er spürt, dass da was ist! Vielleicht handelt es sich auch um ein Tier?! Er will jedenfalls der Sache auf den Grund gehen. Angriff ist die beste Verteidigung, denkt er sich und marschiert zurück in die Richtung, aus der er gekommen ist. Und tatsächlich, da bewegt sich etwas im Gebüsch. Er geht näher ran. Die Geräusche hinter den Büschen und Bäumen nehmen zu. Da springt eine schwarze Gestalt aus dem Unterholz hervor. Jürgen sieht die Axt zu spät. Sekundenbruchteile später zerreißt es ihn, der oder die Fremde hat seinen Kopf und das Gesicht getroffen. Das Blut spritzt hervor. Müller fällt wie ein nasser Sack auf den Boden und ist sofort tot. Seine Leiche wird ein Stück ins Gebüsch gezogen. Dann entfernt sich die Gestalt vom Tatort. Frau Müller wartet heute Abend vergeblich auf ihren Mann. Dabei wollten sie sich am Wochenende grundsätzlich über ihre Beziehung unterhalten. Mit der Überlegung, dass er ja wissen muss, was er tut, er ist schließlich alt genug, geht sie nach oben ins Bett. Erst, als er auch am nächsten Morgen noch nicht aufgetaucht ist, macht sie sich ernste Sorgen und läuft seine Strecke ab. Da sie nur auf dem Weg bleibt, geht sie an der Leiche vorbei. Zuhause angekommen verständigt sie die Polizei, die 24 Stunden später die Suche nach Jürgen Müller eröffnet. Den Spürhunden fällt es nicht schwer, das so dicht am Weg im Gebüsch liegende Opfer zu finden. Die Hunde schlagen an, das Gebell ist noch weit entfernt zu hören. Die Kriminalpolizei wird eingeschaltet und untersucht den Tatort. Die Spurensicherung kommt hinzu. Frau Müller bricht mit einem Kreislaufkollaps zusammen und muss im Krankenhaus Oranienburg stationär aufgenommen und behandelt werden. Am Sonntag Nachmittag setzt sich die Sonderkommission (SoKo)„Lehnitzsee“ zusammen. Sie besteht aus den Mitarbeitern der Kriminalpolizei Oranienburg: Kriminaloberrat Otto Meier (Leiter der Kriminaldirektion Oranienburg), Kriminalhauptkommissar Werner Winter (Stellvertretender Leiter der Kriminaldirektion), Kriminaloberkommissar Peter Becker und Kommissarin Martha Hoffmann. Sie treffen sich am wahrscheinlichen Tatort. Die Dunkelheit zieht langsam wieder ein. Der Kriminaloberrat stellt fest: „Das Opfer wurde, nach seinen Wunden zu beurteilen, von vorn erschlagen.“

„Das heißt also in Richtung ´Große Badewiese`“,bemerkt Peter Becker. Kommissarin Hoffmann ergänzt: „Dann müsste er sich schon wieder auf dem Rückweg befunden haben!“

Der 59-jährige Hauptkommissar Werner Winter schweigt, wie so oft. Aber das macht ihn noch nicht zu einem schlechten Kriminalisten. Er gilt ohnehin als wortkarg und Eigenbrötler. Seine Stärke ist der Erfahrungsschatz, den er aus vierzig Dienstjahren bei der Polizei mitbringt. Eine Schwäche besteht darin, dass er kein Team-Player ist, die Kollegen aus dem Westen ablehnt und den ehemaligen Osten verherrlicht. Darüber hinaus haftet an ihm der Geruch der Stasi. Zwar konnte ihm bei der vorgeschriebenen Überprüfung nichts nachgewiesen werden, aber das kam nur zustande,weil seine Akte nicht auffindbar war. Eigentlich sind sich alle Kollegen sicher, dass er Dreck am Stecken hat. Nur beweisen kann man es ihm nicht. So gerät er natürlich schnell in die Rolle des Außenseiters. Ohne Chance, jemals eine andere Rolle spielen zu können. Er kann der Deutschen Einheit nichts abgewinnen. Die Kollegen blicken überrascht auf, beginnt doch Hauptkommissar Winter zu reden: „Es sei denn, er hätte sich umgedreht und wäre seinem Mörder genau in die Arme gelaufen. Ich schlage vor, dass wir den Abend noch nutzen, die Nachbarschaft zu befragen.“

Kriminaloberrat Meier, dem man unterstellt ein Karriererist zu sein, beauftragt seine jungen Kollegen - Winter spricht von ihnen immer als junge Hüpfer - heute Abend die Befragung in der Nachbarschaft und morgen früh im Krankenhaus bei Frau Müller vorzunehmen. Meier und Winter wollen die Ergebnisse der Spurensicherung (Spusi), die ihre Arbeit schon beendet hat, im Kriminalgebäude auswerten, um Grund in die Sache zu bringen. Die beiden Kriminalisten verabschieden sich von den „jungen Hüpfern“ und fahren mit ihrem dunklen Dienstwagen in die Kriminaldirektion in die Berliner Straße, gegenüber dem Kino. Der Bericht der Spusi liegt bereits auf dem Tisch des Leiters der Kriminalpolizei und der „SoKo Lehnitzsee. Während Otto Meier sich hinter seinen Schreibtisch setzt und den Bericht liest, blickt ihn Werner Winter, der stehen bleibt, erwartungsvoll an. Nach einer gefühlten Ewigkeit spricht der Kriminaloberrat endlich: „Die Tatwaffe ist verschwunden, es kann vermutet werden, dass der Täter sie mitgenommen und wahrscheinlich auf seinem Weg entsorgt hat. Es handelt sich von der Wucht des Aufschlages und der Größe der Wunden her um ein Beil, einen großen Hammer oder eine Axt. Lassen Sie morgen noch einmal nach der Tatwaffe suchen, Kommissar Winter!“ Der Kriminaloberrat fährt fort: „Die Todesursache war der harte Schlag gegen den Kopf, der das Gehirn und sein Gesicht zertrümmert hat, er muss sofort tot gewesen sein. Später ist er dann bis zu seinem Auffinden heute Vormittag regelrecht ausgeblutet. Hinter dem Schlag muss eine unbändige Kraft gesteckt haben! Es kann deshalb davon ausgegangen werden, dass es sich bei dem Täter um einen Mann handelt!“

Winter stellt eine Frage: „Was hatte das Opfer außer seiner Kleidung bei sich?“

Otto zählt auf: „Haustürschlüssel, Kaugummi, Kondome, Pfefferspray, Taschenkalender!“

Werner frohlockt: „Das sind ja alles sehr interessante Dinge, die uns bestimmt weiter bringen. Haustürschlüssel und Kaugummi sind zu vernachlässigen, aber  wozu braucht ein verheirateter Mann für seinen Abendspaziergang Kondome? Das sieht ja ganz so aus, als ob Herr Müller ein Date gehabt hätte. Entweder hat er das Treffen schon hinter sich gebracht oder sein Date steht in unmittelbarem Zusammenhang mit seinem Tod oder er wurde durch sein Ableben daran gehindert.“

Meier ergreift das Wort: „Dann würde sich die Frage anschließen, ob er vielleicht homosexuell war, so könnte ein unzufriedener Freier der Täter sein, zumal bei dem Opfer überhaupt kein Geld oder eine Brieftasche gefunden wurde, was zum Beispiel auf einen Raubmord in der Schwulenszene hindeuten würde.“

„Das erscheint mir zu weit hergeholt, genauso gut könnte es sich bei der betreffenden Person um eine Frau handeln! Sollte es sich um einen Seitensprung mit einer anderen Frau handeln, hätten wir mit der Ehefrau, Frau Müller, die erste Verdächtige“, widerspricht Herr Winter.

„Ich werde den Taschenkalender auswerten und erhoffe mir nähere Angaben über den fraglichen Termin.“, sagt Otto: „Bleibt noch das Pfefferspray, dass der normale Bürger eigentlich nur in der Tasche mit sich herumträgt, wenn er Angst vor irgend etwas hat. Kannte das Opfer die Gefahr oder gar den Täter?“ Kriminaloberrat Meier grinst: „Das scheint ein recht interessanter Fall zu werden. In Oranienburg ist mal endlich wieder was los!“

5

Heute Morgen fangen die jungen Kollegen schon um 6.00 Uhr mit der Frühschicht an. Außer ihnen ist niemand in der Kriminaldirektion. Kommissarin Martha Hoffmann und Oberkommissar Peter Becker können es kaum erwarten, der Frau des Opfers, Frau Müller, im Krankenhaus einen Besuch abzustatten. Gestern Nachmittag haben sie sich in der Nachbarschaft erkundigt, ob irgend etwas Verdächtiges bemerkt wurde. Dabei stießen sie auf einen Jogger, der in der Nähe des Tatortes wohnt und Jürgen Müller schon mehrmals begegnet ist. Auch zur vermeintlichen Tatzeit, am Freitag Abend, begegneten sie sich  auf der „Großen Badewiese“ und grüßten sich. Der Jogger, Herr Maximilian Dorfner, ist wahrscheinlich der letzte Zeuge, der das Opfer lebend gesehen hat. Er blickte zufällig auf die Uhr: Es war 21.05 Uhr. Der Zeuge konnte sich aber nicht an irgendwelche Auffälligkeiten erinnern. Doch, da war noch eine kleine Sache, die er der Polizei nicht vorenthalten wollte. Und zwar kam von der Lehnitzschleuse eine kleine Gruppe von Flüchtlingen auf ihn zu. Er musste Platz machen, sonst hätten sie ihn angerempelt. Sie schienen ihm, angetrunken zu sein. Dorfner fluchte still vor sich hin: „Von einem Gast erwartet man normalerweise mehr Zurückhaltung und auch ein wenig Respekt. Aber diese Asylanten können sich einfach nicht benehmen.“

Sie müssen dem Opfer oder dem Täter dann später ebenfalls begegnet sein. Um 8.30 Uhr verlassen die jungen Kriminalisten das Dienstgebäude. Um kurz vor 9.00 Uhr sind sie im Krankenhaus und verhören Frau Müller. Becker eröffnet das Gespräch: „Wie geht es ihnen?“

„Es geht!“

„Sind sie willens und bereit, einige Fragen zu beantworten?“

Frau Müller nickt mit dem Kopf.

„Gut, wann ist ihr Mann am Freitag Abend zu seinem Spaziergang aufgebrochen?“

„Das weiß ich nicht so genau! Ach doch, er ging, während ich mir im Fernsehen die Freitagabend-Krimis anschaute. Es war kurz vor dem Ende des ersten Krimis und müsste so etwa gegen 20.50 Uhr gewesen sein.“ „Haben Sie sich nicht gewundert, dass ihr Mann an diesem Abend nicht nach Hause kam? Kam das denn öfter vor?“

„In der letzten Zeit, ja! Er ging dann in die Kneipe an der nächsten Straßenecke. Meistens Freitag oder samstags Abend, dann hatte er den nächsten Tag frei. Ich brauchte mir also keine Sorgen zu machen!“

„Nahm er zu seinen Ausflügen nie Geld mit, wir haben jedenfalls bei ihm keines gefunden?“

„Natürlich hatte er Geld bei sich! Dann muss er bestohlen worden sein!“ Die Kommissarin übernimmt die Befragung: „Wie trug er das Geld bei sich?“

„In einem kleinen Portemonnaie in der Hosentasche.“

„Wie viel Geld hatte er bei sich?“

„Das weiß ich nicht! Ich würde mal sagen, vielleicht 100 €. Das gibt es doch gar nicht, ein Menschenleben für 100 € auszulöschen! In was für einer Zeit leben wir denn?“

„Vorsicht mit derartigen Anschuldigungen und Vorverurteilungen, wir wissen überhaupt noch nicht, ob der Tod ihres Mannes in irgend einem Zusammenhang mit dem fehlenden Geld steht! Fehlt sonst noch was? Außer Geld haben wir einen Taschenkalender, ein Pfefferspray, Kaugummi, einen Haustürschlüssel und ...na ja... Kondome gefunden!“ Frau Müller reagiert aufgebracht. Was, das muss ein Irrtum sein! Wozu hätte er denn Kondome gebraucht? Ja, gut, wir haben in der letzten Zeit nicht mehr miteinander geschlafen, aber das ist doch kein Grund dafür, gleich fremdzugehen. Nein, das glaube ich einfach nicht!“