Für Miriam

Einmal Seelenpartner, immer Seelenpartner.

Die Ausnahme birgt die größte Kraft. Seelenpartner, hell und dunkel, geht durch blaues Feuer! Liebe ist der einzige Weg. Das Kind wird alles wenden.

Prolog

Risomente führte sie auf einen kleinen Innenhof. Ihr Blick glitt die dunkle Fassade der Festung entlang. Von außen wirkten die kleinen Fenster so dunkel, dass sich hinter jedem ein Beobachter verbergen konnte.

»Wenn du wirklich hierbleiben willst, musst du mir einen Grund geben, dich am Leben zu lassen.«

»Welche Aufgabe auch immer Ihr mir auftragen werdet – ich werde sie ausführen.« Etwas in seinem Blick gab ihr das Gefühl, dass er sich über sie lustig machte. Aber sie war kein dummes Kind mehr. Sie war vierzehn, und sie wollte der Welt endlich zeigen, dass sie nicht für den Rest ihres Lebens bedauert werden musste, weil sie jemanden verloren hatte, dem sie nie begegnet war. »Ihr könnt mich auch einfach in die Küche stecken, wenn es Euch beliebt«, sagte sie, auch wenn ihr davor graute, ein schmutziges, unwichtiges Dienstmädchen zu werden.

»Du hast Glück, ich brauche jemanden für etwas weitaus Bedeutenderes.«

 

Sie hob das Glas, nahm einen tiefen Schluck und hoffte, die Vergangenheit damit hinunterspülen zu können. Doch die Bilder blieben.

 

Eine Tür, die zu ihnen in den Hof führte, wurde aufgestoßen. Sie sah, wie eine dunkelhaarige Frau einen Jungen hinter sich her zerrte, der etwa in ihrem Alter sein musste. Er wehrte sich nicht, aber er machte sich so schwer, dass sie ihn gewaltsam mitziehen musste.

Risomente blickte ihnen gelangweilt entgegen. »Was hat er nun schon wieder verbrochen?«

Der Junge landete unmittelbar vor ihr im Dreck, so heftig war der Stoß, den die Frau ihm versetzte. Er sah nicht einmal auf.

»Er hat etwas aus dem Schrank mit den Medikamenten gestohlen. Für die kranke Köchin!«, sagte die Frau anklagend. Sie trat den Jungen in den Rücken. Er gab keinen Laut von sich.

Risomente schüttelte den Kopf. »Sperr ihn ein. Oder… warte. Lass ihn hier, er kann unserer neuen Angestellten alles zeigen. Falls er noch laufen kann.« Er lachte.

Sie stand wie angewurzelt da, schaute zwischen ihm und der Frau und dem Jungen hin und her und konnte nicht glauben, was hier vor sich ging. Die Seelenhalben hatten nicht übertrieben, wenn sie von Risomentes Grausamkeit gesprochen hatten.

»Wir unterhalten uns später weiter, junge Dame.«

»Glaubst du wirklich …?«, setzte die Frau an, doch Risomente schnitt ihr das Wort ab. »Solange er sich mit ihr beschäftigt, lässt er wenigstens seine Schwester in Ruhe.«

Ohne sie oder den Jungen noch eines weiteren Blickes zu würdigen, zogen die beiden ab. Der Junge hob den Kopf und sah ihnen nach. Aus einer Wunde an seiner Stirn tropfte Blut auf seine Wange. In seinen Augen aber lag ein Funkeln, das ihr sagte, dass all das hier ihm nicht wirklich etwas anhaben konnte. Darin lag nichts Gebrochenes, sondern etwas so Ehrliches und Gutes, dass sie sich unwillkürlich schämte. Wenn es in ihr so etwas gegeben hatte, hatte sie es spätestens heute begraben.

Sie hielt ihm ihre Hand hin, um ihn hochzuziehen, aber er beachtete sie gar nicht. Er rappelte sich allein auf und klopfte sich den Staub von der Kleidung.

»Hallo«, sagte sie, um irgendwie auf sich aufmerksam zu machen. Und als immer noch keine Reaktion kam: »Ich bin auch noch da.«

Kurz streifte sie sein Blick. »Wenn du für ihn arbeitest, ist es für mich dasselbe, als wenn du nicht da wärst«, sagte er.

Sie mochte seine Stimme. »Man hat mich gelehrt, dass man nicht vorschnell urteilen soll«, bemerkte sie.

Da sah er sie endlich richtig an, misstrauisch, ein bisschen trotzig, aber auch neugierig. »Ich heiße Remo«, sagte er.

Sie hielt ihm ihre Hand hin, die nicht weniger schmutzig war als seine. Erst sah es so aus, als würde er sie einfach mit ausgestrecktem Arm stehen lassen, aber dann schüttelte er sie doch. Seine Finger waren viel wärmer als ihre.

»Nenn mich, wie du willst«, sagte sie. Denn Violaine gab es nicht mehr.

 

Mit dem Weinglas in der Hand saß sie am Fenster in dem Zimmer, das sie im Seelenhalbenquartier bewohnte. Immer noch konnte sie sich nicht daran gewöhnen, es als ihr Zimmer zu betrachten. Genauso wenig, wie es in ihren Kopf ging, dass sie wieder in Nerielag war, der Stadt ihrer Kindheit. Zu den Seelenhalben zurückzukehren war für sie immer unvorstellbar gewesen. Und doch war sie jetzt hier.

Draußen wurde es bereits dunkel. Sie war bei Ziyattin gewesen, weil er mit ihr hatte reden wollen. Das Gespräch hatte die Erinnerungen heraufbeschworen und sie aufgewühlt. Nie im Leben wäre sie darauf gekommen, worum er sie hatte bitten wollen. Es war einfach zu absurd. Schon als er davon angefangen hatte, dass er vorhabe, bald zurückzutreten, war sie aus allen Wolken gefallen. Dabei hatte sie geglaubt, er habe sie zu sich bestellt, um sie zurechtzuweisen. Obwohl er sie darum gebeten hatte, ihm immer mitzuteilen, wohin sie ging, hatte sie in den letzten Wochen Nacht für Nacht das Haus verlassen und sich durch die Stadt treiben lassen. Wenn sie daran zurückdachte, verschwammen die Bilder in ihrem Kopf zu einer einzigen Aneinanderreihung durchwachter Nächte voll schlechter Musik, fremder Gesichter und bedeutungsloser Worte. Sie hatte Ablenkung gesucht; das war alles. Ablenkung von der Tatsache, dass sie Remo verloren hatte. Denn vorher war er ihre Ablenkung gewesen. Ohne ihn lauerten überall die Schuldgefühle. Ziyattin hatte ihr vielleicht verziehen, aber sie sich selbst noch nicht. All das, was sie getan hatte, verfolgte sie.

Sie hatte den perfekten Plan entworfen, Remo zurückzubekommen. Die Hoffnung, ihr Leben bei Risomente endlich hinter sich lassen zu können, war in greifbare Nähe gerückt. Endlich hatte sie wieder ein Ziel gehabt. Nur ein Puzzleteil hatte gefehlt, die Hilfe von jemand ganz Bestimmtem. Leider war ihr noch nicht eingefallen, wie sie es ohne diese Hilfe hinbekommen sollte. Jedenfalls würde sie nicht aufgeben, auch nicht nach dem, was sie von Ziyattin erfahren hatte.

Die Zimmertür wurde geöffnet, und sie drehte den Kopf, um zu sehen, wer sie da besuchte. Er. Wie aufs Stichwort!

»Was willst du von mir?«, fragte sie abweisend. Warum sollte sie sich auch bemühen, nett zu sein?

»Hat Ziyattin es dir gesagt?«

Sie zuckte mit den Schultern und wandte den Kopf wieder zum Fenster. Sie hörte, dass er sich ihr näherte.

»Wirst du darüber nachdenken?«

»Lass mich in Ruhe«, brummte sie. »Warum interessiert dich …?«

Nicht genug damit, dass er aus heiterem Himmel bei ihr auftauchte, nun hatte er auch noch die Arme um sie gelegt. Sie spürte seinen Oberkörper an ihrem Rücken. Sie konnte sich nicht erinnern, dass er sie je zuvor berührt hatte.

»Eigentlich bin ich nicht nur deshalb hier«, sagte er.

Er ließ sie nicht los. Konnte er sie vielleicht bitte endlich loslassen? Was sollte das hier werden?

»Ich habe über dein Angebot nachgedacht.«

Natürlich wusste sie sofort, wovon er sprach.

»Sag mir einfach, was ich tun soll.«

Bist du verrückt?, hatte er gefragt. Denkst du echt, ich würde jemals so tief sinken? Und jetzt hatte er es sich plötzlich anders überlegt? Das sollte mal einer kapieren. Stirnrunzelnd sah sie ihn an. Sie wollte ihn zappeln lassen, sagen, dass sie erst darüber nachdenken müsse, aber dazu kam es nicht. Denn plötzlich näherten sich seine Lippen ihrem Mund, und ihr Herz geriet aus dem Takt. Nie hätte sie hierauf gewettet. Noch ehe sie über ihre eigene Verwirrung lachen konnte, küsste er sie auch schon. Es war lange her, dass jemand sie derart aus dem Konzept gebracht hatte. Viel zu lange her, dass jemand ihr das Gefühl gegeben hatte, mehr zu sein als eine gefühlskalte Mörderin.

1

Nur die Vorstellung des Guten,

welche die entgegengesetzte Vorstellung überwiegt,

treibt stets den Willen zur Handlung an.

Gottfried Wilhelm Leibniz

»Ducken!«

Leichter gesagt als getan. Lucio drängte mich nun schon seit einer ganzen Weile unermüdlich in die Defensive, und meine Abwehr begann zu bröckeln. Meine Beine zitterten und wollten nachgeben. Jeder Muskel in meinem Körper schrie und schmerzte. Es fiel mir schwer, das Schwert immer wieder hochzureißen, um Lucios Angriffe zu parieren. Ich war mir ziemlich sicher, dass es zu Beginn der Übungsstunde noch nicht so schwer gewesen war. Sowieso waren Schwerter wirklich nicht meine Lieblingswaffen.

Die Klinge sauste sehr knapp an meiner Stirn vorbei. Wenn Lucio gewollt hätte, hätte dieser Hieb mich umbringen können.

»Du bist unkonzentriert!«, warf er mir vor, ohne innezuhalten.

Ich war nicht unkonzentriert. Ich war am Ende.

Durchhalten!, befahl ich mir. Dieses Mal bittest du nicht darum, dass er aufhört! Mein Körper war ein solcher Verräter – so schwach, wenn es darauf ankam! Ich hasste es, wie Lucio mir immer wieder meine Grenzen zeigte. Am allerschlimmsten war, dass es ihm so leichtfiel. Wenn ich ihm gegenüber schon in einer so simplen Sache versagte – wie sollte ich jemals meinen Plan in die Tat umsetzen? Wie sollte ich ihn jemals besiegen?

Lucio bewegte sich so schnell, dass ich nicht mehr reagieren konnte. Ich fand mich auf dem Hosenboden wieder und hätte nicht einmal sagen können, wie das passiert war. Es hatte in den letzten Nächten gefroren, sodass ich umso härter gelandet war.

»Aufstehen!«

Ich sah den Triumph in seinen Augen. Es fühlte sich nicht so an, als könnte ich ihm gehorchen. Mir tat wirklich alles weh. Ich ballte meine freie Hand zur Faust. Keuchend quälte ich mich wieder auf die Beine. Er quittierte das mit einer raschen Folge von Stößen. Seine Waffe schien von allen Seiten auf mich zuzusausen. Es zischte, wenn sie durch die Luft schnitt und mir Mal für Mal gefährlich nah kam.

»Was lehren sie euch überhaupt bei den Seelenpartnern? Ich habe das Gefühl, du fängst jeden Tag bei null an.« Seine Stimme klang nicht mal besonders angestrengt.

Mir dagegen lief der Schweiß den Rücken hinunter, obwohl die Luft kalt war. Die Kleidung klebte an meiner Haut. Zu sprechen hätte mich meine letzten Kraftreserven gekostet. Ich war frustriert und wütend, aber selbst das reichte nicht mehr, um mich weiter anzutreiben. Meine Kehle war ausgetrocknet, und mir war leicht schwindelig. Halbherzig versuchte ich, mich aus meiner passiven Haltung herauszuwagen, aber Lucio ließ nicht zu, dass ich auch nur für einen Moment die Oberhand gewann. So war es immer, wenn wir kämpften: Ich war nie schnell genug, nie aggressiv genug, nie gut genug. In den letzten Tagen hatte ich so viele Niederlagen kassiert, dass ich trotz meines jahrelangen Trainings an mir zu zweifeln begann. Es wäre nicht verwunderlich gewesen, wenn genau das Lucios Ziel war.

»Ich frage mich, wie du bisher überhaupt überlebt hast!«

Unsere Klingen kreuzten sich. Die Wucht des Aufpralls schleuderte mich zurück. Mein Griff lockerte sich, und Lucio schlug mir die Waffe aus der Hand. Ehe ich michs versah, war eine halbe Haarsträhne seiner Klinge zum Opfer gefallen. Wir sahen beide zu, wie sie zu Boden segelte. Zu meiner Erleichterung ließ er das Schwert sinken.

»Das war wohl wieder nichts«, spottete er.

Es war so demütigend.

»Aber immerhin hast du diesmal nicht um eine Pause gebettelt, bevor ich dich besiegen konnte.«

Schwer zu sagen, ob das als Ermutigung gemeint war.

»Du musst über den Punkt hinauskommen, an dem gar nichts mehr geht. Nur dann hast du eine Chance.«

Sein Ratschlag bewegte mich nur zu einem müden Seufzen.

»Falls dein Liebeskummer der Grund für deine bisher eher zweifelhaften Glanzleistungen sein sollte, wäre ich dir sehr verbunden, wenn du den demnächst nicht mehr zu unseren Kampfstunden mitbringst.«

Als ob ich angesichts seiner Sturmangriffe überhaupt an etwas anderes hätte denken können! Erst recht nicht an jemanden. Zumindest zog Lucio mich nicht mit der Wahrheit auf: dass ich schlicht und ergreifend nicht stark genug war, um gegen ihn anzukommen.

»Laut der Dienerin, die dir deine Mahlzeiten aufs Zimmer bringt, hast du seit deiner Ankunft hier kaum etwas zu dir genommen. Kein Wunder, dass du nicht bei Kräften bist. Wenn du dich von unserem kleinen Kampf erholt und etwas gegessen hast, erwarte ich dich zu einem Gespräch.« Er hob mein Schwert vom Boden auf und marschierte davon.

Als er außer Sichtweite war, ließ ich mich stöhnend ins reifbedeckte Gras sinken. Ich war seit nicht einmal drei Wochen in der Festung – oder vielleicht treffender: schon seit fast drei Wochen. Es fühlte sich an wie eine Ewigkeit, und doch hatte ich noch nichts in der Hand.

Lucio und ich hatten eine Art Vertrag ausgehandelt. Ich würde bleiben und von ihm lernen. Ich würde mich an seine Regeln halten. Im Gegenzug schützte meine Anwesenheit in der Festung all diejenigen, die mir wichtig waren. Außerdem hatte Lucio mir zugesichert, seine Jagd auf Seelenpartner einzustellen, solange ich mich an unsere Vereinbarung hielt. Doch was die wahren Gründe anging, aus denen ich zu ihm gekommen war, war ich bisher keinen Schritt weitergekommen. Jeden Tag hatte er mich zum Kämpfen rufen lassen. Doch darüber hinaus hatte er absolut kein Interesse daran gezeigt, mich in wichtige Dinge einzuweihen, geschweige denn mir die Schwachstellen der Willensunterdrückung zu offenbaren. Einige wenige Male hatte ich all meinen Mut zusammengenommen und wohlüberlegte, wie beiläufig gestellte Fragen eingeschoben, wenn sich eine Gelegenheit bot, doch er war nie darauf angesprungen. Immer vertröstete er mich auf später und behauptete, ich sei noch nicht so weit. Falls er auf den Tag wartete, an dem ich im Kampf gegen ihn nicht versagen würde, würde ich über meiner Mission noch alt und grau werden.

Die meiste Zeit verbrachte ich in dem Zimmer, das Lucio für mich hatte herrichten lassen. Die Versuche, in der Festung zu spionieren, waren allesamt erfolglos geblieben. Sein Labor war sicher verriegelt, genau wie seine privaten Räume. Die Entschlossenheit, die ich empfunden hatte, als ich hergekommen war, verließ mich immer mehr. Lucio hatte mich doch unbedingt als Schülerin gewollt! Warum hielt er dann die Ursprünge seiner Macht vor mir geheim? Stellte er meine Geduld auf die Probe, meine Ausdauer, meine Vertrauenswürdigkeit, meinen Willen? Ich hatte alles darangesetzt, dass er keinen Verdacht schöpfte. Wenn ich ihm Grund zu der Annahme gab, dass ich ihn nur hereinlegen wollte, würde das meinen Tod bedeuten – oder Schlimmeres. Das Bild meines Vaters blitzte vor meinem inneren Auge auf. Der Sensor, den Lucio ihm eingesetzt hatte, hatte ihn zu einem Monster werden lassen. Dasselbe hätte auch mit Remo passieren können, wenn ich nicht …

Remo. Ich krallte meine Finger ins kalte Gras. Als ich das Schloss verlassen hatte, hatte ich mir eingeredet, dass das der endgültige Schlussstrich zwischen uns gewesen war. Doch je hoffnungsloser ich mich fühlte, desto häufiger drängte sich mir der Gedanke auf, wie es hätte weitergehen können, wenn ich nicht so stolz gewesen wäre. Wahrscheinlich hatte ich gehofft, du würdest mich davon abbringen. Das war seine Antwort gewesen, als ich gefragt hatte, ob er das zwischen uns beenden wolle. Ich hätte ihn also davon abbringen können. Alles, was es gebraucht hätte, wäre ein Eingeständnis meinerseits gewesen. Wo wäre ich jetzt, wenn ich mich dazu hätte durchringen können? Würden er und ich gemeinsam Pläne schmieden? Ich hatte mir so viel Mühe gegeben, mich selbst davon zu überzeugen, dass Remo nur eine vorübergehende Schwäche gewesen sei, ein beliebiger Typ, der mir den Kopf vernebelt hatte. Doch ein Teil von mir wollte das nicht akzeptieren und folterte mich immer wieder mit Erinnerungen an ihn. Ich hasste, dass es so war, aber er fehlte mir mit jedem Tag mehr.

Eine ganz andere Art von Schmerz verursachte, dass ich Gray zurückgelassen hatte, ohne dass er auch nur die geringste Ahnung hatte, warum es mich ins feindliche Lager gezogen hatte. Wir waren noch nie so lange voneinander getrennt gewesen, schon gar nicht unter derart belastenden Umständen. Selbst wenn er sich hoffentlich denken würde, dass ich nur sein Bestes wollte, wurde mir schlecht, wenn ich mir vorstellte, wie enttäuscht er von mir sein musste. Gray nicht bei mir zu haben war, als hätte man mir einen lebenswichtigen Körperteil amputiert.

Es nützte alles nichts: Ich war hier, ganz auf mich gestellt. Es gab keine Mitwisser, keine Komplizen. Das war gut so, nur leider fühlte es sich nicht so an. Es war entseelt grausam, völlig allein dazustehen.

2

Ich habe mich wohl schon tausendmal

über diese Fähigkeit des Menschen gewundert,

das höchste Ideal neben der niedrigsten Gemeinheit

in seiner Seele hegen zu können,

und beides mit vollkommener Aufrichtigkeit.

Fjodor M. Dostojewski

Lucio erwartete mich in dem Raum mit den beiden großen Porträts von Irena und der Königin. Er hatte sie nicht wieder verhüllt, sodass sie uns nun von der Wand aus zu beobachten schienen. Das Gefühl war nicht besonders angenehm – vor allem Irenas Blick hatte der Maler so stechend eingefangen, dass es einem kalt den Rücken hinunterlief. Mit der Bosheit, die allein ihr Porträt ausstrahlte, konnte nicht einmal Lucio mithalten. Dass ausgerechnet Nilyssa, deren Bild gleich daneben hing und die bei unseren Begegnungen einen eher schwachen Eindruck auf mich gemacht hatte, Irena getötet hatte, grenzte schon fast an Ironie.

Lucio stand auf, umrundete den Tisch in der Mitte des Raumes und rückte mir einen Stuhl zurecht. Als wir uns gegenübersaßen, forschte er eine Weile stumm in meinem Gesicht.

Ich begann, unruhig hin und her zu rutschen. »Wenn du etwas sagen willst, dann sag es«, beendete ich schließlich das Schweigen.

Sein Blick blieb genauso durchdringend auf mich geheftet wie zuvor, aber immerhin kam er meiner Bitte nach. »Du schlägst dich besser, als ich gedacht hatte.«

Wollte er sich über mich lustig machen? Bisher hatte ich sowohl als seine angebliche Handlangerin als auch als heimliche Spionin kläglich versagt.

»Ich hatte erwartet, dass du spätestens nach der zweiten oder dritten Kampfstunde aufgeben würdest. Aber egal, wie oft ich dich zur Schnecke mache, beim nächsten Mal stehst du wieder da.«

»Du hast nur mit mir trainiert, um zu sehen, wann ich aufgebe?«, fragte ich verärgert.

»Natürlich nicht. Deinen Kampfstil zu verbessern hat oberste Priorität. Aber ich war auch neugierig, wie stark dein Wille ist.« Mit der Hand fuhr er über eine kleine Narbe an seinem Arm. Sie befand sich genau an der Stelle, an der Remo dank ihm auch eine hatte. Es war schrecklich, wie alles mich ständig an Remo erinnerte.

»Ich wusste, dass es kein Urlaub werden würde, als ich unserem Vertrag zugestimmt habe«, sagte ich.

Es war nun wirklich nicht gerade schmeichelhaft, dass Lucio geglaubt hatte, ich würde schon nach kürzester Zeit zusammenbrechen.

Er schenkte mir ein Raubtierlächeln. »Als du zu mir kamst, hast du dir Antworten erhofft. Da ich dir bald einen wichtigen Auftrag geben möchte, wird es Zeit, dass du einige davon bekommst. Du kennst inzwischen viele Bruchstücke. Ich kann dir helfen, die Lücken zu füllen.«

»Du tust nichts ohne Gegenleistung, oder?«

»Dass du besagten Auftrag zu meiner vollen Zufriedenheit ausführen wirst, genügt mir.«

Es wäre besser gewesen, seine Erklärungen abzuwarten, aber mir war so vieles unklar. In den letzten Tagen hatte sich alles angestaut, was ich von ihm wissen wollte. Deshalb platzte es einfach aus mir heraus. »Warum ich? Ich meine, warum wolltest du von Anfang an mich als deine Nachfolgerin? Hat es etwas mit meinem Vater zu tun? Hast du dich an ihm nicht inzwischen genug gerächt?«

In seinem Gesicht zeigte sich keine Regung. »Er hat versucht, Remo zu töten. Und das nur, um sein Versprechen nicht halten zu müssen.«

»Remo ist dir doch vollkommen egal. Davon abgesehen glaube ich, diesen Mordversuch hat er wesentlich besser verkraftet als den Rest seiner Kindheit.«

»Wir sollten nicht alles von hinten aufrollen«, sagte Lucio ruhig. »Ich mache dir einen Vorschlag: Du stellst alle Fragen, die du hast, und ich werde jede einzelne beantworten. Was hältst du davon?«

Dieses Angebot kam mir sehr gelegen. Endlich würde ich an Informationen kommen, die ich vielleicht gegen ihn verwenden konnte! Aber es kam mir auch verdächtig vor. Warum sollte ihm etwas daran liegen, dass ich die ganze Wahrheit erfuhr?

»Klingt verlockend«, sagte ich zögernd.

Er lehnte sich zurück. Seine ganze Haltung sagte: Fang an!

Ich überlegte kurz. »Wie hast du Nilyssa kennengelernt?«

Er lächelte. »Du willst den romantischen Teil? Na gut, kriegst du.« Sein Lächeln sah nicht gerade echt aus. »Ich wuchs bei Hofe auf, weil mein Vater die königliche Leibgarde befehligte. Das ist vielleicht das Einzige, was jeder über mich weiß. Ich wurde schon sehr früh zum Kämpfen ausgebildet, um die königliche Familie mit meinem Leben zu schützen. Sei also nicht enttäuscht, dass du mich nicht besiegen kannst. Das hat schon lange niemand mehr geschafft.« Er machte eine Pause, die sich so in die Länge zog, dass sie schließlich schon nicht mehr als Pause durchgehen konnte.

»Das war alles? Du hast gesagt, du wirst jede Frage beantworten.«

»Unsere Liebesgeschichte«, fuhr er fort, als hätte ich ihn beim Erzählen unterbrochen, und malte dabei Anführungszeichen in die Luft, »begann, bevor wir erkannten, dass wir Seelenpartner waren. Sie war natürlich nichts Offizielles. Wir durften uns nicht zusammen sehen lassen.«

»Wusste ihr Verlobter von euch?«

»Gegenfrage: Säße ich dann hier? Nein, Lord Amir Restrian war ahnungslos. Außerdem fand die Verlobung erst später statt.«

Dass er jahrelang dafür gelebt hatte, die Sicherheit von Prinzessin Nilyssa und ihren Eltern zu gewährleisten, hatte ich schon gewusst, bevor ich ihm je begegnet war. Doch dann hatte er sich gegen sie gewandt. War er vielleicht sogar dabei gewesen, als sein Meister Nilyssas Eltern ermordete?

»Was ist in der Nacht des Massakers geschehen?«, fragte ich.

»Oh. Du machst große Sprünge. Dafür muss ich etwas weiter ausholen.«

Ich stützte einen Ellbogen auf den Tisch und versuchte herauszufinden, was in ihm vorging, aber wenn unser Gespräch ihn aufwühlte, versteckte er es gut.

»Ich war nicht von Adel«, erklärte er. »Aber ich war ehrgeizig und sicher, es musste einen Weg geben, um die Gunst des Königs zu gewinnen. Zu dem Zeitpunkt hatte er sich nämlich wie gesagt noch nicht dafür entschieden, seine Tochter mit Amir zu verheiraten. Die Königsfamilie hatte nur einen einzigen ernst zu nehmenden Feind. Ich bat ihn darum, mich in die Lehre zu nehmen.«

Ich versuchte, zu verstehen, aber noch durchschaute ich es nicht. »Warum?«

»Um ihn auszuhorchen und um sicherzustellen, dass er sich keinen anderen Nachfolger suchte. Ich wusste, wenn er mich in seiner Nähe duldete, wäre Nilyssa vor ihm sicher, und vielleicht würde es mir sogar gelingen, ihn zu vernichten. In diesem Fall hätte ich ruhmreich zurückkehren können und wäre von ihrem Vater akzeptiert worden.«

Bei seiner Erklärung war es mir heiß und kalt den Rücken hinuntergelaufen. Der Grund, aus dem ich hier war, war nahezu derselbe, mit dem er damals die Festung betreten hatte. Ahnte er, dass sein ursprüngliches Ziel zu meinem geworden war?

»Klingt brillant«, heuchelte ich. »Aber wir wissen beide, dass es letztendlich etwas anders gekommen ist.«

»Er traute mir nicht, aber trotzdem nahm er mein Angebot an«, fuhr er fort. »Der Vorteil, dass er mich als Spion im Schloss einsetzen konnte, überzeugte ihn, und er dachte wahrscheinlich, dass er mir eine Lektion erteilen könne und ich ohnehin sehr schnell von meinem Wunsch, sein Schüler zu sein, abkommen würde.« Kurz überrollten ihn die Erinnerungen, und in seine Augen trat Dunkelheit. »Womit er nicht gerechnet hatte, war, dass ich eher gestorben wäre, als zu scheitern.«

»Hattest du Nilyssa von deinem Plan erzählt?«

Er nickte. »Sie war dagegen.«

»Hatte sie Angst, dass es dich verändern würde?« Eine Angst, die sehr berechtigt gewesen wäre.

»Nein. Dazu hatte sie damals noch keinen Grund.«

Ich hätte gern gefragt, wann sich das geändert hatte, aber ich hoffte, dass er das von sich aus erzählen würde.

»Dann überschlugen sich die Ereignisse. Wir entdeckten unsere Seelenpartnerschaft und begannen, die Gedanken des jeweils anderen zu lesen. Kurz darauf erhielten wir eine Botschaft von der Wahrsagerin. Wir folgten ihrer Einladung und erfuhren von der Prophezeiung. Der erste funktionstüchtige Sensor wurde eingesetzt. Amir hielt um Nilyssas Hand an, und der König willigte ein. Die beiden heirateten und bekamen ein Kind und waren für eine sehr kurze Zeit die glücklichsten Menschen überhaupt, bevor das Schicksal die junge Familie auf tragische Weise zerstörte.«

»Du musst etwas übersprungen haben. Den Teil, als Nilyssa ihren Vater anfleht, der wahren Liebe eine Chance zu geben.«

Er stieß ein kurzes Lachen aus. »Gut aufgepasst, aber du liegst daneben. Ich schätze, du würdest nicht auf die Idee kommen, dass die Trennung nicht von mir ausging?«

»Nein«, sagte ich sofort. »Sie ist ja heute noch völlig vernarrt in dich.«

Es war ein Wunder, dass noch niemand entdeckt hatte, wie Nilyssa zu Risomente stand. Dass sie ihrem Erzfeind einmal so nah gewesen war, würde sicher nicht besonders gut ankommen.

»Dann wirst du mir nicht glauben, wie es dazu kam.«

»Das entscheide ich, wenn du es mir sagst.«

Vielleicht war es nur geschauspielert, aber es wirkte tatsächlich so, als fiele es ihm schwer, weiterzusprechen. Sein Blick glitt zu Nilyssas Bild. »Nachdem alles so lange glattgelaufen war, erwischte ihr Vater uns zusammen. Er war… nicht unbedingt begeistert. Nilyssa hoffte, dass sich seine Wut bald legen würde, und versuchte, mit ihm zu sprechen – mit dem Ergebnis, dass er mit meinem Tod drohte, wenn ich mich noch einmal in ihrer Nähe blicken lassen sollte.«

»Und, hat dich das beeindruckt?«

Er lächelte. »Natürlich nicht. Das hätte ich heldenmütig riskiert. Wenn kein anderer Ausweg mehr geblieben wäre, hätten wir zusammen fliehen können.«

Er machte eine Pause, und ich wusste, welche Frage er erwartete; deshalb tat ich ihm den Gefallen und stellte sie: »Woran seid ihr dann gescheitert?«

Er warf Nilyssas Porträt einen bitterbösen Blick zu. »Daran, dass das Prinzesschen sich mit der Situation abfand und sich treulos in die Arme eines anderen warf, um mir dann mitzuteilen, dass die Sache mit mir bloß ein Fehler auf ihrem Weg zur Krone gewesen sei – der Irrtum eines jungen Mädchens, das noch nichts von der Liebe wusste. Dass wir Seelenpartner waren, wusste ja niemand, und sie betonte, dass das auch gefälligst so bleiben solle, damit sie nicht zum Gespött des Volkes würde.« Er schüttelte den Kopf, als könnte er sie für diese Zurückweisung heute noch schlagen. »Außerdem erwähnte sie ganz beiläufig, dass das mit Amir nun eine ganz andere Ebene sei. Zum Beweis hatte sie sich dann auch gleich von ihm schwängern lassen.«

Es war ganz still im Zimmer. Ich sah ihn an und glaubte zu erkennen, wer er gewesen war. Ich hätte nie für möglich gehalten, dass es eine Entschuldigung dafür geben könnte, ein Unmensch zu werden. Doch wenn diese Geschichte wahr war, dann konnte ich Lucio und Nilyssa nicht mehr so schwarz und weiß betrachten wie zuvor. Obwohl er sie geliebt hatte und sie wusste, dass sie Seelenpartner waren, hatte sie ihn verraten. Damit hatte sie mit einem Schlag alles, wofür er gekämpft hatte, zerstört. Ich verstand ihn besser, als mir lieb war.

»Nilyssa vertraute ihrem Geliebten an, für wen ich arbeitete, und der steckte es dem König. Ich wurde vom Hof verstoßen.«

Ich grub die Fingernägel in das Polster des Stuhls. Hatte die Königin sich ihren größten Feind damals also selbst geschaffen? War ich auf dem Weg, ihre Feindin zu werden, oder war ich hier, um mich trotz allem für ihre Seite einzusetzen?

»Nilyssa hat mir alles genommen. Das ist der Grund, warum ich es sie heute jeden Tag bereuen lasse. Verstehst du das?«

Ich war ihm keine Antwort schuldig. Und doch glaubte ich seine Version der Wahrheit. Ich hatte nicht vergessen, was er meinem Vater und damit meiner ganzen Familie angetan hatte oder wie viele Seelenpartner seinetwegen ihr Leben gelassen hatten. Aber vor mir saß ein anderer Mann.

»Ja«, sagte ich leise.

Tief in mir ahnte ich, dass er sich nicht ohne Grund so verletzlich vor mir zeigte, doch ich konnte nichts gegen die Wirkung tun, die es auf mich hatte.

Er betrachtete seine Hände. »Du hattest eigentlich nach dem berühmt-berüchtigten Massaker gefragt.«

Inzwischen war ich mir nicht mehr sicher, ob ich davon auch noch hören wollte. Sosehr ich darauf gehofft hatte, alles über die Vergangenheit zu erfahren, so sehr überforderte es mich jetzt.

Lucio winkte, und eine Dienerin huschte herbei und stellte zwei Gläser Wasser auf den Tisch. Er nahm seines und leerte es in einem Zug. Die Frau verschwand wieder. »Mein Meister glaubte, nachdem die Sensoren einsatzbereit waren, könnte er zu seinem finalen Schlag ausholen. Also plante er, die gesamte königliche Familie in dieser Nacht auszulöschen und jeden, der ihm dabei in die Quere kam, ebenfalls aus dem Weg zu räumen. Er wollte mich dabeihaben, verbot mir jedoch ausdrücklich, eigenmächtig einzugreifen.«

»Du hast es trotzdem getan?«

Er nickte. »Ich hatte meinen eigenen Racheplan.«

»Und wie sah der aus?«

Das kalte Blitzen in seinen Augen erinnerte mich daran, dass er alles andere als nur ein armer, verratener Mann war. »Ich habe Amir getötet. Vor ihren Augen.«

Ich musste schlucken.

»Er wäre so oder so umgekommen, und bis heute komme ich in der Version dieser Nacht, die man sich erzählt, überhaupt nicht vor.«

Mir wurde klar, dass er die Königsfamilie hätte warnen können. Er hatte rechtzeitig von den Plänen gewusst. Hätte Nilyssa Lucio auch nur ein klein wenig später aus ihrem Leben verbannt – vielleicht wäre alles anders gekommen. Wie unwahrscheinlich kompliziert damals doch alles verlaufen war! Die simple Vorstellung, Risomente wäre von Beginn an ein mordwütiger Wilder gewesen, der grundlos seinem Hass Raum gab, musste ich endgültig begraben.

»Du kannst dir vorstellen, dass Nilyssa völlig außer sich war. Ich musste sie gewaltsam verstecken, um trotz allem ihr erbärmliches Leben zu retten, noch dazu, bevor sie ihrem Kind zu Hilfe eilen konnte.«

Er hatte sie gerettet. Selbst wenn er es jetzt so klingen ließ, als hätte er gar keine andere Wahl gehabt, ließ das eigentlich nur einen Schluss zu: Er hatte sie zu diesem Zeitpunkt immer noch geliebt.

»Sie hat dich nie verdächtigt, dass du Remo entführt hast?«

»Wie hätte sie das ahnen sollen? Alle hielten ihn für tot. Von dem Zimmer war nichts mehr übrig.«

Es war erstaunlich, dass Nilyssa sich nach alldem überhaupt noch dazu hatte bewegen lassen, ihren rechtmäßigen Platz einzunehmen. Ihr war niemand geblieben, und irgendwo tief im Inneren musste sie gewusst haben, dass sie dafür selbst verantwortlich war.

»Mein Meister war nicht besonders erfreut über den Verlauf der Dinge, aber als er mich dafür zur Rechenschaft ziehen wollte, habe ich kurzen Prozess mit ihm gemacht. Was wiederum echte Ironie ist, wenn man bedenkt, aus welchen Gründen ich ursprünglich beschlossen hatte, für ihn zu arbeiten.«

Erst jetzt wurde mir klar, dass bei dem Massaker auch Lucios eigene Angehörige umgekommen sein mussten. Sein Vater hatte schließlich die Leibgarde angeführt.

»Ich hätte auch Irena umbringen müssen, aber ich brauchte sie in diesem neuen Leben, um mich von ihrer Grausamkeit inspirieren zu lassen. Verheiratet waren wir ohnehin schon. Sie war der machtgierigste Mensch, dem ich je begegnet bin, und sie sah ein Potenzial in mir, das ich damals noch nicht wahrhaben wollte. So wie ich jetzt eines in dir sehe.«

Ich versuchte, Lucios Worte nicht an mich heranzulassen. Mit der Enthüllung, dass er seinen Meister seinerzeit auf demselben Weg hatte hintergehen wollen wie ich nun ihn, war meine Mission noch riskanter geworden. Trotzdem blieb mir eine kleine Hoffnung auf Erfolg.

Die Ausnahme birgt die größte Kraft. Seelenpartner, hell und dunkel, geht durch blaues Feuer! Liebe ist der einzige Weg. Das Kind wird alles wenden. Ich würde der Welt und mir selbst beweisen, dass ich jeder Silbe der Prophezeiung widerstand, besonders den beiden in »dunkel«.

Du kannst es schaffen, redete ich mir gut zu. Wenn er dir vertraut, musst du im ganzen Land niemanden mehr fürchten.

Remo

Das Glück besteht nicht darin, dass du tun kannst, was du willst,

sondern darin, dass du auch immer willst, was du tust.

Leo N. Tolstoi

Der große Tag war gekommen. Wochenlang hatte es kein anderes Gesprächsthema gegeben, alles war darauf zugesteuert. Remo war die ganze Zeit über auf dem schmalen Grat zwischen Spannung und Panik balanciert, doch jetzt, wo es so weit war, überwog ganz klar die Panik. Sein Glück, dass er sehr geübt darin war, das zu verbergen. Er gab sich die größte Mühe, die ganze Sache mit Humor zu nehmen. In diesem speziellen Fall konnte man schon fast von Galgenhumor sprechen.

Nilyssa hatte darauf bestanden, dass die offizielle Vorstellung des Thronfolgers mit der Begrüßung des neuen Rates zusammengelegt wurde. Die älteren Lords räumten das Feld für die nächste Generation – ein Tag des Umbruchs. Warum also nicht auch gleich den Thronfolger auf den Präsentierteller stellen? Nach über einem halben Jahr am Hof wusste Remo längst, dass Nilyssa eine Frau war, die jede Gelegenheit am Kragen packte. Seit er ins Schloss gekommen war, hatte sie ihn auf Trab gehalten. In vielen Unterrichtsstunden hatten sie oder ausgewählte Lehrer ihn mit allerlei königlichen Belangen vertraut gemacht. Er hatte sie zu Gesprächen mit ihren Beratern begleitet, mit ihr Besucher aus den Adelshäusern empfangen und die Welt der höheren Gesellschaft immer besser kennengelernt, auch wenn er sich in ihr nach wie vor fremd fühlte. All das hatte ihn so beansprucht, dass es ihm leichtgefallen war, die Gedanken an Risomente zu verdrängen. Der hatte sich in den vergangenen Monaten erstaunlich still verhalten. Sicher war er voll und ganz damit beschäftigt, seine neue Schülerin einzuweisen, an die Remo erst recht nicht mehr denken wollte.

Den schlimmsten Teil der Zeremonie heute hatte Remo bereits überlebt und es sogar geschafft, nicht zu lachen, als ihm symbolisch dieses hässliche Ding von einer Krone auf den Kopf gesetzt wurde. Ja, er war jetzt offiziell Kronprinz von Rotraken. Nicht besonders stolz darauf und immer noch Nilyssa unterstellt, aber es war nicht zu ändern.

»Lächeln!«, sagte Nilyssa im Befehlston. Auf ihren Wink hin zogen die Wachen die schwere, mit Goldornamenten verzierte Tür zum Ratssaal auf.

Nebeneinander schritten sie hinein. Die neuen Lords erhoben sich synchron von ihren Plätzen. Am Morgen waren sie bereits von ihren Vorgängern – meist ihren Vätern oder Onkeln – in ihr Amt eingeführt worden. Auch jetzt hatten diese neben ihren Schützlingen Stellung bezogen. An der einen Wand stand die königliche Leibgarde; auf der anderen Seite des Raumes hatten sich sämtliche Ladys aufgereiht. Auch Ira war dabei, und es fiel kein bisschen auf, dass sie nicht wirklich zu ihnen gehörte.

Nilyssa und Remo setzten sich an den Kopf der im Rechteck aufgestellten Konferenztische. Am anderen Ende saß nach alter Tradition der Anführer der Seelenpartner, Ziyattin. Es überraschte Remo, Dorne neben ihm zu sehen. Er hatte gehört, dass sie wieder bei den Seelenhalben untergekommen war, die sie damals als junges Mädchen verlassen hatte. Doch was hatte sie hier zu suchen?

Dorne erwiderte seinen irritierten Blick mit einem trotzigen Lächeln. In den letzten Monaten hatte er sie nicht zu Gesicht bekommen. Für einen kurzen Moment ließ er seinen Blick auf ihr verweilen. Sie hatte ihr Haar wachsen lassen, sodass es ihr bis ans Kinn reichte, und trug ein luftiges, altrosafarbenes Sommerkleid, in dem sie zart und mädchenhaft wirkte. Er fragte sich, wen sie damit täuschen wollte.

Seine Augen begannen, die Reihe der Ladys abzusuchen, und blieben an Rabia hängen. Sie war so ziemlich die einzige lohnenswerte Bekanntschaft, die er in den vergangenen Monaten hier am Hof gemacht hatte. Etwas Ernstes war das zwischen ihnen nicht, aber eine willkommene Ablenkung war sie allemal. Auch sie hatte heute ausnahmslos alle Register gezogen, um einen guten Eindruck zu machen. Trotzdem war ihr tiefviolettes Kleid immer noch einen Tick zu eng, einen Hauch zu weit ausgeschnitten und ihr Make-up nicht dezent genug. Er wollte gerade darüber nachdenken, was das für die Wahl ihrer Unterwäsche bedeuten mochte, als Nilyssa ihm ihren Zeigefinger in die Seite stieß, was heißen konnte: »Aufgepasst, gleich bist du mit deiner Ansprache dran«, oder auch: »Finger weg von dieser verruchten Lady.« Möglicherweise meinte sie sogar beides – Frauen hatten manchmal diese Art, mehrere Dinge gleichzeitig auszudrücken.

Rabia fing seinen Blick auf und schenkte ihm ein Lächeln, als ob sie genau wüsste, was in ihm vorging. Ihre Lippen formten ein Wort: Später! Vielleicht war dieser grässliche Tag ja doch noch zu retten.

Nilyssa erhob ihre helle Stimme. »Es tut gut, euch alle hier versammelt zu sehen. In einer Zeit der Veränderung ist es ein unvergleichliches Gefühl, den Herausforderungen nicht allein gegenübertreten zu müssen. Wir brechen mit dem Alten, ohne zu vergessen, was es uns gelehrt hat. Ich möchte das Wort an dieser Stelle an meinen Sohn übergeben.«

Nur einer ihrer auffordernden, strengen Seitenblicke, und Remo war der Anfang des Textes entfallen, den sie ihn hatte lernen lassen. Er räusperte sich und erhob sich von seinem Stuhl. Ihm blieb wohl nichts anderes übrig, als zu improvisieren. »Machen wir uns nichts vor«, begann er und registrierte, wie seine Mutter blass wurde, als sie erkannte, dass er sich nicht an ihre Vorlage hielt. »Die meisten von euch verstehen nicht, wie eine Königin so etwas tun kann – jemanden wie mich an ihre Seite und in ihre Nachfolge stellen, auch wenn ich ihr Sohn bin. Zugegeben, ich verstehe es selbst nicht.« Gut möglich, dass seine Taktik nicht die klügste war, aber immerhin hatte er die Lacher auf seiner Seite. »Natürlich ist es berechtigt, daran zu zweifeln, dass jemand, der bei Risomente aufgewachsen ist, dazu in der Lage sein könnte, irgendetwas zum Guten zu wenden. Ich kann nur versprechen, dass ich es versuchen werde.« Seine Verbindung zu Risomente so herauszustellen war vielleicht auch nicht allzu schlau, aber egal. Er meinte, sich daran zu erinnern, dass er etwas davon erzählen sollte, dass er für die Sicherheit des Volkes garantieren würde, aber jetzt, wo er hier stand, kam ihm das ziemlich heuchlerisch vor. Wer war er, den Rat zu belügen?

Nilyssa rutschte unruhig hin und her und würde zweifellos sofort eingreifen, sobald sie entschieden hatte, wie sie das am geschicktesten anstellen konnte.

»Es gibt kaum jemanden, der so viel über die Sensoren weiß wie ich. Diese Waffe sollte niemand unterschätzen. Trotzdem kann mein Wissen euch von Nutzen sein.« Und außerdem bin ich das berühmte Prophezeiungskind, ergänzte er sarkastisch in Gedanken.

Nilyssa holte Luft, um ihn zu unterbrechen.

»Ich will gar keine große Rede schwingen«, sagte Remo schnell. »Das war es von meiner Seite.« Er ließ sich wenig königlich zurück auf seinen Platz plumpsen.

Nilyssa versuchte, die ganze Situation zu retten, indem sie eine Lobeshymne auf die Seelenpartner anstimmte, die sie unnötig in die Länge zog, um seinen verpatzten Auftritt in den Köpfen so weit wie möglich auszuradieren. Remo schaltete ab. Erst als Stühle zurückgeschoben wurden und Nilyssa ihn am Arm hochzog, widmete er seine Aufmerksamkeit wieder dem Geschehen. Mit ungeduldigem Blick gab Nilyssa ihm zu verstehen, dass er sich an die Tür stellen solle, damit alle an ihm vorbeiziehen und ihre scheinheiligen Glückwünsche loswerden konnten.

Die nächste Viertelstunde verbrachte er also damit, huldvoll zu lächeln und Hände von Männern zu schütteln, deren Namen er sich nicht würde merken können. Leider war dieselbe Prozedur nicht für die Ladys vorgesehen. Das hätte seine Laune zumindest ein bisschen heben können.

»Remo Risomente.«

Seinen Namen so bedeutungsvoll auszusprechen wäre überflüssig gewesen. Ihm war gleich aufgefallen, dass der Lord ihm gegenüber der Erste war, der sich nicht verbeugte, bevor er ihn ansprach. Er machte nicht einmal Anstalten, ihm die Hand zu reichen. Remo hob den Blick und sah in sein Gesicht. Erst kam es ihm nur vage bekannt vor, doch dann erkannte er ihn: Lowdan Dolirakes. Er sah nicht so aus, als hätte er vergessen, unter welchen Umständen sie sich zum ersten und bisher einzigen Mal begegnet waren. Aus dem Augenwinkel prüfte Remo, ob jemand sie beobachtete, aber Nilyssa war nicht zu sehen, und die nächsten Lords in der Schlange waren in ein angeregtes Gespräch vertieft.

Lowdan drückte seine Hand deutlich fester, als dass es als aufmunternde Geste hätte durchgehen können, fast als wollte er sie zerquetschen. Er lächelte breit. »Willkommen in Eurer persönlichen Hölle, Hoheit

 

Im Schlossgarten spielte die Hofkapelle. Die Sonne strahlte vom Himmel, die allgemeine Stimmung war heiter, es wurde Wein ausgeschenkt, und alles war festlich mit Bändern dekoriert. Nilyssa hatte Remo das Versprechen abgerungen, sich nicht vor Einbruch der Dunkelheit zurückzuziehen. Ein echter Jammer, dass die Tage schon sommerlich lang waren.

Er schlenderte ziellos umher und bemühte sich, die Lords und Ladys, die ihn in Gespräche über sein tolles neues Leben verwickeln wollten, so schnell und höflich wie möglich abzuwimmeln. Er überlegte, ob er Rabia dazu überreden könnte, zumindest einen kurzen Abstecher in sein Zimmer zu machen, aber sie wurde die ganze Zeit über von verschiedenen Leuten belagert, die besser nichts von dem wissen sollten, was zwischen ihr und ihm lief. Sie hatten es bisher geschafft, sich zu treffen, ohne dass Gerüchte über sie aufgekommen wären. Es war kein guter Tag, um das zu ändern.

Ihm war es gerade gelungen, den alten Dolirakes loszuwerden, der so getan hatte, als hätte Remo nicht die Hochzeit seines Sohnes ruiniert. Der alte Lord hatte offenbar ein großes Vertrauen in Nilyssa, wenn er sich ihm gegenüber derart freundlich zeigte. Jedenfalls tippte da auch schon die nächste Person Remo auf die Schulter. Als er sich umdrehte, blickte er direkt in Dornes Gesicht. Sie balancierte zwei randvolle Gläser in der linken Hand und stand näher bei ihm, als es sich gehörte. Als er einen Schritt zur Seite machte, folgte sie ihm.

»Ich hatte noch keine Gelegenheit, Euch persönlich zu beglückwünschen.« Sie hielt ihm eines der Gläser hin.

Zögernd nahm er es entgegen.

»Ich muss sagen, ich freue mich wahnsinnig über und auf diese neue Form der Zusammenarbeit.« Sie lächelte und stieß ihr Glas gegen seines, bevor sie daran nippte.

Er wusste, dass sie unweigerlich Aufmerksamkeit auf sich zogen, und tat es ihr daher nach. Oberste Regel: Immer so tun, als wäre alles in bester Ordnung.

»Die Freude ist auf meiner Seite«, sagte er förmlich. »Wovon reden wir überhaupt?«

Er hatte sie damit nicht zum Lachen bringen wollen, aber genau das tat sie. Es klang so vertraut in seinen Ohren, dass er fast das Glas fallen gelassen und sie umarmt hätte. Er hatte sie sehr leichtfertig aufgegeben, und er hatte weit mehr verloren als das, wofür Cel sie gehalten hatte. Dorne war mehr für ihn gewesen. Aber es gab kein Zurück, und es war auch kein guter Moment, um sich bei ihr zu entschuldigen.

»Da ich wieder bei den Seelenhalben lebe und Ziyattin bei seiner Arbeit unterstütze, werden wir in nächster Zeit viel miteinander zu tun haben. Ich bin schon äußerst gespannt darauf, zu hören, wie Ihr Euch das zukünftige Zusammenspiel von Hof und Seelenpartnern vorstellt.«

Was sollte das heißen – sie unterstützte Ziyattin bei seiner Arbeit? Wie sollte jemand wie Dorne, die jahrelang für den Feind gearbeitet hatte, für den Anführer der Seelenpartner hilfreich sein? Warum hatte er sie mit an den Hof genommen?

Doch Remo wusste, dass Dorne nur darauf wartete, dass er Fragen stellte. So, wie er im Gegenzug sicher war, dass sie ihm ohnehin keine Antworten geben würde.

Er beugte sich so nah zu ihr, wie er sich erlauben konnte, ohne dass es so aussah, als würde er sie jeden Augenblick küssen. »Ich hasse Seelenpartner.«

Sie lachte wieder. »Wie gut, dass ich nur eine Seelenhalbe bin.«

Er seufzte und senkte die Stimme. »Dorne, bist du dir sicher, dass es eine gute Idee ist, dich ausgerechnet bei den Seelenpartnern einzubringen? Du bist schon lange nicht mehr Ziyattins kleines Mädchen!«

»Mit Letzterem dürftest du recht haben«, sagte sie mit verführerischem Unterton.

Er ging nicht darauf ein. »Hat er dir einfach so verziehen? Oder weiß er nicht alles?«

Hatte die Freude über die Rückkehr seiner Pflegetochter Ziyattin dazu gebracht, keine Fragen zu stellen? Oder hatte sie ihm die Wahrheit gesagt, und er hatte ihr verziehen? Nach all den Aufträgen, die sie für Risomente erledigt hatte, hätte Ziyattin sie gar nicht wieder aufnehmen dürfen. Und jetzt begleitete sie ihn sogar auf seine Reisen zum Schloss?

Dorne verdrehte die Augen. »Zwischen Ziyattin und mir ist alles in bester Ordnung. Außerdem: Frag mich lieber nicht, was ich davon halte, dass du König werden sollst.«

Er nickte. »Dann sind wir wohl quitt.«

Ziyattin steuerte auf sie zu, offenbar auf der Suche nach Dorne.

»Noch lange nicht, Remo«, raunte sie. Dann ließ sie ihn stehen. Im Weggehen wagte sie es tatsächlich, ihm unauffällig einen Klaps auf den Hintern zu geben.

 

»Und, alles gut überstanden?« Rabia schloss die Tür hinter sich.

Remo hatte auf dem Bett gelegen und die Decke angestarrt. Jetzt setzte er sich auf. »Es hätte schlimmer sein können«, meinte er, mehr, um es sich selbst einzureden.

»Zumindest das Essen war gut.«

Er widersprach ihr nicht, obwohl er keinen Bissen von der Pastete hinunterbekommen hatte. Nicht einmal Nilyssa zuliebe würde er Fleisch essen. Dafür hatte er beim Nachtisch kräftig zugeschlagen.

Rabia grinste und zupfte an ihrem Rocksaum. »Kannst du mir mal helfen?«

Anscheinend hatten sie das Gerede fürs Erste erfolgreich hinter sich gebracht. Remo stand auf und trat hinter sie, um das Kleid aufzuschnüren. Seine Finger glitten über den Stoff, und plötzlich versetzte ihn sein Gedächtnis in eine andere Situation. Cels Hochzeitskleid – wie seine Finger gezittert hatten. Wie Gray plötzlich wie aus dem Nichts aufgetaucht war.

Rabia merkte glücklicherweise nichts und plapperte munter weiter. »Die Frau, die Ziyattin mitgebracht hat – ich glaube, sie will dich. Ich seh so was, weißt du.«

Er lachte leise. »Ja, du siehst viel, aber nicht alles. Ich kenne sie von früher.«

Sie drehte sich zu ihm um und setzte sich dann auf die Bettkante. Remo erwartete, dass sie eine Erklärung verlangen würde, aber sie überrumpelte ihn mit etwas völlig anderem. »Erzähl mir von Celeyna.«

Nach der Zeit, die er bereits zwischen sich und diesen Namen gebracht hatte, löste er in ihm hauptsächlich eines aus: Wut. Remo schwieg, weil er nicht überreagieren wollte.

»Jeder hier weiß, dass zwischen euch… etwas war. Allein schon die Geschichte, wie du ihre Hochzeit verhindert …«

»Ich wünschte, ich hätte es nicht getan!« Er biss sich auf die Lippe. Es wäre das Beste gewesen, einfach den Mund zu halten.

Rabia sah allerdings nicht so aus, als würde sie sich mit diesem Kommentar zufriedengeben. Wenn er mit ihr heute noch etwas anderes vorhatte, als über Vergangenes zu reden, musste er ihr eine Antwort liefern. Gerade wollte er dazu ansetzen, irgendetwas davon zu schwafeln, dass die Dinge meist nicht so waren, wie sie schienen, als sie ihm zuvorkam.

»Sie muss der Grund dafür sein, dass du dich nur noch mit Frauen wie mir abgibst.«

Remo seufzte, setzte sich neben sie und legte eine Hand auf ihren Oberschenkel. »Was soll das denn jetzt heißen?«

»Nur, dass du nicht bereit bist, etwas Verbindliches einzugehen.« Sie hob abwehrend die Hände, als sein Blick sie von der Seite traf. »Für mich kein Problem – ich habe gleich gewusst, worauf ich mich einlasse.«

Warum redeten sie dann überhaupt noch? Er fasste nach dem letzten Band an ihrem Rücken und wollte es aufziehen, als sie sein Handgelenk packte und ihn aufhielt.

»Wie konnte das passieren?«, fragte sie und strich dabei mit dem Daumen sanft über seinen Handrücken, was er als positives Zeichen deutete, dass sie möglicherweise demnächst mit dem Reden aufhören würde. »Wie konnte Risomente sie auf seine Seite ziehen?«

Wenigstens wollte sie nicht wissen, wie er sich dabei gefühlt hatte.

»Wer weiß schon, was er ihr angeboten hat… Obwohl er der größte Feind der Seelenpartner ist, obwohl er ihre Villa in Brand gesteckt, Menschen getötet hat, die sie kannte – nicht zuletzt ihren eigenen Vater –, hat sie sich für ihn entschieden.« Er erwähnte nicht, dass eigentlich er es gewesen war, der ihren Vater getötet hatte – oder zumindest das, was zu diesem Zeitpunkt von ihm übrig gewesen war. Es machte ihm immer noch zu viel Angst. »Sie ist wahrscheinlich einfach nur unglaublich dumm, und ich habe es nicht gesehen, weil ich scharf auf sie war.«

In Rabias Augen sah er etwas, das gefährlich nah an Mitleid herankam. »Hast du sie geliebt?«

Natürlich hatte er sie nicht geliebt – und wenn doch, musste er es sich eingebildet haben. Wer könnte jemanden wie Cel lieben, außer vielleicht Gray, den das Schicksal nun einmal an sie gekettet hatte? Cel zu lieben wäre Selbstzerstörung. Es konnte nur eine einzige Ursache für seine vorübergehende Blindheit gegeben haben: dass sie schön war. Deshalb hatte er sie gewollt. Das konnte man ihm nicht vorwerfen; es lag eben in seiner Natur.

Rabia sah ihn immer noch fragend an.

Er gab ihr die einzig richtige Antwort: »Ich weiß es nicht.«