Epub cover

Inhalte

  1. Zum Geleit
  2. Vorwort
  3. 1
  4. 2
  5. 3
  6. 4
  7. 5
  8. 6
  9. 7
  10. 8
  11. 9
  12. 10
  13. 11
  14. 12
  15. 13
  16. 14
  17. 15
  18. 16
  19. 17
  20. 18
  21. 19
  22. 20
  23. 21
  24. 22
  25. 23
  26. 24
  27. 25
  28. 26
  29. 27
  30. 28
  31. 29
  32. 30
  33. 31
  34. 32
  35. 33
  36. 34
  37. 35
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  39. 37
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  41. 39
  42. 40
  43. 41
  44. 42
  45. 43
  46. 44
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  51. 49
  52. 50
  53. 51
  54. 52
  55. 53
  56. 54
  57. 55
  58. 56
  59. 57
  60. 58
  61. Teilnehmer
  62. Unsere Buch-Empfehlungen

Ich bin Christ
– aus gutem Grund

Zur Anziehungskraft des Christseins heute

Herausgegeben von
Prof. Dr. Joachim Theis
Dr. Wolfgang Fleckenstein, Hans-Joachim Maurer
Dr. Michael Thomas, Dr. Hans-Gerd Wirtz

éditions trèves

Bibliographic information published by Die Deutsche Bibliothek
Die Deutsche Bibliothek lists this publication in the Deutsche ­Nationalbibliografie; detailed bibliographic data is available in the Internet at http://dnb.ddb.de

Prof. Dr. Theis, Joachim (Hrsg.) u. a.
Ich bin Christ – aus gutem Grund
Trier: éditions trèves, 2007
ISBN 978-3-88081-501-8

www.treves.de

Umschlaggestaltung: éditions trèves, unter Verwendung eines Bildes von Sylvie Collignon-Mathieu

© und Gesamtproduktion
bei
éditions trèves
Postfach 1550
54205 Trier
mail@treves.de

Vervielfältigung jeder Art, auch auf Bild-, Ton-, Daten- und anderen Trägern, insb. Fotokopien (auch zum »privaten« Gebrauch), sind nicht erlaubt.

Hrsg. mit Unterstützung des Vereins zur Förderung der künstlerischen Tätigkeiten – éditions trèves e. V.

Ich bin Christ – aus gutem Grund
Zur Anziehungskraft des Christ
seins heute

Ein ökumenisches Schreibprojekt

Zum Geleit

Was heißt das: Ich bin Christ? Ist die christliche Religion zukunftsfähig? Was hat das Christentum zu bieten? Was macht Christsein für mich lebenswert?
 Solche und ähnliche Fragen stellen Menschen heute genauso wie zur Zeit Kaiser Konstantins im 4. Jahrhundert. Damals und heute versuchen sie zu verstehen, was es mit dem Christentum auf sich hat.
 Damals wie heute gilt: Menschen leben in einer pluralen Gesellschaft und entscheiden sich für das Christsein.
 Wie kommt es in der heutigen Zeit zu einer solchen Entscheidung? Welche Schwierigkeiten und Hindernisse stehen im Wege? Was hat das Christentum zu bieten, was macht das Christsein heute anziehend?

Auf diese Fragen haben Christinnen und Christen in einem ökumenischen Schreibprojekt versucht, eine Antwort zu geben. Sie haben über die eigene Motivation und Entwicklung zu ihrem Christsein nachgedacht und einen Beitrag zu dieser Schreibwerkstatt verfasst. Dabei ist ein vielfältiges Bild entstanden, das die konfessionellen Grenzen in den Hintergrund treten lässt. Gerade weil das Bekenntnis zum Christentum kein Allerweltsthema ist, erscheinen uns die vielfältigen Texte als eine gute Anregung, einmal selbst darüber nachzudenken, warum ich überhaupt Christ bin, was mein Christsein eigentlich ausmacht?

Viele Menschen haben sich durch das Projekt ansprechen lassen und eigene Texte verfasst. Dafür danken wir herzlich!
 Eine besondere Note hatte dieses Schreibprojekt durch seine grenz­überschreitende und ökumenische Perspektive zwischen Deutschland und Luxemburg. Zum Christsein gehört grundsätzlich, in diesem weltumspannenden »Haus« zu leben.

Wir hoffen, dass die Leserinnen und Leser in dem vorliegenden Buch Anregungen finden, ihrem eigenen christlichen Glauben nachzuspüren oder angestoßen werden, im gemeinsamen Gespräch im Familien- und Freundeskreis, in Gemeinden oder Schulen über die Frage nachzudenken, was es heißt, heute Christ zu sein.

Trier, im September 2007

Generalvikar Dr. Georg Holkenbrink
Bistum Trier

Superintendent Christoph Pistorius
Evangelische Kirche im Rheinland

Generalvikar Mathias Schiltz
Erzbistum Luxemburg

Vorwort

Vielleicht ist es schwerer geworden, heute als Christ zu leben. In unserer Gesellschaft finden sich eine Vielzahl sehr verschiedener Wege für ein sinnvolles und erfülltes Leben. Daher ist es wichtig, darüber nachzudenken und ins Gespräch zu bringen, was es heißt, Christ zu sein und als Christ zu leben. Wie schwer uns Menschen manchmal die Nachfolge Jesu fällt, aber auch wie erfüllend und beglückend sie sein kann, bezeugen die Autorinnen und Autoren in ihren Beiträgen zum ökumenischen Schreibprojekt »Ich bin Christ – aus gutem Grund. Zur Anziehungskraft des Christseins heute«, zu dem die Katholische Erwachsenenbildung im Bistum Trier, die Evangelische Erwachsenenbildung Rheinland-Süd, die Katholische Akademie Trier, die christliche Erwachsenenbildung des Erzbistums Luxemburg, der Fachbereich Religionspädagogik der Theologischen Fakultät Trier, Paulinus — die Wochenzeitung im Bistum Trier, das Luxemburger Wort und Chrismon plus rheinland anlässlich der kulturhistorischen Ausstellung »Konstantin der Große« eingeladen haben.
 Leider konnten nicht alle Zusendungen bei dieser Veröffentlichung berücksichtigt werden. Das hat mit dem besonderen Akzent zu tun, der uns bei der Auswahl geleitet hat: Unser Lesebuch hat ein ökumenisches Anliegen, es soll die Bandbreite der Einsendungen widerspiegeln und zeitgenössisch erscheinen. Darum mischt diese Sammlung »helle und dunkle« Töne.
 Möge die Lektüre dieses Buches dazu beitragen, sich mit dem eigenen Christsein in heutiger Zeit auseinanderzusetzen.

Allen, die zum Zustandekommen des Buches beigetragen haben, sei ausdrücklich gedankt: den Autorinnen und Autoren, der Luxemburger Künstlerin Sylvie Collignon-Mathieu für das zur Verfügung gestellte Umschlagbild, Frau Susanne Becker und Frau Stefanie Eimer für die redaktionelle Unterstützung und den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern des Verlags éditions trèves e. V. Dem Evangelischen Kirchenkreis Trier, dem Erzbistum Luxemburg, dem Bistum Trier, der PAX-Bank Trier und der Stadt Trier danken wir für die finanzielle Unterstützung des Schreibprojekts.

Trier, im September 2007

Die Herausgeber

1

Raimund Ackermann

Umdenken und Erkennen

Die Tränen sollten mir über’s Gesicht laufen, ja, ich wollte weinen, und alle Welt sollte es sehen. Im Stadion und vor den Bildschirmen, hemmungslos, vor Freude. Denn ich wollte es ja schaffen, mit aller Gewalt und erbarmungslosem täglichen Training, den Olympia-Sieg über 1.500 Meter.
 Die deutsche Nationalhymne, nur für mich ganz alleine sollte sie gespielt werden, und alle Freunde und Bekannte wären stolz auf mich gewesen: ein Olympia-Sieger von der Mosel.
 Jahrelanges Quälen nur für diesen kurzen Augenblick. Die schwarz-rot-goldene Fahne weht im Wind, es sollte der größte Moment in meinem noch jungen Leben werden, doch zu wenig Talent und eine schwere Verletzung machten alles zunichte.
 Mein Ziel, mein Traum – einfach vorbei. Und keinen interessierte es. Das Leben ging weiter und andere wurden Sieger.

*****

Ich saß wie jeden Sonntag in der Kirche und hörte leicht gelangweilt der Predigt zu. Doch was da unser Pastor plötzlich sagte, ließ mich aufhorchen wie nie zuvor, denn meine angestrebte Sportlerkarriere war erst seit einem Jahr zu Ende und die Trauer immer noch groß.
 »Trachtet nach dem, was nicht verwelkt wie ein Lorbeerkranz und was nicht verrostet wie eine Siegermedaille. Macht euch auf, das zu tun, was euch niemand mehr wegnehmen kann und was für immer Bestand hat. Gewinner und Ruhm sind schnell vergessen, doch was ihr Gutes in diesem Leben anderen tut, wird euch keiner mehr nehmen können, auch nicht im Tod.
 Also verändert euer DENKEN und ERKENNT was auf dieser Welt wirklich wichtig ist, denn Gott wird euch nicht fragen was ihr angehäuft habt, sondern was ihr eurem Nächsten getan habt.
 Lebt und handelt nach dem Evangelium, fürchtet euch nicht, Gott wird immer bei euch sein. Alles, was ihr auf Erden verschenkt, wird euch in den Himmel begleiten. Damit ist auch die Liebe gemeint.«

*****

Das war es für mich. Der Rest ist Geschichte. Meinen Job bei der Stadtverwaltung habe ich nach 15 Jahren gekündigt, um als bekennender Christ das Evangelium zu leben. Jeden Tag. Um die Worte von Dr. Fey zu benutzen: Helfen bis es wehtut.

2

Rudolf Ammann

Ich bin Christ – aus gutem Grund

Es war zwischen meinem 17. und 18. Geburtstag. Da drängten sich mir diese Fragen so existenziell auf, dass mein Arzt erhöhten Blutdruck gemessen hat: Warum glaube ich das, was ich glaube? Warum bin ich katholisch? Warum habe ich mich auf den Weg gemacht, Priester werden zu wollen? Wäre ich auch dann auf diesem Weg und Mitglied der katholischen Kirche, wenn meine Eltern anders gelebt und mir eine andere Weltanschauung vermittelt hätten?
 Bisher hatte ich mich schlicht und ohne viel zu denken von ihnen bestimmen lassen. In herzlicher Zuneigung war ich an sie gebunden. Ich habe wie sie und mit ihnen am Morgen und am Abend gebetet, auch vor und nach den Mahlzeiten. Ich habe mit ihnen geglaubt, dass Jesus von Nazareth gelebt hat, dass er in Betlehem geboren und in Jerusalem für uns am Kreuz gestorben ist, dass er nach drei Tagen von den Toten auferstanden und dann in den Himmel aufgefahren ist, um seinen Jüngern und uns bis heute den Heiligen Geist zu senden und uns den Weg zur Auferstehung zu führen. Mit meinen Eltern
habe ich regelmäßig die Gottesdienste in unserer Pfarrkirche besucht. Zu Hause haben wir mit großem Engagement Weihnachten gefeiert. Immer wieder habe ich mich intensiv auf den Empfang von Sakramenten vorbereitet. Ich war wie meine Eltern und mit ihnen praktizierender Katholik und habe geglaubt und getan, was andere Katholiken taten und weil und wie sie es taten.
 Nun sollte es aber anders werden. Ich wollte meinen eigenen Weg suchen und gehen, ich ganz allein und für mich selbst verantwortlich, nicht in Abhängigkeit von anderen, auch nicht in Anlehnung an meine Eltern, gerade von ihnen abgelöst.
Unsicherheit an allen Ecken und Enden
Da habe ich mich auf den Standpunkt gestellt, dass das, was andere mir sagen, sich schon deswegen einer kritischen Prüfung unterziehen muss und wohl kaum stimmen kann, weil sie als die Anderen es mir sagen. Ich merkte aber schnell: Dieser Standpunkt betrifft nicht nur religiöse Themen, die Fragen nach Gott, Bibel, Kirche, die Fragen nach (halbwegs) christlich vertretbarem Leben. Das kritische Fragezeichen gehört konsequenterweise hinter alle Erkenntnisse, die ich hatte und mit denen ich – bislang unreflektiert – gelebt habe.
 Zunächst musste ich etwas ganz Simples zugeben: Dass 2 x 2 = 4 ist, habe nicht ich erfunden. Das haben andere mir beigebracht, und ich habe ihnen kritiklos geglaubt. Mit diesem Axiom und mit noch vielen anderen rechne ich tagtäglich. Ebenso naiv habe ich bisher glaubend akzeptiert, dass die Erde rund ist und die Atome existent und spaltbar, dass Napoleon nicht vor, sondern nach Christus gelebt hat und dass der Kammerton A 440 Schwingungen hat. Das alles und noch viel mehr glaube ich, ohne es überprüft zu haben, ohne es überprüfen zu können. Wie sollte ich auch?
 Was ich selber wahrnehmen und überprüfen konnte – so wurde mir klar –, erkannte ich über das Medium meiner Sinne. Und diese können trügen. Ich kam zu dieser Feststellung durch einen ganz einfachen Versuch im Physik-Unterricht des Gymnasiums: Drei Gefäße mit Wasser stehen nebeneinander, das linke mit heißem Wasser gefüllt, das rechte mit kaltem und das mittlere mit lauwarmem Wasser. Wenn ich meine beiden Hände zuerst in die äußeren Gefäße und nach einer gewissen Zeit beide ins mittlere tauche, dann ist das Wasser im mittleren Gefäß für die linke Hand kühl und das gleiche Wasser für die rechte Hand warm. Was ist es nun, warm oder kalt? Täuschen mich meine Sinne? Natürlich könnte ein Thermometer die Frage beantworten. Aber den Stand der Quecksilbersäule nehme ich wahr, indem ich sie sehe. Jedoch: Kann ich der Wahrnehmung meiner Augen mehr trauen als der meines Wärme- und Kältegefühls? Täuschen mich meine Augen nicht auch, wenn sie »Sternchen«, also Licht sehen bei einem Schlag auf das Auge, auch wenn in diesem Moment kein besonderes Licht existiert? Wiederum Sinnestäuschung! Ähnlich unzuverlässig sind meine Ohren. Die Töne mit extrem hohen Schwingungen, die eine Fledermaus hört, höre ich mit bestem Willen nicht. Und doch existieren sie. Sinnesschwächen und -grenzen! Und kein Chirurg hat bei einer Operation Gefühle, Gedanken oder gar eine Seele gefunden. Und doch empfinde ich Gefühle, denke Gedanken, kann ich – seelisch – verletzt und erfreut werden. Wiederum Sinnestäuschungen oder -schwächen, die das Eigentliche verbergen oder verfremden? Jedenfalls war mir klar geworden: Auf meine Sinne kann ich mich nicht mehr verlassen als auf Aussagen anderer Menschen.
 Der Philosoph Descartes kam mir zu Hilfe: »Cogito, ergo sum – ich denke, also bin ich.« Ich könnte auch sagen: Ich fühle, also bin ich. Ich freue mich, also bin ich. Ich leide, also bin ich. Aber bald kam neue Unsicherheit über mich: Wie kann ich sicher sein, dass mein Denken, Fühlen, meine Freude und mein Leiden nicht ähnliche Sinnestäuschungen sind wie viele andere, die mich schon genarrt haben und immer wieder narren?
 Immer klarer wurde mir: Nichts von dem, was ich und alle anderen Menschen wahrnehmen und für wahr halten, womit sie selbstverständlich umgehen und was ihr Leben in dieser Welt ausmacht, ist über alle Zweifel erhaben. Totaler Skeptizismus ist angebracht, fand ich.
 Aber wenn nichts sicher ist, keine »jenseitige« und keine »diesseitige« Wirklichkeit, nichts von meiner Umgebung und auch ich selber nicht, ist auch der Sinn von alldem nicht formulierbar. Ich konnte immer weniger die Möglichkeit ausschließen, dass alles, was ich wahrzunehmen meine, die eigene Existenz eingeschlossen, hinausläuft auf totale Sinnlosigkeit. Soll aber dies das Ziel, der »Erfolg« meines Denkens und Seins sein, meine Sinnlosigkeit zu entdecken? Nur dafür leben zu sollen, wurde für mich zu einem unerträglichen Gedanken. So konnte und wollte ich nicht weiter leben.
Lebenshunger als Grundimpuls
Plötzlich empfand ich Angst, es könnte vielleicht zur Konsequenz meines Lebens gehören, meinem Leben ein Ende zu bereiten. Aber ich wollte doch leben! Vital leben wollte ich. Dieser Lebenshunger, den ich als Lebenswillen spürte, wurde für mich zur Einladung, alle bisherigen Überlegungen unter einem neuen Vorzeichen zu wiederholen:
 Das war also sicher, dass ich leben wollte. Dem – eigenen – Leben Raum zu schaffen, empfand ich als sinnvoll. Um leben zu können, wollte und musste ich dann auch zugeben und ertragen: Die Wahrheit all dessen, was mein Leben umgibt und seelisch-kulturell reich macht, kann ich nicht sicher belegen, allerdings auch nicht sicher widerlegen. Die Wahrheiten meiner Sinneswahrnehmungen, alle von anderen Menschen übernommenen Wahrheiten, bleiben in einem Helldunkel nur relativer Sicherheit. Auch den von meinen Eltern übernommenen christlichen Glaubenswahrheiten und katholischen Lebensentwürfen kann ich nicht gesichert widersprechen, wenn ich sie auch nicht als gesichert bestätigen kann.
 Dann fasste ich den Entschluss: Ich will die religiösen und alle übrigen Wahrheiten, die ich von meinen Eltern und von vielen anderen Menschen übernommen und bisher unreflektiert, ohne eigene Entschlossenheit geglaubt habe, aus eigenem Entschluss so lange als meine Weltanschauung festhalten, bis ich etwas für mich Schlüssigeres, Plausibleres und Besseres gefunden habe. Wenn ich aber dieses Richtigere erkenne, dann hoffte ich damals und hoffe heute noch, dass ich fähig und bereit bin, alles Bisherige loszulassen und zum Wahreren zu konvertieren. Bis heute ist diese Konversions-Situation für mich erkennbar noch nicht eingetreten.
 So blieb ich katholisch praktizierender Christ. Äußerlich hatte sich so gut wie nichts von meinen vielen religiösen und areligiösen Glaubens­inhalten verändert. Meine nächsten Angehörigen haben deswegen von alldem nichts mitbekommen. Aber die innere Qualität meines Glaubens empfand ich nun als ganz neu: Mein Glaube war wohl in die christliche Tradition eingebettet und entspricht ihr ganz. Aber er entspringt meiner persönlichen Entscheidung, die ich – nicht nur für mich, sondern grundsätzlich – für wichtig halte. Das wurde zu meiner Überzeugung: Der christliche Glaube wird nur dann menschenwürdig und zu einem persönlichen, christlichen Glauben, wenn er aus freier und persönlicher Entschlossenheit heraus geglaubt wird.
Glaubensweg und Glaubensreifung
In den folgenden Jahrzehnten hat sich mein Glaube in vielen Wandlungsprozessen immer wieder verändert. Ich wurde freier, großzügiger, weiter. Ungebrochen erlebe ich mich im Raum der katholischen Kirche und bin mit Überzeugung, Freude und Dankbarkeit in ihr und für sie tätig. Viele Erlebnisse und viele Begegnungen mit anderen suchenden und glaubenden Menschen, die zu ganz unterschiedlichen Glaubensgemeinschaften gehören und sehr verschiedene Lebenskonzepte realisieren, haben mich und meinen Glauben herausgefordert und bereichert.
 Eine für mich besonders kostbare Serie tiefer Erlebnisse, die mir zum Segen geworden sind, sind meine Pilgerfahrten nach Israel und Palästina. Dort habe ich – die Bibel in der Hand und mit offenen Augen archäologischen Ausgrabungen und politischen Realitäten gegenüber – immer wieder Spuren Gottes gefunden, der die Geschichte des »auserwählten Volkes« der Juden zutiefst geprägt hat. Ich habe konkrete Spuren Jesu aus Nazareth gefunden, die mir deutlich machten, dass viele biblische Aussagen durch archäologische Funde bestätigt sind. Ich habe immer wieder bei mir selber und bei anderen Pilgern Wunder seelischer Veränderungen erlebt. Je öfter ich diese Pilgerreisen gemacht habe, umso unmittelbarer und überzeugter wurde mein christlicher Glaube.
 Besonders kostbare Begegnungen mit Menschen, die meinen Glauben mächtig verändert und bereichert haben, ereigneten sich für mich in einer Gruppe, die zu einer 200-stündigen tiefenpsychologischen Selbsterfahrung zusammengetreten war. Dabei habe ich erlebt, dass die Seele jedes Menschen mehr Durchsetzungskraft in sich birgt als alle anderen Kräfte im Menschen, Verstand und Wille eingeschlossen. Ich habe wiederholt wahrgenommen, dass die beste Freundin jedes Menschen seine Seele ist, die für ihn die günstigsten Lebenswege sucht und findet. Und ich habe gläubig deutend entdeckt, dass Gott selber und sein Geist die für jeden Menschen menschenfreundliche Seele führt und in ihr erahnt werden kann. Bei mir und bei anderen in dieser Selbsterfahrungsgruppe habe ich beobachtet, wie wahr eine Aussage des Zweiten Vatikanischen Konzils (1962 – 1965) über das keinem anderen Menschen verfügbare Gewissen eines Menschen ist: »Der Mensch hat ein Gesetz, das von Gott seinem Herzen eingeschrieben ist, dem zu gehorchen eben seine Würde ist und gemäß dem er gerichtet werden wird. Das Gewissen ist die verborgenste Mitte und das Heiligtum im Menschen, wo er allein ist mit Gott, dessen Stimme in diesem seinem Innersten zu hören ist. Im Gewissen erkennt man in wunderbarer Weise jenes Gesetz, das in der Liebe zu Gott und dem Nächsten seine Erfüllung hat.« Ich habe dankbar glaubend erlebt, dass in meinem Zweifeln, Suchen und Finden, in meinen Ängsten, Sehnsüchten und Antrieben Gott handelt. Ich deute – bis ich Wahreres entdecke –, dass dies der Bundesgott der Bibel, der Gott und Vater Jesu Christi ist.

3

Susanne Bauermann

Christsein ist für mich durchaus alltagstauglich. Der Glaube gibt mir Kraft im täglichen Miteinander, ob es in Problemsituationen oder einem freudigen Ereignis ist. Der Glaube gibt mir das Vertrauen, unbeirrt weiterzugehen auf meinem Weg. In Diskussionen mit weniger gläubigen Mitmenschen oder mit denen, die nicht an einen Gott glauben, spüre ich die Kraft, meine Glaubensentscheidung unbeirrt zu vertreten und weiterzugeben.

4

Marc Bellion

Ech si Chrëscht — aus guddem Grond

Vu Gott ugeschwat
Et gi Sätz, déi eppes aussoen, z. B. »gëscht huet et vill gereent« a Sätz dei, vu sech aus eppes bewierken1, z. B. »ech erklären iech zu Mann a Fra« (duerch dës Wieder ginn zwee Leit matenee bestuet) oder awer »ech vertrauen dir« (dës Wieder kënne maachen datt ech mech freeën). Esou Sätz a Wieder déi eppes bewierke gi paroles performatives genannt. Als Chrëscht fillen ech mech och vun esou enger parole performative ugeschwat, an zwar der parole performative par excellence, näämlech dem gëttleche Logos. Dës parole performative huet alles erschaf2. Deeselwechte Logos, deen Himmel an Äerd erschaf huet, sprécht mech an all aner Mënschen u mat de Wieder »ech hunn dech gär an ech vertrauen dir«. Dës Wieder kënne mech net indifferent loossen a veruloosse mech derzou, dëser mir entgeintbruechter Leift, ze äntweren. Meng Äntwert ass de reflektéierte Glawen aus fräie Stecker3. Aus fräie Stécker, sécher, well et ka jo keen en aneren zwengen a sengem Häerz a Geescht eng Iwwerzeegung ze hunn, déi en net selwer akzeptéiert; reflektéiert well ech mech mat der Saach muss ausenanersetzen an net einfach alles schlécke wat esou erzielt gëtt4. Déi verdéift Reflexioun iwwer »Gott an d’Welt« (net déi um Comptoir), also d’Ausenanersetzung mat der natierlecher an der iwwernatierlecher Offenbarung (Natur a Kosmos engersäits an helleg Schrëft anersäits) weist mer datt et sënnvoll an hëllefräich ass ze gleewen, also op Gott ze vertrauen a léisst mech och zum Augustinus senger Konklusioun kommen: »Wäerf dech op Hien [Gott]! Fäert net! Hien zitt sech net zeréck esou datts du géifs falen.«5
 Ech gleewen dësweideren, datt dëse Gott alle Mënschen eppes versprécht: Hie wëll duerch säin universalen Heelswëllen, datt all Mënschen e Liewen an Erfëllung hunn
6 an zur vollstänneger Gottesschau kommen. Des ass awer op der Äerd nëmmen am Fragment méiglech. Vollstänneg Gottesschau kann et eréischt an der eschatologescher civitas Dei ginn. Do erwaart eis dann awer eppes dat kee quantitativen Zouwuess vun dem wat mer bis elo kenne ka bréngen, mä just e qualitative Sprong; dat wat do kënnt kann nimools mat techneschem, wëssenschaftlechem oder ëkonomeschem Fortschrëtt erreecht ginn.

Chrëschtsinn brauch Gemeinschaft
Vu datt awer net just ech eleng vun dem gëttleche Logos ugeschwat ginn, mä jiddereen, an nieft mir nach vill aner Mënschen drop äntweren, entsteet eng Gemeinschaft – d’Vollek Gottes, d’Chrëschtentum. Dës gemeinschaftlech Dimensioun ass ontrennbar vum Chrëschtsinn. Christus, den inkarnéierte Logos, huet e Wee virgezeechent7 an der Gemeinschaft en Optrag hannerlooss. Et ass dëst den Optrag sech, mat der Hëllef vum hellege Geescht, op de Wee vun der d’Christusnofolleg (Befreiung vun den Ënnerdréckten a Gefaangenen, Siicht fir déi Blann8) ze maachen. Et ass dëst de Versuch vun der Antizipatioun vun der civitas Dei op der Äerd, op mannst an den Häerzer vun de Mënschen, wann och nach net vollends an der externer Realitéit. Dëst mécht si am gemeinsame Feieren, am Bezeie vum Glawen an an de konkreten Aktioune vun der Nächsteléift.
 Solidarescht Handelen (ee vun de Piliere vun der chrëschtlecher Sozialléier) ass d’Ëmsetzung vun dëser Nächsteléift. Jidder Member vun der Gemeinschaft gëtt, no senge Méiglechkeeten
9, maximalt Engagement ofverlaangt; dofir kann en awer gläichzäiteg op d’Ennerstëtzung vun allen aneren zielen. Esou soll eng Zivilisatioun vun der Léift10 entstoen, an deeër d’Ongerechtegkeeten an Ongläichheete vis-à-vis vun de Matmënschen, matsamt hiren Ursaache verschwannen an d’Mëschen a Gerechtegkeet viru Gott11 kënne liewen.

Dat chrëschtlecht Mënschebild – e weidere Grond
D’Chreschtentum steet fir e Mënschebild, dat a mengen Aen, mat senger Opfaassung vu Personalitéit e gesonden Equiliber tëscht liberalem Individualismus a marxisteschem Kollektivismus duerstellt. Jidder Mensch gëtt als Persoun unerkannt a respektéiert, vum Ufank bis zum Enn vu sengem Liewen. Donieft ass jiddereen derzou opgeruff fräiwëlleg en Deel vun der initial absoluter Fräiheet (déi vu Gott geschenkt ass) zu Gonschte vun der Gemeinschaft ofzeginn12. En effet, ass d’Fräiheet vum Mënsch a priori absolut, mä duerch d’Unerkenne vun der Autoritéit vu Gott an dem Striewen no enger gerechter Gesellschaft, muss een op verschidde Saache verzichten déi an engem senge Méiglechkeete stinn (anerer dout- maachen, klauen ... ). Dëser Autoritéit hier Absiicht a Legitimitéit ass net Willkür, Muechtstriewen oder Autoritarismus, mä déi gréisst méiglech Fräiheet, esou wéi et am Aleedungssaatz vun den 10 Geboter duerchschengt13 an d’Garantie fir en optimalt Zesummeliewen. Och d’Menscherechter kënnen dank dëser Konzeptioun begrënnt a respektéiert ginn.

Iwwernetzleche Glawen zum Liewen
Chrëschtsinn erlaabt also engersäits e credo ut intelligam, mat der Hëllef vum gëttleche Logos kënnt een dem Verständnes vun der Welt, an existenzielle Froen, e gutt Stéck méi no. D’Konsistenz vun der chrëschtlecher Botschaft, um theoretschen ewéi um praktesche Plang, verschaaft engem doduerch méi Geloossen- an Zefriddenheet am Alldag. Dat ass awer net alles, soss kéint een dem Chrëschtentum eventuell virwäerfen et wier just e Fantasiemëttel zur Kontingenzbewältigung14. Mä doriwwereraus mécht d’Gemeinschaft duerch (hien ass den Ausgangspunkt), mat (hie gehéiert derzou) an an (si ass ganz vun him ëmschloss) Christus aus dem Glawen och e credo ut vivam. E schenkt mer Liewensfreed a rifft mech gläichzäiteg zu Schaffen un enger méi gerechter Welt op.

 Als solchen erweist sech de Glawen als iwwernetzlech, d. h. en huet eng aner Qualitéit ewéi just nëtzlech oder onnëtz: den Notzen ass net direkt zougänglech. Ass den Notze bis eng Kéier erkannt, gëtt de Glawen séier onermiesslech nëtzlech a wichteg, dofir iwwer-nëtzlech.

 Liewen an Handelen aus dem fondeierte Glawen eraus gëtt esou zur Substanz vum Chrëschtsinn.

1 cf. Sproochakttheorie vum John L. Austin: How to do things with words. (1962, 1975)
2 cf. Gen 1; Heb 1,2
3 Thomas vun Aquin, Summa theologiae, II-II, q. 2, a. 9, c: Gleewen ass en Akt vum Verstand, deen op de Wonsch vum fräien, duerch d’Gnod vu Gott beweegte Wëllen äntwert.
4 Thomas vun Aquin, Super De Trinitate, pars 1 q. 2 a. 1 s. c. 1: D’Erfuersche mat Argumenter vun dem wat mam Glawen ze dinn huet ass néideg.
5 Augustinus, Confessiones, 8, 11.
6 cf. Jn 10,10
7 cf. Jn 14,6
8 cf. Lk 4,18
9