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Michael A. Frank, Cornelia von Soisses

Nebel über Loch Kilburne





BookRix GmbH & Co. KG
80331 München

Kapitel 1

Nicolas A. Lincombe saß grübelnd im Zug nach Schottland. Er würde jetzt ein ganzes Jahr bei seinem Onkel, dem Bruder seiner Mutter, verbringen. Seine Eltern hatten ihm die Wahl gelassen, ob er zu seinem Onkel wollte oder zu den Eltern seines Vaters. Nicolas brauchte da gar nicht lange zu überlegen. Er mochte seine Großeltern zwar, aber am liebsten, wenn sie weit weg waren.

Wenn er mit seinen Eltern einmal über das Wochenende dort war, das reichte ihm schon.

Nicolas, tu dies nicht, Nicolas, tu das nicht, Nicolas, benimm dich. Das war alles, was er von seinen Großeltern zu hören bekam. Und das ein Jahr lang, darauf hatte er keine Lust. Sein Onkel lebte allerdings in einem kleinen Dorf in Schottland. So richtig gierig darauf, ein Jahr lang in einem kleinen Dorf zu versauern, war er auch nicht, aber wenigstens hatte sein Onkel einen Sohn im gleichen Alter.

Er hoffte, dass er wenigstens mit ihm etwas unternehmen konnte. An seinen Vetter konnte er sich aber kaum erinnern. Den hatte er zum letzten Mal gesehen, als beide gerade zwei Jahre alt waren. Seinen Onkel traf er vor ungefähr sechs Jahren das letzte Mal, als der zu einem kurzen Besuch in London war.

Er war neugierig auf das Dorf Kilburne, wo sein Onkel mit Familie lebte, am meisten auf seinen Vetter Dennis. Nicolas hatte ein wenig Angst vor dem ersten Treffen. Was wäre, wenn sie sich nicht vertragen und sich nur streiten würden? Dann hätte er ein schweres Jahr vor sich. Alles, was er über Dennis wusste, war, dass er so alt wie er selbst war, sonst nichts. Nicolas selbst war vierzehn Jahre alt, für sein Alter groß und hatte eine sportliche Figur. Seine rotbraunen Haare erbte er von seinem Vater, der irische Vorfahren hatte, und die fast grünen Augen von seiner Mutter. Nicolas war schlank und durchtrainiert, denn er war ein guter Schwimmer und trieb auch sonst etwas Sport. Außerdem spielte um seine Mundwinkel immer ein schelmisches Lächeln. In der Schule war er ganz gut.

Seine Eltern würden es gerne sehen, wenn er in ihre Fußstapfen treten und auch Archäologe werden würde. Das war auch der Grund, weshalb er nun auf dem Weg zu seinem Onkel war.

Seine Eltern würden eine Gastprofessur in Amerika übernehmen. Sie wollten erst absagen, aber das Angebot war zu verlockend gewesen. Sonst blieb immer ein Teil seiner Eltern zu Hause. Es war noch nie vorgekommen, dass er alleine geblieben war. Entweder war seine Mutter unterwegs oder sein Vater, aber nie beide gemeinsam. Nicolas selbst hatte sie dazu gedrängt, für ein Jahr in die USA zu gehen. Er war schließlich kein kleines Kind mehr. Es hatte tagelange Diskussionen darüber gegeben, wie das zu bewerkstelligen war. Schließlich hatte seine Mutter ein langes Telefongespräch mit ihrem Bruder geführt, und dann ging alles blitzschnell. Keine Woche später saß er im Zug. Man hatte viele von seinen Sachen vorgeschickt, sodass Nicolas jetzt nur eine Tasche mit Proviant und einen kleinen Koffer bei sich trug. Seine Mutter hatte darauf bestanden, dass er mit dem Flugzeug reisen sollte, aber Nicolas war Eisenbahnfan und wollte mit dem Zug fahren. Auch das hatte er durchgesetzt.

Jetzt sah er sich in dem Abteil um. Außer ihm saß nur noch eine alte Dame im Abteil, die ihn lächelnd ansah. Scheu lächelte er zurück. Er holte sich ein Butterbrot aus seiner Tasche, packte es aus und biss herzhaft hinein. Dabei fiel ihm die Landkarte in die Hand, die er sich noch in London gekauft hatte. Es war eine Wanderkarte. Kilburne war so klein, dass es auf einer normalen Karte gar nicht eingezeichnet war.

Einzig Loch Kilburne, der See, an dem das Dorf lag, war auf normalen Karten eingetragen.

Das Dorf und auch der See trugen den Namen von der alten Familie Kilburne, die dort immer noch lebte. Wie sollte es auch anders sein in Kilburne Castle. Warum der See und das Dorf so hießen, wusste er nicht, aber er würde es schon herausbekommen. Über die Hälfte der Reise lag schon hinter ihm, und er war fast an der Grenze zu Schottland angelangt, aber er hatte noch ein ganzes Stück Fahrt vor sich. Erst musste er nach Aberdeen und dort umsteigen. Dann musste er bis nach Huntly.

Dort würde man ihn hoffentlich abholen, denn Kilburne selbst hatte keinen Bahnhof. Wie das alles gehen sollte mit der Schule und so, das wusste er auch noch nicht. Etwas nervös machte ihn das doch.

Nicolas kamen doch einige Zweifel, ob das alles so richtig gewesen war. Am allerliebsten wäre er ja mit seinen Eltern in die USA gegangen, aber das ging leider nicht. Eigentlich hatte Nicolas ein schönes und angenehmes Leben. Er war auch soweit zufrieden, auch mit seinen Eltern hatte er nie Probleme. Sie waren, obwohl beide immer in ihre Berufe vertieft waren, aufgeschlossen und hatten immer ein Ohr für seine Sorgen und Anliegen. Das Einzige, was er ihnen übel nahm, war sein zweiter Vorname.

Nicolas fand er ja noch gut, aber das A störte ihn ganz gewaltig. Das A stand für Aurelius. Das war die Idee seines Vaters gewesen. Der Name kam von dem römischen Kaiser Marc Aurel. Sein Vater war auf die alten Römer spezialisiert. 

Dabei hatte er noch Glück gehabt, dass seine Mutter den Namen nicht ausgesucht hatte. Sie war auf das alte Ägypten fixiert. Ramses oder so wäre ja noch schlimmer gewesen. Trotzdem wurde er oft wegen des Namens gehänselt. Jetzt würde das wieder losgehen, wenn er in eine neue Schule kommen würde. Auch ein Jahr konnte lang sein. Das alles ging ihm so durch den Kopf, als er sein Butterbrot aß und aus dem Fenster sah. Die Landschaft war so ganz anders als in London. Hier lag sogar noch Schnee, was für Anfang Januar eigentlich normal war, aber in London hatte er kaum einmal Schnee gesehen. Langsam aber sicher näherte sich der Zug Aberdeen. Der Schaffner hatte ihm schon gesagt, dass er eine knappe Stunde Aufenthalt hatte, bevor er weiterfahren konnte. Von Aberdeen aus war es dann noch eine gute Stunde bis Huntly. Bis er dann in Kilburne war, war es bestimmt schon dunkel. Eine halbe Stunde später dann stand er auf dem Bahnsteig in Aberdeen. Etwas verloren sah er sich um. Er schnappte sich seinen kleinen Koffer und seine Tasche und ging in die große Halle.

Als Erstes fiel sein Blick auf die Reklame einer großen Burgerkette. Er merkte, dass er Hunger hatte.

Nicolas ging hin und genehmigte sich erst einmal zwei Burger. Danach fühlte er sich besser. Er schlenderte zurück in die Bahnhofshalle und sah auf die Anzeigetafel. Er musste zum Bahnsteig zwei.

Der Zug stand schon dort. Nicolas stieg ein und suchte sich weit vorne einen Platz. Er ging davon aus, dass der Zug eh nicht so voll werden würde. Es war mittlerweile sowieso schon dunkel. Pünktlich setzte sich der Zug in Bewegung. Nachdem er Aberdeen verlassen hatte, wurde die Landschaft immer einsamer.

Nicolas schwante Schlimmes. Er vermutete, dass es in Kilburne ähnlich aussehen würde. Er bezweifelte, dass es dort überhaupt ein Kino geben würde. So langsam wurde er doch ein wenig nervös. Nicolas war die ganze Fahrt über alleine im Abteil gewesen, als er dann endlich in Huntly angekommen war. Er nahm seine Sachen, schloss den Reißverschluss seiner Jacke, die er gleich angelassen hatte, und stieg aus. Wie es aussah, war er der Einzige, der hier ausstieg. Jedenfalls lag der Bahnsteig verlassen vor ihm. Nicolas wunderte sich. Er sollte doch abgeholt werden. Er hoffte, dass man ihn nicht vergessen hatte. Nicolas holte sein Handy hervor und bekam den nächsten Schock. Kein Empfang!

Das durfte doch nicht wahr sein, dachte er. Wo war er hier nur gelandet? Nachdem er fast eine halbe Stunde in der Kälte gewartet hatte, wollte er sich gerade auf die Suche nach einem Telefon machen, als ein Junge in seinem Alter um die Ecke geschossen kam und ihn bald umgerannt hätte, wenn er nicht schnell zur Seite gesprungen wäre.

"Hey", rief Nicolas. "Pass doch auf!" Der andere Junge hatte Schwierigkeiten anzuhalten, es war doch etwas glatt. "Sorry, entschuldige bitte, ich konnte nicht anhalten", sagte der Junge.

Als er vor Nicolas stand, reichte er ihm die Hand und sagte: "Da ich hier niemand anderen sehe, musst du Nicolas sein, oder täusche ich mich da?"

Nicolas nahm die dargebotene Hand, schüttelte sie und antwortete: "Stimmt, ich bin Nicolas. Dann musst du Dennis sein."

Dennis grinste breit und nickte. Naja, dachte Nicolas. Ganz nett sieht er ja aus. Dennis war minimal kleiner als Nicolas, aber etwas stabiler. Er hatte blonde Haare, soweit Nicolas das an den wenigen Locken erkennen konnte, die unter der Mütze hervorschauten. Insgesamt machte Dennis einen guten Eindruck auf Nicolas. Aber das konnte ja täuschen, er wollte erst einmal abwarten.

"Wo ist Onkel Patrick?", fragte Nicolas und schaute über Dennis' Schulter.

"Onkel wer? Ach so!" Dennis lachte. "Du meinst Dad. Der hat eine Panne mit dem Auto. Er hat mich vorgeschickt. Ich bin jetzt fast zwei Kilometer gerannt."

"Eine Panne mit dem Auto?", fragte Nicolas entsetzt. "Soll das heißen, dass wir hier nicht wegkommen?"

"Klar, sicher, das ist eine alte Karre, da ist immer mal eine Kleinigkeit. Das Letzte, was ich gehört habe, war, dass er vor sich hin murmelte: ‚Ich muss die blöden Kontakte sauber machen.‘"

"Na hoffentlich ist er bald da, mir ist saukalt. Ich wollte anrufen, aber ich habe keinen Handyempfang. Kommt das öfters vor?"

"Nö, hier eigentlich nicht, aber bei dem Wetter kann es schon einmal Störungen geben."

Nicolas hatte nur das Wörtchen "hier" gehört. "Was meintest du mit hier?", hakte er nach.

"In Kilburne kannst du das Teil ganz vergessen, da gibt's keinen oder sehr sehr schlechten Handyempfang", meinte Dennis trocken. Abrupt blieb Nicolas stehen. "Du machst Witze, oder?"

"Nö, gar nicht, und Internet gibt´s auch selten, weil es über Satellit läuft, und das klappt auch meistens nicht."

Nicolas setzte sich fassungslos auf seinen Koffer. Dennis sah sich nach ihm um. "Was ist?", fragte er.

"Kein Handy? Kein Internet? Wie habt ihr bis jetzt überlebt?" Nicolas war immer noch fassungslos.

"Na, so schlimm ist das auch nicht. Du wirst dich daran gewöhnen." Dennis sah ihn belustigt an.

"Niemals, niemals werde ich mich daran gewöhnen", meinte Nicolas im Brustton der Überzeugung.

"Wird dir wohl nichts anderes übrig bleiben, wenn du jetzt ein Jahr bei uns lebst. Sei mir nicht böse, aber du scheinst irgendwie andere Vorstellungen vom Landleben zu haben."

"Das glaube ich aber auch langsam." Nicolas ließ die Schultern hängen.

Dennis ging zurück und klopfte ihm auf die Schulter. "Na komm, so schlimm wird das schon nicht werden. Ich verspreche dir, das eine Jahr wirst du schon herumbekommen. So wie ich dich einschätze, werden wir uns bestimmt gut verstehen. Ich find dich in Ordnung!"

"Danke", sagte Nicolas. „Ich dich auch, und wenn ich ehrlich bin, hatte ich davor ein wenig Bammel, dich zu treffen, denn ich wusste ja nicht, wie du so bist", gestand Nicolas. Dennis grinste. "Ging mir genauso. Dad hat mir nicht viel über dich erzählt. Er hat nur gesagt, ich soll dich nicht auf deinen Namen ansprechen. Warum, weiß ich allerdings nicht. Nicolas ist doch okay."

Nicolas errötete etwas. "Ich denke, er meinte damit das A in meinem Namen."

"Was für ein A?" Dennis blickte ihn fragend an.

"Ich heiße richtig Nicolas A. Lincombe."

"Ja, und? Was heißt das A?"

"Aurelius", flüsterte Nicolas und wartete auf einen Lachanfall. Der kam aber nicht.

"Du lachst nicht?", fragte er.

"Warum sollte ich? Ich weiß zwar nicht, wer das war, aber schlimmer als mein zweiter Name ist der auch nicht. Ich heiße Dennis Egohan. Egohan nach meinem Ur-Urgroßvater. Kennt heute kein Mensch mehr. Aber du musst mir erklären, was Aurelius heißt." Erleichtert, dass Dennis nicht gelacht hatte, versprach Nicolas es ihm, aber jetzt war keine Zeit mehr, sein Onkel kam gerade um die Ecke.

Mit offenen Armen kam er auf Nicolas zu und umarmte ihn. Nicolas blieb fast die Luft weg.

"Hey, Nicolas! Schön, dass du da bist." Er klopfte ihm herzlich auf die Schultern.

"Mann, was bist du groß geworden. Ist aber auch lange her, dass ich dich das letzte Mal gesehen habe. Entschuldige die Verspätung, aber der Wagen wollte nicht so richtig. Hast du eine gute Fahrt gehabt?

Ist das alles, was du bei dir hast?"

Endlich konnte Nicolas auch etwas sagen. "Hallo, Onkel Patrick! Ich freu mich auch, hier zu sein, und ich soll noch einmal beste Grüße von Mum und Dad bestellen."

"Wann fliegen sie denn in die USA?", fragte sein Onkel.

"Morgen früh geht ihr Flieger", antwortete Nicolas.

Nicolas betrachtete seinen Onkel. Er war ein Jahr älter als seine Mutter. Er war groß, braun gebrannt, hatte wie Dennis blonde Haare, aber bei ihm standen sie wirr vom Kopf ab, was einen witzigen und sympathischen Eindruck hinterließ. Man sah ihm an, dass er ordentlich zupacken konnte. Das musste er auch als Verwalter bei Lord Kilburne. Was er da alles zu machen hatte, wusste Nicolas nicht genau, würde es aber sicher noch erfahren.

Am Auto angekommen, einem alten Landrover, verstaute sein Onkel den Koffer und die Tasche hinten und sagte: "Los, einsteigen, wir sind eh schon spät dran!"

Nicolas und Dennis setzten sich beide auf die Rückbank und unter Stottern sprang der Wagen an.

Vorne hörte man Patrick leise aufatmen. Hinten grinsten die beiden Jungen.

"Erzähl mal, wie war die Reise?", kam die Frage von vorne.

"Ach, die war schon okay, nur ein wenig lang, aber ich fahre gerne mit dem Zug. Das hat mir nicht viel ausgemacht." "Na, dann ist ja gut! Hat deine Mutter noch etwas gesagt, was du mir ausrichten sollst?"

"Nein, aber sie hat mir noch einen Brief mitgegeben. Von ihrem Anwalt oder so. Es geht da um irgendwelche Vollmachten und so, ich glaube, ihr habt das schon alles besprochen. Hat sie jedenfalls gesagt."

"Stimmt, haben wir, aber ich brauche etwas Schriftliches, um auf der sicheren Seite zu sein. Mach dir aber da keine Gedanken."

Während sich Dennis und Nicolas hinten leise unterhielten, waren sie in Kilburne angekommen.

Patrick lenkte den Wagen in eine Auffahrt. Sie fuhren an einem alten Haus vorbei, als Dennis plötzlich sagte: "Da haben wir früher gewohnt." Nicolas drehte den Kopf.

"Früher?", fragte er. "Und wo wohnt ihr jetzt?"

"Mit im Schloss, der Lord hat uns den ganzen Westflügel zur Verfügung gestellt", antwortete Dennis. Das war neu für Nicolas. Das hatte er nicht gewusst.

"Wow, das wusste ich nicht. Das hat mir Mum gar nicht erzählt."

"Konnte sie auch nicht, sie weiß es auch nicht, denn ich habe es ihr nicht erzählt", kam es von vorne.

"Warum nicht?", fragte Nicolas neugierig.

"Ja, meinst du, sie hätte dich kommen lassen, wenn ich erzählt hätte, dass wir nicht mehr in unserem Haus wohnen? Das wollte ich nicht riskieren. Wir haben uns alle darauf gefreut, dass du ein Jahr zu uns kommst."

"Und warum wohnt ihr jetzt im Schloss?", wollte Nicolas wissen.

"Das kann dir Dennis später erzählen, jetzt habe ich einen Bärenhunger!", entgegnete sein Onkel.

"Und der Besitzer ist damit einverstanden?"

"Oh, ja. Der Lord ist sehr nett, und außerdem  hat er auch einen Sohn in eurem Alter. Ich fürchte, wir werden viel Spaß mit euch bekommen." Patrick lachte.

Nicolas schaute an dem Schloss hoch, aber er konnte im Dunkeln nicht viel erkennen. Sein Onkel lenkte den Wagen um das Schloss herum und parkte vor einer hell erleuchteten Tür, die auch sogleich aufgerissen wurde. Eine Frau so um die Mitte bis Ende dreißig stand in der Tür.

Nicolas vermutete, dass es seine Tante Susan war. Sie hatte die gleiche Haarfarbe wie Dennis, nur trug sie es länger und hatte Locken. Ihre Augen waren hellbraun, und wenn sie lächelte, sah man ein leichtes Funkeln. Um den Mund in dem fein geschnittenen Gesicht spielte ein Lächeln, wobei sich Grübchen bildeten.

Und richtig. Freudig kam sie auf Nicolas zu. Herzlich nahm sie ihn in die Arme.

"Willkommen bei uns", sagte sie. „Ich denke, du wirst dich kaum an mich erinnern können, ich bin deine Tante Susan. Jetzt kommt aber herein, das Essen wartet." Nicolas bemerkte, dass der Hintereingang geradewegs in die Küche führte. Ein verführerischer Duft stieg ihm in die Nase. Er merkte jetzt erst, wie hungrig er war. Nach dem Essen sagte Susan zu Nicolas: "Ich habe dir ein Zimmer neben Dennis hergerichtet. Deine Sachen sind ja schon vor zwei Tagen angekommen. Ich habe sie in den Schrank in deinem Zimmer gepackt. Ich schlage vor, dass wir für heute Schluss machen und schlafen gehen, es ist spät, und für Nicolas war es ein langerTag."

Dennis sprang auch gleich auf. "Komm, ich zeig dir dein Zimmer!" Nicolas wünschte eine gute Nacht und rannte hinter Dennis her. Eine Etage höher ging Dennis zur letzten Tür auf dem Gang und hielt sie für Nicolas auf. Nicolas trat ein und sah sich um. Das Zimmer war größer als seins zu Hause in London. Er sah ein großes Bett, einen Schreibtisch, den Schrank mit seinen Sachen und ein Sessel und ein Tisch standen auch noch da. Das Überraschende war ein Kamin, in dem sogar ein echtes Feuer brannte.

"Wow, ein echter Kamin", freute sich Nicolas.

"Ja, klar. Den brauchen wir hier auch. Das ist eine Ölheizung hier. Die schafft es manchmal nicht, die hohen Zimmer zu heizen. Und außerdem ist Öl teuer."

Dann deutete er auf die Tür neben dem Schrank.

"Wohin führt die denn?"

Dennis öffnete sie und zeigte Nicolas das kleine, aber schön eingerichtete Bad.

"Das müssen wir uns teilen", sagte Dennis und zeigte auf eine weitere Tür. "Dahinter ist mein Zimmer", erklärte er.

"So, jetzt lass ich dich alleine. Morgen zeige ich dir das Schloss." Sie wünschten sich eine gute Nacht und dann war Nicolas alleine in seinem Zimmer, das vorläufig sein Zuhause war.

Er trat an das Fenster und schaute hinaus. Nicht weit vom Schloss konnte er den See sehen,

Loch Kilburne. Viel erkennen konnte er aber nicht. Nur am gegenüberliegenden Ufer konnte er ein paar Lichter entdecken. Das musste wohl das Dorf Kilburne sein. Was ihn wunderte, war, dass über dem See bei dem Wetter ein leichter Nebel lag. Aber er dachte nicht weiter darüber nach. Er zog den Vorhang zu, holte sich einen Schlafanzug aus dem Schrank, zog ihn an und legte sich in das große, bequeme Bett. Er dachte, er würde schlecht einschlafen können, aber er war doch sehr müde und schnell im Reich der Träume. Er bekam nicht mit, dass der Nebel, den er über dem See gesehen hatte, mit einem seltsamen Leuchten vor seinem Fenster schwebte.