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Rita Roth

Sommer im Glas

Komische Vögel und Meeresgeflüster


Dieses Buch widme ich allen Freunden der sommerlichen Leichtigkeit.


BookRix GmbH & Co. KG
80331 München

Vorwort

 

Einige dieser Geschichten sind in einem Strandkorb oder aber bei Strandspaziergängen entstanden. Das lilafarbene Herz findet man tatsächlich auf Norderney in der Nähe der "Weißen Düne" und freche Möwen, die einem das Brötchen klauen, kann man immer wieder beobachten.

 

Alles andere ist frei erfunden. Ähnlichkeiten sind rein zufällig und nicht beabsichtigt.

 

 

 

 

Komischer Vogel

 

Es war Liebe auf den ersten Blick. Wobei mein Blick als Erstes auf seine Füße fiel. Nackt, gebräunt und mit feinstem Inselsand gepudert ragte sein großer Zeh neugierig vor mir in die Höhe. Schön rund war er und der helle Zehennagel bildete einen wunderbaren Kontrast zu seiner gebräunten Haut.

»Hoppla! Entschuldigung! Ich wollte dich nicht zu Fall bringen«, klang es aus dem Strandkorb und eine hilfreiche Männerhand streckte sich mir entgegen.

Ich mochte meinen Blick kaum heben, denn dieser Fuß war einfach viel zu sexy für einen Mann. Eine geballte Ladung Erotik, schon allein im großen Zeh, schoss es mir durch den Kopf. Zögernd schaute ich auf, ich wollte wissen, zu wem dieser Körperteil gehörte. Für den Bruchteil einer Sekunde stockte mir der Atem, als ich in seine strahlend blauen Augen blickte, die von einem Faltenkranz umgeben waren und die mich mitten ins Herz trafen. Doch nicht nur dort, wie ich wenig später erkannte, auch eine Etage tiefer.

»Himmel, ist der schön!«, stammelte ich und merkte erst jetzt, dass ich die ganze Zeit vor dem Unbekannten im Sand kniete und seinen Zeh in meiner Hand hielt. Die Röte, die unter meinem Sonnenbrand hervorkroch, war mit Sicherheit nicht zu übersehen. In dem Moment war ich heilfroh, als eine Möwe herabschoss und sich mein Brötchen schnappte, das mir bei dem Sturz aus der Hand gefallen war.

»So eine Frechheit!« Laut schimpfend schaute ich dem Vogel hinterher, der mit meinem Frühstück im Schnabel davonflog und nun fröhlich über uns kreiste. Die Möwe hatte mich einigermaßen aus dieser verdammt peinlichen Situation gerettet.

 

»Hannes«, sagte der Fußmensch und lachte.

Seine Augen verschwanden unter den Fältchen ringsherum und waren jetzt kaum noch zu erkennen. Trotzdem brachten sie mich immer noch völlig durcheinander.

Ob der Typ sich über den unverschämten Vogel oder womöglich über mich lustig machte, kann ich bis heute nicht sagen. In dieser Situation kam ich mir selbst vor wie ein komischer Vogel.

»Wie, Hannes?«

Dass ich mich so dämlich anstellen konnte, erstaunte mich selbst wohl am allermeisten. So blöd durfte und konnte man in meinem Alter doch nicht mehr sein. Oder doch? Mir kamen Zweifel. Meine Geburtstage lagen jenseits der Vierzig und an magische Momente oder gar an Liebe auf den ersten Blick glaubte ich schon lange nicht mehr. Zu oft hatte ich mein Herz verschenkt, war auf die Nase gefallen und mit reichlich Lebenserfahrung daraus hervorgegangen.

»Ich heiße Hannes«, erklärte er betont langsam. »Und wer bist du?«

Ich kniete noch immer vor ihm im Sand, mit verstrubbelten Haaren und mit reichlich Sonnencreme auf meiner geröteten Haut. Zu allem Überfluss lief ich in meinem bequemen Urlaubsschlabberlook herum und hatte mir nicht einmal die Wimpern getuscht. Von Styling und Frisur ganz zu schweigen. Konnte ich denn ahnen, dass mir ausgerechnet heute der Mann meines Herzens über den Weg laufen würde?

»Ach so. Ja klar! Also, ich bin Emilia und heute ist irgendwie ein komischer Tag«, erwiderte ich, atmete tief durch und fand langsam meine Fassung wieder. »Heute scheint alles anders zu sein als sonst. Ich selbst nicht ausgenommen.«

»Ich liebe Chaostage«, grinste er, »und Frauen, die mir zu Füßen liegen. Auch wenn sie das normalerweise niemals tun würden.« Hannes zwinkerte mir vielsagend zu.

Ganz schön unverschämt der Kerl!

Er nahm meine Hand, zog mich zu sich in den Strandkorb und bot mir einen Apfel an. Herzhaft biss ich hinein, der Saft spritzte ihm dabei ins Gesicht. Lässig wischte er die Spritzer mit seinem weißen Shirt ab.

Nur meinen Blick, den konnte er nicht abwischen. Ich saß wie hypnotisiert neben ihm und konnte meine Augen nicht von ihm lassen. Vielleicht lag es daran, weil er so gar nicht dem Typ Mann entsprach, von dem ich mich normalerweise angezogen fühlte.

Hannes musste deutlich älter sein als ich. Zu seinen Lachfalten gesellten sich tiefe Furchen auf Stirn und Wangen. Mein Blick streifte seine Nase. Sie war klassisch, weder zu groß noch zu klein, genau passend und sie gefiel mir besonders gut. Danach wanderten meine Augen zu seinem Mund. Er hatte nicht die weichen Lippen eines Mannes in meinem Alter, aber es waren auch keine schmalen, zusammengekniffenen Lippen. Keinen harten Zug konnte ich um seine Mundwinkel erkennen und erfreulicherweise auch keine Bartstoppeln.

In seinem schulterlangen Haar, das er offen trug, schimmerte nur vereinzelt etwas Silbergrau hindurch. Verwegen und ungemein attraktiv sah er mit den vom Wind zerzausten Locken aus, die ihm ins Gesicht fielen. 

Und er roch so gut! Es war eine belebende Mischung, die nach Meer und Sonne duftete. In diesem Moment wusste ich, mit uns beiden würde es mehr werden.

»Und? Hast du jetzt alles gesehen?«, wollte Hannes wissen und fuhr mit dem Finger über meine Wange. Angeblich klebte dort ein Tupfer Sonnencreme.

»Hm«, nickte ich stumm. Wortlos strich ich ihm die Haare aus dem Gesicht und kam ihm dabei so nah, dass unsere Lippen sich berührten. Was dann geschah, ist schwer in Worte zu fassen. Sonnenflimmern und Herzflüstern breitete sich in mir aus, ich war fasziniert, regelrecht geflasht. Aber vielleicht hatte ich auch nur einen leichten Sonnenstich. Es war mir egal.

Dieser Mann hatte mich mitten ins Herz getroffen. Seine Art, wie er später meinen Körper berührte, selbst mit seinem großen Zeh, ließ mich taumeln und schaute ich in seine Augen, so war es, als schaute ich in den Himmel.

Hannes machte mich glauben, dass es sie gibt, die Liebe auf den ersten Blick.

Sommer im Glas

 

Die Zeit der duftenden Pfingstrosen neigte sich mit großen Schritten dem Ende entgegen. Ihre prall gefüllten Blütenköpfe welkten dahin und verloren ihren Duft.

Julie hatte sich in den Kopf gesetzt, den Sommer einzufangen, und zwar mit Fotos, mit Bildern und mit Marmelade und Gelee aus der eigenen Küche. Jedes Jahr probierte sie neue Rezepte aus. Mal fügte sie einen Schuss Likör oder einen Hauch Ingwer hinzu, etwas Anderes ließ sie dafür weg.

Liebe und Lebenslust spiegelten sich in den satten Farben und der fruchtigen Süße der Konfitüren wider. Nur beste und frische Zutaten kamen für ihre Marmeladen in Frage. Am liebsten pflückte sie die Beeren eigenhändig von den Sträuchern. Freunde belächelten zuweilen ihren Marmeladentick, freuten sich jedoch über die köstlichen Mitbringsel.

Die Geschichte, die sich hinter Julies Marmeladentick verbarg, verriet sie niemandem. Diese Geschichte blieb ihr süßes Geheimnis.

 

***

 

Angefangen hatte es mit ihrer Marmeladenliebe an einem sommerlichen Tag Ende Juni. Die Sommersonnenwende lag etwas zurück und mit fast dreißig Grad im Schatten, zeigte sich der erste wirklich heiße Tag des Jahres. Die Luft schwirrte. Genauso, wie ihr Innerstes. Sie stand unter Strom, denn gleich würde ER kommen. Endlich! Das letzte Treffen lag Monate zurück, damals war es noch Winter gewesen.

 

Der letzte Schluck Kaffee wurde kalt, als er anfing, die Marmelade von ihren Lippen zu lecken. Es waren nicht nur die Lippen ihres Mundes.

 

Als es dämmerte, kehrte Julie ins Haus zurück. Sie kochte Marmelade, angefüllt mit schönen Gedanken und Glückshormonen, und ohne Höschen unter dem Kleid, in dem ER sie geliebt hatte.