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Lilian Darcy, Marie Ferrarella, Nikki Benjamin

BIANCA EXKLUSIV BAND 270

IMPRESSUM

BIANCA EXKLUSIV erscheint in der HarperCollins Germany GmbH

Cora-Logo Redaktion und Verlag:
Postfach 301161, 20304 Hamburg
Telefon: +49(0) 40/6 36 64 20-0
Fax: +49(0) 711/72 52-399
E-Mail: kundenservice@cora.de

Erste Neuauflage by HarperCollins Germany GmbH, Hamburg,
in der Reihe: BIANCA EXKLUSIV, Band 270 – 2016

© 2008 by Lilian Darcy
Originaltitel: „A Mother in the Making“
erschienen bei: Silhouette Books, Toronto
Published by arrangement with HARLEQUIN ENTERPRISES II B.V./S.àr.l.
Übersetzung: Maria Poets
Deutsche Erstausgabe 2009 by CORA Verlag GmbH & Co. KG, Hamburg,
in der Reihe BIANCA, Band 1680

© 2006 by Marie Rydzynski-Ferrarella
Originaltitel: „Husbands and Other Strangers“
erschienen bei: Harlequin Enterprises Ltd,, Toronto
Published by arrangement with HARLEQUIN ENTERPRISES II B.V./S.àr.l.
Übersetzung: Ralf Kläsener
Deutsche Erstausgabe 2007 by CORA Verlag GmbH & Co. KG, Hamburg,
in der Reihe BIANCA, Band 1562

© 2003 by Barbara Wolff
Originaltitel: „Loving Leah“
erschienen bei: Silhouette Books, Toronto
Published by arrangement with HARLEQUIN ENTERPRISES II B.V./S.àr.l.
Übersetzung: Xinia Picado Maagh-Katzwinkel
Deutsche Erstausgabe 2003 by CORA Verlag GmbH & Co. KG, Hamburg,
in der Reihe BIANCA, Band 1383

Abbildungen: mauritius images / Westend61 / Gaby Dilli, alle Rechte vorbehalten

Veröffentlicht im ePub Format in 04/2016 – die elektronische Ausgabe stimmt mit der Printversion überein.

E-Book-Produktion: GGP Media GmbH, Pößneck

ISBN 9783733732714

Alle Rechte, einschließlich das des vollständigen oder auszugsweisen Nachdrucks in jeglicher Form, sind vorbehalten.
CORA-Romane dürfen nicht verliehen oder zum gewerbsmäßigen Umtausch verwendet werden. Sämtliche Personen dieser Ausgabe sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen sind rein zufällig.

Weitere Roman-Reihen im CORA Verlag:
BACCARA, JULIA, ROMANA, HISTORICAL, MYSTERY, TIFFANY

 

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Die Liebe wagt alles

1. KAPITEL

Unten auf dem Couchtisch klingelte Jacks Handy, als er sich gerade langsam und vorsichtig anzog. Barfuß und fluchend lief er mit dem T-Shirt in der Hand die Treppe hinunter. Zu schnell – er stieß mit der Schulter gegen die Wand. Die halb verheilte Wunde an seiner linken Seite schmerzte heftig, als er endlich das Telefon erreichte.

Mit zusammengebissenen Zähnen knüllte er das T-Shirt zusammen und erkannte Terris Stimme am Ende der Leitung.

„Oh, habe ich dich aus dem Bett geholt?“, gurrte sie unschuldig, doch der leicht verächtliche Unterton war nicht zu überhören.

Ja, Terri, ich weiß. Du hältst mich für faul, weil ich um halb acht noch nicht auf den Beinen bin. Terris neuer Ehemann Jay hingegen stand jeden Tag um sechs Uhr auf und ging eine Stunde ins Fitnessstudio. Und zwischen Powerfrühstück und Lunch verdiente er ein paar Millionen Dollar.

„Ich stand unter der Dusche“, erklärte Jack. Seine Verletzung brannte noch immer wie Feuer. Er sollte seine Zeit nicht damit verschwenden, die Meinung seiner Exfrau über ihn zu ändern. Was sie von ihm hielt, war seit der Scheidung ohnehin klar.

Das Einzige, was sie noch miteinander verband, war Ryan, und er war Jack wichtiger als alles andere. Ryan stand für ihn an erster Stelle.

Vorsichtig holte er Luft, ging langsam auf den alten Holzdielen auf und ab und hoffte, dass der Schmerz nachlassen würde. War die Wunde etwa wieder aufgerissen?

Terri wusste, dass er gerade aus dem Krankenhaus gekommen war, aber er hatte die ganze Sache heruntergespielt. Für seine Exfrau galten nicht mehr Polizisten als Helden, sondern Wall-Street-Piraten mit einem fetten Bankkonto.

Vor vierzehn Jahren war das noch anders gewesen. Sie waren zwanzig gewesen, als sie damals geheiratet hatten. Doch seit sie ihn nicht mehr liebte, bekämpfte sie ihn mit allen Mitteln, und das machte ihn nervös.

„Hattet du und Jay euer Meeting?“, fragte er.

„Familienrat“, korrigierte Terri, als sei diese Unterscheidung wichtig.

Typisch Jay Kruger! Jay behandelte seine neue Familie wie eines seiner Unternehmen – einschließlich Tagesordnung und Machtspielchen. Aber Terri wollte diese Dinge nicht sehen.

Schweigend wartete er. Er wollte sie nicht wissen lassen, wie ungeduldig er dem Ergebnis entgegensah.

„Ja …“, sagte sie und zog das Wort in die Länge.

Jack biss die Zähne zusammen. Nur zu gut kannte er dieses Spiel. Mit diesen künstlichen Pausen wollte sie ihn auf die Knie zwingen.

„Komm auf den Punkt, Terri“, entgegnete er grimmig. „Sag mir, wie ihr euch entschieden habt.“

„Ich hasse es, wenn du so aggressiv bist. Ich frage mich, ob ich wirklich die richtige Entscheidung getroffen habe …“

Die richtige Entscheidung? Sein Herz tat einen Sprung. Meinte sie etwa …? „Spann mich bitte nicht länger auf die Folter.“ Mist, jetzt hatte er sie doch angebettelt! „Wie habt ihr euch entschieden?“

„Wir haben es uns wirklich nicht leicht gemacht.“ Mehrere Minuten lang beschrieb sie alle erdenklichen Argumente, die sie erwogen hatten, ihre Gefühle und Gedanken, bis sie endlich fortfuhr: „Wir sind der Meinung, dass das Wichtigste in dieser Angelegenheit, das Allerwichtigste“, wiederholte sie, anscheinend für den Fall, dass er nicht ganz begriffen hatte, „Ryans Wohlergehen ist.“

Beinahe hörte sie sich an, als verkündete sie eine vollkommen neue Erkenntnis. Dabei hatte Jack in den vergangenen drei Jahren nichts anderes gesagt, während sie versucht hatte, ihn hinzuhalten, zu manipulieren und zu belügen. Erst vor drei Monaten hatte er damit gedroht, sie zu verklagen. „Wir glauben, dass es nicht in seinem Interesse ist, wenn wir ihm einen erneuten Prozess zumuten“, setzte sie hinzu.

Ach wirklich, dachte er säuerlich. Es ist nicht in Ryans Interesse? Wie scharfsinnig!

In der Nähe wurde eine Autotür zugeschlagen. Ein metallisches Scheppern folgte, und Jack hatte Mühe, seine Exfrau zu verstehen. „… Jay will darauf Rücksicht nehmen, dass du an Ryans Leben teilhaben möchtest.“

„Okay …“, erwiderte Jack behutsam. Seine linke Seite tat immer noch weh, obwohl der Schmerz etwas nachgelassen hatte. Er wartete darauf, dass sie endlich zum Ende kam.

„Also haben wir beschlossen, dir zu geben, was du willst“, sagte Terri.

Jack konnte es kaum fassen.

„Ryan darf jedes zweite Wochenende zu dir kommen“, verkündete sie. „Von Freitagnachmittag bis Sonntagabend, und alle vierzehn Tage kann er von Montag bis Mittwoch bei dir schlafen.“

Jack hatte ihn eigentlich jede zweite Woche ganz bei sich haben wollen. Nach dem neuen Plan müsste Ryan nun andauernd zwischen ihnen hin und her pendeln. Trotzdem war es immer noch besser als erwartet, sodass er nicht weiter auf seinem Vorschlag beharren wollte.

Schließlich könnte er ab sofort einen richtigen Alltag mit seinem neunjährigen Sohn aufbauen. Die ständigen Kämpfe darum wären endlich vorbei.

In Verbindung mit den Schmerzen in seiner linken Seite war diese gute Nachricht beinahe zu viel für ihn, zumal er in der Nacht kaum geschlafen hatte. Ein Gefühl der Erleichterung durchströmte ihn, und er spürte einen dicken Kloß in seinem Hals. Er war so überwältigt, dass seine Beine unter ihm nachzugeben drohten. Seine Augen brannten.

Nein, nur nicht nachgeben! Auch wenn die Polizeipsychologin ihm geraten hatte, nicht immer alle Empfindungen abzublocken. Doch in Gegenwart seiner Exfrau würde er sich hüten, Schwäche zu zeigen.

Als Gegengewicht zu seinem aufgewühlten Innern spannte er die Bauchmuskeln an, wodurch sich der Schmerz erneut verstärkte.

„Das ist gut, Terri, das ist großartig“, brachte er heraus, während er sich auf den Weg in die Küche begab.

Wasser. Er brauchte einfach nur ein Glas Wasser, um den Kloß in seinem Hals loszuwerden.

Aus Richtung der Küche vernahm er Geräusche: Eine Tür wurde geöffnet, dann hörte er etwas klappern.

„Wir müssen aber noch über die Einzelheiten reden“, erklärte seine Exfrau in mahnendem Ton.

„Natürlich.“ Der Schmerz wurde stärker, und er begann sich langsam Sorgen zu machen. „Lass uns später darüber reden, okay?“, stieß er zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor.

„Bist du etwa noch nicht angezogen?“

„So ähnlich“, erwiderte er knapp und beendete damit das Gespräch. Er wollte sich über die Küchenspüle beugen und einfach nur eine Weile seinen Gefühlen freien Lauf lassen. Er bog um die Ecke.

Doch in der Küche stand eine fremde Frau mit einem abgenutzten Werkzeugkasten an seinem ähnlich abgenutzten Tisch. Erstaunt sahen sie sich an.

Sie ließ etwas in den Werkzeugkasten fallen, schrie auf und presste eine Hand an die Brust. „Ich habe Sie gar nicht gehört!“

Jack schluckte, warf das Handy auf die Küchenbank und sagte: „Äh … Hallo.“

Was hatte diese Frau in seiner Küche zu suchen? Eine Gänsehaut überlief ihre nackten Arme, doch sie strahlte eine Energie aus, die ihn völlig verwirrte.

Eigentlich sollte Cormack O’Brien hier sein, um die Küche und das Badezimmer zu renovieren. Stattdessen übernahm diesen Job offenbar diese kurvenreiche, zierliche Frau, die für April viel zu dünn angezogen war: Zu blauen Arbeitshosen trug sie ein rotes T-Shirt. Rote Ohrringe klimperten an ihren Ohren, sobald sie den Kopf bewegte. Sie hatte dunkles, lockiges Haar, braune Augen und eine gebräunte Haut. Wachsam musterte sie ihn, und er wollte nicht, dass sie Zeuge wurde, wie er … wie er …

Mit allerletzter Kraft spannte er jeden Muskel seines Körpers an und schüttelte sein T-Shirt aus, um es anzuziehen. Er schaffte es, auszusehen, als ginge es ihm gut.

„Sie müssen Jack sein“, sagte Carmen und trat sicherheitshalber einen Schritt zurück. Beim Anblick dieses Mannes klopfte ihr Herz ein bisschen zu schnell.

Insgeheim hoffte sie, dass wirklich Jack Davey, der Besitzer dieses Hauses, vor ihr stand. Denn sie bezweifelte, dass sie ihn überwältigen könnte, falls er ein unerwünschter Eindringling war. Er war groß und kräftig, sein nackter Oberkörper muskulös, und in der Faust hielt er irgendein zerknülltes Stück Stoff. Anscheinend war er verwundet, und er wirkte auf sie, als könnte er jeden Moment zusammenbrechen.

„Ich bin Carmen O’Brien, Cormacks Schwester“, fuhr sie eilig fort. „Das andere C in C & C Renovations. Cormack ist krank und kann heute nicht arbeiten.“

„Ach so“, sagte er.

„Und Sie sind Jack.“

„Ja, das ist richtig.“ Er ließ die Hand mit dem T-Shirt oder Lumpen oder was auch immer sinken.

Eindringlich betrachtete sie ihn. Er war nur halb angezogen und barfuß, und der Reißverschluss seiner zerschlissenen Jeans stand offen. Das dunkle Haar war zerzaust, und seit mehreren Tagen hatte er sich nicht mehr rasiert. Die Augen waren von einem kalten Grau. Die winzigen Fältchen in seinen Augenwinkeln erweckten Carmens Vertrauen: Sie verrieten, dass er gerne lächelte. Doch im Moment schien er so weit von einem Lächeln entfernt zu sein, dass er ihr fast Furcht einflößte.

Auf seiner linken Seite unterhalb des gebräunten Brustkorbs verlief eine rote, kaum verheilte Narbe. Vielleicht erklärte das ihre merkwürdige Unsicherheit. Was hat das zu bedeuten? Macht er deswegen so ein ernstes, gequältes Gesicht?

„Es tut mir leid“, erklärte er. Sie sah, wie er die Zähne zusammenbiss und am ganzen Körper zitterte. „Meine Verletzung tut etwas weh.“

„Sieht schlimm aus.“

„Es tut mir leid“, wiederholte er.

„Schon in Ordnung. Sie haben schließlich nicht mit mir gerechnet. Ich denke, wir sind beide etwas verwirrt.“ Vor allem hatte sie keinen halb nackten, gut gebauten Mann um die dreißig mit einer frischen Narbe erwartet, der so scharf aussah.

„Sicher wollen Sie sich gleich an die Arbeit machen. Ich werde … äh …“

„Keine Hektik. Obwohl mir dann wahrscheinlich schneller warm würde.“ Sie versuchte ein Lächeln, während sie sich die Arme rieb, um die Gänsehaut zu vertreiben. „Ich bin dafür angezogen, mitten am Tag hart zu arbeiten, und nicht, um am frühen Morgen herumzustehen.“

Er nickte zerstreut und schaute an ihr vorbei zum Abfluss. Irgendetwas stimmte mit ihm nicht.

„Geht’s Ihnen gut?“

„Ja, ja, alles in Ordnung.“ Das war eine Lüge. Er brachte kaum ein Wort heraus, der arme Kerl. Sein Gesicht war angespannt, die grauen Augen zusammengekniffen.

Freundlich, aber bestimmt entgegnete sie: „Nein, das ist es nicht.“

Und da geschah es. Sein Bauch hob und senkte sich, und er presste sich das T-Shirt vors Gesicht. Seine Schultern bebten, als ein ersticktes Schluchzen erklang.

Er machte einem tiefen, herzzerreißenden Schmerz Luft. Automatisch und ohne darüber nachzudenken, reagierte sie. Sie trat auf ihn zu, legte die Arme um seinen großen, warmen Körper und ließ zu, dass er sich an ihrer Schulter ausweinte.

2. KAPITEL

Carmen wusste nicht, wie lange sie so dastanden.

Sie musste sich auf die Zehenspitzen stellen, obwohl er sich bereits zusammenkrümmte. Mit dieser unbequemen Haltung versuchte er vermutlich, seine Wunde zu entlasten. Sie achtete darauf, ihn nicht zu fest zu umarmen, denn sie merkte, dass er Schmerzen hatte. Seine Stirn lag an ihrer Schulter. Besänftigend wiegte sie ihn, wie sie es bei ihrem Vater, ihrer Mutter, ihrer Schwester Melanie und ihrem Bruder Joe gemacht hatte.

Erst gestern Abend hatte sie ihre andere Schwester ebenso gehalten. Nachdem die siebzehnjährige Kate nach Mitternacht betrunken nach Hause gekommen war, hatte Carmen sie angeschrien. Kate hatte zurückgefaucht und war dann in Tränen ausgebrochen. Als sie Kate tröstend übers Haar gestrichen hatte, hatte Carmen schließlich gefragt: „Warum lässt du dich so gehen? Was ist los mit dir?“

Zunächst hatte Kate nicht darauf geantwortet. Doch allmählich waren ihre Tränen versiegt, und der bockige Teenager war wieder zum Vorschein gekommen. „Du hast überhaupt keine Ahnung! Du behandelst mich wie ein kleines Kind! Warum kannst du mich nicht einfach in Ruhe lassen?“ Anschließend war sie taumelnd ins Badezimmer gestürzt und hatte von sich gegeben, was auch immer sie an Cocktails und Fast Food am Abend zu sich genommen hatte.

Oder war da vielleicht neben den Cocktails noch etwas anderes gewesen?

Etwas Stärkeres?

Carmen machte sich unglaubliche Sorgen um ihre kleine Schwester und hatte keine Ahnung, was sie tun sollte.

Und jetzt weinte sich ein vollkommen Fremder an ihrer Schulter aus, und schon wieder wusste sie nicht, wie sie sich verhalten sollte. Sie strich Jack Davey auf die gleiche Weise übers Haar wie Kate, tröstend und hilflos zugleich, während sie flüsterte: „Wein ruhig, lass alles raus, das ist gut!“

Oh Gott, merkte er, was sie da tat?

Vorsichtig hielt sie in der Bewegung inne, um ihre Hand nicht einfach wegzureißen. Sein Haar war noch feucht, und sie nahm den frischen Duft seines Shampoos wahr. Inzwischen hatte er sich ein wenig beruhigt. Sie tätschelte seinen muskulösen Rücken. Er hatte den kräftigsten Körper, den sie je gespürt hatte, und trotzdem war er in diesem Augenblick so verletzlich. Was war geschehen?

„Es tut mir leid.“ Seine Stimme klang kratzig. „Es tut mir …“, er holte zitternd Luft, „… schrecklich leid.“

„Es ist schon in Ordnung.“ Sie entzog sich ihm. „Ich … ich wusste nicht, ob …“

„Schon gut.“ Als wollte er sich schützen, hielt er das T-Shirt zusammengeknüllt vor seine Brust.

Einen Moment lang war Carmen leicht schwindelig. Nachdem sie die Hitze seines Körpers nicht mehr spürte, schien die Luft wieder kälter geworden zu sein. Sehr merkwürdig. Mit jeder Faser ihres Körpers fühlte sie seine Kraft, und doch war sie diejenige gewesen, die ihn getröstet hatte. Allerdings wusste sie schon seit Langem, dass es nicht nur eine Form von menschlicher Stärke gab.

Während sie ihn beobachtete, immer noch unsicher, was sie als Nächstes sagen oder tun sollte, wischte er sich mit dem T-Shirt das Gesicht ab. Dann zog er es an, betrachtete den nassen Stoff und zog es sofort wieder aus. „Ich muss mich umziehen“, murmelte er.

„Möchten Sie vielleicht … reden oder so?“, bot sie an. „Sie müssen nicht …“

„Es geht mir gut.“

„Das stimmt nicht.“

„Na gut, es ist mir unangenehm.“

„Das braucht Ihnen nicht peinlich zu sein. Vielleicht sollten Sie mir erzählen, was los ist.“

Er setzte eine säuerliche Miene auf. „Sie haben recht. Eigentlich ist überhaupt nichts dabei, wenn ich mich an der Schulter einer wildfremden Frau ausheule.“

„Na ja … aber Sie sind auch nur ein Mensch. Wir sind alle …“

„Schon gut. Die Psychologin hat gesagt, dass so etwas früher oder später passieren würde. Tut mir leid, dass gerade Sie es abbekommen haben.“ Er rieb sich neben der frischen Narbe über den Brustkorb. „Ich bin vor ein paar Wochen angeschossen worden.“

„Angeschossen? Sie keuchte auf. Nicht allein die Tatsache schockierte sie, sondern vor allem der beinahe entschuldigende Tonfall, mit dem er es gesagt hatte.

„Ich war im Dienst.“ Er hatte ihre Reaktion gesehen. „Ich bin Polizist.“

„Heißt das, Sie sind so etwas gewohnt?“, fragte sie, noch immer entsetzt.

„Nein. Es ist auch kein Bandenkrieg oder so etwas gewesen, falls Sie das glauben. Das ist einfach nur … Berufsrisiko. Ich habe Glück gehabt. Aber es tut weh. Im Moment bin ich beurlaubt, und anschließend werde ich Überstunden abbummeln und Urlaub nehmen.“

„Das ist ja wohl das Mindeste!“

„Ich fürchte, ich habe mich gerade überanstrengt. Ich bin zu schnell die Treppe runtergerannt … Das Telefon hat geklingelt. Aber jetzt fühlt es sich besser an.“ Erneut rieb er sich die Seite.

„Sieht aus, als hätten Sie noch ziemliche Schmerzen“, sagte Carmen. „Brauchen Sie vielleicht einen Arzt? Sie können ja gar nicht gerade stehen.“ Gekrümmt und mit hochgezogenen Schultern stand er vor ihr.

„Es geht mir gut. Es sieht schlimmer aus, als es ist. Zumindest sagen die Ärzte das.“ Ein Lächeln huschte über sein Gesicht, doch es verschwand so rasch, wie es gekommen war. Noch einmal wischte er sich mit dem T-Shirt übers Gesicht.

„Wirklich?“, wollte sie sich versichern. „Kann ich Ihnen irgendetwas bringen?“

„Ein Glas Wasser wäre nicht schlecht.“ Er nickte in Richtung Spüle, die heute herausgerissen werden sollte. Dann warf er einen Blick auf sein T-Shirt. „Ich sollte mich wohl besser … äh …“

Ohne den Satz zu beenden, verschwand er aus der Küche. Carmen füllte ein Glas mit Wasser für ihn, um ihm wenigstens mit dieser kleinen Geste etwas Trost zu spenden.

Puh!

Jack ließ sich auf sein Bett sinken und fuhr sich mit den Händen übers Gesicht. Etwas Wasser und eine Minute für sich allein – dann würde es ihm sofort besser gehen. Unwillkürlich dachte er allerdings an die besorgten braunen Augen vor sich. An die Hände, die nur darauf zu warten schienen, ihn zu trösten und zu liebkosen, und an die weiche Frauenstimme, die die klassische Frage gestellt hatte: Geht’s Ihnen gut?

Diese kleine Frage hatte ihn geradezu umgehauen. Und die Tatsache, dass sie keine Ruhe gegeben hatte. Nein, das war es nicht allein. Ihre Stimme hatte so süß und klar und geradeheraus geklungen.

Noch nie in seinem Leben hatte er sich so jämmerlich und verlegen gefühlt. Wie ein Kind hatte er an ihrer Schulter geweint. Er meinte immer noch zu spüren, wie sie ihren Körper an seinen gepresst hatte. Wegen der Wunde war sie sehr vorsichtig gewesen. Und wie weich sie gewesen war! Er dachte an ihre vollen Brüste und den leicht vorgewölbten Bauch. Es war so unglaublich großzügig von ihr gewesen, ihn zu trösten. Schließlich kannte sie ihn gar nicht und hatte keine Ahnung, was überhaupt los war.

Wenn diese Tränenflut nicht gewesen wäre, hätte die Situation ihn sicherlich erregt. An seiner Haut haftete immer noch ein Hauch ihres Dufts. Er roch an seinem Unterarm. Ja. Ein ganz anderer Geruch als sein eigener – nach frischem Holz und Pfirsich.

Er stand auf, atmete tief ein und ging im Zimmer umher. Dann fiel ihm ein, dass sie ihn vielleicht hören konnte, wenn er wie ein gefangenes Tier hin und her lief. Wegen der frischen Narbe und seinem heftigen Gefühlsausbruch fürchtete sie sich wahrscheinlich bereits vor ihm. Außerdem konnte er nicht ewig hierbleiben, denn er hatte ihr gesagt, er wolle sich nur kurz umziehen. Er schuldete ihr eine Erklärung, warum er so durcheinander war, auch wenn ihm gar nicht danach war, ihr sein Herz auszuschütten.

Seine verdammten Augen brannten noch immer. Ungeduldig zerrte er ein altes T-Shirt aus der Kommode und stieß ein paar Flüche aus. Doch seinem Ärger Luft zu machen half nicht, wie er es erwartet hatte. Er zog sich an und ging wieder nach unten.

Carmen hörte Jacks Schritte auf den knarrenden Dielen über ihrem Kopf. Wenige Minuten später kam er zurück. Er trug ein altes, aber frisches T-Shirt, das noch nach Waschmittel roch.

Unter dem Baumwollstoff konnte sie seine Muskeln deutlich erkennen. Die Ärmel um seinen Bizeps waren ausgefranst. Trotz seiner Wunde sah er aus, als wollte er mit anpacken. Instinktiv wusste sie, dass er diese Beschäftigung brauchte. Er gehörte zu den Männern, die ihren Schmerz eher durch körperliche Aktivität linderten als durch Tränen.

Als sie ihm das Glas mit dem Wasser reichte, bemerkte sie, dass er noch immer versuchte, sich zu beherrschen. Sie platzte heraus: „Wenn Sie eine schlechte Nachricht bekommen haben oder noch mehr Zeit für sich brauchen, können wir auch mit der Arbeit warten.“

„Es war dieser Telefonanruf. Ohne ihn wäre das alles nicht passiert.“

Schweigend blickte sie ihn an. Zwar wollte sie ihn zu nichts drängen. Doch sie wollte ihm die Gelegenheit geben, von selbst zu erklären, was eigentlich los war. Sie hasste die Vorstellung, dass irgendwas unausgesprochen in der Luft hing, während sie stundenlang zu zweit im Haus arbeiteten.

„Es war keine schlechte Nachricht, im Gegenteil. Meine Exfrau hat mich angerufen.“ Er ließ sich auf einen Küchenstuhl sinken und rieb sich wieder die verwundete Seite. „Ich habe das gleichberechtigte Sorgerecht für meinen Sohn Ryan bekommen, ohne dass ich deswegen vor Gericht ziehen musste. Und das nach sechs Monaten Kampf. Das hatte ich nicht erwartet, und ich bin einfach nur glücklich.“

„Ach so. Sie sind einfach nur glücklich, und deshalb fangen Sie an zu weinen“, erwiderte Carmen gedehnt, ehe sie wusste, was sie sagte. Manche Leute hielten sie für zu offen, aber sie wollte ihre Zeit nicht darauf verschwenden, irgendwelche Spielchen zu spielen.

„Man kann sehr wohl vor Glück weinen“, gab er kampfeslustig zurück, „selbst als Mann.“ Er machte eine Pause und nahm einen großen Schluck Wasser. „Wissen Sie, diese Sache mit der Schießerei … Es war eine Frau, Mitte zwanzig. Als sie auf mich geschossen hat, stand sie unter Drogen. Sie war vollkommen durchgeknallt.“

Carmen dachte an ihre Schwester. Kate wäre doch sicher nicht so dumm, damit anzufangen. Oder? Wie immer kam sie sich eher wie eine Mutter als wie die ältere Schwester vor, wenn es um Kate ging – besorgt und hilflos angesichts eines rebellischen Teenagers.

„Dann hat mein Partner auf sie geschossen und sie getötet“, sagte Jack Davey.

„Oh nein …“

„Er hatte keine Wahl. Die Frau schoss wild um sich und ließ sich durch nichts abbringen. Mein Partner wollte sie nicht töten, aber das Licht war schlecht, und sie rannte wie eine Verrückte über den ganzen Platz. Die Leute denken immer, zu schießen und zu töten gehöre zum Polizeialltag, aber das stimmt nicht. Und leicht ist es schon gar nicht. Egal, ob man eine Wahl hatte oder nicht – so etwas begleitet einen sein Leben lang.“

„Wann ist es passiert?“

„Vor zehn Tagen.“

Kein Wunder, dass er noch so aufgewühlt und empfindlich ist!

„Was gerade passiert ist, tut mir leid“, fuhr er fort. „Sie sollen hier meine Küche renovieren, nicht meine Therapeutin spielen.“

„Das ist schon in Ordnung.“

„Die Psychologin hat mich davor gewarnt, alles runterzuschlucken und meine Gefühle nicht rauszulassen. Sie hat gesagt, dass wir beide mit merkwürdigen Reaktionen rechnen müssten, mein Partner und ich.“ Für einen Moment hielt er inne und holte tief Luft. „Zum Beispiel, dass wir Fremden etwas vorjammern.“ Er verzog den Mund.

Carmen nickte. „Es hört sich an …“

Wie ein Albtraum.

Mit schroffer Stimme unterbrach er sie: „Ja, das war es.“

Sie verstand seine Botschaft klar und deutlich: Ich will nicht mehr darüber reden!

„Ich kann auch morgen mit der Arbeit anfangen, wenn Ihnen das lieber ist.“

Kurz dachte er darüber nach, bevor er erwiderte: „Nein, bitte bleiben Sie und lassen Sie uns anfangen. Ehrlich gesagt freue ich mich über ein bisschen Gesellschaft“, sagte er freiheraus. „Vorher habe ich nie Angst gehabt, aber seit der Schießerei habe ich das Gefühl …“ Er brach ab und stieß einen leisen Fluch aus. „Ich weiß nicht, warum ich immer wieder davon anfange.“

„Dann lassen wir es einfach bleiben. Es ist ein schönes Haus“, wechselte sie schnell das Thema.

„Das war es einmal, vor achtzig Jahren.“

„Mit etwas Arbeit wird es sicher wieder hübsch. Sie wollen noch mehr renovieren, außer der Küche und dem Badezimmer, oder?“ Sie wollte ihn auf andere Gedanken bringen.

„Den größten Teil davon will ich selbst erledigen: Fußböden abschleifen, streichen.“ Während er über die Renovierung sprach, wirkte er immer sicherer. Er sah nicht mehr ganz so verschlossen und angespannt aus. „Das Haus hat meinem Onkel gehört. Als er letztes Jahr gestorben ist, hat er es mir hinterlassen. Möchten Sie vielleicht einen Kaffee? Ich kann Ihnen auch gerne das ganze Haus zeigen, wenn Sie mögen.“

Carmen erkannte, dass er nach Ablenkung suchte, und stimmte zu: „Ja und noch mal ja. Kaffee und eine Besichtigungstour klingen gut. Aber das mit Ihrem Onkel tut mir leid.“

„Er war schon achtzig und krank.“ Erneut schien er sich unwohl zu fühlen, einer Fremden davon zu erzählen. Sie hatte ihn wirklich an einem schlechten Tag erwischt.

Zudem verwirrte es sie, dass sie noch immer das Bedürfnis verspürte, ihn tröstend in die Arme zu schließen. Aber einmal am Tag war genug. Die Verlegenheit darüber stand selbst jetzt noch zwischen ihnen im Raum.

War sie nicht ohnehin schon zu oft in ihrem Leben für andere da gewesen? Für ihren Vater, für Melanie, Joe und Kate? Und selbst für Cormack, wenn es ihm mal nicht gut ging? Die ganze Familie brauchte sie und ihre Umarmungen. Warum sollte sie sich erneut jemanden suchen, für den sie stark sein musste? Schließlich könnte sie jetzt endlich frei sein – wenn Kate nur zur Vernunft käme.

Nein, sie würde nicht noch einmal zulassen, dass Jack Davey sich an ihrer Schulter ausweinte. Heute nicht und hoffentlich auch nicht in Zukunft.

„Soll ich den Kaffee kochen?“, bot sie an.

„Nein, ich weiß wenigstens, wo in dem Chaos hier alles ist“, antwortete er und erhob sich.

Ein Teil der Kücheneinrichtung befand sich im angrenzenden Sonnenzimmer und war in Kartons an den Wänden aufgestapelt. Der Raum schien früher eine offene Terrasse gewesen zu sein, die in eine Art Wintergarten verwandelt worden war. Im Moment herrschte dort ein ziemliches Durcheinander, aber mit ein bisschen Arbeit würde eines Tages ein wunderschönes Zimmer daraus werden.

Ob sich unter dem hässlichen Bodenbelag wohl ebenfalls Holzdielen versteckten?

Verstohlen hob sie mit der Fußspitze den orangefarbenen Teppich hoch. Sie liebte es, alte Häuser von oben bis unten zu renovieren, obwohl Cormack und sie meistens nur die Küchen und Badezimmer instand setzten. Sie sah diesen Raum schon fast vor sich: mit aufpoliertem Holzfußboden, bequemen Möbel, honiggelber Farbe an den Wänden …

„Die Dielen scheinen in bestem Zustand zu sein“, sagte Jack und folgte ihrem Blick.

Offensichtlich war sie nicht unauffällig genug gewesen. Leicht beschämt gab sie zu: „Ich male mir gerne aus, was alles möglich wäre. Cormack sagt, ich gehe an jedes Haus, in dem wir arbeiten, so heran, als würde ich eines Tages meine Kinder darin großziehen.“

„Wie viele Kinder haben Sie denn?“ Er fand die Kaffeedose und ging zurück in die Küche, um die Glaskanne zu füllen.

„Keine. Er meint die Kinder, die ich vielleicht einmal haben werde.“ Sie wusste nicht, ob sie überhaupt selbst Kinder haben wollte. In den letzten zehn Jahren hatten sie und Cormack ihre drei jüngeren Geschwister aufgezogen. Aber das ging ihren Kunden nichts an.

Als der Kaffee fertig war, besichtigten sie mit den Bechern und einem Keks in der Hand das Haus. Es gab noch einiges zu tun. Der Keller war voller Müll, und alles war mit einer dicken Staubschicht bedeckt. An der Nordseite entdeckten sie Feuchtigkeitsschäden.

„Ich werde die Wände trockenlegen müssen.“ Jack beugte sich vor und strich mit dem Finger über den weißen, bröseligen Putz knapp über dem Fußboden.

Auch Carmen sah sich die Sache genauer an. So standen sie einen Moment lang Schulter an Schulter, die Hände auf die Knie gestützt, und untersuchten die Wand. „Möglicherweise muss hier unten nur einmal gründlich gelüftet werden.“

Die Situation erinnerte sie an die entspannte Art, wie Cormack und sie zusammenarbeiteten. Damit kam sie wesentlich besser zurecht als mit einem Jack Davey, der sich in der Küche an ihrer Schulter ausweinte.

Vielleicht war es eine Spur zu entspannt.

Mit einem Mal fühlte sie sich unsicher, so als stünden sie zu dicht nebeneinander. Er roch gut – und das sollte ihr bei einem Kunden eigentlich nicht auffallen, den sie erst vor einer halben Stunde kennengelernt hatte.

„Sehen Sie sich die Fenster an“, sagte Jack und richtete sich auf. Er hatte aufgehört, seine verletzte linke Seite zu schonen, und bewegte sich mit größerer athletischer Anmut, als sie es von einem Gesetzeshüter vermutet hätte. Carmen gefiel sein federnder, dynamischer Gang, weil auch sie selbst voller Energie steckte. „Wenn sie sauber wären, würden sie viel Licht hereinlassen. Wenn ich dann noch den Müll rausschaffe und die Wände streiche …“

Über die wackelige Kellertreppe gingen sie zurück nach oben. Der Kamin im Wohnzimmer war zugemauert und durch einen hässlichen Gasofen ersetzt worden, die Dielen mussten abgeschliffen und lackiert werden, das ganze Haus musste von innen und außen gestrichen werden. Aber die Räume hatten hohe Decken, und Jack und Carmen entdeckten viele großartige Details. Der Kamin war mit Marmor eingefasst, neben der Eingangstür gab es Mosaiken aus schmutzigem und gesprungenem Glas, und der Treppenpfosten an der letzen Stufe war mit Handschnitzereien versehen.

„Möchten Sie den Garten sehen, bevor wir nach oben gehen?“

„Ist er groß?“

„Etwa dreitausend Quadratmeter.“

Sie traten durch den Hinterausgang in den Hof. Das Gras war immer noch mit Tau bedeckt. Carmen lief neben Jack und sah ihn hin und wieder von der Seite an. Nur um sich zu vergewissern, ob alles in Ordnung war. Und um zu erforschen, wie er eigentlich aussah. Zwei Minuten nach der ersten Begegnung war ihr dieser Mann direkt in die Arme gefallen. Sie hatte eher einen Eindruck davon bekommen, wie er roch und sich anfühlte, als von seinem Äußeren.

Jedes Mal erwiderte er ihren Blick. Dabei wirkte er unsicher und neugierig zugleich und schien ebenfalls die Gelegenheit zu nutzen, sie zu betrachten. Als sich ihre Blicke zum ersten Mal kreuzten, schauten beide schnell wieder weg. Beim zweiten Mal, als sie aus dem Schatten des Hauses herausgetreten waren, dauerte der Augenkontakt einen Hauch zu lange.

Er räusperte sich. „Das hier ist der Garten.“ Seine Stimme klang ein wenig zu fröhlich.

„Ach ja“, antwortete sie, als hätte sie es nicht bemerkt, wenn er es nicht erwähnt hätte.

Bei genauerer Betrachtung stellte sie fest, dass es ein verwilderter und halb vergessener Garten war, aber immer noch ein Garten. Sie entdeckte Rosensträucher und viele Obstbäume. Stauden, Kletterpflanzen und Färberbäume verdeckten fast die gepflasterten Wege, die auf ein handgemeißeltes Vogelbad zuführten.

Das Grundstück wurde durch eine hohe Felswand begrenzt, an deren Fuß eine üppige Brombeerhecke wucherte. In der Aprilsonne leuchtete das helle Grün der frischen Blätter auf. Sie schlenderten zu einer Stelle, an der sie bis an den Felsen herantreten konnten.

„Es gibt hier eine Menge schöner Bäume. Die riesige Pinie zum Beispiel oder der Ahorn dort.“ Er deutete in die entsprechende Richtung.

Seine Augen waren nicht mehr gerötet. Ihr seltsames erstes Kennenlernen schien ihn nicht mehr zu beschäftigen. Carmen erging es genauso. Ein wohliges Gefühl der Erleichterung durchströmte sie, während die Sonnenstrahlen sie wärmten.

„Das Grundstück reicht bis zur Straße dort hinten“, fuhr er fort.

Die angrenzende Neubausiedlung bestand aus riesigen Villen, die aber stillos und aus billigen Materialien zusammengeschustert worden waren. In Carmens Augen konnten sie nicht mit Jacks altem Haus konkurrieren – selbst in seinem derzeitigen traurigen Zustand.

„Es ist großartig“, sagte sie. „In solchen Momenten wünsche ich mir, wir würden mit C & C Renovations nicht nur Küchen und Bäder renovieren.“ Mit einer Hand stützte sie sich am kühlen Felsen ab, schloss die Augen und wandte das Gesicht der Sonne zu. Doch trotzdem spürte sie, dass Jack Davey sie aufmerksam anschaute. Sie öffnete die Augen und sah ihn direkt an.

Es war anders als die anderen Male. Voller Neugier blickten sie sich an.

„Darf ich dich etwas fragen?“ Jack lehnte am Fels. Die Sonne schien seinen Schmerz ein wenig zu lindern, und Carmen dachte, dass sie ebenso seiner verletzten Seele guttat.

„Was denn?“

„Ich weiß nicht, wie ich es formulieren soll, ohne … unhöflich zu klingen.“

Sie hatte schon eine Vorstellung davon, was er wissen wollte. „Du wunderst dich, was ein nettes Mädchen wie ich auf Baustellen zu suchen hat?“

„Äh, ja. Sorry.“

„Hast du irgendwelche Probleme damit?“, stieß sie verärgert hervor.

„Nein, gar nicht. Aber es ist ungewöhnlich. Wirst du oft darauf angesprochen?“

„Meistens nerven die Kunden meinen Bruder damit. Sie fragen ihn, ob ich der harten Arbeit überhaupt gewachsen bin. Aber wir weisen sie darauf hin, dass wir nicht stundenweise bezahlt werden, sondern Pauschalpreise machen. Wenn meine zarte Hand also zu schwach ist, um den Hammer zu halten, zahlen wir drauf und nicht die Kunden.“

„Das erklärt immer noch nicht, wie du zu diesem Beruf gekommen bist.“

„Hauptsächlich wegen der Familie.“ Die Einzelheiten würden ihn nicht interessieren. Aber aus irgendeinem Grund fühlte es sich angenehm an, sich mit ihm zu unterhalten. „Wir mussten möglichst schnell Geld verdienen. Und bei diesem Geschäft konnte Cormack sein Wissen als Handwerker einbringen und mich gleichzeitig anlernen. Am Anfang war es hart: Wir bekamen nur hin und wieder ein paar kleine Aufträge. Aber dann empfahlen uns die Kunden weiter. Heute müssen wir manchmal sogar Aufträge ablehnen.“

Kaum hatte sie es ausgesprochen, schoss ihr durch den Kopf, dass Jack nicht der Einzige war, der heute zu viel von sich erzählte.

„Und gefällt dir die Arbeit?“ Diese Möglichkeit schien nicht mit seiner Vorstellung von weiblichen Eigenschaften zusammenzupassen. Eine kurvenreiche Frau, die bohrte und hämmerte, mit auffälligen Ohrringen und einem Werkzeugkasten in der Hand?

„Ich finde es toll, zu wissen, wie etwas richtig gemacht wird“, sagte sie. „Es ist sehr befriedigend. Ich baue gerne Küchen und Bäder, die praktisch sind und gut aussehen. Wenn du so willst, kommt hier mein weiblicher Blick zum Einsatz. Für manche Kunden ist das der Hauptgrund dafür, uns zu beauftragen. Ich weiß genau, wo der Wäscheschrank hingehört oder der Toilettenpapierhalter.“

Er lachte. „Ich habe nicht gewusst, dass es sich beim zweiten Teil von C & C um eine Frau handelt, als ich mit deinem Bruder geredet habe.“

„Manchmal ist das besser für uns.“

Beide wandten gleichzeitig den Blick ab.

„Wollen wir zurückgehen? Dann zeige ich dir die Räume im Obergeschoss“, schlug er vor.

„Vielleicht soll C & C ja als Nächstes das obere Badezimmer in Angriff nehmen, also schaue ich es mir besser einmal an.“ Bis jetzt hatten sie nur den Auftrag erhalten, die Küche und das Bad im Erdgeschoss zu renovieren.

Er führte sie zurück ins Haus und in das größte Schlafzimmer im ersten Stock. Aus der offen stehenden Kommodenschublade quollen T-Shirts hervor. Sofort erinnerte der Anblick beide daran, wie er sie vor einer Stunde begrüßt hatte und was danach geschehen war. Die verlegene Stimmung zwischen ihnen kehrte zurück. Der Rest der Besichtigung verlief kurz und flüchtig.

„Wir sollten langsam anfangen, wenn wir heute noch etwas schaffen wollen“, sagte er.

„Ja. Sonst macht Cormack mir die Hölle heiß. Aber ich erwarte nicht, dass du mir hilfst, ehrlich.“

„Das ist gut. Ich habe selbst genug zu tun.“

Es stellte sich heraus, dass er das Sonnenzimmer zum Streichen vorbereiten wollte. Den schrecklichen Teppich ließ er liegen, um die Bodendielen vor Farbklecksen zu schützen. Besorgt schaute sie zu, wie er auf eine Trittleiter kletterte und anfing, die alte Farbe von der Decke zu kratzen. „Schaffst du das, Jack? Ich meine, wegen deiner Wunde!“

„Wenn es wehtut, höre ich auf.“

Inzwischen hatte Carmen angefangen, die alten Küchenschränke mit einer Brechstange zu bearbeiten. Sie gehörten nicht zur ursprünglichen Einrichtung, und es lohnte sich nicht, sie aufzuarbeiten. Die grün laminierten Schränke aus Spanplatte waren abgestoßen und hatten sich verzogen. Außerdem waren sie hässlich und billig.

„Unser Lehrling Rob wird ab und zu vorbeikommen, um bei den schwersten Arbeiten zu helfen“, sagte sie und setzte die Brechstange an. Quietschend löste sich einer der Schränke von der Küchenwand. Ohne nachzudenken fügte sie hinzu: „Aber ich bin nicht so eine schwache Frau, wie ich aussehe.“

Jack drehte sich auf der Trittleiter um und musterte sie lange und gründlich. „Was ist so falsch daran, eine schwache Frau zu sein?“, fragte er. Seine grauen Augen wirkten amüsiert und nachdenklich zugleich.

In diesem Moment begriff Carmen zum ersten Mal, dass sie in ernsthafte Schwierigkeiten geraten könnte. Und sie erkannte, dass Jack es wusste – und dass es auch für ihn nicht leicht werden würde.

Schon bald musste Jack feststellen, dass die Drehbewegungen auf der Trittleiter ihm überhaupt nicht bekamen. Die Narbe an der linken Seite seines Brustkorbs bereitete ihm erneut Probleme. Carmen sah, wie er sich zusammenkrümmte, und hörte ihn nach Luft schnappen.

„Sag nichts“, warnte er sie. „Du hattest recht. Ich werde zum Arzt gehen.“

„Soll ich dich hinbringen?“

„Das wäre nett. Aber nur, wenn es dir wirklich nichts ausmacht.“ Er schaute an sich herunter. „Ich werde mich vorher besser noch einmal umziehen.“

Am Telefon versprach die Sprechstundenhilfe von Dr. Seeger, ihn sofort dranzunehmen. Also nahmen sie den Firmenwagen von C & C und machten sich auf den Weg. Jack gefiel die Art, wie Carmen fuhr. Lauthals schimpfte sie über die anderen Fahrer, aber ihre Ausbrüche waren stets mit einer Prise Humor gewürzt.

„Ich hoffe, deine Augenbrauen werden schief und krumm, Lady!“, rief sie durch die geschlossene Scheibe einer Frau zu, die vor einer Ampel stand und ihrem Make-up mehr Aufmerksamkeit schenkte als dem Straßenverkehr. „Es ist grün, Süße“, fuhr Carmen fort, bis das Fahrzeug vor ihnen sich endlich in Bewegung setzte. Sie wandte sich an Jack. „Gib mir Bescheid, falls es dich stört. Aber manchmal brauche ich das, um nicht durchzudrehen.“

„Du machst nicht den Eindruck, als könntest du jemals durchdrehen.“

Achselzuckend lächelte sie, und die roten Ohrringe streiften ihren gebräunten Hals. „Das Leben ist nicht immer so einfach. In meiner Familie bin ich das Mädchen für alles, und meine kleine Schwester flippt im Moment ziemlich aus – sie ist gerade siebzehn geworden. Es ist besser, irgendwelche Autofahrer anzuschreien als meine Schwester.“

„Das kann ich gut nachvollziehen“, erwiderte er und dachte dabei an Terri und ihren neuen Mann. „Manchmal muss man einfach alles rauslassen.“

Schweigend musterte sie ihn von der Seite und vollzog ein schwieriges Überholmanöver. Dann fragte sie: „Wie geht es eigentlich deinem Partner?“

„Er ist mit seiner Frau auf die Bermudas geflogen. Sie ist großartig, ihr Vater ist ebenfalls Polizist. Russell kommt ganz gut damit klar.“

„Er ist ja auch nicht angeschossen worden.“

„Angeschossen zu werden ist das geringste Problem. Selbst jemanden zu erschießen macht einen viel mehr fertig“, erklärte er.

Sie erwiderte nichts, weil sie sich auf den Verkehr konzentrierte.

Schließlich fuhr er fort: „Hier rechts in dem Gebäude ist die Praxis. Parkplätze sind direkt davor. Du kannst im Pick-up warten. Hoffentlich dauert es nicht so lange.“

„Haben sie keine guten Zeitschriften im Wartezimmer? Oder nur Magazine für Angler und Autonarren?“

„Hast du was gegen Angeln und Autofahren?“

„Trotz des Werkzeugkastens bin ich immer noch eine Frau“, sagte sie langsam. „Hatten wir das nicht bereits geklärt? Ich brauche meine Dosis Klatsch und Tratsch, sonst wächst mir über Nacht noch ein Bart!“

Er lachte. „Keine Sorge! Es gibt genug gute Zeitschriften.“

„Dann komme ich mit rein und lese ein wenig.“

Sie mussten fünf Minuten warten, dann rief Dr. Seeger ihn herein.

„Haben Sie etwa Dummheiten gemacht?“, begann der Arzt.

„Sie sagten, ich soll meine Kräfte nicht strapazieren. Und ehrlich, ich habe mich bei den Renovierungsarbeiten nicht überanstrengt. Ich bin nur ein wenig zu schnell die Treppe heruntergerannt.“

Seufzend erwiderte der Arzt eine Spur zu eifrig: „Mal sehen, ob ich Ihnen wehtun kann.“

Und ob er es konnte!

Doch davon abgesehen, hatte er gute Nachrichten. Blutdruck, Temperatur und Herz waren in Ordnung. „Ich glaube nicht, dass Sie ernsthaften Schaden angerichtet haben“, sagte Dr. Seeger.

„Aber wenn ich mich drehe, habe ich Schmerzen.“

„Dann drehen Sie sich eben nicht. Sie sind erst vor zehn Tagen operiert worden, die Wunde ist noch nicht vollständig ausgeheilt. Seien Sie etwas vorsichtiger.“

„Soll ich mich etwa ins Bett legen?“

„Nur, wenn Ihnen danach ist. Nehmen Sie Schmerzmittel?“

„Ich habe damit aufgehört. Ich werde davon ganz benebelt, und das hasse ich.“

Der Arzt bedachte ihn mit einem nachdenklichen Blick. „Wahrscheinlich ist es das Beste so. Sie gehören zu den Patienten, die sich für völlig geheilt halten, sobald es nicht mehr wehtut – Marke ‚Ich bin ein Held‘. Nicht auszudenken, was Sie sich unter dem Einfluss von Schmerzmitteln zumuten würden.“

Sie verhandelten noch eine Weile darüber, was genau Jack machen durfte und was nicht. Im Stillen fragte er sich, ob Dr. Seeger nicht vielleicht recht hatte mit der Einschätzung, er würde den Helden spielen. Auch wenn er es gar nicht als Kompliment gemeint hatte.

Schließlich verließ er das Sprechzimmer mit gemischten Gefühlen.

„Er sagt, ich kann weiterstreichen“, berichtete Jack, als er zu Carmen ins Wartezimmer kam.

„Und das ist gut?“ Sie bemerkte, dass er erfreut aussah, aber auch ein wenig nachdenklich.

„Aber natürlich!“

„Was hat er noch gesagt?“ Nachdem sie die Zeitschrift zurückgelegt hatte, stand sie auf. Deutlich spürte sie, dass er hier schnellstens verschwinden wollte.

„Was er noch gesagt hat?“, wiederholte er. „Der Blutdruck ist okay, und es gibt keine Anzeichen für eine Infektion. Er sagt, ich soll mit Schmerzmitteln vorsichtig sein, weil ich ein …“ Mitten im Satz brach er ab.

„Weil du … was?“

„Ach, nichts.“

„Komm schon. Weil du der schlimmste Patient bist, den er je hatte? Weil du die seltenste Blutgruppe der Welt hast?“

Achselzuckend verzog er den Mund. „Weil ich der Heldentyp bin. Was auch immer er damit meint.“

Carmen konnte es ihm auch nicht erklären.

Mit Helden hatte sie nicht viel Erfahrung.

3. KAPITEL

Vier Tage voll harter Arbeit lagen hinter ihnen. Vom Keller bis zur Küche hatten sie gründlich ausgemistet. Im ganzen Haus roch es nach staubigem altem Holz und frischer Farbe. Rob war ab und zu aufgetaucht, um bei den gröbsten Arbeiten zu helfen.

Jetzt klappte Carmen das Handy zu und sagte: „Das war Cormack. Er und Rob kommen in einer halben Stunde mit den neuen Küchenschränken. Sie sind aufgehalten worden und brauchen etwas länger.“

„Kein Thema“, antwortete Jack.

Mit jedem Tag schien es ihm besser zu gehen. Es sah aus, als hätten die Schmerzen nachgelassen. Am Abend sollte Ryan kommen, hatte er ihr erzählt. Jack freute sich sehr darauf, war aber zugleich äußerst angespannt deswegen. In der letzten Stunde hatte er mehrmals zur Uhr geschaut.

„Zumindest für mich ist es keines“, fügte er hinzu. „Musst du noch irgendwo hin?“

„Nein, ich warte hier auf die beiden. Wir werden die Schränke heute nicht mehr einbauen, aber es wird eine Weile dauern, bis wir alles abgeladen und überprüft haben. Ist es ein Problem, wenn wir noch hier sind, wenn Ryan kommt?“

Erneut sah er auf die Uhr. „Nein, das ist in Ordnung.“

Es war Freitagnachmittag, und draußen wurde es bereits dunkel. Im Haus war es kühl, weil sie alle Fenster geöffnet hatte, damit sich der Farbgeruch möglichst rasch verzog. Jack war mit dem Sonnenzimmer fast fertig.

Carmen beobachtete ihn, als er sich wieder an die Arbeit machte und mit dem Farbroller die Farbe in langen Bahnen auftrug. Seine linke Seite schonte er immer noch ein wenig. Die Muskeln seiner Oberarme spannten sich kraftvoll an, als er den Roller hoch und runter bewegte. Das alte ausgefranste T-Shirt war mit Klecksen bedeckt. Die Farbe machte beim Auftragen ein leise schmatzendes Geräusch, und Jack summte ein paar Takte eines Liedes. „Dum, dum, da, dum, dum, dum-da.“

Er hatte gute Arbeit geleistet. Die meisten Amateurmaler pfuschten bei der Vorbereitung. Doch Jack war gründlich gewesen und hatte erst gestern Abend mit dem Streichen angefangen. Die Wände waren in einem cremefarbenen Ton gehalten, die Fußleisten würde er in einem hellen Blau streichen.

„Es gefällt mir“, sagte sie und unterdrückte ein Gähnen, was Jack zum Glück nicht bemerkte.

Die halbe Nacht hatte sie sich um Kate Sorgen gemacht, die wieder einmal spätabends noch unterwegs gewesen war. Stundenlang hatte sie auf das Geräusch der Eingangstür gewartet. Als sie den Schlüssel im Schloss und anschließend Kates unsichere Schritte auf der Treppe gehört hatte, war es bereits zwei Uhr gewesen.

„Wirklich?“ Er drehte sich um. „Ich wollte es unbedingt fertig bekommen, bevor …“ Nach einer kleinen Pause setzte er erneut an: „Na ja, ich wollte es heute schaffen. Was meinst du? Ist es nicht zu gelb?“

„Nein, überhaupt nicht!“, versicherte sie ihm.

„Und auch nicht zu, du weißt schon, mädchenhaft?“

„Finde ich nicht.“

„Gut.“

Offenbar wollte er mit dem Streichen fertig sein, um es Ryan zu zeigen, und er wollte, dass es dem Jungen gefiel. Das hier war keine Junggesellenbude, die er für sich selbst herrichtete. Es sollte ein Zuhause werden.