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Jürgen Müller

In den Tiefen des Raums

SF-Roman





BookRix GmbH & Co. KG
80331 München

Prolog

Was sollte er unternehmen, wenn auch dieses Unternehmen nichts brachte, wenn er das berüchtigte baufällige Haus umsonst betrat, keine Antwort auf seine Fragen erhielt, keinen Rat, keine Zuversicht auf Besserung? Weiterleben wie bisher? War das überhaupt ein Leben ...?

Argo betrat das Wartezimmer und glaubte sich in eine rauchgeschwängerte, mit Nippes und ausgestopften Tieren überladene Bodenkammer versetzt. Die Inhaberin musste den Fundus eines Schnulzentheaters erworben haben ... samt Motten und muffiger Luft. Akleybecher, Engel aus Gips, verschnörkelte Leuchter, Augenschalen – ein wahlloses Durcheinander aus Kunstgegenständen und dem Kitsch vergangener Jahrhunderte füllte die Regale, Vitrinen und Borde. Wandteppiche, Dämonenmasken und Muschelornamente verstopften die raren Zwischenräume. Lediglich Pop-Art, Gartenzwerge und Hirschtrophäen fehlten. Zu neu oder zu banal? Wie auch immer: Argo fühlte sich von all dem Krimskrams erdrückt, spielte mit dem Gedanken an Rückzug – und blieb. Wer, wenn nicht die stadtbekannte Wahrsagerin Clochilde, vermochte ihm zu helfen ...?

Ein großflächiges rechteckiges Mosaik aus Tausenden bunten, leider staubüberzogenen Glasplättchen knarrte ... und entpuppte sich als Tür. Die Dame des Hauses erschien, dem Erscheinungsbild nach eine sesshafte Zigeunerin.

»Kommen Sie herein, Herr Knab!«

Über Argos im Allgemeinen verdrossen wirkende Gesichtszüge huschte ein verächtliches Lächeln. Nur weil sie ihn kannte, fiel er nicht vor Ehrfurcht auf die Knie. Als weltbester Testpilot für Raumflugkörper aller Art stand sein Name schließlich in allen Journalen. Es tat ihm jetzt schon Leid, hierher gekommen zu sein.

Falls es überhaupt möglich war, so wirkte das Empfangszimmer noch überladener als der Warteraum. Kaum dass zwischen dem Sammelsurium Platz für den Besucherstuhl blieb.

»An welche Form hatten Sie gedacht?«

Sein Gesichtsausdruck musste konsterniert wirken. »Des Wahrsagens«, setzte sie hinzu. »Ich bin firm in vielerlei Methoden: Losorakel; Sterndeuterei; aus dem Kaffeesatz lesen; Hellsehen; Kartenlegen mit Joker-Kartensätzen, Patience-Karten, I Ging-Karten, Runenkarten; Pendeln; Spiritistisches Wahrsagen; Bibelstechen ...«

Verwirrt hob er die rechte Hand, um sich hinterm Ohr zu kratzen.

»Sagen Sie doch gleich, dass ich Ihnen aus der Hand lesen soll!« Sie griff nach seinen Fingern.

»Sie ... waren ein hyperaktives Kind, ein bei den Mitschülern beliebter Klassenkasper, auch wenn Sie zumeist die Schule schwänzten, um draußen zu toben.«

Was wollte er hier? Auch das stand in allen Journalen.

»Was haben wir denn hier? Die Wollust einer Sexsüchtigen wird Ihren Leib verzehren ... aber Sie werden überleben. Nach dem vierteljährigen Klinikaufenthalt, bei dem Sie, ein Adrenalin-Abhängiger ohne ein Gramm Sitzfleisch, Qualen erleiden wie ein Eisbär in der Wüste, werden Sie – was steht da? – die Welt verlassen. Mein Gott!«

»Auf Wiedersehen! Für solcherart Plattheiten ...«

»Bleiben Sie! Sie ... möchten wissen, ob Sie jemals sesshaft werden, Ihr Leben ohne wagemutige Eskapaden genießen, ohne den gewohnten Nervenkitzel leben können. Sie sehnen sich danach, einmal ohne Schuldgefühle ... das heißt, überhaupt einmal einen Urlaub an einem Traumstrand der drei Millionen und vierzehn Seen genießen zu können und nicht Krater und Schluchten des Mars ersteigen zu müssen, um Ihrer Abenteuerlust zu frönen. Sehen Sie andere Leute entspannt im Liegestuhl, können Sie nur verächtlich lächeln, vergehen in Wahrheit aber vor Neid.«

Davon stand in keinem Journal ein Wort! Niemand wusste, wie sehr er seinen jüngeren Bruder um seine Gelassenheit beneidete, nicht einmal Balko selbst. Balko hatte nie die Schule geschwänzt, nie den Unterricht gestört. Statt Fußball zu bolzen, hatte er auf akribischste Weise Puzzles (mindestens tausend Teile und ja kein leichtes Motiv) zusammengefügt oder mit unübertroffener Langmut kleine Nachbarskinder behütet. Balko war noch nie in Urlaub gefahren, geschweige denn zu einem Abenteuerurlaub. Manchmal bezweifelte Argo, dass sie ähnliche Gene besaßen. Müssten sie sich für eine sportliche Tätigkeit entscheiden: Argo würde Kickboxen, Balko jedoch Yoga wählen – gezwungenermaßen, da Meditation nicht unter »Leibesübungen« fiel. Argo bemühte sich stets um eine apathische Miene, um seine Unzufriedenheit und die innere Unrast zu verbergen, wirkte dadurch aber eher verdrossen. Während Balko allzeit versonnen und stillvergnügt war, brach sich Argos Jubel in Augenblicken überstandener Gefahr oder bevorstehender Mutproben nur kurz und heftig seine Bahn. Die Sehnsucht nach weiteren euphorischen Gefühlsausbrüchen war es, die ihn zu immer waghalsigeren Unternehmungen trieb.

Bestürzt musterte Argo die Weissagerin. Er fühlte sich durchschaut wie eine gläserlose Modebrille. Woher, zum Teufel, weiß sie ...?

Von meinem Vater, der dein Schulpsychiater war. »Ihrer Mimik entnehme ich, ich bin mein Geld wert?«

»Das sind Sie!« Voller Ehrfurcht zückte er die Brieftasche. »Könnten Sie vielleicht ...?«

»Selbstverständlich kann ich auch diese Frage beantworten.« Sie beugte sich noch tiefer, studierte seine feinen Handlinien. »Herr Knab, nach vielerlei Abenteuern in unserer Zeit, in der Urzeit und in Zwischen- und Nebenzeiten – was auch immer dies bedeuten mag – werden Sie Ihren Seelenfrieden in den Armen einer bodenständigen jungen Frau finden.«

»Ich wagte kaum, es zu hoffen. Vielleicht habe ich den motorisierten Komfortsessel doch nicht umsonst bestellt ...«

»Sie können ihn genießen ... in allen Lagen und selbstverständlich zu zweit. Wobei ich bei Ihnen eine ausgeprägte Vorliebe für flauschige Teppiche und Wasserbetten konstatiere. Diese Frau wird Sie ... wird Sie ...« Mit offenem Mund schaute sie auf.

»Was wird sie mich? Was?«

Sie schob ihn vehement zur Tür. »Lassen Sie mich allein!«

»Aber ...«

»Tut mir Leid.« Sie warf ihn hinaus.

»Das ist das Irrste, was ich je erfuhr«, japste sie nach dem Lachkrampf. »Der wird sich noch wundern! Und wie ich ihm das gönne! ›Auf Wiedersehen! Für solcherart Plattheiten ...‹ Wäre es nicht geschäftsschädigend – mit Freuden würde ich ihn zurückrufen und ihm kostenlos einige Dinge über sich erzählen, die er noch nicht weiß oder mit Vorbedacht vergessen hat!«

Ihr schrilles Gelächter durchdrang die Türfüllung, als bestünde sie aus Löschpapier. Da half auch die Mosaik-Schicht nichts. Auf der anderen Seite schoss Argo das Blut ins Gesicht. Sie lachte ihn aus, ihn, den weltbesten Testpilot für Raumflugkörper aller Art, der Tag für Tag in allen Journalen stand. Er verspürte das Verlangen, ihre Ramschsammlung in so viele Teile zu zerschlagen, dass nicht einmal Balko sie wieder zusammensetzen könnte; mit Vasen und Cherubim-Figuren um sich zu werfen, als wäre er eine Tontaubenwurfanlage; das staubbedeckte Mosaik zu bespucken; durch die Tür zu stürmen und die Wahrsagerin mit einem schweren scharfkantigen Leuchter ...

Er riss die Tür auf, stürmte auf sie zu und rief: »Da Sie mir die Auskunft verweigern, fordere ich mein Geld zurück!«

Noch immer glucksend, sagte sie: »Das ist Ihr gutes Recht. Sagen wir die Hälfte – einiges habe ich Ihnen immerhin verraten ... und den Rest werden Sie früh genug erfahren!«

Sie prustete erneut los und warf sich auf ein Bärenfell.

Argo starrte auf die sich Windende und wünschte sehnlichst im Besitz eines strapazierfähigen Teppichklopfers zu sein. Er schluckte, griff nach dem Geld und stelzte gravitätisch hinaus.

Die Wollust einer Sexsüchtigen würde seinen Leib verzehren – einfach lachhaft!