Hanser E-Book

 

Elke Heidenreich

Bernd Schroeder

 

Rudernde Hunde

 

Geschichten

 

Carl Hanser Verlag

 

ISBN 978-3-446-24261-6

© Carl Hanser Verlag München Wien 2002/2012

 

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Rudernde Hunde

KARNEVAL, BITTERKALT, ich glaube, es war 1982. Ich glaube sogar, es war der Rosenmontag. Walter und ich waren tatsächlich auf einem Kostümfest gewesen, selten genug, wir haßten den Karneval, aber um ihn wirklich zu hassen, muß man ihn ja schließlich auch mal mitgemacht haben. Walter trug ein Bärenkostüm, ich ging als Panzerknacker in Gestreift mit Nummer auf der Brust und Pappkugel am Bein. Wir kamen um Viertel nach eins in der Nacht nach Hause, leicht angetrunken, verfroren, es schneite wieder. Ich freute mich auf ein letztes Glas Sekt in der warmen Badewanne und auf mein Bett.

Aber es kam anders. An diesem Abend sollten Heinz und Fritz in mein Leben treten.

Wir fanden auf der Matte zu unserer Wohnung einen Zettel der Nachbarin, die während unserer Abwesenheit nach dem Hund geschaut hatte und auch einmal mit ihm rausgegangen war.

»Telefon hat geklingelt«, schrieb sie, »ein Albert aus Paris. Er fährt mit dem Orientexpreß heute nacht nach München, und sein Zug hat genau um zwei Uhr drei eine Minute (1 Minute!) Aufenthalt hier. Ihr sollt bitte unbedingt an den Zug kommen, es wäre wahnsinnig wichtig.«

Das war noch nicht die Zeit der Handys. Der Zug von Paris nach München war jetzt unterwegs, Albert saß drin und würde in weniger als einer Stunde eine einzige Minute auf unserm Bahnhof sein. Was tun?

Albert war mein ältester und bester Freund. Gut, er war mehr als ein Freund gewesen – ich hatte einige Zeit mit ihm zusammen gewohnt, das Bett mit ihm und seinem Labrador Willi, das Bad mit ihm und seinem grünen, zahmen Leguan Theo, die Küche mit ihm und dem Kakadu Ernst-August geteilt. Es war ein chaotischer Haushalt, es war eine chaotische Zeit gewesen, und wir hatten uns, glaube ich, sogar ein bißchen geliebt. Aber ich bin wegen des Chaos dann doch eines Tages ausgezogen, nur um zu merken, daß mich diese Zeit mit Albert auf ewig für bürgerliche Lebensumstände mit Schrankwand, Sitzgruppe, Auslegeware, Ordnung, Sauberkeit und Frische verdorben hatte. Ich war in all dem Durcheinander sehr glücklich gewesen, aber das habe ich erst hinterher gemerkt.

Walter liebte die Ordnung, vor allem auf seinem Schreibtisch und in der Küche war sie ihm unerläßlich. Albert gegenüber war Walter freundlich, auch nicht nachträglich eifersüchtig, aber doch etwas reserviert. Albert, behauptete er, unterstütze meine fatale Neigung zu überbordender Phantasie, zu Leichtlebigkeit und Durcheinander in Haus und Kopf, und er kam nicht darüber hinweg, daß Albert mir nie die zweitausend Mark zurückgegeben hatte, die ich ihm – noch vor dem Zusammenleben mit Walter! – geliehen hatte. Dabei war es mein Geld gewesen, nicht seines, und ich mochte Albert nicht daran erinnern, denn er war mit mir immer großzügig gewesen und es hatte oft genug schon zum Frühstück Champagner und statt Mittagessen teure Trüffeltorte gegeben, und er hatte immer alles bezahlt. Also konnte ich ihm aus einer momentanen Notlage sehr wohl auch einmal heraushelfen, ohne das Geld gleich wieder einzuklagen. Für Walter waren das sogenannte undurchsichtige Verhältnisse, und als er mich einmal an einem leichtsinnigen Abend gefragt hatte, ob wir nicht heiraten sollten, hatte ich schaudernd gedacht: das wären dann durchsichtige Verhältnisse! und hatte nein gesagt. Seitdem hatten wir darüber nie wieder gesprochen.

Albert sah ich nur selten, wir telefonierten manchmal, und nun hatte er also angerufen, mitten in der Nacht. Es war völlig klar: er brauchte uns, mich, er war in Not.

»Er ist krank«, sagte ich, »er mußte unbedingt auf diesen Zug, aber er ist krank. Er hat Schmerzen, Fieber, ihm ist schlecht. Er braucht Aspirin. Er braucht heißen Tee, er braucht ein Antibiotikum, er braucht Halspastillen und Hustensaft.«

»Grundguter Himmel«, sagte Walter, »mach doch nicht so ein Theater. Krank! Was der braucht, ist wahrscheinlich Geld. Er wird in Paris alles rausgehauen haben und sitzt jetzt pleite im Zug und kann morgen früh nicht mal das Taxi zahlen. Der braucht Geld, sonst braucht der gar nichts.«

Ich zog es vor, darauf lieber nicht zu antworten, und band mir die Kugel vom Bein. Schluß mit Panzerknacker, jetzt war Fürsorge gefragt.

»Zahnschmerzen«, sagte ich, »er hat vielleicht Zahnschmerzen und braucht Zahnschmerztabletten, nach denen man schlafen kann, Dolomo Nacht, die blauen.«

Albert hatte ein prächtiges Gebiß, aber man weiß ja nie, und Walters Zähne bröckelten täglich schmerzhaft vor sich hin, Zahnschmerztabletten hatten wir immer im Haus, also, warum nicht, vorsichtshalber? Ich begann, eine Tasche zu packen. Aspirin, Hustensaft, Dolomo, ich kochte Tee und füllte ihn in die Thermoskanne, und eine Wärmflasche präparierte ich auch. Walter saß im Bärenkostüm, allerdings jetzt ohne Kopf, am Tisch und sah mir zu.

»Sonst noch was«, sagte er verächtlich.

»Ich war mal in einem Zug ohne Heizung, von Bonn bis Wien«, sagte ich, »das ist furchtbar, man friert sich tot. Vielleicht ist keine Heizung in seinem Zug«, und aus Trotz holte ich noch die blaue Wolldecke, die Walter besonders gern mochte. Er kniff die Lippen zusammen und sagte nichts.

Ich plünderte den Apothekenschrank im Bad und legte Hansaplast und Wundsalbe in die Tasche, nur die Tabletten gegen Menstruationsschmerzen ließ ich liegen.

Der Hund steckte seine Nase in die Tasche, wedelte mit dem Schwanz und freute sich darüber, daß es nun wohl bald auf Reisen ging. Er sah das Leben immer eins zu eins, und er nahm alles, was sich ereignete, als günstige Wendung für sein Hundeleben an. Es war ein sehr törichter Hund, aber ich liebte ihn nun mal. Er hieß eigentlich Purzel, aber Walter nannte ihn Kuno und versuchte, ihm »Sitz! Platz! Fuß!« beizubringen, bis jetzt aber vergeblich. Ich hatte Purzelchen aus dem Tierheim geholt, als ich noch allein war, und Walter konnte sich zuerst ein Leben mit einem Tier gar nicht vorstellen. Aber dann sah er in ihm eine Aufgabe und fand, ein Hund müsse in erster Linie mal parieren. Der Meinung war ich gar nicht, ich dachte, ein Hund müßte in erster Linie dafür sorgen, daß Pfotentapsen auf allzu ordentliche Teppiche und Haare auf keimfreie Sofas kämen und daß Post und Schuhe ein bißchen angeknabbert würden. Aber das sagte ich natürlich nicht.

Albert war Antiquitätenhändler, immer unterwegs nach schönen Dingen für seinen Schwabinger Laden. Vielleicht hatte er sich an einem alten Möbel verletzt, geklemmt, geschnitten – er brauchte Schmerztabletten aller Art, Mullbinden, Watte, Jod, reinen Alkohol. Wir waren gut ausgestattet.

»Vielleicht gibt es in dem Zug nichts zu essen«, überlegte ich und schmierte vier dicke Butterbrote und belegte sie mit Salami und Käse. Walter nahm sich ein Salamibrot und biß hinein. »Ich habe auch Hunger«, sagte er mürrisch, »falls das irgendwen interessiert.«

Dem Hund tropfte der Speichel aus dem Maul auf den Küchenboden, bis mir ein Stück Salami wie zufällig aus der Hand rutschte und ihn glücklich machte. Walter verkniff es sich, zu sagen: »Der Hund soll am Tisch nicht gefüttert werden!«, und ich rechnete ihm das irgendwie als Pluspunkt an. Pluspunkte, fand ich, brauchte er jetzt dringend. Ich wickelte die Brote gut ein, legte das, was wir an Äpfeln, Schokolade, Mandarinen hatten, noch dazu. Die Tasche war fast voll. Wir hatten noch knappe zwanzig Minuten Zeit, und ich dachte nach.

»Vielleicht will er dir ja endlich die zweitausend Mark zurückgeben«, sagte Walter. Ich antwortete darauf nicht, ging suchend durch die Wohnung und packte aktuelle Zeitungen, ein spannendes Buch, Zigaretten, Streichhölzer in die Tasche.

Was konnte ein Mann, der nachts in Not anrief, noch brauchen? Ich stattete den kleinen Kassettenrecorder mit frischen Batterien aus, legte die Kopfhörer dazu und ein paar Kassetten mit Mozart, Bach und Deep Purple, Smoke on the water and fire in the sky, und Walter sagte: »Das siehst du alles nie wieder.«

Um Viertel vor zwei war ich gerüstet. Ich ging noch einmal alles durch, was ich eingepackt hatte, und siehe, es war gut.

»Was ist«, fragte ich Walter, »gehst du mit oder nicht?«

Mit dieser Entscheidung hatte er schon die ganze Zeit gekämpft. Einerseits hatte er überhaupt keine Lust, in der kalten Nacht noch zum Bahnhof zu fahren. Andererseits wollte er mich so allein auch nicht ziehen lassen, und wer garantierte denn, daß ich nicht in den Zug stieg und …

»Der Hund muß sowieso noch mal raus«, sagte er, stand auf und nahm die Leine.

Kuno-Purzel tobte übermütig herum und freute sich, ich nahm die prallvolle Tasche und zog den Mantel über mein Sträflingskostüm.

»Dann los«, sagte ich. Wir schlossen die Wohnung ab, der Hund sprang glücklich vor uns her die Treppe hinunter und hüpfte ins eiskalte Auto, und dann fuhren wir zum Bahnhof, der Hund, der Bär und der Sträfling, in bitterer Kälte, bepackt mit einer Tasche, die alles enthielt, was ein einsamer Mann in einem nächtlichen Zug eventuell brauchen konnte. Sogar eine Flasche Bordeaux und unseren einzigen Korkenzieher hatte ich hinter Walters Rücken noch rasch dazugeschmuggelt.

Der Zug war pünktlich. Frierend sahen wir ihn einfahren, zitternd vor Kälte und vor Spannung. Ich stand da mit der Tasche, Walter hielt den Hund, befahl: »Sitz!« und knurrte: »Wenigstens ist er pünktlich, mal was Neues!«, so als würde Albert den Zug persönlich fahren und selbst für den Fahrplan verantwortlich sein.

Der Orientexpreß kam mit kreischenden Bremsen um zwei Uhr drei zum Stehen. Außer uns war niemand zu dieser Stunde auf dem Bahnsteig. Ein Mann stieg aus. Die meisten Fenster waren dunkel. Walter überblickte die rechte, ich die linke Seite.

»Da«, sagte er und deutete mit dem Kinn zu einer offenen Tür, und ich rannte los.

Albert stand in einem nachtblauen Morgenrock mit Sternenmuster in der Tür seines Schlafwagens und winkte. Ich lief auf ihn zu, umarmte ihn, er war warm, roch verschlafen und so gut wie damals, und er lachte. Er sah nicht aus wie jemand, der in einem eiskalten Zug mit zerquetschten Fingern zahnschmerzkrank verhungert, verdurstet und erfriert.

Der Hund sprang an ihm hoch und leckte ihm die Hände ab, und Albert sah uns entgeistert an und zeigte auf Walters Bärenkostüm.

»Wie seht ihr denn aus?« fragte er, und Walter sagte: »Es ist Karneval, wie du vielleicht gehört hast.«

»Aber soviel Verkleidung nur meinetwegen, das war doch gar nicht nötig«, sagte Albert, und ich drängte ihm die Tasche auf. »Nimm! Es ist alles drin, Tee, Tabletten, Geld, Wärmflasche«, und Walter sagte kurz und scharf: »Ach, Geld auch?«

Ich überging das und ärgerte mich, daß ich mich verplappert hatte, denn natürlich hatte ich noch schnell hundert Mark zwischen die Butterbrote geschoben, als Walter nicht aufgepaßt hatte. »Was ist los, Albert«, fragte ich, »warum hast du angerufen?«

»Nichts ist los«, sagte Albert, »ich hab dem Schlafwagenschaffner zwanzig Mark gegeben, damit er mich weckt. Ich hab dir aus Paris etwas mitgebracht, das wollte ich dir persönlich geben. Man kann so was nicht schicken, ich muß unbedingt sehen, wie du guckst.«

Und aus seiner Morgenrocktasche zog er einen winzigen Gegenstand. Es war eine kleine Skulptur aus bemalter Bronze, zwölf Zentimeter lang und drei Zentimeter hoch, wie ich heute weiß, denn ich habe nachgemessen. Sie stellte zwei Hunde dar, die in einem Boot saßen und ruderten. Die Hunde hatten kleine eckige Köpfe mit etwas abstehenden Schlappohren. Sie waren gleich groß, beide weißbraun gefleckt, und sie saßen, die Ruder in den Pfoten, hintereinander auf den kleinen Ruderbänken, von denen ihre Stummelschwänzchen abstanden. Der vordere Hund sah arglos aus, aber der hintere schaute dem vorderen starr und eindeutig böse in den Nacken.

»Das«, sagte Albert, »habe ich in Paris gefunden. Ist das nicht unglaublich? Der vorne heißt Fritz, der hinten Heinz. Wenn ihr genau hinguckt, seht ihr, daß Fritz mit der Frau von Heinz was hat, aber er denkt, Heinz wüßte es nicht. Heinz weiß es aber doch, und irgendwie passiert da bald was.«

Der Stationsvorsteher pfiff. Albert zog fröstelnd den Morgenrock zusammen, ich hielt die Tasche hoch und fragte: »Brauchst du denn gar nichts? Butterbrote? Musik? Wein?« Albert winkte ab, lachte, sah mich an. Ich stand da mit den rudernden Hunden in meiner Hand und konnte mich nicht satt sehen.

»Ich wußte es«, sagte Albert zufrieden, tätschelte noch einmal Kunos Kopf, sagte: »Adieu, Purzelchen!« und schlug dann die Tür zu. Er grinste hinter der Scheibe. Walter rief: »Er heißt Kuno!«, und Albert winkte ab und nickte, jaja, Kuno.

Der Orientexpreß fuhr ab. Ich sah auf Heinz und Fritz und sagte: »Gleich brennt er ihm allein mit Blicken ein Loch in den Hals.«

»Albern«, sagte Walter. »Dafür läßt er uns antanzen, mitten in der Nacht.«

Wir fuhren nach Hause, tranken noch ein Glas Bordeaux, und Heinz und Fritz standen vor uns auf dem Tisch. Sie ruderten. Noch. Aber ich wußte, daß der Tag kommen würde, an dem Heinz dem vorn sitzenden Fritz mit dem Ruder eins drüberziehen würde. Den Tag wollte ich nicht verpassen. Bronze, wir wissen es, kann schmelzen. Man muß nur Geduld haben.

Walter hat inzwischen geheiratet und bringt seinem Sohn vielleicht »Sitz! Platz! Fuß!« bei, wer weiß. Purzelchen ist bei mir geblieben und schläft in meinem Bett, am Fußende. Auf dem Nachttisch stehen Heinz und Fritz, und manchmal ruft Albert an und fragt: »Na, ist schon was passiert?«

»Abwarten«, sage ich dann, »noch rudern sie.«

Herr Löhlein

»DAS IST HERR LÖHLEIN«, sagte meine Mutter und zeigte auf einen alten Herrn, der sich mit einer Mischung aus Zackigkeit und Eleganz, die eine Rücksichtnahme auf ein empfindliches Kreuz nicht verhehlen konnte, aus dem rosafarbenen Sofa erhob.

Rosa war nach dem Tod meines Vaters die bevorzugte Farbe im Leben meiner Mutter geworden. Rosa Sofa, rosa Sessel, rosa Zierkissen. Rosa Topflappen, rosafarbene Badezimmerteppiche, rosa Handtücher sowieso. Sie wollte nach der dreißigjährigen, nicht immer glücklichen Ehe und nach dem langen Sterben meines Vaters wieder ein junges Mädchen sein, das unschuldige junge Ding von damals, das wohlbehütet aufgewachsen die Geheimnisse des Lebens noch vor sich hatte. Und doch entkam sie in ihrer rosafarbenen Welt nicht der Realität des Alters, das mit kleinen Gebrechen und dem Wegsterben der Freunde und Bekannten erbarmungslos war. Neben den neu gerahmten Bildern aus ihrer Kindheit und Jugend vergilbte und verstaubte das Bild meines Vaters auf der Anrichte.

»Löhlein mein Name. Angenehm. Sie sind sicher der Herr Sohn. Ihre Frau Mutter hat mir schon viel von Ihnen erzählt.«

Da stand er, leicht eingeknickt, vom Couchtisch mit dem rosa Zierdeckchen am Geradestehen gehindert. Er trug eine hellblaue Hose mit perfekter Bügelfalte, ein weißes Hemd, einen dunkelblauen Blazer mit goldfarbenen Knöpfen und eine Fliege, auf der – ich hätte es nicht erfinden können – Fliegen abgebildet waren, Stubenfliegen. Er hatte die schlanke Figur meines Vaters, einen gepflegten, kurz über den Lippen gestutzten Schnauzer, darüber eine markante Nase, grauweiße Haare, so daß mich seine ganze Erscheinung an Hans Albers erinnerte, der ein Idol meiner Mutter gewesen war. Eine stattliche Erscheinung, braungebrannt, drahtig, altersfroh irgendwie, aber auch leichtfüßig, leichtgewichtig, einen Hauch windig. Erfüllte sich da für sie der Jungmädchentraum im Auftauchen eines alten Hans Albers? Zu schön, dachte ich.

»Ich bin Karl«, sagte ich und gab ihm die Hand.

»Das weiß ich, junger Mann!«

Ich war damals achtundvierzig und fand es in Ordnung, daß der etwa Achtzigjährige mich junger Mann nannte.

»Das ist Luisa, meine Frau«, sagte ich.

Er trat behende einen Schritt beiseite, um den ihn behindernden Couchtisch zu umgehen, stand dann kerzengerade, fast steif da und gab Luisa einen perfekten Handkuß.

»Meine Verehrung, Madame«, sagte er.

»Madame!« flötete meine Mutter, ihre Unsicherheit überspielend. Ich merkte, daß sie diese Situation gerne vermieden hätte. Doch wir waren über eine Stunde zu früh gekommen, hatten sie überrascht, ehe sie ihren neuen Freund, oder was auch immer er war, hatte loswerden können.

»Madame, das haben Sie zu mir noch nie gesagt, Herr Löhlein!«

Er lächelte fahrig, überging ansonsten ihren Einwurf und machte sich daran, aufzubrechen.

»Setzen Sie sich doch, Herr Löhlein.«

»Nein, nein, danke, aber –«

»Ich mache uns Tee!«

»Ich muß –«

»Das ist Luisa, meine Schwiegertochter«, sagte meine Mutter überflüssigerweise.

»Oh –«, sagte er.

Er hatte sich nach kurzer Unsicherheit wieder gefangen und wollte uns zeigen, wie sehr er bereits dazugehörte.

»Oh, die Familienverhältnisse sind mir ja durchaus bekannt. Ich muß gehen. Schön, Sie kennengelernt zu haben, so hat man doch die Personen zu den Geschichten, nicht wahr.«

Er gab mir einen kräftigen Händedruck, Luisa noch einen Handkuß und ging. Die Verabschiedung von meiner Mutter sahen wir nicht, denn sie fand im Flur statt. Ich merkte aber, daß sie froh war, ihn jetzt loszuwerden, daß ihre Einladung, zu bleiben, nur Höflichkeit gewesen war. Und auch er, da war ich mir sicher, war erleichtert.

Mit roten Aufgeregtheitsbäckchen kam sie zurück und entzog sich unseren fragenden Blicken sofort in die Küche, wo sie umständlich und laut klappernd Tee kochte.

Wir machten es uns in den Sesseln bequem, suchten flink und vergeblich den Raum nach Veränderungen ab, schauten uns an und mußten kichern, denn wir dachten beide dasselbe.

»Ein Löhlein macht noch keinen Brümmer«, flüsterte Luisa.

Da war es wieder, dieses Weißt-du-noch-Gefühl, das Menschen immer wieder haben, die sehr lange zusammen sind.

Es war in den frühen sechziger Jahren. Wir studierten beide in Berlin, waren frisch verliebt und übermütig und noch von den politischen Ereignissen verschont geblieben. Luisa wohnte in der Löhleinstraße und ich gleich um die Ecke in der Brümmerstraße. Und mit Löhlein und Brümmer trieben wir unseren Unfug, der nicht selten schlüpfrig war, uns aber jedenfalls prächtig bei Laune hielt und zu unserem Alltag gehörte. Wochenlang sagten wir Sprichwörter vor uns hin, die anderen Rätsel waren. Der Brümmer geht so lange zum Löhlein, bis er bricht. Ein Löhlein und ein Brümmer, die waren beide mein. Wer den Brümmer nicht ehrt, ist das Löhlein nicht wert. Lieber den Brümmer in der Hand als das Löhlein auf dem Dach. Was Löhlein nicht lernt, lernt Brümmer nimmermehr. Und so fort.

»Wer ist Herr Löhlein?« fragte ich mit der leichten Strenge, die ich mir angewöhnt hatte, seit meine Mutter versuchte, bei jeder Gelegenheit meinen Vater posthum in einem Maße zu kritisieren, daß man annehmen mußte, er sei der größte Irrtum ihres Lebens gewesen.

Sie setzte das Tablett ab, verteilte zusammen mit Luisa Teller, Tassen und Besteck, zündete ein Teelicht an und antwortete erst, als auch sie saß und wir alle Tee in den Tassen hatten.

»Ein feiner Mann.«

Dann schwieg sie, als wollte sie das Thema damit erledigt wissen. Luisa, in solchen Dingen liebevoller – nun, es war auch nicht ihre Mutter – oder auch listiger als ich, spann den Faden geschickt weiter.

»Das sieht man«, sagte sie und machte so der Mutter Mut.

Sie hatte ihn im Club der Berliner kennengelernt. Er war Hamburger, war nach seiner Pensionierung mit seiner Frau, einer Berlinerin, ins Kurbad gezogen, wie meine Mutter nach dem Tode meines Vaters auch, um dort den sogenannten Lebensabend zu verbringen. Seine Frau war ziemlich bald gestorben, und er lebte allein in der kleinen Wohnung. Im Gegensatz zu anderen Männern, so stellte mein Mutter fest, verwahrloste er nach dem Tod seiner Frau nicht, im Gegenteil, er war immer gepflegt und angenehm, ein Lichtblick aller Veranstaltungen des Vereins, ein charmanter Unterhalter, ein guter und fleißiger Tänzer, ein Mann, um dessen Gesellschaft oder gar Freundschaft sich, wie meine Mutter mit gewissem Erobererstolz erzählte, die vielen alleinstehenden Damen durchaus rissen.

Luisa verstand es immer wieder, durch geschickte Fragen den Redefluß meiner Mutter weitersprudeln zu lassen. So entstand das Bild eines Mannes, der jetzt im hohen Alter die Früchte eines von Fleiß und Vernunft bestimmten Lebens ernten durfte. Er stammte aus gutem Hause, die Eltern waren Kaufleute, und auch er, der einzige Sohn übrigens, war in die Fußstapfen seiner Vorfahren getreten und hatte die väterliche Firma – im Kolonialwarensektor, wie er sich wohl ausgedrückt hat – zu einer Blüte gebracht, in der sie auch jetzt noch, da ein Neffe die Geschäfte führe, erstrahle. Selbstverständlich, so betonte meine Mutter voller Bewunderung, verfüge Herr Löhlein heute über eine stattliche Rente, die es ihm erlaube, größere Sprünge als andere zu tun. So sei er auch bei gemeinsamen Unternehmungen, ob es nun um Essenseinladungen gehe oder um Theater- oder Konzertkarten, von einer edlen Großzügigkeit, worunter man sich aber um Gottes willen nichts Falsches vorstellen dürfe, was ihre Person betreffe. Da kenne sie durchaus die Grenzen des Anstands.

Überflüssig zu erwähnen, daß Herr Löhlein natürlich sein Leben lang nicht geraucht hat, dem Alkohol sparsam zugetan war und auch noch in seinem hohen Alter auf einen gesunden Lebenswandel achtete. Zu betonen, daß er ein Mann von feinsten Manieren war und stets wußte, was sich gehörte, war meiner Mutter mehrfach wichtig.

Luisa schaute mich immer besorgter an, denn sie ahnte, was in mir vorging: Ich spürte, daß wieder einmal, diesmal auf ganz subtile Weise, mit meinem Vater abgerechnet wurde, denn er war das Gegenteil von allem gewesen, was über diese neue Eroberung zu erzählen und an ihr zu loben war. Er kam aus einfachen Verhältnissen, war uncharmant und eckig, trank und rauchte sich seine Gesundheit zunichte, hatte nichts Vernünftiges gelernt, war ein lausiger Geschäftsmann und hatte meiner Mutter nur Schulden und eine so kleine Rente hinterlassen, daß sie auf Zuwendungen von uns angewiesen war. Daß ich meinen Vater mehr geliebt habe als meine Mutter, das stand immer zwischen ihr und mir. Und sie ließ auch keine Gelegenheit aus, zu betonen, daß ich meinem Vater doch in allem ähnlich sei.

Mir wurde es unbehaglich. Ich wollte plötzlich nichts mehr von diesem Hans-Albers-Verschnitt hören. Ich begann ihn schon dafür zu hassen, daß er meiner in diesen Dingen doch so prüden und verklemmten Mutter den Hof zu machen schien.

»So, dann krieg ich jetzt also einen neuen Papa«, sagte ich, um bewußt das Thema zu beenden, worauf meine Mutter ein trotziges Gesicht machte, die Tasse hart absetzte, das Teelicht ausblies, aufstand und begann, den Tisch abzuräumen.

»Wenn man euch mal was erzählt.«

Dann verstummte sie beleidigt.

Bald darauf gingen wir.

 

Im Auto bekam ich Streit mit Luisa, die mir klarmachte, daß ich doch froh darüber sein sollte, daß meine Mutter so einen Galan – ja, sie sagte Galan – hätte, der würde doch gerade mich, der ich mich nur ungern um meine Mutter kümmerte, wunderbar entlasten. Ganz zu schweigen davon, wie begrüßenswert es doch wäre, daß sie sich noch einmal quasi verliebt habe.

»Du glaubst –?«

»Wie auch immer. Er ist ihr wichtig. Er tut ihr gut.«

»Glaubst du, da läuft was?«

»Nein – sicher nicht – sie siezen sich ja noch – aber vielleicht nur vor uns.«

Meine Mutter, die froh war, als ihr Mann das – wie sie es einmal ausgedrückt hat – nicht mehr verlangte, würde sicher nicht mit siebzig mit einem achtzigjährigen Hans Albers ein Verhältnis anfangen. Nein, das wird schon im Bereich des galanten Verehrers und Freundes verharren müssen.

»Da kann man sich auch verdammt irren, denk mal an Hildchen«, sagte Luisa.

Hildchen, die Mutter meines Freundes Urs, war natürlich ein ganz anderes Kaliber als meine Mutter. Hildchen, die sich selbst so nannte, hatte schon drei Männer unter die Erde gebracht. Immer wieder hatte sie einen geheiratet, der älter und gebrechlicher war als sie, aber Geld hatte. Irgendwann starben diese Männer, und Hildchen war wieder etwas reicher. Vor einiger Zeit saß sie – damals etwa siebzig Jahre alt – mit Alfons, ihrem vierten Mann, bei ihrem Sohn in der Küche. Wir waren auch da, es war ein lustiger Abend. Alfons, den sie Fonsi nannte, sicher um die Achtzig, ein gemütlicher, leicht einfältiger Bayer, fraß ihr aus der Hand, war stolz auf sie und pries immer wieder sein spätes Glück mit ihr. Und irgendwannn an diesem bierseligen Abend fiel der Satz, der uns erstarren ließ, den Fonsi aber Gott sei Dank nicht verstand.

»Wenn einer von uns beiden stirbt«, sagte sie, »dann ziehe ich nach Sylt.«

Fonsi lächelte sie glücklich an und streichelte ihre Hand.

 

In den Wochen nach dem Kennenlernen erfuhr ich wenig über Herrn Löhlein. Ich fragte nicht nach ihm, wenn ich mit meiner Mutter telefonierte, und sie erwähnte ihn nicht. Was ich erfuhr, kam von Luisa, der die Mutter sozusagen von Frau zu Frau erzählte.

Herr Löhlein war Lebensmittelpunkt für meine Mutter geworden. Man sah sich fast täglich, entweder bei ihr zum Tee oder im Café. Man blieb beim Sie, und man machte Tagesreisen mit Bahn oder Bus, manchmal auch mit seinem Auto. Man ging in Konzerte, ins Theater, zu Verkaufsveranstaltungen, wie sie meine Mutter liebte, und zweimal passierte, was zuvor undenkbar gewesen wäre: Ich wollte meine Mutter besuchen, aber sie hatte keine Zeit für mich, sozusagen keinen Termin für mich frei.

So vergingen drei Monate. Eines Tages sagte Luisa:

»Irgendwas stimmt nicht, sie hat am Telefon kein Wort von Löhlein gesagt. Ich glaube, es ist aus.«

 

Am Wochenende fuhren wir hin. Wir hatten uns ein Arrangement ausgedacht. Nach dem Tee würde ich verschwinden, um noch einen alten Freund zu treffen, so daß Mutter Gelegenheit hätte, sich bei Luisa, zu der sie Vertrauen hatte, auszusprechen.

Es war eine seltsam anmutende Teestunde. Mutter erzählte von einer Theateraufführung im Club der Berliner, erregte sich über eine lokalpolitische Posse, den Bau eines teuren Festspielhauses, und sagte, ich glaubte, nicht richtig zu hören:

»Ja, wenn dein Vater noch lebte, der würde ihnen was erzählen! Das konnte er. Der hat sich nichts gefallen lassen! Der hätte sofort eine Bürgerinitiative gegründet – wie damals gegen den Flughafen.«

Ich liebte sie für diese wenigen Sätze, mit denen sie zum ersten Mal seit dem Tod meines Vaters so etwas wie Anerkennung für ihn ausdrückte.

»Und Herr Löhlein«, sagte ich nach einer Pause, »wehrt der sich nicht?«

Sie versteinerte und sagte nur knapp:

»Ich möchte nicht, daß dieser Name in diesem Hause noch einmal genannt wird!«

Dann schwiegen wir, und ich verabschiedete mich.

 

Luisa holte mich bei meinem Freund ab.

Kaum saßen wir im Auto, fragte ich:

»Und, was ist mit Herrn Löhlein?«

Luisa lächelte wehmütig und erzählte mir, daß Herr Löhlein eines Abends, als er die Mutter wieder einmal nach dem Theater nach Hause gebracht hatte, nicht an der Tür nach einem Handkuß gehen wollte. Er habe gezögert, habe sie im Gesicht und am Hals gestreichelt und ihre Hände genommen, und sie habe ihn gefragt, was ihm denn einfalle, ob etwas mit ihm nicht in Ordnung sei. Da habe er gesagt:

»Kater sucht Kätzchen.«

Ich mußte lachen.

»Ohgott, das meiner Mutter!«

Daraufhin, erzählte Luisa weiter, habe sie ihn weggeschickt und jeden Kontakt zu ihm abgebrochen. Sie wollte von diesem Mann nichts mehr hören. Es sei schlimm genug, ihn sehen zu müssen.

Wir schwiegen.

»Brümmer sucht Löhlein«, sagte ich.

Aber wir konnten beide nicht darüber lachen.