Umschlag

Oliver Pautsch, 1965 in Hilden geboren, lernte in Solingen laufen, ging in Hilden zur Schule und studierte in Düsseldorf. Er lebt heute mit seiner Frau und drei Kindern in Köln. Wenn er behauptet, die Region besser als den Inhalt seiner Schreibtischschublade zu kennen, kann man ihm ruhig Glauben schenken. Der Autor hat in der Gegend viele Jahre lang Klaviere und Flügel transportiert. Das tut er noch heute – falls er nicht gerade Romane oder Drehbücher schreibt. Im Emons Verlag erschienen bisher die Hanna-Broder-Krimis »Tödliche Stille« und »Seelentöter«.

Dieses Buch ist ein Roman. Handlungen und Personen sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen sind rein zufällig.

© 2010 Hermann-Josef Emons Verlag
Alle Rechte vorbehalten
Umschlagzeichnung: Heribert Stragholz
Umschlaggestaltung: Tobias Doetsch, Berlin
eBook-Erstellung: CPI – Clausen & Bosse, Leck
ISBN 978-3-86358-012-4
Originalausgabe

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Von ganzem Herzen gewidmet
Inge Clemens
meiner ersten Lehrerin

Vorwort

 

Das Jahr 2010 steht in Hilden ganz im Zeichen von Wilhelm Fabry. Der berühmteste Sohn der Stadt wurde am 25. Juni 1560 im Gut »In der Schmitten« an der heutigen Ecke Berliner Straße / Schwanenstraße geboren. Er war der berühmteste deutsche Wundarzt seiner Zeit. Seine meist in lateinischer, aber auch in deutscher Sprache verfassten Bücher erschienen bereits zu seinen Lebzeiten in mehrfach überarbeiteten Auflagen und wurden auch nach seinem Tode immer wieder nachgedruckt. Seine Schriften fanden nicht nur in Deutschland und in seiner Wahlheimat Schweiz Beachtung. Teilweise wurden sie ins Französische, Englische und ins Niederländische übersetzt.

Selbst in englischen Publikationen wird Fabry als »father of german surgery« gepriesen.

Den 450. Geburtstag Wilhelm Fabrys hat die Stadt zum Anlass genommen, ein Fabry-Jahr durchzuführen, in dem Fabry und seine Zeit thematisiert und vorgestellt werden.

Insgesamt werden über 140 Veranstaltungen rund um Fabry, seine Zeit, Medizingeschichte und Gesundheit stattfinden. Über das ganze Jahr verteilt gibt es in Hilden an verschiedenen Veranstaltungsorten Ausstellungen, Vorträge, Lesungen, Theater, Konzerte, ein Festwochenende, einen Kongress, eine Frauengesundheitswoche und Kinderaktionen.

Die Idee, dass Oliver Pautsch als gebürtiger Hildener zum Fabry-Jahr einen Krimi schreibt, fand ich von Anfang an besonders reizvoll. Oliver Pautsch ist dabei nicht der Versuchung erlegen, eine weitere Bearbeitung des »Medicus« vorzulegen. Er hat es geschafft, mit seiner Kommissarin Hanna Broder eine spannende Geschichte um die »Fabry-Papiere« zu entwickeln, die lokale Ereignisse wie den Abriss des Sparkassengebäudes in der Mittelstraße im Jahr 2009 aufnimmt und nicht nur den ortskundigen Leser schon nach wenigen Seiten fesselt.

Die »Fabry-Papiere« sind ein wichtiger Bestandteil des Fabry-Jahres und werden sicher in manchem Gepäck für den Sommerurlaub 2010 zu finden sein.

Dr. Wolfgang Antweiler

Leiter des Stadtarchivs Hilden, Projektleiter des Fabry-Jahres 2010

Hilden, im Mai 2010

 

Vive ut vivas
Lebe, damit du leben mögest

Auf Wilhelm Fabrys Grabstein in Bern

 

Hanna Broder war merkwürdig gelassen für jemanden, der fünf Pistolenschüsse auf einen anderen Menschen hatte ertragen müssen. Sie fühlte sich erlöst.

Den gewaltsamen Tod eines Menschen mitzuerleben, und sei es ein überführter mehrfacher Mörder auf dem Weg zum Gericht, ist ein einschneidendes Erlebnis. Das wusste Hanna aus Erfahrungen, die sie im Laufe der Dienstzeit am eigenen Leib gemacht hatte. Erst als die Hauptkommissarin den Hasseler Forst Richtung Hilden durchquerte und die Stadtgrenze von Düsseldorf hinter sich ließ, atmete sie tief durch.

Konnte ich etwas dafür? Hätte ich es verhindern müssen? Nein. Für dieses Schuldgefühl bin ich definitiv nicht katholisch genug, dachte sie und öffnete das Fenster des dunkelblauen Opel Astra, den sie als Dienstwagen so leidenschaftlich verabscheute, wie man eine Sache nur hassen konnte. Kalte Luft fuhr ihr ins Haar und verwirbelte den Staub unzähliger Kollegen aus Teppichen und Polstern.

Wieso macht mir Striebeks Tod nichts aus? Bin ich so abgebrüht? Oder kommt der Schock erst noch? Hanna fühlte kein Mitleid mit dem Täter, der ihren Exmann als Geisel genommen und sowohl ihn als auch Hanna und den Kollegen Cocker fast getötet hatte. Sie durchsuchte ihr übermüdetes und überfordertes Gehirn nach Gefühlen, die sie nun bewegten. Keines davon hatte mit Genugtuung zu tun.

Die feuchte Waldluft roch würzig. Hanna ließ die Scheibe des Beifahrerfensters ebenfalls ganz in der Tür verschwinden. Der plötzliche Temperaturabfall würde sie wieder munter machen und auf andere Gedanken bringen, hoffte sie.

Vielleicht bin ich einfach nur erleichtert, dass Striebek endlich weg ist, dachte sie. Endgültig weg. Dieser Gedanke beunruhigte Hanna. Sie gab Gas, während sie auf der Lehne des Beifahrersitzes ein langes blondes Haar entdeckte. Ohne sich lange mit der Frage zu beschäftigen, von welcher Kollegin es sein konnte, klopfte sie mit der rechten Hand fest auf die Rückenlehne unterhalb des Haars. Eine beeindruckende Wolke aus Staub und undefinierbaren Kleinteilen wirbelte auf und wurde vom Wind aus dem Wagen gerissen.

Das gibt’s ja nicht, dachte Hanna. Sie war fasziniert, wie schmutzig der Wagen war, und hieb erneut auf die Lehne. Eine zweite, nicht minder starke Wolke verteilte sich innerhalb von Sekunden in der Luft.

Wahnsinn.

Hanna schlug noch drei viermal auf die Polster des Beifahrersitzes. Auf die Frage, ob sie wirklich nur vom Dreck fasziniert war und den Staub aus dem Stoff schlagen oder einem imaginären Gegner Schläge verpassen wollte, kam sie nicht. Ihr Telefon klingelte. Sie fummelte ihr iPhone aus der Lederjacke und erkannte den Anrufer als Werner Kürten, einen der Dienstgruppenleiter in der Hildener Polizeiinspektion Mitte. Gerade als sie das Telefon ans Ohr hielt, blitzte es rot.

»Scheiße!«, rief Hanna.

»Das beschreibt meine Situation hier vor Ort ganz gut«, antwortete die Stimme aus dem Telefon. Kürten klang extrem genervt. »Meuser latscht mir auf den Füßen herum, und ich stehe immer noch ohne dich auf dem Gelände der Sparkasse! Wo bleibst du?«

»Sorry, ich bin gerade geblitzt worden.« Hanna folgte einer Eingebung und dichtete diese Tatsache zu einer improvisierten Begründung um: »Weil ich es so eilig habe, zu euch zu kommen.«

Vor sich sah sie, wie jemand auf ihre Fahrspur trat und mit einer Kelle zum Anhalten winkte. Offensichtlich ein männlicher Schutzpolizist, jedoch ohne die erforderliche Dienstmütze, fiel Hanna auf.

»Wo bist du genau?«, wollte Kürten wissen.

»Hasseler Forst. Sag den Kollegen, dass ich es eilig habe«, verlangte Hanna.

Sie legte das iPhone auf den Beifahrersitz. Das vermaledeite blonde Haar klebte immer noch an der Lehne. Sie griff sich das Blaulicht vom Armaturenbrett und setzte es auf das Dach des blauen Astra. Die Zeit reichte leider nicht mehr, es noch einzuschalten, denn sie raste bereits bedrohlich schnell auf den Polizisten zu.

Hanna wechselte auf die Gegenfahrbahn, die zum Glück völlig frei war. Doch anstatt in Deckung zu gehen oder an den Straßenrand zu treten, wie es jeder vernünftige Mensch tun würde, hielt der Beamte die Kelle wie ein Kruzifix vor sich und trat auf Hannas Fahrspur, als wolle er einen Vampir bremsen. In letzter Sekunde riss Hanna das Steuer herum und raste schleudernd und recht knapp auf der rechten Seite an dem Polizisten vorbei.

Das Letzte, was sie sah, waren die weit aufgerissenen Augen des offensichtlich noch sehr jungen Kollegen. Sein Gesicht kam ihr nicht bekannt vor.

»Verdammt!«, schrie Hanna erschrocken.

Im Rückspiegel erkannte sie, wie der Beamte unverletzt von der Fahrbahn auf den Wanderparkplatz des Waldstückes stolperte. Die Kelle hatte den Vorfall ganz offensichtlich nicht überlebt. Ihre Plastiksplitter regneten auf die Straße. Hanna griff sich das iPhone vom Sitz und bellte hinein: »Bringst du den Frischlingen eigentlich nichts zum Thema Eigensicherung bei?«

Es dauerte einen Augenblick, bis Kürten antwortete.

»Wovon sprichst du?«

»Ich hätte den Knallfrosch, der mich anhalten wollte, gerade beinahe überfahren. Hab den noch nie bei uns gesehen. Ganz junges Gemüse …«

»Wir bilden im Moment nicht aus«, antwortete Kürten. Er klang beleidigt.

In diesem Moment sah Hanna im Rückspiegel, wie ein blau-silberner Einsatzwagen mit Blaulicht vom Parkplatz auf die Landstraße einbog.

»Jetzt folgen die mir auch noch! Pfeif die Kollegen gefälligst zurück!«, rief Hanna ins Telefon.

»Wir führen heute keine Verkehrskontrollen an der Hülsenstraße durch«, hörte sie Kürten sagen. Hannas nächster Blick fiel auf das Hildener Ortsschild.

»Oh nein. Scheiße!«

»Du wiederholst dich.«

Kürten beendete die Verbindung. Hanna gab Gas und raste am Ortsschild vorbei. Erst jetzt fiel ihr ein, das Blaulicht auf dem Dach einzuschalten. Als sie die Sirene hinter sich hörte, schaltete sie die eigene Sirene ebenfalls ein.

Hanna brauchte nicht in den Rückspiegel zu blicken, um zu wissen, dass der Streifenwagen, der ihr folgte, ein Düsseldorfer Kennzeichen trug. Auf die Idee, anzuhalten und die Lage zu klären, kam Hanna nicht. Erstens war es nicht mehr weit bis zum Gelände der gerade abgerissenen Sparkasse im Hildener Zentrum. Zweitens verlor Hanna nicht gern. Auch keine Verfolgungsfahrten, bei denen sie die Verfolgte war.

Also rasten die beiden Wagen »in voller Montur«, wie es unter Kollegen hieß, mit Blaulicht und Martinshorn Richtung Innenstadt. Dass es sich um eine Verfolgung handelte, war dabei nur den unmittelbar Beteiligten klar. Für alle anderen sah es aus wie ein eiliger Einsatz. Aus Hannas Sicht stimmte beides.

* * *

Ich hätte es wissen müssen. Der Tag hat schon beschissen begonnen, dachte Hanna und reckte ihre Hände gut sichtbar über das Autodach. Damit niemand von der Streifenwagenbesatzung auf der anderen Seite der Straße das Feuer auf sie eröffnete.

Der junge Beamte, den sie fast überfahren hatte, trug einen auffälligen Leberfleck oder ein Muttermal zwischen Oberlippe und Nase. Hanna war sich nicht sicher, ob das Mal den Eindruck von Ekel und Wut verstärkte oder ob der junge Mann, der mit gezogener Waffe auf sie zueilte, einfach nur kurz vor der Raserei, also der ohne Streifenwagen, stand.

»Hee, sachte!«, rief Hanna, als der Junge sie grob an den Astra drückte und durchsuchte.

Er schwieg verbissen, erinnerte sie an ihren Sohn Julian, wenn er Fernsehverbot oder Ausgangssperre erhalten hatte und sich ungerecht behandelt fühlte. Als der Beamte die Waffe in der Innentasche von Hannas patinierter Lederjacke der amerikanischen Traditionsmarke »Schott« ertastete und sicherstellte, beeilte sie sich zu sagen: »Marke und Dienstausweis finden Sie links oben in der Brusttasche, Kollege.«

Doch er machte keine Anstalten, Hanna weiter zu durchsuchen, sondern schlug mit der freien Hand auf das Dach des Astra. Das magnetische Blaulicht machte einen kleinen Hüpfer.

»Sie! … Verdammt! … Wollten Sie mich absichtlich über den Haufen fahren?«, kiekste der Junge mit überschnappender Stimme. Der Kerl schnappte vor Wut fast über, und seine Stimme tat es ihm gleich.

»Du bist mir doch in den Weg gesprungen wie ein übereifriger Kastenteufel!«, goss Hanna Öl ins Feuer.

»Was?«, brüllte der Polizist. »Ich werde Ihnen …«

»Berti, lass gut sein!«

Wenn seine etwas ältere Kollegin nicht beschwichtigend zur Hilfe geeilt wäre, hätte die Situation vor der Baustelleneinfahrt am Eingang der Fußgängerzone durchaus weiter eskalieren können. Aber da war zum Glück auch die sonore Stimme des Kollegen Werner Kürten, der, fast zwei Meter groß und in beeindruckend korrekter Uniform, aus dem Baustellengelände der Hildener Sparkasse kam.

»Immer mit der Ruhe, Kollege. Was liegt an?«

Hanna bemerkte, dass Kürten dem halb spuckend, halb mit überschlagender Stimme vorgetragenen Katalog an Anschuldigungen nur mit einem Ohr zuhörte. Der aufgeregte Beamte stapfte wie Rumpelstilzchen vor Kürten herum, der Hanna über dessen Schulter heranwinkte.

Dann wandte er sich dem geifernden Jungpolizisten zu: »Das ist ja alles höchst interessant und informativ. Allerdings muss ich die Angelegenheit wegen einer wichtigen Ermittlung leider erst einmal vertagen.«

»Wie bitte? Sind Sie noch ganz dicht?«, giftete der Beamte. Sein Muttermal zuckte angeekelt auf und ab. »Die fette Kuh wollte mich über den Haufen fahren!«

»Berti, jetzt lass doch …«, war seine Kollegin beschwörend aus dem Hintergrund zu hören.

Doch es war bereits zu spät. Nun brannten auch bei Hanna sämtliche Sicherungen durch.

»Wenn ich dich hätte erwischen wollen, wärst du jetzt ein Fleck auf meiner Windschutzscheibe, du Wicht!«, rief sie. Der Beamte namens Berti drängte sich an Kürten vorbei und ging auf die Kommissarin in der Lederjacke los.

Aus der Fußgängerzone traten mehrere Passanten näher an die Szenerie heran. Viele von den Schaulustigen hatten bereits eine Zeit lang von der Mittel- und Bismarckstraße dem Aufgebot an Polizei und Feuerwehr durch den Zaun hindurch zugesehen.

Doch dort war nicht mehr besonders viel passiert. Auf der Baustelle, die sich seit Monaten wie eine überdimensionale Wunde im Zentrum der Stadt ausgebreitet hatte, herrschte kompletter Baustopp. Und nun standen auch die Einsatzfahrzeuge der Ordnungskräfte nur noch um einen gelb-schwarzen Bagger herum, dessen Schaufel ungewohnt hoch in den Himmel gereckt und dort wie vor Schreck erstarrt war.

Der Baggerführer und einige Blaumänner standen rauchend auf der dem Rathaus zugewandten Seite hinter dem flatternden Absperrband der Polizei. Durch die für Neugierige in der blickdichten Folie extra angebrachten Gucklöcher in der Fußgängerzone waren nach dem spektakulären Einzug der Hilfskräfte mit Blaulicht und Sirene am frühen Morgen nun nur noch Warterei und Stillstand zu beobachten.

Also bedeutete der Aufstand am Eingang zur Baustelle eine willkommene Abwechslung für alle Beteiligten. Die Schaulustigen konnten beobachten, wie die leicht übergewichtige Frau in der Lederjacke den Angriff des jungen Polizeibeamten ins Leere laufen ließ, indem sie sich mit einer eleganten Drehung von ihm wegdrehte. Die ins Leere gehende kinetische Energie des Uniformierten nutzte sie, um ihn vor dem dunkelblauen Opel, der schon bessere Tage gesehen hatte, zu Fall zu bringen. Allerdings ohne dass sich der übereifrige Polizist beim Aufschlag auf das Verbundsteinpflaster allzu sehr verletzen konnte.

»Alle Achtung, nicht schlecht!«, meinte ein Mann mit zwei Aldi-Tüten zu einer neben ihm stehenden Frau mit Kinderwagen. Die nickte. Hinter den beiden klatschte jemand in die Hände. Das tat auch das Kleinkind im Kinderwagen.

* * *

Kürten konnte gerade noch verhindern, dass Hanna dem Idioten aus Düsseldorf bei dem Versuch, ihre Waffe zurückzuerobern, die Schulter auskugelte. Der Polizist am Boden schrie, während Hanna mit ihren obligatorischen Blundstones, den australischen Tretern mit Stahlkappe und dem geländetauglichen Profil, erst dessen Waffe wegkickte und den anderen Fuß dann auf seinem Rücken platzierte. Sie überdehnte den Arm des Mannes, bis er ihre Dienstwaffe kraftlos auf den Boden fallen ließ.

»Sofort aufhören!«, rief Kürten.

Er zerrte Hanna von dem Polizisten am Boden weg. Seine Kollegin half ihm wortreich auf und entfernte ihn vom Schauplatz, nicht ohne dass Berti »Dich krieg ich noch!« über seine Schulter rief und »Das wird ein Nachspiel haben!«.

»Du kannst jederzeit Revanche haben. Wenn du noch eine Abreibung willst!«, rief Hanna zurück.

In der Menge der Neugierigen waren Gelächter und vereinzelter Applaus zu hören. Offensichtlich stieß der erfolgreiche Widerstand der vermeintlichen Zivilistin gegen die Staatsmacht auf Gegenliebe.

Nicht so bei Kürten.

»Sag mal, bist du noch zu retten?«, zischte er, während er Hanna hinter die schützende Einzäunung der Baustelle zog.

»Das Letzte, was wir gebrauchen können, ist ein Skandal, weil du einen Kollegen umhaust!«

Kürten schob Hanna über den hellbraunen Sand der Baustelle. Das Gelände war schätzungsweise so groß wie ein Fußballfeld. Verschiedene Sorten Bauschutt waren säuberlich nach Arten geordnet auf der Itterseite des Geländes gestapelt worden. Baustahl, Holzbalken und mit erstarrtem Beton verklebte Schütten für die Baukräne standen herum.

Das gesamte Areal der ehemaligen Sparkasse lag vor ihr wie ein gigantischer Sandkasten. Drei Winter zuvor hatte die zugereiste Hanna die Schalterhalle des Geldinstitutes mit den groß gemusterten, abgelebten Teppichböden während einer Ermittlung zum ersten Mal betreten. Nun lag das Gebäude in sortiertem Schutt und penibel weggeräumter Asche. Bis auf …

»Das verdammte Treppenhaus steht ja immer noch!«, sagte Hanna düster.

Obwohl sie sich dem zweistöckigen Betonquader, dem Moniereisen wie nachlässig abgetrennte Schlagadern aus dem Baukörper ragten, von der anderen Seite her näherten, hatte sich Hanna das Bild einer gekreuzigten Frau für immer in ihr Gedächtnis eingebrannt.

Es war einer der brutalen Morde des Mannes gewesen, der am Morgen auf dem Weg zu seinem Gerichtsverfahren erschossen worden war.

»Wir können das Ding noch nicht abreißen«, sagte Kürten.

»Wegen dem Mord an Sally Abani?«, fragte Hanna leise.

Der Gedanke an die blutige Spur der Kreuzigung auf der anderen Seite des Quaders jagte ihr einen kalten Schauer über den Rücken. Sie wollte nicht an diesem Ort sein. Sie musste endlich von den Taten und Tatorten des Mannes, der sie gequält, verfolgt und mit dem Tode bedroht hatte, Abstand gewinnen – und wollte nicht. unmittelbar nachdem sie auf den Treppenstufen zum Gericht mit dessen Blut an den Händen zurechtkommen musste, erneut mit Striebek und seinem Wahnsinn konfrontiert werden.

Eine kleine Verschnaufpause, mehr will ich ja gar nicht, dachte Hanna, während sie neben Kürten auf den letzten Betonklotz der Hildener Sparkasse zustapfte.

»Müssen wir auf die grausige Seite?«, fragte sie.

Kürten schüttelte eilig den Kopf, als ob er diese Frage von Hanna erwartet hätte.

»Keine Sorge. Du bist wegen einer anderen Sache hier.«

Hanna sah Kürten ungläubig an. Der nickte, schob Hanna über eine Stahlplanke und bog in ausreichendem Abstand vor dem Betonklotz rechts ab.

In Anlehnung an den Film »2001: Odyssee im Weltraum«, einen ihrer Lieblingsfilme, hatte Hanna den Betonquader insgeheim mit der Bezeichnung »gruseliger Monolith« bedacht. Sie war froh, die blutverkrustete Seite, an der Striebek das Opfer hatte ausbluten lassen, nicht noch einmal ansehen zu müssen.

»Bauarbeiter haben beim Ausheben der Grube für den Neubau der Sparkasse eine Entdeckung gemacht.«

»Was denn?«

»Bitte, hier hinunter.« Kürten flüsterte fast und ließ Hanna den Vortritt.

* * *

Man hatte eine provisorische Falltür aus Bauholzplatten und Scharnieren gebaut, die bereits unter der Feuchtigkeit zu rosten begannen. Die große Klappe stand weit offen, doch als Hanna die ersten Schritte auf der sandigen Treppe gemacht hatte, wurde es schon nach wenigen Schritten dunkel. Sie hörte Kürtens Stimme:

»Das Bauamt, das Amt für Denkmalschutz, alle haben sich hier schon auf den Füßen gestanden. Du weißt ja, wie die bürokratischen Mühlen mahlen …«

Hanna hatte Mühe, ihre vom hellen Mittagslicht geblendeten Augen dem fahlen Schein der auf Stativen stehenden Scheinwerfer anzupassen. Daher fühlte sie den glatten, ausgetretenen Stein der letzten acht Stufen eher, als dass sie ihn sehen konnte. Die Wände schienen aus uralten Ziegelsteinen zu bestehen. Erst langsam gewöhnte sie sich an die Dunkelheit. Leider zu spät, um einem Spinnennetz auszuweichen, das sich in ihren Haaren verfing.

»Wieso erinnert mich das bloß an meinen letzten Besuch in der Geisterbahn?«, dachte sie laut nach.

»Warte, ich gehe vor«, bot Kürten an. »Ich war schon ein paar Mal hier unten. Die Denkmalschützer haben mit Archäologen zuerst diesen Gang freigelegt. Der war komplett verschüttet.«

»Wenn mich nicht alles täuscht, sollten sich hier Tresorräume oder die Tiefgarage befinden. Und nicht Graf Draculas letzte Ruhestätte, oder?«

»Pass auf deinen Kopf auf«, riet Kürten ihr, als sie unten angekommen waren.

Hanna sah sich in einem Gewölbekeller um. Anderthalb mal drei Meter groß und nicht ganz hoch genug, dass sie aufrecht darin stehen konnte. Kürten, der fast zwei Meter groß war, musste sich wie der Glöckner von Notre-Dame krümmen und stieß dennoch an die gewölbte Decke. Er ging im Krebsgang zum Ende des Raums. Dabei streifte er sich latexfreie Einmalhandschuhe über und reichte Hanna ebenfalls ein Paar.

»Ist das wirklich nötig?«, fragte Hanna und sah Kürten ungläubig an.

»Ja, ist es. Du wirst schon sehen«, antwortete er und öffnete eine schwere Holztür mit vom Alter geschwärzten Eisenbeschlägen. Die Tür gab ein filmreifes Knarren und Ächzen von sich, als Kürten sie, mit der Schulter dagegengestemmt, unter Mühen öffnete.

»Ich komm mir vor, als wäre ich in einem Harry-Potter-Film gelandet«, murmelte Hanna. »Werner, wenn das hier wieder einer von euren Kollegenscherzen ist, dann bekommt ihr mächtigen Ärger.«

»Sag mal, wieso quasselst du eigentlich so viel?«, fragte Kürten amüsiert. »Kann es sein, dass du dich fürchtest? Nach dir …«

Er versuchte, Hanna am letzten Lampenstativ vorbei sanft durch die Tür in die Dunkelheit zu schieben. Doch sie hielt sich mit beiden Händen im Türrahmen fest. Ihre Handschuhe quietschten protestierend über das uralte Holz.

»Jetzt zier dich nicht so«, sagte Kürten lächelnd, während Hanna der Schweiß ausbrach.

Mit seinen gefletschten Zähnen ähnelte ihr Kollege und Freund mit einem Mal einem urzeitlichen Dämon, der im flackernden Licht von Pechfackeln einen Veitstanz aufführte, bevor er seine Beute in das Verlies warf.

Tatsächlich warf Hanna nur die Lampe um, daher das Flackern. Sie strampelte keuchend mit beiden Füßen, obwohl Kürten sie bereits losgelassen hatte und immer wieder ihren Namen rief.

Das Licht an der Tür verlosch mit einem Knall, und nur mit Mühe konnte Kürten Hanna daran hindern, ihre Dienstwaffe aus der Jacke zu ziehen.

»Hanna, mein Gott, Hanna! Jetzt beruhige dich. Was ist denn los? Hanna!!«

Sie bekam ihre Atmung in den Griff. Ein guter erster Schritt, um die Angst zu besiegen, hatte der Therapeut gesagt. Lange bevor sie ihn gefeuert hatte.

Erst die Atmung kontrollieren, dann die Sinneseindrücke verarbeiten. Und zwar einen nach dem anderen.

Kürten schrie immer noch auf sie ein und versuchte, sie wieder auf die Füße zu zerren. War sie ohnmächtig geworden? Nein. Aber in die Knie gegangen, ganz offensichtlich. Sie rappelte sich auf. Sie brauchte ein paar Sekunden, um sich zu sammeln. Ihre Lederjacke knirschte über die rötlichen Ziegel, aus deren Fugen müder Mörtel bröckelte.

»Ich mache Licht«, sagte Kürten.

»Es riecht so furchtbar muffig«, stöhnte sie atemlos.

Kürten stellte die verloschene Lampe wieder auf. Er murmelte, dass Hanna kurz warten solle, und verschwand hinter der Tür. Ein Luftzug hüllte Hanna mit einem modrigen Geruch ein, zusammen mit einer Duftnote, die sie nur zu gut kannte.

Der Hauch des Todes, dachte sie. Der Leichengeruch war viel schlimmer, als sie ihn in Erinnerung hatte. Hanna war bei Gerüchen besonders empfindlich. Im Raum hinter der Tür flackerten Scheinwerfer auf. Sehr viel Licht und ziemlich hell, das wunderte sie.

»Geht’s wieder?« Kürten erschien mit einer gleißenden Aura im Türrahmen.

»Ich habe … Platzangst«, gab Hanna als einfachste aller Erklärungen zur Antwort.

»Ehrlich? Das wusste ich nicht.«

»Du solltest mich mal in Fahrstühlen erleben«, sagte sie und lächelte schwach. »Oder in Heizöltanks.«

»Oh … äh, ja … verstehe.« Gegen das helle Licht hinter Kürten konnte Hanna nicht sehen, wie er von den Haarwurzeln bis zu den Fußspitzen errötete.

Natürlich, der Fall Steinberg, dachte er.

Hannas erste Ermittlung im neuen Job hatte sie bis in einen leeren alten Heizöltank gebracht. Kürten war zwar nicht dabei gewesen, wie Hanna einem alten Mann, der in diesen Tank gesperrt worden war, das Leben gerettet und sich selbst dabei in Lebensgefahr begeben hatte. Er konnte allerdings gut nachvollziehen, dass sie nach diesem Erlebnis enge, dunkle Räume mied. Und in genau so eine Situation hatte er sie gerade gebracht.

»Hör mal, es tut mir wirklich leid!«

Sie winkte ab. »Solange es sich nicht um einen Scherz, sondern um einen Job handelt.«

»Oh ja«, sagte er und brachte all seine Kraft auf, um die schwere Holztür weit genug aufzuschieben, damit Hanna sich ein Bild machen konnte. »Ein Job ist es wirklich.«

* * *

Der Leichnam lag auf dem Rücken. Die zottige Kopfbehaarung schien blond zu sein, soweit das unter dem Staub zu erkennen war. Sein kurzer Schnauzbart jedenfalls war es. Beide Arme lagen ausgestreckt auf dem Boden, und die Handflächen waren nach innen zur Körpermitte gerichtet. Die Beine waren ebenfalls ausgestreckt.

»Wie ist der hier heruntergekommen?«, fragte Hanna, als sie ein paar Schritte in den Raum gemacht hatte.

Die gleißende Beleuchtung konzentrierte sich auf den Körper am Boden. Sie ging in die Hocke.

»Ihr habt den Eingang doch gerade erst freigelegt, oder? Wie alt ist die Leiche überhaupt?« Hanna redete vor lauter Beklemmung schon wieder mehr als üblich. »Der sieht nicht aus wie eine Mumie. Ist das eine Jeans, die er da trägt? Eine Fünfnulleins von Levi’s? … Mann, ich muss schnellstens hier raus!«

Sie ging zu eilig aus der Hocke, sah erneut Sterne und taumelte zwei Schritte rückwärts. Kürten befand sich auf der anderen Seite der Leiche, daher konnte er Hanna nicht schnell genug zu Hilfe eilen, bevor sie in ein Regal knallte.

Eine Menge Staub und Mörtel rieselten auf sie hernieder, dann traf sie ein schweres, in Leder eingebundenes Buch an der Schulter, bevor es auf den Boden fiel und auseinanderbrach.

»Meine Güte, passen Sie doch auf!«, hörte Hanna eine vorwurfsvolle Männerstimme in feinem rheinischem Singsang.

Da ihr Kreislauf immer noch ein Feuerwerk in Schwarz-Weiß vor ihren Augen abfackelte, konnte sie den Entrüsteten nicht richtig erkennen. Sie machte einen Schritt zur Seite und trat auf das am Boden liegende Buch, stolperte und wäre fast gefallen. Doch dieses Mal war Kürten zur Stelle.

»Jetzt trampeln Sie nicht auch noch auf dem Folianten herum! Dieses Buch ist unersetzbar! Das ist eine Originalausgabe von Wilhelm Fabry!«

»Wer ist der Mann?«, stöhnte Hanna, als sie sich berappelt und endlich freie Sicht hatte. Der Mann trug einen hellen dreiteiligen Anzug mit Weste. Er wirkte in diesem Keller seltsam fehl am Platz.

»Wilhelm Fabry war ein Hildener Arzt aus dem sechzehnten Jahrhundert«, antwortete Kürten.

»Nein, nein, er war Chirurg«, fuhr der Anzugträger herrisch dazwischen. »Man bezeichnet Fabry heute sogar als den Mitbegründer der modernen Chirurgie.«

»Er war Arzt, sag ich doch«, beharrte Kürten.

»Aber er hat nie an einer Universität studiert und war nicht im Besitz einer Approbation. Damals wurde die Chirurgie als Handwerk betrachtet und der Zunft der Bader und Barbiere überlassen.«

»Operieren, rasieren und Haare schneiden?«, fragte Kürten.

»Wenn Sie so wollen, ja.« Der Mann im Anzug grinste nun heiter. »Während Fabrys Zeit praktizierten studierte Ärzte, die sich allerdings nur um innere Krankheiten der Bevölkerung kümmerten. Für die Versorgung von Wunden, für das Schröpfen, den Aderlass und Amputationen waren Chirurgen wie Wilhelm Fabry zuständig.«

»Werner, wer ist dieser Mann?«, präzisierte Hanna ihre Frage ungeduldig. In einem etwas schärferen Ton.

»Ich wusste, ihr würdet euch auf Anhieb verstehen«, sagte Kürten leise zu ihr. Dann fuhr er lauter fort und wurde offiziell: »Darf ich bekannt machen? Hauptkommissarin Hanna Broder, das ist Professor Doktor Holger Heckel.«

Eine feingliedrige Hand mit dünnen, spinnengleich langen Fingern wurde ihr entgegengestreckt. »Lassen Sie den ›Doktor‹ ruhig weg. Aber latschen Sie bitte nicht mehr auf den Büchern herum, ja?«

Hanna betrachtete den schmächtigen Mann im dreiteiligen Anzug schweigend, ohne seine Hand zu nehmen. Hätte sie sich entscheiden müssen, was ihr weniger gefiel, die irgendwie schnüffelnd anmutenden, mausigen Gesichtszüge des bebrillten Männleins oder sein sandfarbener Anzug in Kombination mit dem hellblau und weiß gestreiften Brokerhemd und der roten Fliege – die Wahl wäre ihr wirklich schwergefallen.

»Professor Doktor Heckel wird uns in diesem Fall unterstützen.«

So was haben wir früher auf dem Schulhof immer verprügelt, dachte sie, verkniff es sich jedoch, den Gedanken laut auszusprechen. Stattdessen machte sie einen anderen Fehler und unterbrach Kürtens Vorstellungslitanei mit dem Spruch, den der Bursche ganz offensichtlich nicht zum ersten Mal hörte.

Sie sagte in einem leicht arroganten Tonfall über Heckels Kopf zu Kürten: »Professor? Doktor? Das Kerlchen ist doch noch nicht mal trocken hinter den Ohren.«

Offensichtlich hatte das Doktormännchen eine ziemlich kurze Zündschnur. Holger »Lassen-Sie-den-Doktor-weg« Heckel sprühte in feinem Speichel Gift und Galle durch den Keller, den Hanna nicht nur aus diesem Grund so schnell wie möglich verließ.

Wieder an der Erdoberfläche, atmete sie befreit auf und blinzelte in die Sonne. Kürten folgte ihr ins Freie und wuschelte sich den feinen Mörtel aus den Haaren.

»Wieso grinst du so blöd?«, fragte Hanna, als sich die Staubwolke um Kürten gelegt hatte.

»Ich frage mich, wie du das mit dem Professor wieder hinbekommst«, antwortete Kürten.

Das Grinsen wollte einfach nicht aus seinem Gesicht verschwinden.

»Ich glaube nicht, dass ich mich eines Fehltritts schuldig gemacht habe. Dienstlich, meine ich.«

»Darum geht es nicht, Hanna.« Kürtens Lippen umspielte noch ein Restgrinsen, das Hanna sauer machte.

»Sagst du es mir heute noch?«

»Der Mann ist dir bei dieser Ermittlung als Berater zugeteilt, Hanna. Anweisung von oben.«

Kürten, ganz Pokerface, deutete mit dem Zeigefinger Richtung Himmel.

Hanna schloss die Augen und stöhnte leise, während hinter ihr der neue Partner blinzelnd ins Tageslicht trat und mit spitzen Fingern Staub von Jackett und Weste wischte. Sie wusste, dass Kürten mit seinem zweideutigen Fingerzeig nicht Gott, sondern den Leiter der Mitte, Jürgen Meuser, meinte. In ihrem Universum machte das keinen großen Unterschied.

»Scheiße«, murmelte sie. »Hättest du das nicht früher sagen können?«

»Du lässt mich ja nie ausreden«, sagte Kürten.

Da war es wieder, das Grinsen. Doch bevor Hanna ihm die Hölle heiß machen konnte, spähte Kürten diagonal über das Baugelände und quittierte die Ankunft eines Fahrzeugs an der Itterseite mit den Worten: »Ah, da kommt ja endlich die Spurensicherung …«

* * *

»Ich habe keine anderen Leute für diese Sache!« Jürgen Meuser, der Dienststellenleiter, stapfte durch sein Büro in der Polizeiinspektion Mitte an Hanna vorbei und setzte sich hinter seinen Schreibtisch. »Verschanzen« traf es eher.

»Wissen Sie, wie lange ich keine sechs Stunden mehr am Stück geschlafen habe?«

»Ich kann es mir denken, Frau Broder.«

»Können Sie sich auch denken, wie sehr mir der Fall Striebek an die Substanz gegangen ist?«

»Schon, schon …«, räumte Meuser ein und brachte eine Art verbindliches Lächeln zustande. Es sah jedoch eher so aus, als wäre am anderen Ende seines Körpers etwas in Unordnung geraten. »Mir ist völlig klar, wie sehr Ihnen die Tatsache zugesetzt haben muss, dass Ihr ehemaliger Lover aus Hass plötzlich stellvertretend andere Frauen tötet …«

Jetzt pass bloß auf, was du sagst, du aufgeblasener kleiner Fettsack, dachte Hanna.

»… und außerdem Ihren Exmann mit dem Tode bedroht. Wie geht es ihm? Ist er schon aus dem Krankenhaus entlassen worden?«

»Nein, noch nicht«, antwortete Hanna düster, der Meusers ungewohnte Anteilnahme den Wind aus den Segeln genommen hatte. Dann fiel ihr ein weiteres Argument ein: »Außerdem wohnt mein halbwüchsiger Sohn gerade bei mir. Ich muss mich um ihn kümmern! Wo sind denn Esser und Schulz? Können die das nicht machen?«

»Kollege Esser ist krankgeschrieben, und der Kollege Schulz hat Elternzeit genommen«, bedauerte Meuser.

»Wer hat den Fall auf der Baustelle denn vorher bearbeitet? Ihr habt doch da nicht den Deckel draufgehalten, bis ich in Düsseldorf fertig bin, oder? Wer war da vorher dran?«

Mit einiger Verwunderung sah Hanna dabei zu, wie Meuser hinter seinem Schreibtisch im schwarzen Lederstuhl zusammenzusinken schien.

»Das war der Kollege Jacobi«, sagte er leise.

»Der Neue?«, fragte Hanna. »Aber dann ist doch alles klar. Soll er die Kiste übernehmen. Und wenn es Probleme gibt, sehen Werner oder ich dem Kollegen Jacobi über die Schulter. Dann kann ich wenigstens erst mal kurz durchatmen, bevor …«

Es klopfte. Meusers »Herein« klang erleichtert. So als sei er froh, nicht mehr allein mit Hanna in seinem Büro sein zu müssen. Professor Doktor Holger Heckels Kopf erschien zwischen Zarge und Türblatt.

»Störe ich?«

Ja, dachte Hanna.

»Nein, gar nicht«, flötete Meuser und sprang auf. »Kommen Sie. Kommen Sie nur herein!«

Der spillerige Mann wieselte ins Zimmer und schüttelte Meuser die Hand. Da Hanna sich entschieden hatte, ihn nicht leiden zu können, bekam Heckel nur ein angedeutetes Nicken zum gemurmelten »Mahlzeit« von ihr.

»Darf ich vorstellen, das ist Professor Doktor Holger Heckel …«

»Ach, lassen Sie den ›Doktor‹ doch weg«, unterbrach Heckel Richtung Meuser.

Hanna würgte seine Floskel ab. »Wir kennen uns«, gab sie eisig bekannt. Nur, um sich dann Heckel zuzuwenden: »Sagen Sie mal, wieso promovieren Sie eigentlich, wenn Sie niemand mit Ihrem Titel ansprechen soll?«

Heckel machte ob der Unhöflichkeit eine kurze Pause, bevor er leise antwortete. »Nun, Frau Broder. Ich habe meine akademischen Grade für Forschung und Lehre erworben. Ganz sicher nicht dafür, dass man mir wegen meiner Titel in den Hintern kriecht.«

Ein Punkt für dich, dachte Hanna. Meuser zuckte getroffen zusammen, als sei er gemeint, und setzte sich.

»Nehmen Sie es mir nicht übel, aber Sie sehen aus wie sechzehn, Doc«, versuchte Hanna eine neue Provokation.

»Dabei bin ich doppelt so alt«, gab Heckel gelassen zurück. »Das müssen meine guten Gene sein.«

Man kann ihn besser aus der Ruhe bringen, wenn man auf alten Büchern herumtritt, dachte Hanna. Na gut, das werde ich mir merken.

»Professor, ich meine, Herr Heckel war der jüngste Lehrstuhlinhaber an einer deutschen Universität«, warf Meuser ein, der die ganze Situation mangels menschlichen Einfühlungsvermögens völlig falsch einschätzte. »Sie werden seine Hilfe in diesem Fall gut gebrauchen können. Ich habe daher …«

»Nein«, sagte Hanna zu niemand Bestimmtem im Raum.

»Wie bitte?« Meuser stand wieder auf und räusperte sich.

»Sie haben mich schon verstanden.«

»Sie bekommen auch ein anderes Auto, Frau Broder«, versuchte Meuser Hanna zu ködern.

»Mahnen Sie mich ab, schmeißen Sie mich raus. Ist mir völlig egal. Aber die Antwort ist ›Nein‹. Wenn Jacobi den Job begonnen hat, soll er ihn auch zum Abschluss bringen.«

»Frau Broder, das ist unmöglich«, sagte Meuser gequält.

»Wieso? Worum geht es denn hier?«, fragte sie.

»Um den wahrscheinlich größten historischen Fund der Hildener Stadtgeschichte nach dem Zweiten Weltkrieg«, erklärte Heckel.

Hanna hielt kurz inne, bevor sie sich wieder Meuser zuwandte.

»Ja, und wenn. Dann sollen Jacobi und dieser Westentaschen-Indiana-Jones die Sache übernehmen.«

»Das geht eben nicht«, sagte Meuser mühsam beherrscht. »Hartmut Jacobi ist spurlos verschwunden.«

»Seit wann?«, fragte Hanna.

»Seit wir den Gewölbekeller zum ersten Mal betreten haben«, antwortete Heckel.