cover

Evan Kuhlmann

Nick_Titel.tif

Aus dem Amerikanischen
von Sabine Hübner

cbj_Logo_schwarz.eps

cbj ist der Jugendbuchverlag

in der Verlagsgruppe Random House

1. Auflage 2012

© 2012 der deutschsprachigen Ausgabe cbj, München

Alle deutschsprachigen Rechte vorbehalten

Text: © 2012 Evan Kuhlmann

Die amerikanische Originalausgabe erschien 2012 unter dem Titel

»Brother from a Box« bei Atheneum Books for Young Readers,

einem Imprint von Simon & Schuster Children’s Publishing Division.

Umschlag- und Innenillustrationen: © Iacopo Bruno

Übersetzung: Sabine Hübner

Umschlagkonzeption: init. Büro für Gestaltung, Bielefeld

MP · Herstellung: UK

Satz: Buch-Werkstatt GmbH, Bad Aibling

ISBN 978-3-641-09401-0

www.cbj-verlag.de

1.

Ich habe einen neuen Bruder.

Er heißt Nick.

Er traf vor sechs Wochen in einer großen Holzkiste ein.

Und damit fing der ganze Ärger an.

BOX_01a.tif

2.

Der Ärger fing an, als ich aus lauter Neugier die Kiste aufstemmte.

Und plötzlich war da ein Junge, der nervte. Aber eigentlich war es gar kein Junge.

Und plötzlich hatte ich einen Bruder, aber einen, wie ihn sonst niemand auf der ganzen Welt hat.

Und plötzlich waren meine Familie und ich quasi berühmt, obwohl das keiner von uns sein wollte.

Alles wegen Nick.

An manchen Tagen hab ich mich echt gefragt, ob ich ihn nicht irgendwie loswerden könnte. Ich hätte ihn zum Beispiel in den Comicladen in der 81sten Straße mitnehmen und ganz schnell weglaufen können. Aber ich bin sicher, Nick hätte nach Hause gefunden. Er hat nämlich ein super GPS-System.

Oder vielleicht hätte ich ihn heimlich nach Frankreich zurückschicken können. Aber wahrscheinlich wäre das Porto sowieso zu teuer gewesen, also

Hey, kauft ihn mir jemand ab? Er kommt in seiner eigenen Kiste. Macht mir ein Angebot. Bargeld? Videospiele? Ich höre.

3.

Der Tag, an dem Nick eintraf, begann eigentlich ganz normal. Ich wachte auf, ging zur Schule, versuchte was zu lernen. Aber als ich nach Hause kam, wurde alles völlig irre.

Ich hatte gerade mal wieder eine gruslige Begegnung mit dem verrückten Beagle zwei Häuser weiter überlebt – der blöde Köter hält sich für einen Pitbull – und war gerade aus dem Aufzug rausgekommen; ich hatte Hunger, auf einen Snack und das, was Ma meine »tägliche Portion« Fernsehen nennt. Und wen seh ich da neben einer großen Kiste stehen und an unsere Wohnungstür hämmern? Leon, den Hausmeister.

»Hallo?«, rief er. »Ich schleppe diese Kiste nicht noch mal rauf! – Hallo? – Jemand da?«

Dann bemerkte mich Leon. »Hier«, schnaufte er. »Paket für euch.«

Das hatte ich mir schon fast gedacht. Ich kramte meine Schlüssel raus, schloss die Tür auf und starrte die Kiste an. Sie war fast so groß wie ich und schien sehr schwer zu sein. Eigentlich hoffte ich, es wäre ein Geschenk für mich, aber wahrscheinlich hatten Ma und Pa nur irgendwas für die Wohnung bestellt, Möbel oder ein Haushaltsgerät. »Könnten Sie es reintragen?«, bat ich den Hausmeister.

Leon zog einen Flunsch. »Hab ich dir nicht von meiner Rückenoperation erzählt?«, fragte er, massierte seine Wirbelsäule, zuckte zusammen und streckte die Hand aus. »In solchen Fällen ist ein Trinkgeld durchaus üblich.«

Ich kramte in meinen Taschen, fand aber nur meine MetroCard, fünfzehn Cent und einen Kaugummi. »Könnten Sie meinen Pa anhauen, wenn Sie ihn das nächste Mal sehen?«, fragte ich.

Leon verzog das Gesicht und stampfte Richtung Lastenaufzug. Dieser Mann sieht einfach nie glücklich aus. Der Ärmste.

Ich zog die Schlüssel ab, taxierte die Kiste, umschlang sie mit den Armen und begann, sie in die Wohnung zu zerren, als wären meine Muskeln groß wie Wassermelonen und so eine Kiste zu schleppen das reinste Kinderspiel. Aber das Ding war vielleicht schwer! Was zum Teufel mochte da drin sein, ein Automotor?

Eine Bronzestatue von irgendjemand Berühmtem?

Ein Elefantenbaby?

Ein Elefantenbaby wohl eher nicht.

Als ich die Kiste endlich in der Wohnung hatte, schob ich sie noch ein paar Meter ins Wohnzimmer rein, stemmte mich dagegen und kippte sie rums! der Länge nach auf den Teppich. Hoffentlich war nichts kaputtgegangen!

»Aie!«

Unheimlich. Es klang, als hätte die Kiste »aie!« gesagt. Hörte sich wie ein Mensch an. Aber da es wahrscheinlich verboten ist, Menschen in Kisten zu verschicken, musste ich mir das Geräusch wohl eingebildet haben. Ma und Pa sagten ja immer, ich hätte eine hyperaktive Fantasie. Ihr könnt mir glauben, dass ist das einzig Hyperaktive an mir.

Also. Später hab ich dann erfahren, dass »aie!« das französische Wort für »aua!« ist. Aber in dieser Geschichte ist es noch nicht später.

Ich schlich um die Kiste herum und überlegte, was diese fremdartigen Worte bedeuteten, die auf das Holz gestempelt waren. Dann beugte ich mich vor und las das Adressetikett. Was auch immer das Paket enthalten mochte, es kam vom Institut de Intelligence Artificielle in Paris, Frankreich, per internationalem Expressdienst versandt an Dr. Matthew Rambeau, 224 West 83rd Street, Apt.10C, New York, New York, 10024.

Stimmt, ich wohne in Manhattan, aber denkt jetzt bitte nicht, ich sei so ein eingebildetes Reicheleutegör. Erstens bin ich kein bisschen eingebildet. Und zweitens trag ich nie besonders viel Geld mit mir rum, wie der Hausmeister bestätigen kann. Mein Pa ist Uni-Professor und meine Ma Sozialarbeiterin, wir sind also nicht stinkreich, nagen aber auch nicht am Hungertuch.

Was wollte ich

Ach so. Der Matthew auf dem Adresssetikett ist mein Pa, und das Dr. bedeutet, dass er studiert und einen Doktor in Computerwissenschaften hat.

Schöne Pleite. Ich hatte schon Hoffnung geschöpft, in der Kiste wäre vielleicht ein verspätetes Geburtstagsgeschenk von einem meiner Verwandten in Frankreich, wo Pa herkommt. Dort wird sein Name anders buchstabiert Mathieu – und ausgesprochen, als würde man mittendrin niesen: Ma-tjööhh. Ein neues Fahrrad oder gar ein Motorschlitten wären cool gewesen, aber stattdessen war es sicher nur Zubehör für meinen Pa, der ein absoluter Computerfreak ist. Ma sagt manchmal, wir besitzen genug PC-Motherboards, Bildschirme und Speichermodule, um ein Raketenabwehrsystem zu lenken.

Da die Kiste nicht für mich war, wollte ich in die Küche, um mir ein Käsesandwich heiß zu machen – aber plötzlich blieb ich wie angewurzelt stehen, als in der Kiste etwas laut und deutlich sagte: »Bonjour?« Und da fand ich die Kiste wieder interessant, denn diesmal schob ich es nicht auf meine hyperaktive Fantasie. Ich weiß, dass bonjour ein französisches Wort ist und hallo bedeutet. Meine Fantasie fantasiert bestimmt nicht auf Französisch.

Und dann sagte etwas in der Kiste: »Hola?«

Und dann sagte etwas in der Kiste: »Namaste?«

Und dann sagte etwas in der Kiste: »Salut?«

Und dann sagte etwas in der Kiste: »Goedendag?«

Und dann sagte etwas in der Kiste: »Jambo?«

Und dann sagte etwas in der Kiste: »Hallo?«

»Hallo«, sagte ich zu dem, was in der Kiste war, und überlegte einen Moment, ob ich vielleicht durchdrehte (das kann unter zu viel Stress passieren), weil ich Stimmen aus einer Kiste hörte und der Kiste sogar antwortete. Nächste Station: Manhattan, Heim für durchgeknallte Kids

»Ah, schön, dass Sie mich verstehen«, sagte das Ding in der Kiste, ein bisschen gedämpft. »Glücklicherweise enthält mein Sprach-Oszillator sechsundvierzig Sprachen. Comment allez-vous? Wie geht’s?«

»Mir geht’s gut. Und Ihnen?«, sagte ich. Ein kleiner Teil von mir fragte sich, warum ich eigentlich so höflich war. Ein anderer kleiner Teil fragte sich, was das Ding in der Kiste wohl als Nächstes sagen würde. Und der riesengroße Rest dachte: Da steckt ein lebendiger Junge in einer Kiste, die keine Luftlöcher hat.

Ich muss ihn retten, bevor er erstickt!

Ich rannte in die Küche und durchwühlte die Werkzeugschublade nach irgendetwas, mit dem ich die Kiste aufstemmen konnte. Während ich das tat, sagte das Ding: »Ça va bien, merci. Mir geht es gut, danke.« Und dann: »Bonjour?«

»Komme gleich!« schrie ich und dachte: Was hier gerade passiert, ist völlig abgefahren. Etwas Lebendiges, ein Mensch, war in dieser Kiste gefangen, und von weither, aus Frankreich, an unsere Adresse geschickt worden. Und ich redete mit ihm und plante seine Rettung!

Ich packte einen Hammer, rannte zur Kiste zurück, zog mit den Klauen ein paar Metallklammern heraus und fing an, die Bretter loszustemmen. Es schien, als dauere das eine Ewigkeit, und zwischendurch fragte das Ding in der Kiste, was ich mache, und ich erklärte es ihm. Und ja, mir war absolut klar, wie seltsam das alles war. Es kam mir fast vor, als sei ich im Leben eines anderen Kinds, während mein wirkliches Ich in einem anderen Universum einen Käsetoast mampfte und Zeichentrickfilme guckte. Mein Hirn rotierte.

Zuletzt warf ich zwei große Bretter beiseite und wühlte mich durch eine Schicht Holzwolle und Styroporchips, bis ein Junge auftauchte, von normaler Größe, in Luftpolsterfolie verpackt, die nur einen Teil seines Gesichts freiließ.

Total irre! Ich meine, wie würdet ihr reagieren, wenn ihr ein lebendiges Kind in einer Transportkiste finden würdet? Ich sah nur noch Sterne und vielleicht sogar ein paar Planeten, aber ich schwöre, ich bin nicht ohnmächtig geworden. Na ja, zugegeben, es hat nicht viel gefehlt.

»Alles okay mit dir?«, fragte ich den Jungen. »Kriegst du Luft da drinnen?«

Da der Junge etwas auf Französisch sagte, verstand ich ihn nicht. Ich wickelte die Luftpolsterfolie auf und mir blieb fast die Luft weg – der Junge in der Kiste sah irgendwie aus wie ich! Ein ganz ähnliches Gesicht, nur seine Haare waren heller und länger, und seine Augen blauer und seine Nase war ein bisschen stupsnäsiger als meine und … hmmm, irgendwas stimmte mit seiner Haut nicht. Sie war zu perfekt. Zu rosa und glatt. Ich zum Beispiel hab eine kleine Narbe über dem linken Auge seit dem Tag, wo’s mich geschmissen hat, als ich mit meinen Eltern durch den Central Park radelte: Ich wollte einem riesigen Haufen Hundekacke ausweichen, der auf dem Weg NICHTS zu suchen hatte. Ich riss den Lenker nach links, prallte gegen einen Stein und stürzte. Schon wenn ich dran denke, tut’s wieder weh.

Jedenfalls hatte der Junge in der Kiste keine einzige Narbe oder Schramme. Auch keine Sommersprossen oder Muttermale, Beulen oder Schrammen. Ich hätte ihn am liebsten gekratzt, damit er nicht mehr so perfekt aussah.

Aber seine Kleidung war ziemlich normal – ein rot-weiß gestreifter Pulli, Jeans, Socken und Turnschuhe – nur diese schwarze Baskenmütze würden Kids in Amerika niemals tragen. Keine Jacke, also musste er auf seiner Reise von Frankreich nach New York gefroren haben. Aber vielleicht hatten ihn die Holzwolle, Styroporchips und Luftpolsterfolie warmgehalten.

Während ich den Jungen in der Kiste anstarrte und mich fragte, warum man ihn aus Frankreich hergeschickt hatte und wie lange er bei uns bleiben wollte und ob ihn seine Familie schon vermisste und ob er hungrig und durstig war und wie er es geschafft hatte, während des Transports nicht aufs Klo zu müssen, und ob er Käsetoast mochte … wurden seine Augen plötzlich ganz groß und er zwinkerte ein paarmal, und ich hörte etwas wie das Sirren eines Ventilators oder als würde ein kleiner Motor anspringen.

»Mon dieu, mon enfant!«, sagte der Junge. »Mein Gott, Kind! Wo ist denn deine Kiste?«

4.

Ich strengte superkonzentriert mein Hirn an, um eine Antwort auf die Frage zu finden, wo denn meine Kiste sei. Vielleicht dachte dieser Junge mit der Baskenmütze, nachdem er ein paar Tage ohne Nahrung und Wasser in einer Holzkiste verbracht hatte, dass alle Kinder in Kisten lebten; wahrscheinlich hielt er mich für einen kistenlosen Freak, während er sich selber ganz normal fand.

»Ich lebe nicht in einer Kiste«, erwiderte ich, »aber es sieht cool aus und macht bestimmt Spaß.«

Nein, eigentlich glaubte ich nicht, dass es cool war und Spaß machte, in einer Kiste zu leben, aber ich wollte einfach nett sein, weil er aus einem anderen Kulturkreis kam. Ma sagt, es ist wichtig, zu allen Leuten nett zu sein, nicht nur zu Leuten, die aussehen wie wir und reden wie wir und riechen wie wir. Wahrscheinlich hat sie recht, außer wenn es um Mädchen geht. Zu Mädchen nett zu sein, geht voll gegen meine Prinzipien.

Also sagte ich zu dem Jungen: »Möchtest du vielleicht aus deiner Kiste rauskommen? Hast du Hunger? Ich kann uns was zu essen machen – magst du Käsetoast? Traubensaft? Wir haben auch Milch, aber Milch verschleimt mich. Verschleimt Milch dich auch?«

Keine Antwort von dem Jungen, der mich immer noch mit diesem grusligen Wo ist denn deine Kiste-Blick betrachtete. Er hielt ganz komisch den Kopf schief und tastete mich mit den Augen ab, von oben bis unten, von links nach rechts, als würde er mich lesen, wie man ein Buch liest. Dann dämmerte mir, dass ihm ja alles weh tun musste, nachdem er wer weiß wie lang in der Kiste eingesperrt gewesen war. Er brauchte meine Hilfe!

Ich streckte die Arme aus, um den französischen Jungen herauszuziehen. Schob die Hände unter seine Achselhöhlen und zog mit einem heftigen Ruck. Und plötzlich hielt ich die obere Hälfte des Jungen in den Händen, während seine Hüften, Beine und Füße noch in der Kiste lagen!

Neeeeiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiin!

Ich hab gerade den Jungen in der Kiste umgebracht!

Neeeeiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiin!

Ich konnte nicht mehr denken. Aber ich musste nachdenken.

Neeeeiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiin! Ich hab ihn umgebracht!

Neeeeiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiin!

BOX_02a.tif

Ich stand kurz davor, 112 zu wählen, als mein Hirn wieder ansprang und ich merkte, dass der Junge kein bisschen tot ausschaute und ich nirgends Blut oder Innereien sah. Und dann entdeckte ich zwei Kabel, die unten aus seinem Bauch herauskamen, die Art von Kabel, mit der man Spielkonsolen und DVD-Player an einen Fernseher anschließt.

Ein Junge mit Kabeln? Das war doch völlig abgedreht! Ich hielt ihn so weit wie möglich von mir weg. Am liebsten hätte ich ihn weit von mir geworfen und mich in meinem Schrank versteckt, bis Ma und Pa heimkamen. Sie wüssten, was zu tun war. Sie wissen immer, was zu tun ist.

Aber ich wollte dem armen Jungen ja nicht wehtun. Ich kicherte fast hysterisch vor mich hin – wehtun? Ich hatte ihn gerade in zwei Teile zerrissen! Als ich kicherte, lächelte mich der Junge an, als wüsste er gar nicht, dass seine untere Hälfte in der Kiste geblieben war. Bei Würmern hatte ich das ja schon gesehen, dass sie weiterleben, wenn man sie in zwei Teile zerhackt, aber noch nie bei einem Jungen!

Und das konnte nur eines heißen. Der Junge – Achtung, Trommelwirbel – war eine Fälschung. Eine Maschine! Ein Roboter! Megacool. Obwohl man ihn nicht als Geburtstagsgeschenk für mich geschickt hatte, war ich total aufgeregt. Wir besaßen einen sprechenden Roboter! Das würde ein Spaß werden. Das war viel besser als ein neues Fahrrad oder Schneemobil.

Ich setzte seine obere Hälfte auf den Teppich, holte seine restlichen Bestandteile aus der Kiste – Hüften und Beine in Jeans, Füße in Socken und Schuhen – und legte sie in der richtigen Reihenfolge nebeneinander. Alles roch neu: neue Jeans, neue Socken, neue Schuhe, neuer Junge.

Inzwischen schaute Nick mich komisch an.

»Êtes-vous d’accord?«, fragte er. »Alles okay?«

Wahrscheinlich sah ich so bleich und komisch aus, wie ich mich fühlte. Also klatschte ich mir ein paarmal ins Gesicht, um die Durchblutung anzukurbeln, lächelte, als ob alles in Ordnung sei, und schaute mich um, weil ich checken wollte, ob das vielleicht nur ein verrückter Traum war. Aber für einen Traum sah alles zu normal und langweilig aus. Alles, bis auf das in sechs Teile zerbrochene Roboterkind aus Frankreich.

»Mir geht’s gut«, antwortete ich. »Aber was ist mit dir? Du bist kaputt!«

»Qui«, erwiderte Nick, »und ich kann’s kaum erwarten, dass man mich wieder zusammensetzt, s’il vous plaît?«

Ich starrte auf den oberen Teil des Jungen und die Körperteile, die ich gerade aus der Kiste gezogen hatte. »Du bist ein Roboter, stimmt’s?« fragte ich.

Die Augen des Jungen zuckten, als denke er angestrengt nach. Später erfuhr ich, dass Nick im Kopf kein Gehirn hat, sondern einen hochentwickelten Axiom 96-Quad-Core-Prozessor und im ganzen Körper viele Mikroprozessoren und Sensoren. Aber es ist noch nicht später.

»Non, kein Roboter«, sagte er.

»Ein Android?«

»Non, kein Android.«

»Ein Cyborg?«

»Non, kein Cyborg.«

Mir fiel nichts mehr ein.

»Excusez-moi,« sagte der Junge. »Fragen Sie mich bitte, ob ich eine künstliche, gentechnisch optimierte, kybernetisch integrierte, bionisch modifizierte Lebensform bin.«

O-kayyy…« Bist du eine künstliche, genetisch … na ja, was du gerade gesagt hast?«

»Oui!«, antwortete er und lächelte schief, weil die linke Seite des Mundwinkels nach oben wanderte, die rechte sich aber kaum bewegte. »Modell Nummer NR M 2000-B, gerne zu Diensten.«

»Cool«, sagte ich. »Also, hm, hallo, Modell Nummer NR … äh, was hast du gesagt?«

»Modell Nummer NR M 2000-B, gerne zu Diensten«, wiederholte er.

»Bisschen lang!«, sagte ich. »Kann ich dich anders nennen? Wie wär’s mit …« Ich dachte nach, und der einzige Name, der mir spontan einfiel, war: »Nick? Übrigens, ich bin Ben.«

»Freut mich, dich kennenzulernen, Ben«, sagte der Roboter. »Mon frère.«

Wie ihr schon gesehen habt, bin ich nicht der Schlauste, aber ich weiß, dass mon frère »mein Bruder« bedeutet. Mein Bruder? Dieser verrückte Roboter war wohl falsch programmiert! Wenn man Schrottdaten eingibt, kommt auch Schrott raus, sagt mein Pa immer.

Aber ob falsch programmiert oder nicht, jedenfalls war Nick bestimmt ein cooles Spielzeug, wenn ich ihn erst mal zusammengebastelt hatte. Vielleicht konnte ich ihm sogar beibringen, mir Comichefte oder meinen I-Pod zu holen. Und mir beim Fernsehen Sandwichs zu bringen. Wow! Wow-Wow-Wow! Und meine Hausaufgaben zu erledigen – wenigstens meine Mathesachen, die mir meist ziemlich Kopfzerbrechen bereiten! Und tausend andere Dinge!

Ich hatte schon immer gedacht, wie toll es wäre, so reich zu sein, dass man sich einen eigenen Butler leisten kann. Ein Roboter-Butler namens Nick musste eben reichen.

5.

Ich fand Nicks Montageanleitung in der Kiste, aber nur auf Französisch. Fast keins dieser Worte war mir geläufig, bis auf die, die aussahen wie englische Worte, zum Beispiel attention – Achtung, was auf Französisch wahrscheinlich ganz ulkig ausgesprochen wird: a-teng-sjong.

Und endlich begriff ich, warum meine Ma unbedingt wollte, dass ich dieses Jahr Französisch belegte. Ich hab bisher immer protestiert und behauptet, in ganz New York gebe es vielleicht zwanzig Leute, die französisch sprächen. Spanisch sei angesagt, und ob wir nicht lieber bis nächstes Jahr warten wollten, wenn mein Gehirn gewachsen sei? O Mann, wenn sie Nick kennenlernte, würde ich was zu hören kriegen (Ich hab’s dir doch gesagt …) Mehr Französisch zu können, wäre jetzt superpraktisch gewesen.

Ich starrte auf die Montageanleitung, als würden sich diese komischen Worte dann schon irgendwann selbst entschlüsseln. Und plötzlich fiel mir ein, dass Nick es mir ja übersetzen konnte. Ich hielt ihm die Montageanleitung vors Gesicht.

»Kannst du mir das mal vorlesen?«, sagte ich zu ihm.

BOX_03.tif

»Oui!«, sagte der Roboter. »Félicitations pour l’arrivée de votre nouveau ….«

»Nein! Ich meinte, übersetze es mir bitte«, sagte ich.

Nick blinkte mit den Augen, verzog den Mund, ließ die Schultern kreisen und übersetzte dann die Montageanleitung. Der erste Schritt bestand darin, dass ich die Kabel, die aus seinem Bauch hingen, mit Kabeln in seinen Hüften verbinden und dann die obere Körperhälfte mit den Hüften zusammenschalten musste, und zum Glück fand ich auf der Rückseite der Montageanleitung ein paar Diagramme, auf denen ich sah, wie man das machte.

Obwohl es sich komisch anfühlte, befolgte ich die Anweisungen und verband die Kabel, drehte die Hüften in Nicks obere Hälfte und schraubte sie fest. Das war babyleicht, und Nick schien es nichts auszumachen. Er sang sogar ein Lied, während ich ihn zusammenbaute, von einem petit prince, der in einem grand château lebte. Petit prince hieß kleiner Prinz, und ein château war vermutlich ein Haus. Kleiner Prinz, großes Haus. Ich war mir nicht sicher, ob es sich lohnte, darüber ein Lied zu singen, aber hey, was weiß denn ich?

»Du hast jetzt Hüften«, sagte ich zu dem Roboter.

»Très excitant!«, meinte er, wirkte aber auch ein bisschen unruhig. Ich wäre wahrscheinlich auch nervös, wenn mich ein Zwölfjähriger zusammenbauen würde, der eine Zange nicht von einem Schraubenschlüssel unterscheiden kann. Am Ende montierte ich einen Fuß verkehrt herum. Und Nick würde beim Gehen jedes Mal einen Spagat machen.

Die nächsten Handgriffe in der Montageanleitung waren weniger gruslig, aber immer noch schräg genug. Ich musste seine Beine ins Hüftgelenk drehen und dann die Füße auf die Beine schrauben und festziehen, während Nick mir die ganze Zeit zusah.

Jetzt war das Ganze fertigmontiert, ein kompletter künstlicher Junge, aber er blieb auf dem Teppich sitzen.

»Weißt du, wie man läuft?«, fragte ich.

BOX_04.tif

Nick zuckte die Achseln, was ein quietschendes Geräusch erzeugte. Ich überlegte, wo Pa das Fahrradöl aufbewahrte. Hm, echt keine Ahnung.

Also sprang ich auf und zog Nick hoch – er war ein paar Zentimeter kleiner als ich. Der Roboter schien seine Füße zu testen und rollte die Sohlen ab, um zu sehen, ob er aufrecht stehen konnte.

»Tanz mir doch mal was vor«, sagte ich.

»Excuse-moi?«, fragte Nick, aber ich war ziemlich sicher, dass er verstanden hatte, was ich meinte. Wahrscheinlich stellte er solche Fragen nur, weil er sich vor etwas drücken und Zeit gewinnen wollte. Ich kenn das von mir. Ich gewinne zwar Zeit damit, aber irgendwann muss ich das, wovor ich mich drücken wollte, eben doch tun.

Bringen wir’s hinter uns, dachte ich. »Lauf!«, befahl ich dem Roboter.

»Qui.« Nick sah zu seiner Transportkiste hinüber, als wäre er lieber wieder da drin. Dann packte er meine linke Hand und machte einen wackligen Schritt mit dem rechten Fuß; dann einen wackligen Schritt mit dem linken Fuß.

»Comment fais-je?«, fragte er, und sein Stimmenmodulator machte die Stimme etwas heller, nicht ganz wie bei einem Mädchen, aber fast. »Wie bin ich?«

»Nicht schlecht«, sagte ich.« Aber versuch’s mal ohne meine Hilfe.«

Ich ließ Nicks Hand los. Er machte einen Schritt, schwankte und fiel aufs Gesicht. Bums!

»Aie!«, rief der Roboter und strampelte, um wieder auf die Beine zu kommen.

Superlustig! Das Gestrampel nutzte überhaupt nichts. Was soll denn das bringen, Dummi! Ich hätte fast ein paar von Nicks Darmschläuchen kaputtgemacht, weil ich so furchtbar lachen musste.

Ich bin eben nicht perfekt. Na ja, nicht so tragisch.

6.

Ich half Nick, bis er wieder alleine laufen konnte.

»Pardonne-moi«, sagte Nick, während ich ihm meine Laufkünste vorführte und quer durchs Zimmer marschierte. »Wie kommt es, dass du so wacker laufen kannst?«

»Jahrelange Übung«, sagte ich und zuckte die Achseln.

Und dann dachte ich an jene Szenen in Filmen und TV-Sendungen, wo Eltern ganz gefühlsduselig werden, wenn sie ihrem Baby bei den ersten Schritten zuschauen, und ich fragte mich, warum ich nicht ganz gefühlsduselig wurde, als ich Nick bei seinen ersten Schritten zusah, vor allem jetzt, wo er immer besser wurde.

Sind meine Gefühlsgene irgendwie beschädigt?, überlegte ich leicht besorgt. Ich bin kein besonders emotionales Kind und weine normalerweise nicht bei traurigen Filmen und all solchem Quatsch. Aber ich muss sagen, ich war schon ein bisschen stolz, als Nick dann zum ersten Mal durchs ganze Zimmer ging, ohne auf dem langen Weg zu stolpern oder sich irgendwo festzuhalten. Allerdings hörte ich, dass in seinem Bauch ein Ventilator ansprang, als sei seine Festplatte überlastet und brauche Kühlung. Roboterstress, dachte ich.

»Super«, lobte ich ihn. »Du bist ein Naturtalent!«

»Merci, Ben«, sagte Nick, kroch in seine Holzkiste und machte es sich auf den Styroporchips und der Holzwolle bequem. »C’est beaucoup mieux.«

»Äh … das hab ich jetzt nicht kapiert. Kannst du es übersetzen?«, fragte ich.

»Diese Worte bedeuten, dass es viel besser ist, wieder in meiner Kiste zu liegen«, sagte er, wieder mit diesem komischen schiefen Lächeln.

Nick ruckelte ein bisschen hin und her, damit sich die Styroporchips um seinen Hals verteilten, und irgendwie konnte ich verstehen, warum der Roboter in seine Kiste wollte. Es sah gemütlich aus, mit der Holzwolle und den Styroporchips, und außerdem gab es in der Kiste keinerlei Gefahren. Keine Terroristen, Räuber oder Schläger, oder Psycho-Köter namens Fleischwolf (!!!), die nach deinen Beinen schnappen, wenn du eigentlich nur nach Hause willst. Nein, in der Kiste gab es nur Nick, die Holzwolle und die Styroporchips. Irgendwie hätte ich auch gern so eine Kiste zum Reinkriechen gehabt.

Außerdem bekam ich allmählich irre Hunger auf einen Snack und überlegte wieder, ob ich für Nick und mich Käsetoasts machen sollte. Und plötzlich kam mir ein anderer Gedanke, und ich fragte mich, was dieser Roboterjunge hier eigentlich verloren hatte. Konnte es sein, dass Ma und Pa mich durch einen gut erzogenen Roboter ersetzen wollten, der immer brav sein Bett macht und das Zimmer aufräumt?

Aber bevor ich ernsthaft ausrasten konnte, wurde Nick plötzlich ganz schlaff und ging aus. Blinkte nicht mehr. Bewegte keinen Finger mehr. Keine Geräusche mehr vom Ventilator oder der Festplatte.

»Nick?« Keine Antwort. »Nick!« Immer noch keine Antwort.

Na toll, dachte ich, ich hab Nick gekillt. Hatte ich seine Kabel falsch verbunden? Oder war es zu viel Stress für ihn gewesen, gleich nach dem Zusammensetzen laufen zu müssen? Gerade noch rechtzeitig fiel mir ein: Es ist nur ein Roboter, eine Maschine. Vielleicht könnten wir ihn nach Frankreich zurückschicken, zur Reparatur, oder ein anderes Modell bestellen.

Ich hasse es, wenn neues Spielzeug gleich am ersten Tag kaputtgeht.

7.

Coco le perroquet aime manger des craquelins. Das Einzige, was mir auf Französisch einfällt, ist dieser Satz aus einem Bilderbuch, das mir mein Pa vorgelesen hat, als ich klein war. Die Worte bedeuten, dass Coco, der Papagei, gern Cracker isst.

Ich weiß zwar nicht genau, ob mir diese Information was nutzen wird. Aber egal!