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Titelseite

 

 

 

 

 

 

Für Dich.
Weil Du mich siehst.

Prolog

Für einen Flügelschlag unserer Seelen halten wir inne. Zeit löst sich auf. Alles wird ewig.

Gleichmäßig atmet mein Bauch gegen seinen, warm und lebendig. Seine linke Hand umfasst meine Wange, als er sich auf mich sinken lässt. Er ist mir nicht zu schwer. Niemals.

Langsam lichtet sich der Schleier seiner Augen, während er mich anschaut, staunend, als könne er nicht begreifen, was er sieht und fühlt. Ich habe schon lange aufgehört, es zu versuchen.

Sag es, denke ich und lasse meine Wimpern hinabgleiten, weil die Tiefe seines Blicks mich schwindlig macht. Bitte sag es … Oder – oder soll ich es tun? Soll ich jenes Fenster aufstoßen, durch dessen geschlossene Läden ich bereits das Licht blitzen sehe?

Mit einem Seufzen streicht er über meine Stirn. Rasch hebe ich meine Lider, doch der vertraute Schleier hat unsere Zeitlosigkeit überwunden. Seine Augen werden weich, dunkel und fern. Zärtlich schließt er meine Lippen mit seinen – und all meine Worte wandern zurück in mein Herz.

So dunkel die Nacht

Liebe kennt keine Vorschriften, keine Gesetze, keine Vorsichtsmaßnahmen und keine Tabus. Sie ist überall – in uns und um uns herum. Liebe siegt gegen die Vernunft und auch gegen die Angst – und sie folgt nur einer einzigen Logik –« Vater senkt die Lider, verharrt einen Moment in der Reglosigkeit und wirft dann einen feurigen Blick in die Gemeinde. Selbst ich, die diesen Blick bereits Hunderte Male gesehen hat, vergesse für ein paar Sekunden meinen Kummer und spüre, wie Mama neben mir den Atem anhält. Sie tut das noch immer, bei jeder Predigt und jeder seiner Reden. Es berührt sie. Zum Teufel, mich berührt es auch, sogar in diesen Stunden, wo jedes Wort über Liebe blanker Hohn zu sein scheint, als würde Vater nur ein hohles Sprachrohr Gottes sein, der mir pünktlich zu Heiligabend bittersten Kummer beschert und nun ausgiebig über mich spottet.

Vater hat beschlossen, dass seine Kunstpause lang genug war, und setzt erneut zum Sprechen an, die Arme ausgebreitet und ein feines, kluges Lächeln auf seinen schmalen Lippen.

»Liebe folgt nur einer einzigen Logik – der Logik unseres Herzens.«

Eine Logik, die ich weniger verstehe denn je. Ronia, du warst mal wieder so blind, so blind, strafe ich mich in Gedanken ab. Allerdings war das Timing dieses Mal niederschmetternd wie nie zuvor. Es ist ja nicht so, dass ich die Erfahrung an sich nicht schon gemacht habe. Ich könnte eine Doktorarbeit darüber schreiben. Thema: Woran merkst du, dass dein Freund dich verlassen will? Wenn er aus dem scheinbaren Nichts heraus anfängt, an dir vorbeizuschauen und deinen Blicken auszuweichen, beispielsweise. Geschielt hat Lukas gestern Nacht bereits, obwohl er vorher immer salbungsvoll behauptete, in meinen Augen versinken zu wollen. Jetzt brennen sie vor unterdrückten Tränen, sodass ich ständig blinzeln muss.

Ja, und dann bringen sie plötzlich keinen geraden Satz mehr raus, selbst am Telefon, wo sie einen doch gar nicht anschauen müssen. Sie fangen an zu stottern und zu stammeln und heute hab ich meiner Nummer vier den finalen Satz kurzerhand abgenommen. Ich kenne ihn schließlich auswendig. Also kam ich ihm zuvor und die Erleichterung war ihm selbst durchs Telefon deutlich anzumerken. Wie ich feststellen musste, ist das noch beschämender, als sie weiterstottern zu lassen.

»Du willst mich verlassen, oder?«

»Ja«, antwortete Lukas wie aus der Pistole geschossen und trotzdem dachte ich sofort: Nein. Nicht heute. Bitte nicht. Bitte, bitte nicht … Ich hab’s nicht nur gedacht, ich hab’s auch gesagt, erst fordernd, dann beschwörend, dann bettelte ich ihn an, zu mir zu kommen in die WG, jetzt, auf der Stelle – und es hat doch nichts geändert.

Schlussmachen an Heiligabend, das ist niederträchtig und sollte gesetzlich verboten werden. Aber ich ahne, warum er es heute durchgezogen hat. Um am Fest der Liebe seine Ex zu treffen und mit ihr das zu tun, was er eigentlich mit mir hätte tun sollen. Vermutlich war er nie richtig von ihr getrennt, sondern hatte lediglich eine »Beziehungspause« eingelegt – und währenddessen mal schnell die Ronia umgarnt und ins Bett gelockt. Schnell ist dabei wörtlich zu nehmen; er legte ein rasantes Umwerbungstempo hin – und die Sache an sich? Länger als zwei Minuten kann sie nicht gedauert haben und es lag nicht an mir.

Am liebsten würde ich mir die Finger in die Ohren stecken, denn Vater hört nicht auf mit seinem selbst gedichteten Hohelied der Liebe – es spielt keine Rolle, dass er vor allem die selbstlose Nächstenliebe meint und nicht die zwischen Mann und Frau.

Mir entweicht ein zittriges Seufzen, das sofort Mamas Aufmerksamkeit weckt und sie einen Augenblick von Vater losreißt. Besorgt sucht sie meinen Blick, doch ich versuche, so zu tun, als sei ich nur ergriffen von dem, was ihr Ehemann gerade mit hallender Stimme in die Gemeinde ruft. Aha, er ist beim heiligen Samariter angelangt, meiner früheren Lieblingskinderbibel. Unzählige Male habe ich sie durchgeblättert, draußen im Flur zwischen dem Bad und dem Schlafzimmer meiner Eltern. In meinem eigenen Zimmer hab ich fast nie gespielt; vielleicht so ein Einzelkinder-Ding.

Als ich diese Geschichte eines Nachmittags wieder auf dem Boden kniend las, sah ich zum ersten Mal in meinem Leben einen nackten Mann – meinen Vater. Nun ja, sehen ist übertrieben. Warnend und irritierend verheißungsvoll rief Mama: »Achtung, Papa ist nackt!«, und dann flitzte Vater in Windeseile vom Schlafzimmer zum Bad. So schnell, dass ich absolut nichts erkennen konnte, was von Bedeutung gewesen wäre. Heute bin ich überzeugt davon, dass das lediglich ein nach bestem pädagogischen Wissen ausgeheckter Plan war – die kleine Ronia soll ihren Vater mal nackt sehen, große Brüder hat sie ja keine. Und leider muss ich seitdem beim heiligen Samariter an unbekleidete Männer denken und an das, was man dabei sieht oder eben nicht sieht.

Welche Verse auch immer Vater heute predigt, sie werden mich mit jeder Silbe daran erinnern, was am Nachmittag geschehen ist, auch wenn ich seit diesem Desaster mit aller erdenklichen Anstrengung versuche, nicht daran zu denken. Immerhin, ich habe alles so durchgezogen, wie es unsere Tradition vorschreibt, business as usual, und noch scheint keiner von ihnen etwas gemerkt zu haben. Wie immer habe ich mit ihnen zusammen gegessen (Mama herausgeputzt wie zum Opernball, Vater in sich gekehrt und schweigend, da geistig schon beim Predigen), wir haben uns unsere Geschenke überreicht und uns leidlich darüber gefreut, mit Sekt angestoßen (worauf?). Dann ist Vater in die Kirche geflüchtet, während Mama sich für den Gottesdienst umzog und ich mit dicker Kehle und einem Knoten im Bauch auf mein Smartphone starrte, in der Hoffnung, es würde sich alles klären, »Sorry, Süße, hab überreagiert, ich vermisse dich, gib mir noch eine Chance« oder eine andere von Lukas’ gefühlsschwangeren Nachrichten – doch nichts. Schweigen.

Also das gleiche Prozedere wie jedes Jahr, seitdem Vater den Lichtergottesdienst halten darf. Stumm und angespannt wie vor einer Prüfung warten die Frauen des Hauses auf das Glockengeläut. Mama wird immer nervöser und ich werde immer stiller, bis wir endlich rüberlaufen, frierend in der Kirche sitzen und zu Vater aufschauen, als sei er der Nabel der Welt. Wenn wie ursprünglich ausgemacht Lukas neben mir sitzen würde, hätte ich damit nicht das geringste Problem. Dann wäre es schön, Vater ein wenig anzubeten und Mamas feuchte Augen zu registrieren. Selbst das Frieren wäre schön, weil man sich anschließend gegenseitig wärmen könnte und …

»Ronia? Ronia …« Mama stupst mich sanft in die Seite. Mit verschwommenem Blick bemerke ich, dass die Menschen um uns herum sich erheben. Der typische Gottesdienstgeruch nach Wintermänteln, klammen Gesangbüchern und Altfrauenparfüm wallt auf. »Du hast doch nicht etwa geschlafen?«

»Nein«, antworte ich knapp und schiebe mich durch die schmale Sitzreihe, bis ich den Mittelgang erreicht habe und Mama voraus nach draußen eile. Noch einen offiziellen Punkt hat dieser Abend, den ich überstehen muss – das allgemeine Pfarrersfamilie-Begutachten am Eingang der Kirche. Vater wird erst nach einigen Minuten zu uns stoßen, bis dahin müssen wir die Stellung halten. Wir werden von Pigmentflecken übersäte, schlaffe Hände schütteln und ununterbrochen lächeln müssen. Wie stolz ich früher dabei immer war – und wie elend es sich heute anfühlen wird.

Doch das Programm hat sich bewährt und es funktioniert. Ich lasse alles über mich ergehen, die ewigen Bemerkungen, wie groß ich doch geworden sei (ich bin einundzwanzig, ich wachse seit drei Jahren nicht mehr), wie sehr ich meinem Vater ähnlich sähe und wie schade es sei, dass ich nicht in seine Fußstapfen trete. Aber Archäologie sei sicherlich auch interessant. Dieser Satz klingt stets ein wenig mitleidig, als sei ich ein verirrtes Schaf, das noch nicht begriffen hat, dass das Gras inmitten seiner Herde am saftigsten schmeckt.

Doch es ist ausgerechnet Mama, die das Programm plötzlich umschreibt – gerade noch rechtzeitig, bevor Jonas uns erreicht. Geschickt zieht sie mich in eine der Nischen der neugotischen Außenmauer, in deren Schatten ich als Teenager eines Sommerabends hatte knutschen wollen, und schaut mich mit ihrem »Ich weiß alles«-Blick an. Verdammt.

»Er hat dich verlassen, oder?«

Ich nicke nur, die Augen von ihr abgewandt, ich will jetzt nicht heulen. Schließlich habe ich es die ganze Zeit geschafft, nicht zu heulen. Dann überstehe ich dieses Zwiegespräch jetzt auch noch.

»Das tut mir leid.«

Immer noch unfähig zu sprechen, zucke ich mit den Schultern. Ihr tut’s wirklich leid, ich weiß das, aber da ist noch etwas anderes in ihrem Tonfall – so als wäre sie froh, nun für mich da sein zu können und mich in ihre Obhut zu nehmen. Sollte sie nicht lieber wünschen, dass ich glücklich bin?

»Er war zu sensibel für dich, das hab ich an seinem Mund gesehen.«

»Zu sensibel?« Meine Stimme quietscht vor Empörung. »Zu sensibel, was soll das denn bitte heißen?«

»Er war dir nicht gewachsen.« Mama lächelt mich beschwichtigend an. »Ronia, dein Vater und ich sehen das nicht so, aber du weißt selbst, dass du nicht einfach bist.«

Oh Herr im Himmel, nun auch noch dieser überflüssige Hinweis. Nicht einfach. Ich hab noch nie einen einfachen Menschen kennengelernt – und schon gar keinen einfachen Mann.

»Liebling, ich meine das nicht abwertend! Aber vielleicht … vielleicht sagst du in Zukunft nicht immer sofort, was du denkst, und lässt sie auch mal gewinnen. Verstehst du? Man sollte ihnen nie zu sehr zeigen, was man auf dem Kasten hat.« Mama zwinkert mir verschwörerisch zu, was ihr gar nicht steht. Ich kann kaum glauben, was sie sagt.

»Du rätst mir, mich dumm zu stellen, Mama? Das kann nicht dein Ernst sein.«

Nun zuckt auch sie mit den Schultern, ohne zu antworten, streicht mir dabei aber tröstend über die Wange. Ich drehe mein Gesicht weg. Keine Zärtlichkeiten heute Abend.

Das Fatale ist – ich glaub, sie hat recht. Er hat es ja selbst angedeutet, als er Schluss machte. »Du bist halt so extrem.« Ja, das hat er gesagt, dass ich extrem sei. Möglicherweise extrem schlau oder extrem geschickt im Diskutieren oder extrem stur, sicher meinte er weder extrem hübsch noch extrem sexy. Das hätte er tolerieren können. Idiot. Doch am meisten verstörte mich, dass ich diesen Mann, der da vor mir stand und sich so vernünftig und unnahbar gab, plötzlich nicht mehr kannte. Er war ein anderer geworden. Oder ich hatte ihn nie richtig gesehen. Diesen Mann, den ich nun sah, wollte ich eigentlich gar nicht mehr in meiner Nähe haben.

»Es hat eben nicht jeder das Glück, mit zwanzig seinem Traummann zu begegnen«, spiele ich bibbernd auf die perfekte Ehe meiner Eltern an, die jenseits aller normalen Beziehungsfallen zu blühen scheint, und stopfe meine Hände in die Manteltaschen. Wie meistens an Weihnachten ist es nicht besonders kalt, aber es beginnt zu nieseln und ein ungemütlicher Wind bläst über den Kirchvorplatz. Seine Böen erreichen sogar die geschützte Nische, in der wir wie zwei Sündiger stehen und gedämpft tuscheln, während Vater damit beschäftigt ist, Hände zu schütteln. Plötzlich kann ich das alles hier nicht mehr ertragen, habe sogar den Wunsch, mir die Finger zu waschen, wenn ich an all die vielen fremden Menschen denke, die sie berührt haben.

»Du wirst deinen Traummann treffen, bestimmt. Vielleicht bist du ihm sogar schon begegnet und weißt es nur noch nicht.« Wieder ein Zwinkern – doch das hätte Mama sich sparen können, ich hab ihre Anspielung auch ohne künstlichen Gesichtskrampf verstanden. Jonas. Natürlich, sie meint Jonas, der es vermutlich auch schon weiß und mich suchen wird, um mich zu trösten. Doch dann werde ich mich erneut fragen müssen, warum ich ihm gegenüber nicht das fühle, was er schon lange empfindet – und alles dreht sich wieder in seinem ewigen, unverständlichen Kreis.

»Ich geh noch in die Stadt, Mama. Kann spät werden.«

»Jetzt? Aber … Ronia, morgen ist doch …«

»Ja, das Helfertreffen, ich weiß. Keine Sorge, ich werde da sein. Wie immer.«

Ich hab keine Ahnung, wie ich es durchstehen soll, von all dem falschen Lächeln und dem Nicht-Weinen tut mir mein Gesicht jetzt schon weh. Vielleicht sollte ich mich betrinken, denke ich, als ich die Kirche hinter mir gelassen habe – und dazu meine ratlosen Eltern. Mit einem Kater lässt sich manches besser ertragen als nüchtern, weil dann die einzige Sorge ist, die hämmernden Kopfschmerzen auszulöschen und nicht zu spucken. Außerdem habe ich seit Stunden nichts gegessen und vertrage ohnehin kaum mehr als ein Bier oder ein Glas Wein. Es wird schnell gehen und kaum etwas kosten – und es ist besser, als sich der Tatsache zu stellen, schon wieder sitzen gelassen worden zu sein. Führt das Schicksal eigentlich Liste? In meinem Kopf ist sie bereits fest eingebrannt – diese beschämende Liste meiner gescheiterten Beziehungen, auf die heute Abend wieder ein neuer Eintrag gesetzt wurde.

Trotz des Regens nehme ich sämtliche Umwege, die mir einfallen, all die schmalen Gassen, die ich früher gelaufen bin, um meinen Schulweg so oft wie möglich zu variieren, doch dieses Mal tue ich es, um Jonas abzuschütteln. Wir werden miteinander sprechen müssen, wenn er mich findet, und das werden wir nicht tun können, ohne auch über uns zu sprechen.

Leider bleibt mein Unterfangen ohne Erfolg. Ein paar Meter vor dem Eingang meiner liebsten und auch verrauchtesten Stammkneipe wartet Jonas wie ein Schutzpatron auf mich, bereit, mich sanft abzufangen und mit dem zu konfrontieren, was ich doch so verzweifelt zu vergessen versuche.

»Da bist du ja. Er hat dich verlassen, oder?«

»Wenn ich diesen Satz heute Abend noch einmal höre, schreie ich!«

»Du schreist jetzt schon. Hey, Kleine, es tut mir leid, ehrlich.« Wie perfekt er aussieht. Schick, aber nicht zu schick, immer noch kneipenfähig, doch gleichzeitig edel genug, um ihn auch mitten in der Nacht einer potenziellen Schwiegermutter vorzustellen. Dunkler Mantel, dunkle Jeans, den gestreiften Schal lässig gewickelt, der Pullover minimalistisch. Trotzdem regt sich nichts in mir, als ich ihn anschaue. Wie kann das sein? Was stimmt nur nicht mit mir? Kenne ich ihn schon zu lange und bin deshalb nicht mehr fähig, ihn so zu sehen, wie ihn die meisten anderen Frauen sehen würden? Vielleicht gäbe es diese Schicksals-Liste nicht, wenn ich mich in Jonas verliebt hätte. Dann gäbe es nur ihn. Sonst niemanden.

»Tut es dir wirklich leid? Keine Schadenfreude?«

Meine Frage ist überflüssig, ich weiß, dass er keine Schadenfreude empfindet.

»Natürlich freue ich mich nicht. Ich mach mir Sorgen um dich. Ehrlich.«

»Hat sie dich geschickt? Mama? Hat es sich etwa schon herumgesprochen?«

Lächelnd schüttelt er den Kopf und greift nach meinem Arm, um mich zur Seite zu schieben, bevor die drei angetrunkenen Männer hinter uns mich im Vorbeigehen rempeln können.

»Ich hab’s mir gedacht. Ronia – vielleicht …« Er zögert, um nach den richtigen Worten zu suchen. Eigentlich mag ich das an ihm, dieses Bedachte, Umsichtige, aber jetzt macht es mich nervös. »Gib nicht immer so schnell alles. Du hättest nicht so schnell so viel geben dürfen. Du machst das immer wieder, das ist nicht gut. Ich hab dir das schon so oft gesagt.«

»Ich bin kein Flittchen, falls du das meinst.«

»Flittchen …« Sein Lächeln entschwindet. »Ich meine nicht das. Ich meine dein Herz.«

»Ach, mein Herz.« Schniefend ziehe ich die Nase hoch.

»Du wirst drüber hinwegkommen, Ronia. Du wirst ihn vergessen.«

»Aber das ist es doch gerade!«, ereifere ich mich wütend. »Genau das ist das Erbärmliche an diesem Spiel! Ja, ich werde darüber hinwegkommen, ich werde mich wieder verlieben und wieder werden die gleichen Dinge gesagt, wieder schleichen sich all diese Gefühle hinein – ich will das nicht mehr, auch nicht dieses Darüberhinwegkommen! Was ist es denn dann überhaupt wert, wenn man immer wieder darüber hinwegkommt? Ich hab dieses Spiel so satt!«

»Bisschen leiser, bitte. Ronia … Du redest daher wie eine Achtzigjährige. Du bist doch noch so jung«, versucht Jonas mich zu beruhigen, doch er kennt mich gut genug, um zu wissen, dass er mir jetzt besser nicht zu nahe kommt.

»Mag sein, aber das war bereits Nummer vier, nicht mitgezählt all die Beinahe-Beziehungen, die gar nicht erst zustande kamen, obwohl sie sich im Balztanz beinahe das Rückgrat gebrochen haben. Was soll das? Warum macht ihr das?«

»Ich mache das nicht«, stellt Jonas mit sonorer Stimme klar. »Da fragst du den Falschen.«

»Aber du …« Bedauernd breche ich ab und blicke auf den schmutzigen Asphalt. »Es tut mir leid. Ich wünschte, es wäre anders, glaub mir. Aber du bist nicht der Richtige. Für alle anderen, aber nicht für mich.«

»War er es denn?« Wieder müssen wir zur Seite weichen, weil ein Trupp fröhlich plappernder Nachtschwärmer an uns vorbei zur Kneipe drängt. Wie ruhig Jonas bleibt, obwohl ich so ehrlich bin. Tun ihm meine Worte nicht weh?

»Ich dachte, dass er der Richtige ist. Ja. Hat doch alles gepasst«, antworte ich trotzig. Zumindest hatte ich mir das eingebildet … Lukas kommt aus einer guten Familie, studiert wie ich, spielt ein Instrument, hat vielseitige Interessen, ist attraktiv (abgesehen von seiner Nase, aber das fand ich verzeihlich). Wir konnten uns gut unterhalten, hatten Spaß, wenn wir miteinander ausgingen, hegten ähnliche Vorstellungen von der Zukunft und unserem Leben. Was hätte denn mehr stimmen sollen? Und trotzdem – gestern Nacht, nachdem wir miteinander geschlafen hatten, schlich sich mir ein mulmiges Gefühl in den Bauch und eine unbeantwortbare Frage in den Kopf: »Was jetzt? Was machen wir morgen, übermorgen, überübermorgen? Was tun wir mit all dieser Zeit?« Ich wusste es nicht. Und er begann, an mir vorbeizuschauen. Als enthielten meine Augen pures Gift.

»Ich will jetzt da runter«, beende ich die Diskussion, denn sie führt zu nichts. Je länger wir darüber reden, desto stärker werden meine Zweifel an mir und meiner Beziehungsfähigkeit. Keine einzige meiner Bindungen hielt länger als drei Monate. Ich kann gar nicht mehr genau sagen, ob es mir bei Lukas überhaupt um ihn als Mann ging oder um den verzweifelten Versuch, das hinzukriegen, was andere auch schaffen. Denn ich fühle mich zwar bestraft und erniedrigt, doch ich vermisse ihn nicht. Nein, das war keine Liebe, sondern ein Irrtum, also braucht es auch keinen Liebeskummer. Und erst recht kommt nicht infrage, dass ich Jonas für einen weiteren Beziehungsversuch missbrauche und er nach drei Monaten ebenfalls die Flucht ergreift. Dann hätte ich nicht nur einen zusätzlichen Eintrag auf der Liste, sondern meinen besten Freund verloren. »Wirklich da runter?«, hakt Jonas zweifelnd nach, als ich die schmierige Klinke herunterdrücke.

»Ja.« Heute Abend darf es keine schöne Kneipe sein. Mich zieht es in ein abgerissenes Ambiente. Das Outback ist wie geschaffen für frustrierte Heiligabend-Suffs.

»Ich weiß nicht, ich …« Jonas sieht kritisch an sich herunter. »Keine Ahnung, ob ich … hm.«

»Ich wollte sowieso alleine hineingehen.«

»Kommt nicht infrage. Es ist nur … Ach, egal, ich bin in Zivil und hab frei.« Ah, ich verstehe, er hat Angst um seinen guten Ruf als nettester Polizeibeamter der Stadt. Ich verdränge es immer wieder – dass er tatsächlich, wie damals großspurig im Sandkasten angekündigt, Bulle geworden ist. Manchmal erschrecke ich noch, wenn er mit Pistolenhalfter um die Schulter in der WG-Küche steht und sich eine Suppe kocht. Dabei versucht er, dem positiven Polizisten-Image als Freund und Helfer nachzukommen, wo es nur geht, und schafft es, selbst den aggressivsten Besoffenen binnen kürzester Zeit friedlich zu stimmen. Es müsste mehr Polizisten wie Jonas auf dieser Welt geben.

»Dann komm.« Aufrecht und forschen Schrittes geht er voraus, stößt die schwere Tür auf und klettert die steile Stiege hinunter. Rauch und abgestandene Luft schlagen uns entgegen, dazu dröhnt die Musik mit jedem Schritt abwärts lauter. Auf den Treppenstufen stehen rechts und links je ein flackerndes Teelicht, die einzige Erinnerung daran, dass Weihnachten ist. Ich war längere Zeit nicht mehr hier gewesen, doch die Kneipe präsentiert sich mir unverändert. Lukas mag das Outback nicht, zu schmuddelig. Wir hatten gemeinsam Studentenfeten besucht oder uns in schicke Bistros gesetzt. Doch nun fühle ich mich in dem undurchsichtigen Dämmer einer Raucherkneipe mehr zu Hause als an jedem anderen Platz.

Mit einem großen Schritt überhole ich Jonas und steuere die kleine, tiefer gelegene Tanzfläche an. Ich habe gesehen, dass mein Lieblingsplatz frei ist, ein schwarzer Sitzwürfel gegenüber der zweiten Treppe, die in einem Umweg und an den Toiletten vorbei zum Ausgang führt. Von diesem Würfel aus hat man die Tanzfläche und den DJ im Blick und muss sich den ganzen Abend keinen Zentimeter von der Stelle bewegen, ohne etwas zu verpassen.

Genau das werde ich tun. Sitzen bleiben und trinken, bis ich so daneben bin, dass ich nach Hause stolpern und schlafen kann.

Eine Weile verharre ich regungslos, den Hinterkopf an die schwarz gestrichene Wand gelehnt, die Augen geschlossen. Nur ab und zu nippe ich an dem Cocktail, für den ich mein Weihnachtsgeld angebrochen habe. Fünfzig Euro von Vater, wie jedes Jahr. Früher hab ich es in Büchern und CDs angelegt.

Jonas bleibt neben mir, ohne mich in meinem Rückzug zu stören, doch beim dritten tiefen Zug aus meinem Strohhalm merke ich, wie er sich plötzlich anspannt. Schläfrig öffne ich meine Augen. Die Tanzfläche hat sich belebt, doch Jonas’ Aufmerksamkeit liegt woanders – weiter oben, am Geländer der Treppe.

Nun spürt Jonas, dass ich seinen Blicken gefolgt bin. Er wendet seine Augen wieder ab, als sei sein Starren Zufall gewesen. War es aber nicht. Denn auf dem Geländer sitzt der interessanteste Entwurf Mensch, der mir seit Langem begegnet ist.

Es erfordert sicher einiges an akrobatischem Geschick, sich auf diese schmale Geländerstange zu drapieren, dabei cool rüberzukommen und sich nicht gleichzeitig die Eier zu quetschen. Entweder hat er das zu Hause trainiert oder er ist ein Poser-Naturtalent. Doch er sitzt nicht nur einfach da, er dreht sich dabei auch noch eine Zigarette, das Tabakpäckchen zwischen die Zähne geklemmt. Interessanterweise wirkt das nicht dämlich, sondern – ach, ich weiß es gar nicht genau. Hauptsache, es zieht die Blicke auf sich. Das, was er da oben veranstaltet, ist eine ausgefeilte Show, kreiert für all die unglücklichen verirrten Seelen hier, die heute Abend kein Wohnzimmer haben, wo sie mit ihren Lieben vor dem illuminierten Baum sitzen und selbst gebackene Plätzchen essen. Er ist über all das erhaben.

Das bist du doch, oder?, denke ich eisig und spüre, wie ein Glühen über meine Wangen wandert, als er seinen Blick hebt und mich damit streift – nur eine Sekunde, aber mitten durch das graugrüne Meer meiner Augen. Kenne ich ihn? Habe ich ihn schon einmal hier gesehen? Nein … nein, das habe ich nicht. Mein Kopf erinnert sich nicht an ihn, doch mein Herz erbebt, als würde es ihn erkennen. Etwas an ihm kommt mir vertraut vor, wie aus lange vergangener Zeit, doch kann ich es nirgendwo festmachen, weder an den in seine Stirn fallenden, lässigen dunkelblonden Strähnen noch an seinem leicht verächtlichen, aber weichen Mund, noch an seinem Körper, der aussieht wie gemalt. Verwundert mustere ich seine Gestalt. Der schwere dunkle Kummer in mir scheint dabei eine Tür zu öffnen, die mich mehr und tiefer sehen lässt als je zuvor. Da ist ein Raum in mir, von dem ich bislang nichts wusste – und dieser junge, fremde Mann besetzt diesen Raum binnen Sekunden. Weil er seine Weiten kennt.

Ratlos linse ich in meinen Cocktail. Geht es dieses Mal so schnell? Bin ich bereits betrunken oder fange ich vor lauter Seelenstress an zu fantasieren? In einem letzten Versuch von Disziplin richte ich mich kerzengerade auf und zwinge mich, ihn so abgeklärt wie möglich anzuschauen. Er ist nur ein fremder Kerl, der zufällig in der gleichen Kneipe gelandet ist wie ich, mehr nicht. Eingebildet ist er noch dazu – es kann nicht bequem sein, da oben zu sitzen. Er muss wissen, wie gut er dabei aussieht. Was für ein Angeber.

»Du solltest vielleicht mal aufhören zu starren«, schreckt mich Jonas’ Stimme auf. Sein Mund ist so dicht an meinem Ohr, dass ich seinen warmen Atem spüre. »Und wenn du schon starren musst, starre nicht ihn an.«

»Wieso? Werde ich dann mit einem Fluch belegt?«, flachse ich. Meine Zunge ist wirklich schon etwas schwer, aber geistig fühle ich mich wacher und klarer denn je. Alles ist so echt geworden, so intensiv. Auf eine mir selbst völlig unverständliche Weise finde ich es fantastisch, hier auf meinem Würfel zu sitzen und diesen Knaben mit seinem schlampigen Rockstargehabe anzuglotzen. Ich brauche nichts anderes. Mir ist sogar, als müsse ich auf ihn zugehen und ihm in die Augen schauen – jetzt sofort. »Der ist total stoned, siehst du das nicht?«, schreit Jonas in mein Ohr, denn nun wurde die Musik lauter gedreht und der DJ pfeffert uns Prince entgegen, When doves cry, der passende Soundtrack für diese Szenerie. Ich nehme einen tiefen Schluck durch den Strohhalm, dann leere ich das Glas in einem Zug, doch die Menge hat gereicht; ein Cocktail und ich bin bedient. »Er ist stoned und ich bin voll. Na und?«

»Ronia, bitte. Hör auf, Witze zu machen. Der Typ ist uns bekannt. Also – uns

Der Polizei? Das wird ja immer spannender.

»Wir haben den schon länger im Visier.«

»Aber offensichtlich nur das«, schreie ich zurück, ohne den Kerl aus den Augen zu lassen. Er hat seine Kippe erfolgreich fertig gedreht, schiebt das Tabakpäckchen zurück in seine hintere Hosentasche, wobei sich sein rechter Oberschenkel unter der knapp sitzenden Jeans anspannt, und beginnt mit gesenkten Wimpern zu rauchen. Ich bin versucht, Beifall zu klatschen, und kann ein spöttisches Grinsen nicht unterdrücken. Doch gleichzeitig suchen meine Augen in seinem Gesicht fast flehend nach einer Regung, die mich meint. Unberührt schaut er durch mich hindurch – also zurück zu Jonas und seinen Unkenrufen. »So schlimm kann es wohl nicht sein. Denn er sitzt ja hier und nicht im Knast, oder?«

»Hey, ich meine das ernst. Wir haben ihn wegen mehrerer Dinge im Verdacht. Sachbeschädigung, Anstiftung zu Prügeleien, außerdem wird er immer wieder am Tierheim gesehen, unten am Fluss. Keine gute Gegend.«

Wie jedes Mal, wenn Jonas davon erzählt, bin ich von leisem Erstaunen erfüllt. Unsere kleine, beschauliche Stadt am Fluss hat eine beachtliche Drogen- und Stricherszene. Angeblich ist sie eine Außenstelle für die Szenen von Mannheim und Ludwigshafen, weil die Dealer wissen, dass es bei uns weniger Razzien gibt. Jonas ist einer von jenen Polizisten, die das gerne ändern würden.

Ich bin damit aufgewachsen – mit dem Wissen, dass auf dem Marktplatz nachts gedealt wird, und den Warnungen, nicht alleine am oberen Flussufer herumzustreunen, schon gar nicht in der Dunkelheit. Ich hab es auch nie getan, aber für Johanna und mich gab es früher kaum etwas Aufregenderes, als sich möglichst nah an diese unsichtbare Grenze heranzuwagen. Etliche Sommernachmittage verbrachten wir auf den warmen Ufersteinen am Ende der Promenade und hofften, mal einen echten Drogenabhängigen zu Gesicht zu bekommen. Doch alles, was wir jemals entdeckten, war eine zerbrochene Einwegspritze und ein gebrauchtes Kondom (und Letzteres fanden wir eindeutig ekelhafter als die Spritze). Doch, ich kann mir vorstellen, dass dieser Typ in die Szene gehört und sich hier nachts auf dem Geländer abseilt, um seine ganz persönliche Art von Weihnachten zu zelebrieren. Ein gefallener Engel, der sich mit jeder Faser seines Seins dessen bewusst ist, wie verflucht schön er ist, auf eine abgerissene, unterschwellig sexuelle Art und Weise, das ja, aber trotzdem schön. Ich tu ihm den Gefallen, auf seine Show einzugehen und ihm das zu zollen, wonach er verlangt – ich kann gar nicht anders. Aber gleichzeitig durchschaue ich ihn, und wenn er nur ein bisschen Großhirnrinde im Schädel hat, sieht er mir das an. Vielleicht schäme ich mich morgen dafür, doch noch ist die Tür hinter meinem Kummer offen und der weite, leere Raum, zu dem sie führt, zieht mich mehr und mehr in seinen Bann, als wolle er mir etwas zeigen, das ich nie wieder vergessen darf.

»Ich glaub, wir beenden das hier besser.« Jonas klaubt das Glas aus meinen Händen, und bevor ich protestieren kann, hat sich der Typ vom Geländer gleiten lassen und ist im Dunkel des hinteren Treppenaufgangs verschwunden. Geht er aufs Klo? Oder etwa schon nach Hause? Nach Hause, was soll das sein bei einem Dealer, Stricher, Drogenkonsumenten und was er sonst noch alles ist, wenn ich Jonas Glauben schenke? Der hat kein Zuhause. Der will gar keins haben. Plötzlich kann ich meinen Mantel und meinen Schal nicht schnell genug überstreifen. Ich möchte ihn noch einmal sehen, nur kurz.

»Wie heißt der eigentlich, weißt du das?«, rufe ich in Jonas’ Ohr, während er sich den Schal um den Hals bindet. Anders als schreiend kann man sich nicht mehr verständigen.

»Er wird River genannt. In Wahrheit ist sein Name einfach nur Jan.« Verschweigt mir Jonas bewusst den Nachnamen? Doch ich unterbreche ihn nicht. »Er war ein paar Jahre weg, hat damals schon Ärger gemacht, in der Schule und ab und zu abends auf dem Marktplatz. Randale, Sachbeschädigung und so weiter. Seit einigen Monaten ist er wieder in der Stadt. Keine Ahnung, was er hier will. Von dem ist jedenfalls nichts Gutes zu erwarten.«

Ausnahmsweise schlucke ich meinen Kommentar herunter. Ein paar Jahre weg – er könnte sich doch verändert haben. Geläutert sein. Aber ich lasse Jonas sein Böse-Buben-Bild. Es passt ja auch zu dem, was ich beobachtet habe.

»Wie alt ist er?«

»Weiß ich nicht genau. Achtzehn oder neunzehn, glaub ich.«

Mir entfährt ein Kichern. Ich hätte ihn auf mindestens zweiundzwanzig geschätzt, in diesem Halbdämmer und angesichts seiner Coolman-Posen, doch vielleicht hab ich mich geirrt. Und vor dem soll ich mir in die Hosen machen?

»Lass dich davon nicht täuschen. Es geht das Gerücht um, dass er Frauen mit Geld gezielt um den Finger wickelt und dafür – na ja. Kannst es dir denken. Er macht einen auf Edel-Callboy. Vielleicht sogar auf die professionelle Tour.« Dass er seinen Körper zu Geld machen kann, ist etwas, woran ich keinerlei Zweifel habe, obwohl mir bei der Vorstellung flau wird.

»Was fragst du überhaupt so viel nach ihm?«, fährt Jonas fort.

Wir sind draußen auf der Gasse vor der Kneipe angelangt. Es regnet immer noch, feiner Niesel, den man in der diesigen Luft kaum sehen kann.

»Damit ich weiß, von welchen bösen Wölfen ich mich fernhalten soll«, erwidere ich ironisch und stelle fest, dass meine Worte trotz meiner schweren Zunge glasklar klingen. Noch immer fühle ich mich so wach, dass es beinahe schmerzt.

Für einen Moment blende ich Jonas aus und bin ganz alleine mit mir, meine Ohren sind in der jähen Stille der Stadt wie verschlossen, dafür spüre ich meinen Herzschlag umso deutlicher. Es ist, als wiege die Nacht mich sanft in ihren Armen und jage mir gleichzeitig Feuer durch die Venen.

»Ich will nicht nach Hause«, flüstere ich und hebe meinen Kopf zum Himmel. Ich bin gar nicht betrunken. In mir pulsiert es, so stark und ziehend, dass ich rennen möchte.

Dieser Abend ist noch nicht zu Ende.

Mein Leben fängt gerade erst an.

So leuchtend die Nacht

Wollten wir nicht … Ronia? Was ist los mit dir? Oh Mann, das gibt es nicht, ein Drink und du hast zu viel.«

Jonas’ Worte sind mir lästig, sie behindern mich in meiner Wahrnehmung. Auch seine Hand, die nach mir greift, ist mir zu viel. Ausweichend mache ich einen Schritt zurück, um wieder die Klarheit von eben zurückzuerlangen. Denn die brauche ich. Ich komme mir vor wie ein Panther, der eine Fährte aufgenommen hat. Unruhig blicke ich mich um, beinahe möchte ich den Kopf recken und durch die Nase die Luft einziehen, um etwas zu wittern – ihn zu wittern. River ist noch in der Nähe, ich spüre es. Ob das seine Schritte sind, die wir hören, ein, zwei Gassen weiter, gleichmäßig und hallend?

Mühsam widerstehe ich dem Impuls, Jonas mit dem Ellenbogen wegzuschieben, raus aus meinem Radar. Er stört mich, schon den ganzen Abend, ich hatte alleine ausgehen wollen und nicht mit einem Aufpasser. Jetzt macht mich seine permanente Gegenwart zornig.

»Was ist? Warum bleibst du stehen?«

Langsam atme ich aus. Seine Frage ist berechtigt, ich gehöre ins Bett und nirgendwohin sonst.

»Ich will nicht nach Hause«, wiederhole ich dennoch, was ich gerade schon gesagt habe, leise und zu mir selbst. Noch klinge ich beherrscht, beinahe friedlich, aber ich habe heute schon einmal bewiesen, wie schnell meine Stimmung umschlagen kann. Von weinend zu anklagend, von bettelnd zu strafend. Von klammernd zu übergriffig. Jetzt erst gelangt in mein Gedächtnis, was ich stundenlang verdrängt habe. In meiner bodenlosen Schmach hatte ich Lukas in mein WG-Zimmer eingeschlossen und den Schlüssel so fest umklammert, dass er es nicht schaffte, ihn mir aus den Fingern zu ziehen – ein verzweifelter Versuch meinerseits, umzuschreiben, was längst geschehen war. Irgendwann habe ich doch aufgegeben, ich kam mir schon vor wie eine Irre. Ich schloss die Tür auf und ließ ihn gehen. Ich wollte ihn ja gar nicht mehr. Ich wollte nur nicht sehen, was passiert war.

»Ronia.« Jonas Stimme ist voller Trost und Verstehen – und Liebe. Er möchte mir Schutz geben. Doch ich will diesen Schutz nicht, zum allerersten Mal. Lieber stürze ich mich in tausend unbekannte Gefahren, als den gewohnten Weg zu gehen. »Ronia, sei doch vernünftig, es ist drei Uhr in der Nacht, es regnet, du bist völlig fertig. Ich bring dich jetzt zu deinen Eltern oder ich nehm dich mit in die WG, wo wir noch bisschen fernsehen können und …«

»Nein!« Gerade wollte Jonas nach meinem Arm greifen, doch nun bleibt seine Hand in der Luft hängen. »Verdammt, Jonas, ich will alleine sein, kapierst du das nicht? Ich bin heute Nachmittag erst verlassen worden, ich möchte für ein paar Minuten meine Ruhe haben!«

Ich flüstere und schreie gleichzeitig, und doch ist da immer noch dieses freudige Wittern in mir, das mich fortzieht, fort von Jonas und allem anderen Vertrauten. Das Vertraute schmeckt bitter, ich will es nicht mehr.

»Okay. Gut. Du weißt, dass ich dich zu nichts überreden will. Dann sieh zu, wie du klarkommst.« Jonas bindet sich den Mantel zu, dreht sich um und macht ein paar unmotivierte Schritte von mir weg, als wäre das alles nur ein Test, um zu prüfen, ob ich es ernst meine. »Aber glaub bloß nicht, du kannst dich dann wieder bei mir ausheulen!«, ruft er, sobald ich mich aus meiner witternden Starre löse und flink in die andere Richtung bewege, die Gasse hinunter. Schon nach wenigen Metern beginne ich zu laufen.

»Es tut mir leid«, murmle ich, obwohl er meine Worte nicht mehr hören kann.

»Pass auf dich auf!«, brüllt er mir nach und mir ist klar, dass er schon in dieser Sekunde bereut, mich allein gelassen zu haben. Das geht völlig gegen seine Berufsehre. Doch vermutlich hat er Angst, dass ich mich vollständig von ihm abkapsle, wenn er mich verfolgt. Das will er auf keinen Fall riskieren. Er ist dein Prinz, hat Johanna kürzlich erst zu mir gesagt – der Prinz aus dem Märchen, auf den doch alle Mädchen heimlich warten. Ja, mag sein, und wahrscheinlich liebt er mich sogar aufrichtig.

Aber ich will …

Da. Er ist es. River. Ich habe ihn gefunden. Ruckartig bleibe ich stehen und warte, bis mein Atem leiser wird. Der Regen perlt seidig auf mein Gesicht, während ich hellwach auf seine Silhouette starre. Jonas hatte recht, er muss etwas genommen haben und wahrscheinlich war es nicht nur ein Joint. Dabei läuft er sicher, da ist keine Gefahr zu fallen und doch befindet er sich nicht mehr in dieser Welt. Unter seinen harten Sohlen liegt Watte, grau und weich.

Wohin zieht es ihn so spät in der Nacht? Stimmt es, was Jonas vorhin andeutete – dass er sich draußen am Tierheim rumtreibt? Sich außerdem reifere Frauen anlacht und von ihnen aushalten lässt, solange er mit ihnen schläft? Wenn er Drogen nimmt, muss er sie bezahlen, das würde also Sinn ergeben. Doch trotz seines leicht abgerissenen Charmes wirkt sein Körper auf mich gesund und stark, ganz anders als die der Junkies und Methadonjünger, die sich manchmal in der Nähe des Marktplatzes herumdrücken, die Wangen eingefallen und die Augen tot. Welche Farbe seine Augen wohl haben? Der ziehende Wunsch, in sie hineinzublicken, schwächt sich während meiner Vernunftgedanken nicht ab, nein, sie nähren ihn sogar. Vielleicht sollte ich es einfach versuchen – und dann erkennen, dass da nichts Vertrautes zwischen uns ist und ich mich geirrt habe. Und wenn doch, dann – dann ist vielleicht alles, was vorher war, eine Nichtigkeit, die nie wieder wehtun kann.

Jetzt wage ich es weiterzugehen. Der Abstand zwischen uns ist groß genug, ihm dürfte also kaum auffallen, verfolgt zu werden – falls er überhaupt noch etwas wahrnimmt von all dem, was um ihn herum geschieht. Meine Sinne hingegen scheinen überscharf geworden zu sein. Ich glaube sogar die Regentropfen zu hören, die winzig und fein auf meine Wangen und meinen geöffneten Mund perlen. Süß schmecken sie. Sie machen mich durstig, während der Wind den tiefen Hunger in meinem Bauch zur Bestie werden lässt.

Alles ist besser, als nach Hause zu kommen und begreifen zu müssen, was heute geschehen ist. Nein, ich möchte in der Nacht bleiben, schwarz-weiß und reduziert. Weder Vergangenheit noch Zukunft. Nur der Regen, der Wind, Jan und ich.

Nun pirsche ich lautlos, dicht an den Hauswänden entlang, im Schatten, und fühle mich mit jedem Schritt sicherer, größer und freier. Der Abstand zwischen uns verringert sich. Schon kann ich hören, wie er an seiner Zigarette zieht und die Glut seiner Asche leise zischend auf dem nassen Asphalt erlischt.

Ich will seine Haut berühren.

Plötzlich stoppt er mitten zwischen zwei Schritten so abrupt, dass ich ebenfalls verharre und mich mit dem Rücken gegen die Hauswand drücke. Augenblicklich spüre ich die feuchte Kälte der Nacht unter meinen Kleidern. Ich triefe vor Nässe. Verflucht, was tue ich hier eigentlich? Einen fremden Kerl verfolgen, mit dem ich noch nie ein Wort gewechselt habe? Bin ich denn völlig verblödet?

Doch es ist schon zu spät, um wie ein denkender Mensch zu reagieren. Er hat sich wieder in Bewegung gesetzt, aber diesmal in die entgegengesetzte Richtung – hin zu mir. Nur wenige Schritte und er wird vor mir stehen.

Hastig ziehe ich mein Smartphone aus der Jackentasche, schalte es ein und tue so, als würde ich eine Messenger-Nachricht lesen. Die erste ganz oben, von Jonas. Die Buchstaben und Smileys ergeben keinerlei Sinn in meinem Kopf, doch die Angst bleibt fern, obwohl River direkt vor mir zum Stehen gekommen ist. Sein Schatten fällt auf mein Gesicht und das strahlende Blau-Weiß des Facebook-Messengers wird so intensiv, dass es in meinen Augen blendet. Am liebsten würde ich das Handy fortschmeißen, doch ich umklammere es, als wäre es eine Waffe.

Er schaut mich an, oder? Mein Gesicht, meine Haare. Was sieht er? Ich bin nicht hässlich, das weiß ich. Man kann mich durchaus eine Weile betrachten. Aber das müsste ich spüren. Ich spüre es immer. Manchmal fühlt es sich kühl an, manchmal warm oder sogar heiß, aber jetzt – da ist gar nichts.

Metall klirrt gegen Metall, das muss eine Schnalle seiner Lederjacke sein. Offenbar hat er sich gegen den Pfosten des Straßenschilds am Rande des Bürgersteigs gelehnt, um – ja, um was? Worauf wartet er? Ich werde zappelig und komme mir von Sekunde zu Sekunde alberner vor. Aber das, was ich tue, ist nichts Verbotenes, ich stehe an einer Hauswand und tippe auf meinem Handy herum, im Moment zwar nur ein Fragezeichen nach dem anderen, aber das sieht er nicht, denn er … er …

Ich halte es nicht mehr aus. Langsam hebe ich meinen Blick und bereue es sofort, doch ich bin nicht in der Lage, wieder wegzusehen. Denn so nah werden wir uns nie wieder sein.

Er hat sein Gesicht dem Himmel zugewandt, die Augen halb geschlossen, eine gekonnte, träumerische Pose, mit Kippe im Mundwinkel und feuchten Strähnen in der Stirn. Einzig das höhnische Grinsen passt nicht. Es gilt mir. Die Erkenntnis trifft mich wie ein Schlag. Verdammt, er spielt mit mir! Das war alles ein Spiel … Nicht ich habe ihn verfolgt. Er hat mich gejagt – mich und meine Gefühle. Er wusste, dass ich hinter ihm bin. Hat nur auf den passenden Moment gewartet, um so lange auszuharren, bis ich neugierig werde und ihn anschaue. Es ist schon wieder geschehen. Ich bin gerade erst fünf Stunden solo und schon zapple ich in einem neuen Netz. Oh, wie ich es verabscheue.

In einem plötzlichen Zorn hebe ich mein Handy, aktiviere mit dem Daumen die Kamera und drücke ab. Klickend fängt sie ihn ein. Er zuckt nicht einmal. Ich bin diejenige, die geblendet ist und fast ins Wanken gerät.

»Werde erwachsen, Ronia Leonhard.«

»Du mieser Psycho!«, zische ich so boshaft, wie es mir in dieser lächerlichen Situation möglich ist, doch es klingt viel zu hilflos und schwach. Woher zum Henker kennt er meinen Namen?

»So, bin ich das? Ja?« Er spricht mit Kippe im Mund und es klappt gut, vermutlich hat er das als Vierzehnjähriger stundenlang vor dem Spiegel geübt, um möglichst cool zu wirken. Erfolgreich. »Ich bin ein Psycho? Wer stalkt hier denn wen?«

Mit zwei Fingern nimmt er die Zigarette aus dem Mundwinkel und wirft sie in einem eleganten Bogen auf die Straße. Nein, so was kann man nicht üben. Das hat man drauf oder nicht und ich hasse mich dafür, dass mein Unterleib mit einem eindeutigen Kribbeln darauf reagiert. Aber ich laufe nicht weg. Es ist das Einzige, was ich tun kann – bleiben und ihn aushalten. Fliehen werde ich nicht. Das wird er nicht erleben. Er gönnt sich noch ein paar amüsante Minuten, ein kleiner, arroganter Scheißer, der sich die Rübe zugedröhnt hat und mit großen Mädchen spielt. Dann wendet er sich leise seufzend ab, als sei ich ein hoffnungsloser Fall, streckt sich kurz und läuft weiter, wohl wissend, dass ich nun endlich brav nach Hause gehen werde.

Doch ich bin dankbar für die frostige Verachtung in mir, von der ich nicht genau weiß, wem sie gilt – ihm oder mir. Vielleicht uns beiden.

Denn sie verbietet mir jeglichen weiteren Gedanken an ihn.

Morgen wird er mich vergessen haben. Morgen werde ich ihn vergessen haben.

Wir werden uns nie wieder begegnen.

Geblendet

Der Signalton meines Messengers reißt mich so schnell aus dem Schlaf, dass ich für ein paar Sekunden das Gefühl habe, Körper und Seele hätten sich entzweit und müssten sich erst wieder finden. Mir ist schwindelig, obwohl ich noch liege, und vor meinen weit geöffneten Augen tanzen Lichtkreise, trotz der Dunkelheit, die mich umgibt. Außerdem ist mir übel, doch das hat wohl eher mit dem Geschmack von fruchtiger Säure auf meiner Zunge zu tun; ein letzter Gruß des Cocktails, den ich im Outback vernichtet habe.

Ich hab es mal wieder geschafft, mir mit einem einzigen Drink einen Kater anzutrinken. Aber es ist mehr als das, was mich außer Gefecht setzt – das weiß ich, bevor die Erinnerungen mich heimzusuchen beginnen, eine nach der anderen. Sie fliegen mich aus dem Finsteren an wie wütende Rachegeister der Vergangenheit, stärker und raffinierter als je zuvor. Stöhnend richte ich mich auf, kneife die Augen zusammen und versuche, das Gummi aus meinen Haaren zu ziehen, das sich während dieser kurzen Nacht hoffnungslos in meinem lockeren Zopf verheddert hat.

Lukas … Lukas. Es ist aus. Das ist es doch, oder? Ja, kein Traum – ach, wie schön wäre es, wenn ich nur geträumt hätte, er habe mich verlassen, obwohl nichts in mir danach ruft, ihn zu umarmen oder zu küssen. Ein Tag nach Weihnachten und ich bin wieder solo. Welch eine Blamage. Aber da war noch etwas gewesen, etwas anderes, Helleres, Unschuldigeres – etwas Neues. Etwas … oh mein Gott.

Wie eine Erscheinung tritt sein Bild vor mein inneres Auge und schiebt all das, was an verzerrten Lukas-Erinnerungen durch mein Hirn und Herz raste, mit berückender Klarheit zur Seite. Ein junger Kerl mit arrogantem Blick, der auf dem Treppengeländer des Outback thront und mich in »Wer guckt als Erstes weg« herausfordert. War das ein Traum gewesen? Oh bitte, lieber Gott, lass wenigstens das einen Traum gewesen sein …

Noch einmal stöhne ich auf, ziehe meine Knie an und lasse meine Stirn daraufsinken. Wenn es nur das wäre – ungehemmt einen Kerl angeglotzt zu haben. Das könnte ich mir verzeihen. Aber ich habe ihn verfolgt wie eine Stalkerin, habe mich an seine Fersen geheftet und bin ihm nachgelaufen, bis er mich gestoppt hat und ich …

Fahrig greife ich nach meinem Handy, doch es rutscht mir aus der Hand und landet rumpelnd auf dem Teppich. Aus dem Erdgeschoss kommt prompt eine Antwort in Form von Stühlerücken und Geschirrklappern. Drittes gedachtes »oh Gott« an diesem Morgen – das Helfertreffen. Gleich fallen die ersten ehrenamtlichen Mitarbeiter der Gemeinde bei uns ein, werden von Mama mit selbst gebackenen Plätzchen, Tee und Schnittchen versorgt und ich muss dabei gute Fee spielen. Weil sich das so gehört in einem Pfarrhaus. Smalltalk, Lächeln, liebe Worte sprechen. Zum Glück wissen all die lieben Seelen da unten nicht, was ich gestern Abend so getrieben habe.

Ich gebe mir einen Ruck und angle mir erneut mein Smartphone, obwohl ich keine Ahnung habe, was ich als Erstes damit tun soll. Noch immer hallt das Echo des Signaltons durch meine Ohren und ja, ich habe die Hoffnung, es könnte sich eine Nachricht von Lukas dahinter verbergen. Das ist doch möglich – er hat die Nacht bei seiner Noch- oder Ex- oder Übergangsfreundin verbracht und gespürt, dass es nicht das Gleiche ist wie mit mir, und jetzt begreift er langsam, dass er einen Fehler gemacht hat und mich zurückwill und – aber will ich das denn überhaupt? Möchte ich mich derart von ihm rumschubsen lassen? Ich sehne mich doch gar nicht nach ihm. Andererseits: Verirrungen und kurzfristige Trennungen kommen in den besten Beziehungen vor. Und wenn er aufrichtig bereut? Hat er dann nicht eine zweite Chance verdient? Plötzlich bin ich auf fast unangenehme Weise nüchtern und kann keine Sekunde länger warten, die Nachricht zu lesen. Mit einem kurzen Wischen schiebe ich den Sperrbildschirm nach unten und …

Nicht Lukas. Sondern ein unbekannter neuer Kontakt. J.R.S. – Moment … J.R.S. – Jan? Der Kerl von gestern? Ich starre auf das winzige Profilbild, doch es hilft mir nicht weiter. Wenn ich die roten Farbkreise vor tiefem Schwarz richtig deute, zeigt es die verwirbelten Lichtspuren eines sterbenden Sterns. Und dahinter soll sich River verbergen? Zweifelnd öffne ich die Nachricht.

»Normalerweise kostet das Geld.«

Ich scrolle nach unten, obwohl es keinen Zweifel gibt, dass das alles gewesen ist. Kein Hallo, kein Tschüss, nur dieser eine nebulöse Satz. »Normalerweise kostet das Geld.«

Tief durchatmend versuche ich mich an Jonas’ mahnende Worte von gestern Nacht zu erinnern. Doch eigentlich weiß ich genau, von wem diese Nachricht stammt, und sie lässt mich in ihrer arroganten Knappheit so wütend werden, dass ich die Bettdecke von meinen Füßen schleudere.

Jan, genannt River. Das ist sein Name. Jan. J.R.S. Passt doch. Natürlich ist er zu cool, um seinen vollen Namen in seinem Profil zu hinterlassen, man soll ruhig ein wenig rätseln.

Aber was nur meint er mit seinen Worten? Normalerweise hätte ich bezahlen müssen … Wofür? Ihn anzuschauen? Zu verfolgen?

Au Backe, mein Foto von ihm. Mit zitternden Fingern wechsele ich in die Bildergalerie und rufe das letzte aktuelle Bild auf. Doch das hätte ich mir sparen können. Es ist völlig überblendet und verwackelt. Sein Gesicht verkommt zu einer verschwommenen Fläche, weder Augen noch Mund sind zu erkennen, nur helle und dunkle Schlieren. In seinem Rücken erhebt sich ein eindrucksvoller Strahlenkranz nach allen Seiten. Als habe er Flügel aus Licht.