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BÜRGERLICH!

Ein Familienalbum

Henric L. Wuermeling

BÜRGERLICH!

Ein Familienalbum

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Inhalt

1. Kapitel – Der Morgenstern

Hebels Welt image Hebels Leser image Hebels »Anne-Meili«

2. Kapitel – Das Fabriktal

Die Statthalter von Schopfheim – die Grethers image Der Bürgermeister und Fabrikant von Schopfheim – Ernst Friedrich Gottschalk image Gottschalk & Grether image Das Tal der Wiese und das Fabrikgeschäft

3. Kapitel – Revolutionäre Morgenröte im Wiesental

Der »citoyen« Johann Peter Hebel image Die Aufbruchsstimmung der Bürger image Lörrach image Frankfurt image Paris image Südbaden

4. Kapitel – Markus Pflüger gerät ins Zentrum der Revolution

21. September 1848 in Lörrach: »Aufruf an das deutsche Volk« image In Müllheim wird die rote Fahne gehißt image Der Marsch der Aufständischen endet in Staufen image Markus Pflüger rettet sich in die Schweiz image Brief aus dem Exil image 13. Mai 1849 in Karlsruhe: Die Badische Revolution siegt!? image Das bittere Ende

5. Kapitel – Ein Frauenschicksal

Die Pflügers in Schopfheim image Hebels »Anne-Meili« schreibt ihrer Enkelin nach Lausanne image Der »Hirschen« im Sommer 1858 image Jetzt die echte Liebe?

6. Kapitel – Schicksale im Lörracher »Hirschen« und im Schopfheimer »Pflug«

Johanna Magdalena Müllers Vater image Johanna Magdalena Müllers Bruder image Johanna Magdalena Pflügers, geborene Müller, Cousin image Johanna Magdalenas Mann Markus Pflüger image Die Zukunft des »Pflugs« image Stationen auf einem Kreuzweg

7. Kapitel – Katharsis

Wer ist »Liesels« Fritz? image Die »neue M.« image Mit dem Großherzog auf Schmalspur unter Volldampf durch das hintere Wiesental image Spinnerei Atzenbach

8. Kapitel – »Marx« und der Professor aus Basel

Einer der Stammgäste in der »Hirschen«-Wirtschaft – Jakob Burckhardt image Mit 50 Jahren in den Badischen Landtag … image … und dann in den Deutschen Reichstag image Das Dilemma der Liberalen image Umbau im »Hirschen«

9. Kapitel – Die Zeit von außen besehen

»Marx« & Wilhelm image Warum also »Marx« und Wilhelm? image Marx & Engels image Vom »Pflug« in die Welt image Ganz persönliche Impressionen auf einer Hochzeitsreise image Das Hochzeitsgeschenk des Markus Pflüger image »Fritz« & Fritz in Manchester oder: Die Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen

10. Kapitel – »Old Trafford« von innen besehen

Die Heidenreichs vom »Haus Wiesental« erleben Queen Victoria image s’Mütterli im Expresszug von Freiburg Richtung Manchester image Ein Blick zurück

11. Kapitel – Jahrhundertwende in Manchester

Ein Brief aus dem Wiesental nach Manchester image Post aus Lausanne auch nach Manchester image Die Lage der bürgerlichen Schicht im »badischen Haus« und in Übersee image Abschied von Manchester für »Fritz« (Engels) und Fritz (Heidenreich) image Der Abschied von Manchester rückt näher

12. Kapitel – Vom »Roten Schloß« am Zürichsee hinauf zum Dolder

Weihnacht 1902 und neuer Alltag in Zürich image »Haus Baden« auf dem Dolder image Ein Ausflug nach Bürgeln image Nachwuchs in Zürich image Tod von Hermann Fentzling und Markus Pflüger image Umzug in die Dolderstraße 107

13. Kapitel – Dada, Elis, Lenin und Fritz in Zürich

Neue Heimat Schweiz image Der »Staatsschreiber« von Zürich und der Schweizer Seele – Gottfried Keller image Ganz oben an der Dolderstraße image Ganz unten an der Bahnhofstraße image Zürich, Spiegelgasse 1 – die Analyse des Zeitgeistes image Zürich, Spiegelgasse 14 – Lenin in Untermiete image Vom Zürcher Hauptbahnhof in die Revolution image Die Albträume des Carl Gustav Jung

14. Kapitel – Die Kommunikationslinie des Posthalters Heidenreich

Die Frick-Mühle in Müllheim image Drei Brüder prägen Müllheims Geschichte mit: Der Bürgermeister von Müllheim Johann Jakob Heidenreich image Der Medicus Carl Friedrich Heidenreich und seine geistige Welt image Der Reichsposthalter Georg Adolf Heidenreich image Der »junge« Postmeister Georg Friedrich Heidenreich image Johann Peter Hebel als Gast in Heidenreichs »Post« zu Müllheim

15. Kapitel – »La femme et les études universitaires«

Die Heidenreichs und die Herrschaft Rötteln image Die Familie Heidenreich zieht von Müllheim nach Lörrach in die Herrenstraße image 175 Jahre KBC image Heidelberg, Mai 1929 image Tübingen, Oktober 1929 image Bazar Vaudois image Lausanne, Oktober 1930

16. Kapitel – Zwischen Westfalen und Westpreußen

Wie kommt eine elsässische Familie nach Westfalen? image Schwetz ist von Berlin gleich weit entfernt wie von Münster (zirka 500 Kilometer) image Rückkehr nach Westfalen

17. Kapitel – Zwischen Kanzler und Kardinal

Der Kugelblitz – ein Omen? image Assessor Bernhard Wuermeling heiratet Maria Melchers image Marias Onkel Paul war als Erzbischof von Köln gegen die »Unfehlbarkeit« des Papstes image Onkel Paul war von Bismarck amtsenthoben worden image Das geheime Treffen Bernhards und Marias mit Onkel Paul in dessen Exilort image Der Aufstieg des Zentrums image Bernhard Wuermeling zieht im Preußischen Abgeordnetenhaus in Berlin ein image Der jüngste soll dem wichtigsten Zentrumsabgeordneten behilflich sein image Das Zentrum zwischen Bismarck und dem Vatikan image Hofbälle im Berliner Schloß image Schicksalsjahr 1888 image Besuch beim Kurienkardinal in Rom image Der Tod des Zentrumspolitikers und des Kardinals

18. Kapitel – Im »Zentrum« des Kaiserreichs

Der zweite Bürgermeister von Münster umwirbt die Tochter einer Kaufmannsfamilie image Bernhard verläßt Münster und strebt bald wieder Richtung Berlin image Der lange, steinige Weg eines »Hilfsarbeiters« image Zurück im Preußischen Abgeordnetenhaus image Hardenbergstraße, Uhlandstraße, Fasanenstraße und ein Neubau in Steglitz image Die guten Jahre im Haus »Rote Erde« image Alarmglocken image Die Not rückt näher image Ende Oktober 1918 beim Kaiser im Schloß Bellevue image Revolution

19. Kapitel – Das fürstliche Schloß in Münster und Deutschland im Ausnahmezustand

Dramatische Monate in Berlin vor dem Wegzug nach Münster image Der Oberpräsident zieht ins Schloß image Das letzte Barockschloß des Baumeisters Schlaun image Oberpräsident in schwierigster Zeit image Die Folgen des Berliner Kapp-Putsches für Westfalen image Wie verhält sich der General? image Stürmt die »rote Armee« Münster und das Schloß? image Die Bielefelder Konferenz image Räterepublik Westfalen?

20. Kapitel – Der andere Lebensplan

Der Oberpräsident öffnet den Bürgern das Schloß image Mit dem »Regierungsdampfer« unterwegs image Neue Unruhe im Ruhrgebiet image Termine in Berlin image Die Architektur der Treppen im Reichstag image Mit der Abiturfahne zum Schloß image Abschied vom Amt, doch nicht vom Schloß image Auch Therese Deixelberger aus Straubing hatte im Schloß gewohnt image Das Ruhrgebiet wird besetzt image In der Stunde der Not wird Wilhelm Cuno Reichskanzler image Therese Deixelberger blättert in ihrem Tagebuch zurück zur Zeit im Hause Cuno image Das schöne Reichskanzlerpaar image Karls Welt image Karls Reiseplan

21. Kapitel – Vom Titicaca-See …

Ankunft in Valparaíso image Der Standort aus anderer Sicht image Oficina Wirtz image Erkundungsreise image Puerto Grether image Tafelsilber oder eine andere beschwerliche Reise zu den Nachfahren der südamerikanischen Staatengründer image Koinzidenz der Zeitreisen image Valparaísos Gesellschaft image Der Weltmarkt image Abschied und auf Wiedersehen

22. Kapitel – … zum Titisee

Besuch bei Cunos in Aumühle image Der große Crash image Auf verlorenem Posten image Ein Neustart image Statt im »Club Viña del Mar« in der »Textilia« image Die Eltern bitten in den Fürstensaal des Schlosses in Münster image An Bord der Firma Gherzi in Zürich image »Lohnprobleme« image Bestandsaufnahme in den Monaten Januar bis März 1933 image Ein Treffen in Titisee?

23. Kapitel – Das vermessene Scharnier

Der Reigen rückwärts image Die frühbürgerliche Revolution image Eine unglaubliche Umwälzung image Große Politik und kleine Politik image Zeitgemälde I (linksrheinisch) image Spiegelverkehrte Welt image Der »Meister von Todtnauberg« liest »Vom Wesen der Wahrheit« und Margrit Heidenreich hört Heidegger zu image Zeitgemälde II (rechtsrheinisch) image Prüfungen image Statt Heidegger ein Kochbuch und Anleitungen zum Putzen image Noch eine »unglaubliche Umwälzung« image Wiedertäufer

24. Kapitel – Die Gegenwart der Vergangenheit

Ostermontag 1934 – Hochzeit image Carl bei den Heidenreichs image Die neue Lebensqualität image Der neue Maßstab für industriellen Fortschritt im Wiesental image Hundert Jahre »Spinnerei Atzenbach« – die größte in Baden image Verzwickt wie ein Börsenbericht image Die Liegenschaften der Basen image Im Garten des »Schlößli« image Last Exit New York image Man schreibt das Jahr 1939

25. Kapitel – Von der Wacht am Rhein zum stillen Don

Betriebsnachrichten image Dienst in der Kaserne image Zur »Sicherheitszone« Oberrhein image Zum Fronteinsatz quer durch Frankreich image Der Betriebsführer als Osterhase image Auf der »Kriegsstraße« nach Osten image Vom Vater Rhein zum Väterchen Don – und zurück

26. Kapitel – »Rheingold«

»der Nibelungen nôt« – der Weg und das Schicksal der »Rheingold«-Division

Post Scriptum

1. Kapitel

Der Morgenstern

Es ist Nacht. Auf der holprigen Straße nach Basel ist ein Fuhrwerk unterwegs, entlang der Wiese – ein Fluß, der dem Tal seinen Namen gibt. Auf dem Wagen sitzen Vater und Sohn. Das Dorf Steinen haben sie passiert. Sie nähern sich dem Ort Brombach. Im Mondlicht zeichnen sich die Mauern der Röttler Schloßruine ab – »so schudrig wie der Tod im Basler Totetanz. Es gruset eim« … In die Stille fragt der Sohn seinen Vater, ob es denn ihrem Haus auch mal so ergehe wie dem Schloß?

Der Vater antwortet: Das könne freilich schon sein. Ob er nicht das Wasser rauschen höre? So komme und ginge alles. Egal woher man komme und wohin man gehe, ob fort oder heim, man nähere sich immer mehr dem Kirchhof. »Und wenn du mal so alt bist wie ich, da weiden Schafe und Geißen auf meinem Grab. So wird es mit dir und deinen Kindeskindern sein, auch mit ihrem Haus, ihrer Kirche und ihrem Dorf. Und wenn man einst das Jahr ›zweitusig zehlt, isch alles z’semme g’keit‹.«

Dem Bub wird es immer unheimlicher. Als sie die Brücke hinter sich haben, sagt der Vater, um Mitternacht werde ein Wächter umgehen – ein fremder Mann, man wisse nicht, wer er sei. Er rufe: »Wacht auf! Wacht auf, es kommt der Tag!« Dann würde sich der Himmel röten, es blitze und donnere, der Boden schwanke und alles brenne …

Der Sohn fragt ängstlich, was mit den Menschen passiere, wenn alles um sie brennen würde? Da gäbe es keine Menschen mehr, antwortet der Vater und ermahnt seinen Sohn, sich im Leben wohl zu verhalten und auf sein Gewissen zu hören. Dann könne er einst zu dem Stern gelangen, wo er sein Dorf, ihn, den Vater und die Mutter wiederfinde. Auf diesem Sternenweg – der Milchstraße –, käme er dann zu einer verborgenen Stadt, ins himmlische Basel. Von dort aus könne er, wenn er seitlich hinunterschaue, das Röttler Schloß sehen, den Belchen – verkohlt, und die Wiese – ohne Wasser, sagen: »Lueg, dört isch d’Erde gsi … dort han i au scho glebt …«

Ein biographischer Rückblick mit spiegelverkehrter Perspektive von oben herunter erzählt, zur »Vergänglichkeit« verdichtet und von Johann Peter Hebel in die Zukunft des Jahres 2000 vordatiert.

Hebels Welt

Johann Peter Hebel kam am 10. Mai 1760 in Basel, in der St. Johanns-Vorstadt im Haus Totentanz Nr. 2 zur Welt. Die Friedhofsmauer des alten Predigerklosters des Dominikanerordens machte den Weg entlang der Häuserzeile noch enger. Ein Bilderzyklus des Totentanzes auf der Innenseite der Mauer gab der Gasse ihren Namen. Er erinnert an die Jahre des großen Sterbens, die Pestzeit zwischen 1347 und 1349. Sieben Jahre nach dem Schwarzen Tod versetzte am 18. Oktober 1356 ein großes Erdbeben die Stadt am Rheinknie in Angst und Schrecken. Der Boden wankte, der Chor und die Türme des Münsters stürzten ein, ein Großbrand begrub die himmlische Stadt unter Asche. Das Wort »Tod von Basel« geisterte durch Europa. Jahrhundertelang blieb das Schicksal Basels ein Synonym für Angst und Schrecken, ja wurde zum Symbol fürs Weltenende.

Hebels Eltern hatten das Haus Totentanz 2 gemietet. Der Vater, Johann Jakob Hebel, stammte aus Simmern im Hunsrück. Er verließ seine kurpfälzische Heimat und trat 1747 in den Dienst des Basler Ratsherrn Iselin. Als Major kommandierte er französische Söldnerheere. Dragoner Hebel begleitete seinen Dienstherrn durch die europäischen Kriegsschauplätze von den Niederlanden bis Korsika. Im Haus der Patrizierfamilie Iselin hatte Johann Jakob Hebel die Magd Ursula Oertlin schätzen gelernt. Sie kam aus dem Dorf Hausen aus dem Wiesental. Die Herrschaft richtete am 30. Juni 1759 die Hochzeit der Dienstboten aus. Ursulas Dorfpfarrer aus Hausen, Jakob Christoph Friesenegger, hat sie getraut. Das Jahr darauf kam ein Sohn zur Welt. Auf den Namen Johann Peter wurde er drei Tage nach der Geburt in der St. Peterskirche getauft. Wieder ein Jahr darauf rafft eine Typhusepidemie den erst 41jährigen Vater dahin. Den Sommer über arbeitet die Witwe Ursula im Iselinschen Patrizierhaus, den Winter über wohnt sie im ererbten Anwesen in Hausen. Bei Lehrer Andreas Grether besucht Johann Peter in den dunklen Wintermonaten die Dorfschule; sonst im sonnigen Basel die Gemeindeschule; später wechselt er von der Lateinschule in Schopfheim in das Gymnasium am Münsterplatz in Basel.

Was prägte vor allem Johann Peters Jugend? Er sagt es selbst: »Ich bin von armen, aber frommen Eltern geboren, habe die Hälfte der Zeit in meiner Kindheit bald in einem einsamen Dorf, bald in den vornehmen Häusern einer berühmten Stadt zugebracht. Da habe ich frühe gelernt arm sein und reich sein. Wiewohl, ich bin nie reich gewesen; ich habe gelernt nichts haben und alles haben, mit den Fröhlichen froh sein und mit den Weinenden traurig …«

An einem Herbsttag 1773 wird Johann Peter aus der Lateinschule in Schopfheim gerufen: seine Mutter sei schwer erkrankt, er solle zu ihr nach Basel kommen, und sie wünschte nach Hausen heimzukehren. Am 16. Oktober passiert ein Ochsenkarren, diesmal von Basel kommend, den Ort Brombach Richtung Steinen. In Sichtweite der Röttler Schloßruine stirbt die Mutter in den Armen ihres zwölfjährigen Sohnes. Der Tod ereilte sie auf dem Heimweg. Für Johann Peter brach eine »ganze Welt« zusammen. Pfarrer Gottlieb August Preuschen, früher Dorfpfarrer in Hausen, war seit 1769 Hofprediger in Karlsruhe. Er kümmerte sich »wie ein Vater« um den Vollwaisen und brachte ihn im April 1774 im Karlsruher »Gymnasium illustre« unter. Dort unterzieht er sich einem dreijährigen Schul-Cursus für angehende Theologen. 1778 macht er das Schlußexamen und immatrikuliert sich in Erlangen an der Theologischen Fakultät. Das Examen bestand er wohl nicht gerade glanzvoll, denn der »Candidatus ministerii ecclesiastici«, der Pfarramtskandidat, erhielt keine Anstellung. 1780 wirkt er als Hauslehrer im Pfarrhaus in Hertingen und hilft dort auch in der Seelsorge der Pfarrei aus.

Mit der auf das Jahr 1783 datierten Anstellungsurkunde des Markgrafen Carl Friedrich von Baden wird Johann Peter Hebel Präzeptoratsvikar am Pädagogium in Lörrach. Er unterrichtete in der Secunda Latein, Griechisch, Geschichte, Geometrie, Deutsch, Erdkunde und Religion. Das Schulhaus an der Straße nach Basel war ursprünglich für eine Tabakmanufaktur errichtet und 1761, als sich das alte Kapitelhaus in der Herrengasse 10 als zu klein erwies, für die Nutzung eines Pädagogiums umgebaut worden. Hebel war jetzt 23 Jahre alt. Im 2. Stock des Schulgebäudes an der Basler Straße bewohnte er das Zimmer am südlichen Ende des Flurs.

»Alle meine Jugendgenossen waren versorgt, nur ich nicht«, klagt der Hilfslehrer. Ganze acht Jahre unterrichtete der Präzeptoratsvikar Hebel am Lörracher Kollegium mit mäßiger Besoldung, bis er 1791 als Subdiakon an das Karlsruher Gymnasium berufen wurde, wo er selbst zur Schule gegangen war. Bald wird er zum Hofdiakon und zum außerordentlichen Professor befördert. 1808 wird er Direktor des Gymnasiums (bis 1814) und 1819 zum Prälaten der Evangelischen Landesbehörde ernannt; in dieser höchsten Kirchenfunktion gehört Hebel auch der Ersten Kammer des Badischen Landtags an. 1821 verleiht ihm die Universität Heidelberg die Ehrendoktorwürde der Theologischen Fakultät. Hebel empfand die Häuser und Mauern des wie eine Zukunftsstadt angelegten Karlsruhe als Vorteil, da »sie meinem Auge die unfreundliche langweilige Sandfläche, das leere tote Wesen der ganzen Gegend verbergen«. In Briefen aus dem Unterland ins Wiesental beschrieb er seine Sehnsucht: »Ich muß ins Oberland reisen, ich muß aus der Wiese trinken und die Geister im Röttler Schloß besuchen, wenn ich nicht in kurzer Zeit zu dem gemeinsten geistlosesten Hardtbewohner ermatten soll … Es ist für mich wahr und bleibt für mich wahr, der Himmel ist nirgends so blau und die Luft nirgends so rein und alles so lieblich und so heimlich als zwischen den Bergen von Hausen.«

Drei Jahre vor seinem Tod schreibt er: »Wenn nur das große Los einmal käme, daß ich mir in Hausen ein Häuslein bauen … könnte.« Im Winter würde er in Basel wohnen, in der St. Johanns-Vorstadt, wo er das Licht der Welt erblickte.

Hebels Leser

Im Herbst 1796, dann wieder im Frühjahr 1799, reist Johann Peter Hebel in seine Heimat. Er liebt die alemannische Mundart: »Der Dialekt ist der aus der badischen Landgrafschaft Sausenberg zwischen der Schweiz und dem Breisgau und mit dem Schweizerischen, Breisgauischen und Oberelsassischen bis auf unwesentliche Variationen der nämliche.« Der Ton dieses Sprachraums wirkt auf ihn wie Musik. »Schon als Knabe machte ich Verse. [Meine Muster waren das Gesangbuch und ein Manuskript, später Gellert, Hagedorn und sogar Klopstock …] Im 28. Jahr, als ich Minnesänger las, versuchte ich den alemannischen Dialekt. Aber es wollte gar nicht gehen. Fast unwillkürlich, doch nicht ohne Veranlassung, fing ich im 41. Jahr wieder an.« Hebel entdeckt in der alemannischen Mundart Spuren der mittelhochdeutschen Sprache, faßt sie in Dichtersprache und führt sie der Weltliteratur zu. »Meine Liebhaberei in den Nebenstunden zur Schadloshaltung für den Langemut mancher Geschäftsstunde, hat sich in ein eigenes Fach geworfen. Ich studiere unsere oberländische Sprache grammatikalisch, ich versifiziere sie, herculeum opus!, in allen Arten von metris, ich suche in dieser zerfallenden Ruine der altdeutschen Ursprache noch die Spuren ihres Umrisses und Gefüges auf und gedenke bald eine kleine Sammlung solcher Gedichte mit einer kleinen Grammatik und einem auf die Derivation weisenden Register der Idiotismen in die Welt fliegen zu lassen.«

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Porträt Johann Peter Hebel

Wozu Hebel das tat? »Meine erste Absicht ist die, auf meine Landsleute zu wirken, ihre moralischen Gefühle anzuregen und ihren Sinn für die schöne Natur um sie her teils zu nähren und zu veredeln, teils auch zu wecken.« Um 1800 schreibt er die ersten alemannischen Gedichte, die 1802 in Karlsruhe erscheinen. Die Erstausgabe widmet er »meinen guten Verwandten, Freunden und Landsleuten zu Hausen im Wiesenthal zum Andenken«. Es ist der Ort seiner Kindheit. 1807 übernimmt Hebel die Redaktion des badischen Landkalenders »Der Rheinländische Hausfreund«: »Der Kalender als Lesebuch für das Volk muß dem Herkommen und den Forderungen seines Publikums gemäß für den gemeinen Mann, der in seiner Art ebenso neugierig als der Gebildete ist, ein Stellvertreter der Zeitungen und Zeitschriften für das vorhergehende Jahr sein, das heißt, er muß die Haupt-Staatsbegebenheiten, wenn solche vorfielen, und etwas von respektabeln Waldbränden, Mordtaten, Hinrichtungen, Naturerscheinungen etc. wenigstens als Lockspeise aus den Zeitungen, und schöne Handlungen, zweckmäßige kleine Erzählungen, neue Entdeckungen, Anekdoten etc. aus andern Zeitschriften vor sein Publikum bringen.« Als Publizist faßt Hebel sein Programm in einem Satz zusammen: »Ein wohlgezogener Kalender soll sein ein Spiegel der Welt.« 1811 erscheint auf Anregung des Verlegers Cotta in Tübingen das » Schatzkästlein des rheinischen Hausfreundes«, eine Sammlung seiner besten Geschichten, ebenda, und 1824, in dem Jahr, in dem er den Lehrberuf am Karlsruher Gymnasium beendet, die »Biblischen Geschichten«.

Am 22. September 1826 stirbt Johann Peter Hebel auf einer Besuchsreise in Schwetzingen. Nun hat er seinen Heimweg angetreten in ein kosmisches Oberland, über die Dorfstraße, die zur Milchstraße wird, zu seinem Stern – das Dorf Hausen, Richtung Basel, auf dem Weg zum himmlischen Jerusalem.

Die »Alemannischen Gedichte« fanden eine große Resonanz, sowohl im alemannischen als auch im ganzen deutschen Sprachraum, quer durch alle Bevölkerungsschichten. Die ersten Rezensionen, wie die von Johann Georg Jacobi oder von Jean Paul, waren voll des Lobes. Am 13. Februar 1805 schrieb Johann Wolfgang von Goethe in der »Jenaischen Allgemeinen Literaturzeitung«: »Der Verfasser dieser Gedichte, die in einem Oberdeutschen Dialekt geschrieben sind, ist im Begriff sich einen eigenen Platz auf dem Deutschen Parnaß zu erwerben. Sein Talent neigt sich gegen zwey entgegengesetzte Seiten. An der einen beobachtet er mit frischem frohem Blick die Gegenstände der Natur, die in einem festen Daseyn, Wachstum und Bewegung ihr Leben aussprechen und die wir gewöhnlich leblos zu nennen pflegen und nähert sich der beschreibenden Poesie; doch weiß er durch glückliche Personificationen seine Darstellung auf eine höhere Stufe der Kunst heraufzuholen. An der anderen Seite neigt er sich zum Sittlich-Didaktischen und zum Allegorischen; aber auch hier kommt ihm seine Personification zur Hülfe, und wie er dort seine Körper für einen Geist fand, so findet er hier für seine Geister einen Körper …

Wenden wir von der Erde unser Auge an den Himmel, so finden wir die großen leuchtenden Körper auch als gute, wohlmeinende, ehrliche Landleute. Die Sonne ruht hinter ihren Fensterläden; der Mond, ihr Mann, kommt forschend herauf, ob sie wohl schon zur Ruhe sey, daß er noch eins trinken könne; ihr Sohn, der Morgenstern, steht früher auf als die Mutter, um sein Liebchen aufzusuchen …«

Hebels »Anne-Meili«

In den acht Jahren, die Hebel in Lörrach zubrachte, saß der Präzeptoratsvikar oft am Familientisch des Prorectors Günttert; am späteren Nachmittag besuchte er gerne die Wirtschaft »Zum Ochsen« am Marktplatz. Der Junggeselle wußte Speis und Trank in der Wirtsstube zu schätzen, vor allem den guten Geist, den die Wirtin Maria Rebecca Flury ausstrahlte, auch mochte er ’s Anne-Meili, ihre Tochter, die er zu einer bildhübschen jungen Frau heranwachsen sah. Sie wurde zum literarischen Modell einer Markgräflerin: Früh glitzert »Herr Morgenstern« in seiner Lockenpracht, sauber gewaschen im Morgentau. Die Vögel stimmen ihr Pfeifen an und wünschen einander »guten Tag«. Er möchte seinem Sternchen noch schnell ein Küsschen geben, sagen: »Ich bin dir hold!«, bevor des Morgensterns Mutter, die Sonne, erwacht und hinter den Bergen rausschaut, ihre Strahlen den Kirchturm wärmen, auf Berg und Tal fallen und überall sich Leben rührt. In den zwei letzten (von insgesamt 13) Strophen entdeckt der Morgenstern gerade noch rechtzeitig sein »Anne-Meili«. Jetzt darf er sich von seiner Mutter nicht erwischen lassen:

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Anna Maria Krafft, geb. Flury, Hebels »Anne-Meili«

Was wandlet dört im Morgestrahl
mit Tuch und Chorb dur’s Mattetal?
’s sind d’Meidli, jung und flink und froh;
se bringe weger d’Suppe scho,
und ’s Anne-Meili vornen a,
es lacht mi scho vo witem a.

Wenn ich der Sunn ihr Büebli wär,
und ’s Anne-Meili chäm ung’fähr
im Morgerot, ihm giengi no
i müeßt vom Himmel abe cho,
und wenn au d’Muetter balge wott,
i chönnt’s nit lo, verzeih mer’s Gott!

Die Tochter des »Ochsen«-Wirts Wilhelm Flury in Lörrach zieht es dorthin, wo die Flurys herstammen, nach Fahrnau – zwischen Schopfheim und Hausen gelegen, wo Hebel ja aufgewachsen war. Anna Maria Flury heiratet im Jahre 1797, 20 Jahre alt, nicht den Morgenstern, auch nicht dessen Dichter, Hofdiakon und Gymnasialprofessor Johann Peter Hebel, der auf seiner ersten Reise von Karlsruhe in seine Heimat ein Jahr zuvor bei Riehen mitten in die »wilden, wütenden Horden« der napoleonischen Truppen unter General Moreau geraten war und am Rheinknie europäisches Kriegstheater hautnah mitbekam.

In Lörrach heiratet’s Anne-Meili den Johann Ulrich Krafft, der aus Auggen, südlich von Müllheim gelegen, stammt. Bald zogen die beiden nach Fahrnau. Bereits 1717 war dort ein Tobias Flury Stabhalter, 1762 ebenso ein Nachkomme gleichen Namens und wiederum von 1786 bis 1793 Johann Nikolaus Flury. Seit seinem Amtsabschied betrieb dieser eine Rotgerberei in Fahrnau. Zehn Jahre später veräußerte er die Gerberei sowie einen Großteil seines Vermögens an »seinen geliebten Vetter Johann Ulrich Krafft und dessen Ehefrau Anna Marie geborene Flury als geliebte Baas- und Gevattersleute«. Jetzt wird Johann Ulrich Krafft Gemeindebürger und Begründer großer industrieller Unternehmungen im Wiesental. Als aus dem Markgrafenland Baden 1809 ein Großherzogtum wurde, änderte die Gemeindeordnung das höchste Gemeindeamt eines Stabhalters in den Vogtstitel um. Johann Ulrich Krafft war von 1812 bis 1816 Vogt von Fahrnau.

Es mag wohl 1812 bei Hebels letztem Besuch im Oberland gewesen sein, als der Verfasser des »Morgensterns« dem Anne-Meili persönlich einen Band seiner »Alemannischen Gedichte« mit den Worten übergeben haben soll: »Anne-Meili, i haa der öbbis.« Und diese soll geantwortet haben: »Das wird öbbis Rechts sii!« Damals war sie 35 Jahre alt.

Anna Maria, die »geliebte Baas« stirbt am 13. August 1842, Johann Ulrich am 6. Mai 1853 in Fahrnau. Ihr Grabstein ist in die Mauer der Friedhofskapelle eingelassen.

2. Kapitel

Das Fabriktal

Vier Jahre nach Hebels Ernennung zum Präzeptoratsvikar am Pädagogium in Lörrach kommt ein junger Vikar, der eben mit Auszeichnung sein Theologiestudium an der Universität Jena abgeschlossen hat, an die vom Vater verwaltete Pfarrei Rötteln – Friedrich Wilhelm Hitzig. Der sieben Jahre jüngere wird Hebels bester Freund. Nach dessen Berufung nach Karlsruhe übernimmt Hitzig dessen Lörracher Stelle, wird bald Prorector des Pädagogiums, kann die Pfarrei seines Vaters in Rötteln übernehmen und bringt es zum Dekan in Lörrach – all das, was sich Hebel als Wirkungsstätte und Lebensweg erträumt hatte.

Diesem vertrautesten Freund schickt Hebel eine Leseprobe eines Gedichts in alemannischer Dichtung – es ist sein zweites: »Der Statthalter von Schopfheim«. Er schreibt an Hitzig: »Es ist die Geschichte I. Sam. 25, V. 2–42 im Oberländer Dialekt, in Hexametern, die Szene ist im Schopfemer Kirchspiel. Hab’ Spaß daran, wenn du kannst, und teil’s nicht mit und nenn meinen Namen nicht. Ich leugne wie ein Dieb.« (Erst der zweiten Auflage wird Hebel seinen Namen voranstellen.) Am Ende des »Statthalter von Schopfheim« heißt es: »… ’s stammt von ihnen im Schopfemer Chilchspiel mengi Famili her, und blüeiht in Richtum und Ehre … Menge Famili, se sagi – die wenigste wüsse’s meh selber. Wer sie sin, und wie sie heiße, das willi jez sage.«

Die Statthalter von Schopfheim – die Grethers

Im Schopfheimer Stadtbuch ist im Jahr 1585 ein »Grether, Jakob, Statthalter« eingetragen worden. Er besitzt ein Gerberhaus auf der Au und war Mitglied des »gemeinen Ausschusses der Landschaft«. Er wurde am 11. April 1611, zwei Tage nach seiner Tochter, durch die Pest dahingerafft. Den Gerberberuf und das Amt eines Statthalters von Schopfheim übt auch der 1629 geborene Tobias Grether aus. Nach seinem Tod 1695 wird ihm und seiner dahingeschiedenen Frau Katharina, geborene Blum, ein Epitaph errichtet. Einer seiner Söhne, Jakob Grether, geboren 1669, führte das »Gasthaus zur Sonne«. Er gehörte dem Rat der Gemeinde an und war 30 Jahre lang Waisenrichter. Als 1733 der Markgraf von Baden Schopfheim besuchte, logierten er und die markgräfliche Familie drei Tage lang in seinem Gasthaus. Sein jüngerer Bruder Tobias wurde wieder – wie sein Vater – Statthalter von Schopfheim. Er hatte dieses Amt von 1708 bis 1734 inne. Aus dieser Zeit stammt noch der Brunnen vor dem »Gasthaus zur Krone«, des vormals Statthalter Gretherschen Hauses, wo dieser mit seiner Frau Verena, eine geborene Sturm, wohnte. An Tobias (I) Grether, wie auch an seine Söhne Jakob und Tobias (II) erinnern mannshohe Epitaphe. Die Grabtafeln aus heimischem roten Sandstein zeigen oben einen Löwen mit dem Zunftzeichen der Gerber – ein Schabmesser.

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Grether-Epitaph mit Löwe und Zunftzeichen – ein Schabmesser

Ein Johann Jakob Grether heiratete Anna Katharina Flury. Sie war die Schwester des aus Fahrnau stammenden Wilhelm Flury, des »Ochsen«-Wirts in Lörrach. Dorthin zog auch das Ehepaar. Von 1807 bis 1811 war er Lörracher Bürgermeister. Auch sein Bruder Johann Georg Grether fühlte sich von Lörrach und der Familie Flury angezogen. Er heiratete 1802 Maria Katharina, die Tochter des »Ochsen«-Wirts Wilhelm Flury und dessen Frau Maria Rebecca, geborene Chiebiger. Maria Katharina war die Schwester von Anna Maria Flury, Hebels »Anne-Meili«. Johann Georg Grether war Lörrachs »Stadtmajor« und folgte seinem Bruder von 1814 bis 1818 im Amt des Bürgermeisters. Dieses höchste Stadtamt, das dann in einen Oberbürgermeister-Titel umgewidmet wurde, behielt er noch zwei weitere Jahre. Johann Georg Grether wurde als Abgeordneter auch Mitglied des Badischen Landtags. Von 1832 bis 1835 übernahm er erneut das Amt des Oberbürgermeisters.

In der Ehe des Johann Georg Grether und seiner Frau Maria Katharina, geborene Flury, gibt es 1803 Nachwuchs – Carl Wilhelm. Er besuchte das Lörracher Pädagogium in der Basler Straße, sah sich – wie in bürgerlichen Kreisen damals üblich – in der französischen Schweiz um und machte eine kaufmännische Lehre in der bereits 1753 gegründeten »Cotton- und Indiennefabrique«. Nach deren Zusammenbruch 1804 war sie von dem aus dem elsässischen Mühlhausen stammenden Peter Koechlin mit erworben und geführt worden. Mit Schweizer Kapital, befreit von jeder Vermögens- und Einkommensteuer, da dieses »Etablissement von vielem Wert für die hiesige Gegend und insbesondere für die im sonstigen Nahrungszustand sehr zurückgenommene Stadt Lörrach sei«, modernisierte Peter Koechlin diesen alten Stoffdruck-Manufakturbetrieb: 1809 erwirbt er die erste Rouleaux-Druckmaschine. In kurzer Zeit ist »Koechlin und Söhne« das bedeutendste Industrieunternehmen im Großherzogtum. Carl Wilhelm Grether diente sich in dem Betrieb hoch und brachte es zu verantwortlichen Positionen. Er war der Mann, der beim Übergang von der »frühen industriellen« zur »kapitalistischen« Generation die unternehmerischen Weichen stellen konnte.

Zu Schopfheim gab es seit 1759 eine Drahtzugfabrik. Als Mitbegründer Johann Friedrich Gottschalk bereits 1761 starb und seine Witwe 1764 Onophnion Grether heiratete, wurde dieser Schopfheimer Chirurg Mitinhaber einer Fabrik zur Herstellung von Draht, Drahtgeflecht und Drahtstiften. 1823 übernahm der Enkel des Gründers, Ernst Friedrich Gottschalk, die Drahtfabrik. Zu Beginn der dreißiger Jahre ging es mit dem Umsatz der Produktion bergab.

Der Bürgermeister und Fabrikant von Schopfheim – Ernst Friedrich Gottschalk

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Ernst Friedrich Gottschalk

Gottschalks Fähigkeiten oder Neigungen waren eher politischer Natur, er wurde Bürgermeister von Schopfheim und auch Abgeordneter des Badischen Landtags. Er vertraute dem Rat des industrieerfahrenen Carl Wilhelm Grether, den Drahtzugbetrieb einzustellen und statt dessen eine mechanische Baumwollspinnerei und Weberei zu errichten. Seit 1828 war Grether mit Gottschalks Schwester Maria Elisabeth verheiratet. Im Juni 1834 stellten die Unternehmer an die Großherzogliche Regierung des Oberrheinkreises in Freiburg ein Gesuch, ein neues Unternehmen gründen zu wollen. Hierzu war die Genehmigung des Staates erforderlich, vor allem schon des Begehrens wegen, das über zwei Jahrzehnte zuvor zu Koechlins Aufschwung beitrug. Diese Gründungsinitiative trägt Grethers Handschrift, der Wortlaut des Gesuchs zeigt jedoch Gottschalks Kenntnis des politischen Überbaus: »Durch verschiedene Verhältnisse veranlaßt habe ich mich entschlossen, mein bis anhier betriebenes Drahtfabrikgeschäft eingehen zu lassen, und an die mir zu Gebot stehende Wasserkraft, welch letztere ich durch liniengerade Rectification des Kanals so weit dieser durch meine eigenen Güter fließt und durch eine Aufdammung desselben noch vermehren werde, eine mechanische Baumwollspinnerei verbunden mit einer mechanischen Weberei in demjenigen Umfange zu gründen wie es mir fragliche Wasserkraft erlaubt. (…) So weit, gründet sich mein Vorsatz für einen neuen und bedeutend mehr ausgedehnten Zweig der in unserem Lande noch zurückstehenden Industrie und freue ich mich, die Wahrnehmung machen zu können, daß in unserer Gegend und namentlich dahier die Gesamtheit meiner Mitbürger die Ausführung meines Projectes, von der sich viele Leute Arbeit versprechen und wirklich versprechen dürfen, so sehnlichst wünschen und niemand meinem Unternehmen und der Ausführung meiner Ideen entgegentritt (…) und bitte daher Dieselbe gehorsamst um höchste Staatsgenehmigung zu gedachtem Unternehmen, welches des sicheren Schutzes unserer Hohen Landesregierung um so mehr bedarf, da ich in diesem Zweige noch Neuling bin, und als solcher mit der auswärtigen Konkurrenz um so schwerer zu kämpfen haben werde. Besonders dürfte mir der Anfang zu diesem neuen Fabrikgeschäft bis die Leute dieser Gegend durch die fremden Arbeiter, die ich in jedem Fall zuerst zuziehen muß, gehörig instruiert sind, sehr schwierig werden; ich würde es daher als eine besondere Unterstützung und Mitwirkung zum guten Werke (…) ansehen, wenn Höchste und Weiseste Regierung mit der gewißsicheren Sanktion die Einleitung und Anordnung verbinden würde, daß fraglich neues Etablissement eine Reihe von Jahren (…) in gänzlicher ›Steuer- und Abgab’ frei‹ … belassen würde!«

Gottschalk & Grether

Bezüglich der geplanten Baumaßnahmen am Gewerbekanal verfügte die Regierung einige Auflagen, jedoch wurde dem Gesuch mit Beschluß vom 16. Dezember 1834 stattgegeben. Am 1. April 1835 wurde der Grundstein für den Bau der neuen Textilfabrik hinter der alten Drahtfabrik gelegt. Durch ihren Giebel betont die Fabrik ihre architektonische Verwandtschaft zum Rathaus in Schopfheim. Im Januar 1837 nahm der neue Betrieb seine Arbeit auf. Die Firma hieß »Gottschalk & Grether«. Beflügelt durch den Erfolg ihres Unternehmens denken die Schwäger bereits an Expansion. Sie prüfen im Wiesental geeignete Plätze für eine Industrieansiedlung. In Atzenbach hoffen sie die richtigen Voraussetzungen für den Bau einer Spinnereifabrik vorzufinden. Die Unternehmer setzen sich mit dem Bürgermeister und den Gemeinderäten in Atzenbach zu einer Besprechung zusammen. Über den Verlauf dieser Begegnung am 23. März 1845 existiert ein Protokoll:

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Alt-Schopfheim (mit Drahtzug und Spinnerei)

»Nachdem die Herren Gottschalk, Grether und Consorten von Schopfheim schon vor einiger Zeit den Bürgern von Atzenbach Bezirksamt Schönau bei versammelter Gemeinde ihre Absicht zu erkennen gaben, in der Gemarkung Atzenbach ein Fabrik-Geschäft errichten zu wollen, und die Bürgerschaft auf die Vorteile aufmerksam gemacht haben, die aus einer größeren Fabrikanlage für die große Mehrzahl der Gemeindebürger entsprechen würden, und dieses auch von denselben, insbesondere aber von den tätigen Gemeindevorständen eingesehen und anberaumt und von ihrer Seite der Wunsch ausgesprochen wurde, es möchte vorgedachtes Project Folge gegeben werden, so haben sich eingangs genannte Herren Gottschalk, Grether und Consorten am heutigen Tage nach Atzenbach begeben und den Beteiligten folgende Eröffnung gemacht: Es seien dieselben willig und bereit in der Gemarkung Atzenbach eine Wollen-Spinnerei zu errichten, und falls dieselbe, wie sie zuversichtlich hoffen, gedeihen und einen guten Fortgang haben werde, später nicht nur zu vergrößern, sondern nach Umständen noch andere in das Fach einschlagende Industriezweige damit zu verbinden. Behufs der Erzielung einer angemessenen Wasserkraft zur Betreibung der Spinnerei, wollen dieselben einen Gewerbekanal anlegen. Unter der Grundlage dieser Bedingungen haben sich die unterzeichneten Güterbesitzer entboten und verbindlich gemacht von ihren an der projectierten Kanallinie gelegenen Gütern an die Herren Gottschalk, Grether und Consorten das zum Kanal und Fabrikanlage erforderliche Land käuflich abzutreten.

Die Herren Gottschalk, Grether und Consorten erklärten hierauf, daß sie auf diese von Seiten der Landeigentümer mit Verbindlichkeiten von ihrer Seite gemachten Forderungen in Betracht zögen, darauf ihre Berechnungen gründen, sobald ihnen darüber eine Entschließung zugehen werde. Vorderhand könnten sie von ihrer Seite noch keine Verbindlichkeit eingehen, da sie zur Fabrikanlage die obrigkeitliche Konzession noch nicht erlangt, und alle Landeigentümer ihre Erklärung noch nicht abgegeben hätten.

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Alt Atzenbach (mit Spinnerei)

Die unterzeichneten Bürger von Atzenbach verpflichten sich, die Herren Gottschalk, Grether und Consorten in ihrem Gesuch um Erlangen ihrer Gewerbeconzession soviel an ihnen liegt zu unterstützen und der Ausführung des Unternehmens in keiner Weise entgegenzutreten.«

Bereits knapp drei Monate später kann der Kauf- und Abfindungsvertrag für das zu erwerbende Baugelände sowie für den zu errichtenden Gewerbekanal als Antriebskraft der Turbinen zwischen den Unternehmern und dem Amt Atzenbach unterzeichnet werden. Nach dreijähriger Bauzeit wird der lange, sechsgeschossige Fabrikbau mit dazugehörigen Nebengebäuden errichtet. Am 2. Januar 1849 kann der Spinnereibetrieb anlaufen. Ein halbes Jahrhundert zuvor wäre eine solche geographische Standortentscheidung aus strukturpolitischen und staatswirtschaftlichen Gründen undenkbar gewesen.

Hebels Welt der Kindheit im Wiesental, seiner Heimat, waren vor allem das mütterliche Hausen und Schopfheim, wo er nach dem Tod seiner Mutter im Heim seines Lateinlehrers Karl Friedrich Obermüller aufgenommen wird. Sein Blick war eher der Wiese entlang, flußabwärts, dorthin, wo sie in den Rhein mündet, als ins hintere Wiesental, dort, wo sie entspringt, gerichtet. Auch noch als Hebel seine Gedichte schreibt, hört die Welt hinter Hausen auf, nicht etwa weil sich dahinter das Wiesental verengt und selbst Ortsnamen wie »Todtnau« alles noch mehr verdunkeln. Nein, hinter Hausen war die Welt wirklich zu Ende, mit der jenseits hatte man nichts zu tun. Hier endete die baden-durlachische Markgrafschaft, jenseits von Hausen, mit Zell und Atzenbach begann seit fast einem halben Jahrtausend (450 Jahren) Vorderösterreich. Der Grenzverlauf war den Höhenrücken der Täler entlang durch massive Grenzsteine mit stolzen Wappen markiert, wie über dem Kleinen Wiesental, über dem Wolfsacker und den Schanzen dem Belchen zu. Hier bestimmten verschiedene Glaubenswelten den Alltag – hier das protestantische Territorium des Markgrafen Karl Friedrich (1728–1811) in Karlsruhe und dort die katholische kaiserliche Macht der Maria Theresia (1717–1780) in Wien.

Das hintere Wiesental war verarmt – die Landwirtschaft im Tal und auf den Berghöhen brachte nicht viel ein, auch der Abbau der Silberadern, das Schürfen von Flußspat und Quarz war kaum noch rentabel. Edelmetalle aus Südamerika waren billiger. Dann entdeckte man den Rohstoff Holz; der Hochschwarzwald wurde abgeholzt – im Raubbau für die Papiermühlen in Basel und für Festungsbauten in Breisach, bis schließlich im südlichen Schwarzwald Holzmangel herrschte. Erst nach Beschwerden am Wiener Kaiserhof über das Ausmaß dieses Kahlschlages wurden Pacht- und Lieferverträge reduziert.

Schon vor Gottschalk & Grether stellte manch ein Unternehmer in der Eisenfabrikation auf das Textilgewerbe um. So wurde der »Fabrikant« einer Hammerschmiede in Zell zum »Verleger« – ein Unternehmer, der einen ganzen Stamm von Heimarbeitern im Textiliengewerbe organisierte. Das Rohmaterial aus Westindien und Südamerika wurde angeliefert, die Technik durch eine Weberkolonne angelernt und die fertige Ware abgeholt. In Heimarbeit wurde jetzt gesponnen und gewoben, allein in Zell arbeiteten 1785 alle Haushalte für den einen »Verleger«. Diese sogenannte kaufmännisch gesteuerte Hausindustrie, die durch eine überteuerte Rohwarenlieferung an die Heimarbeiter und durch Niedrigstlöhne zusätzlichen Gewinn machte, sah in den ins Wiesental ziehenden Fabrikgründungen ihr Ende kommen. Schon vor dem Anrücken der mechanischen Spinn- und Webmaschinen war das Wiesental längst zum Webland geworden. So hatte auch schon der gelernte Leinenwebergeselle und Ex-Dragoner Johann Jakob Hebel den Winter über in Hausen hinter seinem hölzernen Webstuhl gesessen.

Das Tal der Wiese und das Fabrikgeschäft

Die Wiese – so erzählt Johann Peter Hebel – entspringt »am waldigen Feldberg«, dem höchsten Berg des Schwarzwalds, in einem »Stübli«, verborgen in einer silbernen Wiege. Kein menschliches Auge hat das kleine »Meiddeli« je gesehen. Nur stille Geister hören sein Stimmlein und dürfen sein heimliches Lächeln sehen. Sie lehren es, sich auf eigenen Füßen zu bewegen und freuen sich, wie es barfuß aus dem »christalene Stübli« heraustritt und mit stillem Lächeln, dankbar, wie schön da draußen alles ist, zum Himmel aufschaut: »Gell, so hesch der’s nit vorgstellt?« und wie das »Meiddeli« hüpft, da kann es einem auf dem Weg nach Todtnau herunter bange werden. Bei Schönenbuchen hält es bei der alten Kapelle inne, verweilt, weil es einer heiligen Messe lauschen will. »Jez willi mi schicke, aß ich witers chumm.«