Hans-Joachim Höhn

Fremde Heimat Kirche

Glauben in der Welt von heute

Impressum

© Verlag Herder GmbH, Freiburg im Breisgau 2012

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ISBN (E-Book): 978 - 3 - 451 - 33922 - 6

ISBN (Buch): 978 - 3 - 451 - 30540 - 5

Inhaltsübersicht

Vorwort

1. Problemskizze: Fremde Heimat Kirche

Provozierende Kirche

Christen im Zwiespalt

„Kirchenseufzer“

Beheimatung und Entfremdung

Heimat: eine religiöse Kategorie?

Menschenhaus als Gotteshaus?

Kirchen heute: Platzhalter und Wahrzeichen

2. In der Welt und für die Welt: Wie die Kirche über die Kirche denkt

Vaticanum II: Aufbruch in den Untergang?

Christlich handeln im Horizont der Zeit:

Leitideen von „Gaudium et spes“

Kritische Zeitgenossenschaft

Kirche im „conservative turn“

Psychogramm der postkonziliaren Generation

3. „Bürgerinitiative des Heiligen Geistes“: Kirche in der Zivilgesellschaft

Von der Mitte an den Rand

Kirche im sozialen Niemandsland?

Kirche in der Öffentlichkeit: Szene, Netzwerk, Bürgerinitiative

Kampagnenfähig: Allianzen für Solidarität und Gerechtigkeit

4. Diakonische Kirche: Vom verbindend Christlichen

Profilsuche: Die verfängliche Logik des Unterscheidens

Das entscheidend Christliche

McKinsey-Theologie

Soziale und kulturelle Diakonie

Unverzweckte Zuwendung

Kirche heute: kleiner, aber nicht kleinlicher werden!

Diakonisches Handeln jenseits der Caritas

5. Missionarische Kirche: Neue Formen kirchlicher Präsenz im Säkularen

Säkularität – Modernität – Religiosität

Urbanität: modern und säkular

Kirche in der Stadt und für die Stadt

Das Christliche im Spiegel des Urbanen

Passantenpastoral: Schritte in die falsche Richtung?

6. Freiheit (in) der Kirche: Die Jugend und der Geist Gottes

Jugend: Moratorium und/oder Laboratorium

Leben können lernen

Religion in der Pubertät: Mit der Kirche fremdeln

Geist Gottes – Geist der Jugend

Geistesgaben: Firmung und Lebenskönnerschaft

Kirche: Zumutung und Ermutigung

7. Kirche mit Sinn und Verstand: Symbole, Riten, Rituale

Die Sinne ansprechen – bei Sinnen sein!

Kult ist „kult“?

Inszenierter Glaube?

„Sensual turn“

Die Sinne und der Sinn

Ästhetik des Glaubens

8. Pilgernde Kirche: Glaubenswege unter freiem Himmel

Der flexible Mensch: Religion in Bewegung

Trend „Pilgern“

Transzendenz im Selbstversuch

Allein, aber nicht einsam

Auf eigenen Füßen

„… und etwas bewegt sich doch!“

9. Kirchenkrise – Gotteskrise: Bestreitungen

Beschädigte Glaubwürdigkeit: Das Credo der Kirche

Partitur der Zuwendung Gottes: Das Evangelium der Kirche

Unter leerem Himmel: Glauben in der Welt von heute

Gott: bestritten und vermisst

Vorwort

KRISEN HABEN KONJUNKTUR – und Bücher über Krisen auch. Ein Buch über die Kirche wird darum ein Buch über ihre Krise sein müssen. Ob es deswegen mit Enthüllungen und Entlarvungen aufwarten und der kirchlichen Skandalchronik ein weiteres Kapitel hinzufügen muss, um Aufmerksamkeit zu finden, ist eine andere Frage. Auch die Umstände der Entstehung des vorliegenden Buches sind die Krisen und Konflikte (in) der katholischen Kirche, deren Überwindung nicht absehbar ist. Aber es geht nicht noch einmal um die wiederholte Aufzählung der einzelnen Problemfälle. Es geht vielmehr um folgende Fragen, die immer wieder auftauchen: Woher können Christen, die in und mit der Kirche zum Glauben gekommen sind, jene Frustrationsresistenz beziehen, um allen Widrigkeiten zum Trotz in und mit der Kirche ihr Christsein praktizieren zu können? Was an und in der Kirche ist es überhaupt noch wert, dass man dafür Zeit und Energie investiert? Angesichts der faktischen Verweigerung weitreichender Kirchenreformen besinnt sich dieses Buch theologisch auf die Notwendigkeit, sich widerständig auf die Zerreißproben einzulassen, die sich daraus ergeben.

In Zeiten der Krise schlägt entweder die Stunde der Untergangsbeschwörer oder der Beschwichtiger. Gegen beide Versuchungen wird im Folgenden auf eine nüchterne Einschätzung der Faktenlage und auf eine ebenso nüchterne Betrachtung der Zukunftschancen gesetzt. Diese Nüchternheit soll sich allerdings nicht in einer temperamentlosen akademischen Abhandlung spiegeln. Mir geht es um ein entschiedenes Plädoyer für eine Fortsetzung der vom II. Vatikanischen Konzil angestoßenen Prozesse – vor allem hinsichtlich der Beziehungen zwischen Kirche und Gesellschaft.

Wenn sich die Kirche nach außen wie nach innen für Reformen öffnet, muss sie mit der Möglichkeit rechnen, dass die Zahl jener, die sie durch ihre offenen Türen verlassen, größer ist als die Zahl jener, die sie betreten. Wenn sich die Kirche aber nicht öffnet, findet sie sich mit der Realität ab, dass die Zahl jener, die außerhalb ihrer verschlossenen Türen leben, größer bleibt als die Zahl jener, die sie innerhalb ihrer Mauern antrifft. Wofür sich die Kirche entscheiden soll, ist derzeit Thema eines erbitterten Richtungsstreites. Wie dieser Streit ausgeht, steht keineswegs fest. Dass er jemals an ein Ende kommen kann, wenn die Kirche darum ringt, was es heute heißt, gelegen oder ungelegen die Sache Jesu zu vertreten, ist nicht zu erwarten. Ein Abbruch dieses „Kirchenstreits“ ist auch gar nicht wünschenswert. Schlimm wäre es, wenn man dabei nur auf der Stelle treten würde. Aber noch schlimmer wäre es, wenn sich jene Kräfte durchsetzen könnten, die mit der Androhung von Sanktionen für Kritiker oder mit der Durchsetzung von Denkverboten ein friedliches Streitgespräch über den weiteren Weg der Kirche verhindern wollen.

Mit solchen kirchlichen Streit- und Zeitfragen hat dieses Buch zu tun. Es erörtert, was für die Kirche in dieser Zeit an der Zeit ist. Allerdings wird man fast jedes der üblichen strittigen Kirchenthemen vermissen: Pflichtzölibat, Sexualmoral, Demokratiedefizit, Diskriminierung von wiederverheiratet Geschiedenen, Zugang von Frauen zu geistlichen Ämtern, Stillstand in der Ökumene etc. Diese Fehlanzeige ist nicht zu verstehen als Geringschätzung all jener, die sich für eine Lösung dieser Streitfragen einsetzen. Sie hat vielmehr mit den Reaktionen auf ihre Vorschläge und Forderungen zu tun. Die Kritiker entsprechender Reformvorhaben sind überzeugt, dass diese vergeblich sind. Ihre Diagnose lautet: Es gibt viel eher einen Gläubigen- als einen Priestermangel; bedrängender als jede Kirchenkrise ist die „Gotteskrise“ der Moderne; nachhaltiger als der Mangel an Innovationen wirkt sich der Traditionsverlust des Glaubens aus; die Anpassung an die Welt macht die Kirche nicht attraktiv, sondern konturenlos; Kritik an der Kirche verschärft die Risse und Spaltungen, denen sie ohnehin schon ausgesetzt ist; den Reformern fehlt theologische Tiefe, sie sind einem soziologischen Horizontalismus erlegen etc. Diese Einwände werden ständig mit einem beträchtlichen publizistischen Aufwand wiederholt und zeigen bereits in kirchlichen Führungsetagen Wirkung. Auch wenn man diese Einwände für Elemente eines Ablenkungsmanövers hält, ist das Körnchen Wahrheit zu beachten, das in ihnen steckt. Dass man Kritikern Recht geben muss, wo sie unstrittig Recht haben, sollte – gleichermaßen für Reformwillige wie für Reformverweigerer – selbstverständlich sein.

Vielleicht stimmen beide Seiten auch dem im Folgenden ausgearbeiteten Vorschlag zu, gemeinsam jenen Gründen nachzugehen, inwiefern die Kirche trotz ihrer Selbstblockaden und hausgemachten Probleme auch für säkulare Zeitgenossen noch interessant sein kann. Für diese Gründe Interesse zu wecken ist ein Zentralmotiv dieses Buches. Es führt zu den Schnittstellen von Säkularität und Religiosität in modernen Gesellschaften. An diesen Schnittstellen entscheidet sich nach meiner Überzeugung die gesellschaftliche Zukunft der Kirche. Die Kirche muss auf evangeliumsgemäße Weise den Erfordernissen der Zeit entsprechen. Aus diesem Grund muss sie nach zeitgemäßen Aktions- und Sozialformen suchen, in denen das Evangelium gesellschaftlich antreffbar wird. Darum geht es auf den folgenden Seiten. Aus welchen Gründen sollte in Zeiten der Krise sonst ein Buch über die Kirche geschrieben und gelesen werden?

 

Köln im Herbst 2011

Hans-Joachim Höhn