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Eglantine

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E-Books im Reese Verlag (Auswahl):

 

 

Jean Giraudoux

 

Eglantine

 

Roman

 

Reese Verlag

 

 

Herausgegeben von Lothar Reese

Eglantine

 

 

 

ERSTES KAPITEL

 

 

Fontranges fuhr aus dem Schlaf auf.

Eine Weile glaubte er noch nicht wach zu sein; der gesunde Schlaf der Fontranges war sprichwörtlich. Ihr Schloß blieb wohl die einzige Wohnstatt in Frankreich, wo der schlafende Herr ebenso pünktlich bedient wurde, wie nachdem er erwacht war. In den Häusern der Nachbarschaft, wenn sie dort zu Gast waren, gaben sie dem Dunkel sein Herrschaftsbereich und sein Gewicht, ja sogar seine Akustik wieder; in ihrer Anwesenheit waren die Geräusche des Abends und die der Morgenfrühe wieder zu vernehmen, und die Dienerschaft brauchte die leisen Verrichtungen, das Rupfen der Hühner, das Stutzen des Rasens oder jenes Glätten des Sandes im Hofe, das beim Erwachen die Erde und auch das Gemüt so sanft streichelt, nicht auf den Nachmittag zu verlegen. Wenn sie von ihren Gastfreunden schieden, hatten sie die Nacht wieder schwarz gemalt; sogar der Vater Fontranges’, der allgemein als hart und selbstsüchtig galt, ließ ausgeruhte Köpfe, gerötete Backen, alle Wohltaten des Schlafes zurück. Schlaflosigkeit hätte sie ebenso tief beunruhigt wie ein Ohnmachtsanfall am Tage. Hatten sie in der Nacht einmal die Augen geöffnet, so konnten sie sie nicht mehr von selbst schließen, eine fremde Hand hätte denn ihre Lider wie die eines Toten zudrücken müssen. Im Verlauf von vier schlaflosen Nächten war es auch, daß der Vater Fontranges’, ein bis zum letzten Augenblick ganz robuster Mann, die Hilferufe seiner am Tage ruhigen und unempfindlichen Leber vernahm, an der er eines übrigens Schlummer ähnlichen Todes sterben sollte. Es schien, daß die Fontranges infolge dieses gierigen Schlafes eben vor allem an ihrer der Nacht zugekehrten Seite dem Verfall ausgesetzt waren. So geschah es auch, daß Talent, Phantasie und Überlegung ihren schwerfälligen Geist bei Nacht überfielen, wenn sie eines minder körperlichen Todes, an einer Leidenschaft, an einer Neurasthenie sterben sollten. Aus dem Schlaf auffahrend, vom Traum angestoßen, wie unsereiner sich nicht einmal an der Marmorkante des Kamins stößt, fand sich Fontranges im Dunkel der Nacht plötzlich im Kampf mit irgendeiner Wahrheit, die einem Schulknaben nicht neu gewesen wäre, die ihn aber mit der Gewalt einer Offenbarung anfiel: daß hinieden das Unglück das Glück überwiege; daß keine unserer Handlungen frei sei und jede Ursache ihre Wirkung hervorbringe; daß wir in Wahrheit nicht den Jagdhund oder das Pferd kaufen, das wir wollen, sondern eins, das ein fremder Wille vor tausend Jahren bereits gewählt hat; daß wir Sklaven sind. Er brauchte einen ganzen Tag, um wieder Vergnügen an einer Meute, an einem Stall zu finden, welche die Wünsche Unbekannter, irgendwelcher Männer der Vorzeit vielleicht hier um ihn versammelt hatten. Geringe Freude wahrlich, den Hund des Sokrates, das Vollblut Bruinmels bei sich zu haben! ... In dieser Nacht nun hatte das Verhängnis alle seine Schlagzeilen auf den schlafen den alten Mann geschleudert; was ihn ergriffen und aus dem Schlaf gerissen hatte, war das für ihn neue und doch unwiderlegliche Axiom, daß die Männer an Wert über den Frauen stehen.

Er rührte sich nicht. Er hatte bei Gelegenheit ähnlicher Anfälle die Erfahrung bereits gemacht, daß es am besten sei, sich nicht zu rühren. Bei der letzten Schlaflosigkeit, als der Gedanke der Unendlichkeit ihn plötzlich überfiel, hatte er sich auf die gleiche Weise tot gestellt und dessen schrecklichem Schnauben widerstanden. Das Unendliche ließ bei diesem Anblick von der Leiche ab. Welche Bedeutung konnte es übrigens für ihn haben, der in sechs Monaten sechzig, der sich hinfort nur noch mit Vierfüßlern und Vögeln befassen würde, zu wissen, daß die Frauen von minderer oder sogar anderer Rasse seien? Er fühlte in sich nicht genug Liebe mehr für die Erde, um Freude an einer neuen Spezies zu haben, die auf ihr erschiene. Was hatte man doch vor drei Jahren für Enttäuschungen mit den zwei Bibern, dem Geschenk eines kanadischen Freundes, erlebt, die alle Bäche im Park verstopften! Die Quellen des Lebens strömten in Fontranges nicht mehr reichlich genug, um dem Kampf mit einer Frau von neuem Herzen und neuer Leiblichkeit entgegenzugehen ... Er versuchte wieder einzuschlafen, drehte sich auf die Seite, doch es nützte nichts: in dem Bett, in welchem er seit so langer Zeit ohne Genossin schlief, wurde eine wer weiß wie köstliche Gestalt neben ihm durch eine wertlose vertauscht. Die Frauenphantome Fontranges’ waren plötzlich gesunken. Aus Angst vor einer Schändung wagte er nicht, um sich zu retten, an die Jungfrau von Orléans oder an die Herzogin von Angouleme zu denken. Auf den klarsten Gesichtern unter den irdischen Lebewesen war die Ehre, war die Tugend ausgelöscht. Fontranges, der bei sich selbst Trauer von Reue nie unterscheiden konnte, empfand unendliche Gewissensbisse, daß er diese Wesen so tief herabsetzte, die zwar weder die Dampfmaschine erfunden noch Amerika entdeckt, dafür aber ihre mit dem Manne gemeinsame Aufgabe auf eine so hohe Stufe gebracht haben, und das wie schon oft und mit welcher selbstbewußten und sieghaften innersten Vertrautheit. Die Frauen standen tiefer als die Männer. Keine einzige von ihnen, die nicht unter einem Fontranges stünde! Ein Zuwachs an Rang, an Tugend fiel als ihre unerwartete und unverdiente Erbschaft diesem alten Manne zu, der nichts mit ihr anzufangen wußte. Er erhob sich und ging mit der gleichen unwillkürlichen Bewegung, die seine Vorfahren bei einem Überfall an die Schießscharten trieb, ans Fenster, öffnete es, war eine Weile beruhigt, nicht mehr dem Angreifer von früher gegenüberzustehn, sondern dem Angriff des Blütentreibens im Park, eines glanzlosen Kanals, einer undurchdringlichen Stille, des nächtlichen Dunkels ausgesetzt zu sein. Leider mußte er feststellen, daß der Rand des Horizonts sich plötzlich orangen färbte! Jene Wahrheit über die Frauen war nicht wie die übrigen eine nächtliche Wahrheit, sondern eine des Sonnenaufgangs. Er ließ die Vorhänge herab, legte sich wieder, wollte diesen Einfall in Nacht versenken ... Doch die Sonne, die ihre erste Lanze bereits in den Zenit geschleudert hatte, durchdrang mit der zweiten den Damast Fontranges’. Die Finken sangen. Zum erstenmal war er nach dem Warnungsruf eines Übels nicht wieder eingeschlafen ... Plötzlich erbebte er ... Eine junge Frau, die an Stelle der kranken Köchin das Frühstück brachte, trat ein.

Zum erstenmal trat sie in das Zimmer, das sie auswendig kannte, ganz behutsam und neugierig ein. Es war Eglantine, die um fünf Jahre jüngere Milchschwester Bellas und Bellitas, die vor einigen Tagen aus ihrem Pensionat in Charlieu zurückgekehrt war. Unbekümmert, weil sie Fontranges schlafend glaubte, stellte sie das Frühstück auf den Tisch, zögerte, die Vorhänge hochzuziehen, und ging umher. Fontranges hörte, wie sie jene Gegenstände auf der Kommode berührte, die Netzen zum Einfangen von Bildern am meisten glichen. Am Klirren gegen den Marmor erriet er, ob es der goldene oder der silberne Rahmen, ob es Bella oder Jacques war. Wen von beiden mochte sie auf diese Weise liebkosen? Dann berührte Eglantine, ohne daß er das leiseste Geräusch eines Schrittes gehört hätte, und als wäre sie von einem Möbel zum andern gehüpft, auf der Konsole das Lorgnon des Herzogs von Angouleme, setzte es an die Augen, versuchte durchzusehen, im Dunkeln. Dann näherte sie sich und legte auf dem Sessel Rock und Weste zurecht, mit jenen kosenden Strichen und Fingerschnellen wie eine Gattin, wenn sie den Gatten zum Ausgehen entläßt. Sie trieb das Spiel noch weiter. Sie probierte den Mechanismus des Kragenknopfes, der Kettenknöpfchen. Es war Psyche, die sich über Krawatten und Halsbinden beugt. Alle Geräusche, welche in diesem Zimmer von der Jugend hervorgerufen, entfesselt werden konnten, hörte Fontranges in einer reizenden Abstufung der Genitive: das Klirren des arabischen Dolches beim Zurückschieben in die Scheide, den Regen der Perlen des Lampenschirms, den Laut des Stöpsels der Flasche des Orangenblütenwassers. Spiel, Windhauch und Naschhaftigkeit waren im Zimmer in ihrer unwiderstehlichsten und doch geschmeidigsten Gestalt losgelassen. Fontranges hörte seine vertrauten Gegenstände um dieses junge Wesen sich regen. Er dachte an den blinden Prinzen Zagha Khan, einen Freund seines Großvaters, der seine nackten Tänzerinnen in Goldketten und mit seinen Familienjuwelen geschmückt vor sich tanzen ließ, um das Klingen seiner Schätze zu hören. Das war seine Art, sich seine Vorfahren wiederzubringen. Darauf eine Stille, und Fontranges erriet, daß das junge Mädchen vor dem Spiegel stand. Sie holte Atem, ja sie keuchte ein wenig: sie war gebannt. Von ihrem eigenen Bild mehr noch als von den Photographien verlockt, konnte sie sich nichts Fesselnderes vorstellen und war gebannt. Das Schweigen des schönen Mädchens angesichts ihres Spiegelbildes war das gleiche, wie es um den in sich versunkenen Philosophen, um den Heiligen in seiner Meditation waltet. Fontranges empfand es als von göttlicher Art. Es war übrigens kaum glaubhaft, das Eglantine so lange unbeweglich vor dem Spiegel blieb. Sicherlich spielte sie dabei das einzige Spiel, das man geräuschlos spielen kann, das Spiel mit dem Gesicht. Sie verdrehte die Augen, die so viel geschmeidiger sind als Kragenknöpfe, versuchte die Ohren zu bewegen, dem Blick einen noch lebhafteren Ausdruck zu geben. Der Duft der auskühlenden Schokolade drang zu Fontranges schwer wie eine wohlriechende Droge, wie ein Parfüm. Immer noch vor dem Spiegel, versuchte Eglantine vergeblich, ihr Gesicht in ein fremdes zu wandeln, fragte sich, welche geheime Verbindung trotz allem zwischen ihr selbst und dem Spiegelbild bestünde, trat etwas zurück, um die Länge dieses Fadens zu ermessen, stieß eine Vase um und fing sie noch auf. Fontranges erzitterte. Es war eine Sèvres-Vase, ein Geschenk Napoleon Bonapartes an Chamontin und der Familie Fontranges von Napoleon Chamontin weitergeschenkt. Alle diese Gegenstände, die, von unbedeutenden Mittlern zwar, doch aus historischen Glanzzeiten stammten, wurden von Augen und einer Hand berührt, die nur ihn verschonten, und doch fühlte er, daß der Grund ihrer Anziehung, die Veranlassung zu diesem Spiel seine Gegenwart war. Es war nicht zum erstenmal, daß Eglantine während der Ferien in dieses Zimmer trat und zu Zeiten, wo sie alles öffnen und berühren konnte. Doch nur an diesem Morgen und weil Fontranges da war, trat sie, von der Morgendämmerung ungehindert, in dieses Halbdunkel, prüfte sie das Gewicht jeder historischen Nippsache, indem sie das Siegel Philipp Augusts auf ihre Haut drückte, ihre Wange mit dem Rasierpinsel Ludwigs XIV. streichelte. Sie hätte angesichts eines schlafenden jungen Mannes nicht mehr tun können. Fontranges war darüber gerührt, bedrückt: er hustete. Da stürzte Eglantine, um zu entweichen, ans Fenster, öffnete die Vorhänge und verschwand durch die Tür.

 

Es war Sommer, zu Beginn der Erntezeit. Die Schnitter sprachen von Vipern, die in diesem Jahre zahlreich waren. Ein Schnitter aus der Umgebung, der eine Schwade gegen die Brust gedrückt trug, war ins Herz getroffen worden und starb eine Stunde darauf. Sie hielten die Schwaden nicht mehr an die Brust. Jede Garbe ans Herz zu drücken, das Getreide zu umarmen, war dieses Jahr verboten, doch fehlte es deshalb nicht an Festen in den Gutsküchen, und Fontranges nahm nach altem Brauch vor dem großen Emtemahl an ihnen teil. Pächter und Gesinde waren geschäftig beisammen und Eglantine unbeteiligt in ihrer Mitte. Er hatte sie alle in den Gängen oder in den Höfen nie anders als einzeln getroffen, jetzt schienen sie wie zu einer Belagerung, einer Metzelei, einem Skandal im Schloß versammelt. Wenngleich die Pflicht, die Dienstbarkeit vielleicht die noch mit Legenden auf gewachsene Generation der mit dem Kino genährten angepaßt hatte, traute er sich doch nicht, an jemand von ihnen das Wort zu richten, um nicht in ihrer Gegenwart zu Eglantine sprechen zu müssen. Auf der Seite, wo Zwiebeln lagen, gab es Tränen, was Anlaß zu tausend Scherzen bot. Man belustigte sich damit, die störrischsten Bauern weinen zu machen. Zwei große Mägde versuchten, Eglantine mit sich fortzuziehen. Sie wehrte sich, und er ließ sie befreien. Er schätzte sich den ganzen Tag darüber glücklich, als hätte er sie nicht vor Tränen, sondern vor einer Strafe bewahrt.

 

Tags darauf war es wieder Eglantine, die das Frühstück brachte. Es schien Fontranges sogar, daß das Schloß noch geräuschloser klinkte, daß Eglantine statt ihrer Schuhe Hausschuhe anhatte und daß sie mit dem festen Vorsatz kam, den Tanz von gestern zu wiederholen. Fontranges öffnete ein Auge: nein, es waren keine Hausschuhe, sie kam barfuß. Das blühende Gespenst aus Fleisch hatte seine Uniform an. Wieder ein Klirren von Gold, dann von Silber. Der gleiche stumme Flug von Möbel zu Möbel. Das Gespenst kam heute mit einem anderen Sinn als dem Gesicht. Es probierte die Spritzflakons, das mit Heliotrop vor allem, richtete es aber nicht auf sich — die Spuren hätten später seine Streiche verraten —, sondern auf Fontranges selbst, der zum erstenmal sein eigenes Parfüm so empfand, als käme es aus einer echten und riesigen Heliotroppflanze. Auch am nächsten Tag kam Eglantine wieder. Es wurde ihr bereits zur Gewohnheit. Fontranges unterließ übrigens nichts, um sie dazu zu ermuntern. Erließ es sich angelegen sein, auf den Kommoden neue Gegenstände aufzustellen. Sämtliche Tabatieren und Miniaturen im Familienbesitz wurden der Reihe nach ausgestellt. Er öffnete die Bücher an der Stelle, wo der schönste Stich war, die Handschriften bei den gemalten Initialen. Er ließ im Schloß verbreiten, daß er seine Sammlungen reinige, und fand so den Vorwand, in der Nähe seines Bettes die schönsten Pfeile der Südsee, die schönsten Exemplare gezahnter Wurfspieße, die seine Liebhaberei waren, auszubreiten. Er begann wieder seine Ringe, seine Juwelen zu tragen, behielt sie am Tage an, um sie am Abend als Köder auslegen zu können. So legte er einmal auch seinen größten Diamanten hin. Am Morgen darauf war der Besuch noch geheimnisvoller als sonst, von relativer oder absoluter Stille, je nachdem Eglantine den Edelstein in ihrer Faust eingeschlossen hielt oder ihn an den Finger steckte. Fontranges lauschte mit tiefer Genugtuung auf ihre durch den Diamanten noch leichter gemachten Schritte. Er richtete es so ein, daß er Eglantine am Nachmittag traf; sie war heuchlerisch brav und bescheiden. Nichts an ihr verriet, daß sie am Morgen während einiger Minuten die Geliebte irgend jemands war, der dem Glück selbst glich. Der kaum der Vollkommenheit bedürftige Fontranges wurde in seiner unbeweglichen Rolle immer vollkommener, er holte die für Reisen nach Indien und Japan gekauften, im übrigen nie benutzten Pyjamas aus den Schränken. Der Kammerdiener fragte sich, weshalb sein Herr sich jetzt gerade abends vor dem Schlafengehen rasierte, warum alle Finessen, die dem Bett eines Schauspielers oder einer Neuvermählten angestanden hätten, in den Alkolven gebracht wurden. Er untersuchte seine Matratze wie das Chassis eines Autos, ließ Dämpfungsvorrichtungen und Decken anbringen. Der Kampf zwischen Seide und Wolle, echtem Leinen und Baumwolle, der seit Katharina von Medici bereits entschieden war, wurde für Fontranges jetzt aktuell. Es wurde immer klarer, daß auch von seiten Eglantines das Spiel nicht mehr unbewußt war. Die Schokolade zwar war nicht immer zur rechten Zeit da, doch Eglantine stets pünktlich. Der Tag war für Fontranges nur noch ein langes Aufbleiben: alle Ausdrücke, die bei anderen Menschen gebräuchlich sind, wenn sie zu Bett gehen, paßten für sein Erwachen. Er hatte die Empfindung, am Tage und nicht mehr bei Nacht gebettet, dagegen beim Erwachen von lästigen Kleidungsstücken befreit zu sein. Er, der bis dahin bei Tageslicht nur Bellen, Lärm und Wiehern vernommen hatte, wurde jetzt vom Traum empfangen. Er verbrachte seinen Tag damit, in den Vitrinen noch etwas zu suchen, das vor allem Eglantine gefallen, und dann, was als Geschenk für sie passen könnte. Stapel von Juwelen, von Zärtlichkeit, von Stoffen, die sie nie bekommen sollte, häuften sich für das schöne Mädchen. Aber sie berührte sie wenigstens, prüfte sie. Zu jener Stunde, da die hübschen Zofen gern etwas von ihrer Zeit am Bett des jungen Herrn verlieren, ließ sich Eglantine von Luxus, von der Phantasie, von einem Brokat aus dem fünfzehnten Jahrhundert umschmeicheln. Das Abenteuer hätte die ganzen Ferien dauern können. Fontranges hatte in seinem Alkoven nicht mehr das am Anfang ihn störende Gefühl, im Hinterhalt zu liegen, ein Netz auszuwerfen. Es war jetzt vielmehr eine Art von Halbschlummer, der bis zu dem Augenblick, da die Tür sich hinter Eglantine schloß, nicht unterbrochen wurde. Ja, er ertappte sich dabei, daß er in ihrer Gegenwart schlief. Er vermied alles, was Eglantine hätte erschrecken können, widerstand dem Wunsch, eine Schatulle aus der Konsulatszeit aufzustellen, die auf dem Deckel eine Blume und die Inschrift trug: Eglantine, Blume des Morgens. Die Inschrift konnte sie mißtrauisch machen. Die Nachtwandler erwachen, wenn eine Stimme, und sei es auch eine aus dem achtzehnten Jahrhundert, sie mit Namen anruft. Doch eines Morgens hörte er einen Schrei und fand, als er sich erhob, Blutspuren auf einer Serviette und auf den Schatullen. Eglantine hatte die Rasiermesser angefaßt und sich geschnitten. Es gab Blut an der Vorhangschnur, an der sie trotzdem zu ziehen versucht hatte, Blut am Fensterriegel, wie in Zimmern, aus denen der Schuldige nach seinem Verbrechen geflohen ist. Man lebt nicht ungestraft zusammen mit seinem Luxus-Doppelgänger: die unberührbare Eglantine hatte die schöne Eglantine verwundet, die daran starb. Tags darauf brachte die Frühstücksplatte jemand, der nicht verweilte. Ebenso war es die folgenden Tage. Der arme Fontranges, mit dem in der Nacht gewachsenen Bart und in seinem für ein Hotel in Haiderabad bestimmten Pyjama, stürzte, als Eglantine gegangen war, ans Fenster und versuchte vergeblich ihre Flucht zu beobachten. Eglantine ahnte nicht, daß der Schläfer angekleidet fast in seinem Bett lag und nur Schuhe und Rock anzuziehen brauchte. Eines Morgens, als er hinter ihr hereilte, erblickte er sie durch die offene Tür in der Schloßkapelle. Sie steckte Rosen in die Vasen, die bisher nur künstliche Blumen enthielten, putzte die Fenster, gab der Stätte einen echten Wohlgeruch, ein reineres Licht, nicht ohne dazwischen einmal in die steinerne Nische zu gehen und über das Grabmal, über die liegende Statue Bemard de Fontranges’ sich zu beugen. Sie hatte Fontranges durch sein marmornes Ebenbild ersetzt. Sie zupfte ihn zärtlich an der Nase ... Es hätte ihr genügt, Fontranges aus Marmor zu wissen, um ihn an der Nase zu zupfen, ganz sanft ... Dann verschwand Eglantine eines Tages völlig. Bellita hatte von ihrer Rückkehr aus dem Pensionat erfahren und berief sie nach Paris. Eine dicke sechzehnjährige Magd, von Gesundheit und Reizen schwellend, erschien am Morgen darauf an ihrer Statt. Fontranges machte ein Auge auf und schloß es rasch wieder: ihm war, als hätte er ein Bild des leibhaftigen Greisenalters erblickt.

 

Die Ernte war bereits eingebracht und gedroschen. Die Lerchen sangen darum nur noch lauter. Fontranges hätte an einem Tage der Erleuchtung diesen Gesang, den einzigen, der nicht von einem angesiedelten Vogel herkam, als das Gleichnis seines eigenen Gedankens, der stets ebenso fern von ihm und ebenso geschwätzig war, empfinden können. Die Drescherinnen droschen jetzt das Getreide der geizigsten Grundbesitzer, solcher, die den zu Beginn der Saison üblichen Preis nicht zahlen wollten. Man vernahm ihr Schnaufen und Pfeifen bei jenen minder guten Herzen. Der Himmel hörte deshalb nicht auf, blau zu sein, die Erde nicht, sich zu vergolden. Der Schatten verkroch sich in die Falten der Kleider, in die Furchen der Gesichter, unter die Röcke, wie ein dem Tod geweihtes Wild. Zu dieser Jahreszeit, da die Beschaffenheit der Feldflur, Fülle, Überfluß, Freigebigkeit, Reinheit auf den Landbewohner selbst übergehen, trieb eine Art Bescheidenheit Fontranges aus seinem stillen Bereich hinaus. Er fühlte das Verlangen des Herbstes, jene Tugenden mehr noch durch ihn verkörpern zu lassen, der allein in so weiten Grenzen zu jeder Jahreszeit fischen, jagen und befehlen durfte. Wenn er zuweilen auf einer kleinen Anhöhe, die er zum tausendstenmal erstieg, an der Krümmung eines Brachackers, auf dem er jeden Strohhalm zu kennen glaubte, so unvorsichtig war, stehenzubleiben, um diese Verbundenheit des Bodens mit seinem Herrn zu genießen, fühlte er, wie ein Symbol in ihn eindrang, ihn überfiel, und machte sich rasch davon, um durch Hohlwege oder über die Landstraße wieder das Schloß zu erreichen. Nie hatte man den Baron mit so weiten Schritten ausgreifen sehen. Er floh vor sich selbst; er stieß die seltene und kostbare Gabe zurück, welche das Sommerende, der besondere Klang der Flur, auch der seiner Stiefel, und zuweilen der Mondschein auf allen seinen Spaziergängen ihm jetzt darboten. Von Orten, wo der Glanz des Abends ihn ergreifen, der Duft des Heidekrautes ihn erreichen konnte, hielt er sich fern wie die Heroen der Antike von Stätten, wo man in Stein verwandelt wird. Er ging nur noch außerhalb seines eigenen Besitztums auf den Feldern der Nachbarn spazieren, fern von jenen kleinen Wirbeln der Schönheit und der Ruhe, die aus seiner eigenen Erde aufstiegen und so bemüht waren, ihn einzufangen. Nach dem Abendessen nahm er ein Cape um, machte einen Hund los, der für eine monumentale oder dekorative Darstellung am wenigstens geeignet war, einen Dackel etwa, und entzog sich heimlich wie ein Schmuggler allen Geboten des Abends, die ihn für eine Weihestunde in Anspruch nehmen wollten. Auf die gleiche Weise hatte er sich einige Jahre vorher einer hohen Dekorierung für landwirtschaftliche Verdienste entzogen, dadurch, daß er gewisse Akten mit Absicht verlegte. Doch die Anwesenheit fremder Landarbeiter erhöhte auf den Feldern sein angeborenes Herrentum noch mehr. Zum erstenmal wurde das Wort Baron auf Flämisch, auf Polnisch ausgesprochen und machte die Dienstfertigkeit und Schmeichelei der Fluren noch eindringlicher. Mitten im schönsten Spazierengehen, und ohne daß er irgendeine Veränderung in der Landschaft wahrnehmen konnte, stürzte er plötzlich in ein Loch von Hoheit wie der Flieger in ein Luftloch. Man spürte, daß die Natur, viel scharfsichtiger als die Menschen und über das Wesen Fontranges’ wohl unterrichtet, ihn mit jenen Fallen aus Sonne und Weite umstellte, in welchen die großen Herzen aus Stolz oder aus Weisheit sich fangen lassen. Doch Fontranges war ein alter Jäger, ein echtes Wild. Da ihn diese Unruhe, dieser Anruf nur traf, wenn er aufrecht stand, vermied er es, ihnen seinen Schattenriß darzubieten. Er streckte sich auf dem Boden aus, sobald ihm nur der Gedanke kam, stehenzubleiben, so bald ihm überhaupt ein Gedanke kam. Er hatte einen Anzug aus braunem Samt, von der Farbe des Bodens, angezogen, wie im Krieg. Eines Tages folgte ihm ein Jagdaufseher, der ihn für einen Wilddieb hielt. Er kam sich lächerlich vor. Er reiste nach Paris ab.

 

Einmal nachts, als er gegen seine Gewohnheit bis zum Morgengrauen ausgeblieben war, kam er, in das Haus seiner Tochter zurückgekehrt, an dem Zimmer im ersten Stock vorbei, das Bellita Eglantine zum Schlafen eingeräumt hatte. Die Tür stand auf. Durch die Vorhänge traf ein Lichtstrahl die Nachtlampe des Treppenhauses. Fontranges war stehengeblieben. Im Abendanzug und, um sich vor sich selbst Haltung zu geben, in die Betrachtung des über der Tür angebrachten Wandgemäldes vertieft, sah er wie ein Oberkellner aus, der, nachts herausgeklingelt, an der Klingeltafel die betreffende Zimmernummer suchte. Die nach Fontranges geklingelt hatten, waren nach dem Gemälde dreizehn Damen, die um ein Klavier herum saßen. Er hätte widerstanden, wären es dreizehn Fläminnen oder dreizehn Engländerinnen gewesen. Da es Florentinerinnen waren, trat er ein.

Eglantine schlief. Sie schlief auf einem schmalen Ruhebett, die Beine ein wenig angezogen, doch weder Arme noch Knie ragten über das Lager hinaus. Es schien, als müßte sie gleich nach dieser Darbietung durch eine Falltür im Boden oder in der Decke, deren Enge diese eingezogene Körperhaltung erforderte, verschwinden. Das Kissen lag unter ihren Schultern, mit zurückgeworfenem Kopf bot sie dem Schlaf die Kehle dar. Fontranges war gerührt, das schöne Kind bei einer so noblen Handlung anzutreffen, die nichts von Dienstbarkeit verriet. Er fühlte, daß er mit ihr nicht mehr das Spiel Herr und Zofe oder, um es feiner auszudrücken, Schloßherr und Fräulein spielte, sondern das Versteckspiel Jugend und Alter, Neigung und Gleichgültigkeit. Das Abenteuer, bei dem es erforderlich war, daß eins von beiden beim Stelldichein schliefe oder sich schlafend stelle, diese Begegnung am Rande zweier so entgegengesetzter Existenzen, lehrte Fontranges nicht etwa bescheiden zu sein, z. B. nur zu denen zu sprechen, die einen nicht hören, nur jene zu umarmen, die einen gar nicht sehen, nur den Gefühllosen zu liebkosen. Nein, er fühlte sich an Eglantine durch einen neuen und geheimen Sinn gefesselt. Da heute er für jene Magie des Morgens an der Reihe war, wagte er es, sich umzusehen. Das Zimmer war so klein, daß eine Bewegung seiner langen Arme jenes Hüpfen Eglantines von Möbel zu Möbel vertreten konnte. Auf der Kommode, auf dem Tisch berührte er Kästchen aus Pappe, eine Puppe aus Papiermaché, alle Nippes Eglantinens, die gegenüber den bronzenen und silbernen Fontranges’ von viel geringerer Substanz waren. Er genoß diese plötzliche Verminderung im Gewicht um ein Gramm an den Kämmen und Nagelbürsten. Er trat näher an das Lager. Er beugte sich nicht darüber, er wußte, daß seine Knie knacken würden. Aufrecht, von langem Wachen erschöpft, hatte er den Eindruck, daß dieses junge Weib für ihn schlief. Eine Art Freigebigkeit bewog ihn, seinen Schlaf Eglantine zu überlassen, so wie er seinerzeit Jacques seinen Nachtisch überließ. Wie wurde doch der Schlaf durch sie verjüngt! Ihre Lippen bewegten sich, ihre Augenbrauen gingen auf und nieder; bald schien sie von der Sonne der Nacht erhellt, bald sank sie in tiefe Schatten des Dunkels zurück. Fontranges schloß die Augen, neidisch auf diese wunderbare Blindheit; er gelangte wieder zu ihr in der Abgeschlossenheit einer Scheinfinstemis, in einer Nacht, die ihm nicht nur als ihr gemeinsamer Bereich, sondern mehr noch wie eine gemeinsame Gesinnung erschien. Aufrecht mit herabgelassenen Lidern nahm er den Schlaf wieder auf, erschmeichelte ihn sich auf einer Höhe, auf der er seit den Zeiten der Burggrafen nicht mehr gesucht worden ist, oder seit jenem Ritter, der im Schatten seiner Lanze schlief; und ebenso straff und gestreckt wie in seinem Bett, hörte er statt Eglantinens Flüge von Möbel zu Möbel und ihr Anstoßen an Marmor, Schildplatt und Silber ein schweres Atmen, Knistern, hörte er eine plötzliche Unterbrechung des Atems — schauerlicher Anblick! — ein Teilchen Tod, hörte er seinen Schlaf.

Man durfte von Fontranges nicht erwarten, daß er auf ein Gebot seines Herzens oder des Schicksals nicht in der ungeschicktesten Weise Nachdruck legen würde. Seit jenem Tage fing er an, abends auszugehen und erst in der Morgenfrühe heimzukehren. Er schuf sich ein ganzes Nachtleben, um jene Minute der Frühe damit zu nähren. Er hätte nie gedacht, daß Sommernächte so lange sein können, nie, wie wenig Zeit nötig ist, um von Sacré-Coeur bis nach St. Germain-des-Près herabzusteigen, wieder hinauf- und noch einmal herunterzukommen. Von drei Uhr an begann er um das Haus zu kreisen, in welches er tatsächlich nur durch die geöffnete Tür im ersten Stock glaubte eindringen zu können. Er entdeckte in Paris eine besondere Marschroute für den Nachtbummler, der wartet, die so ganz anders ist, als die eines, der sich verspätet, einen Wegweiser, der ihn, ob über die Seine oder das Opernhaus, unvermeidlich zu einem Bahnhof brachte. Alsdann sah er auf das beleuchtete Ziffernblatt. Die Stunde funkelte hier von allen Nachtzügen belebt. So wie unsereiner, um auf die Uhr zu sehen, ins Nebenzimmer geht, ging er zum Nordbahnhof oder zum Austerlitzbahnhof, der ihm lieber war, weil hier das Zifferblatt hinter Bäumen versteckt erst bei ganz nahem Herantreten sichtbar wurde. Dann kehrte er, als hätte er die Stunde wie Frühobst auf den morgens anlandenden Schiffen erwischt, plötzlich flink wie ein Reisender ohne Gepäck, von Unschuld überladen, im Auto heim, zum großen Ärgernis des Portiers, welcher fand, daß der Baron sich Ausschweifungen ergab. Oder auch, er wartete am Geländer der Seine gelehnt — wie die Strolche im Nachtasyl an dem Strick, den der Aufseher jeden Morgen losläßt, um sie zu wecken — auf einen von Notre-Dame herkommenden Strahl, der ihn von der über dem Fluß lagernden Dunkelheit plötzlich befreien sollte. Wenn es regnete, flüchtete er in eine Bar der Rue de la Paix, die einzige, die er kannte, und wo ihm seine Trinkgelder bei dem Mixer Alexander die Anrede Prinz verschafften. Er ließ sich diesen Titel, der dem Rang und der Bedeutung nach der vierte in der Reihe der Titel war, die Fontranges führte, aus Bescheidenheit gefallen. Er liebte dieses Inkognito. Alexander hielt mit einer Handbewegung oder einem Zeitungsblatt die Frauen von ihm ab, wie man Fliegen verscheucht. Sie nannten ihn dafür den „Mann unterm Glassturz“. Gegen drei Uhr, wenn geschlossen wurde, übergab Alexander den „Mann unterm Glassturz“ dem Telephonfräulein Regine, welche ihn auf Schleichwegen, wie man sie sucht, um eine verbotene Grenze zu überschreiten, in der Virginia-Bar absetzte, wo die Neger aus den Music-Halls und von den Jazz-Kapellen nach getaner Arbeit sich trafen. Die Grenze des Schlafes war überschritten, Fontranges atmete auf. Er überströmte von Wohlwollen für alle diese ermüdeten Schwarzen, für diese Jongleure, die ihre Pfeifen aus den Händen fallen ließen, Equilibristen, die stolperten, Leute, die in der Ungeschicklichkeit ihre einzige Ruhe wiederfanden ... Er war gerührt, sie so eng der Nacht verhaftet zu sehen, deren Sinnbild sie sind. Lange Zeit konnte er keinen Neger sehen, ohne an die Nacht zu denken. Zu der Stunde dann, da diese dunklen Männer anfingen, sich zu entfärben, begab er sich mit Hilfe eines Chauffeurs zu der halbnackten Eglantine heim. Er machte nie den Versuch, sie während des Tages zu sehen; er wollte die Illusion haben, daß sie nie erwachte, daß er das Leben eines jungen Mädchens beobachtete, das nie die Augen öffnete, das seine Nahrung schlafend einnahm. Er bildete sich eine Vorstellung von den Mahlzeiten, den Spaziergängen, dem Ankleiden des jungen Mädchens. Da das schlechte Wetter anhielt, riet ihm Alexander, als er ihn bereits um neun Uhr kommen sah, ins Theater, in die nahe gelegene Oper zu gehen. Fontranges folgte gehorsam und war darob begeistert. Er hatte bisher Musik nur gehört, wenn seine Mutter und seine Töchter im Schloß oder in der Kirche spielten. Ein Gefühl naher Verwandtschaft verband ihn mit jedem Instrument. Im Anfang verwirrte ihn das Orchester. Jeder Wohlklang fiel ihn mit der ihm eigenen Angriffskraft an, er fuhr auf, wandte sich nach rechts und nach links, bald nach der Trompete, bald nach der Harfe hin, so wie seinerzeit, als ihm das Taubenschießen noch neu war. Ein Solo ergriff ihn aufs tiefste, wie eine besondere Aufmerksamkeit, wie eine überdeutliche Anspielung darauf, daß man nur ein Herz, ein Dasein hat ... Ein Duett erwies, daß die Musik sich plötzlich erinnerte, daß wir zwei Ohren, zwei Herzen, zwei Seelen haben ... Er wurde davon doppelt getroffen ... Und erst ein Septett! ... Alles Künstliche am Theater wirkte auf ihn mit seiner ursprünglichen Wahrheit: die Nacktheit der Heroinen als Offenheit, die Forschheit der jugendlichen Liebhaber als Tapferkeit. Liebte er es denn selbst nicht, wenn er nachdenken wollte, sich recht ins Licht auf einen Hügel oder auf eine Waldlichtung zu setzen? War der Lichtkreis auf seinem Gut, aus dem er sich fortgestohlen hatte, etwa anders als der, den der Scheinwerfer auf die Bühne warf? Ohne daß er geglaubt hätte, daß die Tenöre Bässe werden, wenn sie altern, empfand er die Jugend aller Tenöre und das Alter aller Bässe als wirklich und unwiderleglich. ... Er erlebte auch beglückende Überraschungen. Eines Abends folgte der Sängerin auf die Bühne ein Pferd, ein echtes Pferd, das aber für sein kurzes Erscheinen wie für ein großes Rennen aufgeschminkt war. Man hatte ihm die Eisen abgenommen, und es schritt über den Teppich wie ein Mann in Pantoffeln. Aus dem Roß war nicht eine Spur von Feuer mehr zu schlagen, und während die fünfzigjährige Walküre in machtvoller Jugend für ihn erstrahlte, bemerkte Fontranges alle Tricks, die man angewendet hatte, um sein Alter zu verbergen. Der ganze Lebenslauf dieses Tieres wurde ihm an Zeichen, die einem solchen Kenner alles verrieten, offenbar. Sechs Jahre traben, denn es war ein Traber, sechs Jahre im englischen Cab, sechs Jahre an der Oper schließlich. Sicherlich ahnte die Walküre nicht, daß ihr Tier zeit seines Lebens nie im Galopp gegangen war. Er hätte sich gerne mit ihr über Pferde unterhalten: ihre Stimme, ihre Augen waren prachtvoll. Er hätte gerne mit ihr über den Ursprung des englischen Halbbluts gesprochen: ihre Zähne waren makellos. Er lächelte, weil er an den Ohren des Pferdes, dessen Hinterhand jetzt in der Kulisse verschwand, erkannte, daß irgendein Statist oder Chorist es auf die Schenkel klopfte, indessen Brunhilde seine Nüstern streichelte ... Solcher Art waren Fontranges’ Zerstreuungen, doch vergaß er, was immer für ein Schauspiel es sein mochte, dabei nie, daß draußen die Nacht herrschte und daß alles zusammen hier für die Nacht und für ihn selbst nur eine Festbeleuchtung blieb.

Fünfzehn Tage dauerte das Abenteuer. Unsichtbar in seinem schwarzen Frackmantel — er unterschied sich darin von einem Hoteldieb nur durch seine Kamelie — trat er ein, beobachtete wachsam an Eglantine die Wirkungen dieses ewigen Schlafs. Zuweilen war der Kopf weniger geneigt als tags vorher; sie hatte sich bewegt! Sie hatte das gleiche Parfüm wie Bellita, doch etwas gemildert; in das Kissen waren die Initialen Fontranges’ gestickt; auf dieser grundlosen, sinnlosen Leidenschaft lag das Familiensiegel. Stets auf dem schmalen Lager ablesbar, schien die Bewegung ihres Schlummers von unendlicher Langsamkeit zu sein. Vier Nächte waren nötig, damit die über der Hüfte liegende linke Hand frei werde, sich in schräge Lage strecke. Zu einem Falten der Lippen, das unter allen grund- und zwecklosen menschlichen Bewegungen am meisten einem Lächeln gleicht, bedurfte es noch mehr Zeit. Es gab auch plötzlich Alarm. Eines Morgens entdeckte Fontranges, daß sein Knopfloch leer war, und ersuchte vergeblich auf der Treppe und im Vorzimmer herum. Was würde Eglantine gedacht haben, wenn sie die Blume in ihrer Nähe gefunden hätte? Übrigens schien es ihm, daß das Zimmer sich veränderte, wie einst seins. Das Zelluloid der Kämme wurde zu Schildpatt, der messingene Fingerhut aus Silber, die edle Dichtigkeit der Gegenstände stellte sich allmählich wieder ein. Keine herumliegenden Kleider mehr auf den Stühlen, keine Gürtel, keine Strumpfbänder; keine Notwendigkeit mehr, aufzustehen, sich als Frau anzukleiden. Plötzlich tauchte aus dem Dunkel, das zu durchdringen es ebensoviel Zeit brauchte wie eine Nadel den menschlichen Körper, alles auf, was die Ausrüstung Eglantines im Leben an Kostbarem enthielt: unter Fontranges’ tastenden Fingern fand sich eine goldene Hutnadel, ein spanischer Dolch. Es war kein Zweifel, Eglantine vermutete, daß er kam. Er konnte nicht entscheiden, ob sie schlief oder sich nur schlafend stellte, er bewegte sich mit mehr als Behutsamkeit auf diesem Parkett, auf diesem Schlummer, von dem er nicht wußte, wie fest er sein mochte. Möglich, daß sie schlief ... Doch ihr Haar lag ordentlicher, etwas Rouge, etwas Puder, Blumen waren eines Morgens auf dem Tischchen zu sehen. Das war ihre Art, sich vor dem Schlafengehen zu rasieren. Die Geflissentlichkeit, mit der sie tagsüber ihm aus dem Wege ging, war durchaus kein Bekenntnis. Der Inkubus, der Sukkubus waren die einzigen erlaubten Freuden für sie, die so unvereinbare Unterschiede des Standes, des Alters, des Geistes trennten, daß sie zu Unterschieden der Art und des Wesens wurden. Doch trafen sie einander wenigstens außerhalb ihres Lebens, jedes von ihnen eine Bildsäule gleichsam für die Arme, für die Augen des ändern, und in dieser unsinnlichen Vereinigung ... Es genügte, daß es stets so bliebe.