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Luhn_Pimpinella_10_Druck.pdf

Als Ravensburger E-Book erschienen 2013

Die Print-Ausgabe erschien im Ravensburger Buchverlag Otto Maier GmbH

© 2010 Ravensburger Buchverlag

Umschlag und Innenillustrationen: Betina Gotzen-Beek
Lektorat: Jo Anne Brügmann

Alle Rechte dieses E-Books vorbehalten durch

Ravensburger Buchverlag Otto Maier GmbH

ISBN 978-3-473-47462-2

www.meerprinzessin.de

www.ravensburger.de

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Wie die Geschichte begann …

An ihrem zehnten Geburtstag erfährt Pimpinella Ozeana Filomena Petersilie Seestern ein bisher streng gehütetes Familiengeheimnis: Ihre Mutter ist eine Meerjungfrau! Ganz schön schockierend für ein von Kopf bis Fuß normales Mädchen, das mit seinen Großeltern in einem winzigen Fischerdorf fernab von jedem Trubel lebt!

Leider kann Nella, wie ihre Freunde sie nennen, ihre Mutter nicht selbst mit den tausend Fragen löchern, die ihr auf der Zunge brennen, denn sie ist vor Jahren auf seltsame Weise verschwunden.

Dafür bekommt Nella Geburtstagsbesuch aus der Welt ihrer Mutter:

Herkules, ein Seepferdchen in Ponygröße, hilft ihr, ihren besten Freund Max zu retten, als er ins Wasser fällt. Und am selben Nachmittag schwingt sich das Meermädchen Dafne zu Nella auf den Anlegesteg des Leuchtturms, von dem aus ihr Großvater die Fischkutter um die Klippen lotst.

Dafne überredet Nella zu einem heimlichen Ausflug. Auf dem Rücken von Herkules reitet Nella in die verborgene Unterwasserwelt und stellt begeistert fest, dass sie in den Tiefen des Meeres problemlos atmen und sprechen kann und ihre Beine durch eine in wunderschönen Farben schillernde Schwanzflosse ersetzt werden.

Das Muschelinternat, in dem Dafne wohnt, entpuppt sich als prachtvolles Schloss. Spontan beschließt Nella, eine Weile mit den anderen Meermädchen die Schulbank zu drücken und alles zu lernen, was man als waschechte Meerjungfrau unbedingt wissen muss.

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1

Herr Kubus fällt in Ohnmacht

Im Muschelinternat ging es nicht anders zu als in jeder ganz normalen Schule. Spätestens am Freitag warteten alle Meermädchen ungeduldig darauf, dass die letzte Unterrichtsstunde endlich vorbei war. Dann konnten sie ihre lästigen Schulsachen wenigstens für die nächsten zwei Tage unter ihre Muschelbetten pfeffern.

Eine ganze Woche lang still zu sitzen fiel den Meermädchen besonders schwer. Sie brannten regelrecht darauf, aus ihren muffigen Klassenzimmern hinaus in die kühlen Wellen zu stürmen und nach Herzenslust um das Schloss herumzutoben. Bis Montagmorgen durften sie dann die komplizierten Fischdialekte, bei denen man sich fast einen Knoten in die Zunge nuschelte, vergessen. Genauso wie die empfindlichen Korallen der strengen Schulleiterin Pataria, die die Schülerinnen mit einer zahnbürstenähnlichen Wasserpflanze vorsichtig abreiben mussten, damit sie ihre knallrote Farbe nicht verloren.

Diese Wasserpflanze hatte es in sich. Wenn man nicht aufpasste, konnte man sich damit schmerzhaft pieksen.

Meistens holten die Meermädchen sofort nach Schulschluss kreischend ihre Seepferdchen aus den Ställen und ritten auf ihnen um die Wette. Oder sie fochten übermütig mit den nagelneuen Schwertfisch-Säbeln, die ihr Fechtlehrer Señor Nigri vor einiger Zeit verteilt hatte.

Langweilig wurde ihnen am Wochenende jedenfalls nie! Kein Wunder also, dass der Freitag der beliebteste Schultag im Muschelinternat war.

An diesem Freitag hatte Nella allerdings das Gefühl, dass irgendetwas Merkwürdiges vor sich ging. Schon beim Aufstehen war ihr bis in die äußerste Flossenspitze eiskalt gewesen.

Inzwischen hatte sie mit dem Delfinbaby Tuula drei Runden durch den Muschelschlossgarten gedreht, aber ihr war immer noch nicht wärmer. Kein gutes Zeichen.

Seit Nella und Nick den Delfin Aurelia aus dem Kerker der versunkenen Stadt befreit hatten, wohnte Aurelia zusammen mit ihrem gerade geborenen Baby Tuula im Muschelschloss. Sie waren die einzigen Delfine im Stall, denn anders als die Wasserjungen ritten Meermädchen auf Seepferdchen.

Aber der weise Riesenkrake Samu höchstpersönlich hatte Nella erlaubt, das Delfinmädchen Tuula zu behalten, damit sie nicht so oft Heimweh nach oben hatte. Wenn Tuula keine Milch mehr trank, wollte die Schulleiterin Aurelia wieder zurück ins Felseninternat schicken. Sie konnte Delfine nicht besonders leiden.

Aber bis Tuula groß genug war, um sich ihr Futter alleine zu suchen, dauerte es zum Glück noch eine Weile. Nella hatte nämlich herausgefunden, dass Delfinkinder viel länger gesäugt wurden als Menschenbabys. Nun hoffte sie insgeheim, dass Frau Pataria ihre Meinung noch mal änderte.

Abgesehen davon, dass Nella die freundliche Aurelia bereits tief in ihr Herz geschlossen hatte, war sie der Meinung, dass die Delfine zusammengehörten. Schließlich wusste sie selbst ganz genau, wie es sich anfühlte, ohne Mutter aufzuwachsen.

Jeden Morgen nach dem Aufstehen, noch bevor der Schulunterricht begann, musste Nella Tuula wecken und ihre zarte Haut mit einem besonderen Schwamm massieren, damit sich keine Muschelreste darauf sammelten. Wenn Nella mit dem Bürsten fertig war, sauste sie mit Tuula ein paar Runden durch den Muschelschlossgarten, bevor sie schließlich ausgehungert in den Speisesaal hetzte. Dieser Frühsport machte richtig Appetit. Seit sie so zeitig auf ihrer Schwanzflosse war, schmeckte ihr selbst der klebrige Wasserspinnenbrei.

Der Vampirtintenfisch Thomas hatte in der Nähe der Seepferdchenställe extra ein Kinderdelfinbecken für Tuula eingerichtet, damit die Seepferdchen ein Auge auf das Delfinkind haben konnten. Besonders Herkules bewachte das vorwitzige Delfinbaby so fürsorglich wie ein Kindermädchen, wenn Aurelia nicht in der Nähe war.

Obwohl Nella das Gegenteil von einer Frühaufsteherin war, machte es ihr riesigen Spaß, Tuula zu versorgen. Manchmal stellte sie sich vor, wie ihre alten Klassenkameraden oben, besonders die zickige Klara, staunen würden, wenn sie wüssten, dass Nella einen echten Delfin besaß. Schließlich hatte Nella Klaras Pony nur dann streicheln dürfen, wenn Klara gut genug gelaunt gewesen war.

Ab und zu bekam Nella deshalb diebische Lust, nach oben zu reiten und Klara mit einem Besuch zu überraschen. Der würden bestimmt die Augen aus dem Kopf fallen, wenn sie hörte, dass Nella in einem echten Schloss wohnte. Nur dass sie sogar eine Prinzessin war, durfte Nella ihr leider nicht unter die Nase reiben. Das war nämlich streng geheim!

Nella ließ ihren Blick durch den Muschelschlossgarten schweifen. Aber es war absolut nichts Außergewöhnliches zu sehen. Sie beschloss, Richtung Schlosstor zu schwimmen. Der kleine Extraausflug tat dem Delfinbaby sicher nur gut.

Gerade, als sie am Tor ankam, schleppte sich der Postfisch Herr Kubus mit letzter Kraft auf den Hof.

„Ahahahah“, röchelte der Kofferfisch. „Ahahahaaaaa???“

Der Quallenagent Bobo, der gerade auf seiner morgendlichen Kontrollrunde gewesen war, eilte herbei. Er war der Chef der Internatspolizei und deshalb eine Qualle der Tat. Er versetzte dem Postfisch mit einem seiner Fangarme einen kräftigen Schlag auf die Rückenflosse, um ihn vor dem Erstickungstod zu retten.

„Ahhhhhhhhhh!!!“ Herr Kubus ließ sich keinesfalls erleichtert in den Sand fallen und streckte alle Flossen von sich.

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Bobo geriet außer sich. Hier lag ein akuter Notfall vor, keine Frage. Der Einzige, der nun noch helfen konnte, war der Doktorfisch Achilles. Der hatte für jeden Zustand eine Salbe und einen guten Ratschlag parat.

„Kalt Blut, Kubus!“, rief er mit sich überschlagender Stimme. „Ich hole den Doktor!“

Er kraulte mit Höchstgeschwindigkeit los und schwamm beinahe Nella über den Haufen.

„Platz da!“, rief Bobo ungeduldig und plusterte seinen durchsichtigen Körper wichtig auf. „Alarm, Alarm! Doktor Achilles, zu Hilfe. Keiner verlässt das Schloss.“

„Was ist los, Bobo?“, rief Nella erschrocken und legte schützend ihre Arme um Tuulas Hals.

Tuula gab einen begeisterten Ton von sich und klapperte vergnügt mit ihrem Maul. Kuscheln mochte das Delfinbaby nämlich besonders gerne.

„Was ist los?“, rief Nella erneut. Dieses Mal mit einem ängstlichen Unterton in der Stimme. Wenn der Quallenagent Bobo die Nerven verlor, musste man sich ernsthaft Sorgen machen. Sie packte Bobo an einem seiner Arme, aber er glitschte ihr durch die Hand und eilte davon.

„Du wartest hier, Tuula!“, sagte Nella eindringlich und hob ihren Zeigefinger wie Oma Ida es tat, wenn sie es besonders ernst meinte. „Nicht ohne mich wegschwimmen!“

Tuula fiepte eifrig und warf ihren Kopf hin und her. Nella startete mit ihrer Schwanzflosse durch und war in drei Schwimmzügen bei Herrn Kubus.

„Herr Kubus!“, schrie sie entsetzt. „Sind Sie krank?“

Nella mochte den alten Kofferfisch besonders gerne. Er brachte zuverlässig Nachrichten in das Muschelschloss und schleppte sogar Flaschenpostbriefe von Nellas bestem Freund Max herbei, obwohl er Rheuma in den Flossen hatte.

Der Postfisch atmete schwer und seine Pupillen wanderten unruhig umher.

„Was haben Sie denn, Herr Kubus?“, fragte Nella mit weinerlicher Stimme. „Ist Ihnen schlecht?“ Sie beugte sich über ihn.

„Schrecklich, einfach nur schrecklich!“, stöhnte Herr Kubus und streckte mühsam seine Seitenflosse aus. „Es ist wieder da.“

Nella starrte den Kofferfisch erschrocken an. Auf seinen Schuppen zeichneten sich rote Pünktchen ab. Konnte es sein, dass er fantasierte? Vielleicht hatte er Fieber wie Nella damals, als sie sich bei Max mit Scharlach angesteckt hatte. Allerdings: Sie wusste nicht, ob Fische überhaupt Fieber kriegten. Schließlich waren sie ja Kaltblüter.

Vorsichtig betastete sie seine Haut. Die Schuppen fühlten sich eiskalt an.

„Alles wird gut“, sagte sie tröstend. „Bobo holt gerade Doktor Achilles.“ Wie alle Fische und Meermädchen im Muschelschloss vertraute Nella dem Schularzt blind.

Der Kofferfisch zuckte ungeduldig mit seiner Schwanzflosse und wälzte sein Maul im Sand hin und her, dass Nella angst und bange wurde.

„Ein Unglück … das Ding ist zurück!“, rief er schließlich. „Wir dürfen keine Zeit verlieren. Du musst Samu herbeirufen, bevor es zu spät ist.“

Im gleichen Augenblick rumpelte es wie bei einem Gewitter. Nella schaute nach oben und riss entsetzt die Augen auf.

Jetzt sah auch sie das Ding, das Herrn Kubus so einen Schrecken eingejagt hatte. Es trudelte langsam in ihre Richtung und sah verrückterweise aus wie ein riesiger Unterwassertausendfüßler.