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Als Ravensburger E-Book erschienen 2013

Die Print-Ausgabe erscheint in der Ravensburger Verlag GmbH
© 2009 Ravensburger Verlag GmbH

Umschlag und Innenillustrationen: Betina Gotzen-Beek
Lektorat: Petra Buck

Alle Rechte dieses E-Books vorbehalten durch Ravensburger Verlag GmbH

ISBN 978-3-473-47457-8

www. meerprinzessin.de
www.ravensburger.de

Muscheligen Dank
an die Gedichtnixe Petra Buck
für ihren unermüdlichen Unterwasser-Einsatz

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Wie die Geschichte begann …

An ihrem zehnten Geburtstag erfährt Pimpinella Ozeana Filomena Petersilie Seestern ein bisher streng gehütetes Familiengeheimnis: Ihre Mutter ist eine Meerjungfrau! Ganz schön schockierend für ein von Kopf bis Fuß normales Mädchen, das mit seinen Großeltern in einem winzigen Fischerdorf fernab von jedem Trubel lebt!

Leider kann Nella, wie ihre Freunde sie nennen, ihre Mutter nicht selbst mit den tausend Fragen löchern, die ihr auf der Zunge brennen, denn sie ist vor Jahren auf seltsame Weise verschwunden.

Dafür bekommt Nella Geburtstagsbesuch aus der Welt ihrer Mutter:

Herkules, ein Seepferdchen in Ponygröße, hilft ihr, ihren besten Freund Max zu retten, als er ins Wasser fällt. Und am selben Nachmittag schwingt sich das Meermädchen Dafne zu Nella auf den Anlegesteg des Leuchtturms, von dem aus ihr Großvater die Fischkutter um die Klippen lotst.

Dafne überredet Nella zu einem heimlichen Ausflug. Auf dem Rücken von Herkules reitet Nella in die verborgene Unterwasserwelt und stellt begeistert fest, dass sie in den Tiefen des Meeres problemlos atmen und sprechen kann und ihre Beine durch eine in wunderschönen Farben schillernde Schwanzflosse ersetzt werden.

Das Muschelinternat, in dem Dafne wohnt, entpuppt sich als prachtvolles Schloss. Spontan beschließt Nella, eine Weile mit den anderen Meermädchen die Schulbank zu drücken und alles zu lernen, was man als waschechte Meerjungfrau unbedingt wissen muss.

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1

Das rätselhafte Beben

Es war ein besonders sonniger Nachmittag.

Die Wasserjungen des Felseninternats, allen voran Floris und Nick, schossen vergnügt auf ihren Delfinen durch das Wasser und jagten sich ausgelassen gegenseitig durch die hohen Wellen. Es kam nicht oft vor, dass der strenge Schuldirektor Professor Patros seinen Schülern erlaubte, das Schulgelände des Jungeninternats auf dem Meeresboden zu verlassen. Zur großen Freude der Wasserjungen hatte ihnen der Direktor heute sogar erlaubt, auf ihren Delfinen nach oben an die Oberfläche zu reiten.

Das Felseninternat lag nämlich gut verborgen unter einer winzigen Insel mitten im Meer. Direkt darüber türmten sich die gewaltigen Ruinen des Steinschlosses auf. Seit mehr als hundert Jahren waren Schloss und Insel unbewohnt. Der letzte Schlossherr war während eines schrecklichen Unwetters ins Meer geschwemmt worden und vermutlich ertrunken. Er hatte das Geheimnis, dass das Felseninternat unten durch unterirdische Gänge mit der Schlossruine oben verbunden war und früher einmal zum Schloss dazugehört hatte, mit auf den Meeresgrund genommen.

Die Insel selbst war so klein, dass die Jungen mit Leichtigkeit ganz um sie herumlaufen konnten. Denn genau wie bei Meermädchen und Nixen verwandelte sich ihr schillernder Fischschwanz an Land in zwei ganz normale Beine.

Aber leider waren den Schülern des Felseninternats solche aufregenden Ausflüge auf die Insel streng verboten. Wie gerne hätte Nick die verlockenden Ruinen des alten Schlosses ausgiebig erkundet. Sie sahen irgendwie geheimnisvoll aus.

Wenigstens durften sie heute endlich wieder nach Herzenslust im offenen Meer herumtoben, denn im Felseninternat war rätselhafter Besuch eingetroffen. Der Fremde wollte anscheinend so geheim bleiben, dass Direktor Patros den Wasserjungen bis zum Abendbrot freigegeben hatte. Nicht einmal ihre Hausaufgaben hatten sie vorher erledigen müssen. Sehr ungewöhnlich für den sonst so strengen Schulleiter!

Alles hatte damit begonnen, dass mitten in der großen Pause ein ganzes Rudel höchst bissig aussehender Tigerhaie aufgetaucht war und eine verschlossene schwarznarbige Riesenmuschel wie eine vornehme Kutsche in den Schulhof gezogen hatte. Als Wappen waren die Umrisse eines Seesterns in die Schale eingeritzt worden. Bevor die neugierigen Wasserjungen Gelegenheit hatten, die seltsame Muschel und ihren Passagier genauer unter die Lupe zu nehmen, waren auch schon eine Handvoll Lehrer und der Direktor höchstpersönlich herbeigeeilt. Eilig waren sie von dem Gefährt weggejagt worden. Professor Patros hatte kurzerhand das Unterrichtsende verkündet und die Wasserjungen wie einen Schwarm lästiger Wasserflöhe vom Schulhof hinuntergescheucht.

Nick war noch einmal zurückgepaddelt, weil er seinen Sandkugelball vergessen hatte. Dabei hatte er beobachtet, wie sich die Riesenmuschel einen Spaltbreit geöffnet hatte und aus ihrem Inneren eine dunkelgraue, übel riechende Wolke entwichen war. Doch ehe er einen Blick auf den geheimnisvollen Gast erhaschen konnte, hatte ihn Professor Patros entdeckt und unsanft durch das Schultor geschubst.

„Alle mal herhören! Die Sonne wandert schon hinter den ersten Felsen“, rief Floris plötzlich in die ausgelassene Runde und unterbrach das wilde Treiben jäh. Er sah blinzelnd hinauf in den wolkenlosen Himmel. „Wir müssen zurück, es wird bald dunkel. Sonst kriegen wir bestimmt wieder Hausarrest vom guten Patto.“ So respektlos nannten die Wasserjungen den Schulleiter natürlich nur, wenn dieser nicht in der Nähe war.

Floris’ Delfin bockte ungehalten. Auch die Delfine genossen es, pfeilschnell durch das Meer zu jagen, anstatt gelangweilt in ihren Ställen herumzulungern und darauf zu warten, dass die Wasserjungen Zeit hatten, mit ihnen zu spielen.

„Ruhig, Puk, ganz ruhig.“ Floris tätschelte sanft den glatten Hals des Tieres. Zum Glück war er ein ausgezeichneter Reiter, sonst hätte Puk ihn bestimmt abgeworfen. Obwohl Floris der Kleinste in seiner Klasse war und man ihn mit seinen langen Haaren oft mit einem Mädchen verwechselte, befolgten seine Mitschüler meistens, was er ihnen riet. Das taten sie nicht etwa, weil er Klassenbester war, sondern obwohl er Klassenbester war. Floris war einfach immer nett zu jedem und ganz besonders hilfsbereit.

Auch diesmal musste er seine Mitschüler nicht lange überreden. Sie machten auf der Stelle kehrt und schlugen den Rückweg zum Felseninternat ein. Sich mit dem strengen Schulleiter anzulegen, darauf konnten sie gerne verzichten. Professor Patros verstand nämlich keinen Spaß, wenn es um Ordnung und Disziplin ging.

Nur Nick tat so, als hätte er die Warnung seines Freundes nicht gehört. Er hatte überhaupt keine Lust, so früh ins Felseninternat zurückzukehren. Obwohl er bereits vor zwei Monaten das große Delfinabzeichen gemacht hatte, war er noch kein einziges Mal oben unterwegs gewesen. Dabei hatte er für die schwere Prüfung wochenlang hart gebüffelt. Mit dem „Großen Delfin“ in der Flossentasche durften die Schüler des Felseninternats alleine das Schulgelände verlassen und die Umgebung ohne einen Lehrer erkunden. Man musste nur dem Direktor Bescheid sagen.

Aber seltsamerweise hatte Professor Patros immer neue Einwände gegen einen Ausflug von Nick gehabt: Einmal war die See zu stürmisch, ein anderes Mal das Wasser zu still, ein drittes Mal waren zu viele große Dampfer auf dem Meer unterwegs gewesen. Schließlich hatte Nick Nachsitzen müssen, weil ein hungriger Bullenhai seinen Sportbeutel gefressen hatte. Kurzum: Immer war etwas äußerst Dummes dazwischengekommen.

Deshalb wollte Nick seinen ersten Ausflug an die Wasseroberfläche bis zur letzten Minute ausnutzen. Wer wusste schon, wann er mal wieder die Gelegenheit hatte, ungestört auf seinem quirligen Delfin Peng die weite Welt zu erkunden? Das Leben im Felseninternat war auf die Dauer nämlich ziemlich langweilig, fand er. Er konnte mit geschlossenen Augen jeden winzigen Stein benennen, den es dort unten gab.

„Wer als Erster am kaputten Boot ist“, forderte er Floris übermütig zu einem Wettrennen heraus. „Der Verlierer ist eine ganze Woche mit Delfinbürsten dran.“ Er gab Peng einen sportlichen Klaps und schoss mit ihm los.

Jeden Morgen vor dem Unterricht waren die Wasserjungen, die eigene Delfine besaßen, dafür verantwortlich, deren empfindliche Haut mit einem weichen Schwamm abzubürsten. Normalerweise reinigten Delfine ihre Haut selbst, indem sie stundenlang munter in den Wellen auf und ab sprangen. Aber weil die Delfine im Felseninternat nicht jeden Tag lange genug schwimmen konnten, mussten die Wasserjungen darauf achten, dass ihre Haut schön geschmeidig blieb. Zwei Delfine gleichzeitig zu pflegen, hieß für einen Wasserjungen, mindestens eine halbe Stunde früher aufstehen als die anderen, oder andersrum: Seinen Delfin nicht putzen zu müssen, bedeutete eine halbe Stunde länger ausschlafen. Das hörte sich sehr verlockend an!

Das kaputte Holzboot lag an dem früheren Anlegesteg des Schlosses vor Anker. Es bestand nur noch aus einem sperrigen Holzgerippe und war nicht mehr zu flicken.

„Hinterher“, flüsterte Floris seinem Delfin zu und legte sich so flach wie möglich auf seinen Rücken. „Die beiden lahmen Schnecken kriegen wir doch im Schlaf!“

Puk war der Bruder von Peng, und wenn es darauf ankam, konnte er mindestens so schnell und wendig durch das Wasser gleiten wie er.

Schon sauste Puk wie die schnellste Unterwasser-Makrele aller Ozeane los. Obwohl Nick auf seinem Delfin Peng einen ziemlichen Vorsprung hatte, gelang es Floris auf dem letzten Meter tatsächlich, seinen Freund einzuholen. Sie schlugen gleichzeitig an dem Holzboot an.

„Gleich noch mal!“, rief Nick begeistert und machte mit Peng vor Freude einen Luftsprung. Erhitzt strich er sich seinen störrischen Lockenschopf aus der Stirn. Er war blond wie Floris, aber im Gegensatz zu diesem waren seine Locken kurz geschnitten und umrahmten sein Gesicht wie eine wilde Mähne.

In diesem Augenblick erklang ein unheimlicher Donnerschlag. Nick und Floris schauten verwundert in den immer noch wolkenlosen Himmel. Ein gewaltiges Grollen ließ Peng und Puk furchtsam aufschrecken. Sie schüttelten nervös ihre Schnauzen, als ob sie etwas sagen wollten. Schlagartig erkannten Nick und Floris, dass das Geräusch nicht etwa von oben kam, sondern von ganz tief unten aus dem Meeresinneren. Es rumpelte, ächzte und stöhnte, dass ihnen angst und bange wurde. Puk und Peng drängten sich eng aneinander, während Nick und Floris ängstliche Blicke wechselten.

„Los, schnell rüber zur Insel!“, rief Nick panisch.

Floris nickte zustimmend. Im nächsten Moment schoss eine gigantische Wasserfontäne wie eine Seeschlange aus den Tiefen des Meeres empor, bäumte sich auf und verpasste Nick und Floris eine ungewollte Dusche. Es ertönte ein ohrenbetäubendes Summen, das zu beinahe unerträglicher Lautstärke anschwoll. Gleich darauf folgte ein kurzer, lauter Knacks – und die Insel mit der Ruine darauf brach wie ein Vogelei in zwei gleich große Teile.

Nick und Floris starrten mit offenen Mündern auf die langsam auseinanderdriftenden Teile.

Es herrschte wieder die gleiche friedliche Stille wie zuvor. Doch aus dem Krater, der sich in der Mitte der zerborstenen Insel in Sekundenschnelle gebildet hatte, quollen jetzt äußerst merkwürdige Dinge hervor: ein ganzer Schwung beschriebener Palmenblätter, ein altmodisches Tintenfass, drei Federkiele, ein aus knallbunten Muscheln gefertigter Ohrensessel, feine Halstücher in allen Mustern und Farben, ein grober Kamm aus Haifischzähnen, Hunderte unterschiedlich geformte Schneckenhäuser, ein komplettes Haifischskelett und schließlich ein kugelrundes Aquarium, in dem aufgeregte rot-orange gestreifte Fische kreisten.

Zuletzt wurde der Schuldirektor Professor Patros höchstpersönlich hervorgespuckt.

Er zappelte heftig mit seinem Fischschwanz und fuchtelte aufgeregt mit den Armen. Während er durch das Wasser gewirbelt wurde, schimpfte er in einem fort. „Unerhört! Unerhört das alles. Unerhört!“

Der rote Seidenschal, den er um seinen Hals geschlungen hatte, verfing sich an dem Ankertau des alten Boots und der Direktor klammerte sich ängstlich an einer Bootsplanke fest. „Unerhört, ganz unerhört! Ich werde mich beschweren!“

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