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Als Ravensburger E-Book erschienen 2013

Die Print-Ausgabe erscheint in der Ravensburger Verlag GmbH
© 2009 Ravensburger Verlag GmbH

Umschlag und Innenillustrationen: Betina Gotzen-Beek
Lektorat: Jo Anne Brügmann

Alle Rechte dieses E-Books vorbehalten durch Ravensburger Verlag GmbH

ISBN 978-3-473-47454-7

www. meerprinzessin.de
www.ravensburger.de

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Wie die Geschichte begann …

An ihrem zehnten Geburtstag erfährt Pimpinella Ozeana Filomena Petersilie Seestern ein bisher streng gehütetes Familiengeheimnis: Ihre Mutter ist eine Meerjungfrau! Ganz schön schockierend für ein von Kopf bis Fuß normales Mädchen, das mit seinen Großeltern in einem winzigen Fischerdorf fernab von jedem Trubel lebt!

Leider kann Nella, wie ihre Freunde sie nennen, ihre Mutter nicht selbst mit den tausend Fragen löchern, die ihr auf der Zunge brennen, denn sie ist vor Jahren auf seltsame Weise verschwunden.

Dafür bekommt Nella Geburtstagsbesuch aus der Welt ihrer Mutter:

Herkules, ein Seepferdchen in Ponygröße hilft ihr, ihren besten Freund Max zu retten, als er ins Wasser fällt. Und am selben Nachmittag schwingt sich das Meermädchen Dafne zu Nella auf den Anlegesteg des Leuchtturms, von dem aus ihr Großvater die Fischkutter um die Klippen lotst.

Dafne überredet Nella zu einem heimlichen Ausflug. Auf dem Rücken von Herkules reitet Nella in die verborgene Unterwasserwelt und stellt begeistert fest, dass sie in den Tiefen des Meeres problemlos atmen und sprechen kann und ihre Beine durch eine in wunderschönen Farben schillernde Schwanzflosse ersetzt werden.

Das Muschelinternat, in dem Dafne wohnt, entpuppt sich als prachtvolles Schloss. Spontan beschließt Nella, eine Weile mit den anderen Meermädchen die Schulbank zu drücken und alles zu lernen, was man als waschechte Meerjungfrau unbedingt wissen muss.

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1

Flieg, Seepferdchen, flieg!

„Juchuh! Ich fliege!“, jubelte Nella übermütig. Mutig lenkte sie ihr Seepferdchen Herkules auf einen besonders hohen Schwammturm zu.

„Und hopp!“, feuerte sie ihn an.

Herkules bäumte sich wiehernd auf und stoppte dann erschocken ab, weil ihm das fremde Hindernis nicht ganz geheuer war.

Darauf war Nella nicht vorbereitet. Sie purzelte in hohem Bogen über seinen Kopf hinweg mitten in eine blühende Seegraswiese. Ein paar Gräser kitzelten sie vorwitzig in der Nase und sie musste heftig niesen.

„Hatschi!“ Nella wirbelte jede Menge lockeren Meeresboden auf und war im Nu in eine dichte Sandwolke eingehüllt. Überrascht guckte sie sich um.

Dafne trabte eilig herbei und glitt von ihrem Seepferdchen herunter. Aufgeregt schwamm sie um Nella herum. „Hast du dich verletzt? So eine umgeknickte Schwanzflosse kann ganz schön wehtun.“ Sie hielt ihr hilfreich ihre Hand hin.

Nella schüttelte den Kopf und lachte. „Nein, überhaupt nicht. Mir geht’s prima. Hatte nur eine kleine Schrecksekunde. Das Reiten macht mir riesigen Spaß.“

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Sie nieste erneut und brach zum Naseputzen einfach ein großes Blatt Meersalat ab. Diese Meersalat-Taschentücher waren tausendmal praktischer als die Stofftaschentücher von Opa Jost, die dieser oben benutzte. Sie wuchsen nämlich überall und mussten nicht von Oma Ida gewaschen und gebügelt werden.

„Weißt du, dass ich mir schon immer ein eigenes Pferd gewünscht habe? So ein Seepferdchen wie Herkules finde ich noch tausendmal besser. Meine Schulfreundin Klara würde vor Neid platzen, wenn sie mich gerade sehen könnte. Sie ist manchmal echt zickig und sie hat mich ihren Zorro nur ab und zu einmal striegeln lassen.“ Nella drehte sich nach Herkules um.

Er kaute verlegen an einem Algenbüschel und zwinkerte ihr schuldbewusst zu. Ganz offensichtlich war es ihm peinlich, dass er vor einer so lächerlichen Hürde aus Waschschwämmen gekniffen hatte.

„Wahnsinn! Dafür, dass du nie zuvor geritten bist, machst du wirklich riesige Fortschritte. Wenn ich nicht aufpasse, bist du bald so gut wie ich. Außerdem hast du das bessere Pferdchen.“ Dafne grinste Nella spitzbübisch an. „Aber übertreib es nicht. Herkules ist aus dem Training. Du darfst ihm nicht zu viel zumuten.“ Jetzt schwang leiser Vorwurf in ihrer Stimme mit.

„Auch wenn er früher einmal der Beste von allen war. Er muss sich erst an dich gewöhnen.“ Sie half Nella mit einem Ruck auf. „Sonst scheut er vielleicht übermorgen bei deiner Aufnahmeprüfung und dann haben wir einen schönen Schneckensalat. Pataria ist unerbittlich, wenn es darum geht, Fehler zu finden. Sie wird Quallenmus aus dir machen, sobald du ihr die Gelegenheit dazu bietest.“

Nella schüttelte sich angeekelt. „Nein, danke. Das ist nicht so nach meinem Geschmack.“ Viel lieber naschte sie selbst gekochte Erdbeermarmelade oder Oma Idas leckeren Apfelkuchen. Aber solche Köstlichkeiten gab es im Muschelschloss leider nicht. Stattdessen musste sie jeden Morgen zum Frühstück schleimigen, mit Fischeiern angereicherten Wasserspinnenbrei hinunterwürgen. Diese grässliche Mischung war angeblich total gesund und hielt die Fischschwanzhaut der Meermädchen geschmeidig.

Nella hievte sich auf den Schwammturm, den Herkules verschmäht hatte, und machte es sich bequem. Sie brauchte jetzt dringend eine kleine Verschnaufpause. Nachdenklich schaute sie einem Einsiedlerkrebs zu, der gemächlich seiner Wege kroch, und ließ die letzten Tage in Gedanken vorbeiziehen.

Vor kaum einer Woche war sie im Muschelschloss aufgetaucht und hatte um Aufnahme in das Meermädcheninternat gebeten.

Dafne war überzeugt davon gewesen, dass das überhaupt kein Problem sein dürfte. Schließlich hatte gerade das neue Schuljahr begonnen und Nellas Mama war selbst einmal Schülerin im Wasserinternat gewesen.

Doch die Schulleiterin Pataria hatte sich quergestellt und alle möglichen Gründe gegen Nellas Aufnahme angeführt. Als Hauptargument hatte sie Nellas Papa genannt. Dieser war nämlich ein Mensch und schipperte als Seemann kreuz und quer über die Weltmeere, um Nellas verschwundene Mama zu suchen.

Nella hatte sich furchtbar aufgeregt. Obwohl ihr die strenge Schulleiterin schreckliche Angst einjagte, hatte sie ihr erklärt, dass ihre Großeltern auch nichts dabei gefunden hatten, dass Papa eine Meerjungfrau geheiratet hatte, und Nellas Mama Lorelai genauso liebten wie ihren Sohn.

Pataria hatte ihr aber gar nicht richtig zugehört.

Da war Nella so sauer geworden wie schon lange nicht mehr. Sie war wütend zur Behausung des Riesenkraken Samu geschwommen, um ihm ihren Wunsch höchstpersönlich vorzutragen. Der alte, weise Krake wachte über die Meermädchen und schützte sie vor Gefahren.

Zu ihrem Pech war Samu nicht zu Hause gewesen. Es hatte gerade Riesenärger mit seiner Leibwache, den Quallenagenten, gegeben. Die extrabreite Mauer aus Korallenglas, die das Schloss aus Sicherheitsgründen umgab, war löchrig geworden, ohne dass es den Quallenagenten aufgefallen war. Außerdem hatten die faulen Typen ein Dutzend Wollhandkrabben laufen lassen, die das Schloss ausspionierten. Dabei sollten die Quallenagenten nichts anderes tun, als die Meermädchen vor Eindringlingen zu beschützen.

Der Riesenkrake hatte angeblich vor Zorn dunkellila Tinte gespuckt und eilig die Himmelsgucker zusammengetrommelt. Das waren extrem gemütliche Fische, die den Tag am liebsten im Schlossinnenhof verbrachten und vor sich hin träumten. Allerdings hatten sie eine ganz besondere Fähigkeit: Sie konnten Strom abgeben wie ein elektrischer Weidezaun. Bis die Mauer repariert war, sollten sie nun zusätzlich mit den Quallenagenten Wache schieben.

Nella konnte sich gut vorstellen, dass sich die Quallenagenten ziemlich tollpatschig anstellten! Die schwebten doch den ganzen Tag nur träge im Wasser herum und guckten geheimnisvoll.

Den haarigen Wollhandkrabben war sie auch schon begegnet. Diese Biester sahen wie pelzige Spinnen aus – wirklich zum Fürchten! Sie hatten die Netze der Fischer angefressen und für große Unruhe im Dorf gesorgt. Nella fand den Gedanken, dass die gruseligen Kreaturen um das Muschelschloss herumstreunten, ziemlich beunruhigend. Sie hoffte sehr, dass die Quallenagenten ab jetzt besser aufpassten.

Als sie Samu nicht angetroffen hatte, war Nella niedergeschlagen in das Muschelschloss zurückgekehrt. Sie hatte keine Ahnung gehabt, womit sie Pataria noch überzeugen konnte. Da war ihr überraschend der Fechtlehrer Señor Nigri zu Hilfe gekommen. Anscheinend fand er Nella aus irgendeinem Grund nett, denn er hatte Pataria gebeten, ihr wenigstens eine winzige Chance zu geben.

Nella wäre ihm am liebsten um den Hals gefallen. Aber die Flossen des Fächerfisches sahen doch recht stachelig aus.

Am Ende hatte Pataria großmütig bestimmt, dass Nella eine besonders knifflige Prüfung machen musste. Spätestens dann würde sich ja herausstellen, ob sie als halbes Menschenkind überhaupt in eine Meerjungfrauenschule passte.

Da Pataria ihr nur eine Woche Zeit zum Üben gegeben hatte, trainierte Nella seitdem direkt vor den Pforten des Schlosses jede freie Sekunde für ihre Aufnahmeprüfung!

Während Nella noch so auf dem Schwammturm vor sich hin grübelte, stand plötzlich Pataria vor ihr. Nella zuckte erschrocken zusammen und selbst Herkules riss wiehernd seinen Kopf in den Nacken. Nella sah sich verwirrt um. Aus welcher Richtung war Pataria nur so schnell herbeigeschwommen?

Wie immer, wenn Nella ihrer neuen Lehrerin in den letzten Tagen unvermittelt über den Weg gepaddelt war, spürte sie eine eisige Gänsehaut über ihren Rücken laufen. Das fühlte sich ungefähr so an, als ob sämtliche Wasserflöhe, die sich vergnügt im Meer tummelten, beschlossen hätten, ausgerechnet auf Nellas zarter Haut ein Klassentreffen abzuhalten.

Pataria war mit einem auffälligen Mantel bekleidet, der beinahe wie ein Zelt von ihrer großen Gestalt abstand. So angezogen war sie noch Furcht einflößender als sonst. Der Stoff des Mantels sah so aus, als wäre er aus echten schwarzen Fischschuppen gewebt. Ob es so pechschwarze Fische überhaupt gab? Nella war sich nicht sicher.

Patarias blutrote Korallenhaare türmten sich bedrohlich hoch auf ihrem Kopf auf. Als Haarspangen hatte sie dieses Mal lebendige Fische verwendet. Sie steckten wie in einem Gefängnis in ihrer schrecklichen Haarpracht fest und blubberten verängstigt Luftblasen.

Nella konnte gar nicht hinschauen, so leid taten ihr die eingesperrten Fische.

„Ozeana!“, rief Pataria mit erhobener Stimme. „Wie häufig habe ich dich in den letzten Tagen ermahnt, nicht so ungestüm zu reiten?“

Nella holte tief Luft. Seit ihrer Ankunft auf dem Meeresgrund redete die Lehrerin sie nur mit ihrem zweiten Namen Ozeana an. Nella fand das unmöglich. Schließlich war ihr Rufname Pimpinella und noch lieber wurde sie natürlich Nella genannt. Das wusste Pataria genau.

Ozeana … Aus dem Mund der Schulleiterin hörte sich dieser Name höchst unheilvoll an. So, als ob sie jeden Augenblick eine Strafe zu erwarten hätte.

Niemand anders nannte sie so. Erst vor ein paar Tagen, an ihrem zehnten Geburtstag, hatte Opa Jost ihr verraten, dass ihre Mama aus dem Meer stammte und ihr zweiter Name deshalb Ozeana lautete. Also war Ozeana eigentlich eine Ortsangabe. Nicht mehr und nicht weniger. Trotzdem versuchte Nella, sich ihren Ärger nicht anmerken zu lassen. Sie durfte es sich in den nächsten Tagen auf gar keinen Fall mit der strengen Schulleiterin verscherzen.

„Entschuldigen Sie, Frau Pataria“, antwortete Nella betont höflich und senkte ihren Blick. „Das war nicht meine Absicht. Ich habe bloß für das Turnierreiten geübt, damit Sie mit mir zufrieden sind. Das ist ja alles neu für mich und ich möchte ganz schnell viel lernen.“

Pataria nickte besänftigt. „Gut, dass du deinen Fehler einsiehst. Für dieses eine Mal will ich ein Auge zudrücken. Kein Wunder, dass du bei diesem leichten Sprung gestürzt bist. Ein fantastisches Seepferdchen wie Herkules ist natürlich komplett ungeeignet für so ein dummes Menschenmädchen. Herkules wird dich immer wieder abwerfen, und ich verrate dir bestimmt kein Geheimnis, wenn ich dir sage, dass du völlig unbegabt bist. Ich verstehe nicht, warum dir der weise Samu erlaubt, Herkules weiter zu reiten. Bestimmt nur, weil du die Tochter von Lorelai bist.

Leider hatte er immer schon einen Narren an deiner Mutter gefressen. Lorelai hier, Lorelai da“, spottete sie. „Bis die liebe Lorelai mit dem besten Pferd aus unserem Stall auf und davon ist.“ Sie lachte gehässig auf. „Und jetzt weiß nicht einmal der schlaue Samu, wo seine Lieblingsmeerjungfrau ist.“ Sie schnippte zur Bekräftigung ihres letzten Satzes mit dem Finger und erschreckte einen Schwarm ahnungslos vorbeitrödelnder Falterfische zu Tode.

Nella presste die Lippen fest aufeinander. In diesem Moment verachtete sie Pataria aus tiefstem Herzen. Wie konnte sie nur so gemeine Sachen über ihre Mama sagen? Genauso wie ihr Papa war Nella hundertprozentig sicher, dass ihre Mutter von Piraten entführt worden war. Insgeheim hoffte sie, dass Samu ihr bei der Suche nach ihrer Mutter helfen würde. Schließlich war er so alt und weise wie kein anderes Tier in der Unterwasserwelt. Pataria dagegen hatte keine Ahnung.

Das merkwürdige Verhalten der Schulleiterin brachte Nella dazu, sich eine neue, sehr interessante Frage zu stellen. Was war damals im Muschelschloss vorgefallen, dass Pataria ihre Mama Lorelai so sehr verabscheute?