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christoph hardebusch

DIE
DUNKLE
HORDE

Ein Trolle-Roman

Originalausgabe

Wilhelm Heyne Verlag

München

Originalausgabe 01/2014

Redaktion: Uta Dahnke

Copyright © 2014 by Christoph Hardebusch

Copyright © 2014 der deutschsprachigen Ausgabe by

Wilhelm Heyne Verlag, München,

in der Verlagsgruppe Random House GmbH

Umschlagillustration: Volkan Baga

Umschlaggestaltung: Nele Schütz Design, München

Satz: Buch-Werkstatt, Bad Aibling

ISBN: 978-3-641-11340-7

www.heyne-fantastisch.de

Für mein Herz

DramatiS Personae

Trolle

Akken

Anführer eines Stammes

Bisa

Jägerin

Breg

Jäger aus Akkens Stamm

Era

Trollin aus Akkens Stamm

Gonar

Uralter Troll

Israk

Anführer eines Stammes

Kageeg

Jäger

Karn

Jäger aus Akkens Stamm, Ruks Bruder

Korr

Jäger

Ksisa

Jägerin aus Akkens Stamm

Nork

Ehemaliger Anführer von Akkens Stamm

Ong

Jäger aus Radas Stamm

Prana

Jägerin aus Israks Stamm

Rada

Anführerin eines Stammes

Ruk

Jäger aus Akkens Stamm, Karns Bruder

Tamma

Jägerin aus Akkens Stamm

Trad

Anführer einer Sippe

Trohm

Jäger und Späher

Truk

Jäger

Zega

Jägerin aus Radas Stamm

Eleitam, Elfen und andere

Aleitos

Häuptling der Keibos

Andira

Elfische Jägerin

Deilava

Elfenkriegerin, Sorams Tochter

Delek’op

Eleitam aus Op’ral

Eke’an

Anführerin der Eleitam aus An’darth

Inisa

Elfenkriegerin

Narem

Elfenkrieger

Parvan

Elfenkrieger

Qeren

Elf

Regvald

Zwerg

Selan

Elfenkrieger

Soram

Elf, Deilavas Vater

Prolog

In den Legenden der Menschen des Landes zwischen den Bergen gibt es so lange schon Geschichten über die furchterregenden und grausamen Trolle, dass man glauben könnte, sie seien immer ein Teil des Landes gewesen. Doch es gab eine Zeit, lange bevor einige von ihnen das Blut des Dunkelgeistes tranken, ja, selbst bevor der Dunkelgeist wurde, was er nun ist, da lebten die Trolle am Südrand der gewaltigen Bergkette der Sorkaten, zwischen Felsmassiven, die kein Mensch bis dahin gesehen hatte.

Hoch in den Bergen, wo das Leben rau und hart ist, hatten die Trolle ihre Heimat. Sie interessierte weder, was jenseits der mächtigen Gipfel lag, noch, was die vielen Völker in den Tälern, Wäldern und Ebenen unter ihnen taten. Manchmal sprachen sie in ihren Legenden von den Elfen des Großen Waldes und der weiten Steppe, von den Zwergen in ihren Festungen in den Tiefen der Berge, von den Keibos, den Tuun, den Onoi und den Eleitam, aber wenn, dann meist nur, um jene Völker zu verlachen, die so viel schwächer waren als sie selbst.

Es ist nicht einfach, die Geschichte eines Volkes zu erzählen, das Taten höher schätzt als Worte und das keinen Sinn und keine Zeit für alles, was nicht dem bloßen Leben und Überleben dient, hat. Die wenigen Fragmente mündlicher Überlieferung, die den Trollen erhalten geblieben sind, sprechen von einer Zeit, bevor sie vor dem feurigen Auge der Sonne unter die Welt flohen.

In jener Zeit kam ein Troll zu ihnen, der alles für sie für immer verändern würde. Ein Troll, der eine Vision hatte, die sie zu einem besseren Leben führen sollte.

Dies ist die Geschichte dieses Trolls.

1

Der Hunger war zu einem ständigen Begleiter geworden. Meist spürte Karn ihn im Hintergrund, ein unangenehmes Gefühl der Leere in seinem Leib. Aber manchmal, so wie in diesem Augenblick, war es ein beißendes Nagen, als sei der Hunger etwas Lebendiges in ihm, was sich an seinen Eingeweiden labte. In diesen Momenten konnte sich Karn kaum auf etwas anderes konzentrieren, zu übermächtig war dieser seltsame Schmerz. Er versuchte, sich abzulenken, an die anderen zu denken, die auf ihn angewiesen waren, und irgendwie gab ihm dieser Gedanke genug Kraft, und er verdrängte den Hunger wieder aus seinem Geist.

Sein Weg hatte ihn weit in das Tal hinabgeführt. Unter seinen bloßen Fußsohlen knirschte der Schnee, dessen Decke zu einer harten Schicht gefroren war, in die der Troll mit jedem Schritt einbrach. Schlimmer noch war das beständige Funkeln der sich im Schnee spiegelnden Sonne, das Karn zwang, seine Lider zusammenzukneifen, und ihm trotzdem Tränen in die Augen trieb. Er blinzelte, wischte sich die Feuchtigkeit aus den Augenwinkeln und sah sich um.

Ein Stück weiter unten standen einige größere Bäume an den Hängen des Tals. Sie wirkten geduckt, so schwer waren sie mit Schnee beladen. Einige von ihnen waren nur noch weiße Schemen. Wenn ich mich hier ausruhe und einschlafe, werde ich auch so aussehen, fuhr es Karn durch den Kopf. Leider hatte er zu viel Vorstellungskraft, wie Era immer wieder sagte. Nur allzu deutlich sah er das Bild vor seinem inneren Auge: ein zusammengekauerter Troll, von Schneemassen bedeckt, kaum noch zu erkennen, gefroren, bis der Frühling kam. Falls er kam.

Karn atmete aus und blickte auf die Wolke, die sich vor seinem Mund bildete. Es hatte nicht den Anschein, als ob es jemals wieder warm werden würde. Die letzten Winter waren hart gewesen, ein jeder länger als der vorherige, und stets hatten alle geglaubt, dass es wieder besser werden müsste. Doch dieser Winter war schlimmer, kälter und länger als jeder zuvor, mit Tagen, an denen es kaum hell wurde, und so kalten Nächten, dass selbst erfahrene Jäger es nicht wagten, die Höhlen zu verlassen. Dass heute die Sonne schien, hatte Karn erst als ein gutes Zeichen gewertet, aber bis auf schmerzende Augen hatte sie bislang nichts gebracht. Es war kalt, und der Wind pfiff so schneidend wie immer aus dem Tal empor und verbiss sich in die Haut des Trolls.

»Klagen wird nichts ändern«, brummte er vor sich hin und entschied, noch weiter hinabzugehen. Hier kannte er sich kaum aus; nur selten stiegen die Mitglieder seiner Sippe so tief ins Tal hinab. Aber wenn nicht bald Jäger mit Beute zu den Höhlen zurückkehrten, befürchtete Karn das Schlimmste.

Schon bald erreichte er die ersten Bäume und schritt zwischen ihnen hindurch. Immer wieder wirbelte der Wind Schnee auf, oder Äste schüttelten ihre Last ab. Manchmal schob sich daraufhin eine kleine Lawine einige Schritt den Hang hinab. Noch drohte keine Gefahr, aber Karn war dennoch auf der Hut.

Der Wind brachte seltsame Gerüche aus dem Tal mit sich, die der Troll nicht deuten konnte. Rauch war darunter, Tiere und Pflanzen, aber noch mehr. Immer wieder hielt er inne, hob den Kopf und sog die eisige Luft in seine Nüstern. Vielleicht sah er deshalb die schmale Spur erst so spät, dass er beinahe über sie hinweggestapft wäre. Sofort wich er zurück, ging hinter einem umgestürzten Baum, den das Gewicht des Schnees besiegt hatte, in die Hocke und sah sich misstrauisch um. Doch es war nichts zu sehen, keine Bedrohung zeigte sich. Also schlich Karn vorsichtig näher.

Die Spur war nicht sonderlich auffällig, schon etwas älter, fast vom Schnee verweht. Die Abdrücke waren seltsam. Kleiner als die eines Trolls und arm an Kontur. Keine Fußballen, keine Zehen, keine Krallen oder Klauen. Karn konnte nicht sagen, welches Tier eine solche Spur hinterließ. Dann wurde ihm bewusst, dass es kein Tier gewesen war. Es waren die Spuren eines Zweibeiners. Gestiefelt. Er knurrte leise. Für einen Zwerg waren die Schritte zu weit auseinander. Aber wer sonst würde sich so hoch in die Berge wagen?

Es gab nur einen Weg, das herauszufinden. Karn folgte den Spuren, achtete sorgsam auf seine Umgebung und huschte von Deckung zu Deckung. Die Spuren deuteten darauf hin, dass ein oder zwei Tage vergangen sein mussten, seit das fremde Wesen hier unterwegs gewesen war, aber er wollte kein Risiko eingehen und zwang sich zur Vorsicht, obwohl alles in ihm darauf drängte, den Eindringling zu finden und zu stellen. Seine Sippe mochte nur selten so tief ins Tal hinabsteigen, aber dennoch betrachtete sie es als ihr Gebiet, und in Karn ballte sich Wut über die Frechheit des Unbekannten zusammen.

Eine weitere Spur stieß zu der ersten. Ähnliches Schuhwerk, gleiche Schrittlänge. Sie vereinten sich und führten weiter hinab. Der Wald wurde dichter, die Bäume größer, ihre Stämme breiter. Sie boten mehr Deckung, aber auch mehr Möglichkeiten für einen Hinterhalt. Unter ihren schneebeladenen Ästen herrschte Schatten, den der Troll ausnutzte. Immer wieder blieb Karn stehen und witterte. Zunächst konnte er keine ungewöhnlichen Gerüche feststellen, doch dann lag da ein metallischer Hauch in der Luft, den er nur allzu gut kannte: Blut.

Grimmig fletschte der Troll die Zähne und schlich weiter. Jetzt ließ er sich halb von der Spur und halb von dem Geruch leiten. All seine Sinne waren hellwach. Er rechnete jeden Herzschlag damit, auf seine Beute zu treffen.

Stattdessen fand er eine kleine Lichtung im Wald. Schnee, rot von Blut, viele Spuren. Zuerst glaubte er, den Ort eines Kampfes gefunden zu haben, doch dann bemerkte er mehr Einzelheiten. Fußspuren aus verschiedenen Richtungen, die sich hier trafen. Eine dünne Linie von Blutstropfen, die aus dem Wald kam. Platt gedrückter Schnee, einige Mulden. Und dazu der Geruch. Blut, gegerbtes Leder, Stoff, Öle, Metall. Darüber eine scharfe, fast schon in seinen Nüstern brennende Note. Er war sicher, dass dies der Geruch der Eindringlinge sein musste, der nun hier in der Luft hing.

Der Ort war kein Kampfplatz. Sondern ein Lager.

Vorsichtig umrundete Karn die Lichtung. Erst als sich der Troll sicher war, dass niemand mehr in der Nähe war, trat er aus den Schatten des Waldes ins Sonnenlicht und betrachtete die Spuren genauer. Mindestens vier dieser Kreaturen waren hier gewesen, und es sah so aus, als ob sie an diesem Fleck eine gewisse Zeit verbracht hatten. Ob den Tag oder eine Nacht, konnte Karn nicht sagen.

Er ging neben den Blutspuren in die Hocke und besah sie sich. Es war viel vergossen worden, und der Geruch war noch stark. Karn ergriff eine Handvoll des getränkten Schnees und hielt ihn sich direkt unter die Nüstern. Er kannte diesen Geruch, hatte ihn schon oft wahrgenommen. Speichel lief ihm im Mund zusammen, und sein Magen knurrte vernehmlich. Er schob sich den Schnee in den Mund. Eiskalt lief ihm das Gemisch die Kehle hinab, doch der Geschmack war unverkennbar. Die Eindringlinge hatten ein Fellhorn erlegt. Bei dem Gedanken heulte Karn vor Empörung auf. Sie hatten es gejagt und getötet – im Gebiet seiner Sippe! – und es dann ausbluten lassen. So viel gutes Blut verschwendet. Es war viele Nächte her, dass Karn zuletzt ein Fellhorn gesehen hatte, und nun hatten Fremde eines erbeutet. Nein, gestohlen. Sie haben es uns gestohlen!

Ein einzelnes Fellhorn würde seine Sippe nicht über den Winter bringen, aber es war besser als das, was Karn bislang erbeutet hatte: nichts. Er schob sich noch eine Handvoll blutigen Schnees in den Mund, dann erhob er sich. Die Sonne stand bereits tief. Hier oben wurde es schnell dunkel, wenn sie sich erst einmal hinter den Bergen verbarg. Die Eindringlinge mochten einen Vorsprung haben, aber Karn dachte nicht daran. Er spürte auch den Hunger nicht mehr, den der Geschmack des Blutes in ihm angefacht hatte. Die Erschöpfung der langen, erfolglosen Jagd war vergessen.

Unten im Tal gab es Beute. Seine Beute. Karn lief los.

2

Ruk kannte den Tod. Er war ihm schon oft begegnet. Er hatte ihn über andere gebracht, auf der Jagd und im Kampf. Er hatte ihm ins Antlitz geblickt. Manchmal in das gefühllose von Naturgewalten, von Schnee und Eis, von Steinschlag und Unwettern, die selbst Berge erbeben ließen. Manchmal in das rasende von Feinden, von Beute, von Kriegern. Immer war die Fratze des Todes hässlich gewesen. Der Tod war ein alter Bekannter für Ruk, hatte den Troll sein Leben lang begleitet. Das war einfach Teil seiner Existenz, und er nahm es so hin.

Doch jetzt verspürte er Zorn in sich. Einen seltsamen, ohnmächtigen Zorn, den er so noch nie erlebt hatte. Nicht auf Feinde, sondern auf worauf eigentlich? Es dauerte einen Herzschlag, bis es ihm bewusst wurde. Auf alles!

Es war dunkel in der Höhle, es schien gerade noch genug Licht von dem weit entfernten Eingang herein, dass Ruk die anderen Trolle sehen konnte. Er kniete zwischen ihren Leibern, und sein schneller werdender Atem war das einzige Geräusch. Er war der einzige lebende Troll.

Tief in seinem Innern wünschte er, dass sie im Kampf gefallen wären. Doch seinen Augen bot sich ein anderes Bild. Sie lagen zusammengekauert, hier und da noch die Gliedmaßen umeinandergeschlungen. Der Tod war langsam zu ihnen gekommen, hatte sich zwischen sie gelegt. Hunger, Kälte, Schwäche. Er hatte die Kraft aus ihren Armen gezogen und den Willen aus ihrem Geist. Bis sie sich schlafen legten, um nie mehr aufzuwachen.

Ruk kannte alle ihre Namen. Es war eine kleine Sippe gewesen, kaum ein Dutzend, mit kleinen Höhlen weit oben im Gebirge. Trad hatte ihr Anführer geheißen, der dort näher am Eingang halb zusammengesunken an die Wand gelehnt kauerte, fast so, als würde er jeden Moment aufstehen und Ruk begrüßen. Manchmal waren sie zum Handel in das Tal hinabgestiegen oder um einer Versammlung beizuwohnen. Er erinnerte sich an einen Scherz, den er mit ihnen geteilt hatte, eine Geschichte, die sie erzählt hatten. Das war nun alles, was von ihnen geblieben war.

Nur zwei von ihnen fehlten. Junge, starke Jäger. Sind sie ein letztes Mal auf die Pirsch gegangen? Sollten sie Hilfe holen? In Ruks Geist tauchte das Bild zweier weiterer Toter auf, irgendwo an der Flanke des Berges, halb unter Schnee begraben.

Ruks Zorn wuchs. Trolle sollten nicht so sterben!

Für einen Moment verharrte Ruk noch, dann erhob er sich. Es gab nichts, was er tun konnte. Die wenigen Vorräte hatte die Sippe aufgebraucht, und auch sonst besaß sie nichts von Wert, was er hätte tragen können. Die Leichen waren gefroren und ohnehin zu viele, als dass Ruk sie aus der Höhle hätte schaffen können, und er konnte sich nicht die Zeit nehmen, sie unter Steinen zu begraben.

»Sollte es wärmer werden, kehre ich zurück«, murmelte er ein Versprechen, von dem er jetzt schon ahnte, dass er es kaum würde halten können. Es war ihm, als ob die Toten seinen Worten lauschten. Vielleicht wussten sie, dass bis zum Frühling längst irgendein Aasfresser die Höhle gefunden haben würde. Oder auch nicht – hier oben gab es nicht mehr viel, und die Sippe würde alles erjagt haben, was sie entdecken konnte. Gäbe es hier noch Beute, wären sie nicht so gestorben.

Langsam schritt Ruk aus der Höhle. Er spürte die Blicke der Toten in seinem Nacken, ob verstehend oder anklagend, konnte er nicht sagen.

Obwohl die Sonne bereits tief stand und nur noch wenig Licht spendete, blendete sie seine Augen, die sich an das Dämmerlicht der Höhle gewöhnt hatten. Er verengte sie zu Schlitzen, auch weil es gegen den beißenden Wind half, der gnadenlos über die Berge pfiff.

Hoch über ihm thronte der Gipfel des Alten Scharfzahns, von dem Schnee in einer nie endenden Wolke in den Himmel geweht wurde. Aber wenigstens war der Himmel klar, abgesehen von wenigen dünnen, schnell ziehenden Wolken. Mit einem Unwetter war heute Nacht nicht zu rechnen, auch wenn das Wetter so weit oben in den Bergen schnell umschlagen konnte.

Kalt würde es dennoch werden, noch kälter als jetzt. Ruk konnte es bereits in seinen Knochen fühlen. Ihm stand ein langer, dunkler, einsamer Abstieg bevor, aber er wollte nicht in der Höhle mit den Toten bleiben, auch wenn das sicherlich die vernünftigere Entscheidung gewesen wäre.

Vor dem Tod hatte Ruk keine Angst; er kannte ihn gut. Aber er war dort drin gewesen, und wer wusste schon, ob er nicht noch dort lauerte? Ruk wollte ihn nicht herausfordern. Es war besser, die Höhle hinter sich zu lassen.

So machte der Troll sich auf den Weg.

Als die Sonne drei Nächte und Morgen später wieder hoch am Himmel stand, erreichte Ruk die ersten Ausläufer seines Stammesgebiets. Er hatte zu wenig geschlafen. Sich nur hier und da, verborgen in Felsspalten, einige Momente der Ruhe gegönnt. Eile schien ihm geboten, und er hatte sich gegen den eisigen Wind gestemmt, um schnell zu seinem Stamm zu gelangen. Die bittere Kälte nagte an ihm; sie war immer schlimmer, wenn man hungrig war. Aber nur noch ein paar tausend Schritt, und er würde an ein Feuer kommen, das die Kälte vertreiben würde. Fast noch wichtiger jedoch war, dass er seine Geschichte erzählen konnte, damit die Toten nicht mehr zentnerschwer auf seinem Geist lasteten.

Allein der Gedanke an Gesellschaft beschleunigte seine Schritte und ließ die Erschöpfung in den Hintergrund treten. Bald folgte er einem kleinen Bach, der nun schon einige Monde fast vollständig zugefroren war, bis er die Höhleneingänge als dunkle Schatten im Fels sehen konnte.

Dann bemerkte er die Trolle. Sie standen auf dem Plateau vor der großen Höhle. Ruk hob den Arm, wollte rufen, da fiel ihm auf, dass es viele waren. Zu viele. Er duckte sich und zählte. Es waren mindestens fünfzig, vermutlich mehr. Entweder waren alle Jagdtrupps zurückgekehrt, und so ziemlich alle Trolle seines Stammes hatten sich versammelt, oder dort waren Fremde.

Vorsichtig ging Ruk weiter. Es gab keine Kämpfe und keinen Lärm, der Anblick wirkte vorerst friedlich, aber er traute der Ruhe nicht. Erst als er Einzelheiten erkennen konnte und sah, dass viele aßen und tranken und redeten, schwanden seine Sorgen langsam.

»Ruk!«

Ksisa, eine junge Jägerin, hatte ihn als Erste bemerkt und hob den Arm. Er erwiderte den Gruß. Unvermittelt sahen fast alle zu ihm. Ruk ließ den Arm sinken und schob das Kinn vor. Unter den teils erwartungsvollen, teils prüfenden Blicken schritt er in die Mitte der Versammlung, wich keinem von ihnen aus, vor allem nicht jenen der Fremden. Er musterte sie ebenso wie sie ihn.

Es waren hauptsächlich junge Trolle, Jäger allem Anschein nach. Ein Geruch von blutigem Fleisch hing in der Luft, ließ seine Eingeweide vernehmlich rumpeln.

»Gut, dass du zurück bist. Hast du sie gefunden?« Akken trat vor. Der Anführer des Stammes war einen guten Kopf größer als Ruk, und auf seinem Leib zeugten viele Narben von seinen Jagden und Kämpfen. Bei einigen von ihnen war Ruk dabei gewesen, und er kannte die Kraft und Geschicklichkeit des älteren Trolls wie auch seine Schläue und Gerissenheit.

»Sie sind tot«, entgegnete Ruk leise. »Der Winter hat ihnen ein grausames Ende bereitet.«

Eigentlich hatte sich der Stamm Hilfe von der Sippe versprochen, dringend benötigte Vorräte, die das Überleben sichern würden, doch die schlechte Nachricht wurde seltsam ruhig aufgenommen.

Akken nickte, als habe er sie bereits erwartet. Er drehte sich um, bückte sich und hielt ein großes Stück frischen Fleisches in den Pranken, das er Ruk hinhielt, als er sich ihm wieder zuwandte. »Du musst hungrig sein. Iss, dann berichte uns genauer.«

Obwohl ihm das Wasser im Mund zusammenlief, hielt sich Ruk zurück. Das Fleisch glänzte verlockend in der Sonne, die für den Augenblick sogar die Kälte vertrieben hatte.

»Wer sind diese Trolle?«, fragte er leise.

Akken öffnete den Mund, doch an seiner statt antwortete eine fremde Stimme: »Ich bin Israk.«

Ein großer Troll trat aus der Menge hervor und hob die Hand. Er war nicht so groß wie Akken, aber größer als Ruk. Sein Haar war kurz geschoren, was ihn als Jäger auswies, und Ruk konnte ihm ansehen, dass er ein guter Jäger war. Aber da war noch mehr. Er schien aus der Schar der Trolle hervorzustechen, zog Ruks gesamte Aufmerksamkeit auf sich.

Israk nickte Ruk zu und deutete auf die fremden Trolle. »Das ist mein Stamm. Und du bist Ruk. Ich habe von dir gehört. Dein Stamm kann froh sein, dich zu haben.«

Ruk antwortete nicht, sondern nahm das Fleisch und hieb seine Hauer hinein. Der Geschmack war köstlich. Fast so gut wie die erste Beute, die er selbst erlegt hatte. Das letzte Mal hatte er vor vielen Nächten frisches Fleisch gehabt. Seitdem hatte sein Stamm nur noch Vorräte aufgebraucht und von den wenigen Flechten, Pilzen und Knollen gelebt, die sie noch gefunden hatten.

»Wir haben deinem Stamm Geschenke mitgebracht«, erklärte Israk, als Ruk sich mit dem Handrücken über den verschmierten Mund fuhr und das Blut von seiner Haut leckte.

Ruk schluckte einen großen Bissen kaum gekaut herunter und widerstand dem Drang, mehr Fleisch in sich hineinzustopfen. Stattdessen betrachtete er Israk genauer. Die Haut des Trolls war von einem hellen Grau, seine beiden Hörner nicht lang, aber ansehnlich gewunden. Ruk bemerkte einige Narben an seinen Armen. Lange, dünne Striemen, wie man sie nur selten sah. Möglicherweise von scharfen Waffen fremder Völker hervorgerufen. Israk bewegte sich mit einer Selbstsicherheit, wie sie nur wenige Trolle ausstrahlten. Doch hinter der Ruhe nahm Ruk eine Anspannung wahr, die nicht nachzulassen schien. Was ihn an dem Troll jedoch vor allem faszinierte, war der Blick. Israk beobachtete ihn ebenso wie er ihn, und Ruk ahnte, dass seine Erkenntnisse ihm nicht verborgen blieben.

»Wo habt ihr das her?«, fragte er schließlich, biss in das Fleisch, riss ein Stück heraus und fuhr kauend fort: »Und warum bringt ihr es uns?«

»Wir haben es gejagt«, erklärte Israk schlicht. »Und wir bringen es, weil wir selbst mehr als genug auch für den härtesten Winter haben, ihr aber hungert.«

Es war nicht gänzlich unbekannt, dass Stämme einander halfen. Immerhin war Ruk aus einem ähnlichen Grund zu jener unglücklichen Sippe geschickt worden. Doch von Israk und seinen Begleitern hatte er noch nie gehört. Sie waren Fremde.

»Dort, wo das herkommt, gibt es noch viel mehr«, rief Israk in die Runde und wandte sich von Ruk ab. Vielleicht hatte er den Zweifel in Ruks Augen bemerkt. Er schritt langsam im Kreis, ließ seinen Blick über alle Trolle wandern. »Gutes Fleisch. Ordentlich was zu futtern. Genug für alle Trolle. Wir müssen es uns nur holen.«

Noch immer war Ruks Misstrauen nicht gewichen. Aber Akken nickte freudig, und viele aus seinem Stamm sahen angesichts dieser Aussicht auf eine große Jagd und ein Ende der Entbehrungen ebenso hoffnungsvoll aus.

Das Fleisch in seinem Magen, der Geschmack in seinem Mund ließen Ruk verstummen.

Später würde er Fragen stellen.

Jetzt jedoch wollte er essen.

3

Auch wenn die Hitze seines Ärgers in der Kälte der Nacht abgeklungen war, war Karn nicht weniger wütend. Doch nun war es ein kaltes, ein eisiges Gefühl, das ihn antrieb. Er war jetzt vorsichtiger, denn der Wind, der zu seinem Glück noch immer aus dem Tal wehte, trug inzwischen starke Gerüche mit sich. Er war nicht mehr weit entfernt, da war er sich sicher.

Bald entdeckte er vor sich ein undeutliches Flackern. Jemand hatte ein Feuer entzündet. Sofort ging Karn in die Hocke und beobachtete das ferne Licht genauer. Zweimal verschwand es, als blockiere etwas die Sicht. Es schien ein kleines Feuer zu sein, näher, als er zuerst vermutet hatte. Für einen Moment fragte er sich, ob es an dem großen See lag, von dem ihm erzählt worden war und den er immer hatte sehen wollen. Dann schob er den Gedanken beiseite. Die genauen Örtlichkeiten waren nicht von Interesse, solange sein Stamm Hunger litt.

Der Wald hatte sich wieder gelichtet. Nur hier und da standen noch kleine, verkrüppelte, windschiefe Bäume. Der Boden unter dem Schnee war tückisch. Es gab viel Geröll, das jederzeit unter den Füßen wegrutschen konnte.

Vorsichtig schlich Karn weiter. Die Gerüche wurden intensiver, und jetzt lag auch der des Rauchs eines Feuers in der Luft. Und der von gebratenem Fleisch. Unbewusst beschleunigte der junge Troll seine Schritte.

Schließlich konnte er mehr erkennen. Die Eindringlinge hatten wieder ein Lager errichtet, in einer kleinen Mulde, hinter einer Schneeverwehung. Der Platz war gut gewählt, bot er doch gleichermaßen Schutz vor dem Wind und vor Blicken aus dem Tal. Das Feuer war tatsächlich klein und sorgsam angelegt. Fünf Gestalten waren um es verteilt. Wesen, wie Karn sie noch niemals gesehen hatte. Sie hatten dichtes Fell und gewaltige Köpfe – zumindest im Verhältnis zu ihren dünnen Leibern. Karn schätzte, dass ihm das größte dieser Wesen kaum bis zur Brust reichte und dabei auch noch viel schmaler war als ein junger Troll.

Drei hatten sich nah am Feuer eingerollt und schienen zu schlafen, während zwei unterhalb der Schneekannte hockten, leise miteinander kommunizierten und hin und wieder einen Blick über die Kante hinab ins Tal warfen.

Karn grub seine Finger in den kalten Schnee und fixierte die beiden Wachen mit einem finsteren Blick. Er empfand es als Beleidigung, dass sie im Tal seines Stammes nur dorthin sahen, wo es keine Trolle mehr gab.

Die Fremden schienen viele Dinge bei sich zu haben, verborgen in großen Bündeln, im Lager verteilt. Vor allem jedoch fiel Karn ein großer Schatten auf, in dem er bald den Kadaver eines Fellhorns erkannte.

Beinahe wäre er sofort aufgestanden, doch da sah er die langen Stäbe, die neben den Wachen im Schnee steckten. Das Licht des Feuers glänzte auf ihren metallenen Spitzen.

Karn zögerte, ehe Wut und Hunger die Oberhand gewannen und er sich vorsichtig anschlich, stets die beiden Wachen im Blick. Es war nicht weit von seiner Position aus bis zu der Mulde, aber er bewegte sich langsam und bedächtig, wobei er darauf achtete, so wenig Geräusche wie möglich zu verursachen. Jeder Schritt war wohlgesetzt, und er verlagerte sein Gewicht nur langsam, damit der Schnee unter seinen Füßen nicht allzu sehr knirschte. Der Wind half ihm, denn er trug alles, Geräusche und Gerüche, von den Eindringlingen fort, hinauf in die Berge.

So sehr war die Aufmerksamkeit der Wachen auf das Tal gerichtet, dass sie Karn nicht bemerkten, bis er sich auf ein halbes Dutzend Schritt dem Lager genähert hatte. Gern hätte Karn verächtlich geschnaubt – Trolle hätten ihn längst bemerkt. Dann stand er am Rand des Lagers.

»Das ist unser Fellhorn«, knurrte er grimmig und deutete auf die Beute.

Die Wachen sprangen auf, griffen nach ihren Speeren. Einer von ihnen stieß einen überraschten Ruf aus, bei dem Karn nicht sagen konnte, ob die Laute Worte sein sollten. Erst jetzt wurde ihm bewusst, dass er nicht einmal sicher sein konnte, dass die Wesen seine Sprache verstanden.

Die Schlafenden wälzten sich aus ihren Decken, wichen vor Karn zurück.

»Das ist unser Fellhorn«, widerholte Karn bestimmt, ohne auf die Waffen zu achten, die auf ihn gerichtet waren.

Eines der Wesen kroch auf allen vieren vor Karn davon, ein anderes packte ein kurzes metallenes Messer und hielt die Klinge abwehrend vor sich, immer noch im Schnee kniend.

Sie waren einander sehr ähnlich, wie Karn nun auffiel. Und sie waren nicht bepelzt, sondern trugen fremde Pelze am Leib, waren von Kopf bis Fuß in sie gehüllt. Ihre Gesichter waren hell, mit platten Nasen und geschlitzten Augen, in denen sich das Licht des Feuers spiegelte. Mehr konnte er aufgrund ihrer dicken Kleidung nicht erkennen.

Er trat einen Schritt auf ihre Jagdbeute zu.

»Ich nehme das Fellhorn mit. Mein Stamm hungert, und ihr habt es in unserem Tal gejagt. Geht dahin, wo ihr herkommt, und jagt eure eigenen Tiere!«

Als er einen weiteren Schritt machte, schrie die kniende Gestalt auf und warf sich nach hinten. Einer der Wächter sprang unvermittelt vor und stieß mit dem Speer nach Karn, der jedoch auswich. Einer der anderen packte einen glimmenden Scheit aus dem Feuer, fuchtelte damit vor Karns Gesicht herum und rief dabei irgendetwas in einem seltsam melodiösen Singsang.

Mit einem verächtlichen Schlag mit dem Handrücken fegte der Troll die improvisierte Waffe so schwungvoll weg, dass der Angreifer zu Boden geworfen wurde, und fletschte die Zähne. Wieder zuckte der Speer auf ihn zu. Diesmal grub sich die Spitze in seine Seite. Die Wache schrie triumphierend auf. Der Schmerz war nicht schlimm, doch er fachte die Wut wieder an, die Karn nie ganz verlassen hatte. Der Troll beugte sich vor und brüllte.

Die Wesen sprangen und krochen vor ihm davon.

Auch die Wache wich vor ihm zurück, doch Karn war schneller, packte den Schaft des Speeres und riss ihn der Kreatur aus den Händen. Er zerbrach ihn, bevor er die Teile zu Boden schleuderte.

»Verschwindet«, brüllte er und hob die Pranken, die Finger zu Klauen gekrümmt. Doch auch wenn die Wesen ihn offensichtlich fürchteten, wichen sie nicht weiter zurück.

Die zweite Wache gesellte sich zu der ersten, brachte ihren Speer zwischen sie und Karn. Eine weitere Kreatur zog eine Klinge, die vierte war dabei, einen Bogen zu spannen.

Karn wusste, dass er ihnen keine Zeit lassen durfte. Er sprang über das Feuer hinweg und verpasste demjenigen mit dem Bogen einen Schlag, der die kleine Kreatur rücklings in den Schnee warf. Karn wirbelte herum, hieb nach dem heranzuckenden Speer und lenkte die Spitze gerade noch an seinem Hals vorbei. Etwas bohrte sich in seinen Schenkel. Blut quoll aus der Wunde. Karn brüllte erneut. Er trat nach dem Angreifer, der jedoch geschickt auswich und ein weiteres Mal mit seiner Klinge nach dem Troll stieß. Karn ließ den Angriff zu, kam dem Feind entgegen und nahm den Schnitt in Kauf, um dafür mit beiden Fäusten nach dem Gegner zu schlagen. Das Wesen flog durch die Luft, die Klinge entglitt seiner Hand, dann verschwand es aus dem Lichtschein des Feuers.

»Kommt her! Kommt her!«, brüllte Karn wie von Sinnen. Er wirbelte um seine eigene Achse, da sich die Feinde um ihn verteilt hatten. Er hob die Arme über den Kopf, riss das Maul auf und schüttelte den Kopf wild hin und her. »Kommt doch!«

Wie zur Antwort rief eine der Wachen etwas. Mit einem Mal wichen die Eindringlinge vor Karn zurück, schnell und geschmeidig, duckten sich hinter die Schneeverwehung und tauchten in die Dunkelheit ab.

Einige Herzschläge lang blieb Karn noch kampfbereit stehen, rechnete mit einer List des Feindes, doch dann sank er in sich zusammen. Die Kampfeslust verflog, und die Wunden meldeten sich schmerzhaft wieder. Sein Blut floss in den Schnee.

Langsam ging Karn zu der Schneeverwehung. Jeder Schritt schmerzte. Er spähte über sie hinweg, konnte jedoch keine Feinde mehr erkennen. Auch ihr Geruch verflüchtigte sich, wurde schwächer. Zufrieden setzte er sich in den Schnee und atmete durch.

Sein Blick fiel auf das Fellhorn. Die Fremden hatten es an zwei lange Stöcke gebunden, deren Sinn sich Karn nicht erschloss. Er kroch zu der Beute hinüber. An zwei Stellen hatten sie dem Tier tiefe Schnitte zugefügt und gutes Fleisch von den Knochen gelöst. Karn grub seine Klauen in den Kadaver und riss ein Stück Fleisch heraus, das er sich gierig zwischen die Zähne stopfte.

Dann lehnte er sich an das kalte Fell und schloss für einen Moment die Augen. Die Erschöpfung kehrte zurück, gesellte sich zu den Schmerzen. Zugleich aber breitete sich eine tiefe Zufriedenheit in ihm aus. Zumindest würde er nun nicht ohne Beute zu seinem Stamm zurückkehren.

4

Der Gestank ließ Deilava die Nase rümpfen. Auf den niedrigen Türmen brannten Feuer in Schalen mit Öl, aber es war nicht der schmierige Rauch, sondern der Geruch nach eingefettetem Metall, der der Elfe auf der Zunge brannte. Im Licht der Feuer lag die Befestigungsanlage fast taghell da, obwohl ihre Bewohner vermutlich mit der nächtlichen Dunkelheit kaum Probleme hatten. Es roch auch nach brennendem Holz. Vermutlich gab es noch ein Feuer im Hof, verborgen von den Mauern, auf denen immer wieder Schemen vor dem Feuerschein zu sehen waren.

Ja, es war wahrhaft zu ärgerlich. Nicht nur erhellten die Feuerschalen die Nacht und den weiten vollständig gerodeten Bereich um die Festung, nicht nur stank es nach allerlei Unnatürlichem, es drang auch noch Lärm in den Wald, der viele der Tiere längst vertrieben hatte. Hammerschläge, ein lautes Grölen, ein seltsames rhythmisches Quietschen. Das alles mischte sich zu einem durchdringenden Getöse, das wirklich nicht in die Nacht passte.

Langsam schlich Deilava näher. Obwohl die Helligkeit der Feuer sie blinzeln ließ, zwang sie sich, die Augen weit geöffnet zu halten, bis sie sich daran gewöhnt hatten. Ihr selbst hätte auch das wenige Licht des Mondes gereicht, der sich hinter einem schmalen Wolkenband verborgen hatte.

Auf den Zinnen patrouillierten Wachen; insgesamt zählte sie sechs Gerüstete. Die Festung hatte sechs Mauern, je zwei von ihnen wurden von einem Wachenpaar kontrolliert. Die Türme an den Ecken waren nicht besetzt.

Metall glänzte im Feuerschein, und sie hörte selbst über dem anderen Lärm die schweren Schritte und das Klappern der Rüstungen. Hemden aus vielen Ringen aus Metall, Platten darüber, dicke Helme, die nur einen schmalen Schlitz zum Sehen ließen. Es war nicht leicht, einen Zwerg zu töten. Und in der Festung gab es sicherlich mehrere Dutzend von ihnen.

Ebenso vorsichtig, wie sie sich genähert hatte, zog Deilava sich wieder zurück, bis sie sicher war, außerhalb des Lichtscheins weit genug in der Dunkelheit zu sein, geschützt von alten Bäumen und jungen Sträuchern. Sie glitt mühelos durch das Unterholz, ohne auch nur ein Blatt in Bewegung zu versetzen, lautlos wie ein Windhauch, selbst ohne darauf zu achten.

Dennoch wurde sie entdeckt. Ein leiser Ruf ertönte, den jemand ohne die scharfen Sinne einer Elfe für den eines Käuzchens hätte halten können. Deilava hielt inne und erwiderte das Signal, bevor sie unter die Versammelten trat.

»Sie sind wachsam«, berichtete Deilava, ohne auf eine Aufforderung zu warten.

»Wie viele?«, fragte eine Stimme, die sie nicht zuordnen konnte.

»Sechs Wachen auf den Mauern. Der Rest … Ich weiß es nicht.«

Sie hockte sich in die Mitte und schob einige Steine auf dem Boden zurecht.

»Sie gehen so und so«, erklärte sie die Bewegung der Wachen anhand der Steine. »Immer zwei zusammen. Hier, da und da drehen sie um. Aber sie sind nicht gleich schnell …«

»Wenn wir warten, haben wir fast zwei ganze Mauerlängen für uns«, erkannte Narem. Er hockte sich neben Deilava. Seine helle Haut war mit Tätowierungen bedeckt, die sich in langen Linien vom Hals über seine Wangen bis hinauf zur Stirn zogen. Die anderen Linien waren Narben, jetzt nur noch dünn und kaum zu bemerken, aber Deilava erinnerte sich gut daran, wie sehr sie die Wunden entsetzt hatten, die ihn fast das Leben gekostet hatten. Nur die Macht der Geister hatte ihn vor dem sicheren Tod gerettet.

»Wir schlagen noch heute Nacht zu«, beschloss Narem nach einigem Nachdenken. »Solange der Mond sich noch verbirgt, doch bevor die Sonne sich zeigt. Wir warten, bis so viele wie möglich schlafen.«

Er erhob sich.

»Es wird heute Nacht enden, hier, an diesem Ort.«

Niemand antwortete ihm, aber Deilava sah in den grimmigen Gesichtern, dass sie alle seine Meinung teilten. Es waren nicht nur Elfen gekommen; tatsächlich stellten sie nur einen kleinen Teil der Krieger. Die anderen Bewohner des Waldes und der umliegenden Landstriche waren auch vertreten, von den großen, schlaksigen Onoi bis zu den bepelzten Tuun, deren mächtigste Krieger Deilava nicht einmal bis zur Hüfte reichten. Zweihundert mochten es insgesamt sein, deren Anführer sich hier versammelt hatten. Genug für einen schnellen Angriff. Doch wenn uns die Feinde bemerken … Ihre Mauern sind stark, und sie werden sie bis zum letzten Atemzug verteidigen.

Narem begann, die Krieger einzuteilen und ihnen detaillierte Anweisungen zu geben. Sein Plan war simpel, aber hoffentlich effektiv. Wenn er gelang, würde die Überraschung komplett sein. Deilava versuchte nicht an jene Nacht vor sechs Monden zu denken, als sich ihr damaliger Plan in Rauch und Asche aufgelöst hatte und so viele gestorben waren.

»Los«, befahl Narem, als er fertig war, und legte Deilava die Hand auf die Schulter. »Du kommst mit uns. Wir bilden die Spitze des Angriffs.«

Deilava nickte und nahm den langen Bogen und den Köcher entgegen, die ihr ein Gefährte reichte. Gemeinsam mit dem kleinen Trupp Elfen, der schon seit Beginn des Krieges vor vier Jahren gemeinsam kämpfte, schlich sie sich wieder näher an die Festung heran. Im Schatten eines halb umgestürzten Baumes suchte sie Deckung und ging in die Hocke. Sie konnte die anderen in ihren Verstecken nicht sehen, aber sie wusste, dass sie da waren, und dieses Wissen verlieh ihr Zuversicht.

Die Zeit verging quälend langsam. Meist beobachtete Deilava die Mauer und die Schatten der Wachen, die sich immer wieder vor die Feuer schoben. Manchmal blickte sie zum Himmel, versuchte abzuschätzen, wie lange der Mond noch verhüllt bleiben mochte. Es war eine gute Nacht für einen Angriff, und noch schien ihr Feind nichts zu ahnen. Dennoch kribbelten Deilavas Hände vor Anspannung. Sie hatte gelernt, dass allzu große Zuversicht ebenso gefährlich war wie Angst. Ein letztes Mal noch, sprach sie zu sich selbst mit ihrer Geiststimme.

Der Lärm aus der Festung wurde leiser. Zuerst erstarben Hammerschläge und Quietschen, dann wurden es weniger Stimmen, bis schließlich kaum noch eine zu hören war.

Als das Signal kam, war Deilava darauf vorbereitet. Sofort lief sie los. Um sich herum hörte sie leises Rascheln, sah huschende Gestalten in der Dunkelheit. Am Rand des Waldes hielt sie inne, zog einen Pfeil aus dem Köcher, legte ihn auf die Sehne. Der Pfeil war lang und ungewohnt schwer, denn für diese Kämpfe hatten ihnen die Onoi Spitzen aus Metall gefertigt.

Andere Elfen liefen weiter, überquerten die offene Fläche. Sie konnte Inisa erkennen, eine junge, geschickte Jägerin, die als Erste die Mauer erreichte. Deilavas Atem wurde langsamer, ruhiger, ihr Herzschlag dröhnte nicht mehr ganz so in ihren Ohren. Auf dem gerodeten Ring um die Festung waren ihre Gefährten leicht auszumachen, doch kein Alarmruf ertönte. Einer nach dem anderen gelangten sie zu der Mauer an der für den Moment unbewachten Ecke und pressten sich an sie.

Noch hielt Deilava den Bogen locker in der einen Hand, Sehne und Pfeil zwischen Daumen und zwei Fingern der anderen, die Spitze wies auf den Boden. Die Angreifer rührten sich nicht, aber Deilava spürte, wie sich die Geister aus dem Wald näherten, wie ein leichter Wind durch das Blattwerk fuhr und es rauschen ließ.

Ein Elf hastete die Mauer empor, als wäre sie ebener Boden. Obwohl sie es nicht sicher erkennen konnte, wusste Deilava, dass es Narem war. Eine weitere Gestalt folgte ihm, dann noch eine, getragen von den Geistern, deren Hilfe sie erbeten hatten. Narem erreichte die Zinnen und glitt zwischen ihnen wie ein Schatten auf die Mauer.

Von links näherten sich Zwerge. Die ersten Wachen waren umgekehrt und kamen nun auf die Elfen zu. Mit dem Rücken zu ihnen schwenkte Narem ein kleines, helles Tuch. Das vereinbarte Signal.

Geschmeidig spannte Deilava den Bogen, atmete dabei ein. Die Spitze des Pfeils schien sich von ganz allein auf ihr Ziel zu richten. Ihre Finger gaben die Sehne frei, der Pfeil schnellte davon. Deilava atmete aus. Ihr Arm senkte sich wieder.

Einer der beiden Zwerge fiel hintenüber. Mehr Pfeile flogen vom Waldrand auf die Mauer, die zweite Wache verschwand.

Mit einem Schlag kehrte Deilavas Anspannung zurück. Noch immer kein Warnruf. Jetzt zählte jeder Augenblick. Je länger es dauerte, bis sie entdeckt wurden, desto besser waren ihre Erfolgsaussichten.

Die Elfen verschmolzen mit den Schatten auf der Mauer. Nur hier und da sah Deilava sie hinter den Zinnen entlanghuschen.

Sie selbst lief auch los, folgte entlang des Waldrands ihren Gefährten, blieb auf gleicher Höhe mit ihnen. Fast hatten sie es bis zum Tor geschafft.

Da ertönte ein Schrei, tief und guttural, voller Wut. Fieberhaft suchte Deilava die Mauer nach Zielen ab, aber sie sah keine. Hörte nur das Schlagen von Metall auf Metall. Alles in ihr schrie danach loszulaufen, zu ihren Gefährten zu stürmen, ihnen beizustehen. Doch sie hielt nun ihre Position.

Ein Heulen erklang, ein Laut voller Schmerzen, so grausam, dass sie nicht sagen konnte, ob von einem Zwerg oder einem Elfen ausgestoßen. Kampfrufe, schwere Schritte im Hof, gebellte Befehle in der rauen Sprache der Zwerge. Sie organisierten sich, ihre Verteidigung. Deilavas Herz raste.

Dann wurde das Tor mit einem Ruck geöffnet; ein Flügel krachte gegen den Stein. Sie konnte von ihrem Standort aus nur einen schmalen Streifen des Hofs einsehen, erblickte helles Feuer, davor kämpfende Gestalten. So tapfer die Elfen auch waren, mit ihren leichten Rüstungen und kurzen Waffen waren sie den schwer gepanzerten Zwergen in einem solchen Gefecht nicht gewachsen.

Doch schon donnerte die erste Welle des Angriffs auf das Tor zu. Allen voran die Keibos, aus dem Pferdevolk des Südens, die Oberkörper mit dicken Panzern geschützt, lange Speere in den Händen.

Dahinter die Onoi, deren lange Gliedmaßen sie seltsam ungeschickt aussehen ließen – ein Eindruck, der täuschte, wie Deilava wusste. Auch sie hatten Speere, doch dazu nutzten sie hohe, schmale Schilde, die sie manchmal wie eine zweite Waffe führten.

Auf der Mauer tauchten plötzlich Gestalten auf, Zwergenkrieger, Armbrüste im Anschlag. Sofort schoss Deilava einen weiteren Pfeil, doch diesmal prallte er harmlos vom Helm des Zwergs ab. Allerdings trieb ihn der Treffer zurück in Deckung.

Die anderen Zwerge jedoch erwiderten den Angriff mit einer Salve Bolzen, die grausige Ernte unter den heranstürmenden Verbündeten hielt. Der vorderste der Keibos ging zu Boden, als seine Vorderbeine unter ihm einknickten, und der massige Leib überschlug sich. Ein Onoi riss seinen Schild hoch, aber der Bolzen war zu schnell, bohrte sich in seinen Hals und warf ihn zur Seite. Seine Arme und Beine wirbelten herum, als führe er einen wilden Tanz auf, dann prallte er auf den Boden und blieb regungslos liegen.

Deilava schoss wieder und wieder, achtete nicht darauf, ob sie traf, versuchte nur, die Zwerge vom Schießen abzuhalten. Andere Elfen taten es ihr gleich. Dann waren die Stürmenden durch das Tor.

Jetzt lief auch Deilava los, reihte sich in den Rest des Angriffs ein, der aus dem Wald hervorbrach und auf das Tor zurannte, um das ein heftiger Kampf entbrannt war.

Die Keibos trafen auf die Reihen der Zwerge. Deilava ahnte nur, mit welcher Macht die Krieger des Pferdevolks gegen die Zwerge anrannten. Ein einzelner Keibos mochte so viel wiegen wie fünf oder mehr Elfen.

Hier und da gingen denn auch tatsächlich Zwerge zu Boden, durchbohrt von den Speeren, doch die meisten Zwerge hielten, hinter ihre dicken Schilde geduckt, dem Ansturm stand. Dann griffen sie selbst an, schlugen geschickt gegen die wenig gepanzerten Beine der Keibos, die sich vor ihnen aufbäumten.

Die Onoi warfen sich in die Bresche, aber auch sie waren den Zwergen kaum ebenbürtig, zwar so stark wie sie, doch ohne die feste Rüstung. Sie waren mutig, aber weder Jäger noch Krieger. Ihre Wildheit prallte an den Schilden der Zwerge einfach ab.

Und dann traten die Zwerge mit einem vielstimmigen Kriegsschrei ein Stück vor, trieben die Angreifer schlichtweg vor sich her.

Noch im Laufen schoss Deilava erneut. Der Pfeil pfiff zwischen einem Onoi und einem Keibos hindurch, über die Kante eines Zwergenschildes hinweg, bohrte sich in den schmalen Sehschlitz des Helms.

Die Flut des Hauptangriffs wälzte sich nun durch das Tor. Dutzende Krieger aller verbündeten Völker warfen sich gegen die Reihen der Zwerge.

Deilava schoss Pfeil um Pfeil, bis ihr Köcher leer war, dann packte sie den Speer eines gefallenen Onoi, dessen große, helle Augen weit aufgerissen in den Nachthimmel starrten, den Blick bereits auf die Welt der Geister gerichtet.

Der Kampf war grausam und wild. Die Zwerge bildeten eine enge Formation, standen Schulter an Schulter. Wann immer einer ihrer Krieger fiel, schlossen sich ihre Reihen wieder. Ihre Äxte und Hämmer forderten blutigen Tribut, nahmen für jeden ihrer Toten zwei, drei Leben.

Deilava sprang vor und zurück, stieß mit dem Speer zu, doch meist fand die Spitze nur hartes Metall, das sie bestenfalls leicht eindellen konnte.

Etwas traf ihren Kopf, warf sie herum. Ihre Finger verloren ihre Kraft, der Speer entglitt ihnen. Sie taumelte zurück, schüttelte den Kopf, doch das ließ den Schmerz nur noch wachsen. Blut rann ihr in die Augen.

Dann lag sie auf dem harten Boden, roch die dunkle Erde, das vergossene Blut, den Hass und die Angst. Sie blinzelte.

Die Welt wurde dunkler, versank in Schatten, wurde zur Finsternis selbst.