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Liebe Leserinnen, liebe Leser (und Lesende),

die METAMORPHOSEN schauen jetzt anders aus – AUSSENRUM jedenfalls. Zeitgleich mit dem Wechsel des Mutterschiffs (fortan erscheint unser Heft beim Berliner VERBRECHER VERLAG) verpassen wir uns zur Numero 11 ein neues Layout; Lena Hegger und Luisa Preiß übernehmen ab jetzt alles rund um den Text. Am Text selbst, innen, bleiben wir euch und uns selbst natürlich treu; jede Menge neue Lyrik gibt es diesmal, spannende Essays und – zum ersten Mal – auch Aphorismen. Kurz und gut: Da uns das neue Make-up nicht zuletzt beim Vorwortschreiben etwas mehr Ökonomie abfordert, wollen wir gar nicht lange drumrumreden. Autoren_innen und Texte dieser Ausgabe finden sich ab sofort ohnehin auf dem Rücken des Hefts. Seht, lest und stöbert einfach selbst!

Viel Spaß beim Navigieren im neuen Heft wünschen die METAMORPHOSEN.

magazin für literatur und kultur

TOBIAS ROTH

Ich bin ja auch kein Gärtner

KERSTIN GRETHER

Art Pop

HANNES BAJOHR

Drumherum

SABINE MEYER

Lili Elbe und der öffentliche Blick

TOBIAS AMSLINGER

Gemeinschaft ist der Name für das, woran wir nicht festhalten können

PHILIP KOVCE

Aphorismen

TOBIAS GRÜTERICH

Deutlich über der Nulllinie

KINGA TÓTH

Mondgesichter

BEA Y. HÖFGEN

Ausleuchtungen

MORITZ GAUSE

In der Ebene zwischen den Bergen. Drei Gedichte aus Kyrgyzstan

Ein Gedicht von …

NATALIE WISE

MARIE-LUISE GOLDMANN

Gibt es heute noch Tabusex?

JANNIS POPTRANDOV

Achtundfünzig Millionen Schweine

MICHAEL WATZKA

Umfahren ist auch keine Lösung

LUKAS VALTIN

Die neue Lust auf Zukunft

BENJAMIN FIECHTER

Fiktion 2.0: Wie aus Peter Martha wurde

WOLFGANG WELT

An der Baumgrenze

CHRISTIAN WÖLLECKE

Wölleckes Wochen

Vorwort

Autoren

Impressum

Autoren

A

TOBIAS AMSLINGER

geboren 1985 in Stuttgart, studierte in Leipzig und Berlin. Seit 2012 ist er Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für deutsche Literatur der HUMBOLDT-UNIVERSITÄT ZU BERLIN. Zuletzt erschien der Band CHARLES BERNSTEIN: ANGRIFF DER SCHWIERIGEN GEDICHTE (mit Norbert Lange, Léonce W. Lupette und Mathias Traxler, LUXBOOKS 2014), der mit dem Preis der Stadt Münster für Internationale Poesie 2015 ausgezeichnet wurde.

B

HANNES BAJOHR

geboren 1984 in Berlin, lebt in Brooklyn. Neben akademischen Texten und Übersetzungen aus dem Englischen vor allem Prosa, Essayistik und, im Textkollektiv 0x0a, digitale konzeptuelle Lyrik. Dazu erschienen zuletzt: SCHREIBENLASSEN. GEGENWARTSLITERATUR UND DIE FURCHT VORM DIGITALEN (MERKUR, Juli 2014) und WENDEKORPUS (EDIT, 65/2014).

www.hannesbajohr.de | www.0x0a.li

CHARLES BERNSTEIN

geboren 1950 in New York City, studierte in HARVARD Philosophie und ist heute Professor an der UNIVERSITY OF PENNSYLVANIA. Seit 1970 über 30 Gedicht- und Essaybände, darunter die Werkauswahl ALL THE WHISKEY IN HEAVEN (FSG). Gemeinsam mit Bruce Andrews Herausgeber der Zeitschrift L=A=N=G=U=A=G=E, Mitbegründer des ELECTRONIC POETRY ARCHIVE (EPC), des PENNSOUND-Archivs und Fortführung der Zeitschrift JACKET.

G

MORITZ GAUSE

wurde in Berlin geboren und wuchs dort, in Brandenburg und in Thüringen auf. Er studierte Kunstgeschichte und Literaturwissenschaft in Jena und betreut seit 2011 gemeinsam mit Romina Nikolić das Literaturprojekt WORTWECHSEL. Zur Zeit lebt Gause in Bishkek, Kyrgyzstan. Letzte Veröffentlichung: MEDITATIONEN HINTERM SUPERMARKT (37 stempelnummerierte Exemplare mit Graphiken von Susann Arnold, Jena und Leipzig 2015).

www.fliegenfangen.wordpress.com

KERSTIN GRETHER

geboren November 1975, ist Schriftstellerin, Sängerin und (Popkultur-)Journalistin. Sie singt, spielt Keyboard und schreibt Songs bei der Chansonrock-Band DOCTORELLA. (DROGEN UND PSYCHOLOGEN, ZICKZACK, 2012). Ihr Debütroman ZUCKERBABYS (VENTIL/SUHRKAMP, 2006) wurde zum Longseller. Ihr zweiter Roman AN EINEM TAG FÜR ROTE SCHUHE (VENTIL, 2014) ist sowohl Erzählung als auch Manifest. Sie schreibt seit ihrer Jugend für das Popkulturmagazin SPEX und gilt als eine der Erfinderinnen des Popfeminismus in Deutschland. Was das genau ist, beschreibt sie in ihrem Essay- & Geschichtenbuch ZUNGENKUSS. DU NENNST ES KOSMETIK, ICH NENN ES ROCK’N ROLL (SUHRKAMP, 2007). Zur Zeit arbeitet sie an BOHEMIAN STRAWBERRY, dem neuen DOCTORELLA-Album. Sie lebt in Berlin.

www.doctorella.de

TOBIAS GRÜTERICH

geboren 1978; Vermessungsassessor; wohnt und arbeitet in Mettmann. Zuletzt erschienen: NEUE DEUTSCHE APHORISMEN (Mithrsg., 2014, Erstaufl. 2010). Auszeichnungen: Einladung zu den INNSBRUCKER WOCHENENDGESPRÄCHEN (2010), Förderpreis des Marburger Literaturpreises (2000).

www.aphorismania.de

H

BEA Y. HÖFGEN

geboren 1989, schloss ihr Studium der Deutschen Philologie und Biologie an der FREIEN UNIVERSITÄT BERLIN mit dem Master of Education ab. Derzeit promoviert sie dort am Institut für Deutsche und Niederländische Philologie zu Lyrikanthologien und Lyrik nach 2000.

K

PHILIP KOVCE

1986 geboren, lebt in Berlin, forscht am BASLER PHILOSOPHICUM und schreibt als freier Autor für Presse und Rundfunk. Außerdem gehört er dem THINK TANK 30 des CLUB OF ROME an.

Veröffentlichungen (u.a.): DIALOG FÜR EINE STIMME (AQUINARTE 2015); DER FREIE FALL DES MENSCHEN IST DER EINZELFALL. APHORISMEN (FUTURUM 2015); VERSUCH ÜBER DEN VERSUCHER (AQUINARTE 2014); GÖTTERDÄMMERUNG. RUDOLF STEINERS INITIALPHILOSOPHIE (EDITION IMMANENTE 2014).

M

SABINE MEYER

geboren 1979, lebt in Berlin und arbeitet zur Zeit als wissenschaftliche Beraterin für die Filmproduktion THE DANISH GIRL. Ihr Buch WIE LILI ZU EINEM RICHTIGEN MÄDCHEN WURDE ist bei TRANSCRIPT erschienen.

P

JANNIS POPTRANDOV

geb. 1974 in Berlin (West), halb Grieche, halb Mazedone. Lebt in Berlin-Kreuzberg und hört Sibelius, während er Gedichte schreibt, in voller Lautstärke, die Nachbarn beschweren sich und er dreht die Anlage bis zum Maximum auf. Hat in ABWÄRTS! den General-Zarkos-Epos 86 Jahre später über den Dritten Weltkrieg veröffentlicht. Jazra Khaleed übersetzte seine Gedichte für die Athener Zeitschrift TEFLON ins Griechische.

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R

TOBIAS ROTH

geboren 1985 in München, Studium in Freiburg und Berlin, seit 2013 Wissenschaftlicher Mitarbeiter am SFB 644 »TRANSFORMATIONEN DER ANTIKE«. Seit 2011 Herausgeber der BERLINER RENAISSANCEMITTEILUNGEN, seit 2012 im Vorstand der INTERNATIONALEN WILHELM-MÜLLER-GESELLSCHAFT. Seine Lyrik, Essays und Erzählprosa wurden mehrfach ausgezeichnet, u.a. 2007, 2009, 2011 im Essay-Wettbewerb der GOETHE-GESELLSCHAFT WEIMAR, mit einem Stipendium des LITERARISCHEN COLLOQUIUMS BERLIN (2010) und dem WOLFGANG-WEYRAUCH-FÖRDERPREIS (2013). Im VERLAGSHAUS J.FRANK BERLIN erschienen 2013 der Gedichtband AUS WABEN und der Essay TRADITION. GÄNGE UM DAS FÜLLHORN.

T

KINGA TÓTH

Schriftstellerin, visuelle Dichterin, Klangdichterin, Performerin. Zuletzt: ZSÚR (2013), ALL MACHINE/ALLMASCHINE (AKADEMIE SCHLOSS SOLITUDE VERLAG 2014).

www.tothkinga.blogspot.de

W

WOLFGANG WELT

geboren 1952 in Bochum, arbeitete in den achtziger Jahren als freier Musikjournalist. In seiner Romantrilogie PEGGY SUE, DER TICK und DER TUNNEL dokumentiert Welt seine Erfahrungen in der Musik-Szene. Gefeiert als »größter Erzähler des Ruhrgebiets« (Willi Winkler), arbeitet Welt heute als Nachtwächter im SCHAUSPIELHAUS BOCHUM. Zuletzt erschien sein Roman FISCHSUPPE (VERLAG PETER ENGSTLER).

NATALIE WISE

ist Vollzeitpoetin und hat 2010 am DARTMOUTH COLLEGE ihren Master in Poetry gemacht. Sie lebt in Neu-England, wo sie von einem kleinen Atelier aus die Green Mountains überblickt und schreibt. Mehr von ihr unter nataliewisewords.com.

Ich bin ja auch kein Gärtner

Glosse zur Flora in einem Gedicht von Andreas Hutt | von Tobias Roth

In der Ausgabe 40 (neue Folge 10) der METAMORPHOSEN erschien das Gedicht SIE WOLLTE FLORISTIN WERDEN von Andreas Hutt, das in sparsamen und wunderbar einschlägigen Zügen von einem Mädchen erzählt, das, statt ihrer floristischen Neigung zu folgen, an der Universität landet: »jetzt sitzt sie im literaturseminar« (V. 1). Mit wenigen Worten wird hier eine stupende Satire gegen die Verkulturwissenschaftlichung der Philologien entfesselt, mithin gegen »pinke chucks & / eine veraltete vorstellung von romantik« (V. 2 f.). Sie »findet […] zusammenhänge« (V. 4) in ihren Seminaren, die aber nichts sind als »rauch über den Köpfen« (V. 4). Mit den letzten beiden Versen dieser Narration werden die beiden Dispositive der Dame überblendet, wie es scheint: »ein rosarot in von HARDENBERGSCHEN / Schattierungen.« (V. 5 f.) Das Farbadjektiv ruft die Rose auf den Plan, zum Glück bereits so weit qualifiziert, dass ein Gedanke an die blaue Blume nicht aufkommen kann, dieses ehrwürdige und so vielfältig missbrauchte Bild; wäre das nicht der Fall: das Mädel, das Floristin werden wollte, würde wohl vollends derart unausstehlich, dass sie das Gedicht als Ganzes gefährden könnte.

Nun stellt sich die Frage, was das aber für eine Blume ist. Was gibt es nicht für Rosensorten! Es gibt eine, die nach Georg Philipp Friedrich von Hardenberg alias Novalis (1772–1801) benannt ist; es gibt auch eine, die nach ASTRID GRÄFIN VON HARDENBERG (1925–2015) benannt ist. Beide aber sind nicht rosarot. Die Astrid Gräfin von Hardenberg ist vielmehr von kräftiger, dunkelroter Färbung, die fast schon ins Schwarze spielt, reich gefaltet, eine massive Blüte. Die Novalis hingegen ist ermattet lila, eine sehr noble Farbe, die immer schon ausgeblichen aussieht, bereits im Ruhestand, aber gleichzeitig von einem stillen, aber ausgeprägten Rokokoirrsinn; sehr gut gewählter Name. Beide sind zwar nicht »rosarot«, beide könnten dafür »pinken chucks« Paroli bieten. Was bedeutet das für das Gedicht? Liegt hier eine Implikation für eine verstärkte Tristesse des Gedichtes, dahingehend, dass das Mädel, das blöde Seminare besucht, auch keine fähige Floristin ist, vielleicht auch keine geworden wäre? Oder gibt es noch eine Rose, die nach einem der vielen Hardenbergschen benannt ist und die durchaus rosarot ist, sodass sich das Gedicht eher im Modus der Geißel gegen die Universität durchhält, da das Mädel nicht nur eine gute Floristin ist, sondern vielleicht auch eine gute geworden wäre? Finde ich gerade Zusammenhänge, die nichts als Rauch über meinem Kopf sind? Ich weiß es nicht. Mit einem der großen Verse Wilhelm Müllers aus der SCHÖNEN MÜLLERIN zu sprechen: »Ich bin ja auch kein Gärtner.«

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Wer geboren werden will, muss, frei nach Hesse, eine Welt zerstören. Warum nicht einfach die eigene? Die Illusion, von der Welt da draußen so wahrgenommen zu werden wie man sich selbst sieht. Oder anders gesagt: Mein Anfang als Schriftstellerin war zugleich auch mein Ende …

Frau, blond, jung, magersüchtig.

Ich musste darum kämpfen, als kunstschaffendes Subjekt wahrgenommen zu werden – und nicht als Klischeebild: Frau, blond, jung, magersüchtig. Kann ja nicht sein, dass »die junge Frau« was anderes schreibt als die Autobiografie »ihrer« Essstörung.

Mit Ende 20, als mein Debütroman Zuckerbabys erschien, wurde ich von meinem Verlag direkt aus meiner isolierten Schreibwerkstatt heraus in die Welt der Buchvorstellungen und Buchmessen gebeamt. Gerade eben war ich noch die kühn experimentierende Dichterin gewesen, die sich nichts schöneres vorstellen konnte, als Sylvia Plath mit Banana Yoshimoto, Rainald Goetz mit Irmgard Keun zu kreuzen, Widersprüchliches zu einem eigenen Stil zu verschmelzen: Ja, diese depressiven, brutalen Lyrismen aus der Glasglocke, die wollte ich in meine Welt der Songtexte holen und so neue, brutale Gegenwarts-Lyrismen schaffen. Mich faszinierten die hochfahrenden, authentisch erzählten Krankheitsepisoden aus Irre, die märchenhaften, beinahe kindlichen Freundschaftsminiaturen Banana Yoshimotos und die Collagen Irmgard Keuns aus der Weimarer Republik. All das raubte mir den Schlaf: die kunstseidenen Mädchen und meine Zuckerbabys, ich lebte mit meinen und den fremden Protagonisten auf engstem Raum, verglich und schliff, wurde deutlicher und vager, ließ längst vergessene Dialoge und Nachtschwärmereien aus meiner Hamburger Zeit in der Berliner Einzimmerwohnung neu auferstehen, vernachlässigte meine echten Freunde und ging schließlich nur noch zum Spaghettiessen und Kirschtaschenkauf aus dem Haus. Die Geschichte einer Horde hungriger Girls aus Hamburg, die insbesondere auch die Geschichte der magersüchtigen Sängerin Sonja war – Sonja, die mitten in der zuckrigen Warenwelt des Pop beinahe verhungert wäre – sie musste erzählt, verfeinert, überarbeitet, neu durchdacht, und immer wieder noch besser erzählt werden.

Aber auch die Miete wollte bezahlt werden

Aber auch die Miete wollte bezahlt werden. So arbeitete ich in dieser Phase u.a. für den Musikfernsehsender MTV Der Ventil Verlag hatte mir geraten, das in meiner Biographiezeile zu vermerken. Ich fand das eine gute Idee. Das Schreiben der Moderationen für MTV hatte mich schließlich auch zu dem großen bunten musikalischen Text in meinem Kopf inspiriert. Leider mit dem Ergebnis, dass ich nun, wo das Ding endlich veröffentlicht worden war – also genau in dem Moment, in dem man mich zum ersten Mal als Schriftstellerin hätte wahrnehmen müssen – man mich nicht als solche, sondern nur als soziologischen »Fall« wahrnahm, als so ein »typisches Medien-Mädchen«.

Nullnummern wie Sarah Kuttner und Charlotte Roche

Gegen die Zumutungen der medialen Verpackung helfen nur der Größenwahn und der verdrehte Übermut einer echten Künstlerin.

Ich war nun die junge MTV-Autorin, die ihre Magersucht aufgeschrieben hatte und den MTV-Bildern dabei durchaus kritisch begegnet war. Man wollte gar nicht wissen, dass ich mich auch in literarische Traditionen stelle. Auch meine Vorgeschichte als stilbildende Spex-Autorin interessierte nur am Rande. Nichts kam an gegen den fragwürdigen Glamour des Fernsehsenders MTV In über hundert positiven Rezensionen fand ich zusammen genommen nicht mehr als zehn Sätze über die Sprache des Romans. ZuckerbabysComplete ControlComplete ControlThe Clash