Karl Josef Wallner

Sühne

Karl Josef Wallner

Sühne

Auf der Suche nach dem Sinn des Kreuzes

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Bibliografische Information: Deutsche Nationalbibliothek.

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Titelbild auf dem Umschlag:

Bildausschnitt aus dem Isenheimer Altar von Matthias Grünewald

© Musée d’Unterlinden – F 68000 COLMAR, Photo O. Zimmermann

Aktualisierte Neuauflage von »Sühne – heute aktuell?«

SÜHNE

Auf der Suche nach dem Sinn des Kreuzes

Karl Josef Wallner

© Media Maria Verlag, Illertissen 2015

Alle Rechte vorbehalten

ISBN 978-3-9454011-3-2

www.media-maria.de

Inhalt

Vorwort

1.  Kreuz? Leiden? Sühne? – Fragenüber Fragen

1.1    Kreuz und Sühne – Gibt es einen Sinn im Sinnlosen?

1.2    Sühne als weltliches Thema

1.3    Das Unbehagen mit dem religiösen Begriff der Sühne

1.4    Die Kritik der Theologie an der Sühne

1.5    Wie ist ein liebender Gott mit menschlicher Sühne vereinbar?

1.6    Heilige aus der Gesinnung der Sühne

1.7    Die Sühnebewegungen der Neuzeit: Herz-Jesu-Verehrung und Fatima

2.  Eine erste Annäherung an den christlichen Begriff von Sühne

2.1    Eine biblische »Definition« von Sühne: Kol 1,24

2.2    Eine Entdeckung: »Freude im Leiden«!

2.3    Leiden »für euch«

2.4    Was ist also Sühne?

3.  Opfer in der nichtchristlichen Welt

3.1    Die Allgegenwart des Opfergedankens

3.2    Der Opferkult in der nichtchristlichen Antike

3.3    Opfer als magischer Tauschhandel

4.  Opfer und Sühne im Judentum

4.1    Das Alte Testament als Urbild

4.2    Die Nähe Gottes und der Bund

4.3    Die Wucht der Sünde

4.4    Der Opferkult in Israel

4.5    Die Opferkritik der Propheten

4.6    Der Sühnekult nach dem babylonischen Exil

4.7    Die Sühneplatte des Allerheiligsten

4.8    Die Entsühnungsriten am Jom Kippur

4.9    Der Sündenbock

4.10  Blut als Sühnemittel

4.11  Blutsühne als Geschenk Gottes

4.12  Dankbarkeit für die Möglichkeit zu sühnen

5.  Das urkirchliche Verständnis vom Tod Christi

5.1    Im Bann der alttestamentlichen Sühnefrömmigkeit

5.2    Der Tod Jesu als Grund des Heiles

5.3    Der Sühnetod Jesu bei Paulus

5.4    Das Blut Christi und Christus als Paschalamm

5.5    Was bewirkt das Blut Christi?

5.6    War Jesu Tod ein bewusster Sühnetod?

5.7    Jesu Todesgeschick ist das Kommen des Reiches Gottes (Heinz Schürmann)

5.8    Jesu Sühnetod ersetzt die Opferstätte des Tempels (Josef Blank)

6.  Das Opfer Christi als Ende aller Opfer in der frühen Kirche

6.1    Das »Ein-für-alle-Mal« des Opfers Christi

6.2    Die Trennung der frühen Kirche vom jüdischen Tempelkult

6.3    Lieber sterben als den Götzen opfern

6.4    Geistige Opfer anstelle von blutigem Opferkult

6.5    Die Eucharistie als Gedächtnis des einmaligen Kreuzesopfers

7.  Die theologische Aufarbeitung des Sühnetodes Jesu

7.1    Die Kritik am Gedanken des Sühnetodes Jesu

7.2    Ist der Kreuzestod Willkür und Zufall?

7.3    Die Sühnetat des ewigen Sohnes

7.4    Welcher Gott offenbart sich am Kreuz?

7.5    Die »Stellvertretung« Christi

7.6    Die Versöhnung Christi muss angenommen werden

8.  Unsere Teilnahme an der Sühne Christi

8.1    Sühne als sinnvolle Lebenshaltung

8.2    Die Leiden Christi »ergänzen«? (Kol 1,24)

8.3    Leiden ergänzen »für den Leib, der die Kirche ist«?

8.4    Was bewirkt unsere Sühne?

8.5    Die Kirche braucht eine Spiritualität der Sühne

8.6    Maria und die Rettung aller Menschen

8.7    Eucharistie und Herz-Jesu-Verehrung

8.8    Was ist die rechte Gesinnung der Sühne?

8.9    Ein Übermaß an Herrlichkeit

9.  Das Geheimnis der Sühne im Leben der Heiligen

9.1    Franz von Assisi

9.2    Katharina von Siena

9.3    Johannes Maria Vianney, Pfarrer von Ars

9.4    Therese von Lisieux

9.5    Maximilian Kolbe

9.6    Edith Stein

9.7    Jakob Kern

9.8    Ein Wort von Papst Johannes XXIII

Anmerkungen

Theologische Literatur

Vorwort

Ich darf einem fast neunhundert Jahre alten Zisterzienserkloster angehören, das nicht nur seit 1188 die größte Kreuzreliquie nördlich der Alpen aufbewahrt, sondern schon bei seiner Gründung 1133 von seinem Stifter, dem heiligen Leopold III. von Österreich, »nach dem siegreichsten Zeichen der Erlösung« (Gründungsurkunde von 1133) benannt wurde: »Heiligenkreuz«. Von daher hat sich mir seit meinem Ordenseintritt gleichsam automatisch und sehr intensiv die Frage nach der Bedeutung des Kreuzes, nach dem Sinn und Inhalt des Kreuzestodes Christi gestellt. Da gibt es ein Stück Holz, das seit Jahrhunderten von Pilgern verehrt wird, vor dem gerade heute zunehmend mehr Menschen betend verharren. Seit Beginn meines Theologiestudiums hat mich die Frage umgetrieben, was wir Christen denn eigentlich meinen, wenn wir sagen: »Wir beten dich an, Herr Jesus Christus, und preisen dich, denn durch dein heiliges Kreuz hast du die Welt erlöst!« Leiden ist doch an sich etwas Unschönes, etwas Sinnleeres, ja Sinnzerstörendes. Warum sprechen wir dann dem unvorstellbar grausamen Martertod Christi einen Sinngehalt zu, nämlich den Sinngehalt der Erlösung?

In meinem Kloster Heiligenkreuz wird der gregorianische Choral gepflegt und geliebt. Faszinierend ist der Introitus des Gründonnerstags, der einen Vers des Galaterbriefes zum Klingen bringt: Nos autem gloriari opportet […] »Ich aber will mich allein des Kreuzes Jesu Christi, unseres Herrn, rühmen: durch das mir die Welt gekreuzigt ist und ich der Welt« (Gal 6,14). Sich des Kreuzes Christi rühmen? Was meint Paulus damit? Was bedeutet das für mich? In meinem Theologiestudium bin ich dann auf den Schweizer Theologen Hans Urs von Balthasar gestoßen. Ich kann sagen, dass das meine Berufung gerettet hat, weil Balthasar den Sinngehalt des Kreuzes wie kein anderer neuzeitlicher Theologe bedenkt. Seine Theologie, die im Raum der Dreifaltigkeit atmet, erschließt mit synthetischer Kraft die inneren Zusammenhänge des Glaubens. Sie ist aber stark »spekulativ« und setzt viel katechetisches Grundwissen voraus, das heute nicht mehr vorhanden ist. Balthasar ist einer der wenigen Theologen des 20. Jahrhunderts, der das Geheimnis der »Stellvertretung« und der »Sühne Christi« – bis hin zu seinem Abstieg in das Reich des Todes – thematisiert hat.

Nachdem ich die Professur für Dogmatik an der Hochschule Heiligenkreuz übernommen hatte, kam Pater Benno Mickocki OFM mit der Bitte um eine verständliche Erklärung von »Sühne« auf mich zu: Er stand vor dem Problem, eine geistliche Bewegung leiten zu müssen, die von ihrem Gründer, Pater Petrus Pavlicek OFM, den Namen »Rosenkranz-Sühne-Kreuzzug« erhalten hatte. Der »RSK« war eine große Gebetsbewegung, die nach 1945 die Befreiung Österreichs von der (russischen) Besatzung erbetet hat. Die drei Begriffe, die der Diener Gottes im Titel zusammengefügt hatte, waren aber im Laufe der Zeit alle unpopulär und sogar problematisch geworden: Rosenkranz, Sühne, Kreuzzug! Um Pater Benno zu helfen, habe ich dann ein Buch über die religionsgeschichtlichen, jüdischen und neutestamentlichen Grundlagen des Verständnisses von »Sühne« verfasst: »Sühne – heute aktuell?« Dort habe ich mich bemüht, das Thema so zu behandeln, dass es allgemein verständlich ist und vor allem die Hintergründe und Grundlagen erhellt, ohne schon in innergöttliche Spekulationen abzugleiten, wie dies etwa bei dem geschätzten Franziskanertheologen Norbert Hoffmann, aber auch bei Hans Urs von Balthasar und anderen der Fall ist.

Dieses Buch lege ich nun in leichter Überarbeitung vor. Die Sekundärliteratur hätte einer intensiveren Überarbeitung bedurft, was mir aus zeitlichen Gründen nicht möglich ist. An der grundlegenden Hinführung zum Verständnis des Sühnekultes hat sich aber nichts geändert. Jenen, die eine theologische Vertiefung wünschen, rate ich zur Lektüre des 2. Teils der Jesus-Trilogie von Papst Benedikt von 20101 und zu Arnold Angenendts »Revolution des geistigen Opfers« von 2011.2 Durch die Thesen des evangelischen Religionswissenschaftlers Bertram Schmitz3 fühle ich mich in der – für die Kirche immer latent selbstverständlichen – Auffassung bestätigt, dass im Verständnis von Eucharistie die Sühnesymbolik des Jom Kippur mit der Befreiungssymbolik des Pascharituals zusammengeflossen ist.

Die Beschäftigung mit dem Thema des Sühnetodes Christi war für mich selbst eine Bereicherung. Als Priester darf ich bei der heiligen Messe die gebrochene Hostie erheben und dazu die ausdeutenden Worte sprechen, mit denen Johannes der Täufer Jesus zu Beginn seines öffentlichen Wirkens, seines Offenbarwerdens, begrüßt hat: »Seht, das Lamm Gottes, das die Sünde der Welt hinwegnimmt« (Joh 1,29). Dem Verständnis dieses Geheimnisses läuft unser Verstand immer nach, es ist nie einholbar. Denn der Hintergrund dieses göttlichen Wegtragens von Weltschuld ist die Unergründlichkeit der Liebe Gottes. Es gibt für mich als Christ eine Möglichkeit, in diese erlöserische Liebe Gottes einzuschwingen: Das ist eine Haltung der Hingabe, das ist die Spiritualität der »Sühne«. Ich bin überzeugt, dass sie sinnvoll und wirkungsvoll ist. Zumindest zahlt es sich aus, sich auf die Spurensuche nach dem Sinn des Kreuzes zu machen.

Pater Karl Wallner

1. Kreuz? Leiden? Sühne? – Fragen über Fragen

1.1 Kreuz und Sühne – Gibt es einen Sinn im Sinnlosen?

Das Kreuz ist das zentrale Zeichen des Christentums. Das Kreuz ist nicht irgendein Symbol, das einen abstrakten Inhalt umschreiben soll, sondern es steht für ein reales Ereignis in der Geschichte: Die Angaben der Evangelien lassen eine genaue Datierung zu. Am 7. April des Jahres 30 stirbt gegen drei Uhr nachmittags vor den Mauern Jerusalems auf einem Felsvorsprung namens Golgotha der von Pontius Pilatus kurz zuvor zum Tod verurteilte Jesus, der aus Nazareth in Galiläa stammt, den Kreuzestod. Sein Sterben ereignet sich am Rüsttag, also dem Vortag eines Sabbats, auf den in dem fraglichen Jahr das Paschafest fällt. Das deutsche Wort für Pascha ist Ostern. Am dritten Tag nach der Kreuzigung und übereilten Grablege in einem Felsengrab in nächster Nähe zur Hinrichtungsstätte wird das Grab leer vorgefunden; die Jünger behaupten, dass der Gekreuzigte auferweckt worden sei. Mit dieser Erfahrung beginnt die Verkündigung der Jünger, dass Jesus Christus der von Gott gesandte Messias, der Heiland der Welt, ist. Es beginnt das Christentum.

Das Kreuz steht für schwerstes körperliches und seelisches Leiden, es versinnbildet eine zerstörerische menschliche Grausamkeit und einen sinnlosen, qualvollen Tod. Das Ziel der Kreuzigungsstrafe war die Abschreckung. Darum sollte der Tod möglichst qualvoll und möglichst langsam eintreten. Zudem bot die Kreuzigung die Möglichkeit, den Delinquenten zur Schau zu stellen. Im Fall von Jesus war dies besonders wichtig, da die Römer offensichtlich einen Aufruhr fürchteten. Zehntausende Juden waren zum Pascha nach Jerusalem gekommen, hatten ihre Lämmer mitgebracht, weil man das Pascha nur in der Heiligen Stadt feiern konnte. Die Kreuzigung war besonders bei jenen Mächten »beliebt«, die eine imperiale Okkupation betrieben. Das Kreuz war eine Methode der Abschreckung, um Rebellion und Aufruhr niederzuhalten. So führt etwa eines der ältesten Zeugnisse über Kreuzigungen ins Jahr 332 vor Christus, als Alexander der Große bei der Eroberung von Tyros über 2 000 Menschen ans Kreuz schlagen ließ. Die Römer exekutierten auf diese Weise vor allem rebellische Sklaven. Bekannt ist der Aufstand unter Spartakus in Süditalien, wo es den Sklaven gelang, einen mehrjährigen Partisanenkrieg gegen römische Legionen zu führen. Eine solche Destabilisierung konnte das Imperium nicht hinnehmen und reagierte entsprechend brutal: Als man den Spartakusaufstand 71 vor Christus endlich niederschlagen konnte, ließ Crassus entlang der Via Appia 6 000 Aufständische ans Kreuz schlagen. Und um noch ein Beispiel zum Thema Kreuzigung hinzuzufügen: Besonders erschütternd ist die Schilderung, die Josephus Flavius vom Judäischen Krieg über den Zeitraum von 67 bis 70 nach Christus hinterlassen hat. Demnach ließ Titus Juden, die dem Hungertod in der belagerten Stadt Jerusalem zu entfliehen versuchten, in verrenkten und sogar obszönen Körperstellungen kreuzigen.1 Da das Holz knapp war, wurden die Ergriffenen irgendwo und irgendwie angenagelt, wichtig war nur, dass es aus Abschreckungsgründen in Sichtweite der Stadtmauer geschah.

Die Kreuzigung steht für eine der qualvollsten Tötungsmethoden, die der Mensch je entwickelt hat. Das physische Leiden des Jesus von Nazareth am 14. Nisan des Jahres 30 war zwar schmerzhaft, aber doch relativ kurz. Der offensichtlich schon durch die Geißelung zugrunde Gemarterte stirbt nach nur drei Stunden am Kreuz. Das Kreuz hat aber einen Bildwert, eine Symbolkraft, die alle anderen Formen des Leidens und Sterbens übertrifft. Und das Kreuz hat für die Kirche einen theologischen Inhalt. Es beinhaltet zwei Aussagen: eine Aussage über Gott, die da lautet: »Gott ist die Liebe« (1 Joh 4,8.16), denn Gott definiert sich im Kreuz als einer, der liebt: »Es gibt keine größere Liebe […]« (Joh 15,13).

Die zweite ist eine Zusage Gottes an den Menschen: dass Gott im Kreuzestod seines Sohnes die Sünde der Welt nicht nur er-trägt, sondern weg-trägt. Im Kreuz rechtfertigt Gott den Menschen, er wäscht die Sünden der Menschen ab, er erlöst und versöhnt den Menschen mit sich selbst. Um dieses neue Verhältnis, diesen »Neuen Bund«, den Gott im Blut seines eigenen Sohnes zwischen sich und den Menschen stiftet, geht es hier. Für dieses neue, von Gott aus reiner Gnade gebildete Verhältnis verwendet Paulus den Begriff der Rechtfertigung. Die Rechtfertigung geht aus der stellvertretenden Sühne hervor, die Jesus Christus am Kreuz für uns Menschen auf sich nimmt.

Für uns Christen ist das Kreuz allzu selbstverständlich – und daher allzu unhinterfragt und unverstanden. Dabei hat gerade die Frage nach dem »Logos des Kreuzes«, nach dem »Sinn des Kreuzes« (vgl. 1 Kor 1,18) den Apostel Paulus, ja die gesamte junge Kirche umgetrieben. Die Antwort war: Der qualvolle Tod des Jesus von Nazareth ist die von Gott her gewirkte »Ent-Sühnung« der ganzen Welt. Im Kreuz Christi »versöhnt« Gott die Welt mit sich. Gott schenkt dem Menschen von sich her »Gerechtigkeit und Heiligung«: Nicht der Mensch ist es, der sich durch Gesetzesbefolgung und Werke vor Gott rechtfertigen müsste, sondern Gott tut es von sich aus. Es hilft alles nichts: Der Inhalt des Kreuzes ist die unendliche Sühne, mit der Gott in der Gestalt seines gekreuzigten Sohnes alle Menschen meint und umfasst.

In der Sprache der Theologie gibt es eine klare Unterscheidung zwischen Buße und Sühne. Bei beiden geht es um die Abarbeitung dessen, was wir Sünde nennen. Bei der Buße geht es um meine eigenen Sünden. Bei der Sühne aber geht es um die Abarbeitung der Sünden von anderen Menschen. Sühne bezieht sich nicht auf die eigene Schuld. Der Tod Christi ist selbstverständlich keine »Buße«, da er selbst frei ist von jeder Sünde. Sein Tod ist Sühne, weil er der Tilgung der »Sünden der Welt« dient (Joh 1,29). Darum will Paulus, der nach seiner Bekehrung die Selbstrechtfertigung verachtet, »sich allein des Kreuzes Jesu Christi rühmen« (Gal 6,14).

In diesem Buch möchte ich die Frage nach dem Kreuz Christi als Sühne stellen und zu einer Spurensuche einladen. Es geht mir dabei nicht so sehr um eine nüchterne Abarbeitung eines zentralen theologischen Themas, sondern letztlich um eine Erhellung eines wichtigen Bereiches christlicher Spiritualität. Denn von der »Sühne« Christi aus sind die Glaubenden ja eingeladen, selbst in eine Haltung der Bereitschaft zur »Sühne« einzuschwingen. Dabei ist mir bewusst, dass das Wort »Sühne« heute derjenige Begriff im Bereich der Theologie, aber auch im Bereich der Spiritualität ist, der am wenigsten reflektiert wird. Ein normaler Kirchenchrist wird mit einer Einladung zur »Sühne« wenig anzufangen wissen. Ja schlimmer noch: Die bloßen Worte »Opfer« und »Sühne« lösen bei den meisten beunruhigende Assoziationen von Blut und Schmerzen aus, im besten Fall noch kommt man mit einem stumpfen Gefühl der Unsicherheit davon.

Was ist Sühne? Was ist der Wert des Kreuzes? Warum hat Jesus uns eingeladen, unser Kreuz auf uns zu nehmen und ihm nachzufolgen?

Es gibt viele Ursachen für dieses Unbehagen gegenüber der Sühne. Eine Folge davon ist wieder, dass für gewöhnlich die kirchliche Verkündigung und Bildungsarbeit dieses Thema meidet. Schuld daran sind, wie wir sehen werden, theologische Unsicherheiten, ebenso wie der Umstand, dass Sühne ohnehin dem modernen Lebensgefühl widerspricht.2 Das unattraktive Thema wird also in der Katechese besser übergangen, was dann eben dazu führt, dass die meisten Gläubigen, wenn sie »Sühne« hören, hilflos ihren Assoziationen und manchmal auch Vorurteilen ausgeliefert sind. Auf der anderen Seite gibt es jedoch nach wie vor bedeutsame kirchliche Bewegungen, deren Spiritualität stark durch Forderungen nach »Sühne« und »Opfer« charakterisiert ist. Diese Bewegungen bringen ihre religiösen Übungen oft ausdrücklich mit dem Sühnebegriff in Verbindung und halten »Sühnemessen« und »Sühnegebete«, »Sühnenächte« und »Sühnekommunionen«. Doch gerade diese starke Akzentsetzung mindert das Unbehagen vieler Kirchenchristen gegenüber dem Sühnegedanken nicht, im Gegenteil. Ja es ist zu befürchten, dass diese Strömungen die Reserviertheit schon deshalb eher fördern, weil sie den Eindruck oft nicht zerstreuen können, sich mehr auf Privatoffenbarungen (wenngleich diese kirchlich anerkannt sind) zu berufen, denn auf biblisch-theologische Fundamente.

Als Priester – und wohl auch als Christ – ist man aber auch oft durch persönliche Erlebnisse vor die Frage nach der Bedeutung von Leiden, Sühne, Stellvertretung und Aufopferung gestellt: Was bedeutet es, wenn eine Mutter ihre Krankheit für die Bekehrung ihres Sohnes »aufopfert«? Was meint ein Sterbender, wenn er sein Siechtum als Sühne für die Kirche erträgt? Welchen Sinn hat es, Leiden heroisch »für andere« zu ertragen? Nützt es etwas? Schließlich sprechen wir ja auch in unserer Kirchensprache davon, dass die heilige Messe in einer bestimmten Intention »aufgeopfert« wird: für Verstorbene oder Lebende oder in einem bestimmten Anliegen. Und in den eucharistischen Hochgebeten wird der Gedanke des Sühnetodes Christi deutlich zum Ausdruck gebracht. Im 3. Messkanon etwa heißt es: »Schau auf die Gaben Deiner Kirche, denn sie stellt Dir das Lamm vor Augen, das geopfert wurde, und uns mit Dir versöhnt hat.«

Eine nüchterne Beschäftigung mit der Sühne scheint also zunächst einmal schon deshalb angebracht, weil es einen Wissensmangel im Umgang mit diesem Thema gibt. Diese Schrift möchte hier Abhilfe schaffen und gläubigen Menschen die wichtigsten Fragen beantworten: Was ist Sühne im eigentlich christlichen Sinn? Was ist ihr Wesen? Ist der Gedanke der Sühne, der stellvertretenden Sühne, biblisch gedeckt? Wodurch ist sie begründet und sinnvoll? Wie unterscheidet sich die christliche Sühnegesinnung von nichtchristlichen Sühneritualen und Sühnevorstellungen? Oder ist Sühne vielleicht veraltet und deshalb in unserer modernen Zeit verzichtbar? Gehört sie bleibend zur christlichen Frömmigkeit und wie ist sie heute noch verkündbar? Schließlich auch die Frage: Was muss ein Christ bedenken, um die rechte Sühnegesinnung zu haben?

Eine Fülle von Fragen drängt sich also auf. Dabei muss vorweg gesagt werden, dass schon das Wort »Sühne« an sich eine Art »Chamäleon« unter den Glaubensbegriffen ist, der so vielfältig schillert und mit so verschiedenen Vorstellungen versehen ist, dass hier bestenfalls einige Schneisen durch das Dickicht geschlagen werden können. Bevor wir Schritt für Schritt mit der Aufarbeitung beginnen, müssen wir einen Rundgang halten, um einige wichtige Probleme beim Namen zu nennen, die sich aus dem Sühnebegriff ergeben. Woher kommt das Unbehagen an der Sühne, was assoziieren die Menschen damit, welche Vorurteile gibt es? Von Sühne hört man ja eben nicht nur im kirchlichen Raum, Sühne taucht beispielsweise auch in der Rechtsprechung und im Strafvollzug auf. Ferner ist von den Schwierigkeiten zu sprechen, welche die Theologie der Gegenwart mit dem Verständnis des Todes Christi als »Sühnetod« hat; ebenso davon, dass in der Vorstellung vieler Christen der Tod Jesu als ein »göttlicher Racheakt« verstanden, nein, missverstanden wird. In diesem anfänglichen Rundgang soll schließlich auch auf die Sühnegesinnung vieler neuzeitlicher Heiligen hingewiesen werden, ebenso auf die geistlichen Bewegungen, die in der Gegenwart den Gedanken der stellvertretenden Sühne lebendig halten.

1.2 Sühne als weltliches Thema

Wir beginnen unseren Rundgang vorerst noch außerhalb des religiösen Bereiches. Woher rührt das unangenehme Gefühl beim Wort »Sühne«? Woran denkt ein heutiger Mensch bei diesem Thema? Zwar verstehen glaubensbewusste Menschen unter Sühne meist ganz selbstverständlich ein religiöses Thema, doch zeigt ein Blick in einen Stichwortkatalog – oder ins Internet –, dass Sühne auch im außerreligiösen Bereich ein Thema ist. Und auch von daher werden unsere religiösen Vorstellungen über Sühne beeinflusst, vielleicht sogar Vorurteile geschaffen, die uns den Blick auf das eigentliche Wesen der Sühne verstellen.

Ein Bereich, in dem Sühne die Menschen auch außerhalb der Kirche bewegt, ist die Einstellung zur Bestrafung von Verbrechern. Es gibt offensichtlich zwei unterschiedliche Auffassungen vom Wesen des Strafvollzuges: Auf der einen Seite wird die Bestrafung als Mittel angesehen, den Straftäter zu bessern, ihn zumindest an weiteren Straftaten zu hindern; auf der anderen Seite aber wird Strafe als Vergeltung für das begangene Unrecht verstanden. Diese Vergeltung bezeichnet man dann oft als »Sühne«.

In der öffentlichen Diskussion begegnen wir der Rede von »Sühne« vor allem dort, wo es um die Todesstrafe geht. Diese ist zwar in fast allen europäischen Ländern abgeschafft, erlebt aber in den USA wieder eine wachsende Akzeptanz. Die Auffassung von Strafe als einer unbedingt zu vollziehenden Sühne kam beispielsweise dramatisch durch die Hinrichtung von Karla Faye Tucker in Texas Anfang Februar 1998 ins Bewusstsein der Öffentlichkeit: Trotz der Bekehrung und inneren Umwandlung der Doppelmörderin wurde die Todesstrafe sowohl von den Behörden als auch von den meisten US-Bürgern gefordert und schließlich mit unerbittlicher Konsequenz durchgesetzt. Die Hinrichtung Tuckers war nach diesem Rechtsverständnis als Sühne für ihre Morde unverzichtbar. Sühne bedeutet hier unentrinnbares »Bezahlen-Müssen« für Schuld aus der Vergangenheit. Von »Wiedergutmachung« kann man ja schwer sprechen, da mit dem Tod der Mörderin nicht wirklich etwas »wieder gut« wird, bestenfalls werden Vergeltungsgedanken damit befriedigt. Im konkreten Fall verstanden die das Todesurteil exekutierenden Behörden unter Sühne eine unerbittliche Vergeltung. Viele Menschen, vor allem Christen, waren erschüttert über eine solche Auffassung von Sühne.

Aber es gibt auch Bereiche in der Gesellschaft, wo das Wort »Sühne« einen positiven Klang erhält. So hat zum Beispiel die 1958 gegründete Aktion mit dem Namen »Aktion Sühnezeichen Friedensdienste« einen angesehenen Platz in der Öffentlichkeit der Bundesrepublik Deutschland: Junge Deutsche, die allesamt lange nach den unbeschreiblichen Gräueln der Naziherrschaft geboren wurden, nehmen freiwillig und unentgeltlich soziale Dienste für jüdische Mitbewohner auf sich oder leisten Arbeitseinsätze in Israel. Die jungen Leute verstehen ihren engagierten Einsatz als Sühne für das Unrecht, das die Eltern- und Großelterngeneration dem jüdischen Volk angetan hat. Sie wollen sich nicht durch die »Gnade der späten Geburt« von den Gräueltatender Shoa distanzieren, sondern persönlich zumindest »zeichenhaft« jene Schuld abarbeiten, die nicht unmittelbar die ihre ist. Diese beiden Beispiele zeigen aber doch auch, wie vorbelastet der Begriff »Sühne« ist. Der Gedanke an unentrinnbare Vergeltung wie im Fall der Todesstrafe an bekehrten Mördern lässt uns erschaudern, während wir für die symbolische Aufarbeitung und Wiedergutmachung von fremder Schuld, wie sie bei der »Aktion Sühnezeichen Friedensdienste« zum Ausdruck kommt, durchaus Sympathien empfinden.

Zu dieser Zweideutigkeit der Empfindungen kommt dann auch noch, dass in den großen Dramen der Weltliteratur einige der tragischsten Gestalten vom Begriff der Sühne her zu verstehen sind: etwa König Ödipus bei Sophokles, der sich wegen seiner Sünden selbst blendet, oder Hamlet bei Shakespeare. Und auch dem modernen Film ist der Gedanke der Sühne nicht fremd. Ohne Zweifel also werden beim Thema »Sühne« zugleich die dunkelsten und edelsten Lebensbereiche angesprochen: hier ausweglose Verstrickung in Schuld und dort hingebungsvolle Abarbeitung von Sünde, hier mörderischer Holocaust und dort selbstloser Versuch der Wiedergutmachung einer unheilbar zerstörten Situation.

1.3 Das Unbehagen mit dem religiösen Begriff der Sühne

Ein Blick auf den Bereich des Glaubens zeigt, dass es dort ebenfalls eine verwirrende Palette von Empfindungen und Vorstellungen gibt, wenn von Sühne die Rede ist. Wenn ein theologisch interessierter Kirchenchrist »Sühne« hört, dann assoziiert er damit wohl unwillkürlich Themen von großem Ernst: Schuld, Sünde, Vergeltung, Versöhnung, Leiden, Kreuz, Opfer, Tod usw. Das sind allesamt wenig anziehende Themen, die schon aufgrund ihres »blutigen Ernstes« frösteln machen können. Es verwundert also nicht, wenn auch bei gläubigen Menschen zunächst einmal ein dunkler Nebel von negativen Empfindungen das Thema »Sühne« einhüllt.

Es gibt jedenfalls das Gefühl, dass hier ein Aspekt des Glaubens angesprochen ist, der als finster und beängstigend empfunden wird. Sühne entspricht nicht dem modernen Lebensgefühl; der Begriff klingt mittelalterlich und ist für viele Christen nicht mehr nachvollziehbar. Das ist vielleicht auch der entscheidende Grund dafür, warum es in der Verkündigung so still geworden ist um die Sühne. Wir leben in einer Gesellschaft, der es vor allem um eine helle Freude am Leben geht. Wenn der Zeitgeist den Namen Fit for fun trägt, dann ist es klar, dass mit dem Thema »Sühne« an etwas erinnert wird, das dieser Lebenseinstellung unmittelbar widerspricht. Von daher wird das katechetische Schweigen verständlich, denn warum soll man als Verkündiger über etwas so Unangenehmes und Unattraktives sprechen? Die Frage wird freilich sein, ob Sühne wirklich nur etwas Dunkles ist, und ob hier nicht vielleicht eine der schönsten Seiten des christlichen Glaubens angesprochen ist. Die Frage ist freilich auch, ob das Leben in Wirklichkeit immer leicht und hell sein kann! Wo man hinter die imaginäre Illusion der immer frohen Welt blickt, eröffnen sich ja oft tiefe Abgründe von Belastung durch Leid und Schuld.

Der Begriff der Sühne schließt notwendig den Begriff der Schuld mit ein. »Schuld und Sühne« sind nicht nur durch den berühmten Romantitel von Fjodor M. Dostojewski als sprichwörtliche Redewendung miteinander verknüpft, sondern sie sind es auch von der Sache her. Schuld und Sühne sind zwei Seiten einer Medaille. Die Sühne Christi hat ja nur den einen Zweck, »die Schuld der Welt hinwegzunehmen« (Joh 1,29). Doch eben diese Verknüpfung mit »Sünde« ist zunächst nur eine weitere Ursache dafür, dass das Thema »Sühne« Unbehagen auslöst, da heute ja nicht gerne von Schuld oder Sünde gesprochen wird, zumindest nicht von der eigenen. Wenn aber Sünde nicht mehr realisiert wird, wird folglich eine der ältesten Glaubensformeln des Christentums unverständlich, die da lautet, dass »Christus wegen unserer Verfehlungen hingegeben wurde und auferweckt wegen unserer Gerechtmachung« (Röm 4,25). Wenn aufseiten des Menschen benennbares Versagen nicht mehr anerkannt, wenn die Sünde geleugnet wird, dann wird folglich auch das Kreuz zu einer unentschlüsselbaren Chiffre. Das Symbol für die liebende Sühne, mit welcher Gott den sündigen Menschen mit sich versöhnt, wird letztlich zum Symbol einer Gottesvorstellung, die zunehmend als bedrohlich und absurd empfunden wird, wie der Kruzifixstreit in Deutschland gezeigt hat.

Dass die Leugnung der Sünde, also der Versuch, sich seiner Verantwortung gegenüber Gott und den Menschen zu entziehen, nicht nur eine Selbsttäuschung ist, sondern dem innersten Handeln Gottes in Jesus Christus widerspricht, findet sich schon im 1. Johannesbrief in dramatischen Worten ausgedrückt: »Wenn wir sagen, dass wir nicht gesündigt haben, machen wir ihn [Gott] zum Lügner« (1 Joh 1,10), denn »Wenn aber einer sündigt, haben wir einen Beistand beim Vater: Jesus Christus, den Gerechten. Er ist die Sühne für unsere Sünden, aber nicht nur für unsere Sünden, sondern auch für die der ganzen Welt« (1 Joh 2,1b–2). Im Begriff der Sühne begegnen wir also wirklich der Finsternis der Sünde, aber mehr noch der Befreiung von ihr.

1.4 Die Kritik der Theologie an der Sühne

Bleiben wir im religiösen Bereich: Ein Grund für das Schweigen von Predigt und Katechese über die Sühne liegt wohl auch in der Unsicherheit, welche die Theologie erfasst hat. Menschliche Sühne kann ja nur dann als etwas Sinnvolles begriffen werden, wenn sie von der Sühne Christi her verstanden wird. Von Christus sagt Paulus, dass er »gestorben ist für unsere Sünden« (vgl. 1 Kor 15,3; Gal 1,14; Röm 4,25); im Großen Glaubensbekenntnis von Nizäa und Konstantinopel heißt es, dass Christus »sogar für uns gekreuzigt worden ist« (crucifixus etiam pro nobis).3 Durch die Jahrhunderte schien das Bekenntnis dazu, dass in Jesus Christus Gott seinen Mensch gewordenen Sohn zur Sühne für die Sünden der Menschen hingegeben hat, dass Christi Tod am Kreuz folglich ein Sühnetod ist, eine Selbstverständlichkeit! Mit der Selbstverständlichkeit aber ist es in der Theologie schon lange dahin, denn der Glaubenssatz vom Sühnetod Christi gilt nicht nur als fragwürdig, sondern wird von vielen Theologen ausdrücklich abgelehnt. Sie meinen, dass es sich bei der Sühne Christi bloß um eine zeitbedingte, alttestamentliche Vorstellung handle, mit welcher die Jünger – allen voran Paulus, Johannes und der Verfasser des Hebräerbriefes – den Sinn des Kreuzes zu erklären suchten.

Im Leben der Kirche wird die theologische Infragestellung der Sinnhaftigkeit der Sühne Christi auch konkret in der Auffassung von der heiligen Messe deutlich. Bis hin zum II. Vatikanum wurde die Messe ganz selbstverständlich als der sakramentale Nachvollzug des Sühneopfers Christi verstanden, doch davon ist heute kaum noch die Rede. Tatsache ist jedenfalls, dass das Thema »Sühne« in der akademischen Theologie durchaus gegensätzlich diskutiert wird. Sühne als Deutung des Todes Jesu und folglich als Glaubensbegriff stößt seit der Aufklärung auf heftigen Widerspruch und auf Ablehnung in der Theologie.

Natürlich ist an dem dunklen Beigeschmack, den das Thema »Sühne« in der Kirche hat, auch der Umstand schuld, dass man früher in irreleitender Weise darüber gesprochen bzw. Fehlverständnisse von Sühne nicht energisch genug zurückgewiesen hat. Hier ist vor allem Anselm von Canterbury († 1109) mit seiner sogenannten »Satisfaktionslehre« zu erwähnen. Satisfactio heißt Genugtuung. Anselm lehrt, dass Gott durch die Sünde des Menschen beleidigt worden ist und ihm deshalb Genugtuung (lateinisch: satisfactio) geleistet werden muss. Der sterbliche Mensch ist dazu aber nicht fähig, was könnte der kleine Mensch schon dem unendlichen Gott an Wiedergutmachung geben? Deshalb tritt der Sohn an die Stelle des Menschen und leistet die erforderliche Genugtuung durch seine Lebenshingabe am Kreuz. So versöhnt er den Vater durch das Opfer seiner selbst. Die neuere Theologie4 versichert uns, dass Anselm hier durchaus den Punkt getroffen hat: Gottes Sohn leistet aus Liebe zu uns die unendliche Sühne; die Initiative unserer Rettung liegt bei Gott. Das Traurige jedoch war, dass man Anselms Lehre in primitiver Weise vereinfacht hat. Man schaute plötzlich nicht mehr auf die Liebe des dreifaltigen Gottes, die hinter der Kreuzeshingabe des Sohnes steht, sondern sah nur noch einen beleidigten, zornigen »Himmelsvater«. Und so entstand für die einfachen Gläubigen der Eindruck, als wäre der Vater ein beleidigter Tyrann, der in seinem Zorn sogar das Blut seines eigenen Sohnes brauchte, um sich mit den Menschen zu versöhnen. Es gibt selbst noch heute viele Christen, die im Kreuzestod Christi eine Art grausame Vergeltung, ja Rache des Vaters an seinem Sohn sehen! Das aber ist eine geradezu dämonische Verdrehung der eigentlichen Offenbarung! Joseph Ratzinger hat 1968 dieses Missverständnis in Bezug auf die Sühne Christi in sehr eindringlichen Worten ausgedrückt:

»Für sehr viele Christen und besonders für jene, die den Glauben nur ziemlich von Weitem kennen, sieht es so aus, als wäre das Kreuz zu verstehen innerhalb eines Mechanismus des beleidigten und wiederhergestellten Rechtes. Es wäre die Form, wie die unendlich beleidigte Gerechtigkeit Gottes mit einer unendlichen Sühne (sc. geleistet im Gehorsamstod Jesu Christi) wieder versöhnt würde. Von manchen Andachtstexten her drängt sich dem Bewusstsein dann geradezu die Vorstellung auf, der christliche Glaube an das Kreuz stelle sich einen Gott vor, dessen unnachsichtige Gerechtigkeit ein Menschenopfer, das Opfer seines eigenen Sohnes, verlangt habe. Und man wendet sich mit Schrecken von einer Gerechtigkeit ab, deren finsterer Zorn die Botschaft von der Liebe unglaubwürdig macht.«5 So muss tatsächlich gefragt werden, ob sich die kirchliche Verkündigung wirklich ausreichend bemüht hat, das christliche Verständnis von Sühne so darzulegen, dass es sich von heidnischen und archaischen Menschenopfer-Vorstellungen unterscheidet.

Die Folge von alldem ist, dass es in der gegenwärtigen Theologie eine Art Widerwillen gibt, zumindest eine lähmende Lustlosigkeit, sich überhaupt mit der Sühne zu beschäftigen. Freilich kann man das Thema nicht wirklich ausklammern, denn es geht hier ja letztlich um die zentrale Frage nach der Versöhnung. Das deutsche Wort »Versöhnung« stammt geschichtlich von »sühnen« und nicht, wie in vielen Predigten fälschlicherweise behauptet, von »Sohn«! Versöhnung bedeutet, dass Gott in Christus die Menschen sich »ver-sühnt« hat. Aber was ist »Versöhnung«, wenn es keine Sühne Christi gibt?

Wo die Auffassung, dass der Tod Jesu ein bewusster Sühnetod war, abgelehnt wird, müssen andere Modelle entworfen werden, um überhaupt noch von »Versöhnung« und »Erlösung« durch Christus sprechen zu können. Es fällt dann auf, dass bei diesen neueren theologischen Vorstellungen das Heil zwar immer als Befreiung »zu« etwas bezeichnet wird, aber nie wirklich thematisiert wird, »wovon« der Mensch nun eigentlich befreit worden sei.6 Versöhnung und Erlösung schließt aber immer auch mit ein, dass man von dem Negativen und Dunklen spricht, von dem der Mensch letztlich befreit, erlöst, versöhnt wird. Dieses Negative nannte man herkömmlich Sünde. Wo es keine Sühne gibt, darf es offensichtlich auch keine Sünde mehr geben, und umgekehrt. Vielleicht ist das auch der Grund, warum die Predigt von unserer Erlösung insgesamt einen so schalen Beigeschmack bekommen hat. Die oft durchaus pathetische Verkündigung vom »befreiten Leben« bleibt schemenhaft und unattraktiv, wenn verschwiegen wird, wovon der Christ nun konkret befreit worden ist.

1.5 Wie ist ein liebender Gott mit menschlicher Sühne vereinbar?

Und schließlich soll auf eine letzte bedeutende Schwierigkeit hingewiesen werden, die heutige Kirchenchristen mit dem Sühnebegriff haben. In der Verkündigung hat es in den letzten Jahrzehnten einen starken Wandel der Akzente gegeben, vor allem kam es zu einer Neubesinnung auf das christliche Gottesbild. Durchaus zu Recht stellte man den Begriff der Liebe in den Mittelpunkt der Gottesverkündigung: »Gott ist die Liebe!« (1 Joh 4,8.16). Der Begriff »Liebe« freilich wurde, parallel zur gesellschaftlichen Entwicklung, immer stärker losgelöst von einer moralischen Verantwortung verstanden. »Liebe« wurde immer konturloser: ein schönes Gefühl, das gut ist, solange es Spaß macht. Versteht man »Liebe« in diesem inhaltsleeren Sinn, dann ist der biblische Satz »Gott ist die Liebe« in seiner Radikalität nicht mehr zu verstehen. Er kann dann nur noch in einem oberflächlichen Sinn aufgefasst werden, etwa: »Gott ist bedingungslos und harmlos in seiner Liebe zu uns! Er liebt und verzeiht ganz unabhängig davon, was wir Menschen tun.«

Während man in früheren Zeiten die Strafe und Vergeltung Gottes überbetont hat, so ist heute das Gegenteil der Fall. Die Liebe Gottes wird als eine vom menschlichen Wohloder Fehlverhalten völlig unbeeinflusste Konstante angesehen. Die Folge davon ist, dass man kein Verständnis aufbringen kann für ein aktives, ja dramatisches Handeln