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Wolf-D. Beecken

Das kleine Buch vom

KREBS

Die Krankheit verstehen

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Erste Auflage 2013
© SCOVENTA Verlagsgesellschaft mbH

Inhaltsverzeichnis

1.Warum und von wem dieses Buch geschrieben wurde

2.Das Krebs-Puzzle

2.1Am Anfang steht die Angst

2.2Die Magie der Statistiken

2.3Krebs und das Gesundheitssystem

2.4Eine teure Krankheit

2.5Aufklärung damals und heute

3.Krebs – was ist das?

3.1So funktioniert das Leben

3.2So funktioniert der Krebs

4.Von der Diagnose zur Prognose

4.1Früherkennung

4.2Abklärung eines Verdachts: Die Diagnostik ausschöpfen

4.3Alles geprüft und erkannt: Therapieziele und Prognosen

5.Den Krebs bekämpfen: Therapien im Überblick

5.1Operative Therapien: Entfernen des Tumors

5.2Bestrahlungstherapien: Bekämpfung durch Energie

5.3Medikamentöse Therapien: Bekämpfung durch Gifte

5.4Komplementäre Therapien: Die Bekämpfung optimieren

6.Ein Blick auf die Forschung

7.Plädoyer für aufgeklärtes und rationales Handeln

Glossar: Die Sprache der Ärzte und Wissenschaftler

Bibliographie

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Ein kleines Buch, gewidmet einer großen Familie

Otto-Robert(†) und Ingrid, Nik und Li, Volker und Christiane mit
Viktoria und Frederik, Jan-Wilhelm und Catharina mit Fritz,
Caspar, Martha, Joseph und Louis, Tobias und Franziska mit
Timon, Melchior, Pia und Elias, Nikolaus und Ute mit RosaLi,
Jona und Felix, Carsten und Sandra mit Bryan und Ben

und ganz besonders

Johanna mit Tom, Nik, Finn, Josh und Mia

1.

Warum und von wem dieses
Buch geschrieben wurde

Brauchen wir wirklich ein weiteres Buch über Krebs? Nach zwei Jahren intensiver Arbeit an diesem Buch, in denen ich mir genau diese Frage immer wieder gestellt habe, ist meine Antwort ein überzeugtes Ja. Es gibt zahlreiche Gründe, warum dieses Buch notwendig ist – der entscheidende ist allerdings, dass es beim Verstehen einer bedrohlichen Krankheit hilft.

Verstehen ist die Grundlage von Wissen, und Wissen wiederum ist die notwendige Bedingung für selbstbestimmtes, rationales und richtiges Handeln. Krebs ist eine Krankheit, die Handeln erfordert – und zwar auf zahlreichen Ebenen. Nicht nur der Betroffene muss handeln; auch seine Angehörigen und sein gesamtes Umfeld sind dazu gezwungen. Wenn man es genau betrachtet, gilt das für jeden von uns. Krebs ist längst nicht mehr nur eine fiktive Gefahr, sondern eine sehr reale. War es Ende des Zweiten Weltkrieges noch so, dass man davon ausgehen konnte, von diesem Schicksal verschont zu bleiben, erkrankt mittlerweile jeder Zweite von uns im Laufe seines Lebens an einer Krebserkrankung; manche sogar mehrfach. Etwa jeder Vierte verstirbt daran. Krebs bedroht uns zu jeder Zeit: im frühen Kindesalter, während wir heranwachsen, im Zenit unseres Daseins und ganz besonders in unserer hart erarbeiteten und wohlverdienten Zeit der Ernte und des Genusses. Jeder von uns wird mit ziemlicher Sicherheit im Laufe seines Lebens ein Mal oder sogar öfter – direkt oder indirekt – von Krebs betroffen sein. Ich finde es deshalb sehr wichtig, dass man sich auch als aktuell gesunder Mensch mit dieser Thematik auseinandersetzt. Mit meinem Buch möchte ich allen die Schwellenangst vor einem angsteinflößenden Thema nehmen, weil ich der Ansicht bin, dass das Verstehen von Krebs ganz wichtig ist, wenn man sich ihm – sei es als Betroffener, als Angehöriger oder einfach als aufgeschlossener und interessierter Bürger – stellen will.

Ich möchte von vornherein festhalten, dass es sich bei Krebs nicht um eine einzelne Erkrankung, sondern um eine Gruppe von mehr als hundert unterschiedlichen Tumorerkrankungen handelt, welche alle zum Tode führen, wenn man sie nicht behandelt – besser gesagt, wenn man nicht handelt. Das Handeln eines Betroffenen – wie ich es im Zusammenhang mit diesen Erkrankungen meine – bezieht sich allerdings nicht nur auf das Therapieren eines Tumors. Der Kampf mit dem Krebs bedeutet viel mehr: Wir werden mit unseren Urängsten (vor Schmerzen, vor Hilflosigkeit, vor dem Sterben) konfrontiert und müssen uns – oft zum ersten Mal in unserem Leben – mit ihnen auseinandersetzen. In dieser Situation dürfen wir die Angst nicht zum handlungsbestimmenden Affekt werden lassen, sonst entscheiden wir falsch. Als Erstes sollten wir unsere Reaktionen – häufig ein Resultat von evolutionär bedingten Verhaltensweisen und Gewohnheiten – richtig einschätzen können. Der zweite Schritt heißt: Wissen über Krebserkrankungen akquirieren, um Abweichungen und Besonderheiten wahrnehmen und einschätzen zu können. Denn jede Krebserkrankung ist individuell und braucht ihre eigene Methode der Behandlung. Als Nächstes sollten wir über das Instrumentarium der Ärzte informiert sein, d. h. über die diagnostischen und therapeutischen Instrumente und Mittel, um sie richtig einschätzen zu können – damit ist „richtig für den Einzelnen“ gemeint. Wir müssen uns außerdem noch mit den Akteuren (Ärzten, Wissenschaftlern, Naturheilpraktikern, Politikern) und Institutionen (Gesundheitssystem, Pharmaindustrie, Krankenhäuser, Praxen) rund um Krebs bekannt machen, mit anderen Worten: Wir müssen deren Vorgaben und Handlungsmotive kennen, um Vorgehensweisen, Beschlüsse und Äußerungen korrekt einschätzen zu können. Krebs zu bekämpfen bedeutet also auch, aufgrund von fundiertem Wissen rationale Entscheidungen zu treffen – in Kooperation mit allen involvierten Parteien.

Diese gemeinsamen Anstrengungen von Betroffenen und jenen, die sie beraten und behandeln, sollen ausschließlich mit dem einen Ziel unternommen werden, dem Patientenwohl zu dienen. In diesem Sinne habe ich mein Buch geschrieben: nicht als Ratgeber für Betroffene, sondern als Werk der Aufklärung. Es will Handlungsweisen und Defizite im System und im Einzelnen bewusst machen, damit diese bewertet und gegebenenfalls beseitigt werden können. Krebs ist ein sehr gefährlicher und effektiver Gegner des menschlichen Lebens, der nur mit vereinten Kräften und rationalen Entscheidungen besiegt werden kann.

Die größte Herausforderung bei meinem Anliegen war, der Komplexität des Themas gerecht zu werden, ohne die Ausführungen ausufern zu lassen. Häufig bewegen sich Bücher zum Thema Krebs in der Ein- bis Zwei-Kilo-Klasse und schrecken den Leser schon ob ihrer Dimensionen ab. Bücher mit bescheidenem Titel und überschaubarer Seitenanzahl, die komplexe Themen in Angriff nehmen, sind eher selten – ein Beispiel wäre die 1988 veröffentlichte Kurze Geschichte der Zeit von Stephen Hawking. Es war mein Ziel, in ähnlicher Klarheit und Kürze die Krankheit Krebs in all ihren wichtigen Aspekten zu erfassen: in ihrer einschneidenden Bedeutung für das Leben eines Menschen sowie hinsichtlich der Möglichkeiten des Umgangs mit ihr vor dem Hintergrund der aktuellen medizinischen, psychologischen, wissenschaftlichen und gesundheitspolitischen Erkenntnisse und Gegebenheiten.

Krebs ist ein Wort, das unmittelbar Unbehagen, Angst und Ablehnung in uns hervorruft. Alle unter dem Begriff Krebs zusammengefassten Erkrankungen haben eines gemeinsam: Zellwachstum mit bösartigem Charakter. Die Verknüpfung der Begriffe bösartig und Wachstum klingt wie ein Widerspruch in sich. Für einen philosophisch denken Menschen hingegen besteht alles aus Pol und Gegenpol. Es fiele ihm nicht schwer, sich das Zellwachstum – einen der zentralen Prozesse, die das Wunder des Lebens überhaupt erst ermöglichen – auch in einer bösartigen Variante vorzustellen. Weniger philosophisch denkende Menschen empfinden sicher einigen Widerstand bei dem Gedanken, dass Krebs als „todbringendes“ Wachstum einfach zum Leben dazugehört wie etwa Materie zur Antimaterie. Welchen Sinn hätte denn die parallele Existenz von gutartigem und bösartigem Wachstum? Krebs ist definitiv keine notwendige Bedingung für das Leben. Wissenschaftlich gesehen verfügen Krebszellen jedoch über die Möglichkeit der unbegrenzten Zellteilung, was ihnen quasi Unsterblichkeit verleiht – jene Unsterblichkeit, nach der sich die Menschheit seit ihren Anfängen sehnt. Paradoxerweise verwirklicht sich dieser jahrtausendealte, bisher unerreichte Traum in einer todbringenden Erkrankung. Die Suche nach Klarheit in solchen und ähnlichen Fragen treibt die wissenschaftliche Forschung voran und grenzt sicherlich in einigen Aspekten auch an die Metaphysik.

Krebs ist aber auch eine sehr private Angelegenheit. Am 14. Mai 2013 titelte die BILD Zeitung: „Angst vor Krebs! Angelina Jolie ließ sich beide Brüste amputieren“. Diese Sensationsmeldung beherrschte in den darauf folgenden Tagen die Medien und machte die Angst vor Krebs und die damit einhergehenden Verhaltensweisen zum Tagesthema Nr. 1. Sollte man das Verhalten von Jolie nun kritisieren oder befürworten und bewundern? Bei ihrer Entscheidung hat Jolie sicherlich Risiken bewertet. Zum einen das Risiko, ein Mammakarzinom zu bekommen (in ihrem Fall wohl ein sehr hohes); zum anderen das Risiko, auch mit einer intensiven Früherkennungsstrategie den Krebs nicht früh genug zu erkennen, als dass ihm mit einer kurativen Therapie noch beizukommen wäre. Angelina Jolies Entscheidung könnte aber auch der Überlegung geschuldet sein, sich über eine Operation hinausgehenden, eventuell notwendigen Therapien in Form von Chemotherapie, Hormontherapie oder Strahlentherapie nicht aussetzen zu wollen. Das ist eine private, individuelle Entscheidung, die eine andere Person eventuell ganz anders getroffen hätte. Wichtig finde ich jedenfalls, dass eine solche Wahl im vollen Wissen um Risiken und Chancen getroffen wird – und nicht basierend auf einer Panikreaktion. Panik und Konfusion ist in Zusammenhang mit Krebs gar nicht so abwegig: Ein Betroffener, der bis dato sein Leben im Griff hatte, ist plötzlich nicht mehr Herr der Dinge, muss Beratung, Unterstützung und Hilfe durch Ärzte und Angehörige in Anspruch nehmen; er ist ihnen dabei regelrecht ausgeliefert. Gerade deshalb sollte er die Personen, welche ihn beraten und behandeln, sehr genau aussuchen, denn die Qualität der Beratung und Behandlung steht in engem Zusammenhang mit dem Erfolg einer Krebstherapie. Bei erkrankten Kindern müssen die Eltern diese verantwortungsvolle Aufgabe übernehmen; bei älteren oder aus anderen Gründen „schwachen“ Personen Familienangehörige oder besonders enge Freunde.

Auch der Leser hat das gute Recht, gleich zu Beginn zu erfahren, wer ihm die in diesem Buch dargelegten Informationen und Einblicke in Krebserkrankungen und die damit verbundenen Umstände vermittelt. Er soll selbst entscheiden, ob er mir und meinen Erfahrungen vertraut – hier also mein Werdegang:

Ich wurde 1964 in Hamburg geboren. Mein Vater war Arzt und hatte eine internistische Praxis in unserem Wohnort. Später gründete er mit Partnern eine Dialysepraxis, in der Patienten mit Nierenschäden regelmäßige Behandlungen zur Reinigung des Blutes erhielten. Meine frühe Jugend verlief ohne große Besonderheiten. Ich war ein mäßiger Schüler, liebte Sport und hatte schon immer ein gewisses medizinisches und wissenschaftliches Interesse.

Eine drastische Änderung meines unbeschwerten Lebens ergab sich in den Jahren 1982/83. Im November 1982 erkrankte mein Vater an einer schweren Krebserkrankung, deren Behandlung sich zur damaligen Zeit wenig effektiv gestaltete. Nach nur einem Jahr verstarb er. Es war ein Jahr, in dem ich erstmals eng mit dieser Krankheit in Kontakt kam und zusehen musste, wie ein geliebter Mensch trotz unterschiedlicher Therapien von ihr aufgezehrt wurde. Es war eine tragische Erfahrung – und trotzdem empfand ich eine gewisse Faszination angesichts dieser Erkrankung, die meinen Vater umbringen sollte. Ich fragte mich immer wieder, wie es sein könne, dass die hochentwickelten technischen und medizinischen Errungenschaften des späten zwanzigsten Jahrhunderts so wenig gegen Krebs auszurichten vermochten. Die Pest hatten wir besiegt, die Cholera ausgerottet, und chronische Erkrankungen wie z. B. Diabetes mellitus konnten wir zumindest über einen längeren Zeitraum kontinuierlich behandeln. Und nun kam der Krebs und trumpfte auf? Denn die Tumorzellen im Körper meines Vaters fanden immer wieder einen Weg, die Therapieansätze – egal, wie ausgefeilt sie waren – „auszutricksen“ und ihr bösartiges Wachstum unbeirrt fortzusetzen. Diese erschütternde Erkenntnis, die sich mir damals offenbarte, hat mich all die Jahre – inzwischen gut zwei Jahrzehnte – begleitet, in denen ich mich mit den verschiedensten Krebserkrankungen befasst habe. Ich habe mich in alle Bereiche der Krebsmedizin „hineingearbeitet“: in schulmedizinische, alternativmedizinische und ganz neue, noch experimentelle Ansätze. Immer wieder musste ich die Erfahrung machen, dass Wissenschaft und Medizin im Hinblick auf das große Ziel – die Heilung von Krebs – noch einen sehr weiten Weg zu beschreiten haben.

Ich will nicht in Abrede stellen, dass Etappenziele erreicht wurden, dass wir das Leid des Einzelnen mindern und seine Überlebenszeit verlängern können; hinsichtlich des großen Ziels erscheinen mir die wissenschaftlichen Errungenschaften jedoch eher überschaubar. Zum jetzigen Zeitpunkt sehe ich die größten Erfolge im Bereich der schulmedizinischen Methoden; hier liegen meine Hoffnungen insbesondere bei den sogenannten „zielgerichteten“ Therapieansätzen, die auf genetische und stoffwechselbasierte Veränderungen der Krebszellen zielen. Ich bleibe aber offen für alle Richtungen und Neuentwicklungen, denn niemand kann zum aktuellen Zeitpunkt behaupten, dass uns die aktuelle Richtung der schulmedizinischen Therapie an das Ziel unserer Bemühungen führen wird.

Zurück zum November 1983: Die Leidensgeschichte meines Vaters und meine wachsende Faszination für Krebs ließen in mir den Gedanken reifen, mich beruflich dieser Krankheit zu widmen. Hierfür brauchte ich ein gutes Abitur. Meine schulischen Leistungen wurden besser, und ich nahm im Oktober 1986 mein Medizinstudium an der Universität Hamburg auf.

Ich begann das Studium mit dem dezidierten Ziel, Onkologe (Krebsfacharzt) zu werden. Studienbegleitend leistete ich Nachtwachen in einer Hamburger Klinik. Wegen des hohen Arbeitsaufkommens in der urologischen Abteilung dieser Klinik wurde ich für meine Nachtdienste hauptsächlich hier eingesetzt. Meine Hauptaufgabe galt der Versorgung von jungen Hodentumorpatienten, die sich großen Operationen, Bestrahlungs- und Chemotherapien unterziehen mussten. Es waren meine ersten professionellen Begegnungen mit Krebs.

Bald nahm ich Kontakt zur onkologischen Abteilung der Uniklinik Hamburg auf. Ich begann meine Doktorarbeit, die sich mit der Krebserkrankung befasste, welche meinen Vater umgebracht hatte, und trat nach Abschluss meines Medizinstudiums eine Stelle in der Onkologie der Uniklinik Hamburg an.

Nachdem ich ein Jahr lang hier gearbeitet hatte, beschlich mich das Gefühl, etwas ändern zu müssen. Ich hatte den Eindruck, aktiver werden zu müssen. In der onkologischen Klinik begleiteten wir zwar die Patienten, aber der Großteil der diagnostischen und therapeutischen Prozeduren (mit Ausnahme der Chemotherapie) wurde von anderen Abteilungen – wie beispielsweise der Chirurgie oder Radiologie – durchgeführt. Ich erinnerte mich an meine Nachtwachen auf der urologischen Station. Die Urologie beinhaltet extrem viel Onkologie (Tumoren der Nieren, Harnwege, der Blase, Prostata, des Penis und der Hoden), und die Urologen machten in diesem Fachgebiet alles selbst – Biopsien1, Operationen, Chemotherapien, ja sogar Bestrahlungstherapien. Zwar wäre ich damit einerseits auf die urologischen Tumoren festgelegt, hätte jedoch andererseits die Möglichkeit, sämtliche diagnostischen und therapeutischen Schritte selbst managen und durchführen zu können. Ich entschloss mich also zu einem Wechsel in die Urologie.

Mein weiterer beruflicher Werdegang führte mich zunächst an die Urologische Universitätsklinik nach Marburg und später an die Urologische Universitätsklinik in Frankfurt am Main. In diesen Kliniken absolvierte ich meine Facharztausbildung zum Urologen. Meine Lehrzeit unterbrach ich für einen dreijährigen Forschungsaufenthalt im Labor von Professor Judah Folkman am Children’s Hospital der Harvard Medical School in Boston. Hier lernte ich das Wesen vom Krebs am besten kennen. An dieser Stelle möchte ich gerne anhand dreier Eigenschaften erklären, was Krebs bzw. bösartiges Wachstum für mich bedeuten:

imageBösartige oder entartete Zellen sind in uns – immer und zu jedem Zeitpunkt. Ich rede hier ganz bewusst von bösartigen/entarteten Zellen und nicht von Krebs. Denn Krebs ist die umgangssprachliche Bezeichnung der ausgebrochenen Krankheit, von der wir selbstverständlich nicht zu jedem Zeitpunkt „befallen“ sind. Auch wenn in jedem von uns täglich mehrere Tausend – wahrscheinlich sogar mehrere Millionen – „entarteter“ (nicht mehr normal funktionierender) Zellen entstehen, ist nicht jede davon automatisch eine Zelle, die sich zu einem bösartigen Tumor entwickeln kann. Denn dafür müssten diese fehlerhaften Zellen über eine beträchtliche Ausstattung verfügen. Ein gewisser Teil der entarteten Zellen verfügt allerdings über genau diese Ausstattung. Was aber immer noch nicht heißen muss, dass tagtäglich bösartige Tumoren in uns wachsen. Die Erklärung dafür ist, dass unser Körper über hocheffiziente Reparatur- und Abwehrinstrumente für Krebszellen verfügt. Die Entstehung eines bösartigen Tumors beruht also nicht ausschließlich auf der Produktion „tumorfähiger“ Zellen, sondern auch auf einem Versagen der körperlichen Schutzfunktionen, die der Entwicklung von Krebs aus bösartigen Zellen normalerweise Einhalt gebieten.

imageBösartige Tumoren sind extrem anpassungsfähig. Was heißt das? Unsere Anpassungsfähigkeit an herausfordernde Lebensumstände (z. B. Kälte, Trockenheit, Dunkelheit etc.) ist eine großartige Fähigkeit, die uns als Spezies Mensch sehr weit gebracht hat. Evolution bedeutet Selektion und erfordert Anpassungsfähigkeit; nicht überlebens-, d. h. nicht anpassungsfähige Lebensformen sterben aus. Wenn bösartiges Wachstum in unserem Körper entsteht, verfügt es – wenn es erst einmal etabliert ist – über eine extrem ausgeprägte Anpassungsfähigkeit. Diese Anpassungsfähigkeit basiert auf der hohen Mutagenität der Krebszellen, die außerdem quasi über eine Art „Schwarmintelligenz“ verfügen: Nicht das Überleben der einzelnen Zelle ist das Ziel des Tumors, sondern das Überleben der Wachstumsform als solcher. Die Anpassungsfähigkeit der Krebszellen ist an mehreren Faktoren erkennbar: etwa an ihrer Wander-Fähigkeit (bösartiges Wachstum findet nicht nur im Ursprungsorgan statt, sondern in Form von Metastasen (Tochtergeschwülsten) auch weit davon entfernt, in völlig anderen Organen; aber auch an der Kontinuität und Geschwindigkeit des bösartigen Wachstums (das sich anscheinend mit Leichtigkeit an die äußeren und inneren Bedingungen des Tumorwirtes – also „seines“ Menschen – anpassen kann. Die wahrscheinlich effizienteste Anpassungsleistung ist aber die nahezu unbegrenzte Reaktionsmöglichkeit eines Tumors auf externe Einflüsse wie Tumortherapien, sei es eine Tumorreduktion durch Chirurgie, eine Bestrahlung oder eine medikamentöse Therapie.

imageBösartige Zellen verfügen über „ewiges Leben“. Dadurch, dass sie die Mechanismen der Begrenzung der Zellteilungen, denen eine Normalzelle unterworfen ist, ausschalten können, ist es den Tumorzellen möglich, sich ohne Limit zu reproduzieren. Der Alterungsprozess des menschlichen Organismus beruht auf dem Ausbleiben von Zellersatz2 nach dem Erreichen der jedem Zelltyp vorgegebenen Zellteilungsrate sowie auf der Ansammlung von „Müll“ (Abbauprodukten) in den sich in Seneszenz befindlichen Zellen. Tumorzellen umgehen beide Alterungsmechanismen durch ihre unbegrenzte Teilungsfähigkeit, so dass ein bösartiger Tumor nicht nur über ewiges Leben, sondern auch über einen eingebauten „Jungbrunnen“ verfügt. Zellkulturen aus bösartigen Tumoren von Patienten aus den 1950er Jahren teilen sich heute immer noch. Die „Lebensspanne“ eines bösartigen Tumors wird nach heutigem Wissen einzig und allein durch die komplette Ausrottung der Zellen in seinem Wirt durch innere Faktoren (das Immunsystem) oder äußere Faktoren (eine Therapie) oder durch das Sterben des Wirtes selbst beendet, ohne dessen Existenz die Tumorzellen nur überleben können, wenn sie in einem geeigneten neuen Wirt (per Infektion) landen oder in Zellkultur gepflegt werden. Da die Krebs-Infektion von Wirt zu Wirt extrem unwahrscheinlich ist und auch nicht jeder Tumor in einer Zellkultur am Leben erhalten werden kann, limitiert sich das individuelle bösartige Wachstum in den allermeisten Fällen selbst.

Die drei angeführten Charakteristika machen das Wesen einer Krebserkrankung aus. Durch sie wirken die verschiedenen Tumoren nahezu intelligent. Sie entkommen den therapeutischen Bemühungen der Wissenschaftler und Ärzte immer wieder. Die größten Herausforderungen für den Mediziner bestehen darin, dass Krebszellen körpereigen sind (im Gegensatz zu Bakterien, die man bekämpfen kann, ohne dem eigenen Körper allzusehr zu schaden – das ist bei Krebs bisher kaum möglich) und dass sie immer wieder Resistenzen gegen die angewendeten Therapiemaßnahmen (insbesondere Chemotherapien und Bestrahlungstherapien) entwickeln. Das war früher so und hat sich bis heute nicht wesentlich verändert.

Schwenk zurück zu meinem beruflichen Werdegang: Während meiner wissenschaftlichen Arbeit in Boston lernte ich nicht nur das Wesen von Krebs detailliert kennen, sondern auch, was es bedeutet, ein verantwortungsvoller, engagierter und faszinierter Arzt und Wissenschaftler zu sein. Das wurde mir in vielen persönlichen Gesprächen (zumeist tief in der Nacht in unserem Labor) mit meinem damaligen Chef Judah Folkman klar, der mir echtes Berufsethos vorgelebt hat.3

Zurück in Frankfurt, schloss ich meine Facharztausbildung ab, forschte intensiv im Bereich der Onkologie weiter, habilitierte für das Fach Urologie, wurde Oberarzt der Urologischen Universitätsklinik in Frankfurt am Main und praktizierte die „große Tumorchirurgie“: Ich wurde verantwortlicher Operateur für maximale onkologische Eingriffe wie beispielsweise die Entfernung einer krebsbefallenen Prostata oder Harnblase.

Dann begann ich mich um Chefarztpositionen in urologischen Kliniken zu bewerben. Bei den Verhandlungsgesprächen wurde mir bald klar, dass die meisten Kliniken keinen Chefarzt im eigentlichen Sinne suchten – also jemanden, der der Abteilung seinen Stempel aufdrückt und in puncto Patientenversorgung, Forschung und Lehre gleichermaßen engagiert und ehrgeizig ist. Viele Kliniken beschränken ihre Ansprüche an einen Chefarzt nämlich auf das Ableisten von Operationen. Eine derartige Einschränkung meines Aufgaben- und Handlungsspielraumes war für mich keine erstrebenswerte Perspektive.

Nach einigen Jahren zog ich die Konsequenzen und machte mich selbstständig. Heute bin ich mit großer Freude Teil eines Teams, das aus fünf engagierten Urologen besteht. Wir versorgen ambulante Patienten, operieren sowohl ambulant als auch stationär und sind wissenschaftlich tätig. Als Krönung meiner „Freiheit“, die ich erstrebt und nun auch bekommen hatte, habe ich dieses Buch geschrieben. Ich fasse meine Ausführungen noch einmal kurz zusammen:

Hatte ich selber Krebs?

– Nein.

Hatte ich engen persönlichen Kontakt zu Krebserkrankten?

– Ja.

Habe ich Erfahrung mit der allgemeinen Onkologie?

– Ja.

Habe ich Erfahrung in der Krankenhausarbeit?

– Ja.

Habe ich Erfahrung im onkologisch-chirurgischen Bereich?

– Ja.

Habe ich Erfahrung mit der konservativen onkologischen Therapie?

– Ja.

Habe ich Erfahrung im onkologisch-wissenschaftlichen Bereich?

– Ja.

Habe ich Erfahrung im onkologisch-ambulanten Bereich?

– Ja.

Habe ich Erfahrung mit Kommunikation?

– Ja.

Vertrete ich einen umfassenden, objektiven und vorurteilsfreien Ansatz?

– Ja.

Und nun ist der Leser an der Reihe, zu entscheiden, ob er meinen Ausführungen weiterhin folgen will oder nicht. Falls ja: Was erwartet ihn in den einzelnen Kapiteln? Das nächste Kapitel basiert auf meinen theoretischen und praktischen Erfahrungen aus über 20 Jahren Wissenschaft und Tumormedizin. Hier habe ich exemplarische Fakten zusammengetragen, die das Wesen der Krebserkrankungen definieren und den Umgang mit ihnen illustrieren. Außerdem weise ich auf zahlreiche Probleme in den unterschiedlichen Bereichen der Krebsmedizin hin, mit denen Betroffene wahrscheinlich konfrontiert werden. In Kapitel 3 folgt eine Einführung in die biologischen Grundlagen der Tumorerkrankungen. Kapitel 4 beschreibt, wie ein Arzt bei der Diagnosestellung vorgeht. Kapitel 5 beleuchtet die verschiedenen therapeutischen Maßnahmen. Das letzte Kapitel blickt in die Zukunft der Krebsforschung und streift kurz die Psychologie von Handlungsmotivation und Entscheidungsfindung.

All diese Informationen sollen dem Leser dazu dienen, Krebs „zu verstehen“. Für einen Betroffenen bedeutet eine schwere Erkrankung im Allgemeinen und Krebs im Besonderen vor allem eines: Entscheidungen zu treffen. Da ich aus meiner täglichen Arbeit mit Patienten weiß, dass schwerwiegende Diagnosen bei vielen zu einer Panikreaktion führen – mit der Konsequenz falscher, oft irrationaler Entscheidungen –, hätte ich bereits viel erreicht, wenn es mir mit diesem Buch gelingt, die Aufmerksamkeit des Lesers für diese fatalen Verhaltensmuster zu schärfen und ihm eventuelle irrationale Reaktionen bewusst zu machen.

Ohne profundes Wissen ist es kaum möglich, richtige Entscheidungen zu treffen und seine eigene „Krebs-Strategie“ zu entwickeln. Ich hoffe, mit meinem Buch möglichst vielen Menschen ein „Werkzeug“ in die Hand zu geben, damit sie in derartigen Situationen vom Wissen getragene, rationale Entscheidungen für sich selbst treffen oder anderen bei ihrer Entscheidungsfindung helfen können. Weiterhin soll das Buch einen detaillierten Einblick in unser System der Krebsmedizin – mit all seinen Akteuren und Institutionen – ermöglichen. Schwachpunkte, Widersprüche und Verbesserungsmöglichkeiten werden aufgezeigt und sollen zum Handeln im Sinne der Verbesserung des Systems ermutigen.

1Die fett gedruckten Begriffe werden im Glossar erläutert.

2„Seneszenz“ genannt

3Mehr über ihn und die schwierige Arbeit eines Pioniers der Krebsforschung kann der Leser in Robert Cookes lesenswertem Buch Dr. Folkman’s War erfahren.

2.

Das Krebs-Puzzle

Körper und Geist des homo sapiens gehören zweifelsohne zu den ausgefeiltesten und am besten funktionierenden Errungenschaften der Evolution. Das Instrument, dem wir unsere intellektuellen Fähigkeiten verdanken, ist unser Gehirn und seine Intelligenzleistung. Wir haben zwar, verglichen mit dem Tierreich, nicht die besten Augen, nicht die stärksten Muskeln und nicht die größte Ausdauer, aber unser Intellekt ermöglicht es uns, jedes dieser Defizite durch Denken und Entwerfen, den Gebrauch von Werkzeugen und die Herstellung von Maschinen oder anderen Hilfsmitteln auszugleichen. Andererseits zeigt unser Körper – genau wie unser Denken – allerlei Schwächen. Sowohl Körper als auch Gehirn produzieren regelmäßig „Ausschussware“: organische Krankheiten wie Krebs oder fehlerhafte Denk- und Urteilsleistungen.

Wie ich in Kapitel 3 zeigen werden, laufen in den Zellen des menschlichen Körpers in jeder Sekunde unvorstellbar viele Mechanismen ab, die natürlich auch fehleranfällig sind. Theoretisch würde diese Erkenntnis schon genügen, um Erkrankungen wie Krebs zu erklären. Der Mensch ist allerdings deutlich mehr als das: ein denkendes und fühlendes Wesen, das sich auf unterschiedlichen Ebenen an seine Umwelt anpassen muss. Hierzu bedarf es spezialisierter Systeme – etwa der Denkleistungen und der Psyche, die unser Handeln steuern, sowie des Immunsystems, das uns vor Angriffen (sei es von außen oder innen) schützt.

Psyche und Immunsystem haben große Bedeutung für die Gesundheit des Menschen. Auch die Psyche kann erkranken – etwa bei Depressionen oder Schizophrenie – oder bei der Entstehung von psychosomatischen Krankheiten (z. B. Magengeschwüren) mitverantwortlich sein. Das Immunsystem bildet durch ein ausgeklügeltes Netzwerk von zellulären und proteinogenen4 Faktoren eine effektive Abwehrbarriere gegen Krankheitserreger von außen (Bakterien, Viren) und spielt auch eine wichtige Rolle bei der Kontrolle und dem Abbau der täglich entstehenden fehlerhaften Proteine und Zellen (also auch von Krebszellen) in unserem Körper. Nun kann aber auch das Immunsystem in Form von Autoimmunerkrankungen, bei denen es sich paradoxerweise gegen körpereigene, funktionierende Strukturen wendet, erkranken.

Schwächen des Immunsystems spielen wahrscheinlich eine nicht zu unterschätzende Rolle bei der Entstehung von Krebs. Man hat festgestellt, dass bestimmte Krebserkrankungen bei Menschen mit Immunschwäche5 deutlich häufiger als in der Normalbevölkerung auftreten. Viele Patienten bringen die Entstehung ihrer Krebserkrankung auch mit einer starken emotionalen Belastung in Zusammenhang – wahrscheinlich zu Recht: Seit Mitte der 1970er Jahre ist eine gegenseitige Beeinflussung von Immunsystem, Nervensystem und Psyche definitiv nachgewiesen. Basierend auf diesen Erkenntnissen haben sich Wissenschaftszweige wie die Psychoimmunologie und die Immunonkologie entwickelt.6

Wenn wir über die Funktionsweise des Lebens als Grundlage des Verständnisses von Krankheit sprechen, müssen wir außer den genetischen, proteinogenen und zellulären Faktoren auch das Individuum als Ganzes im Auge behalten. Nur so lässt sich eine so komplexe Erkrankung wie Krebs ergründen und das Wesen von Krebs verstehen. Insbesondere in den Bereichen der Interaktionen und Überschneidungen der unterschiedlichen Felder wie Genetik, Zellbiologie, Immunologie und Psychologie gibt es noch viel zu erforschen. Erst dann können wir von einem Gesamtbild der Funktionen des Lebens sprechen und unsere Suche nach einer adäquaten Therapie wissensbasiert durchführen.

Die Probleme der effektiven Behandlung einer Krebserkrankung liegen aber nicht ausschließlich in der Erkrankung an sich, sondern zu einem erheblichen Teil in unserer Verhaltensweise, also darin, wie wir mit einer bedrohlichen Situation im Allgemeinen umgehen; darüber hinaus machen gewisse Faktoren unseres Gesundheitssystems, beispielsweise wirtschaftliche Konkurrenz oder zeitliche bzw. finanzielle Zwänge, es den Betroffenen nicht leicht, ihr erstrebtes Ziel – die Heilung der Krebserkrankung – zu erlangen. Umso mehr ist es von größter Wichtigkeit, dass jedem, der mit Krebs direkt oder indirekt in Berührung kommt, bewusst wird, warum er gerade so reagiert, wie er reagiert, warum verschiedene Ärzte unterschiedliche Therapien empfehlen und wie das alles mit dem hiesigen Gesundheitssystem zusammenhängt.

Um das Wesen vom Krebs zu verstehen, reicht es deshalb nicht – auch wenn das ein sehr wichtiger Faktor ist – sich mit den biologischen Grundlagen der Erkrankung und den diagnostischen und therapeutischen Verfahren auszukennen. Man muss auch die Hintergründe verstehen, also durchblicken, wer die Akteure des Systems sind – Ärzte, Wissenschaftler, Unternehmer etc.

In erster Linie sollte man aber sich selbst und seine menschlich-psychischen Limitationen kennen. Jede unserer Handlungen ist positiv motiviert – auch wenn das nicht immer auf den ersten Blick zu erkennen ist. Ein Triathlet, der sich durch wochen- und monatelanges Training quält (was für eine zweite Person nicht nachvollziehbar sein mag), erträgt Schmerzen und Entbehrungen, um irgendwann den Pokal nach Hause zu tragen, den er jetzt schon – während er trainiert und ächzt – vor seinem inneren Auge sieht. Ein anderer Sportler erlebt allein schon durch sein Training so viel positive Rückkopplung, dass er es regelmäßig in seinen Alltag integriert. Warum er das tut, erschließt sich auch nicht jedermanns Verständnis, obwohl es inzwischen zum common sense gehört, dass Sport in gewissem Umfang gesund und vernünftig ist. Abgesehen davon, ob nun aus Vernunftgründen oder um des Pokals wegen geschwitzt wird: Unsere Handlungen sind in der Tat nicht immer so vernünftig, wie es auf den ersten Blick erscheinen mag. Oft sind sie durch die Evolution oder unsere Gewohnheiten geprägt und geradezu unvernünftig – siehe nächstes Kapitel.

2.1

Am Anfang steht die Angst

Zu Beginn jeder Auseinandersetzung mit Krebs steht meistens der vom Arzt ausgesprochene Krebsverdacht. In dieser Sekunde beginnt für den Betroffenen eine schlimme Zeit der Ungewissheit, die sich gelegentlich lange hinziehen kann – so lange, bis der Verdacht ausgeräumt oder bestätigt wird. Diese Ungewissheit ist für die meisten Menschen schwer zu ertragen – genauso aber ist auch die Gewissheit, an Krebs erkrankt zu sein, mit großer Angst verbunden, handelt es sich doch um eine Krankheit mit nicht selten tödlichem Verlauf. Wie soll man sich nun verhalten? Bewusst entscheiden kann man das kaum, denn es sind zuallererst häufig reflexartige und emotionale Verhaltensweisen, mit denen wir auf die Diagnose Krebs reagieren.

Die Evolution hat uns nämlich so geprägt, dass wir auf Gefahr und Angst mit einer Fluchtreaktion antworten. Diese wird von unserer Vernunft nicht hinterfragt und kann in gewissen Situationen auch ganz sinnvoll sein. Wenn wir vom Säbelzahntiger gejagt werden, bleibt nicht viel Zeit zum Nachdenken: „Rennen!“ lautet die Devise. Langes Überlegen, in welche Richtung in dieser Situation am besten zu rennen sei, würde das Risiko vergrößern; die automatische, instinktive Fluchtreaktion setzt sofort ein und befiehlt unseren Beinen, ihr Bestes zu geben. Dabei kann es natürlich vorkommen, dass man in eine Sackgasse läuft und trotz neuem Geschwindigkeitsrekord als Frühstück des Säbelzahntigers endet; hätte man jedoch wertvolle Zeit und Energie mit dem Austüfteln der optimalen Fluchtroute vergeudet, wäre die Wahrscheinlichkeit des Gefressen-Werdens ungleich größer – daher der evolutionäre Vorteil beim unüberlegten Davonrennen.

Auch wenn eine schwerwiegende Diagnose kein Säbelzahntiger ist, passiert es doch sehr häufig, dass insbesondere bei Krebserkrankungen so etwas wie „mentale Kurzschlüsse“ auftreten. Rationale, der Situation angemessene Reaktionen sind geradezu die Ausnahme und meistens das Ergebnis einer bewussten geistigen Anstrengung.7

Ein Beispiel für einen Fluchtversuch: Unlängst hatte ich einen Patienten, den ich wegen eines Prostatakarzinoms in meiner Praxis ausführlich beriet. Nach langem Gespräch kamen wir gemeinsam zu dem Ergebnis, dass eine Bestrahlungstherapie der Prostata in seinem Fall die beste Therapiemaßnahme sei. Ich hatte ausreichende Daten zur Verfügung und insgesamt ein gutes Gefühl, dass wir seine Tumorerkrankung in den Griff bekommen würden.

Nach sieben Monaten kam ein Anruf vom Hausarzt des Patienten: Dieser stecke in Schwierigkeiten und benötige sofortige Hilfe, traue sich jedoch nicht, zu mir zu kommen. Bei mir läuteten alle Alarmglocken. Ich bat den Hausarzt, den Patienten davon zu überzeugen, dass er dringend bei mir vorstellig werden müsse. Eine Woche später saß Letzterer mir tatsächlich gegenüber. Was war geschehen? Nach unserer gemeinsamen Entscheidung war er guten Mutes gewesen und wollte die empfohlene Strahlungstherapie der Prostata auf jeden Fall durchführen lassen. Nachdem er aber mit einem Bekannten über sein Vorhaben gesprochen hatte und dieser ihm empfahl, sich nach der tollen, „sanften“ Behandlungsmethode zu erkundigen, von der eine entfernte Bekannte dieses Bekannten gehört hatte und die ihn von den „schlimmen Nebenwirkungen“ verschonen würde, kam er vom ursprünglich gewählten Weg ab. Er landete bei einem Behandlungsinstitut, wo sein Prostatakarzinom zwar ohne Nebenwirkungen, dafür aber mit einer nicht komplett evaluierten – also wissenschaftlich überprüften – Methode behandelt wurde.

Ich erfuhr nun, dass er zwar keinerlei Komplikationen oder Nebenwirkungen durch die Therapie zu beklagen hätte, seine private Krankenversicherung eine vollständige Übernahme der Behandlungskosten jedoch ablehnte. Der Patient saß plötzlich auf 7.000 Euro Kosten. Viel schlimmer war jedoch, dass der Verlauf des PSA-Wertes (ein Tumormarker für das Prostatakarzinom, den ich in Kapitel 4 beschreiben werde) ein Weiterbestehen und Wachsen des Prostatakarzinoms anzeigte – die Behandlung des Tumors hatte sich als unzureichend erwiesen. Der Patient saß vor mir wie ein Häufchen Elend, von Angst und vernichtenden Selbstvorwürfen geplagt – dabei handelte es sich keinesfalls um einen einfältigen Menschen, ganz im Gegenteil: Er ist ein hochgebildeter Akademiker. Er hatte sich in seinem persönlichen Netzwerk schlau gemacht – war das falsch gewesen? Sich zu informieren ist meiner festen Überzeugung nach prinzipiell richtig – man muss nur sehr genau auf die Qualität der Information achten.

Wie sieht es mit dem Internet als Informationsquelle aus? Im Kontext Krebs ist es nicht immer der beste Berater. Es bietet zwar jede Menge korrekter Informationen zu Krebserkrankungen und -therapien; Betroffene tendieren jedoch ohne den Beistand eines erfahrenen Arztes oder profunden Kenners der Materie eher dazu, nach einer Behandlungsmethode zu fahnden, die sanft, unkompliziert und nebenwirkungsfrei zu sein verspricht. Ich sage immer: Dr. Google ist ein mäßiger Arzt. Was aber nicht heißen soll, dass es von der Hand zu weisen ist, wenn Betroffene das Internet oder andere Informationsquellen (Bücher, Fachzeitschriften, wissenschaftliche TV-Sendungen etc.) durchforsten, um sich im Krankheitsfall auf das Gespräch mit dem Arzt8 vorzubereiten. Das kann die Kommunikation zwischen Patient und Arzt beträchtlich verbessern – und diese ist, wie wir gleich sehen werden, von allergrößter Wichtigkeit.

Mit Ärzten reden: Kommunikation rund um Krebs

Kommunikation ist ein weit gefasster Begriff, der in viele Aspekte unseres täglichen Lebens hineinwirkt. Nicht umsonst gibt es ganze Wissenschaftszweige, die sich mit dem Thema Kommunikation befassen (Kommunikationstechnik, Kommunikationswissenschaften, Kommunikationsverhalten etc.). Ich werde mich im Folgenden aber nur auf den Austausch von Information zwischen den von Krebs Betroffenen und ihren Beratern und Behandlern beziehen und diese Auswahl noch einmal einschränken, indem ich hier vor allem auf den mündlichen Aspekt fokussiere.

Die Kommunikation zwischen Menschen ist schon an und für sich nicht immer frei von Missverständnissen; in einer Extremsituationen jedoch, wie sie bei schwerwiegenden Erkrankungen gegeben ist, potenzieren sich die Probleme. Vom Moment der Diagnosestellung an leidet ein Betroffener häufig unter starken Angstgefühlen, die sich zu regelrechten Panikattacken steigern können, und empfindet sich nicht selten als Fremdkörper in einer Welt von Gesunden. Trotz dieses deprimierenden Gefühls wünscht er sich in seiner schwierigen Lage wahrscheinlich besonders viel Kontakt zu Angehörigen und Freunden – ein Widerspruch, der durchaus Kommunikationsprobleme herbeiführen kann. Dafür, wie ein Betroffener in dieser Situation anzusprechen und zu behandeln ist, gibt es leider kein Patentrezept – weder für den Arzt noch für Angehörige, Freunde oder Bekannte. Jeder Betroffene braucht aber Unterstützung und Zuspruch. In vielen Fällen ist deshalb eine frühzeitige psychoonkologische Begleitung sinnvoll.

Neben der Kommunikation im Familien-, Freundes- und Bekanntenkreis spielt die Kommunikation und gute Verständigung zwischen Arzt und Betroffenem eine essentielle Rolle. Arzt und Patient gehen im Falle einer derart schweren Erkrankung wie Krebs eine längerfristige und sehr enge Beziehung ein. Noch ein Umstand ist hier zu erwähnen: Die Spezialisierung in der Medizin ist der Grund dafür, dass eine Krebserkrankung oft nicht nur von einem Arzt diagnostiziert und behandelt wird. Das bedeutet, dass der Betroffene auf den Rat und die Hilfe von gleich mehreren Medizinern, die er in den meisten Fällen auch noch zum ersten Mal in seinem Leben sieht, angewiesen ist. Mit allen sollte er wirklich gut kommunizieren können.

Das Anamnesegespräch9