Prolog

Kapitel 1

Als Manne an diesem Nachmittag sein Schulbuch in die Ecke warf und auf die Straße lief, um mit Jörg und Robert Fußball zu spielen, war es für ihn ein Tag wie jeder andere. Noch jedenfalls. Mit seinen zehn Jahren kannte er keine andere Welt als diese: Berlin als eine große Trümmerwüste. Das galt auch für die Gegend um den Stettiner Bahnhof, Berlin N4. Groß geworden war er in der Borsigstraße. Die reichte von der Elsässer bis zur Invalidenstraße und zählte 34 Häuser. Davon waren die Nummern 6, 11 a bis 21, 31b bis 34 im Krieg zerstört worden. Nicht schlecht. Mannes Opa erzählte immer den Witz: »Berlin ist die Stadt der Warenhäuser – hier war’n Haus und da war’n Haus.« Manne und seine Freunde fanden, dass es keinen schöneren Spielplatz gab als eine richtige Ruine. Außer, man wollte Fußball spielen. Zum Beispiel VfR Mannheim gegen Borussia Dortmund oder Union Oberschöneweide gegen den BSV 92. Manne hatte zum Geburtstag einen nagelneuen Fußball aus Igelit bekommen. Den hatte er seitdem immer bei sich.

Wo steckten Jörg und Robert? Wahrscheinlich waren sie zum Güterbahnhof gelaufen, um zu sehen, ob zwischen den Gleisen heruntergefallene Presskohlen lagen. Oder man sprang auf die Loren und schmiss sie runter. Die Eltern freuten sich darüber mehr als über eine Eins im Rechnen, die man nach Hause brachte.

Es war undufte von den beiden Freunden, dass sie nicht auf ihn gewartet hatten. Manne lief durch die Straßen, sie zu suchen. Schade, dass es keine Trümmerbahnen mehr gab. Mit Feldbahnloren konnte man so herrlich D-Zug spielen. Seine Mutter hatte lange Zeit als Trümmerfrau gearbeitet. Alle verfügbaren Arbeitskräfte waren eingesetzt worden, um die Schuttmassen zu beseitigen. Zuerst waren die Straßen freigeräumt worden, damit die Versorgungsfahrzeuge passieren und die Straßenbahnen wieder fahren konnten. Dann mussten alle Ruinen eingerissen werden, die jederzeit einstürzen konnten. Das war immer unheimlich spannend. Wenn die Männer von der Abbruchfirma oben ein dickes Seil um einen stehen gebliebenen Schornstein gelegt hatten und dann unten daran zogen: »Hauruck! Hauruck!« Und die Staubwolke, wenn das Ding endlich umgefallen war!

Unter den Trümmern lagen noch zahlreiche nicht explodierte Sprengkörper, und wenn sie trotz aller Verbote in den Ruinen herumkletterten, um nach Buntmetall zu suchen, mussten sie jeden Augenblick damit rechnen, dass so ein Blindgänger in die Luft ging.

Grundsätzlich gab es für Manne drei Arten von Ruinen: einmal die Häuser, die Sprengbomben und Luftminen in Schutt und Asche gelegt hatten, Volltreffer, und die nichts mehr waren als ein einziger großer Trümmerhaufen, und zum anderen die Gebäude, die von Brandbomben getroffen worden waren. Im Innern war da nichts erhalten geblieben, vom Keller bis zum Dach alles ausgebrannt, aber die Fassade war noch völlig intakt, wenn auch vom Ruß geschwärzt. Drittens kamen dann die Teilruinen hinzu, Wohnhäuser, bei denen die eine Hälfte zerstört worden war, die andere aber noch bewohnt wurde. Da hingen dann noch Eisenträger in der Luft, und man konnte die Tapeten an den Wänden sehen, die früher zum Wohnzimmer gehört hatten und jetzt außen waren.

Wo man Bombentrichter verfüllt und zerstörte Häuser abgetragen hatte, waren freie Plätze entstanden. Manchmal gastierte dort ein kleiner Zirkus, oder es wurde ein Rummel aufgebaut. Vielleicht dieses Jahr auch mal ein Weihnachtsmarkt.

Noch immer keine Spur von Jörg und Robert. Manne war ein wenig mulmig zumute. »Geh mit keinem mit!« Er hatte die Stimme seiner Mutter ganz genau im Ohr. Was mit Kindern geschah, die mit fremden Männern mitgingen, wusste zwar niemand von ihnen genau, sie glaubten aber, dass man sie wie ein Karnickel schlachten und ihr Fleisch verkaufen würde. Und wenn Jörg und Robert nun … Nein, da vor der Golgatha-Kirche standen sie. Gott sei Dank. Wo sie denn gesteckt hätten? Jörg in der Desinfektionsanstalt. »Zum Entlausen.« Robert war beim Arzt gewesen. »Nachimpfen.« Die Impfung in der Schule hatte er verpasst. »Und dann hab’ ich noch zu Hause Kohlen aus’m Keller hoch holen müssen – wie Hennecke, do!« Adolf Hennecke hatte seine Tagesnorm als Bergmann zu 387 Prozent übererfüllt und war damit in der DDR zum Vater aller Aktivisten geworden.

»Wat spiel’n wa nu?« Manne war für Fußball, Robert für Wer hat Angst vorm Schwarzen Mann? Jörg tippte sich an die Stirn: »Da sind wa doch viel zu wenig zu.« Er war für Autorennen oder Klimpern, ohne aber eine ausreichende Mehrheit für seine Vorschläge zu finden. Schließlich einigten sie sich auf Fußball. Jörg gegen Robert, das heißt, Union Oberschöneweide (Ost-Berlin) gegen den BSV 92 (West-Berlin). Roberts Vater war Grenzgänger, wohnte im Osten und arbeitete im Westen. Daher diese Rollenverteilung. Manne war der Torwart, und als solcher hatte er streng neutral zu sein.

Man hatte keine Lust, zum nächsten Park zu laufen, man blieb bei sich in der Borsigstraße. Ein Auto kam nur alle Jubeljahre mal. Der »Kasten« war eine zugemauerte Toreinfahrt in einer der Ruinen des zweiten Typs, also ausgebrannt, aber Fassade erhalten. Die Nr. 4.

Manne nahm Aufstellung und machte einen Abschlag. Hoch in die Luft und möglichst genau in die Mitte von Jörg und Robert. Zugleich schrie er: »Anpfiff!« Die beiden Freunde schraubten sich in die Höhe, aber am Ball vorbei. Der tippte hinter ihnen auf, sprang auf die Fahrbahn und rollte in den gegenüberliegenden Rinnstein. Jörg war als Erster hingespurtet und hatte ihn erobert. Aber schon war Robert zur Stelle, und sie begannen wie wild zu rempeln und zu fummeln. Schließlich aber kam Jörg frei zum Schuss. Manne riss die Arme hoch und lenkte den Ball links um den Pfosten, das heißt um die Kante der Toreinfahrt. Ein Schrei. Das wertvolle Stück war durch ein nicht zugemauertes Fenster im Hochparterre gesegelt und mitten in der Ruine gelandet.

Manne ging auf Jörg los. »Du holst’n da raus, du haste’n ooch rinjeschossen.«

Jörg protestierte. »Du hast se ja nich mehr alle: Du hast’n doch rinjelenkt!«

Auch Robert war gegen Manne. »Schließlich isset deiner.« Manne sah ein, dass die anderen die besseren Argumente hatten. »Dann helft mir aber wenigstens hoch und bleibt oben am Fenster stehen … Falls ick drin verschüttet werden sollte.« Die beiden Freunde versprachen es und verschränkten ihre Hände ineinander, um für Manne eine Trittstufe zu bilden. Der pumpte kurz wie ein Käfer, der losfliegen wollte, setzte seinen linken Fuß hinauf, griff sich den Fenstersims mit beiden Händen und schwang sich so weit nach oben, dass er sein rechtes Knie, den Unterschenkel und Teile seines Oberschenkels auf dem Mauerwerk platzieren konnte. Noch ein paar Bewegungen in der Art eines Trockenschwimmers, dann saß er in der Fensteröffnung und schaute in die ausgebrannte Parterrewohnung. Wohin war sein Ball gerollt?

»Hast’n schon gesehen?«, fragte Jörg.

»Nee …« Draußen wurde es schon langsam dunkel – und so ohne Taschenlampe. Manne beugte sich noch etwas weiter ins Innere der Ruine, um zu sehen, ob sein Ball nicht unmittelbar unter ihm lag, sozusagen im toten Winkel.

Da schrie er auf, so furchtbar, dass es durch die halbe Borsigstraße hallte, und prallte derart heftig zurück, dass ihn die Freunde nicht mehr auffangen konnten. Er knallte auf das Straßenpflaster.

»Was ist denn los?«

In der Ruine lagen Teile einer grausam zerstückelten Leiche. Zwei Unterschenkel, ein linker Oberschenkel und ein linker Arm, wie sich später herausstellen sollte.

Horst Bosetzky

Der kalte Engel

Roman

Jaron Verlag

Inhaltsverzeichnis

Titel

Impressum

Prolog

Kapitel 1

ERSTER TEIL

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

ZWEITER TEIL

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

DRITTER TEIL

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

VIERTER TEIL

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

Kapitel 28

Kapitel 29

Kapitel 30

Kapitel 31

Kapitel 32

FÜNFTER TEIL

Kapitel 33

Kapitel 34

Kapitel 35

Kapitel 36

Kapitel 37

Kapitel 38

Kapitel 39

Kapitel 40

Kapitel 41

Epilog

Kapitel 42

Kapitel 43

Anhang

Schlussbemerkung und Danksagung

Literatur

Epilog

Kapitel 42

Nach dem Prozess … Sie tritt ihre Strafe mit der Haltung einer Märtyrerin an, die für fremde Schuld büßen muss. So steht es bei Waldemar Weimann am Ende seines Berichtes über Meine rätselvollste Mörderin – Krankenschwester Elisabeth Kusian, und wir können die Hypothese wagen, dass sie zur Selbsterhaltung vor allem diese »Neutralisationstechnik« gewählt hat: »Ich bin ein guter Mensch, ich habe ja alles nur für meinen Mann getan.« Wie sie ja schon immer dazu geneigt hat, das Virtuelle für das Wirkliche zu nehmen, das, was ihre Phantasie hervorgebracht hat, als die nackte Realität anzusehen, so wird sie sich nicht als Mörderin gesehen haben, sondern als barmherzige Samariterin. »Walter war es, und ich habe ihm nur aus der Patsche helfen wollen.«

Die Zeitungen allerdings zeigen keinerlei Sympathie für sie, zweifeln allerdings daran, dass wirklich die volle Wahrheit ans Licht gekommen ist, und locken mit der Schlagzeile: Verteidiger der Kusian legt Revision ein. So die nacht-depesche vom 15. Januar 1951, die unter anderem schreibt: In weiten Kreisen der Berliner Bevölkerung hat es Befriedigung ausgelöst, dass diese Frau die Höchststrafe erhalten hat. Die beiden kaltblütigen und grauenhaften Morde, deren sie angeklagt war, hatten überall große Empörung ausgelöst. Es gibt jedoch immer noch einige Fragen im Zusammenhang mit diesem Prozess, die im Verlauf der Verhandlung nicht restlos geklärt wurden und daher eine gewisse Beunruhigung zurücklassen. (…) Der Prozess hat zweifellos nicht geklärt, ob die Kusian Mittäter hatte und wer diese gegebenenfalls waren. Die Suche nach der »Dame in Schwarz« wurde aufgegeben. Wem gehörte das dritte Glas im Zimmer der Kusian? Der Tagesspiegel vom 26. Januar 1951 fragt in seiner Überschrift: Und was wird aus den Kindern? – Elisabeth Kusians Töchter und ihr Sohn kennen das Schicksal ihrer Mutter. Eine Namensänderung hat man nicht auf den Weg bringen können. Der Gedanke an die insgesamt zehn Kinder, die nun zu leiden haben – die von Seidelmann und Kurt Muschan hinzugerechnet –, ist das Letzte, was die Leute erschauern lässt.

Was ist weiter über die Kusian zu berichten? Der Revisionsantrag gegen das Urteil bleibt erfolglos. Durch den Dritten Strafsenat des Bundesgerichtshofes wird der Urteilsspruch des Berliner Gerichts bestätigt. Das geschieht am 13. Dezember 1951. Sieben Jahre später erliegt Elisabeth Kusian in der Haft einem Krebsleiden. Man kann nur darüber spekulieren, ob sie vom Zweispalt ihrer Seele wie von ihren Taten und der Reue darüber gleichsam zerfressen worden ist, vieles spricht dafür.

Als gütige Krankenschwester unter vielen gütigen Schwestern wäre sie längst der Vergessenheit anheimgefallen, als Der kalte Engel aber lebt sie fort im kollektiven Gedächtnis der Deutschen. Zuerst ist sie von den Gerichtsmedizinern wieder »ausgegraben« worden, erstmals 1964 von Waldemar Weimann und 2001 von Gunther Geserick, Klaus Vendura und Ingo Wirth. Und nun ist dieser dokumentarische Roman über sie geschrieben worden. Da kann man sich nur mit Bert Brecht rechtfertigen: Das ist ein zynischer, wurzelloser Standpunkt, der gefällt mir.

Kapitel 43

Als man Elisabeth Kusian 1958 in Berlin zu Grabe trägt, arbeitet Bernhard Bacheran schon seit einiger Zeit als Staatsanwalt in Bremen, wo er noch heute zu Hause ist und es zwischenzeitlich sogar zum Senator gebracht hat. Als ich ihn am 11. November 2001 zum Abschluss meiner Kusian-Recherche in seiner Villa in Oberneuland besuche, ist er am Tag zuvor gerade 76 Jahre alt geworden. Wir haben schon viele Stunden miteinander telefoniert, aber trotzdem ist manche Frage offengeblieben.

»Vor allem die, warum es denn damals mit Ihnen und der Helga Leupahn letztendlich doch nicht geklappt hat?«

»Ja …« Bacheran schluckt und hustet. »Siehe die beiden Königskinder, die nicht zueinander kommen konnten … Keiner wollte nachgeben. Da bin ich dann nach Bremen gegangen, sie nach Greifswald. Beide haben wir geheiratet – eine andere, einen anderen … Aber ob wir glücklich geworden sind?«

»Die Frage ist schon die Antwort. Und Sie haben sich auch niemals wiedergesehen, zumindest nach der Wende?«

»Nein …« Bacheran seufzte. »Aber … Wie steht es bei Fontane so schön geschrieben: Eigentlich ist es ein Glück, ein Lebenlang an einer Sehnsucht zu lutschen. Und das tue ich noch immer mit großem Vergnügen, wenn ich an Wümme, Weser oder Nordsee sitze und aufs Wasser starre.«

»Und Ihre Frau, was sagt die dazu?«

»Rosemarie? Die ist ’99 gestorben. Sie hatte sich damit abgefunden. Wenn auch schweren Herzens. Sie kannte Helga auch noch. Meine Mutter hat Rosemarie ins Haus gebracht, damit ich von Helga geheilt werde und von ihr ablasse. Eine Strategie, die ja dann auch aufgegangen ist. Die Kinder wissen nichts davon. Aber das wird ja anders werden, wenn Ihr Kusian-Roman erst mal auf dem Markt ist.«

»Wieso? Bei mir heißen Sie doch nicht Bernhard Bacheran, sondern Bernhard Baronna.«

»Nein, nein, wenn ich schon bei Ihnen ›auftrete‹, dann bitte mit meinem richtigen Namen.«

Ich sehe ihn an und schmunzele. »Dasselbe hat Helga Leupahn auch gewollt, als ich letzte Woche in Greifswald war und sie gefragt habe, wie denn damals alles so war.«

»Wie geht es ihr denn?«, fragt Bacheran mit geschlossenen Augen.

»Sie lebt sehr zurückgezogen.«

»Und – ist sie auch schon verwitwet?«

»Ja, und sie hat ein nichteheliches Kind von einem Marineoffizier. Inzwischen ist sie Großmutter.«

»Und beruflich?«

»Bei der Kripo hat sie’s nicht weit gebracht, aber mal eine Weile als Abgeordnete in der Volkskammer gesessen. Nun ja … Ein bisschen verbittert scheint sie mir zu sein. Wie hat sie denn damals ausgesehen zur Zeit des Kusian-Prozesses – haben Sie nicht ein Foto von ihr?«

»Doch, warten Sie mal …« Er geht zum Schreibtisch, zieht ihn auf und kommt mit einer Plastikhülle wieder, in der etliche Schnipsel stecken, die wie Puzzleteile aussehen, nur dass sie gerade Kanten und spitze Winkel haben. »Da ist sie … Helga … im Jahre 1950. Nur hat meine Frau mal die Schere genommen und sie zerstückelt …«

FÜNFTER TEIL

Der Sensationsprozess

Kapitel 33

Bernhard Bacheran genoss den ersten Sommer des neuen Jahrzehnts. Obwohl, der Wetterbericht vom 8. Juli 1950 verhieß nicht allzu viel: wechselnd bewölkt, etwas gewittrig, am Tage bis 20 Grad, nachts um 15 Grad. Sich da mit Helga im Freien zu vergnügen, war mit der Gefahr verbunden, sich das Nierenbecken oder die Blase zu entzünden – aber wohin sonst, ließ man sie doch weder in der Fuldastraße noch in Karolinenhof mal ein Stündchen allein. Was also unternehmen?

Er saß in seinem Büro und blätterte im Telegraf. Sein Blick hakte automatisch da ein, wo das Wort Neukölln zu lesen war: Gestern Nachmittag musste die Polizei vier Reporter des sowjetdeutschen Berliner Rundfunks in der Hermannstraße in Neukölln in Schutzhaft nehmen, da die Bevölkerung eine drohende Haltung gegen die Rundfunkreporter einnahm, als diese eine Funkreportage über den Wassermangel in Neukölln machen wollten. Was gab es des Weiteren? An der Ecke Berliner- und Uhlandstraße waren zwei kommunistische Agitatoren von den Leuten verprügelt worden. In einer Laubenkolonie in Friedenau war eine neunundvierzigjährige Frau in einer Regentonne ertrunken. Am Bayerischen Platz hatte man stundenlang und leider vergeblich nach der vermissten sechsjährigen Petra Koch gesucht. Am Tegeler Weg war die Richtkrone für das zentrale Landgericht Berlin hochgezogen worden.

Er erinnerte sich an den ständigen Ausruf seiner Großmutter: »Kinder, wie die Zeit vergeht!« Nun war das Jahr 1950 auch schon wieder zur Hälfte vorüber. Und was es nicht alles schon gebracht hatte: Die Arbeitslosenzahl in der Bundesrepublik war mit über zwei Millionen, gleich 13,5 % aller Arbeitsfähigen, auf dem Höchststand angelangt und West-Berlin von der Bundesregierung zum Notstandsgebiet erklärt worden. Die Air France hatte von Tempelhof aus die Linie Berlin–Frankfurt–Paris in Betrieb genommen. Borsig in Tegel, von den Franzosen demontiert, hatte die Produktion wieder aufgenommen. Konrad Adenauer hatte West-Berlin in seiner Eigenschaft als Bundeskanzler Mitte April zum ersten Mal besucht. Am 1. Mai hatte es auf dem Platz der Republik vor dem Reichstag unter dem Motto »Gegen Einheit in Ketten, für Frieden und Freiheit« die bisher größte politische Kundgebung West-Berlins gegeben – und natürlich war Bacheran mit Mutter und Tante dabei gewesen. Ende Mai war dann in Ost-Berlin »mächtig wat los jewesen«: Man hatte das Deutschlandtreffen der FDJ mit 700 000 Teilnehmern inszeniert. Erstmals nach Kriegsende hatte im Olympiastadion wieder ein Endspiel um die Deutsche Fußballmeisterschaft (West) stattgefunden, und vor 100 000 Zuschauern war der VfB Stuttgart mit 2:1 gegen Kickers Offenbach als Sieger vom Platz gegangen. Die Landessender im Westen hatten sich zur ARD zusammengeschlossen. Am Kurfürstendamm war das Maison de France eingeweiht worden und am Wittenbergplatz das KaDeWe wiedereröffnet. Beim Prozess gegen die Gladow-Bande, die 1948/49 mehr als 50 Raubüberfälle verübt hatte, verurteilte ein Schwurgericht in Ost-Berlin drei Männer zum Tode. Die Verhandlung gegen Elisabeth Kusian würde, so hieß es, nicht vor Januar 1951 beginnen.

Die Kusian war aber nicht das beherrschende Thema, als Bernhard und Helga am Sonntag im Angelkahn ihres Vaters auf der Dahme ruderten, das waren die Kartoffelkäfer. In der DDR gab es systematische Suchaktionen, um dadurch den amerikanischen Anschlag auf die Ernährung der Deutschen in der Ostzone zunichte zu machen. An der niedersächsischen Zonengrenze hatten sich größere Gruppen von FDJlern zur Agitation versammelt, um die Bauern im Westen zum Mitmachen zu bewegen.

»Schön, dass sie dich nicht auch zum Sammeln eingesetzt haben«, sagte Bacheran. »Aber so’n süßen kleinen Käfer, wie ich ihn hier vor mir habe, wird sowie keiner finden.«

Helga Leupahn ging auf seinen heiteren Ton nicht ein. »Ich glaub’ schon, dass da was Wahres dran ist. Wer anderen Atombomben auf den Kopf wirft, der wird auch bei Kartoffelkäfern keine Skrupel haben.«

»Ham Sie’s nich ’n bisschen kleiner?«, fragte Bacheran. Wie sollte das nur angehen, sie zu heiraten und mit ihr zusammenzuleben? Höchstens so, wie es ihm sein alter Klassenkamerad Rüdiger empfohlen hatte. Der studierte Soziologie und Ethnologie und hatte ihn auf die Sitten und Bräuche der Dobu verwiesen. Die lebten auf einer der Ostspitze Neuguineas vorgelagerten Insel und galten als gesetzlos, hinterlistig und durch und durch böse. Jeder war bei ihnen jedermanns Feind, und jede Siedlung lebte mit jeder anderen Siedlung ständig im Krieg. Man verwüstete sich gegenseitig die Felder und wandte Zaubermittel, die Krankheit und Tod bringen sollten, gegeneinander an. Um die sozialen und biologischen Schäden der Inzucht auf Dauer zu vermeiden, kam man aber in den von Frauen beherrschten Sippen nicht umhin, sich Ehepartner aus anderen Siedlungen zu holen. Wenn nun der Mann aus der Siedlung A eine Frau aus der Siedlung B heiratete und zu ihr zog, dann fiel er als Arbeitskraft für seine Herkunftsfamilie aus, und die Feinde hatten den Vorteil. Das ging also nicht. Ebenso unmöglich war es, dass die Frau in sein Dorf zog. Was also tun, wollte man in der Zeit überleben? Nun, die Dobu lösten das Problem auf eine wirklich geniale Art und Weise: Von der Hochzeit bis zum Grabe lebte das Paar abwechselnd ein Jahr im Dorfe des Mannes und ein Jahr in dem der Frau. Der jeweils Fremde konnte damit, dem kulturellen Leitsystem entsprechend, immer gehörig geschurigelt werden.

Helga Leupahn war ein wenig skeptisch, als Bacheran ihr dieses Modell vorgetragen hatte. »Wie soll das denn bei uns funktionieren: melderechtlich. Ich kann doch nicht in Neukölln wohnen und gleichzeitig bei der Vopo sein.«

»Siehst du mal, dass uns die Naturmenschen in allem um einiges voraus sind.« Mehr fiel Bacheran auch nicht ein. Es war nun mal die berühmte Quadratur des Kreises. »Ach was, warum sollen wir uns darüber Gedanken machen? Du weißt ja: Die Liebe überwindet alle Grenzen.«

Dann fuhren sie ins Schilf, und da so ein Angelkahn einen ziemlich breiten und vor voyeuristischen Blicken gut geschützten Boden hatte und zudem kentersicher war, konnten sie sich ausgiebig lieben. Es war absurd. Da war er ein absoluter Nazihasser – und liebte dennoch diese eher herben und stählernen Körper, die deren Fotografen und Bildhauer verherrlicht hatten und denen sie, die bekennende Sozialistin beziehungsweise Kommunistin, in so hohem Maße entsprach. Alles an ihr war hartes Fleisch, nur die Innenseite ihrer Schenkel war wie weiches Moos – und erst recht das, in das einzudringen er so süchtig war. Dieser Kontrast machte ihn rasend.

Danach lagen sie auf dem Rücken und sahen wortlos in den märkisch blauen Himmel, über den nur hin und wieder kleine Wolken segelten. Federn, Wattebällchen. Leise gluckste das Wasser. Nur wenn ein Motorboot oder ein Dampfer vorbeigefahren waren, klatschten die Wellen gegen das Holz, und sie schaukelten sanft wie in einer Hängematte.

»Siehst du die Sterne?«, fragte Bacheran.

»Jetzt am helllichten Tag?«

»Auch da sind sie am Himmel, wo sollen sie sonst geblieben sein, man sieht sie nur nicht, weil die Sonne alles überstrahlt.« Er machte eine kleine Pause. »Und was lehrt uns das?«

»Keine Ahnung, sag es …«

»Dass manchmal auch die Sonne – Synonym für das Helle, das Gute, die Lebenskraft – unseren Blick auf anderes verstellen kann. Und ihr habt die Sonne in der FDJ-Fahne …«

Sie schloss die Augen. »Musst du jetzt auch noch politisch werden?«

»Das macht ihr doch auch immer. Und ich denke, du brauchst das.«

»Ich brauche ganz was anderes. Komm …«

Träume wurden also wahr, doch hinterher das Kaffeetrinken bei ihren Eltern … Wie bei den Dobu.

Helgas Vater machte ihn dafür verantwortlich, dass so viele alte Nazis in Schlüsselpositionen der Westzonen eingerückt waren. »Wobei Ihre Juristen-Kollegen die schlimmsten sind. Blutrichter bei den Nazis – und heute fällen sie wieder ihre Urteile im Namen des Volkes. Und die Offiziere der verbrecherischen Hitler-Wehrmacht, wo sind die geblieben? Die sitzen heute in den Vorständen der Konzerne. Adenauer reicht ihnen allen die Hand. Und was tun Sie dagegen, Herr Bacheran? Nichts.«

»Doch, ich bin immerhin in der SPD.«

»Das reicht wohl kaum.«

Bacheran konnte nicht umhin, Herrn Leupahn weithin recht zu geben, denn auch er empfand die Entnazifizierung als Witz. Dennoch. Wer Stalinist war und selber im Glashaus saß, hatte kein recht, mit Steinen zu werfen. »Natürlich wissen wir, dass zu viele der alten Nazis ungeschoren davongekommen sind, und werden dafür sorgen, dass ihre Verbrechen nicht in Vergessenheit geraten. Aber ohne Mehrheiten im Parlament geht es nun mal nicht, diesbezügliche Gesetze zu erlassen. Zum Glück ist die Bundesrepublik keine Diktatur wie …«

»Was ist denn gegen die Diktatur des einzig Vernünftigen, der reinen Vernunft eigentlich einzuwenden?«

»Dass die Konflikte in ihr unterdrückt werden, dass die Oppositionellen verhaftet und in Lager gesteckt werden.« Jetzt redete sich auch Bernhard Bacheran in Rage. »Das ist doch die große Stärke der freien Welt, dass wir unsere Konflikte auf dem freien Markt austragen, das heißt: im Parlament, und keine KPdSU oder SED haben, die sagen: ›Die Partei hat immer recht.‹«

Nun mischte sich auch Helga Leupahns Mutter ein. »Bei Ihnen, Herr Bacheran, hat doch das Parlament auch nichts zu sagen, da wird doch nur das getan, was das Monopolkapital sich wünscht.«

»Immerhin sorgt es für Verhältnisse, die vergleichsweise so paradiesisch sind, dass Woche für Woche Tausende von Flüchtlingen zu uns kommen.«

»Das sind doch alles verblendete Menschen, die ihren Schritt morgen schon bereuen werden.«

So ging es noch eine Weile, und Bacheran bemühte sich schließlich, das Gespräch auf Alltägliches zu bringen. Dass seine Tante so gut Mohnpielen zubereiten konnte. Dass er neulich im Wedding Strohhut-Emil auf seinem Fahrrad gesehen hatte. Dass es jetzt wieder Lakritze zu kaufen gab. Hannelore Leupahn erzählte, dass der Konsum in Schmöckwitz wegen der Versorgung des großen Zeltplatzes zwischen Zeuthener und Krossinsee besonders gut beliefert werde und dass alles viel billiger sei als in West-Berlin.

Gegen Abend wurden die diplomatischen Beziehungen zwischen Bacheran und Herrn Leupahn doch etwas besser, als er sich nämlich anbot, ihm dabei zu helfen, das Dach seines Schuppens zu teeren. »Es läuft immer durch, wenn’s mal stärker regnet.« Bacheran bekam eine alte Trainingshose aus KdF-Zeiten, kletterte die Leiter hinauf und kniete sich oben auf die alte und schon überaus rissige Dachpappe. Neue gab es zwischen Suhl und Rostock keine. Er hätte Leupahn ja gerne zwei, drei Rollen in Neukölln gekauft und mit nach Karolinenhof gebracht, doch der lehnte solche Geschenke aus dem Westen kategorisch ab. Nur zu einem Eimer Teer hatte er sich überreden lassen. »Für Ihre Frau … statt Blumen.« Die schwarze Masse wurde nun auf der Herdplatte erhitzt und zu Bacheran nach oben gereicht, wo er sie mit einem alten Handfeger mühsam verstrich. Es war eine Drecksarbeit, und nach einer Stunde sah er schlimmer aus als ein Kind, das in Matsch und Schlamm gespielt hatte.

»Wie bei den Dobu«, sagte er, als er wieder von der Leiter kletterte, und sah Helga an. »Wann kommst du zu uns in die Fuldastraße, um unseren Keller aufzuräumen und das Gerümpel auf den Müll zu tragen?«

Immerhin, es waren keine neuen Gräben aufgerissen worden, und vielleicht zeigte sich sogar ein leichter Silberstreif am Horizont.

Helga Leupahn brachte ihn zur Haltestelle der 86 an der Vetschauer Allee. Zum Schluss sprachen sie dann doch noch über die Kusian.

»Montag bin ich in Moabit zufällig dem Dr. Weimann über den Weg gelaufen, und da hat er mir gesagt, die Kusian würde ihn anflehen, er möge doch alles tun, damit sie Kurt Muschan sehen könne. ›Nur einmal, dann will ich nichts mehr vom Leben.‹ So wörtlich.«

»Und – will er in dieser Hinsicht was unternehmen?«

»Ja. Er ist ja mit ›der Erforschung der seelischen Tathintergründe‹ beauftragt, wie das so schön heißt, kommt aber damit nicht weiter. Vielleicht erzählt sie mehr von ihren Motiven, so sein Kalkül, wenn sich die beiden noch einmal gesehen haben. Weimann ist also dabei, den Untersuchungsrichter zu überzeugen, den Muschan aber auch. Wenn es klappt, will er mir Bescheid sagen.«

Kapitel 34

Bernhard Bacheran saß in der Straßenbahn und fuhr mit der 44 vom Fehrbelliner Platz nach Moabit. Ihm gegenüber hockte eine dicke Frau auf dem roten Lederpolster und verlangte ihm das letzte ab – an Durchhaltevermögen. Denn sie schwitzte stark und roch dabei nach Kuhstall. Zur besseren Ventilation hatte sie ihr grässlich geblümtes Kleid weit über die Knie geschoben, so dass ihre wabbligen Schenkel sichtbar wurden. Fette Wülste. Zwischen Knie und Wade schnürten ihr die zu engen Gummibänder der Kniestrümpfe die Adern ab. Sehr ästhetisch war das wirklich nicht. Dazu kam, dass sie, heiß und stickig war es in der Bahn, wie ein Bernhardiner hechelte. Ein wenig neidvoll sah Bacheran aus dem Fenster: wie glückliche Männer allein in ihren Autos saßen und den Berliner Sommer genossen. Nun, man konnte nicht alles haben. Er hatte wenigstens seine Helga. Wirklich? Ach.

Er versuchte wieder, sich auf seine Lektüre zu konzentrieren. Vor dem Sturm. Fontanes erster großer Roman, von dessen Existenz er, bis ihn seine Tante aus der VHS Neukölln mitgebracht hatte, nichts gewusst hatte. Das Schicksal einer Adelsfamilie im Oderbruch zur Zeit der Besetzung Preußens durch die Franzosen. Wie Berndt von Vitzewitz auf Hohen-Vietz eine Art Volkssturm aufbaut, um sich gegen Napoleon zu erheben. Wir werden einen frohen, einen heiligen Krieg haben. Bacheran schlug das Buch wieder zu. Das war wohl derzeit doch nicht die richtige Lektüre. Lieber sah er wieder aus dem Fenster. Wie lange mochte es wohl dauern, bis auch die letzte Ruine abgeräumt war, wie lange, bis die Häuserfronten wieder geschlossen waren? Viele Gebäude, so auch die ehemalige Reichsstelle für Getreide und Futtermittel am Fehrbelliner Platz, waren beschädigt und nur noch hohle Baukörper: das Dach weithin zerstört, alle Fenster ohne Glas und Rahmen, die Zwischendecken eingestürzt, Putz und Fassade verrußt. In der Wilmersdorfer Straße hatte sich schon einiges geregt: Auf abgeräumten Ruinengrundstücken waren hölzerne Flachbauten entstanden, in denen wagemutige Geschäftsleute Radios, Textilien und anderes anboten. Das Ganze sah ein wenig nach Jahrmarktsbuden aus, aber auch nach einer Stadt im Wilden Westen. Die Berliner Straße in Charlottenburg hingegen war noch immer das reinste Freilichtmuseum für zerbombte Städte. Kaum ein Haus war stehen geblieben. Nur das hässlichste Gebäude weit und breit, für Bacheran jedenfalls, das Rathaus, war verschont geblieben.

Über das Knie und die March- und Franklinstraße kam er nach Moabit. Obwohl er selber Staatsanwalt war, fast schon jedenfalls, wurde er wie ein potentieller Schwerverbrecher durchsucht, bis er ins Untersuchungsgefängnis eingelassen wurde. Der rührige Obermedizinalrat erwartete ihn schon ungeduldig. Sie begrüßten sich.

»Herzlichen Dank, Herr Weimann, dass Sie mir die Gelegenheit geben dabei zu sein.«

»Gern geschehen. Aber wissen Sie … Ich brauche auch einen Menschen, mit dem ich darüber reden kann, denn irgendwie bleibt mir die Kusian noch immer ein Rätsel.«

Bacheran lächelte. »Das Rätsel ist weniger die Kusian, das Rätsel sind vielmehr all die Millionen Menschen, die vom Schicksal, das heißt von den Nazis und vom Krieg um ihre Jugend, um ihr Leben betrogen worden sind und die daraus dennoch nicht den gleichsam naturrechtlichen Anspruch ableiten, sich nun das holen zu dürfen, was ihnen eigentlich zugestanden hätte – und sei es mit illegalen Mitteln bis hin zum Mord. Warum tun die das, warum gehen die treu und brav ihrer Arbeit nach und lassen sich nichts zuschulden kommen? Weil bei ihnen die Psyche intakt ist, geblieben ist, und weil bei ihnen das zu stark ausgeprägt ist, was Sigmund Freud das Überich nennt: Du sollst nicht töten.«

»Schön, aber die Kusian war ja Engel und Teufel in einer Person.«

»Man liest ja auch von KZ-Leitern, die Tausende von Menschen auf dem Gewissen haben und zu Hause die zärtlichsten Väter waren. In der menschlichen Natur ist alles angelegt. Wir alle sind potentielle Mörder.«

Dr. Weimann seufzte. »Wenn man mir für mein Gutachten nur zehn Jahre Zeit ließe … bis die Psychologie und Psychiatrie mehr über die menschliche Seele herausgefunden haben.«

»Woran ich meine Zweifel habe, dass sie das haben werden.« Bacheran kramte in seinen Taschen. Letzten Monat hatte er Fontanes Schach von Wuthenow gelesen und sich auf einem abgerissenen Zeitungsrand eine Sentenz herausgeschrieben.

»Warten Sie … Hier …« Schließlich hatte er das Gesuchte gefunden »… wie lösen sich die Rätsel? Nie. Ein Rest von Dunklem und Unaufgeklärtem bleibt, und in die letzten und geheimsten Triebfedern andrer oder auch nur unsrer eignen Handlungsweise hineinzublicken, ist uns versagt.”

»Versuchen müssen wir es dennoch …«

Damit führte ihn Dr. Weimann zu einer etwas größeren Zelle, die als Konferenzraum diente. Die Kusian sprang auf, als der Schließer die Tür geöffnet hatte und sie eintreten konnten.

»Ich bin Ihnen ja so von Herzen dankbar, Herr Obermedizinalrat.« Sie drückte Dr. Weimann lange die Hand.

»Wird denn mein Kurt auch wirklich kommen?«

»Er hat es mir fest zugesichert. Aber setzen wir uns erst einmal.«

Am Tisch gab es nur drei Stühle, so dass sich Bacheran ans Fenster zurückziehen musste, wo ein Hocker stand. Es war ihm sehr recht.

»Wie geht es Ihnen sonst so, Frau Kusian?«

»Ein solches Schicksal habe ich nun wirklich nicht verdient, aber noch ist ja nicht aller Tage Abend.«

Als Dr. Weimann nachhaken wollte, stand Kurt Muschan in der Tür. Verlegen, schuldbewusst, unschlüssig. Fast stieß ihn der Vollzugsbeamte in den Raum. Mit einem wilden Aufschrei stürzte die Kusian auf ihn zu und bedeckte sein Gesicht mit ihren Küssen. Auch seine Hände küsste sie. Wie beim Geschlechtsakt stammelte sie alle Kosenamen, die sie ihm gegeben hatte. »Mein Bub! Mein Kurti! Mein Kurtispatz! Mein wilder Hengst!«

Der Kriminalsekretär war völlig versteinert und zu keiner Regung fähig. Sein Gesicht sah so aus, als hätte der Zahnarzt gerade den Bohrer angesetzt. Alles schien ihn gewaltig zu schmerzen. Die Gefühlsstürme seiner Lisbeth waren nur noch peinlich für ihn. Er ließ sie über sich ergehen. Da war kein Funke Mitleid und Mitgefühl in ihm. Bacheran empfand ihn in diesem Augenblick als ziemlich widerwärtig. Von Schuld war hier nicht zu sprechen, aber irgendwie hatte er ja doch Anteil daran, dass die Kusian zur Mörderin geworden war. Hätte er sich von seiner Frau getrennt und wäre zu ihr gezogen, dann lebten Seidelmann und die Merten noch. Nein, es war ihm nicht vorzuwerfen, dass er es nicht getan hatte, aber dennoch … Ohne ihn als Katalysator hätte es die beiden Morde nicht gegeben. Natürlich konnte er nichts dafür, aber es hätte ihn doch irgendwie belasten müssen. Bacheran stellte sich vor, wie es sein würde, wenn er erfuhr, dass Helga Leupahn einen Mord begangen hatte. Würde er dann rufen: »Geh mir aus den Augen!« oder würde er tröstend seinen Arm um ihre Schultern legen und sagen: »Komm, lass es uns gemeinsam durchstehen«? Konnte man das von einem normalen Menschen erwarten – zumal wenn er dadurch seine Karriere aufs Spiel setzte? Ja. Nein. Nicht jeder war ein Übermensch.

Die Kusian ließ nach ihrer gewaltigen Aufwallung nun von Muschan ab, und ihre Tränen versiegten. Locker und entspannt, ganz wie ein junges Mädchen erzählte sie dem Geliebten von ihrem Leben. So, als sei dies hier ihre erste Begegnung.

»Ach, weißt du, Bub, die Elisabeth Kusian in Thüringen, auf dem Lande, die Elisabeth Kusian hatte immer nur einen großen Traum: raus aus dem Kuhstall und eine schöne Wohnung haben, weit weg in der Stadt, eine Villa, zu den höheren Ständen gehören, einen Mann haben, von dem sie geliebt wird und den sie liebt. Und viele glückliche Kinder … Ach ja, Elisabeth …«

Wie von einer fremden Frau sprach sie über sich, als sei diese Elisabeth Kusian nicht sie, sondern eine ganz andere. Erst als sie von ihrer Ehe berichtete, war sie nicht mehr so auffallend fröhlich, da wurde ihr Gesicht hart und ihre Stimme rau. Ein einziges Martyrium, keine Farbe war düster genug, es auszumalen.

»Schon auf dem Weg zum Standesamt habe ich mir gesagt: Mit diesem Mann sollst du nun ein Leben lang zusammen sein … Das ist das Schlimmste in einer Ehe, wenn man schlecht darin wird statt gut. Kurt, sag deiner Frau, sie kann glücklich sein, dass sie dich hat …«

Nun erfasste es auch Muschan, und er hatte Mühe, seine Tränen zurückzuhalten. Bacheran dachte es mit einem weiteren Romantitel Theodor Fontanes: Unwiederbringlich. Für die Kusian war unwiederbringlich alles dahin, ein zweites Leben gab es nicht. Seine innere Kontrollinstanz mahnte ihn, nicht rührselig zu werden: Das gibt es auch für ihre Opfer nicht. Ihre unschuldigen Opfer. Er richtete seine Blicke zum Himmel hinauf: Herr, wenn du die Menschen wirklich lieben würdest, dann gäbest du ihnen die Chance, das Rad ihres Lebens ein Stückchen zurückzudrehen und von einer bestimmten Stelle an noch einmal von vorn zu beginnen und alles anders zu machen, besser.

»Wir sollten langsam zum Schluss kommen«, sagte Dr. Weimann.

Kurt Muschan erhob sich als Erster, froh darüber, dem entronnen zu sein, was für ihn die Hölle sein musste, und machte rückwärts ein paar Schritte zur Tür hin, unsicher, ob und wie er sich von seiner früheren Geliebten verabschieden sollte.

»Ja, dann …«

Da stand auch die Kusian auf, ging auf ihn zu, legte ihm die Hände auf die Schultern und blickte ihm tief und starr in die Augen. »Bub, sieh mich an! Du kennst mich doch. Denk an all das, was du mit mir erlebt hast … Kannst du dann noch glauben, dass ich diese Taten wirklich begangen habe? Kannst du mich überhaupt für fähig halten, solche entsetzlichen Dinge zu tun?«

»Nein. Aber lass mich, Lisbeth, bitte!« Er riss sich los von ihr, das heißt, er drehte sich weg von ihr, tauchte unter ihren ausgestreckten Armen hinweg, nahm denen ihren Halt, so dass die Kusian dastand wie bei einer gymnastischen Übung. Dann wollte er die Tür aufreißen, doch die war nur von außen zu öffnen. Er hämmerte dagegen und schrie, dass man ihn rauslassen sollte. Als aufgeschlossen wurde, sprang er auf den Flur hinaus, als wäre das ein Bahnsteig. Nur abspringen, bevor der Zug Fahrt gewann. Schluss, aus, alles vergessen.

Die Zurückgebliebenen schwiegen. Alle hatte diese Szene mitgenommen, nicht nur die Kusian.

Eine Minute mochte vergangen sein, bis Dr. Weimann die ersten Worte fand. »Sagen Sie, Frau Kusian, war das eben etwa Ihr Ernst?«

Kalt musterte sie ihn. »Glauben Sie vielleicht, ich sage so etwas zum Spaß?« Dr. Weimann hatte Mühe, die Tragweite dieses Satzes richtig zu erfassen. »Soll das bedeuten, dass Ihre Geständnisse, dass alles, was Sie mir in unseren vielen Gesprächen erzählt haben, plötzlich nicht mehr wahr ist?«

»Ich habe nie ein Geständnis abgelegt.«

Auch Bacheran traute seinen Ohren nicht. Er selbst war doch dabei gewesen, als die Kusian ihre Taten in allen Einzelheiten geschildert hatte.

Dr. Weimann suchte die Contenance zu wahren. »Und wer soll es in Wirklichkeit gewesen sein?«

»Ach, lassen Sie mich doch in Frieden. Haben Sie denn nicht schon genug in meiner Seele herumgewühlt? Ich will zurück in meine Zelle.«

Dr. Weimann und Bacheran blieben ratlos zurück und beschlossen, gemeinsam essen zu gehen und alles noch einmal in Ruhe zu besprechen. In der Turmstraße fanden sie nach längerer Suche ein annehmbares Esslokal. Bacheran bestellte sich eine Rindsroulade, Dr. Weimann ein Wiener Schnitzel. Man hatte das Gefühl, sich etwas Gutes tun zu müssen.

»Wenn Sie wirklich alles widerrufen sollte, dann freue ich mich schon jetzt auf den Prozess im nächsten Jahr«, sagte Bacheran.

»Ach, abwarten. Das hat sie vorhin nur getan, um zu verhindern, dass Muschan ihr völlig fremd wird – oder sie ihm noch unheimlicher. Daher wollte sie in ihm den Glauben an ihre Unschuld wecken oder wenigstens den Zweifel an ihrer alleinigen Schuld.«

Bacheran blieb skeptisch. »Wie hat mein Großvater immer gesagt: ›Da ist nichts mehr zu löten an der Holzkiste.‹ Um bei der Kiste zu bleiben: Die ist doch rettungslos verfahren. Auch wenn sie dreist freigesprochen würde: Sie kann doch nicht etwa annehmen, dass Muschan nun seine Frau und seine Familie verlässt, um mit ihr ein neues Leben zu beginnen.«

»Wer weiß, was Frauen im Frühling alles träumen«, erwiderte Dr. Weimann in Anspielung an einen bekannten Schlager. »Aber wahrscheinlich hat sie aus einem ganz anderen Grund so reagiert. Sie hatte ja immer noch gehofft, dass ich ihr verminderte Zurechnungsfähigkeit wegen Morphiummissbrauchs bescheinigen würde – habe ich aber nicht und werde ich auch nicht. Also braucht sie zu ihrer Entlastung etwas anderes: den geheimnisvollen Unbekannten als wirklichen Täter. Aber das kann auch auf ihren wackeren Verteidiger zurückzuführen sein … Seit einigen Tagen hat sie ja einen.

Und wissen Sie, wer das ist?«

»Nein, woher …«

»Mein jüngerer Bruder, der Herr Dr. Arno Weimann. Und dieses Schlitzohr wird ihr nahegelegt haben, die abrupte Wendung mir gegenüber noch zu vollziehen, bevor mein schriftliches Gutachten abgeschlossen ist. Aber damit sind wohl beide auf dem Holzweg.«

»Wie gesagt: Ich bin gespannt auf den Prozess.«

Bis dahin sollte noch ein halbes Jahr vergehen, und als Bacheran den Gerichtsmediziner im November 1950 zufällig im Renaissance-Theater traf, berichtete der ihm, dass er noch mehrere Male mit der Kusian gesprochen hatte.

»›Sie haben mich zum Popanz einer psychiatrischen Studie gemacht‹, hat sie mir dabei erklärt. Und immer wieder lässt sie durchblicken, dass sie nicht die Mörderin ist. ›Ich erwarte noch viel vom Leben‹, hat sie beim letzten Besuch betont.

›Wenn ich die Wahrheit sage, Doktor Weimann, dann wandert ein anderer lebenslänglich ins Zuchthaus. Ich aber werde nach zwei Jahren herauskommen und ein neues Leben beginnen …‹ Und ich ahne auch bereits, wer dieser geheimnisvolle andere ist …«

Kapitel 35

Bernhard Bacheran konnte es nicht fassen, als er am Sonntagmorgen das Blatt vom Kalender riss: Man schrieb schon den 14. Januar 1951. Das alte Jahr war durchwachsen zu Ende gegangen. Walter Ulbricht war zum Generalsekretär des ZK der SED gewählt worden. Die DDR-Behörden hatten mit der Sprengung des Berliner Schlosses begonnen – für Bacheran ein unfassbarer Akt von Geschichtsvernichtung. Der Flüchtlingsstrom aus dem Osten war weiter angestiegen – 1950 waren rund 60 000 Einwohner der DDR nach West-Berlin gekommen. Sämtliche Lager waren überfüllt. Vom Turm des Schöneberger Rathauses läutete jetzt die Freiheitsglocke. Im Oktober hatte Bundespräsident Theodor Heuss die Deutsche Industrieausstellung in den Messehallen am Funkturm eröffnet. Bacheran mochte den Mann nicht besonders, hatte er doch Hitlers Ermächtigungsgesetzen zugestimmt und sich damit als dessen Steigbügelhalter betätigt. In diesem Punkt war Helga Leupahn schon recht zu geben. Am 22. November hatte die deutsche Fußball-Nationalmannschaft im ersten Länderspiel nach dem Krieg die Schweiz mit 1:0 geschlagen.

»Ob es ein Leben nach dem Tod gibt, weiß man nicht«, sagte Bacheran, als er mit Mutter und Tante am Frühstückstisch saß, »aber nach dem Krieg gibt es sehr wohl eins.«

»Das wird alle die freuen, die jetzt in Korea kämpfen«, warf seine Tante ein.

»… und sterben«, fügte er hinzu.

»Für uns!« Seine Mutter blitzte ihn an. »Für die Freiheit und gegen die Weltherrschaft des Kommunismus.«

»Na, bevor wir hier in Berlin den Dritten Weltkrieg haben, dann doch eher: Lieber rot als tot.”

Seine Mutter wurde immer gereizter. »Das ist wohl der Einfluss von Fräulein Leupahn.«

»Besser Einfluss als Ausfluss«, brummte Bacheran, um dann doch ernsthaft zu werden. »Sosehr ich Ulbricht verabscheue, aber drüben ist auch nicht alles schlecht, und die marxistische Kritik am kapitalistischen System ist für mich weithin richtig.«

»Dann geh doch rüber!«

Bacheran lachte. »Nur, wenn ihr mitkommt. Ohne euch wäre ich doch völlig hilflos.«

Seine Tante suchte zu vermitteln. »Nun kabbelt euch doch nicht schon wieder. Friede auf Erden! Bist du heute Abend zu Hause, Bernie? Wir sollten mal wieder so richtig Rommé spielen, meinetwegen auch Skat …«

»Tut mir leid, ich will mit Helga ins Kino.« In diesem Augenblick wurde an der Wohnungstür geklingelt. Er fuhr zusammen. Sonntagvormittag 10 Uhr 30. »Wer kann ’n das sein?«

Seine Mutter warf ihre Serviette auf den Tisch. »Gott, das habe ich ja vollkommen vergessen: Das wird Fräulein Ritter sein. Mit der wollte ich ja die Klassenreise der 10a und anderes besprechen …« Sie eilte auf den Korridor hinaus.

»Deine Schwester ist eine verdammte Lügnerin«, sagte Bacheran zu seiner Tante, ohne es indes so krass zu meinen, wie es klang. »Denkst du denn, ich durchschaue das nicht: dass sie die Ritter nur einlädt, damit ich Feuer fange und Helga sausen lasse?«

Erna Nostiz wollte abwiegeln. »Sie meint es doch nur gut mit dir. Für sie ist deine Helga ein – bitte verzeih mir den Ausdruck – kommunistisches Flintenweib, das dich ins Elend stürzen wird.«

»Vielleicht liebe ich kommunistische Flintenweiber«, sagte Bacheran, und darin steckte wohl wirklich das berühmte Körnchen Wahrheit, denn nie war er stärker erregt, als wenn Helga Stiefel trug und wie eine strenge Kommissarin wirkte. Wahrscheinlich brauchte er dies als Kontrast zu seiner fraulich fülligen bis schwabbligen Mutter. So weit er in Freuds Schriften geblättert und gelesen hatte, geschah dies wohl zur Abwehr inzestiöser Tendenzen.

Rosemarie Ritter war 26 Jahre alt und zu Beginn des Schuljahres als Referendarin an die Schule seiner Mutter gekommen. Ihre Fächer waren Deutsch und Latein, für Bacheran eine schreckliche Mischung, denn er hasste Aufsätze, die nach dem Muster »Was hat sich der Dichter dabei gedacht« zu schreiben waren, und das Lernen von Lateinvokabeln war die reinste Folter für ihn gewesen. Heute bedauerte er das, denn als Jurist brauchte man, wollte man glänzen, schon gute Lateinkenntnisse, und Latein sollte auch gut sein fürs logische Denken.

Die junge Lehrerin kam herein. Man gab sich die Hand. Er spürte, wie nervös sie war. Wer fünfmal die Woche vor einer Horde losgelassener Sekundaner stand, der musste schon recht hartgesotten sein, und dennoch … Wie die Röte in Wellen von ihren Ohrläppchen über die Wangen zum Hals zog, das ließ in ihm einen ganz bestimmten Verdacht aufkommen: Gott, die ist verliebt in mich. Bis über beide Ohren. Vielleicht hatte er seiner Mutter unrecht getan, und die Initiative zu diesem Frühstück zu viert war nicht von ihr ausgegangen, sondern von Fräulein Ritter. Rosemarie. Sie setzte sich und wandte sich seiner Mutter zu. Ostentativ und ausschließlich. Wenn das kein Indiz war, dass sie nur seinetwegen hier war. Er hatte Zeit, sie zu mustern. An sich war sie gar nicht so übel. Als Lehrerin hatte sie dieselbe herbe, strenge, ein wenig maskuline Art, die ihm auch bei Helga Leupahn so gefiel. Und ihre Figur … Auch da konnte er sich vorstellen, dass es durchaus lustvoll mit ihr sein konnte. Und sie hatte Helga gegenüber den unschätzbaren Vorteil, aus dem Westen zu sein. Da brauchte er keine Angst zu haben, das Schicksal eines Dobu-Mannes teilen zu müssen. Abgesehen davon, dass es seiner Karriere nur förderlich sein konnte, wenn seine Frau in West-Berlin Beamtin war. Und so attraktiv und gebildet wie sie war, klug und wortgewandt, da konnte er sich auf jeder Party mit ihr sehen lassen und Furore machen. Im Gegensatz zu Helga, der man immer ansah, dass sie die Unternehmer, Richter, Anwälte und Politiker aus dem Westen am liebsten alle eingesperrt hätte.

Als Bacheran das alles gedacht hatte, stand er auf, um auf den Flur zu stürzen. Der Ekel hatte ihn gepackt, der Ekel vor sich selbst. »Mein Gott, was bin ich für ein Schwein.« Und schnell hatte er seinen Mantel von der Garderobe gerissen und sich Schal, Hut und Handschuhe zusammengesucht.

»Einen schönen Tag noch die Damen!«, rief er ins Wohnzimmer. »Ich fahre jetzt nach Karolinenhof raus, um Helga abzuholen.«

Er kam erst wieder so richtig zu sich, als er in der S-Bahn saß. Sehr erleichtert darüber, sich anständig verhalten zu haben. So wie es sein Onkel Waldemar immer von ihm verlangte: »Bleib sauber, Junge.« Aber irgendwie war er doch nicht restlos glücklich. Diese Rosemarie steckte wie ein Geschoss in seinem Körper. Er konnte nicht anders, als es mit diesem Bild zu denken. Vor ihr zu fliehen, reichte nicht, das Geschoss musste richtiggehend herausoperiert werden. Aber wie? Indem er Helga Leupahn heiratete … Der Gedanke ließ ihn hochfahren. Mein Gott, nein! Es war unvorstellbar. Was dann? Er wusste keine Antwort. Rechts von ihm lag das weite Areal des Friedhofs Baumschulenweg. Keine schlechte Alternative, dort zu liegen und seine Ruhe zu haben. Für immer und ewig.

Am Bahnhof Grünau, als es in die 86 umzusteigen galt, zögerte er. War es Helga wirklich recht, wenn er so unerwartet auftauchte? Nein, sicher nicht, schon ihrer Eltern wegen. Und vielleicht war sie nicht allein, sondern hatte Besuch, lag mit einem linientreuen Polizeioberrat im Bett und gab sich hin. Die Vorstellung erregte ihn. Nicht nur wegen ihrer voyeuristischen Elemente, sondern auch, weil sie schicksalsträchtig war: Erwischte er Helga in flagranti, wäre sie schuld an ihrer Trennung gewesen und er hätte kein schlechtes Gewissen haben müssen, wäre sauber geblieben, wenn er sich Rosemarie zugewendet hätte.