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Tracy Chevalier

Die englische Freundin

ROMAN

Aus dem Englischen von
Anne Rademacher

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Die Originalausgabe erschien 2013 unter dem Titel
»The Last Runaway« bei HarperCollins Publishers, London.

1. Auflage

Copyright © der Originalausgabe

2013 by Tracy Chevalier

Copyright © der deutschsprachigen Ausgabe 2013

beim Albrecht Knaus Verlag, München,

in der Verlagsgruppe Random House GmbH

Umschlaggestaltung: www.bürosüd.de

Satz: Uhl + Massopust, Aalen

ISBN: 978-3-641-12782-4
V002

www.knaus-verlag.de

Dieses Buch ist dem Catoctin Quaker Camp
und dem Oberlin College gewidmet:
zwei Orte, die meine Kindheit prägten und mich leiteten.

Horizont

Es gab kein Zurück. Als Honor Bright ihrer Familie aus heiterem Himmel verkündete, dass sie ihre Schwester Grace nach Amerika begleiten werde, als sie ihre Habseligkeiten ordnete, nur das Nötigste behielt und alle Quilts weggab, als sie sich von Onkeln und Tanten verabschiedete, Vettern, Basen, Nichten und Neffen ein letztes Mal küsste, als sie in der Kutsche aus Bridport hinausfuhr und in Bristol Arm in Arm mit Grace über die Gangway schritt, hatte sie stets den einen Gedanken im Hinterkopf: Ich kann jederzeit zurück. Doch die unausgesprochenen Worte waren bereits von der Ahnung erfüllt gewesen, dass sich ihr Leben unwiederbringlich ändern würde, sobald ihre Füße nicht mehr auf englischem Boden standen.

Ich kann jederzeit zurück. Immerhin hatte der Satz Honors Vorbereitungen in den Wochen vor der Abreise den Stachel des Endgültigen genommen wie die heimlich hinzugefügte Prise Zucker einer Soße die Schärfe. Als sie ihrer Freundin Biddy den gerade fertiggestellten Quilt überreichte, war Honor deshalb ganz ruhig geblieben und hatte nicht wie Biddy in Tränen ausbrechen müssen. Ihr jüngstes Werk war ein Patchwork, ein achtzackiger »Stern von Bethlehem« aus braunen, gelben und cremefarbenen Rauten. Die Oberseite hatte Honor im Harfenmuster gequiltet und den Rand mit der Federbordüre, für die sie berühmt war. Die Gemeinde hatte ihr jedoch zum Abschied einen Signaturquilt geschenkt, in dem jeder Block von einer anderen Freundin oder Verwandten angefertigt und signiert worden war, und zwei Quilts passten nicht in Honors Reisetruhe. Der Signaturquilt hatte zwar nicht die Qualität ihrer eigenen Arbeiten, aber sie musste natürlich ihn mitnehmen. »Bei dir ist er in guten Händen, außerdem wird er dich an mich erinnern«, beharrte Honor, als ihr die schluchzende Freundin den »Stern von Bethlehem« zurückgeben wollte. »Ich werde in Ohio noch viele Quilts nähen.«

Wenn Honor an die Zukunft dachte, übersprang sie am liebsten die vor ihr liegende Reise und konzentrierte sich ganz auf deren Ziel, das Holzhaus, das ihr zukünftiger Schwager in seinen Briefen aus Ohio beschrieben hatte. »Es ist ein stabiles Haus, wenn es auch nicht aus Stein gebaut ist wie die Häuser, die du gewohnt bist«, hatte Adam Cox an Grace geschrieben. »Hier bei uns sind fast alle Häuser aus Holz. Nur wenn eine Familie sich endgültig niederlässt und nicht mehr damit rechnet, noch einmal umzuziehen, baut sie sich ein Haus aus Backstein.

Unser Haus liegt am Ende der Hauptstraße am Rand der Stadt«, hatte er weiter ausgeführt. »Faithwell ist zwar noch klein, es besteht derzeit aus fünfzehn Freundesfamilien, doch mit Gottes Gnade wird es wachsen. Der Laden meines Bruders befindet sich in Oberlin, einer drei Meilen entfernten größeren Stadt. Sobald Faithwell groß genug für einen Tuchladen ist, wollen mein Bruder und ich mit dem Geschäft umziehen. Bei uns nennt man die Tuchläden übrigens Kurzwarengeschäfte. In Amerika wirst du noch viele neue Worte lernen.«

Honor konnte sich nicht vorstellen, in einem Haus aus Holz zu leben. Holz war ein Material, das leicht Feuer fing, sich dauernd verzog und knarzte und stöhnte, außerdem hatte es nicht die Beständigkeit von Ziegel oder Stein. Doch die Aussicht, in einem instabilen Holzhaus zu wohnen, war nicht Honors größte Sorge. Immer wieder wanderten ihre Gedanken zu der bevorstehenden Reise auf der Adventurer, dem Schiff, das sie über den Atlantik bringen sollte. Schiffe waren Honor vertraut, schließlich lebte sie in einer Hafenstadt und hatte ihren Vater schon öfter begleitet, wenn eine Ladung Hanf gelöscht wurde. Einmal war sie sogar mit an Bord gegangen und hatte den Matrosen dabei zugesehen, wie sie die Segel bargen, Leinen aufschossen und die Decks scheuerten. Mitgesegelt war sie auf einem großen Schiff jedoch noch nie. Als sie zehn war, hatte ihr Vater die Familie einmal zu einem Ausflug ins nahegelegene Eype eingeladen, wo Honor, Grace und die Brüder in einem Ruderboot aufs Meer hinausgefahren waren. Grace hatte es wunderbar gefunden. Laut kreischend und lachend gab sie vor, jeden Moment ins Wasser zu fallen, als die Brüder sich in die Ruder legten, doch Honor hatte sich panisch an den Bootswänden festgeklammert. Das Schaukeln des Boots machte ihr Angst, außerdem hasste sie das ungewohnte und unangenehme Gefühl, keinen festen Boden unter den Füßen zu haben. Trotzdem hatte sie versucht, sich nichts anmerken zu lassen, und den Blick fest auf ihre Mutter gerichtet, die in ihrem dunklen Kleid und mit der weißen Haube am Strand auf und ab ging und darauf wartete, dass die Kinder unversehrt zurückkehrten. Seit diesem Erlebnis hatte Honor es vermieden, noch einmal in ein Boot zu steigen.

Sie hatte Geschichten von fürchterlichen Überfahrten gehört, doch mit der unerschütterlichen Gleichmut, die sie allen Widrigkeiten des Lebens entgegenbrachte, hoffte sie auch diese Prüfung zu bestehen. Seetauglich war Honor allerdings nicht, was ihr die Matrosen gleich auf den Kopf zusagten. Eigentlich hätte es ihr schon nach dem Ausflug mit dem Ruderboot klar sein müssen. Als die Adventurer aus Bristol auslief, stand Honor mit Grace und den anderen Passagieren an Deck und blickte auf die immer länger werdende Küste von Somerset und Norddevon zurück. Die anderen machten Witze über den ungewohnt schwankenden Boden unter ihren Füßen, doch Honor wurde immer unruhiger. Ihre Schultern verspannten sich, und ihr Gesichtsausdruck wurde mit jedem Schaukeln des Schiffes verschlossener. Etwas lag ihr schwer im Magen, als hätte sie ein eisernes Pfundgewicht verschluckt. Sie hielt durch, solange sie konnte, doch als die Adventurer an der Insel Lundy vorbeisegelte, krampfte sich Honors Magen zusammen, und sie übergab sich aufs Deck. »Jetzt schon seekrank, dabei sind wir kaum aus dem Kanal von Bristol heraus!«, lachte ein vorbeigehender Matrose. »Warten Sie nur, bis wir auf hoher See sind, dann wissen Sie, was Übelkeit ist.«

Honor erbrach sich auf Graces Schulter, auf die Bettdecke, auf den Boden der winzigen Kabine und in die dafür vorgesehene Emailleschale. Selbst als nichts mehr in ihrem Magen sein konnte, musste sie weiterspeien, als sei ihr Körper eine Zaubertruhe, aus der man endlos etwas hervorholen konnte. Nach den Brechanfällen fühlte sie sich keinen Deut besser. Als sie den Atlantik erreichten und das Schiff mit langen Rollbewegungen die Wellenberge auf und ab fuhr, wurde es noch schlimmer, allerdings wurden jetzt auch Grace und viele andere Passagiere seekrank. Die meisten gewöhnten sich jedoch schnell an den neuen Rhythmus des Schiffes, nur Honor nicht: Ihr war während der ganzen einmonatigen Schiffsreise pausenlos übel.

Wenn sie nicht selbst seekrank war, kümmerte Grace sich um Honor. Sie wusch ihre Laken aus, leerte die Spuckschale, brachte der Schwester Brühe und harten Schiffszwieback und las ihr aus der Bibel vor oder aus einem der wenigen Bücher, die sie mitgenommen hatten: Mansfield Park, Der Raritätenladen und Leben und Abenteuer des Martin Chuszlewit. Um Honor von den Qualen der Gegenwart abzulenken, plauderte Grace über die gemeinsame Zukunft in Amerika. »Was würdest du lieber sehen, einen Bären oder einen Wolf?«, fragte sie die Schwester, um sich die Frage gleich selbst zu beantworten. »Ich meine, einen Bären, denn Wölfe sind doch nichts anderes als zu groß geratene Hunde, aber ein Bär ist einfach ein Bär. Und womit würdest du in Amerika lieber reisen? Einem Dampfschiff oder einem Zug?«

Bei dem Gedanken an eine weitere Schiffsreise stöhnte Honor auf. »Einverstanden, mit dem Zug«, sagte Grace schnell. »Ich wünschte, es gäbe einen Zug, mit dem wir von New York bis Ohio fahren könnten. Eines Tages wird es möglich sein. Ach, Honor, stell dir nur vor: Bald werden wir in New York sein.«

Honor schnitt eine Grimasse. Wie gern hätte sie die Begeisterung ihrer Schwester geteilt und die Reise als großes Abenteuer betrachtet. Grace war schon immer die Unternehmungslustigste der Brights gewesen und hatte ihren Vater gern auf seinen Reisen nach Bristol, Portsmouth oder London begleitet. Sie hatte sogar eingewilligt, einen langweiligen, um einige Jahre älteren Mann zu heiraten, nur weil der ihr ein Leben fern von Bridport bieten konnte. Grace kannte die Familie Cox mit ihren fünf Söhnen, seit sie vor mehreren Jahren aus Exeter nach Bridport gezogen waren, um einen Tuchladen zu eröffnen. Doch für Adam hatte sie sich erst interessiert, als dieser beschloss, nach Ohio auszuwandern. Einer seiner Brüder, Matthew, lebte bereits dort, da es jedoch um seine Gesundheit nicht gut bestellt war, hatte Matthews Frau in einem Brief um Unterstützung durch einen der Brüder gebeten. Seit Adam in Amerika lebte und im Geschäft seines Bruders mitarbeitete, schrieben er und Grace sich regelmäßig. Schließlich hatte sie ihn mit geschickten Anspielungen so weit gebracht, dass er sie fragte, ob sie seine Frau werden und zu ihm nach Ohio kommen wolle, wo sie zusammen mit Matthew und Abigail das Geschäft betreiben würden.

Die Brights hatten sich über die Wahl ihrer Tochter gewundert, und auch Honor hatte damit gerechnet, dass ihre Schwester einen lebhafteren Mann heiraten würde. Doch Grace war so begeistert von der Aussicht, in Amerika zu leben, dass sie die Reserviertheit ihres zukünftigen Ehemanns dafür gern in Kauf nahm.

Grace hatte eine Engelsgeduld und vielleicht auch ein schlechtes Gewissen, weil sie die Schwester wochenlanger Seekrankheit ausgesetzt hatte, aber als es Honor gar nicht besser gehen wollte, wurde es selbst ihr zu viel. Da Honor ohnehin nichts länger als ein paar Minuten bei sich behielt, hörte Grace nach ein paar Tagen auf, sie zum Essen zu ermuntern. Immer öfter ließ sie die Schwester in der Kabine allein, um übers Deck zu schlendern oder sich zu den anderen Frauen an Bord zu setzen, die gemeinsam nähten und plauderten.

Einmal versuchte Honor, Grace zu einer Andacht zu begleiten, die einige Quäker-Freunde unter den Mitreisenden organisiert hatten. Doch als sie mit ihnen in der Stille einer engen Kabine saß, konnte sie ihre Gedanken nicht loslassen und innerlich leer werden, weil sie befürchtete, damit auch den letzten Rest an Selbstkontrolle zu verlieren und sich vor den anderen übergeben zu müssen. Schon bald zwangen das Schaukeln des Schiffs und der Aufruhr in ihrem Magen sie, die Kabine wieder zu verlassen.

Wenn Honor während der zermürbenden Reise von Bristol nach New York zusammengerollt wie eine Garnele in ihrer engen Koje lag oder sich in Brechkrämpfen über dem Nachttopf krümmte, sah sie manchmal ihre Mutter vor sich, wie sie auf dem Kiesstrand von Eype wartete. Dann fragte sie sich, warum sie die Sicherheit ihres Elternhauses jemals verlassen hatte.

Die Antwort kannte sie jedoch nur zu gut: Grace hatte Honor angeboten, mit ihr nach Amerika zu kommen, weil sie hoffte, ein neues Leben könne das Herzeleid ihrer Schwester lindern. Honor war sitzen gelassen worden, und die Aussicht, weiter in einer Gemeinde zu leben, in der sie nur noch mitleidige Blicke trafen, hatte ihr den Mut gegeben, das Angebot der Schwester anzunehmen, obwohl sie bei Weitem nicht so abenteuerlustig wie diese war. Eigentlich war sie in Bridport immer glücklich und zufrieden gewesen und hatte es nie verlassen wollen, doch nachdem Samuel die Verlobung aufgelöst hatte, ging es ihr wie Grace: Sie konnte gar nicht schnell genug wegkommen.

Mittlerweile hing in allen ihren Kleidern ein säuerlicher Fleischgeruch, den keine Wäsche mehr herausbekam. Da sie die Mischung aus Ekel und Mitleid in den Gesichtern der anderen Passagiere nicht ertrug, ging Honor ihnen und mit der Zeit sogar ihrer Schwester aus dem Weg. Auf der Leeseite des Decks suchte sie sich einen Platz zwischen zwei Fässern, an dem sie vor den Blicken arbeitender Matrosen und neugieriger Mitreisender geschützt war und jederzeit unbemerkt zur nahegelegenen Reling rennen konnte, um sich ins Wasser zu übergeben. Selbst bei Regen und Kälte zog Honor ihr Versteck oben auf dem Deck der winzigen Kabine mit der harten Koje und den übel riechenden Decken vor. Dabei war ihr der herrliche Ausblick auf den weiten Himmel und den unendlichen Ozean – ein Panorama, wie es in keinem größeren Kontrast zu den grünen Hecken und Hügeln von Dorset hätte stehen können – völlig egal. Mochten andere über Sturmwolken und Regenbögen, die im Sonnenlicht silbrig glitzernde See, sich im Wasser tummelnde Delphine oder die Rückenflosse eines Wals in Verzückung geraten, bei Honor erstickte der Stumpfsinn der Seekrankheit jede Verzauberung im Keim.

Wenn sie nicht gerade über der Reling hing, versuchte Honor, sich mit der Arbeit an einem Patchwork von ihrem krampfenden Magen abzulenken. Ihre Mutter hatte ihr für die Reise viele kleine gelbe und cremefarbene Stoffsechsecke und Papierschablonen ausgeschnitten, die Honor zu Rosetten zusammennähen wollte. Sie hatte gehofft, auf der Reise einen kompletten »Großmutters Blumengarten« fertigzubekommen, doch auf dem schwankenden Deck fand sie einfach nicht in den gleichmäßigen Rhythmus, der ihr die schnurgeraden, winzigen Stiche ermöglichte, die ihr Markenzeichen waren. Selbst der anspruchslose Arbeitsschritt, die Stoffsechsecke mit losen Stichen auf die Papierschablonen zu heften – das Erste, was Honor als kleines Mädchen gelernt hatte –, erforderte mehr Konzentration, als sie aufbringen konnte. Bald wurde Honor klar, dass in jedem Stoff, mit dem sie jetzt arbeitete, für alle Zeiten der Geruch ihrer Seekrankheit hängen würde, oder zumindest die Erinnerung daran, was mehr oder weniger dasselbe war. Ein paar Tage lang mühte sie sich noch erfolglos mit den Rosetten ab, doch dann warf Honor sie einfach über Bord. Beim Anblick der Stoffstücke würde ihr später nur wieder übel werden. Es war natürlich eine entsetzliche Verschwendung von wertvollem Material, zumal sie die fertigen Formen auch Grace oder einer anderen Frau an Bord hätte geben können, doch sie schämte sich für den Geruch, der an ihnen haftete, und sie schämte sich für ihre Schwäche. Als sie die Stofffetzen ins Wasser flattern und in den Wellen verschwinden sah, hatte Honor einen Moment lang das Gefühl, dass ihr Magen sich beruhigte.

»Schauen Sie auf den Horizont«, riet ihr eines Tages ein Matrose, der ihr trockenes Würgen mitbekam. »Stellen Sie sich in den Bug und richten Sie den Blick fest nach vorn. Achten Sie nicht auf das Stoßen und Stampfen, das Rollen und Schaukeln. Einfach nur ganz still stehen und nach vorne schauen. Dann wird sich Ihr Magen beruhigen.«

Honor nickte, obwohl sie wusste, dass es nicht helfen würde, denn sie hatte es längst ausprobiert. Sie hatte alles versucht, was man ihr empfahl: Ingwer, eine heiße Wärmflasche an den Füßen, einen Eisbeutel um den Hals. Den Matrosen aber beobachtete sie weiter aus den Augenwinkeln. Noch nie zuvor hatte sie einen Schwarzen aus der Nähe gesehen, denn in Bridport gab es keine. Bei einem Besuch in Bristol war zwar einmal ein schwarzer Kutscher an ihr vorbeigefahren, doch noch bevor sie richtig hinschauen konnte, war er schon wieder aus ihrem Blickfeld verschwunden gewesen. Honor musterte die Haut des Mannes: Sie hatte die Farbe einer Rosskastanie, nur dass sie eher rau und windgegerbt als glatt und glänzend war. Vor ihrem inneren Auge stieg das Bild eines Apfels auf, der im Unterschied zu seinen blassgrünen Nachbarn am Baum als Einziger tiefrote Backen hatte. Der Akzent des Mannes ließ sich nicht einordnen, er konnte von überall und nirgends stammen.

Der Matrose musterte Honor ebenfalls. Vielleicht war eine Quäkerin etwas Neues für ihn, oder er war neugierig, wie ihr Gesicht aussah, wenn es nicht von Übelkeit verzerrt war. Normalerweise war Honors Stirn glatt und wurde nur von den Brauen unterbrochen, die sich wie Flügel über die großen grauen Augen schwangen. Doch die Seekrankheit hatte Linien eingegraben, wo früher keine waren, und der stillen Schönheit ihres Gesichts etwas Verhärmtes gegeben.

»Der Himmel ist so gewaltig, dass er mir Angst macht.« Ihre Worte überraschten sie selbst.

»Da sollten Sie sich besser dran gewöhnen, denn da, wo Sie hinfahren, ist alles gewaltig. Was wollen Sie überhaupt in Amerika? Sich einen Ehemann angeln? Sind Ihnen die Engländer nicht gut genug?«

Nein, dachte sie, das sind sie nicht. »Ich begleite meine Schwester«, antwortete sie. »Sie heiratet einen Mann in Ohio.«

»Ohio!«, schnaubte der Matrose. »Bleiben Sie lieber an der Küste. Man sollte nirgendwohin, wo man das Meer nicht riechen kann, sage ich immer. Da draußen in den riesigen Wäldern werden Sie nur versauern. Oh je, schon wieder.« Er trat zurück, als Honor sich erneut über die Reling beugte.

Der Kapitän der Adventurer sagte, es sei eine der ruhigsten und schnellsten Atlantiküberquerungen gewesen, die er jemals erlebt habe. Diese Aussage quälte Honor nur noch mehr. Nach dreißig Tagen auf See stolperte sie ausgezehrt und dünn wie ein Skelett auf das Dock in New York. Sie hatte das Gefühl, ihr gesamtes Inneres erbrochen zu haben, sodass nur noch ihre äußere Hülle übrig geblieben war. Und dann stellte sie voller Entsetzen fest, dass der Boden des Docks genauso unter ihren Füßen schwankte wie das Schiffsdeck. Sie übergab sich ein letztes Mal.

Jetzt wusste Honor, dass sie auch die leichteste Überfahrt, die Gott ihr ermöglichen könnte, nicht noch einmal aushalten würde – der Heimweg nach England war ihr versperrt. Sie begann zu weinen. Sie weinte um England, weinte um ihr altes Leben und die Heimat, von der sie ein unüberwindbarer Ozean trennte. Es gab kein Zurück.

Hotel Mansion House

Hudson, Ohio

26. des 5. Monats 1850

Meine liebe Mutter, lieber Vater,
lieber William und lieber George,

mit unendlich schwerem Herzen muss ich Euch mitteilen, dass unsere geliebte Grace heute verstorben ist. Kurz bevor sie ihr neues Leben in Amerika beginnen konnte, hat es Gott gefallen, sie in so jungen Jahren zu sich zu rufen.

Ich schreibe Euch aus einem Hotel in Hudson, Ohio, in dem Grace während des letzten Stadiums ihrer Krankheit untergebracht war. Der Arzt sagt, es sei Gelbfieber gewesen, das in Amerika anscheinend weiter verbreitet ist als bei uns in England. Da mir die Krankheit mit ihren Symptomen nicht vertraut ist, bleibt mir nichts anderes, als seine Diagnose zu akzeptieren. Ich musste miterleben, unter welchen Qualen meine Schwester dahinsiechte, und kann nur sagen, dass Dorset sich glücklich schätzen darf, von einem solch grauenhaften Leiden verschont zu sein.

Von unserer Überfahrt nach New York habe ich bereits berichtet. Ich hoffe, Ihr habt meine Briefe aus New York und Philadelphia erhalten. Wenn ich hier Briefe in die Post gebe, bin ich oft unsicher, ob sie ihr Ziel auch erreichen werden. In New York haben wir unsere ursprünglichen Reisepläne geändert. Statt mit Schiffen über Flüsse und Kanäle von New York bis zum Eriesee und von dort nach Cleveland zu fahren, haben wir die Postkutsche nach Philadelphia genommen und sind von dort durch Pennsylvania nach Ohio gereist. Auch wenn mir immer wieder versichert wurde, dass man die Flussschiffe nicht mit den großen Meeresseglern vergleichen kann, konnte ich mich nicht noch einmal zu einer Reise auf dem Wasser überwinden. Nun befürchte ich, dass Grace für meine Verzagtheit mit dem Leben bezahlen musste, denn auf dem Schiff hätte sie das Fieber vielleicht niemals bekommen. Mögt Ihr mir auch vergeben und Gott Nachsicht mit mir haben – ich werde für immer mit dieser Schuld leben müssen.

Bis auf einen leichten Anfall von Seekrankheit ging es Grace während der Überfahrt gut. Auch in Philadelphia, wo wir uns eine Woche bei Freunden aufhielten, um uns von den Strapazen der Seereise zu erholen, fühlte sie sich noch sehr wohl. In Philadelphia hatten wir Gelegenheit, eine Andacht in der Arch Street zu besuchen. Niemals hätte ich gedacht, dass es so große Andachtsräume gibt: Der Saal war ungefähr zwanzigmal so groß wie unser Andachtsraum in Bridport, und es müssen gut fünfhundert Menschen in ihm gewesen sein. Ich bin froh, dass es Grace noch vergönnt war, diese Andacht mitzuerleben.

Auf der Weiterreise in Richtung Ohio konnten wir in Pennsylvania auf ein festes Netzwerk von Freunden zurückgreifen und bei ihnen übernachten. Wir wurden überall willkommen geheißen, in großen Städten wie Harrisburg und Pittsburgh genauso wie in kleineren Gemeinden, selbst dann noch, als Grace die ersten Symptome von Gelbfieber zeigte. Die Krankheit begann zwei Tage, nachdem wir Harrisburg verlassen hatten, mit Fieber, Schüttelfrost und Übelkeit, was auf viele Leiden zutrifft, sodass wir uns anfangs kaum Sorgen machten; auch nicht, als sich Grace in den verschiedenen Kutschen, mit denen wir quer durch Pennsylvania fuhren, zunehmend unwohl fühlte.

In Pittsburgh haben wir dann einige Tage gerastet, bis sich Grace einigermaßen erholt hatte und zur Weiterreise drängte. Jetzt bereue ich, dass ich auf sie gehört habe, statt mich auf mein Gefühl, dass uns eine längere Ruhepause guttun würde, zu verlassen. Aber wir konnten es beide kaum noch erwarten, endlich nach Faithwell zu kommen. Leider bekam Grace schon nach einem Tag wieder Fieber, das diesmal mit schwarzem Erbrochenem und einer gelben Verfärbung der Haut einherging, dem sicheren Zeichen, wie ich jetzt weiß, dass es sich um Gelbfieber handelte.

Nur mit Mühe konnten wir die Kutscher überreden, uns nicht am Wegesrand abzusetzen, sondern uns noch bis Hudson mitzunehmen. Ich muss Euch gestehen, dass ich die Männer sogar angeschrien habe, auch wenn sich das für eine Freundin nicht geziemt. Die anderen Passagiere wollten uns nicht bei sich in der Kutsche haben, weil sie Angst hatten, sich anzustecken. Wir mussten uns oben auf die Kutsche aufs Gepäck setzen, was sehr gefährlich war, denn man hätte leicht abstürzen können. Ich habe Grace eng an mich gedrückt und sie festgehalten.

In Hudson erlebte sie nur noch eine Nacht, dann rief Gott sie heim. Die meiste Zeit delirierte sie im Fieberwahn, doch wenige Stunden vor ihrem Tod war sie noch einmal eine Weile ganz klar und konnte Euch alle ihrer Liebe versichern. Ich wollte sie mitnehmen, um sie in Faithwell unter Freunden zur letzten Ruhe zu betten, aber sie ist bereits heute in Hudson begraben worden, weil alle Angst davor haben, dass die Krankheit sich weiter ausbreitet.

Da ich Faithwell jetzt schon so nahe bin, habe ich beschlossen, weiterzufahren. Von Hudson sind es nur noch vierzig Meilen in Richtung Westen, was nach den fünfhundert Meilen, die wir von New York bis hierher zurückgelegt haben, und den Tausenden über den Ozean keine Entfernung mehr ist. Es geht mir sehr zu Herzen, dass Grace ihrer neuen Heimat schon so nahe war und sie nun nicht mehr sehen wird. Ich weiß noch nicht, was ich machen werde, wenn ich dort bin. Adam Cox hat die traurige Nachricht noch nicht erhalten.

Grace hat viel gelitten und es tapfer ertragen, jetzt ist sie in Frieden bei Gott. Ich weiß, dass wir sie eines Tages wiedersehen werden, und das ist mir ein Trost.

Eure Euch liebende Tochter und Schwester,
Honor Bright

Quilt

Honor konnte sich nur schwer daran gewöhnen, in allem auf Hilfe angewiesen zu sein. Fremde Menschen beherbergten und verköstigten sie, brachten sie von einem Ort zum anderen und beerdigten sogar ihre Schwester. In England war Honor nie viel gereist. Bis auf kurze Ausflüge in Nachbargemeinden hatte sie nur die Jahrestreffen der Freunde in Exeter besucht und war einmal mit ihrem Vater nach Bristol gefahren, wo er geschäftlich zu tun hatte. In ihrer Heimat kannte Honor fast alle Menschen persönlich und war es nicht gewohnt, sich vorstellen oder erklären zu müssen. Besonders redselig war sie ohnehin noch nie gewesen. Sie zog die Stille vor, in der man besser beobachten und nachdenken konnte. Grace war das lebhafteste Mitglied der Familie Bright gewesen. Dauernd hatte sie etwas zu schnattern gehabt und auch gern das Wort für ihre Schwester ergriffen; doch nun, da Grace nicht mehr war, sah sich Honor gezwungen, für sich selbst zu sprechen. Seit die Kutsche die Brights vor dem Hotel in Hudson abgesetzt hatte, musste Honor ständig allen möglichen Fremden, die sich um sie kümmerten, ihre Lage erklären.

Nachdem Grace beerdigt war, überlegte Honor, ob sie Adam Cox eine Nachricht schicken und auf ihn warten oder sich auf eigene Faust nach Faithwell durchschlagen sollte. Doch noch bevor sie zu einer Entscheidung kam, lernte sie die praktische und patente Art der Amerikaner kennen, denn der Hotelbesitzer hatte ihr längst eine Mitfahrgelegenheit organisiert. Ein älterer Mann namens Thomas war gerade auf Besuch in Hudson, kam aber aus dem nur sieben Meilen südlich von Faithwell gelegenen Städtchen Wellington. Er bot Honor an, sie auf der Rückreise mitzunehmen. In Wellington könne sie sich dann nach einer weiteren Fahrgelegenheit umschauen oder Adam Cox bitten, sie von dort abzuholen. »Allerdings müssen wir früh aufbrechen«, sagte Thomas, »denn ich will es an einem Tag bis nach Hause schaffen.«

Es war noch dunkel, als sie sich auf den Weg machten. Honors Truhe stand hinten im Wagen; sie war jetzt noch schwerer, da sie die Sachen von Grace mit hineingepackt hatte. Die Truhe ihrer Schwester hatte Honor zurückgelassen, um Thomas nicht noch mehr Gepäck zumuten zu müssen. Auch den Quilt, den sie für die Hochzeit ihrer Schwester genäht hatte, hatte Honor aufgeben müssen. Es war ein weißer Wholecloth, in dessen Mitte Honor ein feines, von komplizierten geometrischen Bordüren und doppelten Rautenmustern umrahmtes Rosenmedaillon gesetzt hatte. Honor hatte alles eigenhändig gequiltet und war sehr zufrieden mit ihrer Arbeit gewesen. Der Hotelbesitzer hatte jedoch darauf bestanden, dass sie für Graces Krankenlager ihre eigene Bettwäsche benutzten. Später hatte der Arzt dann angeordnet, dass der Quilt zusammen mit allen Kleidern, die Grace getragen hatte, verbrannt werden müsse, damit das Fieber sich nicht weiter ausbreitete.

Bevor sie das Kleiderbündel zum Verbrennen zusammenschnürte, trotzte Honor jedoch den unmissverständlichen Anweisungen des Arztes, nahm ihre Nähschere und schnitt ein Stück Stoff aus dem kastanienbraunen Kleid ihrer Schwester heraus. Eines Tages würde sie es für einen Quilt verwenden, und wenn es mit dem Fieber infiziert war und sie daran starb, dann war es eben Gottes Wille.

Als Grace im Sterben lag, hatte Honor keine Träne vergossen. Ihre Schwester hatte zum Schluss so gelitten, dass Honor zu Gott betete, er möge sie erlösen. Doch nachdem sie die Kleider und den Quilt zum Verbrennen abgegeben hatte, zog sie sich in ihr Zimmer zurück und weinte hemmungslos.

Thomas schien die Stille genauso zu schätzen wie Honor. Er stellte keine Fragen, und Honor konnte zum ersten Mal, seit sie in Amerika an Land gegangen war, ungestört von Mitreisenden oder der Sorge um die kranke Schwester einfach dasitzen und schauen. Obwohl sie in die Dunkelheit hineingefahren waren, ging hinter ihnen bald die Sonne auf und tauchte die Wälder in ein weiches Licht. Der Vogelgesang wurde immer lauter und steigerte sich schließlich zu einem erregten Gezeter. Honor erkannte fast keine der Stimmen und staunte über das farbenprächtige Gefieder der meisten Vögel. Besonders ins Auge fielen ihr ein roter Vogel mit Federbusch über dem schwarzen Kopf und ein blauer Vogel mit schwarz-weiß gestreiften Flügeln. Die beiden vertrieben mit ihrem rauen Krächzen die kleineren, eher unscheinbaren Vögel. Sie hätte Thomas gern nach den Namen dieser bunt schillernden Exemplare gefragt, wollte ihn aber nicht stören. Ihr Reisegefährte saß so still da, dass Honor gedacht hätte, er sei eingeschlafen, wenn er nicht alle paar Meilen zweimal mit dem Fuß aufgestampft und mit den Zügeln geschnalzt hätte. Anscheinend wollte er die behäbige graue Stute, die den Karren zog, daran erinnern, dass es ihn noch gab. Das Pferd war zwar nicht schnell, aber brav und zuverlässig.

Die Straße, die sie entlangfuhren, war viel schmaler als die Straßen, die Honor von den Kutschfahrten durch New Jersey und Pennsylvania kannte. Mit ihrer Schwester war sie den vielbefahrenen Routen gefolgt, an denen es immer wieder Häuser, Städte und auch Gasthäuser gegeben hatte, wo man die Pferde wechseln, essen und schlafen konnte. Doch die zerfurchte, ausgetrocknete Wagenspur, über die sie jetzt holperten, führte durch unendliche Wälder, die sich nur selten einmal zu einer Lichtung öffneten. Auch Häuser waren keine zu sehen, und nachdem sie mehrere Meilen lang immer nur durch Wald gefahren waren, ohne auch nur einen Hinweis auf menschliches Leben zu sehen, fragte sich Honor, wozu es diesen Weg überhaupt gab. Daheim in England führten die Straßen in der Regel an ein klar benanntes Ziel, doch hier schien das Ziel in weiter Ferne zu liegen und auch keinen Namen zu haben.

Es half nichts, ermahnte sich Honor, sie durfte Ohio nicht dauernd mit Dorset vergleichen.

Später tauchten doch noch vereinzelte Häuser am Wegesrand auf, die aussahen, als seien sie aus dem Wald herausgeschlagen worden. Jedes Mal, wenn sie an einem Haus vorbeikamen, atmete Honor schwer aus, holte dann tief Luft und hielt sie an, bis der Wald sich wieder um sie schloss. Dabei machten die Häuser nicht einmal viel her, meist waren es schlichte, von Baumstümpfen umgebene Blockhütten. Manchmal erblickte Honor einen Jungen, der draußen Holz hackte, eine Frau, die einen Quilt zum Lüften heraushängte, oder auch ein in einem Gemüsebeet hackendes Mädchen. Sie schauten Honor und Thomas nach, reagierten aber nicht auf dessen zum Gruß erhobene Hand. Thomas schien das egal zu sein.

Nachdem sie eine Stunde lang unterwegs waren, fuhren sie durch ein Flusstal und auf eine Brücke zu. »Der Cuyahoga«, brummte Thomas. »Ein indianischer Name.« Doch Honor hörte gar nicht richtig zu und schaute auch nicht auf den Fluss hinab, sondern nach oben: Die flache Holzbrücke, über die sie rumpelten, hatte ein Dach. Anscheinend war Thomas ihr Staunen aufgefallen. »Eine überdachte Brücke«, sagte er. »Haben Sie noch nie eine gesehen?«

Honor schüttelte den Kopf.

»So fällt kein Schnee drauf, und es wird nicht glatt.«

Die Brücken in Dorset waren gebogen und aus Stein. Honor hatte nicht damit gerechnet, dass ein so grundlegendes Bauwerk wie eine Brücke in Amerika so anders aussehen konnte.

Nach ein paar Stunden hielten sie an, um dem Pferd Wasser und Hafer zu geben und selbst den kalten Maisbrei zu essen, den man in Ohio gern frühstückte. Danach verschwand Thomas im Wald. Solange er weg war, stand Honor neben dem Wagen und betrachtete die Bäume auf der anderen Straßenseite. Die meisten kannte sie nicht, und selbst Bäume wie Eichen und Kastanien, die ihr von zu Hause vertraut waren, sahen hier anders aus. Die Eichenblätter waren spitzer und weniger wellig an den Rändern, die Blätter der Kastanien nicht so ausladend und fächerförmig. Das Unterholz wirkte abweisend, dicht und urwüchsig, als sei es eigens dazu da, die Menschen auf Abstand zu halten.

Als Thomas wieder auftauchte, nickte er in Richtung Wald. »Wollen Sie sich auch erleichtern?«

»Ich …« Honor wollte gerade ablehnen, aber etwas an seinem Verhalten sagte ihr, dass sie ihm besser wie einem Großvater folgen sollte. Außerdem wollte sie sich nicht anmerken lassen, dass sie sich in den Wäldern Ohios fürchtete. Früher oder später würde sie sich ohnehin an sie gewöhnen müssen.

Honor verließ die Straße und trat zwischen die Bäume. Vorsichtig suchte sie sich einen Weg durch trockenes Laub, moosbewachsene Steine und abgebrochene Äste. Ein nasskalter Geruch nach Farn und Fäulnis umfing sie. Etwas raschelte, doch Honor versuchte es zu ignorieren. Sicher war es nur eine Maus, ein Eichhörnchen oder eins der kleinen, schwarz-weiß gestreiften Nagetiere, die sie hier Streifenhörnchen nannten. Sie hatte gehört, dass in den Wäldern Wölfe, Pumas, Stachelschweine, Stinktiere, Opossums, Waschbären und noch viele andere Tiere lebten, die es in England nicht gab. Die meisten würde sie nicht einmal erkennen, wenn sie ihr über den Weg liefen, was diese Tiere nur noch unheimlicher machte. Und Schlangen sollte es auch geben. Honor konnte nur hoffen, dass sich an diesem Morgen keine in der Nähe aufhielt. Als sie sich etwa zehn Meter von der Straße entfernt hatte, holte Honor tief Luft und zwang sich, das Gesicht in Richtung Wagen zu drehen und den Horden versteckter Tiere, die möglicherweise hinter ihr lauerten, den Rücken zuzukehren. Sie suchte sich einen Platz, an dem Thomas sie nicht sehen konnte, raffte den Rock hoch und ging in die Hocke.

Der Wind strich raschelnd durchs Laub, und die Vögel zwitscherten, doch sonst war es still. Honor hörte, wie Thomas die Sitzbank des Wagens hochklappte, unter der sich anscheinend zusätzlicher Stauraum befand. Dann hörte sie ihn leise sprechen, vermutlich mit dem Pferd, um es zu beruhigen. Honor wäre auch gern beruhigt worden, dass ihr hier im Wald garantiert keine Wölfe und Pumas auflauerten. Das Pferd wieherte leise.

Honor erhob sich und rückte ihre Röcke zurecht. Sie war zu verkrampft, um sich zu erleichtern. Sie schaute sich um. Weiter weg von zu Hause könnte ich gar nicht sein, dachte sie, und ich bin ganz allein. Ihr schauderte, und sie lief schnell zum sicheren Wagen zurück.

Nachdem sie wieder auf den Sitz geklettert war, stampfte Thomas zweimal mit dem Fuß auf, und die Reise ging weiter. Das Frühstück schien ihn aufgeweckt zu haben. Er redete zwar nicht, begann aber vor sich hinzusummen, eine Melodie, die Honor nicht kannte, vielleicht war es ein Kirchenlied. Das Summen, das Klappern des Wagens und das Schnalzen der Zügel, der Wind und das Vogelgezwitscher, all die verschiedenen Geräusche lullten Honor ein und verschmolzen mit dem sich bis zum Horizont schnurgerade dahinziehenden Weg und den vorbeiwogenden Bäumen. Sie schlief zwar nicht, fiel jedoch in die meditative Versenkung, die ihr aus der Stillen Andacht vertraut war. Es kam ihr fast vor, als hielten sie und Thomas oben auf dem Wagen eine Andacht zu zweit ab, nur dass Freunde während der Andacht nicht summten. Honor schloss die Augen und überließ ihren Körper dem vom Rhythmus des Wagens bestimmten, natürlichen Schwanken. Endlich fühlte sie sich entspannt und ruhig genug, um in sich hineinzuhorchen und auf das Innere Licht zu warten.

In der Andacht hatte Honor oft mit Ablenkungen zu kämpfen. Manchmal war ihr Kopf einfach zu voll, und ihre Gedanken wanderten von dem Krampf, den sie im Bein spürte, zu einer vergessenen Erledigung für ihre Mutter und weiter zum Fleck auf der weißen Haube einer Banknachbarin. Es erforderte Disziplin, den Geist zur Ruhe zu bringen. Zu einer Art innerem Frieden hatte Honor schon oft gefunden, doch zu der wahren Tiefe des Inneren Lichts, diesem Gefühl, dass Gott in ihr und mit ihr war, ließ sich nicht so leicht vordringen. Dass sie es mitten in den Wäldern Ohios auf einem Wagen, der sie in Richtung Westen brachte, finden würde, während ein alter Mann neben ihr Kirchenlieder brummte, hielt Honor für sehr unwahrscheinlich.

Doch plötzlich spürte sie eine Präsenz. Sie war nicht allein. Natürlich saß Thomas neben ihr, aber da war noch etwas anderes: Es kam ihr vor wie ein Schwirren in der Luft und gab ihr die Gewissheit, dass sie auf ihrer Reise ins tiefste Ohio begleitet wurde. Noch nie hatte Honor es so deutlich gespürt. Bislang hatte sie in Andachten immer geschwiegen, nun wollte sie zum ersten Mal im Leben ihre Gefühle in Worte fassen und Zeugnis ablegen.

Sie öffnete den Mund – und da hörte sie es. Von weit hinter ihnen näherte sich ein scharrendes Geräusch, das schon im nächsten Moment zu einzelnen schnellen Hufschlägen auseinanderfiel.

»Es kommt jemand«, sagte Honor. Es waren die ersten Worte, die sie an diesem Tag an Thomas richtete, und nicht das, was sie eigentlich sagen wollte. Thomas wirkte nicht besonders beeindruckt. Er drehte sich um und lauschte, aber dann hörte er es auch. Auf der Stelle war er hellwach; Konzentration stand in seinen Augen und noch etwas, das Honor nicht entschlüsseln konnte. Thomas blickte sie an, als wolle er ihr etwas mitteilen, ohne es auszusprechen, aber sie wusste nicht, was.

Sie wandte den Blick von ihm ab und schaute hinter sich. Auf der Straße war ein Punkt erschienen.

Thomas stampfte dreimal mit dem Fuß auf. »Erzählen Sie mir von Ihrer Schwester«, sagte er.

»Wie bitte?«

»Erzählen Sie mir von Ihrer Schwester. Von der, die gestorben ist. Wie hieß sie?«

Honor runzelte die Stirn. Sie wollte nicht über ihre Schwester reden, nicht jetzt, wo jemand hinter ihnen herkam und eine neue Spannung in der Luft lag. Aber da Thomas ihr bislang kaum Fragen gestellt hatte, kam sie seiner Bitte nach. »Grace. Sie war zwei Jahre älter als ich.«

»Und sie wollte einen Mann aus Faithwell heiraten?«

Mittlerweile ließ sich das Geräusch deutlicher einordnen: ein einzelnes Pferd, das im Galopp geritten wurde, mit schweren Eisen, die dumpf auf den Boden aufschlugen. Honor hatte Mühe, sich nicht davon ablenken zu lassen. »Er … er ist Engländer. Adam Cox. Aus unserem Dorf. Er ist nach Ohio ausgewandert, um im Geschäft seines Bruders in Oberlin mitzuarbeiten.«

»Was für ein Geschäft?«

»Ein Tuchladen.«

Als Thomas sie verwirrt anblickte, fiel Honor der Brief von Adam ein. »Kurzwaren.«

Thomas’ Miene hellte sich auf. »Cox’ Kurzwarenladen? Den kenne ich. In der Main Street, südlich vom College. Einem der beiden Besitzer ging es ziemlich schlecht.« Wieder stampfte er dreimal mit dem Fuß auf.

Honor schaute noch einmal hinter sich. Jetzt waren Ross und Reiter deutlicher zu sehen: ein Mann auf einem Fuchs.

»Und warum sind Sie mit Ihrer Schwester gekommen?«

»Ich …« Honor konnte nicht antworten. Über die Sache mit Samuel wollte sie nun wirklich nicht mit einem Fremden reden.

»Was wollen Sie jetzt ohne sie machen?«

»Ich … ich weiß es nicht.« Thomas fragte unbarmherzig und direkt. Mit seiner letzten Frage hatte er einen besonders wunden Punkt getroffen, als hätte er mit einer spitzen Nadel in eine Eiterblase gestoßen. Die Blase platzte auf, und Honor begann zu weinen.

Thomas nickte. »Bitte verzeihen Sie mir, Miss«, flüsterte er, »aber vielleicht brauchen wir Ihre Tränen noch.«

In dem Moment hatte der Reiter sie eingeholt und tauchte neben dem Wagen auf. Thomas brachte die graue Stute zum Stehen. Der Hengst des Reiters wieherte sie an, doch die Stute stand völlig ungerührt da und zeigte keinerlei Interesse an ihrem Artgenossen.

Honor wischte sich die Augen und warf einen schnellen Blick auf den Mann, bevor sie die Hände im Schoß verschränkte und den Blick senkte. Obwohl der Fremde auf einem Pferd saß, war klar, dass er sehr groß sein musste. Er hatte die ledrig gebräunte Haut eines Mannes, der sein Leben draußen an der frischen Luft verbrachte. Hellbraune Augen stachen aus dem kantigen, wettergegerbten Gesicht hervor. Hätte nur eine Spur von Wärme in ihnen gelegen, hätte man den Fremden als gut aussehend bezeichnen können, doch die Leere in seinem Blick ließ Honor erschauern. Plötzlich wurde ihr bewusst, dass sie völlig allein auf der Straße unterwegs waren. Sie bezweifelte, dass Thomas ein Gewehr dabeihatte, das mit der Waffe standhalten konnte, die der Mann demonstrativ an der Hüfte trug.

Falls Thomas sich ähnliche Gedanken machte, verriet er das mit keiner Miene. »Tag, Donovan.«

Der Mann lächelte, eine Mundbewegung, an der das übrige Gesicht keinen Anteil hatte. »Der alte Thomas und ein Quäkermädchen. Ist sie doch, oder?« Er streckte die Hand aus und hob den Rand von Honors Haube an. Als sie zurückschreckte, lachte er. »Ich schau ja nur. Sagen Sie Ihren Quäkerbekannten ruhig, dass sie sich die Mühe sparen können, Nigger als Quäker zu verkleiden. Den Trick kenne ich schon, er hat einen langen Bart.«

Er zog seinen verbeulten Hut und nickte Honor zu, die ihn verwirrt anstarrte. Was wollte er damit sagen?

»Vor einer Quäkerin musst du nicht den Hut ziehen«, sagte Thomas. »Die halten nichts davon.«

»Ich lass mir doch meine guten Manieren nicht ausreden, nur weil ein Quäkermädchen nichts davon hält«, schnaubte der Mann. »Sie haben sicher nichts dagegen, dass ich meinen Hut vor Ihnen ziehe, oder, Miss?«

Honor zog den Kopf zwischen die Schultern.

»Siehst du, sie hat nichts dagegen.« Der Mann streckte sich. Das kragenlose weiße Hemd unter seiner braunen Weste war von Schweißflecken übersät.

»Können wir dir irgendwie behilflich sein?«, fragte Thomas. »Wenn nicht, müssen wir weiter. Wir haben noch einen langen Weg vor uns.«

»So, ihr habt’s eilig? Wo geht’s denn hin?«

»Ich nehme die junge Frau mit nach Wellington«, sagte Thomas. »Sie ist aus England nach Ohio gekommen, aber in Hudson hat sie ihre Schwester verloren. Gelbfieber. Du siehst doch ihre Tränen. Sie ist in Trauer.«

»Sie kommen aus England?«

Honor nickte.

»Dann sagen Sie mal was. Mir hat schon immer der englische Akzent gefallen.«

»Na, machen Sie schon, sagen Sie was«, drängte der Mann, als Honor zögerte. »Was? Zu stolz, um mit mir zu reden? Sagen Sie: ›Wie geht’s, Donovan‹.«

Honor wollte den Mann nicht erzürnen, indem sie weiter schwieg, deshalb blickte sie ihm fest in die Augen und sagte: »Wie geht es, Mr Donovan?«

»Mr Donovan? Dem geht es prima, danke. Mich hat schon seit Jahren keiner mehr Mr Donovan genannt. Ihr Quäker seid schon ein komisches Volk. Und, wie heißt du, Mädchen?«

»Honor Bright.«

»Honor, wie Ehre? Und, machst du deinem Namen auch

Ehre?«

»Das Mädchen musste gerade ihre Schwester in einem fremden Land beerdigen, da könntest du schon ein wenig netter sein«, mischte sich Thomas ein.

»Was ist da drin?« Donovans Ton war mit einem Mal umgeschlagen und schärfer geworden. Er deutete auf Honors Truhe, die auf der Ladefläche des Wagens stand.

»Die Sachen von Miss Bright.«

»Ich werd mal kurz reinschauen. Die Truhe hat die perfekte Größe für einen versteckten Nigger.«

Thomas runzelte die Stirn. »Es gehört sich nicht, dass ein Mann in den Sachen einer jungen Dame wühlt. Miss Bright wird dir sagen, was in der Truhe ist. Du weißt doch, dass Quäker nicht lügen, oder?«

Donovan blickte Honor erwartungsvoll an, die verwirrt den Kopf schüttelte. Sie hatte sich noch immer nicht davon erholt, dass Donovan ihr an die Haube gefasst hatte, und konnte der Unterhaltung kaum folgen.

Doch ehe sie sichs versah, war Donovan von seinem Pferd auf den Wagen gesprungen. Die Angst fuhr Honor in den Magen wie ein Messer, denn Donovan war ein Hüne, viel größer, stärker und schneller als sie und Thomas zusammen. Als Donovan bemerkte, dass die Truhe verschlossen war, hielt sie ihm vor lauter Angst gleich den Schlüssel hin, den sie während der ganzen Reise an einem dünnen grünen Band um den Hals getragen hatte.

Donovan klappte den Deckel auf und zog den Quilt heraus, den Honor mit nach Amerika gebracht hatte. Sie rechnete damit, dass er ihn beiseitelegen würde, doch er schüttelte ihn aus und drapierte ihn über die Ladefläche. »Was ist das denn?«, fragte er und musterte den Quilt. »Ich hab noch nie Schrift auf einer Steppdecke gesehen.«

»Das ist ein Signaturquilt«, erklärte Honor. »Freunde und Familienmitglieder fertigen die einzelnen Blöcke an und sticken ihre Namen ein. Ich habe ihn zum Anlass meines Umzugs nach Amerika geschenkt bekommen. Zum Abschied.«

Jeder Block bestand aus braunen, grünen und cremefarbenen Quadraten und Dreiecken, in deren Zentrum sich jeweils ein weißer Flicken mit der Signatur der Näherin befand. Ursprünglich war der Quilt für Grace bestimmt gewesen, doch als Honor in letzter Minute beschlossen hatte, ebenfalls nach Amerika zu gehen, hatten die Frauen die Anordnung der Namen umgestellt, sodass sich jetzt Honors Name in der Mitte befand. In den Blöcken um ihren Namen standen die Namen von Familienmitgliedern und weiter außen die von Freunden. Gequiltet war er in einem schlichten Rautenmuster, und da die Qualität der Stiche je nach Näherin stark variierte, war er kein Meisterwerk geworden. Honor hätte ein anderes Muster vorgezogen, trotzdem würde sie den Quilt niemals aus der Hand geben: Er war für sie persönlich gemacht worden, als Erinnerung an ihre Gemeinde daheim.

Donovan hockte auf der Ladefläche und musterte den Quilt so gründlich, dass sich Honor fragte, ob sie etwas Falsches gesagt hatte. Sie blickte Donovan fragend an, doch er wirkte nicht verärgert.

»Meine Mutter hat auch Steppdecken genäht«, sagte er schließlich und fuhr mit dem Finger über einen Namen – Rachel Bright, eine Tante von Honor. »Aber die sehen alle anders aus als diese hier. Bei ihr gab es immer einen großen Stern in der Mitte, der aus vielen kleinen Rauten zusammengesetzt war.«

»Das Muster nennt man ›Stern von Bethlehem‹.«

»Ach, ja?« Donovan blickte sie an; seine braunen Augen wirkten nicht mehr ganz so eisig.

»Ich habe selbst schon einen gemacht«, fügte sie hinzu und dachte an den Quilt, den sie Biddy überlassen hatte. »Es ist ein ziemlich kompliziertes Muster, weil die Spitzen der Rauten ganz genau ineinanderpassen müssen. Man muss sehr akkurat arbeiten. Ihre Mutter war sicher eine sehr gute Näherin.«

Donovan nickte, dann packte er den Quilt und steckte ihn zurück in die Truhe. Er schloss sie ab und sprang vom Wagen. »Ihr könnt weiterfahren.«

Ohne ein Wort zu verlieren, schnalzte Thomas mit den Zügeln, und die Stute erwachte wieder zum Leben. Schon in der nächsten Minute ritt Donovan wieder neben ihnen.

»Willst du dich in Wellington niederlassen?«

»Nein«, erwiderte Honor. »In Faithwell, in der Nähe von Oberlin. Dort lebt der Verlobte meiner verstorbenen Schwester.«

»Oberlin!« Donovan spuckte aus, dann schlug er seinem Hengst die Hacken in den Bauch und preschte davon. Honor war erleichtert. Sie hätte es nicht ausgehalten, wenn er den ganzen Weg bis Wellington neben ihnen hergeritten wäre.

Das Hufgetrappel hing noch einige Minuten in der Luft, wurde leiser und leiser und verhallte schließlich ganz. »Na gut«, sagte Thomas leise. Er stampfte zweimal mit dem Fuß auf und schnalzte mit den Zügeln über den Rücken des Pferdes. Den Rest der Reise über summte er nicht mehr.

Erst viele Meilen später bemerkte Honor, dass Donovan ihr den Schlüssel zur Truhe nicht zurückgegeben hatte.

Belle Mills’ Putzmacherei

Main Street

Wellington, Ohio

30. Mai 1850

Sehr geehrter Mr Cox,

Honor Bright, die Schwester Ihrer Verlobten, hält sich hier bei mir auf. Leider muss ich Ihnen sagen, dass Ihre Auserwählte verstorben ist. Gelbfieber.

Honor braucht noch ein paar Tage Ruhe, aber könnten Sie bitte so gut sein, sie kommenden Sonntag am Nachmittag abzuholen?

Mit den besten Grüßen,
Belle Mills