Impressum

Als Ravensburger E-Book erschienen 2012

Die Print-Ausgabe erscheint in der Ravensburger Verlag GmbH

© 2012 Ravensburger Verlag GmbH

Coverillustration: Nina Dulleck
Innenillustrationen: Nina Dulleck

Alle Rechte dieses E-Books vorbehalten durch Ravensburger Verlag GmbH

ISBN 978-3-473-38457-0

www.ravensburger.de

Maxie! …

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„Maxie!

Maaaxiiieee!

Maxiiiiiiiiiiiieeeeeee, jetzt wach endlich auf!“

Die Nervensäge, die gerade mein Trommelfell zum Platzen bringt, ist meine Schwester Jule. Sie ist neun. Und das ist leider nicht das einzige Schreckliche an ihr.

Das kneifwütige Biest schnappt sich meinen linken Fuß, der unter meiner Bettdecke hervorlugt, und versucht, meinen kleinen Zeh zu zerquetschen.

Grrrrrr! Jetzt bin ich wirklich hellwach.

Und stinkwütend.

Ach übrigens, guten Morgen zusammen. Mein Name ist Maxie mit hintendran e. Und ich hasse es, so früh aus dem Schlaf gerissen zu werden.

Der Sonntag ist heilig für mich, denn es ist der einzige Tag, an dem ich richtig lange ausschlafen und mich von meiner lieben Großfamilie erholen kann. Genau deshalb wird Jule diese hinterhältige Wecknummer gleich bitter bereuen.

Ich hole tief unten in meinem Bauch Luft. Das habe ich im Schulchor gelernt. Wenn ich will, kann ich so laut schreien, dass die Fensterscheiben zittern. Ich brülle also los: „Juuuuule! Es ist Sonntag. Wenn du dich nicht sofort verziehst, passiert was ganz Schlimmes.“

„Aber da unten sind Einbrecher!“ Jules Stimme kippt vor Aufregung über. „Sie schleichen um unser Haus herum und gucken durch die Fenster und einer von ihnen ist sogar in den Garten geklettert. Glaubst du, sie wollen Eddy klauen?“ Sie schaut mich aus ängstlichen Augen an.

„Einbrecher? Wo?“ Ich schnelle nach vorne und knalle unsanft gegen Jules harten Schädel. Autsch! Jetzt sehe ich tatsächlich ein paar Sterne, obwohl die Sonne schon kräftig in mein Zimmer scheint. Ich massiere meine schmerzende Stirn.

Rummms!

Im nächsten Moment kracht es so laut, als ob eine Abrissbirne gegen unser Haus donnert. Die Wände wackeln und mein Schneewittchenspiegel fällt zu Boden.

Besonders zimperlich sind diese Einbrecher nicht.

Ich springe panisch aus dem Bett und zerquetsche mit meiner Ferse beinahe Cäsar. Er ist die jüngste von Mamas Sibirischen Springmäusen und schläft am allerliebsten in meinen Pantoffeln, obwohl er das eigentlich gar nicht darf. Trotzdem büxt er immer wieder aus und taucht heimlich bei mir auf. Ich habe nichts dagegen. Cäsar ist total süß und hat die schönsten Schnurrbarthaare der Welt. In meinem kuscheligen Hausschuh sieht er aus wie der letzte Bewohner der Arche Noah. Ich habe schon superviele Fotos von ihm geknipst und ein Gedicht über ihn gemacht.

Jetzt rettet sich Cäsar mit einem waghalsigen Sprung– und zwar ausgerechnet auf mein Aufsatzheft, das auf dem Teppich liegt. Dort pinkelt er erst einmal eine riesige Pfütze. Na toll! Gute Nerven haben Mäuse nicht. Ich sehe bereits das empörte Gesicht von Frau Rabe vor mir, wenn sie den gelben Fleck sieht. Besser gesagt: riecht. Mäusepipi duftet nämlich nicht nach Maiglöckchen wie ihr Lieblingsparfüm.

Ich stürze zum Fenster und schaue hinaus.

In unserer Gartenmauer steckt ein roter Transporter. Das Fahrzeug ist rückwärts in unsere frisch gestrichene weiße Mauer hineingefahren. Der irre Fahrer drückt offenbar gerade erneut auf das Gaspedal, denn das Fahrzeug setzt sich mit aufheulendem Motor wieder in Bewegung und nietet die Mauer um, als wäre sie aus Pappe. Es rollt in Zeitlupentempo mitten in unseren Garten, direkt auf den neuen Kaninchenstall zu. Kurz davor kommt es mit einem Ruckeln zum Stehen.

Im selben Augenblick springt die Hecktür auf. Ein paar Kartons kippen heraus und platzen auf. Überall auf dem Rasen verteilen sich vollgeschriebene Blätter.

Während die Kaninchen panisch in ihrem Heim herumjagen, stampft unser Esel Eddy herbei und fängt genüsslich an, auf den Blättern herumzukauen. Papier gehört zu seinen absoluten Lieblingsspeisen, obwohl Mama meint, das sei für einen Esel nicht gesund.

Ein Mann in Jeans und Strickpulli springt aus dem Wagen und versucht hektisch, Eddy die matschigen Blätter aus dem Maul zu zerren. Dabei schimpft er die ganze Zeit laut vor sich hin.

Plötzlich kommen zwei Jungen herbeigerannt. Sie müssen direkt an unserer Hauswand gestanden haben, deshalb sehe ich sie erst jetzt. Sie fangen an wie verrückt zu lachen, weil der Mann wie Rumpelstilzchen herumspringt. Das macht ihn natürlich noch viel wütender.

Jule schreit los und zwickt mich vor Aufregung in meinen Arm. „Der Größere, der hat vorhin durch das Küchenfenster geguckt. Und der blonde Junge hat Eddy einfach an der Mähne angefasst.“

Also, wie gefährliche Diebe sehen die zwei eindeutig nicht aus, finde ich. Der Dunkelhaarige ist bestimmt nicht älter als ich. Wenn er überhaupt schon zwölf ist. Er hat einen blau-weißen Ringelpullover an und abgeschnittene Jeans. Seine braunen Haare sind ein bisschen zu lang und er wischt sie sich ständig aus dem Gesicht. Der andere Junge ist so groß wie Jule und rotblond.

Der Mann fasst Eddy nun direkt ins Maul. Das kann der aber überhaupt nicht leiden– hätte ich ihm gleich sagen können. Eddy schubst ihn mit seinem sabbernden Maul einfach um und der Mann landet unsanft auf seinem Po.

„Jule, so ein Quatsch. Das sind doch keine Einbrecher!“ Ich kichere.

Die Jungen versuchen jetzt auch mitzuhelfen, aber sie stellen sich noch dümmer an als der Mann. Bei ihnen sieht die Rangelei mit Eddy um die Blätter so aus, als ob sie einen Ringkampf austragen wollten. Eddy gewinnt natürlich haushoch. Es dauert nur ein paar Sekunden, dann liegen die beiden ebenfalls im feuchten Gras. Eddy probiert aus, wie die Haare des großen Jungen schmecken, aber zum Glück für diesen mag er sie nicht. Jetzt sieht der Junge so abgeschleckt aus, als hätte er sich Haargel in seine Matte geschmiert. Das ist echt zum Schreien komisch.

„Nö, Jule, das sind wirklich keine Einbrecher“, kreische ich. „Das sind einfach irgendwelche Wahnsinnigen, die sich offenbar in der Gartentür geirrt haben. Besser gesagt– in der Gartenmauer. Guck dir das an. Voll witzig. Eddy macht die in null Komma nix fertig. Und der Mann kann nicht einmal richtig Auto fahren. Wenn Mama die kaputte Mauer sieht, flippt sie völlig aus.“

Im gleichen Moment schlägt unten die Haustür zu. In Riesenschritten stürmt meine Mutter auf die Eindringlinge zu. Im Schlafanzug!

Jule und ich wiehern gleichzeitig los. Was jetzt passiert, ist bestimmt besser als Kino. Davon sind wir beide überzeugt.

Als Tierärztin ist …

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Als Tierärztin ist meine Mutter nicht so schnell aus der Ruhe zu bringen. Als Mama zum Glück auch nicht. Aber als Hausbesitzerin ist sie immer gleich auf hundertachtzig. Das ist echt komisch.

Wir sind erst vor zwei Jahren in dieses windschiefe Hexenhäuschen eingezogen, in dem unsere Großmutter als kleines Kind gewohnt hat. Sie hat es uns vererbt, weil sie leider schon gestorben ist. Das Haus stand ewig lange leer und wurde nie wirklich entrümpelt. Deshalb ist es bis unter das Dach voller seltsamer Sachen, die niemand braucht. Meint meine Mutter.

Ich habe nämlich in den Kisten auf dem Dachboden sehr schöne Dinge entdeckt, die ich gut in meinem Zimmer verwenden kann.

Den Schneewittchenspiegel zum Beispiel. Er hat einen verschnörkelten Rahmen aus Gold und wenn man hineinschaut, verzerrt sich das Gesicht, je nachdem, wie man den Kopf dreht. Das ist total lustig.

Außerdem eine riesige Glaskugel, die im Sonnenlicht funkelt wie ein kostbarer Edelstein. Sie hat bestimmt einer Wahrsagerin gehört. Ich habe aus Spaß mal meine Hände darübergehalten und ganz fest an ein Geheimnis gedacht, das ich unbedingt herauskriegen wollte, und da ist mir plötzlich ganz schummrig geworden. Habe ich mich vielleicht erschrocken!

Um mich zu ärgern, hat meine Mutter hinterher gesagt, dass ich in meinem früheren Leben sicher die Hexe in unserem Hexenhäuschen gewesen bin. Das macht mir aber gar nichts aus. Vielleicht habe ich ja deshalb Herrn Schiller im Wald gefunden.

Das ist gleich in der ersten Woche, nachdem wir hier eingezogen waren, passiert. Ich war alleine im Wald unterwegs und da lag er piepsend auf dem Weg. Mir ist fast das Herz stehen geblieben. Ich habe ihn ganz vorsichtig in mein blaues Halstuch eingewickelt und bin so schnell ich konnte nach Hause gelaufen. Mama kennt sich ja zum Glück mit Tieren aus.

Herr Schiller ist die schönste Krähe, die ich je gesehen habe, mit dunkelblau glänzenden Federn, einem weißen Fleck auf der Brust und einem pechschwarzen Schnabel. Bestimmt hat ihn ein Kuckuck aus dem Nest geschubst. Wenn ich ihn nicht gefunden hätte, wäre er garantiert gestorben. Sein linker Flügel war gebrochen, aber Mama hat ihn geschient.

Ich musste Herrn Schiller mit Insektenbrei füttern, und als es ihm etwas besser ging, kriegte er Rührei. Das ist immer noch seine Lieblingsspeise, obwohl er die Eier überall herumspuckt. Als er wieder gesund und flügge war, wollte er gar nicht mehr von uns weg. Und deshalb wohnt er jetzt bei mir.

Meine Mutter glaubt, Herr Schiller und ich sind Seelenverwandte, weil er Gedichte und Songtexte genauso gerne mag wie ich. Kann schon sein. Ich muss Herrn Schiller ja nur angucken, da fällt mir schon wieder was Neues für einen Song ein. Der hier ist gerade unser Lieblingslied:

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Wenn ich zum Schluss das Waaaaaaaah! ganz laut hinterherbrülle, dann gluckert Herr Schiller los wie eine Horde Lachtauben. Das ist total crazy.

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Er kann sowieso supergut Stimmen nachmachen. Besonders die unserer Mutter, wenn sie sich aufregt. Wie jetzt eben. Ehrlich gesagt möchte ich gerade nicht in der Haut dieses ulkigen Typs da unten stecken.

Im gleichen Moment geht es auch schon los.

Mama fuchtelt mit Händen und Füßen herum und deutet aufgeregt auf die kaputte Mauer. Der fremde Mann macht aber mindestens genauso einen Alarm. Er zeigt anklagend auf den kauenden Eddy und tritt schließlich sogar mit der Fußspitze wütend gegen die Mauer. Oder was davon übrig geblieben ist.

So witzig dieser Stummfilm ist– eigentlich würde ich verflixt gerne hören, was die beiden sich genau an den Kopf werfen. Bis auf ein paar wütende Wortfetzen kriege ich nämlich nichts davon mit, weil Eddy mittlerweile lautstark mitmischt.

„Man versteht ja gar nichts“, sagt Jule enttäuscht. „Glaubst du, wir dürfen rausgehen? Oder wird Mama dann noch böser…“

Ich bin mir ehrlich gesagt nicht sicher. Mama ist ganz schön unter Dampf.

„Guck mal, Maxie. Kassia ist ja unten. Dann geh ich aber auch!“ Jule rennt los.

Tatsächlich. Kassia ist ebenfalls im Garten. Sie ist meine andere Schwester. Wir haben am selben Tag Geburtstag, aber zum Glück ist Kassia ein Jahr jünger als ich. Obwohl– eine Zwillingsschwester fände ich auch irgendwie cool.

Kassia und ich sind allerdings alles andere als Zwillinge. Manchmal bin ich mir nicht einmal sicher, ob wir überhaupt miteinander verwandt sind. Kassia ist nämlich ein echtes Superhirn. Ein Mathegenie. Ein Überflieger. Direkt unheimlich. Sie kriegt garantiert einmal den Nobelpreis für Physik oder entdeckt einen fremden Stern, auf dem Außerirdische wohnen.

Samstagnacht hockt sie meistens auf dem Dachboden herum und guckt durch ein langes Fernrohr in den Himmel. Sie hat sogar ein Klappbett mit einem Schlafsack dort aufgestellt. Darin schläft sie manchmal. Aber nur, wenn am nächsten Tag keine Schule ist.

Anfangs hat Mama deshalb schrecklich herumgemeckert, aber dann hat sie nachgegeben. Kassia ist nämlich auch supergut darin, andere zu überzeugen. Das gilt auch für unsere Mutter. Und darauf bin ich wirklich neidisch.

Ich düse total schnell hinter Jule her. Nicht dass ich noch was Wichtiges verpasse.

Aber ich komme leider zu spät.

Anscheinend sind den beiden Streithähnen gerade die Schimpfwörter ausgegangen. Dabei hätte ich noch ein paar für mein neues Wutlied gebrauchen können.

Mama und der Mann gucken sich stumm und spinnefeind an.

Erwachsene sind echt ulkig. Wenn ich mich nur fünf Minuten mit meinen Schwestern fetze, wird meine Mutter total sauer. Warum gilt das immer nur für Kinder?

„Ich erwarte, dass Sie die Mauer umgehend ersetzen und wieder aufbauen“, sagt Mama mit eisiger Stimme. „Ich bin Tierärztin und trage Verantwortung. Die kranken Tiere, die man mir zur Pflege anvertraut hat, müssen sicher bei mir untergebracht werden. Das erwarten die Tierhalter zu Recht. Und auch unsere eigenen Tiere brauchen den Schutz der Mauer vor der Straße.“ Sie verschränkt die Arme.

„Ihr störrischer Esel hat meine kostbaren Kompositionen zerstört“, erwidert der Mann bockig. „Ich fordere Schadensersatz.“

„Mir egal, Ihre Noten“, sagt Mama.

„Mir egal, Ihre Mauer. Und gegen Tiere bin ich allergisch. Sogar gegen Fische“, sagt der Mann.

Die beiden stehen sich wie Kampfhähne gegenüber und starren sich wütend in die Augen.

Ganz ehrlich: Ich finde, Mama übertreibt gerade irgendwie. So gestelzt redet sie sonst nie. Der Typ muss sie ganz schön auf die Palme gebracht haben.

Die Mauer war zwar frisch gestrichen, aber ansonsten uralt. Und weder Eddy noch Herrn Schiller oder Kassias nervigen Kater Chili interessiert eine Mauer. Herr Schiller fliegt sowieso darüber, Chili tänzelt auf der Mauer herum wie auf einem Catwalk und Eddy geht durch das offene Gartentor auf die Straße spazieren, wann immer er Lust dazu hat. Autos kommen hier selten vorbei. Außer ausgerechnet dieser runtergekommene rote Transporter.

Zur Untermiete sind im Augenblick nur die Zwergkaninchen. Aber die hat ihr Besitzer wohl vergessen abzuholen, vielleicht weil aus den drei Babykaninchen mittlerweile fünfzehn geworden sind. Alle schwarz-weiß. Ansonsten wohnen bei uns noch Mamas zwölfköpfige Springmausfamilie (die hat jemand im Karton vor die Haustür gestellt), zwanzig Goldfische im Gartenteich (die flüchten auch nicht durch die kaputte Mauer), mehrere Frösche und drei Salamander.

„Tja. Dann sollten wir mal unsere Namen austauschen, um die Schadensfrage zu klärenfalls es da etwas zu klären gibt“, räuspert sich der Unglücksfahrer. „Sebastian Pfeffer, Musiker.“ Er verbeugt sich.

Mama schleudert energisch ihren Pferdeschwanz hin und her. „Und mein Name ist Doktor Klementine Buntschuh, Tierärztin. Groß und deutlich hier zu lesen.“ Sie zeigt auf das Praxisschild neben unserer Haustür.

Der Fremde zuckt zusammen und kneift die Augen klein. Wie ein hypnotisiertes Kaninchen starrt er Mama an. „Buntschuh!“, ruft er ungläubig. „Aber wer heißt denn so? Und dazu noch Klementine.“ Er bricht in schallendes Gelächter aus.

„Wie bitte?!“ Mama schnaubt wie ein beleidigtes Rennpferd und presst trotzig ihre Lippen aufeinander. „Seinen Namen kann man sich nicht aussuchen. Aber wie man sich einer Dame gegenüber benimmt, schon. Adieu, Herr Pfeffer.“

Sie macht eine gebieterische Handbewegung in unsere Richtung. Das heißt, dass wir uns ins Haus verziehen sollen. Gehorsam setze ich mich in Bewegung und treibe meine zwei trödelnden Schwestern zur Eile an. Ich kenne Mama schließlich seit zwölf Jahren und weiß, wann sie es ernst meint.

„Nicht ,Adieu‘, sondern ,Auf baldiges Wiedersehen‘!“, ruft Herr Pfeffer uns hinterher. „Ich bin nämlich ab heute Ihr Nachbar, liebe Frau Doktor. Ich und meine Söhne Jonas und Lukas.“

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Mama bleibt so abrupt stehen wie diese Frau aus der Bibel, die vor Schreck zu einer Salzsäule erstarrt ist. Ich kriege einen Moment richtig Angst, dass mit ihr dasselbe passiert, aber sie läuft nur knallrot an wie ein Leuchtfeuer über dem Ozean. „Wie bitte?“, kreischt sie und dreht sich eilig um.

Sebastian Pfeffer grinst, als wären seine Mundwinkel an den Ohren festgetackert. Er schwenkt einen Schlüsselbund. „Ich habe den alten Kasten gekauft“, sagt er lässig. „Wir ziehen heute ein. Um Ihre kaputte Mauer kümmere ich mich dann morgen. Schließlich will ich nicht, dass mir Ihre Arche-Noah-Crew den schönen Rasen kaputt trampelt.“ Er zwinkert mir verschwörerisch zu, bevor er zielstrebig auf unser leer stehendes Nachbarhaus zusteuert.

Tatsächlich. Der Schlüssel passt ins Schloss, die Tür springt auf.

Jonas und Lukas hechten ihrem Vater hinterher und verschwinden mit ihm in der Villa.

Eine halbe Stunde …

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Eine halbe Stunde später sitzen wir alle zusammen um den Küchentisch, trinken heißen Kakao und halten Krisenrat.

Mama hat sogar die Dose mit den kostbaren Schokoladenkeksen herausgerückt, die ihre beste Freundin Penny aus London ab und zu mit der Post schickt. Die beiden kennen sich schon seit der Uni und Mama ist die Patentante von Pennys Tochter Paula. Normalerweise kriegen wir nur mickrige Krümel ab, so geizig ist Mama mit ihren leckeren Keksen. Sie versteckt sie jedes Mal an einem anderen Ort, damit wir sie nicht heimlich vertilgen. Aber heute meckert sie nicht einmal, als Jule gleich zwei Kekse auf einmal in ihren Mund schiebt.

Das heißt, die Lage ist ernst.

„Mama, hast du gesehen, dass der fremde Mann seine Hand in Eddys Maul gesteckt hat?“, fragt Jule empört. „Schade, dass Eddy nicht zugebissen hat.“

Mama antwortet nicht. Sie rührt tief in Gedanken versunken mit dem Löffel in ihrem Kakao herum und starrt vor sich hin. Dabei murmelt sie ohne Unterlass: „Total unverschämt. Total unverschämt. Total unverschämt.“

Sie nimmt drei Schokoladenkekse auf einmal und bröselt sie in ihren Kakao. Dann löffelt sie den süßen Schoko-Kakaomatsch mit Leichenbittermiene leer.

Ich schüttle mich angeekelt. Das muss doch scheußlich schmecken!

Mama scheint es wirklich sehr schlecht zu gehen.

„Stimmt. Total unverschämt, wie der durch die Mauer gebrettert ist. Aber reg dich doch nicht so auf, Mamilein. Am besten, du rufst gleich morgen Früh bei Herrn Adler von der Versicherung an“, sagt Kassia sachlich. „Dieser Sebastian Pfeffer muss auf jeden Fall die Reparatur bezahlen. Vielleicht sollten wir noch ein paar Fotos machen. Als Beweis. Wenn du mir dein Handy gibst, übernehme ich das. Außerdem hat er die Kaninchen und Eddy geärgert. Vielleicht kann man ihn sogar wegen tierischen Erschreckens anzeigen. Gibt es so was?“

Mir klappt die Kinnlade runter. Meine Schwester Kassia ist irgendwie nicht normal. Wie kann man mit elf Jahren bloß so vernünftig sein?

Ich selbst spüre eigentlich nur Wut auf den Typ. Mir so fies den Sonntag zu vermiesen, ist alles andere als nett. Ich würde gerne sofort etwas ganz Schlimmes machen, aus Rache. Leider fällt mir auf Anhieb nur Hasenkötel vor die Haustür legen oder Cäsar auf seine Windschutzscheibe pinkeln lassen ein. Das ist ja eher Kinderkram. Aber ich bin sicher, dass ich was Gemeineres finde, wenn ich nur lang genug an unsere neuen Nachbarn denke.

Mama nickt zustimmend. „Du hast Recht, Kassischatz. Dieser Mann benimmt sich wirklich frech.“ Sie klopft energisch mit ihrem Löffel auf den Tisch.

Plötzlich schießt mir etwas ungeheuer Wichtiges durch den Kopf. „Wenn dieser Herr Pfeffer mit seinen Kindern nebenan einzieht, dann kriegen wir die Villa ja nicht mehr!“, brülle ich los. „Wie gemein ist das denn?“

Eigentlich platzt unser kleines Haus aus allen Nähten. Jule und Kassia müssen sich sogar ein Zimmer miteinander teilen. Vielleicht ist das der Grund, warum Kassia am liebsten ganz auf den Dachboden übersiedeln würde. Anscheinend zieht sie die Gesellschaft von Fledermäusen den Pferden vor, die auf Jules Zimmerseite die Wände schmücken.

Deshalb hat Mama vor Kurzem ihr Sparbuch hervorgekramt und nachgeschaut, ob wir uns die Villa leisten könnten, wenn wir Großmutters Haus verkaufen. Mamas Traum ist schon lange eine eigene Tierklinik mit allem Drum und Dran. In der Villa hätten wir genügend Platz für uns selbst und Mamas Patienten.

Bisher sah es ziemlich gut aus. Die Villa gehörte nämlich dem Bürgermeister. Seit er in einen schicken Neubau mit Pool gezogen ist, stand sie leer. Nur ab und zu kam ein Gärtner zum Rasenmähen vorbei.

Weil sein Jagdhund auf einen rostigen Nagel getreten war, ist der Bürgermeister erst vor einer Woche in Mamas Praxis gewesen. Er war wie immer zuckersüß und hat versprochen, sich ihr Angebot zu überlegen. Ein richtiger Schleimer! Er hat mit keinem Pieps erwähnt, dass er die Villa längst verkauft hatte!

„Ich konnte den Bürgermeister noch nie ausstehen“, sagt Kassia triumphierend. „Jetzt müssen wir uns wenigstens keine Sorgen mehr machen, dass du auf sein Gesülze hereinfällst. Er findet dich ja offenbar total toll.“

Jule fängt an, wie verrückt zu lachen. Dann führt sie einen wilden Tanz in der Küche auf. Dazu kreischt sie hysterisch: „Der Bürgermeister ist verliiiebt, der Bürgermeister ist in unsere Mami verliiiiebt! Er will die Mami heiraten, er will die Mami heiraten, er will die Mami heiraten.“

Mama runzelt ärgerlich die Stirn. „Jule– hör sofort mit diesem Quatsch auf!“ Sie schiebt entschlossen ihren Stuhl zurück. „Aber Maxie hat natürlich Recht. Das ist gar nicht nett vom Bürgermeister. Ich werde morgen ein ernstes Wörtchen mit ihm reden, wenn er mit seinem Hund zum Pfoteverbinden kommt.“ Sie geht zum Küchenfenster und schaut hinaus. „Dieser Pfeffer scheint es ernst zu meinen. Da steht jetzt auch noch ein riesiger Möbelwagen vor der Tür. Was will der mit dem ganzen Krempel?“

Sie beugt sich weiter hinaus und gibt gleich darauf ein erstauntes Krächzen von sich. Es hört sich fast an wie Herr Schiller, wenn er eine Erdnuss verschluckt hat.