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Als Ravensburger E-Book erschienen 2012

Die Print-Ausgabe erscheint im Ravensburger Buchverlag Otto Maier GmbH

© 2012 Ravensburger Buchverlag

Cover- und Innenillustrationen: Nina Dulleck

Alle Rechte dieses E-Books vorbehalten durch Ravensburger Buchverlag Otto Maier GmbH, Postfach 1860, D-88188 Ravensburg.

ISBN 978-3-473-38484-6
www.ravensburger.de

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Arrrrrgh! Kennt jemand dieses Gefühl? Dass man gleich platzt vor Freude und man weiß gar nicht mehr wohin mit sich? So geht es mir gerade.

Und deshalb laufe ich seit einer geschlagenen Stunde die vielen Treppen unseres winzigen, aber hohen Hexenhauses rauf bis zum Dachboden und wieder runter und mache nur mal einen kurzen Zwischenstopp in der Küche, um einen Schluck Apfelsaftschorle zu trinken. Ich bin nämlich außerdem kurz davor zu verdursten – vor Aufregung!

Meine zwei Schwestern dagegen sind richtige Spaßbremsen. Sie verziehen keine Miene und tun so, als würde sie die Sache gar nichts angehen. Dabei freuen sie sich genauso wie ich, das spüre ich einfach.

Kassia, meine elfjährige Schwester, auch Superhirn genannt, findet es einfach zu banal, sich offen zu begeistern. Ich weiß aber genau, dass sie es auch kaum erwarten kann. Ich kann schließlich eins und eins zusammenzählen.

Sie hat freiwillig (!) ihr Zimmer aufgeräumt und sogar die Dachstube, in der ihr riesiges Teleskop steht. Damit guckt sie jeden Abend nach, ob ihr endlich mal ein paar Aliens zuwinken. War aber bis jetzt Fehlanzeige. Die Einzigen, die ab und zu müde ihre Flügel schwenken, sind die Fledermäuse, die bei uns unter dem Dach hängen.

Apropos Dach: Meine liebe Schwester hat keinen Dachschaden, sie ist nur etwas – kompliziert. Das meint jedenfalls unsere Mutter. Ich persönlich finde sie eher nervig. Jedenfalls manchmal. Aber ich hätte es schlimmer treffen können.

Auch Schwester Nummer zwei ist ziemlich okay. Jule geht noch in die Grundschule. Obwohl sie eine absolute Plaudertasche ist, gibt sie ausgerechnet heute, an diesem besonderen Tag, keinen Mucks von sich.

Aber auch bei ihr weiß ich, dass diese Gelassenheit nur ein Beleg für ihre schauspielerischen Fähigkeiten ist. Ich war heimlich in ihrem Zimmer, als sie Mama heute Vormittag beim Tierefüttern geholfen hat, und habe ein wenig in ihren Sachen herumgeschnüffelt. Sie hat zur Begrüßung ein echt süßes und knallbuntes Bild mit ihren neuen Wasserfarben gemalt. Darauf ist sie selbst zu sehen, wie sie auf Eddy sitzt.

Eddy ist unser größtes Haustier, ein total entspannter Esel. Seit die Pfefferbande – also Familie Pfeffer, bestehend aus Jonas und Lukas und ihrem etwas gewöhnungsbedürftigen Vater Sebastian – nebenan wohnt, lässt er es sogar zu, dass man auf ihm die Straße entlangreitet. Lukas Pfeffer ist nämlich so etwas wie ein Eselflüsterer, auch wenn unsere Mutter steif und fest behauptet, dass es solche Menschen nicht gibt. Sie besteht lächerlicherweise darauf, dass sie bei allen Dingen, die Tiere betreffen, die Weisheit mit Löffeln gefressen hat. Schließlich sei sie Tierärztin. Und so sagt sie einfach, Esel seien unbelehrbar und Eselflüsterer gebe es nicht.

Gibt es wohl!

Obwohl Lukas noch nie eigene Tiere hatte, weil sein Vater gegen alle möglichen Tierhaare allergisch ist, hat er Eddy in null Komma nichts dazu gebracht, nach seiner Pfeife zu tanzen. Jule fand das zunächst alles andere als toll. Schließlich ist Eddy ihr Esel, den man eigentlich nur mit ihrer Erlaubnis füttern darf und den niemand sonst so gerne hat wie sie. Mittlerweile hat sie sich jedoch damit abgefunden. Ziemlich gut für jemanden, der erst neun Jahre alt und damit also noch fast ein Kleinkind ist, oder? Seit Kurzem sitzt Lukas in der Schule sogar neben ihr, weil ihre beste Freundin Rosanna gerade zu einer Zicke mutiert.

Was Rosanna betrifft, hat Kassia noch eine andere Vermutung. Sie wollte unbedingt den Alien-Test mit ihr machen. Aber das hat Jule ihr verboten. Den Alien-Test macht Kassia mit jedem, der sich nicht dagegen wehrt. Sie hofft, dass sie auf diese Weise irgendwann einen echten Außerirdischen kennenlernt.

Aber bei Rosanna liegt sie mit Sicherheit schief. Die ist nicht außerirdisch, die benimmt sich unterirdisch. Und zwar gegenüber meiner süßen kleinen Schwester. Das finde ich gar nicht witzig.

Vielleicht sollte Lukas demnächst versuchen, sein Talent an Rosanna weiterzuentwickeln. Zwischen einem störrischen Esel und einer Zicke gibt es ja nicht allzu große Unterschiede …

Aber zurück zu dem Wasserfarbenbild: Das Coolste darauf ist nicht Jule mit Eddy, sondern die schicke Fahne, die Jule über ihrem gemalten Kopf schwenkt.

Darauf steht:

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Und genau das ist der Grund, warum ich so schrecklich aufgeregt bin und mich freue wie eine Schneekönigin: Meine allerbeste Freundin Paula aus London kommt zu Besuch!

Es ist verdammt lange her, dass wir uns das letzte Mal getroffen haben – fast ein ganzes Jahr. Ich habe keinen blassen Schimmer, wo ich mit dem Erzählen anfangen werde.

Bei Herrn Schiller, meinem crazy Vogel, der rappen kann? Oder sollte ich mich besser über Jonas auslassen? Der war nämlich erst gar nicht nett und dann doch. Er wollte erst überhaupt nicht in der Villa nebenan wohnen bleiben und jetzt hängt er dort immer noch herum.

Klar, ich habe natürlich versucht, Paula per Post auf dem Laufenden zu halten. Aber bei uns ist in der letzten Zeit so viel passiert, dass ich einen ganzen Roman hätte schreiben müssen, um ihr alles zu berichten.

Die Attacken auf Herrn Pfeffer habe ich zum Beispiel komplett weggelassen: Springmäuse im Klavier, Senfkuchen für seine lieben Kollegen an der Schule und Stinkekäfer als Bettgenossen …

Nach diesen Aktionen hätten viele Mütter Paulas Besuch bestimmt ganz einfach abgeblasen. So nach dem Motto: Strafe muss sein! Aber unsere Mama ist einfach die netteste Mutter, die man sich vorstellen kann, und würde so etwas nie im Leben machen.

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Manchmal ist es wirklich wie verhext! Ausgerechnet heute Früh bekam unsere Mutter einen echt verzweifelten Anruf eines Bauern aus der Nachbarschaft, dessen junge Kuh kalbte.

Leider scherte sich das Kälbchen, das auf die Welt drängte, gar nicht darum, dass Paula Punkt zwölf mit dem Zug ankommen soll.

Ein Glück sind ja gerade Ferien. Deshalb hatte ich die geniale Idee, Mama vorzuschlagen, dass sie mich auf den Bauernhof mitnimmt, sozusagen als ihre Assistentin. Wenn alles glattgelaufen wäre, hätten wir direkt weiter zum Bahnhof fahren und Paula einsammeln können.

Dummerweise wollten Kassia und Jule aber auch mitkommen.

„Alle auf einmal geht nicht!“, sagte unsere Mutter energisch. „Mit drei von eurer Sorte bei einer schwierigen Geburt werde ich garantiert verrückt!“

Und dabei blieb es. Wir mussten zu Hause bleiben.

Deshalb laufe ich immer noch wie auf glühenden Kohlen von der Küche bis ganz nach oben unters Dach und wieder zurück.

Warum gibt es eigentlich keinen Treppen-Marathon als olympische Disziplin? Den würde ich bestimmt gewinnen.

Alle zehn Minuten schaue ich auf die Küchenuhr. Seltsamerweise sind dann erst höchstens zwei Minuten vergangen. Irgendetwas stimmt da nicht.

„Hast du was mit der Uhr angestellt, Kassi?“, frage ich bei meinem nächsten Boxenstopp.

Kassia schmiert sich gerade in aller Seelenruhe fingerdick Erdbeermarmelade auf ein Butterbrot, sodass kaum mehr was im Glas übrig bleibt. Das macht sie nur, weil unsere Mutter nicht da ist. Die meckert nämlich immer mit uns, wenn wir nicht ordentlich teilen.

„Häh?“, fragt Kassia verständnislos und leckt das Messer ab.

Unsere Mutter sagt, dass Kassia noch frühreifer sei als ich und deshalb mache sie so nervige Sachen wie das mit der Uhr.

Frühreif. Ulkiges Wort. Heißt das, man fällt anschließend wie ein Apfel vom Ast und wird matschig? Wie eklig ist das denn? Eltern legen es oft wirklich darauf an, sich mit ihren Kindern zu streiten. Oder warum sagen sie sonst so seltsame Sachen über sie?

„Hast du die Uhr langsamer gestellt?“, wiederhole ich meine Frage genervt. „Es kommt mir so vor, als ob wir hier schon seit Ewigkeiten warten.“

Kassia setzt diesen gefährlich überlegenen Blick auf, bei dem ich nie weiß, ob ich in der nächsten (echten) Sekunde wie eine Rakete in die Luft gehen oder ihr um den Hals fallen und sie vor Freude abknutschen werde.

„Das ist ein tolles Beispiel für das …“, sie macht eine bescheuerte Kunstpause, um mich länger zappeln zu lassen, „… was Albert Einstein herausgefunden hat.“ Sie strahlt mich an. „Nämlich, dass Zeit relativ ist. Dem einen kommen fünf Minuten wie fünf Sekunden vor, dem anderen wie fünf Jahre. Die Uhr ist total okay. Das ist nämlich eine Funkuhr. Die stimmt immer. Kapiert, Schwesterchen?“

Es ist mir ein absolutes Rätsel, wie man so dermaßen eingebildet gucken kann. Kurz bevor meine Wut-Rakete mit mir abhebt, mischt sich Jule ein.

„Stimmt gar nicht, stimmt gar nicht, stimmt gar nicht! Kassi ist dumm, Kassi ist dumm, Kassi ist oberoberdumm“, trällert sie in einem Kindergarten-Singsang, der signalisiert, dass sie Lust auf Streit hat.

„Und wieso stimmt das nicht, du Zwerg?“, entgegnet Kassia gelangweilt. „Jetzt bin ich ja echt mal gespannt auf deine Weisheiten.“

Jule dreht eine fröhliche Pirouette. „Wenn jetzt fünf Minuten vergangen wären, die in Wirklichkeit fünf Jahre waren, dann könnte ich noch heute mit meinem Mofaführerschein anfangen und mir von dem Geld in meinem Sparschwein ein Mofa kaufen. Der Bruder von Rosanna hat gerade eines gekriegt, kanarienvogelgelb. Sieht superschön aus. Ich würde mir aber noch Blümchen draufkleben. Wenn ich das später Mama sage, sagt sie bestimmt, ich rede Quatsch. Also erzählt Kassi auch Quatsch.“

Irgendwie finde ich meine kleine Schwester megacool. Ich weiß zwar, dass sie gerade totalen Blödsinn redet, aber Kassia scheint sie damit auf die Palme zu bringen. Und das gefällt mir in diesem Moment richtig gut.

Kassia schüttelt unwillig ihren Kopf. „Du redest Quatsch, völligen Quatsch. Wie immer verdrehst du alles.“

Jule tanzt übermütig weiter. „Ich hab ’nen Drehwurm, ich hab ’nen Drehwurm, ich hab ’nen Drehwurm. Fünf Sekunden, fünf Minuten, fünfzig Stunden …“

Ich kann es mir nicht verkneifen, wie verrückt loszukreischen.

Durch meine Lachtränen sehe ich an Kassias wütendem Blick, dass sie gerade dabei ist, ihre Rakete zu starten und in den Orbit zu düsen. Na, da oben findet sie bestimmt jede Menge Material für ihren Alien-Test.

„… fünfhundert Tage, fünftausend Jahre …“, nervt Jule immer weiter und tanzt um uns herum.

Kassia schnauft wie eine Dampflok. Sie ist strikt gegen Gewalt. Aber im Augenblick würde sie Jule bestimmt gerne eine runterhauen.

„Alle Passagiere bitte anschnallen“, sage ich kichernd. „Käpt’n Kassia bereit machen für die Umlaufbahn …“

Plötzlich schnappt sich Kassia mein Glas mit der Apfelschorle und kippt den Inhalt direkt vor meine Füße. „Ihr seid total blöde Gänse!“, schreit sie mit Tränen in den Augen. „Ich will ins Internat und zwar sofort. Mit euch will ich keine Sekunde länger unter einem Dach wohnen.“ Sie stampft wie ein Rhinozeros auf dem Küchenfußboden herum.

Ich erkenne deutlich, dass Jule und ich den Bogen überspannt haben. Kassia hasst es, wenn man sie auslacht. Aber manchmal kann ich einfach nicht anders. Kassia mal aus ihrer schlauen Haut fahren zu sehen, finde ich ungemein entspannend.

Gerade als Kassia anfängt, wahllos auf Jule und mich einzuboxen, dreht sich der Schlüssel im Schloss der Haustür. Gleichzeitig klingelt jemand Sturm.

„Hallooooo!“, ruft unsere Mutter in ziemlicher Lautstärke. „Keiner da? Habt ihr mein Hupen nicht gehört? Besu-u-uch ist da!“

Im selben Augenblick ertönt merkwürdigerweise Hundegebell.

„Paula!“, kreische ich so höllisch laut los, dass sich meine Stimme dabei überschlägt. „Paula! Paula ist gekommen!“

Ich poltere in Lichtgeschwindigkeit die Treppe hinunter, falle der Länge nach über ein schwarz-weiß gesprenkeltes wie verrückt bellendes Etwas und schieße mit dem Kopf voran in Mamas Schuhschrank, der neben dem Eingang steht.

Unsere Mutter liebt Schuhe. Gerade purzeln sie mir dutzendweise auf den Kopf. Der Kläffer, der meinen Unfall verursacht hat, schnappt sich eine grün-rote Sandale, die ich noch gar nicht an Mamas Fuß gesehen habe, und kaut begeistert darauf herum.

„Oh nein. Die sind noch ganz neu. Gib sofort her!“, schreit Mama entgeistert. Sie greift energischin das sabbernde Hundemaul und versucht, die Sandale zurückzuerobern.

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„Daisy! Stop! Stop! Daisy! Stop!“ Paula hat nicht mehr Erfolg als Mama.

„Vielleicht glaubt der Schnuffel, dein Schuh ist eine Tulpe, Mama“, mischt sich Jule ein. „In Sachkunde haben wir gelernt, dass manche Hunde gerne Pflanzen fressen.“

Unsere Mutter schüttelt ärgerlich den Kopf. „Was ist das denn schon wieder für ein Unsinn? Hunde sind Fleischfresser und damit basta. Blumen und Lederschuhe gehören nicht in den Hundenapf.“

Während Mama und der Daisy-Schnuffel weiter um die Sandale kämpfen, fallen Paula und ich uns in die Arme. Am liebsten würde ich vor Freude eine Runde weinen, aber das geht einfach nicht, wenn man schon fast dreizehn Jahre alt ist.

„Ich bin total erschossen“, stöhnt Paula. „Daisy hat die ganze Zeit gebellt. Ich hab mich so für sie geschämt. Sie hat sogar einem Mann das Käsebrot weggeschnappt. Aber da war auch ihr Lieblingskäse drauf.

Weil er echt sauer war und Daisy beim Schaffner verpetzen wollte, habe ich ihm meine leckere Schokolade geschenkt. Dabei war der eh schon so dick.“ Sie verdreht die Augen.

„Du kannst meine Schoki kriegen, ich habe noch einen ganzen Osterhasen in meinen Winterstiefeln versteckt!“, ruft Jule und umarmt Paula zutraulich. „Hast du Angst vor dem Mann gehabt?“

Paula schüttelt den Kopf. „Nö. Das war ja bloß ein Vielfraß. Der mampft keine Kinder. Nicht mal dich!“ Sie zwickt Jule in ihren kleinen Speckbauch.

Ich muss kichern, obwohl die Sache an sich gemein ist. Aber Paula ist einfach wie immer. Und darüber bin ich total froh.

Mal ehrlich: Ich finde Paula supermutig. Sie ist die ganze Strecke von London alleine mit dem Zug gefahren und musste sogar zweimal mit Koffer und Hund umsteigen, einmal davon in Frankreich. Ich gebe es zwar nicht gerne zu – aber das würde ich mich nicht trauen.

„Ist das dein Hund?“, frage ich überflüssigerweise. Auch wenn er nicht auf Paula hört – der Hund passt zu ihr. Und dass er ihr nicht folgt, ebenfalls.

„Ich habe Mama so lange bearbeitet, bis sie ihn mir erlaubt hat“, sagt Paula strahlend. „Sie ist ein Dalmatinermischling, ihr Papa ist ein Cockerspaniel. Ich habe sie Daisy genannt, weil das auf Englisch Gänseblümchen heißt.“

„So sieht sie auch aus“, ruft Jule aufgeregt dazwischen. „Die Tupfer auf ihrem Fell sehen aus wie eine Blumenwiese. Echt süß. So gesprenkelt will ich mein Mofa haben. Wie ein Dalmatiner mit Blümchen drauf.“

Paula macht ein verdutztes Gesicht. „Darfst du schon Mofa fahren? Das ist doch erst ab vierzehn erlaubt, oder?“

Jule will zu einer Erklärung ansetzen, aber sie fängt gerade noch Kassias wilden Blick auf. „Was hast du denn?“, fragt sie scheinheilig.

Ich mache mir einige Sekunden lang Sorgen, dass es zwischen den beiden wieder losgeht, aber zum Glück stößt Mama genau in diesem Moment einen wilden Schrei aus.

„Na also!“ Sie rollt mit zerzaustem Haar und der Sandale in der Hand triumphierend durch den Flur.

Während sich Daisy enttäuscht nach einem neuen leckeren Lederstück umsieht, begutachtet unsere Mutter mit gerunzelter Stirn den entstandenen Schaden. Ein Riemchen ist abgerissen, ansonsten ist der Schuh einfach nur nass und klebrig. Aber das ist sie ja von ihren Patienten gewöhnt.

„Es tut mir so leid, Tante Klementine“, sagt Paula zerknirscht. „Daisy ist bei Fremden immer so aufgeregt. Und dann stellt sie diese schlimmen Sachen an. Zu Hause ist sie total lieb.“ Sie streicht Daisy zärtlich über den Kopf.

Weil unsere Eltern sich schon lange kannten, bevor wir geboren wurden, sagt Paula Tante zu unserer Mutter, obwohl wir eigentlich gar nicht miteinander verwandt sind. Ihre Mama nenne ich Tante Penny. Echt schön. Hoffentlich kriegt sich Daisy wieder ein. Ich habe keine Lust, meine beste Freundin zu teilen. Nicht mal mit einem wandelnden Gänseblümchenstrauß.

„Du kannst Jonas mit Daisy zum Gassigehen losschicken“, schlage ich vor. „Der hätte ohnehin gerne einen eigenen Hund. Aber bis jetzt hat er nur einen grünen Fisch.“

Paula grinst wissend. „Ach, ist das der Doofmann mit dem noch größeren Doofmann als Vater von nebenan?“ Sie zwinkert verschwörerisch.

Mir steigt überraschend Hitze in den Kopf. „Na ja“, sage ich zögernd. „Die Sache ist die …“

Ich überlege, wie ich Paula in möglichst wenigen Sätzen erklären soll, warum aus doof weniger doof bis gar nicht doof geworden ist.

„Sag mal, Maxie!“, mischt sich Mama empört ein. „Hast du Sebastian und seine Kinder Doofmänner genannt? Das ist gar nicht nett und so was auch noch in einen Brief zu schreiben …“

Ist es ein Naturgesetz, dass Mütter immer dann zuhören, wenn sie weghören sollen und umgekehrt?

„Mama, das ist wie mit Rosanna“, kommt mir Jule unerwartet zu Hilfe. „Nur andersherum. Erst war Rosanna keine Zicke, und jetzt ist sie eine. Erst war Herr Pfeffer ein Doofmann, jetzt nicht mehr ganz so.“

Mama guckt nicht gerade überzeugt.

Plötzlich ertönt ein lautes Knurren. Und dieses Geräusch kommt nicht von Daisy. Die sabbert nämlich glücklich einen alten Hausschuh von Mama voll.

Paula gluckst los. „Das ist mein Bauch. Ich hab einen Riesenhunger!“

Mama klatscht in die Hände. „Na, dann nichts wie ab in die Küche. Ich wollte doch Pizza backen. Warum stehen wir eigentlich seit Stunden hier im Flur?“

Ich ziehe Paula eilig hinter mir her. Auf Pizza habe ich jetzt echt große Lust.

Als Erstes tritt Mama barfuß in die Apfelsaft-Pfütze auf dem Fußboden. Sie quietscht laut auf und verschwindet mit ihren klebrigen Füßen im Bad.

„Das war aber nicht Daisy!“, ruft Paula.

Ich könnte schwören, dass sie „noch nicht“ hinterhermurmelt. Daisy scheint wirklich sehr speziell zu sein. Na, dann passt sie wenigstens perfekt zu uns. Ich bin ja so-o-o gespannt!

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Am nächsten Morgen schlafen wir ewig lange aus. Als ich als Erste die Augen aufmache, regnet es draußen in Strömen. Das darf doch nicht wahr sein – zum ersten Mal in diesem Sommer ist schlechtes Wetter! Unsere Tagesplanung fällt also wortwörtlich ins Wasser. Eigentlich hatten wir nämlich abends verabredet, an den See zu radeln. Dort gibt es seit Kurzem eine riesige Rutsche mit total glitschigen Kurven.

Paula und ich teilen uns ein Bett. Das machen wir immer so, wenn wir irgendwo zusammen übernachten. Daisy ist auf Paulas Füßen in eine Art Jahrhundertschlaf gefallen, sobald wir das Licht ausgemacht hatten, und wir zwei haben gequatscht, bis es schon fast hell wurde. Bei Paula gibt es nicht viel Neues. Sie schlägt sich immer noch mit diesen nervigen Kindermädchen herum. Am schlimmsten findet sie es, wenn sie mehrere Tage rund um die Uhr im Haus sind. Aber als Hubschrauberpilotin hat Tante Penny nun mal keine normalen Arbeitszeiten.

Mein Papa und Tante Penny sind zusammen zur Schule gegangen und haben sich dann für denselben Beruf entschieden. Nach Papas Unfall haben Paula und Tante Penny ganz lange bei uns gewohnt und gemeinsam mit Mama auf uns drei aufgepasst. Seither sind Mama und Penny beste Freundinnen, und Paula und ich sind beste Freundinnen. Richtig cool!

Mit einem Mal fängt Daisy ganz leise an zu wimmern. Wahrscheinlich muss sie sich mal die Pfoten vertreten.

„Paula?“, ich rüttle sanft an ihrer Schulter. Eigentlich wollte ich ihr heute als Überraschung Kakao und Mamas selbst gebackene Nusshörnchen ans Bett bringen, aber daraus wird jetzt wohl auch nichts.

„Hmmm“, stöhnt Paula schläfrig und zieht sich die Bettdecke über den Kopf.

„Daisy muss mal“, flüstere ich.

„Hmmm“, murmelt Paula, dreht sich auf den Bauch und fängt an zu schnarchen.

Daisy wimmert mittlerweile lauter. Ich habe echt keine Lust darauf, dass sie mir das Bett vollpieselt.

Mama kann ich unmöglich bitten, sie in den Garten zu lotsen, die horcht bestimmt gerade einem Hamster die Brust ab oder zieht einem Meerschweinchen seinen vereiterten Eckzahn.

Also stehe ich auf und lächle den Dalmatinermischling beruhigend an. „Komm, mein Daisylein, geh schön mit der Tante Maxie Gassi.“ Gut dass mich außer Daisy keiner hört. Ich quatsche wirklich gequirlten Blödsinn. Ob sie mich überhaupt versteht, wenn ich Deutsch spreche? Aber so früh am Morgen kriege ich kein Englisch raus. Na, sicher wächst sie in London zweisprachig auf.

Meine Turnschuhe ziehe ich lieber nicht an. Das dauert jetzt zu lange. Daisy hat bestimmt eine total volle Blase.

Daisy trabt folgsam hinter mir her. Kassia rumort oben auf dem Dachboden herum, Jule schläft entweder noch oder sie ist bereits bei Eddy. Jedenfalls ist nichts von ihr zu hören.

Ich öffne die Haustür und bedeute Daisy mit der Hand, mir zu folgen. „Komm, Daisy, wir gehen in den Garten.“

Daisy lässt sich unter dem Vordach auf der Türschwelle nieder und rührt sich nicht mehr vom Fleck.

„Come on, Daisy“, holpere ich nun doch auf Englisch los, „we go into the garden now.“

Daisy macht keinen Mucks. Irgendwie erinnert sie mich in dieser Haltung an die Porzellanhunde, die manche Leute auf ihrem Bücherregal stehen haben.

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Vielleicht hat Paula ihr beigebracht, dass sie nicht aus dem Haus rennen darf. Eigentlich ziemlich schlau. In London ist ja ein mörderischer Straßenverkehr.

„Come on, Daisy!“ Ich kann ihr ja schlecht vormachen, warum ich sie in den Garten locken will. Und eigentlich müsste sie das wirklich wissen.

Im Schlafanzug und barfuß ist es ziemlich ungemütlich hier draußen. Der Regen wird auch nicht weniger, im Gegenteil.

Ha! Plötzlich habe ich einen Geistesblitz. Vielleicht ist Daisy wasserscheu. Das sei bei Hunden gar nicht so selten, sagt Mama.